Brooklyn Supreme - Robert Reuland - E-Book

Brooklyn Supreme E-Book

Robert Reuland

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Beschreibung

Will Way ist die erste Person, die gerufen wird, wenn es in Brooklyn zu einer Schießerei kommt, in die ein Polizist verwickelt ist. Als Gewerkschaftsvertreter der Patrolmen's Benevolent Association hat er achtundvierzig Stunden Zeit, sich mit den betroffenen Polizisten zu unterhalten, bevor es irgendjemand anderes tut, seien es die Vorgesetzten der Polizisten, die Dienstaufsicht oder die Staatsanwaltschaft. Seine Aufgabe ist es, sich in erster Linie um das Wohlergehen der Polizisten zu kümmern. Als Georgina Reed einen Mann unmittelbar nach dem Überfall auf eine Bodega erschießt, denkt Way, dass dies ein einfacher Fall ist. Doch als er im Keller des Reviers sitzt und Georginas Geschichte hört, wird ihm immer mulmiger zumute, denn Georgina lügt eindeutig über das, was vor wenigen Stunden passiert ist. Sie behauptet, dass der Mann, den sie erschossen hat, eine Waffe in der Hand hatte. Andere schwören, dass er nur einen Strauß Azaleen bei sich führte. Unter der Leiche wird eine Waffe gefunden. Der Fall wird zum gefundenen Fressen für die Medien. Als Ways undurchsichtige Verbindung zu einem prominenten Richter des Obersten Gerichtshofs von Brooklyn aufgedeckt wird, wird er zur nächsten Zielscheibe für den Mob, der jemanden sucht, um ihn für die rassische Ungerechtigkeit in Amerika verantwortlich zu machen.

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Seitenzahl: 665

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Robert Reuland

Brooklyn Supreme

Aus dem Amerikanischen von Andrea StumpfHerausgegeben von Wolfgang Franßen

Polar Verlag

Originaltitel: Brooklyn Supreme

Copyright: © 2021 Robert Reuland

First published by The Overlook Press, an Imprint of ABRAMS, New York, NY, USA

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2023

Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf

Mit einem Nachwort von William Boyle, übersetzt von Andrea Stumpf

© 2023 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Gabriele Werbeck

Korrektorat: Antje Taffelt

Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © jp / Adobe Stock

Autorenfoto: © Robert Reuland

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: CPI Books GmbH, Ulm, Deutschland

ISBN: 978-3-948392-73-4

eISBN: 978-3-948392-74-1

Meiner Tochter Emma gewidmet, in Liebe

Inhalt

Georgina

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Garrity

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Marlon Odom

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Donny Holtz

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Karpatkin

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Masterson

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Jackie Kane

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Henry

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Regine

Kapitel 32

Kapitel 33

Pomeroy

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Der Avocado King

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

& Son

Kapitel 41

Gemeinsame Wurzeln in Brooklyn: Ein Nachwort von William Boyle

Georgina

Kapitel 1

Police Officer Georgina Reed tötete einen Mann. Besser gesagt, einen Jungen. Im Keller eines Polizeireviers erzählte sie mir ihre Geschichte. Weil sie im Grunde keine Ahnung hatte, wer ich war oder warum sie sich mir erklären musste, log sie. Sie hatte Angst. Ihre Zukunft hatte gerade im Bruchteil einer Sekunde eine radikale Wendung genommen – die Zeit, die ein Neun-Millimeter-Hohlspitzgeschoss braucht, um an einer Brooklyner Straßenecke sein Ziel zu finden –, und sie versuchte sich damit zu retten, die Geschichte halbwegs plausibel klingen zu lassen.

Immer noch in Bushwick, stand ich jetzt an einer Ampel und bemerkte erst, dass sie auf Grün geschaltet hatte, als hinter mir die erste, dann die zweite und die dritte Hupe ertönte. Das Hupen klang wütend, aber hinter den geschlossenen Scheiben meines Autos gleichzeitig wie aus großer Ferne, auch weil ich mit meinen Gedanken noch im Keller des 83. Polizeireviers war, wo Georgina Reed – viel zu jung dafür, kaum ein Cop – auf einem Metallklappstuhl saß und mir ihre Geschichte erzählte. Natürlich log sie, und als ich dann die Wahrheit kannte, war es mir egal, und ich wollte nur noch schlafen. An diesem Abend jedoch, vor der Ampel, da wollte ich es wissen. Ich wollte wissen, was an dieser Straßenecke passiert war, weil es mein Job war, die Wahrheit herauszufinden und nötigenfalls zu verschleiern.

Auf der Fahrbahn neben mir floss der Verkehr in die entgegengesetzte Richtung, und ich sah verschwommene Lichter im Augenwinkel und hörte das Hupen. Im Rückspiegel konnte ich nichts erkennen. Der Regen auf der Heckscheibe brach das Licht der Scheinwerfer und Rücklichter in Hunderte rot und weiß glitzernde Scherben. Als ich das Fenster hinunterließ, klangen die Geräusche näher, aber immer noch gedämpft. Ich winkte die Autos an mir vorbei, und dann war ich wieder allein in der Stille.

Hier war es passiert, an der Ecke Broadway und Putnam. Vielleicht der Schauplatz eines Verbrechens. Darüber zu entscheiden, ist nicht meine Aufgabe. Ich gehöre nicht zu denen, die Schuld zuweisen. Wer weiß, sagte ich mir, vielleicht ist es ja genau so passiert, wie sie gesagt hat – dass sie den Jungen stoppen musste, dass sie keine Wahl hatte, aber ich zweifelte daran. Wenn man mich fragte, drückte Georgina Reed zu schnell ab. Außerdem stimmte an ihrer Geschichte irgendwas nicht. Reed wollte unbedingt, dass ich ihr glaubte, und nichts verrät eine Lüge mehr als das Bemühen, sie glaubwürdig erscheinen zu lassen. Ich stand also an der Ecke Putnam Avenue und Broadway, nachdem ich Georgina Reed im Keller des Polizeireviers ein paar Querstraßen weiter nördlich zurückgelassen hatte, sie gesagt hatte, was sie sagen wollte, und mir mit ihren kurzen kalten Fingern die Hand geschüttelt hatte, während in ihren feucht schimmernden dunklen Augen die Hoffnung lag, dass ich ihr helfen könnte, wenn ich ihr nur glauben würde.

Als ich aus dem Revier hinaus in den Regen trat, war es schon nach Mitternacht. Ich hätte gleich nach Hause fahren sollen. Wobei mein Zuhause eher einem Hotel glich und aus zwei Zimmern in einem Apartmentgebäude bestand. Ich verließ das 83., stieg in mein Auto und ließ den Motor an, dann überlegte ich, was ich tun sollte. Möglichkeiten gab es genug. Ich hätte Garrity anrufen und ihn mit der Nachricht um den Schlaf bringen können. Ich hätte zu Kat fahren können. Vielleicht war sie noch wach, dachte ich, und wenn nicht, würde es ihr nichts ausmachen. Sie würde sich im Bett aufsetzen und mich im Arm halten und nach Schlaf riechen. Oder ich hätte in eine ruhige Bar gehen und so tun können, als würde ich das Ganze in Alkohol ertränken, und hätte damit eine halbwegs passable Imitation meines früheren Ichs auf einem x-beliebigen Barhocker geliefert.

Stattdessen endete ich hier, wo was auch immer passiert war. Ich wollte es wissen. Dass ich einmal die Wahrheit wissen wollte, kommt mir mittlerweile fast komisch vor. Selbst in dieser Nacht war mir klar, dass ich an der Straßenecke keine Antworten finden würde, und doch bin ich hingefahren. Ich nahm die vertrauten Straßen Bushwicks vom 83. hierher und dachte über Georginas Geschichte nach und welchen Reim man sich darauf machen konnte. Darüber dachte ich nach, als ich vor der grünen Ampel an der Ecke stand, wo es passiert war. Ich parkte in zweiter Reihe und stellte den Motor aus. Die Scheibenwischer verwischten den Blick, machten ihn wieder klar, verwischten ihn, immer abwechselnd. Wie ihre Geschichte.

Police Officer Georgina Reed tischte mir die plausibelste Lüge auf, die man sich ausdenken konnte. Sie sei auf Streife gewesen, sagte sie zwischen zwei genau bemessenen Atemzügen, die Tour von acht bis Mitternacht, in Uniform, in einem Streifenwagen, zusammen mit Police Officer Gordon Holtz, ihrem üblichen Partner. Holtz kannte ich noch aus der Zeit, als ich in derselben Einheit Dienst geschoben hatte. Reed kannte ich nicht. Sie kam zwar nicht frisch von der Polizeischule, aber neu war sie trotzdem. Alles an ihr war neu: ihr schwarzer Gürtel, ihr Holster, das schwarz glänzte und noch nicht zerkratzt war vom vielen Ein- und Aussteigen in den Streifenwagen, vom Treppensteigen in unbeleuchteten Sozialwohnungsbauten. Auch der Polyesterstoff ihrer marineblauen Uniform war noch neu, er hatte noch die fabrikneuen Bügelfalten und saß eng über ihrer Schutzweste und ihrer fülligen, aber nicht unförmigen Figur. Unter der Weste und der Uniform und allem, was sie darunter tragen mochte, roch sie bestimmt nach Angst und parfümiertem Deodorant.

Acht Stunden später am hellen Morgen fragte Kat mich über Georgina Reed aus. Mittlerweile war die Nachricht schon im Fernsehen gekommen, aber nur ein Dreißigsekünder, mit dem die Zeit bis zum nächsten Werbeblock überbrückt wurde. Noch war die Stimmung nicht aufgeheizt. Noch gab es keine Schilder, keine Demonstrationen, keine umgekippten und brennenden Streifenwagen, keine spontanen Anschläge, keine Scheiterhaufen, keine Mikrowellenöfen, die durch eingeschlagene Schaufenster aus den Billigelektromärkten in der Atlantic Avenue geschleppt wurden. Das würde später kommen. Noch war Georgina Reed nur interessant, weil sie eine Georgina und kein George war, und der Aufmacher »Tödlicher Schuss einer Polizistin in Brooklyn gestern Abend« lautete. Später würden sie ihr Dienstfoto zeigen, Georgina vor einem grünen Hintergrund, das Gesicht bleich im Blitzlicht. Auf diesem Foto hätte sie alles sein können, sogar Polizistin. »Wie sieht sie aus?«, fragte Kat und meinte damit: Ist sie eine Schwarze oder eine Weiße? Amerikaner können selbst dann nicht über Rasse reden, wenn sie über Rasse reden.

»Aussehen?«, fragte ich.

»Na, du weißt schon – ist sie hübsch?«, antwortete Kat, weil sie vor der eigentlichen Frage immer noch zurückscheute.

Ist Georgina Reed hübsch? Es war mir nicht aufgefallen, daher war sie es nicht, nein, zumindest nicht unter den grellen Neonröhren in dem Keller, als sie möglichst präzise zu erklären versuchte, wie sie einen Jungen getötet, aber nicht ermordet hatte. In einer anderen Umgebung war Georgina womöglich hübsch, keine Ahnung. Ich hörte ihr nur zu. Wenn ich arbeite, registriere ich solche Dinge nicht, da bin ich ungerührt wie ein Pfarrer, der die Beichte abnimmt. Mit Autorität lässt sich alles maskieren. Dahinter kann man sich gut verstecken.

Gut, Georgina Reed war vermutlich schwarz, zumindest schwarz genug, um nicht weiß zu sein. Sie hatte die Farbe von Kaffee mit zwei Schuss Milch. Die dunklen Haare trug sie streng zurückgesteckt, ihre Nase war gebogen und schmal wie die eines Habichts. Als ich es später genauer wissen wollte, besorgte ich mir aus dem Büro des Captains ihre Personalakte, eine sehr dünne Personalakte. Daraus erfuhr ich, dass sie dreiundzwanzig Jahre alt war, Ex-Navy, in Pennsylvania geboren, ein Meter dreiundsechzig groß, neunundsechzig Kilo schwer. Georgina Reed hatte bei »afroamerikanisch« ein Kreuzchen gemacht, nicht bei »weiß« oder bei »Latino« und auch nicht bei »Sonstiges«. Das alles war jedoch egal, als wir uns auf den beiden Klappstühlen im Keller des 83. mit gespreizten Beinen und aufgestützten Ellbogen gegenübersaßen, einer das Spiegelbild des anderen. Sie berichtete von dem Ereignis, als befände sie sich im Zeugenstand, sah mir treuherzig in die Augen, um zu beweisen, dass sie die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagte, legte gelegentlich eine Pause ein, um die Wirkung ihrer Worte zu überprüfen, um auf Widerspruch zu warten oder die Aufforderung fortzufahren.

»Fahren Sie fort«, sagte ich.

»Wir waren im Streifenwagen, Donny – Police Officer Holtz – und ich.«

»Wann kam der Funkspruch?«

»So gegen halb sieben – äh, Moment«, erwiderte sie und beugte sich leicht zur Seite, um ein neu aussehendes ledergebundenes Notizbuch aus ihrer rechten Gesäßtasche zu ziehen. Ihr Oberschenkel war halb so lang wie meiner, dachte ich. Als ich in den Keller kam, wartete sie schon auf mich. Sie saß auf dem Stuhl und stand auch nicht auf, als ich ihr sagte, ich sei ihr Gewerkschaftsvertreter. Es war ihr zwar klar, dass ich auf ihrer Seite stand, aber für die Kavallerie hielt sie mich nicht. Ich hatte sie angewiesen, vor mir mit niemandem zu sprechen, daher hatte sie bis zu meinem Eintreffen eine Stunde allein in dem Keller gesessen. In einer solchen Situation eine Stunde allein zu sein, ist verdammt lang, und so empfing sie mich mit erleichtertem Blick, ob ich nun die Kavallerie war oder nicht.

»Hier steht es, 1837«, fuhr sie fort und wählte dafür die militärische Zeit, Copsprache, da sie mich trotz allem als Angehörigen desselben Rudels anerkannte. »Der Funkspruch kam aus der Zentrale, ein 10-30, Raubüberfall auf einen kleinen Lebensmittelladen an der Ecke Broadway Gates. Nach der Beschreibung zwei männliche Schwarze, um die zwanzig, einer sehr dick, der andere hellhäutig und klein.«

»Kann ich mal sehen?«, fragte ich und beugte mich zu ihrem Notizbuch, das sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Knie hielt. Sie erstarrte, als ich die Hand ausstreckte, und hätte das Notizbuch beinahe weggezogen, nur um im selben Moment in gehorsamem Ton »Klar« zu sagen. Sie war gespalten, sie wollte mitteilen, was sie verbergen wollte. Die Schrift auf der linierten Seite glich der eines Liebesbriefs von einer Highschoolschülerin, mädchenhafte Kringel und Schnörkel, völlig anders als das unleserliche Gekritzel in dem Buch, das ich geführt hatte, als ich die gleiche Uniform trug und in denselben Straßen wie Georgina Reed Streife fuhr. Wort für Wort las ich, was sie gerade gesagt hatte, das heißt, sie sorgte sich nicht darum, was ich in lila Tinte geschrieben sehen könnte, sondern um etwas anderes, nicht Niedergeschriebenes. Ich gab ihr das Buch zurück. Unsere Finger berührten sich, und dieser kurze Kontakt schien sie ein wenig zu entspannen. Sie ließ die Schultern sinken. »Dann reden wir mal über die Waffe«, sagte ich. Sie wollte schon fragen »Wessen?«, fragte aber stattdessen »Wann?«. »Laut Funkspruch war es ein Raubüberfall, oder? Bewaffneter Raubüberfall?«

»Nur Raubüberfall, ein 10-30. So wie es da steht.«

»Ja, das sehe ich«, sagte ich beinahe freundlich. »Was ich wissen will, ist, ob auch von einer Waffe die Rede war. Sie verstehen die Bedeutung meiner Frage, oder? Wenn die Zentrale von einer Waffe gesprochen hat, hätten Sie mit einer Waffe gerechnet, als Sie die Verdächtigen gestellt haben.«

»Ich glaube, die Zentrale hat nur von einem Raubüberfall gesprochen.« Ich nickte. Dann fragte sie: »Soll ich das aufschreiben? Wäre es besser, wenn ich schreibe, dass –?«

Herrje, hatte sie Angst. Langsam dämmerte es ihr, dämmerte ihr, welches Ausmaß das Ganze hatte. Bald wäre sie zu nichts mehr zu gebrauchen, aber im Moment konnte sie noch denken, und das sollte auch so bleiben, bis sie alles gesagt hatte, was zu sagen war, oder wenigstens alles, wozu sie imstande war.

»In der Zentrale werden alle Funksprüche aufgezeichnet, Officer«, sagte ich, »daher bringt es nichts, wenn Sie was anderes aufschreiben, oder?«

»Was soll ich denn –«

»Sagen Sie mir einfach, was daraufhin passiert ist. Sie haben den Funkspruch erhalten. Was ist daraufhin passiert? Haben Sie und Holtz sich auf die Suche nach den Tätern gemacht?«

»Nein, sie waren direkt vor unserer Nase. Wir haben zufällig genau an der Ecke gestanden, als der Funkspruch reinkam, und Donny hat gesagt, da sind sie ja, oder so. Er hat sogar gelacht. Weil es so schräg war. Weil sie direkt vor unserer Nase waren. Der Dicke – das, äh, Opfer. Und der Kleinere. Und in dem Moment, in dem wir sie gesehen haben, haben sie uns gesehen und sind stehen geblieben. Sie sind stehen geblieben, haben was gesagt, und dann sind sie direkt auf uns zu.«

»Wo genau standen Sie?«

»Broadway und Putnam, die nordöstliche Ecke. Und sie sind auf der Putnam Richtung Süden gelaufen. Ich bin raus, Donny ist im Auto geblieben.«

»Haben Sie Unterstützung angefordert?«

»Nein, ich –«

Unvermittelt musste ich niesen, und sie zuckte zusammen und legte erschrocken eine Hand auf die Brust. Sie trug einen dicken Ring und mindestens zwei Zentimeter lange Kunstnägel. »Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Blöde Erkältung.« Neben meinen Füßen entdeckte ich eine Papierserviette auf dem Betonboden und schnäuzte mich. »Fahren Sie fort«, und sie riss sich zusammen und redete weiter. Ihre Stimme klang auf einmal anders, und ich schätzte, dass mir noch zehn Minuten blieben, bis sie zu nichts mehr zu gebrauchen war.

»Also, wie gesagt. Wir wussten, dass sie es sind, da war dieser fette Typ, das Opfer. Ein Riesenbrocken. Als wäre er fettsüchtig.«

»Ja, er war fett.«

»Wussten Sie das schon?«, fragte sie überrascht.

Wir beide warteten, dass der andere etwas sagte, dann fragte ich sie: »Er ist tot. Das wissen Sie, oder?«

»O Gott –« Sie legte den Kopf in den Nacken.

»Seien wir ehrlich, Officer«, sagte ich und nieste erneut. »Ein Neunmillimeter-Hohlspitzgeschoss in die Lungenschlagader. Das steckt man nicht einfach weg.« Sie erstarrte und sah mich entsetzt an. Es war mir egal. Ich wollte mich nicht mit ihr anfreunden, ich war hier, um alles aus ihr rauszuholen, was rauszuholen war. »Also noch mal. Sie steigen aus dem Streifenwagen. Wie geht’s dann weiter?«

»Das hab ich doch schon dreimal gesagt.«

»Haben Sie heute noch was vor?«

Sie zögerte und sah auf meine Hände. »Sie machen sich ja gar keine Notizen.«

»Ich habe ein gutes Gedächtnis.«

»Warum soll ich Ihnen dann dauernd dasselbe erzählen?«

»Weil ich sichergehen möchte, dass auch Sie ein gutes Gedächtnis haben«, erwiderte ich. »Wenn ich aufschreibe, was Sie mir erzählen, ist das, was ich aufgeschrieben habe, das, was passiert ist. Aber wenn Sie sich später plötzlich anders erinnern, unterscheidet sich das, was für mich passiert ist, von dem, was für Sie passiert ist. Verstanden?«

»Nein.«

»Dann glauben Sie mir einfach, Officer. Am besten erzählen Sie mir, was passiert ist, und am allerbesten das, was wirklich passiert ist.«

»Ich – ich hab niemanden ermordet.«

»Hören Sie. Ich hab schlechte Laune, tut mir echt leid. Ich bin krank. Ich lese sogar wieder Bücher, was immer ein schlechtes Zeichen ist, und letzte Woche ist mein Hund gestorben. Aber in ungefähr vierundzwanzig Stunden wird die Scheiße auf Sie einprasseln, und dann werden alle ganz schnell das Weite suchen. Nur ich werde noch an Ihrer Seite sein. Deshalb zahlen Sie Ihren Gewerkschaftsbeitrag. Wenn ich Ihnen zur Seite stehen soll, muss ich wissen, wo Sie stehen.«

In dem darauf folgenden Schweigen war ihr der innere Aufruhr anzumerken, und ich dachte, dass jetzt die Wahrheit aus ihr herausbrechen würde. Stattdessen sagte sie nur: »Das mit Ihrem Hund tut mir leid.«

»Schon gut«, erwiderte ich automatisch »Sie war alt. Ihre Zeit war gekommen. Verstehen Sie eigentlich, was ich hier sage, Officer?«

»Ja«, sagte sie schlicht, ohne mich anzusehen. Sie verstand es nicht, nicht ganz. Vielleicht hatte Georgina Reed nie ferngesehen oder eine Zeitung gelesen. Oder sie dachte, dass die Schwierigkeiten, in denen sie steckte, nicht so schlimm waren. »Was war es denn für ein Hund?«, fragte sie, und jetzt sah ich, dass ihre Augen feucht schimmerten und sie den Tränen nahe war.

»Ein – ein Mischling. Eine Promenadenmischung. Keine Schönheit, aber charakterlich besser als die meisten Menschen, die ich kenne.«

Jetzt fingen die Tränen an zu fließen, sie sammelten sich und flossen über. Sie gab keinen Laut von sich.

»Okay, wenn Sie erst mal ein bisschen heulen wollen«, sagte ich, »kann ich ja eine rauchen gehen.«

Sie schloss die Augen, und dann war es schon wieder vorbei. Sie holte unter ihrer schusssicheren Weste tief Luft und sah mich mit kalten Augen an, in denen Hass oder Schlimmeres stand. Da wurde mir klar, dass sie über innere Stärke verfügte, und einen Moment lang, der sich im Laufe unserer kurzen Bekanntschaft nicht wiederholen sollte, wollte ich mehr über Georgina Reed wissen. Stärke hat mich schon immer fasziniert.

»Ich habe niemand ermordet.«

»Kein Mensch sagt –«, setzte ich an.

»Sehen Sie mich an. Glauben Sie, ich könnte jemand ermorden? Ich hab Angst gehabt. Ich hab Angst um mein Leben gehabt.«

»Officer –«

»Wissen Sie überhaupt, wie das ist? Wenn Sie allein da draußen sind und jemand – jemand, den Sie nicht kennen – Sie hasst, und Sie haben nur eine Sekunde –?« Sie sah mir in die Augen, zwang mich zu einer Antwort.

»Ja, Officer«, sagte ich, jetzt war es an mir zu lügen. »Ich weiß, wie das ist.«

Kapitel 2

Die Tür ging auf, und Gordon Holtz stand da. Ich erkannte ihn sofort wieder. Wir hatten nie zusammengearbeitet, weil er in einer anderen Dienstgruppe war, aber wenigstens zwei Jahre hatten wir zur selben Einheit gehört und in Bushwick für Recht und Ordnung gesorgt. Er hatte die Tür mit solcher Wucht aufgerissen, dass sie mit einem Knall gegen die Wand donnerte, der von den schmutzig gelben Kellerwänden und den niedrigen Decken mit den trübe leuchtenden Neonröhren widerhallte. Georgina zuckte zusammen und drehte sich zu ihrem Partner um, der mit einem Schritt bei ihr war. Sie stand auf, und zu meiner Überraschung umarmten sie sich fest, umklammerten sich geradezu.

»Alles in Ordnung, Gina?« hörte ich ihn in ihr Ohr flüstern, das sich nicht mal auf Höhe seiner Schulter befand, und sie nickte knapp.

»Wie läuft’s?«, fragte Donny mich und zog sich einen Klappstuhl heran, sein Gesicht freundlich, gelassen, durch nichts zu erschüttern, und doch hatte ich den Eindruck, dass er es wirklich wissen wollte. Er gab mir die Hand und musterte mich, seine schläfrigen blauen Augen ausdruckslos wie die jedes altgedienten Cops. Ich erkannte ihn, aber er mich offenbar nicht. Das kränkte mich nicht. Ich war keine graue Maus, hatte mich aber stets im Hintergrund gehalten und so getan, als wäre die Polizeiarbeit für mich nur ein Job.

Police Officer Gordon Holtz war weit über eins achtzig, hatte einen mächtigen Brustkasten, schwielige Hände, borstige blonde Stoppeln bis zum Kragen und darüber ein irritierend jungenhaftes, offenherziges Gesicht und flachsblonde Haare. Wie ein Golden Retriever vertrieb er sofort jede Spannung aus dem Raum.

»Will Way«, sagte ich. »Von der PBA.«

»Okay.« Ein dümmlicher Ausdruck.

»Die Polizeigewerkschaft.«

»Okay.«

»Patrolmen’s Benevolent Association –?«

»Ja, ja, hab’s schon kapiert.«

Da war ich mir nicht so sicher. Er kam mir ein bisschen langsam und angesichts der Situation zu entspannt vor. »Das heißt, Sie können mit mir reden«, sagte ich. »Die nicht.«

»Wer sind die?«

»Die Staatsanwaltschaft Brooklyn, die Chefs, die Interne, wer auch immer«, sagte ich. »Die dürfen die ersten achtundvierzig Stunden nicht mit Ihnen reden.«

»Klar, weiß ich doch!«

»Ich bin auf Ihrer Seite, also –«

»Super!«

»– kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen.«

»Super!«, wiederholte er.

»Und dann?«, fragte Georgina Reed, die offenbar der Kopf der beiden war. »Was passiert nach den achtundvierzig Stunden?«

»Dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig«, sagte ich. »Dann müssen Sie eine Aussage machen.«

»Warum?«, fragte sie.

»Weil so die Bestimmungen sind, Officer.«

»Was ist mit dem Recht zu schweigen und so?«

»Die Verfassung gilt nicht für Cops, Gina«, antwortete Holtz für mich mit einer alten Polizeiweisheit, einem Cop-Dogma, das in jeder Sportsbar in Nassau County nach Feierabend aufpoliert wurde. »Nur die Scheißkerle haben Rechte, haha!«

»Stimmt das?«, fragte sie mich.

»Mehr oder weniger«, sagte ich. »Sie sind Cop. Lesen Sie das Kleingedruckte. Innerhalb von zwei Tagen müssen Sie eine Aussage machen.«

»Das ist doch – ich weiß nicht.«

»Wenn Ihnen das nicht passt, können Sie gerne kündigen. Außerdem« – ich nieste heftig an meine linke Schulter – »resultiert aus dem, was Sie mir bisher erzählt haben, kein unerlaubter Schusswaffengebrauch und schon gar kein Verbrechen. Kein Grund zur Sorge, oder?« Jetzt sah ich zwei ausdruckslose Gesichter vor mir. »Oder?«, wiederholte ich und tat bestürzt. »Kommt schon, Leute. Warum die Sorge? Er hat zuerst gezogen, oder?«

Nichts.

»Ach, wo wir schon dabei sind, Pistole oder Revolver?«

»Äh, was?«, fragte sie.

»Die Waffe des Jungen.«

Reed sah zu Holtz. Holtz sah zu Reed. »Darauf habe ich nicht geachtet«, sagte sie dann langsam und blickte ins Leere. »Da müssen Sie den Sarge fragen«, fügte Holtz hinzu.

»Und der wäre?«

»Sergeant Bear.«

»Berrigan«, sagte ich mit einem stillen Seufzen. »Der hat mir gefehlt. Ist er etwa noch dabei?«

»Ja«, sagte Reed.

»War er vor Ort?«

»Ja«, sagte sie. »Nein.«

»Ja, nein – ist er etwa vierdimensional?«

»Nicht gleich«, sagte sie. »Er kam später. Er und sein Fahrer.«

»Wer ist das?«

Holtz zuckte mit den Schultern. »Ein Neuer.«

»Karpatkin«, sagte Reed vage, und ich hatte den Namen sofort wieder vergessen.

»Die kamen später«, sagte Holtz. »Nachdem ich es gemeldet hatte.«

»Werden Sie mit ihnen reden?«, fragte Reed. »Der Sergeant hat die Waffe von dem Opfer gesichert.«

»Mit Bear kann ich nicht reden«, erklärte ich ihr. »Zumindest nicht offiziell. Er ist Sergeant und gehört nicht zu meinem Laden. Der Neue – wie hieß er noch mal –, den versuche ich nachher noch zu erwischen.«

»Machen Sie das?«

»Je nach Wetter.«

»Warum je nach Wetter?«

»Ein Monstersturm ist angekündigt«, sagte ich. »Und noch was, Officer, wir sollten Dewberry als Täter bezeichnen. Oder als Angreifer. Wenn Sie ihn die ganze Zeit Opfer nennen, hört sich das an, als – als wäre er ein Opfer.«

Nach kurzem Schweigen sagte sie: »Das ist sein Name?«

»Raquan Dewberry. Siebzehn«, sagte ich, und dann erzählte ich ihr alles, was ich wusste, auch wenn mir klar war, dass es ihr nicht weiterhalf. »Für einen Siebzehnjährigen hat er ein langes Vorstrafenregister«, sagte ich und überflog meine rasch hingekritzelten, ungeordneten Notizen. »Das wäre es selbst für einen Fünfzigjährigen. Sieben Festnahmen, die erste mit dreizehn. Davor schon zwei Jugendstrafen. Wir bemühen uns um Einsicht in die Akte, aber offenbar war es beide Male ein tätlicher Angriff, einer mit Todesfolge. Regelmäßiger Gast im Spofford. Flog von der FK Lane und landete in der Besserungsanstalt.«

Ich ließ Reed nicht aus den Augen, die unverwandt zu Boden blickte.

»Anders gesagt, Officer, Raquan Dewberry hätte sich nie aus dem Sumpf ziehen können. Er hätte es nie zu einem Job mit Sozialversicherung gebracht. Sie sollten sich also nicht geißeln –«

»Das wissen Sie doch gar nicht«, fiel sie mir wütend ins Wort. »Dass er nie – dass er –«, setzte sie an und suchte vergeblich nach Worten, bis sie aufgab. Mehr bekam ich an diesem Abend nicht aus ihr raus. Ich wusste, dass ich es mit ihr vergeigt hatte. Sie musste mich nicht mögen, aber sie musste mir sagen, was passiert war. Stattdessen glaubte sie jetzt, ich sei nichts weiter als einer dieser Schlipsträger. Ich hatte es falsch angepackt, den Macker raushängen lassen, wie es Cops untereinander gerne machen, und dabei vergessen, dass Georgina Reed kein Cop war.

Wir standen auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass das glänzende neue Holster leer war. Auch Holtz war unbewaffnet, die abgegriffene braune Lederklappe seines Holsters stand offen, und die Glock 17 fehlte wie ein amputierter Daumen oder Arm. Sie hatten ihre Waffen abgegeben, die jetzt in einer Beweismitteltüte lagen, um irgendetwas zu beweisen, ihre Neun-Millimeter um eine Patrone leichter als seine.

Meine Beine waren steif, und mein Bauch grummelte. Ich hatte aufs Abendessen verzichtet und war über drei rote Ampeln gefahren, als ich nicht mal eine halbe Stunde nach dem Gespräch mit Masterson die sechs Meilen von der Zenrale in der Fulton Street in Downtown Manhattan zu diesem verpennten Brooklyner Revier gerast war. Mark Masterson war mein Kontaktmann bei Internal Affairs. Als ich noch Streifenpolizist gewesen war, war er mein Partner, aber nicht deswegen hielt er mich auf dem Laufenden. Er tat es auch nicht aus Freundschaft oder weil er korrupt war, sondern weil er so felsenfest an das Gesetz glaubte, dass er sich manchmal gezwungen sah, es zu brechen. Er wusste, dass die Interne so versessen darauf war, die Polizei zu säubern, dass sie manchmal übers Ziel hinausschoss. Wie er auf die Idee kam, dass ich so dachte wie er, wusste ich nicht. Wahrscheinlich glaubte er einfach, dass ich mit der Information etwas anzufangen wüsste und nicht zu viele Fragen stellte.

Sein Anruf erwischte mich kurz vor Feierabend, als ich einen Arm schon im Mantelärmel hatte. Sheila Simmons, meine Sekretärin, war längst gegangen, und das Telefon hörte nicht auf zu klingeln. Ich hob ab, weil ich dachte, Kat hätte mir vergeben. Stattdessen hörte ich Mark Mastersons tiefe besonnene Stimme, die mir mitteilte, dass wir im 83. einen Schusswaffengebrauch hatten und wenn ich mich beeilte, könnte ich sogar noch vor ihm dort sein. Ich warf ihm ein Küsschen zu, warf den Hörer auf die Gabel und stand bis Bushwick auf dem Gas. Angekommen gab ich mir nicht mal die Mühe, einen Parkplatz zu suchen, sondern stellte meinen himmelblauen Ford mit dem Behördenkennzeichen auf dem Gehsteig vor dem Revier ab und legte zur Entschuldigung ein eingeschweißtes NYPD-Schild aufs Armaturenbrett. Inzwischen war das Adrenalin längst verbraucht, und ich spürte die seltsame Zerstreutheit, die mich immer in Momenten überkam, wenn das Schiff sank, während ich gemütlich am Ufer saß und mich fragte, was diese Leute eigentlich von mir erwarteten, wo doch jeder sein Schicksal selbst in der Hand hatte.

Trotzdem bat ich Georgina Reed, oben in der Jugendarrestzelle auf mich zu warten, die Tür abzuschließen und mit niemandem zu reden, bis ich sie abholen käme. Ich blieb dran.

Ich ließ sie ungern auf dem Revier zurück, in dem um diese Uhrzeit – 23:47 – mächtig viel los war. Staatsanwälte, ein paar Arschlöcher von der Internen, Frauen mit Betonfrisuren und Mikrofonen, der eine oder andere abgehalfterte Streifenpolizist mit null Bock und ein Dutzend wabbelbäuchige Chiefs und Inspectors und stellvertretende Irgendwas aus dem Präsidium, die hofften, dass sie ihre Pension nicht verlieren würden, wenn ihnen diese Sache hier um die Ohren flog. Denn das würde sie, aber fürs Erste musste Reed die Klappe halten, und ich brauchte Holtz für mich. Er musste mir seine Geschichte erzählen, weil niemals zwei Leute dieselbe Geschichte erzählten, wenn sie die Wahrheit sagten. Nachdem ich Georgina Reed hochgeschickt hatte, setzte ich mich mit Gordon Holtz für eine weitere halbe Stunde in dem Keller hin und lauschte seinem Bericht. Wahrscheinlich hätte ich nicht überrascht sein sollen, dass seine Geschichte mit ihrer deckungsgleich war.

Ich schickte ihn nach Hause.

Oben drehte ich an dem Knauf der Tür zur Jugendarrestzelle und rechnete damit, dass sie abgeschlossen war. Sie ging auf. Drinnen brannte Licht, aber statt Police Officer Georgina Reed, die mich erwartungsvoll mit müden braunen Augen ansah, fand ich nur drei nicht zusammenpassende verwaiste Stühle und einen zerkratzten Tisch mit einer aufgeklappten leeren Doughnut-Schachtel vor. Ich ging wieder runter, wo gerade zu allem Überfluss Tourwechsel war und die Mitternachtsschicht eintrudelte. Der diensthabende Sergeant und ein Lieutenant brüllten hinter dem Tresen herum und versuchten, für Ordnung zu sorgen. Das Ganze wirkte zugleich komplett chaotisch und völlig statisch. Die Sache sprach sich allmählich rum. Ich hörte jemand sagen: »Wer zum Teufel ist diese Georgina Reed?« – eine Frage, die ich in den nächsten Tagen immer wieder hören würde. Reed hatte offenbar keinen großen Eindruck auf ihre Kollegen gemacht. Ich sah mir jede Frau in Uniform genau an, weil ich ihr Gesicht bereits wieder halb vergessen hatte. Aber Georgina Reed war in dem Durcheinander nirgends zu entdecken, und nach einer Weile fühlte ich mich wie ein Vater, der sein Kind bei Macy’s aus den Augen verloren hatte.

Zurück in die Arrestzelle.

Dann wieder in den Keller.

Dann hoch in den Mannschaftsraum, wo ich Sergeant Ralph Berrigan mit einem Mann in Zivil in der hintersten Ecke sitzen sah. Berrigan erkannte ich sofort: gedrungener muskulöser Körperbau, Lord-Kitchener-Schnauzer, grauer Bürstenschnitt. Er sah noch genauso aus wie damals, als er mir Befehle gab. Wir entdeckten uns im selben Moment, und er winkte mich zu sich. Ich gehorchte.

»Way! Will Way, komm rüber, alter Nichtsnutz.«

Nachdem ich Berrigans Namen das erste Mal seit Jahren wieder gehört hatte und wusste, dass er mit der Sache zu tun hatte, hätte ich damit rechnen müssen, aber ich war trotzdem nicht darauf vorbereitet, dass mich bei seinem Anblick dasselbe alte Gefühl überkommen würde, eine unangenehme Mischung aus Respekt, Angst, Ekel und Liebe, so wie bunt gemischte Farben Grau ergaben.

»Hey, Sarge«, sagte ich, und er packte meine Hand und zog mich an sich, seine borstigen Kopfhaare kitzelten an meinem Kinn. Er roch nach Zigaretten und Rasierwasser – derselbe altmodische Geruch, wie ihn Männer in meiner Kindheit gehabt hatten. »Wie geht’s immer so?«

»Ich bin ein Wrack«, log er und trommelte auf seine Gorillabrust. Er schien nicht eine Stunde gealtert zu sein. Berrigan war einer dieser alten Haudegen. Seit Tag eins war er dabei und fand schusssichere Westen und halbautomatische Waffen albern. Stattdessen trug er einen Revolver, einen potthässlichen schwarzen Webley, mit dem bereits sein Großvater auf Protestanten geschossen hatte. Als Streifenpolizist hatte ich ihn nicht sehr beeindruckt, aber er hatte trotzdem irgendwie einen Narren an mir gefressen, weil ich gerne las, was ihm gefiel und ihn zugleich auf Distanz hielt. Wenn spätabends in Bushwick nichts los gewesen war oder zumindest nichts, wogegen ich etwas unternehmen konnte, hatte ich mich in den Mannschaftsraum gesetzt und Klassiker gelesen. Genau an dieser Stelle hatte ich Hesiod in einer aus der Bücherei ausgemusterten gebundenen Ausgabe gelesen und mit Bleistift den Satz Niemals laß ungeglättet die neuerrichtete Wohnung,/Daß nicht sizend darauf ihr Geschwäz herkrächze die Krähe unterstrichen. »Schau mich an«, befahl Berrigan. Er hatte ein schmales Lächeln, schmal und mager wie entrahmte Milch. »Ich bin nur noch Haut und Knochen.«

Er nahm wieder Platz. Der Mann neben ihm war weder aufgestanden noch hatte er etwas gesagt, sondern mich nur misstrauisch gemustert. Er stellte sich nicht vor, und auch Berrigan stellte ihn nicht vor. Ich war davon ausgegangen, dass er einer der Chefs war, aber jetzt war ich mir nicht mehr so sicher. Beide saßen am offenen Fenster, auf dem von Regentropfen und Taubenscheiße getüpfelten Fensterbrett lag ein halbes Dutzend ausgedrückter Kippen. Ich konnte den hinteren rechten Kotflügel meines Fords auf dem Gehsteig unten in der Knickerbocker Avenue sehen. Er war also noch nicht abgeschleppt worden. Hinter dem Ford stand inzwischen ein Übertragungswagen, und hinter dem noch einer. Die Show ging los.

»Hast du jemand verloren?«, sagte Berrigan, und sein lautloses Lachen erschütterte seinen Rumpf, das weiße Uniformhemd klaffte zwischen den Knöpfen auf und legte den Blick auf die behaarte Haut frei. Das alte Schlachtross verzichtete nach wie vor auf eine Weste. Er deutete mit dem Kopf zu dem Büro hinter ihm. Die Tür war geschlossen.

»Verdammt«, sagte ich und ging zur Tür.

Leise fluchend wollte der Mann neben Berrigan aufstehen, aber Berrigan hielt ihn am Arm. »Der gute Will ist von der Gewerkschaft«, hörte ich ihn sagen, als ich an den beiden vorbeiging. »Ich würde mich ihm nicht in den Weg stellen, Ronny. Wenn der sauer wird, wird’s gefährlich, haha!«

Georgina Reed saß mit dem Rücken zur Tür. Vor ihr standen ein Kassettenrekorder und ein Mikrofon auf dem Tisch, und ihr gegenüber saß eine blonde Frau von strenger Schönheit, die eine schlichte graue Jacke trug. Sie musterte mich unterkühlt. Reed drehte mir ihr Gesicht zu und sah mich mit Rehaugen an. »Was zum Teufel soll das?«, fragte ich. Es waren noch andere Leute in dem Raum, aber es war klar, dass die Frau das Sagen hatte.

»Ist schon in Ordnung«, sagte Reed rasch. »Sie –«

»Nein, Officer, es ist nicht in Ordnung«, erwiderte ich scharf, dann sah ich wieder zu der Frau in Grau: »Wer sind Sie? Cop? Staatsanwaltschaft? Oder was?«

»Ich bin kein Cop«, sagte die Frau und stand auf. Besser gesagt faltete sie sich auseinander, denn sie war groß, mit langen Armen und Beinen. Sie gab sich völlig unbeeindruckt, und vielleicht lächelte sie sogar ein wenig, als sie sagte: »Und Sie?«, was die Wut in mir hochschießen ließ.

»Was machen Sie hier?«, fragte ich. Als ich bemerkte, dass der Kassettenrekorder noch lief, drückte ich auf Stopp und riss die Kassette heraus. »Ich glaub’s nicht.«

»Moment mal«, sagte Berrigans Begleiter. Sie standen beide hinter mir in der Tür. Berrigans Brust hob und senkte sich, und das Blau seiner Augen funkelte zwischen den Lidern hervor. Er amüsierte sich prächtig. »Moment mal«, wiederholte der Mann. »Muss das sein, Officer?«

»Auf sie mit Gebrüll, Way!«, Berrigan grölte los.

»Moment mal. Sie –«

»Er kann die Kassette ruhig behalten«, sagte die große Frau und klappte sich wieder auf dem Stuhl zusammen. Ihre Haare, die in dem bleichen Neonlicht erst blond gewirkt hatten, waren hellrot, wie ich jetzt bemerkte. Sie hatte den hellen Teint der Rothaarigen, und ihre aquarellgrünen Augen waren intelligent und ein wenig müde. »Auch wenn er wahrscheinlich keine Erinnerung braucht.«

»Egal wer Sie sind«, sagte ich, »Sie lassen meine Leute in Ruhe.«

»Er ist von der Gewerkschaft, Jackie«, sagte Berrigans Begleiter.

»Hier gilt die Achtundvierzig-Stunden-Regel«, sagte ich. »Also machen Sie, dass Sie rauskommen.«

Die große Frau in Grau betrachtete mich. »Gefällt mir, dass Sie sich an die Regeln halten, Officer«, erklärte sie. »Mal was anderes. Aber Officer Reed wollte reden. Es steht nirgends geschrieben, dass ich nicht mit Ihren Leuten reden darf, wenn sie das wollen.«

»Dann hat sie gerade ihre Meinung geändert«, sagte ich, legte eine Hand auf Georginas Schulter und spürte ihr schmales Schlüsselbein unter dem Gurt ihrer Schutzweste. »Gehen wir.« Gehorsam stand sie auf, und als wir gemeinsam durch die Tür gingen, wechselte sie einen Blick mit Ralph Berrigan, ihrer hilflos und ängstlich, seiner beruhigend, fast fidel. Ich nieste.

Wir waren schon an der Tür des Mannschaftsraums, als die große Frau rief: »Gott schütze Sie«, was bei Berrigan erneut schallendes Gelächter hervorrief, das mich wie flüssiges Blei durchströmte. Ich ließ Reed an der Tür, ging zurück in das Büro und legte die Kassette auf den Tisch. Mit dem Finger schob ich sie zu der großen Frau. »Sie haben recht, das brauch ich nicht.« Mit einem matten, geradezu freundlichen Lächeln quittierte sie es, ohne sich auf das Spielchen einzulassen. Wir sahen uns an, und mir wurde klar, dass ich schnell meine Wohnung glätten sollte, sonst würde sie sich reinsetzen und herkrächzen.

Kapitel 3

Die Mörder in Amerika sind eine Enttäuschung. Weder auf unseren Straßen noch in unseren Wohnhäusern, den Polizeirevieren oder den ehrwürdigen Gerichtssälen des Brooklyn Supreme Court bin ich einem Mörder begegnet, der etwas hermachte. Meiner Erfahrung nach ist ein Mörder nichts weiter als ein magerer, vaterloser, des Lesens kaum mächtiger Loser, der eine Waffe auf einen anderen mageren, vaterlosen, kaum des Lesens mächtigen Loser richtet. Letzterer hat meistens nichts besonders Schlimmes getan und es nach der brutalen, unwiderleglichen Logik der Straße dennoch verdient zu sterben. Bei Georgina Reed war das natürlich etwas anderes. Sie hatte jemanden umgebracht, aber sie war keine Mörderin. Das wusste ich, nicht weil sie es mir wiederholt und unnötigerweise mit in Tränen schwimmenden Augen gesagt hatte, sondern weil es blödsinnig war, Georgina Reed eine Mörderin zu nennen. Ein sinnloses Verbrechen ergibt normalerweise Sinn.

Allerdings hatte ich oft genug falschgelegen. Mein Job steckte voller Überraschungen.

Georgina Reed hatte mir die Wahrheit gesagt, ihre Wahrheit – und auch die nicht ganz, sondern nur in Bruchstücken. Mehr als ihre Wahrheit interessierten mich ihre Lügen, denn die interessantesten Wahrheiten lagen in diesem Geschäft immer hinter Lügen verborgen. Wenn man die aufdeckte, hatte man die Wahrheit. Fürs Erste reichte mir ihre Wahrheit allerdings, um ihr beizustehen. Es blieb mir sowieso nichts anderes übrig, aber es war immer besser, wenn man kein schlechtes Gefühl dabei hatte. Dann stand es sich einfach besser bei.

An der Ecke, wo das Ganze passiert war, prasselte der Regen auf die Windschutzscheibe meines himmelblauen Fords, und ich überlegte, was ich als Nächstes tun sollte. Es gab keinen Grund für mich, hier zu sein. Ich war einfach gekommen. Ich war ein Tourist auf der Suche nach Souvenirs und stieg aus und schloss die Tür. Natürlich war ich schon hier gewesen, unzählige Male, aber nicht in den letzten vier Jahren. Waren es schon vier Jahre? Herrgott noch mal, eine Ewigkeit her, dass ich in Bushwick auf Streife gegangen war. Einmal kam ich rechtzeitig an, um an ebendiesem rostigen Maschendrahtzaun einen Mann langsam verbluten zu sehen. Er war wütend, weil er starb, holte mit einem Filetmesser, dessen Griff mit Isolierband umwickelt war, nach mir aus und beschimpfte mich Blut und Speichel spuckend. Wir konnten nicht zu ihm. Er starb auf Knien, so als betete er in einer heruntergekommenen Kirche zu irgendwelchen unbedeutenden Göttern – worum? Um Vergebung? Gnade? Wahrscheinlich Rache.

Damals war Bushwick schwarz und arm. Jetzt war es schwarz und arm und neuweiß, ein Viertel der Pitbulls und Pudel, Schrotgewehre und Kinderwagen. Die Neuordnung hatte nicht einmal fünf Jahre gedauert. Ich sah das verspielte Logo des Außenpostens einer Sieben-Dollar-die-Tasse-Espressobar, abgewandert vom Broadway in SoHo an unseren, das Innere selbst zu dieser Stunde von Laptops erleuchtet, über die Displays gebeugt die weißen Gesichter der Siedler aus dem überteuerten Manhattan und Park Slope, die ihre Entscheidung, das wahre Brooklyn zu suchen, inzwischen wahrscheinlich schon bereuten.

Im trüben orangen Straßenlicht war die Ecke weniger hässlich als bei Tag, aber nicht viel weniger. Der Broadway fräste sich an dieser Stelle vierspurig an einhundert Jahre alten geziegelten Ladenfronten vorbei, die so niedrig waren, dass darüber viel Himmel zu sehen war und während eines Stromausfalls und bei Neumond sogar ganze Sternbilder. Überdacht wurde sie von den Hochbahngleisen, die alle zwölf Minuten in jeder Richtung vibrierten. Anders gesagt, es war nichts Besonderes an der Ecke, nur dass für Georgina Reed hier alles anfing. Bald – wenn auch noch nicht heute – würde hier eine improvisierte Gedenkstätte mit Blumen sein, die am Zaun befestigt werden würden, und mit handgeschriebenen Kondolenzkarten und Marienkerzen in hohen Gläsern mit dem sanftmütigen Gesicht Unserer Lieben Frau von Guadalupe. Im Moment war an der Ecke viel los, aber in erster Linie war es Polizei: fünf Streifenwagen, ein weißer Kombi, auf dessen Seiten in blauen Blockbuchstaben KRIMINALTECHNIK stand, dazu der Kombi des Rechtsmediziners und ein Einsatzfahrzeug mit Suchscheinwerfer. Zwei Cops bauten gerade einen tragbaren Standscheinwerfer auf, und überall waren Uniformierte und mindestens ein Dutzend Zivilbeamte, entweder Detectives oder irgendwelche Chefs, die für Schadensbegrenzung sorgen wollten.

Unentschieden nieselte der kalte Frühlingsregen auf den Tatort. Tropfen sammelten sich auf meiner Anzugjacke, während ich unentschlossen neben dem Ford stand und überlegte, ob ich bleiben oder fahren sollte. Abrupt wurde das leise Stimmengemurmel vom Brummen des Standscheinwerfers übertönt, als er eingeschaltet wurde, und alles um mich herum erstrahlte wie eine Theaterbühne plötzlich in grellem Licht. In dem Licht sah der Regen realer aus, als er sich anfühlte. Jetzt sah ich auch das gelbe Absperrband, das an dem Maschendrahtzaun befestigt war und zu einem Hydranten führte, von dort zu einem Parkbereichsschild und einem vollgekritzelten Briefkasten und zurück zum Zaun. Das Band teilte an der nordöstlichen Ecke von Putnam Avenue und Broadway ein Fünfeck mit der Fläche eines Achthundert-Dollar-Apartments ab. Die Hände in den Taschen vergraben trottete ich hinüber. Abseits von den anderen stand ein Streifenpolizist und sicherte den Tatort. Mit hängenden Schultern lehnte er an dem Briefkasten, hielt in der Linken einen erkalteten Kaffeebecher und musterte mich mit schier unerträglicher Schlaffheit.

»Hallo, Kollege«, sagte ich und steckte meinen Spielzeug-Sheriffstern ans Revers. Er nickte. Eine Zeit lang standen wir beide im Regen nebeneinander, den Blick nach unten gerichtet und ohne etwas zu sagen, so als stünden wir am Ufer eines braunen Flusses und angelten oder pinkelten in der Theaterpause an benachbarten Urinalen. Es gab nichts zu sagen oder zu sehen außer dem Blut, das der Regen bereits wegwusch. Die Spurensicherung hatte am Tatort mit Nummern versehene Schildchen verteilt. Am Zaun jenseits des Absperrbands sah ich einen in Papier eingewickelten Strauß Blumen, der traurig rosa auf dem Beton lag und allmählich nass wurde.

Ich war fertig und bereit, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Bevor ich ging, drehte ich mich zu dem einsamen Polizisten um. »Wenigstens machen Sie satt Überstunden.« Sein Kaffee stammte aus dem neuen Lokal auf der anderen Straßenseite, und das frech-niedliche Logo auf dem Becher passte so wenig hierher, dass es fast blasphemisch wirkte. Er gab so etwas wie ein Lachen von sich. Er wirkte jung, unverschämt jung – wie ein Elftklässler aus dem Vorort, der in Uniform seine ersten Schritte in der großen Stadt machte. Und doch trug er eine Miene zur Schau, die ich in den nächsten Tagen öfter sehen sollte und die zu besagen schien: »Ach du Scheiße, jetzt geht’s wieder los –«

»Ach du Scheiße, jetzt geht’s wieder los«, sagte ich laut zu mir, als ich Bushwick Richtung Westen verließ. Ich drehte am Knopf des Autoradios auf der Suche nach einem Nachrichtensender, weil ich wissen wollte, ob sie bereits etwas zu Georgina Reed brachten zwischen den neurotischen Wiederholungen von Wettervorhersagen, Verkehrsmeldungen, Monica Lewinsky und Werbespots für Lebensversicherungen, Autos mit Sicherheitsfunktionen und Medikamente, zu deren Nebenwirkungen trockener Mund, blutiger Stuhl, Übelkeit und Tod gehörten. Die Welt war gefährlich geworden. Man konnte nicht vorsichtig genug sein.

Auf der Atlantic Avenue war wenig Verkehr, und die Leere und Stille in diesen frühen Morgenstunden leerte auch meinen Kopf und brachte ihn zum Schweigen, und es war angenehm, ein paar Blocks lang nichts zu denken. Nach den paar Blocks dachte ich wieder an die große Frau mit den blassgrünen Augen und den hellroten Haaren. »Zu hübsch für eine Staatsanwältin«, sagte ich mir. »Vielleicht ist sie vom FBI.« Ungefähr das dachte ich, als die Nachricht kam:

– in Bushwick erschossen. Laquan Dewberry, ein siebzehnjähriger Einwohner von Brooklyn, überfiel einen kleinen Supermarkt und griff den Kassierer tätlich an, bevor er mit einem Strauß Blumen und einem Schokoriegel flüchtete. Ein paar Querstraßen weiter wurde er von der Polizei gestellt. Laut Polizei hat Dewberry eine Waffe gezogen und sie auf eine Polizistin gerichtet, die ihm daraufhin in die Brust geschossen hat. Dewberry war sofort tot. Ein weiterer Jugendlicher wurde wegen Mittäterschaft an dem Raubüberfall festgenommen. Jetzt zum Sport –

»Raquan«, schimpfte ich in der kurzen Pause, bevor ich die Lautstärke runterdrehte und das Radio schließlich ganz ausschaltete. Nach einer Meile fragte ich mich: »Was für ein Schokoriegel?« Ich hatte Hunger, aber auf diesem Abschnitt der Atlantic Avenue hatten zu dieser Stunde nur Tankstellen und Reifenwerkstätten offen, wobei es tagsüber auch nicht viel besser aussah. »Bestimmt ist sie vom FBI«, sagte ich nach einer weiteren halben Meile. Die große Frau in der grauen Jacke hatte einfach zu viel Klasse für einen unterklassigen Job bei der Staatsanwaltschaft Brooklyn, aber die Vorstellung, dass das FBI bereits seine Messer wetzte, ließ mich erschauern. Ich ging die Staatsanwälte durch, die ich kannte. Es waren verdammt wenig, wurde mir klar, und ich kannte keinen gut genug, um ihm eine Geburtstagskarte zu schicken. Wenn möglich, hielt ich mich vom Gebäude des Bundesgerichts an der Cadman Plaza fern. Es war nicht meine Welt. Im Bundesgericht trug jeder Krawatte. Keiner hatte einen Brooklyner Zungenschlag. Niemand, der herumschrie, halb verwaist daliegende Flure, kein Marihuanageruch, keine in Kinderwagen brüllenden Babys, keine Schlägereien zwischen gegnerischen Parteien, Zeugen und Freundinnen. Das Bundesgericht war einfach anders. Das Bundesgericht war sauber.

Mein natürliches Habitat war der Kings County Supreme Court, das ein Stück weiter um die Ecke lag, und zwar auf der falschen Seite der Bahngleise. Brooklyn Supreme war weniger sauber, aber wenigstens real. Im Brooklyn Supreme gab es nicht diese popeligen Bundesklagen wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche und all dem anderen Reiche-Leute-Kram. Im Brooklyn Supreme gab es die Verbrechen, die einen wütend machten – Raub, Vergewaltigung, Randale. Morde machten einen auch wütend, weshalb es mir ein Rätsel war, warum die Bundesbehörde sich Reeds annahm, aber ich war müde und dachte schon an Blumen.

Ich hatte Raquan Dewberry auf dem Gehsteig liegen sehen, auf einem Polaroid in der Totale und auf einer Nahaufnahme von seinem Gesicht, auf dem seine Zungenspitze rosa hervorlugte wie bei einer mustergültigen Leiche, die nur darauf wartete, dass ihr ein schwarzer Balken über die Augen gelegt wurde. Dewberry war ein großer, dicker Junge mit einem harten Gesicht gewesen, das der Tod noch härter gemacht hatte. Man sah ihm an, dass er jeden Tag seines Lebens gegen geschlossene Türen gerannt war, und dennoch war er immerhin siebzehn geworden, was in manchen Vierteln eine Leistung war, auf die Mom stolz sein konnte. Dass Raquan Dewberry einen Schokoriegel klaute, oder auch neun Schokoriegel, kapierte ich ja noch, aber Blumen? Blumen passten nicht ins Bild. Und bei einem Mord war alles, was nicht ins Bild passte, verdächtig.

»Blumen.« Ich lachte laut. »Ich liebe Brooklyn.«

Garrity

Kapitel 4

Gemeinerweise wurde es Morgen, und ihre Seite des Bettes war kalt und leer. Barfuß tapste ich in Anzughose und eibekleckertem Unterhemd die lange, sehr lange Treppe hinunter und entdeckte Kat und Phillip am Ende des blauen Perserläufers. Sie standen vor der hohen Haustür und sahen mir gutmütig grinsend entgegen. Ausgesucht höflich schüttelte ich Phillip die Hand, wie wir es immer machten, seit ich seine ausgestreckte Gettofaust aus Prinzip ausgeschlagen hatte.

»Guten Morgen, Sir«, sagte er, ganz englischer Butler.

»Das wünsche ich Ihnen auch«, erwiderte ich.

Mittlerweile stocherte Kat mit der Grobheit, die nur eine Mutter ihrem Kind entgegenbringen durfte, seinen linken Arm in den Ärmel einer Regenjacke. Er war so zierlich wie Kat, ein Vögelchen, und hatte dieselben braunen Pariser Augen, dieselben Oslo-blonden Haare. Gestern Nacht hatte sie mich von der Tür ihres Brownstone-Palastes in Park Slope in so etwas wie einem Negligee aufgelesen, auf dem überraschten Gesicht ehrliche Freude, und gesagt, ich solle schnell reinkommen, ich sei ja tropfnass, bloß raus aus dem Regen et cetera. Daraufhin hatte sie mich bis auf die Unterwäsche ausgezogen, Spiegeleier gemacht und mich schließlich ins Bett gebracht, wo mich tiefer Schlaf empfing.

»Wir machen heute in Gemeinschaftskunde ein Quiz!«, sagte Phillip aufgeregt.

»Ich auch«, erwiderte ich.

»Auf dem Tisch liegt die Zeitung«, sagte Kat mit einem anklagenden Augenblitzen.

»Titelseite?«

»Lokalteil. Untere Hälfte.«

»Da wird sich Garritys Kolon freuen«, sagte ich.

»Was ist ein Kolon?«, fragte der Junge.

»Ein Satzzeichen.«

»Stimmt doch gar nicht! Mein Grandpa hat ein Kolon!«

»Warte, ich zeig’s dir«, sagte ich und zwickte ihn über der linken Hüfte in die Seite, was einen Lachanfall auslöste. Er befreite sich, rannte mit seinem absurd großen Schulranzen, mit dem er wie ein Kinderastronaut auf dem Mond aussah, schwankend zur Tür hinaus und die Eingangsstufen hinunter. »Cheerio, mein Guter«, rief er mir zu.

Als Kat zwanzig Minuten später zurückkam, saß ich im Wohnzimmer auf dem rutschigen gelben Ledersofa. Sie beugte sich vor und gab mir einen innigen Kuss, ihre Wange war kalt. Für den Schulweg hatte sie sich mit einem rosa Kaschmirpulli und ockerfarbener Reithose gewohnt lässig-elegant gekleidet. Die Pfützen vom nächtlichen Regen reichten als Entschuldigung, grüne Gummistiefel und eine kurze Wachstuchjacke, die wie ein Campingzelt roch, überzustreifen. »Wir haben uns seit einer Ewigkeit nicht gesehen!«

»Genauer gesagt zwei Tage«, erwiderte ich. »Gelesen?« Der einspaltige Artikel erwähnte nur eine Polizistin, einen Jugendlichen und einen unverletzten männlichen Jugendlichen, der wegen eines Raubüberfalls in Polizeigewahrsam genommen worden war.

»Im Fernsehen ist es auch.«

»Ich schätze mal, vor der Schule schwappte die Empörung hoch.«

»Nein, niemand hat ein Wort darüber verloren«, erwiderte sie, »aber ich hatte es auch eilig zurückzukommen. Ich dachte, du würdest mir sonst weglaufen.«

An einem sonnig-kalten Oktobermorgen im vergangenen Jahr hatten sich einen Moment, so selten wie eine Sonnenfinsternis, unsere beiden Umlaufbahnen gekreuzt. Ich ging mit Magdalene im Park Gassi. Sie hatte angefangen, sich langsamer zu bewegen und die Pfoten behutsamer aufzusetzen, während sie mit hündischem Stoizismus in ihrem Körper die Tumoren trug, von denen ich nichts wusste. Kat begleitete ihre Nachbarin und deren zwei affige Corgis, deren ausladende Schenkel etwas Obszönes hatten, so wie Liberaces hochtoupierte Haare. Magdalene, die ein richtiger Hund war, strafte die beiden mit Verachtung, als wir an ihnen vorbeikamen. Kats Nachbarin war eine pensionierte Hippiefrau mit grauem Pferdeschwanz und aufgesprungenen Lippen und fragte, ob mein Hundi gutmütig sei. »Meine sind nämlich sehr gutmütig«, sagte sie. »Nicht wahr, ihr beiden? Ihr seid gutmütig!«

»Ich, äh –« setzte ich an, aber dann fiel mein Blick auf Kat und blieb dort hängen. Kat schien mich hinter ihren pechschwarzen Sonnenbrillengläsern interessiert zu betrachten. Um ihren herrlichen rosa Mund spielte ein winzig kleines Lächeln, das andeutete, dass wir ähnliche Ansichten über ihre Nachbarin, Hundis und die Welt im Allgemeinen hatten.

»Will er spielen?«, fragte die Nachbarin.

»Er ist eine Sie«, sagte ich, während der eine Corgi, der schneeweiße, ins Leere kläffte und der andere, der tiefschwarze, einen weichen Haufen ins Gras setzte. Magdalene begann an der Leine zu ziehen, um wegzukommen, egal wohin, während ich meine Augen nicht von Kat losreißen konnte und bleiben wollte. So fing es mit Kat an. Wir passten so perfekt zusammen, wie es zwei nicht zusammenpassende Menschen jemals konnten, nur manchmal war ihr anzusehen, dass sie sich fragte, warum um alles in der Welt sie sich gerade in mich verliebt hatte. Als ich einmal anbot, Phillip zur Schule zu bringen, lehnte Kat höflich und mit abgewendetem Blick hastig ab. Da wurde mir klar, dass mein Auftauchen auf dem Gehsteig vor der Schule, den eine Clique von Park-Slope-Müttern mit demselben Revierverhalten verteidigte wie in der Schulzeit ihren Mensatisch, zu viele Fragen aufgeworfen hätte. Ich verstand sie. Niemand würde uns je zusammenbringen, es reichte, wenn Kat und ich das taten.

Kat hatte gestern Nacht natürlich mitbekommen, wie ich Shawn Garrity im Schlaf eine Zusammenfassung der Ereignisse gab. Garrity leitete die Gewerkschaft, und ich hoffte, meine Wortwahl hatte Kats Gefühle nicht verletzt. Ein Gespräch über Georgina Reed wäre sicherlich nicht zu vermeiden, und darauf freute ich mich nicht. Wie ich über die Polizei, über den Job redete, regte sie auf. Kat hatte einen Abschluss in Soziolinguistik vom Bennington College, wo sie ohne jeden Sinn für Ironie studiert hatte, und letzten Samstag hatten wir postkoital den ganzen Vormittag über Faschismus gestritten, eine politische Philosophie, von der ich dachte, dass sie im Mülleimer der Geschichte gelandet war. Offenbar nicht, denn Kat beharrte darauf, dass er ein Faschist war, während ich die Meinung vertrat, dass er einfach eine kleine, von der Macht korrumpierte Laus war. Er, das war ein anonymer Streifenpolizist, der Kats in zweiter Reihe abgestellten gelben Benz von einem NYPD-Abschleppwagen abtransportieren ließ. Nebenbei war die Rede von unbezahlten Strafzetteln, deren Zahl sich, wie sich zeigte, auf siebzehn belief.

»Er ist kein Faschist, Kat.«

»Er ist ein Faschist«, sagte sie. Ich lag auf dem Rücken und zählte die Sternschnuppen an ihrer Schlafzimmerdecke, während sie barbusig im Schneidersitz dasaß und schon wieder mit ihrer kleinen zusammengeballten Faust nach mir ausholte. »Außerdem war er dick. Ein richtiger Fettsack.«

»Ein dicker Faschist. Er hieß nicht zufällig Göring, oder?«

»Woher soll ich wissen, wie er heißt, Will«, sagte sie. »Ich habe nicht nach seinem Namen gefragt. Ich habe ihm nur gesagt, dass ich nicht sofort wegfahren könnte. Dass ich zuerst meine Sachen aus der Reinigung holen muss. Und Joghurt kaufen. Aber er hat mir nicht mal zugehört.«

»Wenn du mich fragst, deutet nichts darauf hin, dass er ein Faschist ist.«

»Worauf denn dann?«

»Dass er seine Arbeit macht.«

»Einmal Cop, immer Cop«, sagte sie. »Immer schlägst du dich auf ihre Seite. Ach Mensch, wo ist nur mein gelber Benz? Du musst ihn finden, Will! Kannst du nicht jemanden anrufen? Kannst du nicht meine Strafzettel verschwinden lassen?« Ich fing an zu lachen, was die Stimmung nicht verbesserte. »Was denn?«, fragte sie, und als ich nicht aufhörte zu lachen, schlug sie zu. Es tat weh.

»Du solltest einfach keine Strafzettel mehr sammeln, Babe.«

»Du kannst sie verschwinden lassen«, sagte sie. »Du bist ein Cop.«

»Ich bin kein richtiger Cop mehr. Ich habe vor einer halben Ewigkeit meine Waffe abgegeben.«

Sie überlegte kurz, dann wurde sie plötzlich ernst und gab ihr Kleinmädchengetue auf, von dem wir beide wussten, dass es Getue war – so wie auch mein Getue bloßes Getue war. »Erzähl mir noch mal, warum du nicht mehr bei der Polizei bist.«

»Ich bin noch bei der Polizei.«

»Du weißt schon, was ich meine.«

»Weil ich überzeugt war, dass ich verhaftet werden würde«, sagte ich wahrheitsgemäß, aber sie glaubte mir nicht.

»Ich muss dir was gestehen, Schätzchen«, erwiderte sie. »Ich habe wirklich keine Ahnung, was genau du machst, was dein Job bei der Polizei ist.«

»Soll ich dir was verraten?«, sagte ich und sah wieder an die Decke. »Ich weiß es auch nicht genau.«

In der Zentrale in der Fulton Street sagten alle geflissentlich Hallo, aber kaum war ich an ihnen vorbei, tuschelten sie weiter. Sheila fing mich vor der Tür zu meinem Büro ab. Sheila Simmons, meine Sekretärin, war sechs Jahre jünger als ich, aber schon länger als ich dabei, und mit schöner Regelmäßigkeit sagte sie mir, was ich tun sollte. Das musste sie häufig auch.

»Mr. Garrity will Sie sehen. Sofort, sagte er.«

»Seit wann ist er hier?«

»Er war vor mir da, Mr. W.«

Es war zwanzig vor zehn. Sheila traf normalerweise Punkt halb neun ein. Ich traf normalerweise Punkt zwanzig vor zehn ein, aber heute hätte ich es früher schaffen sollen, selbst mit nur drei Stunden Schlaf. Dank Kats rosafarbenem Einwegrasierer und einem Stück Seife war ich rasiert, aber auch da hätte ich mir mehr Mühe geben sollen. In dem verknautschten und regenfleckigen Anzug von gestern sah ich aus, als hätte ich kapituliert. Sheila hielt einen Packen Telefonnotizen in der Hand, den sie mir kommentarlos in die Hand drückte, bevor sie abzog. Ich schloss meine Tür und blätterte die Zettel noch im Stehen durch. Sie waren alle von Presseleuten. Bitte um Rückruf. Dringend. Ja, klar. Einige der Namen kannte ich und legte die Zettel beiseite, den Rest warf ich in den Papierkorb. Dann warf ich auch die anderen in den Papierkorb.

Die Sache kam ins Rollen. Auf der Herfahrt hatte ich – wider besseres Wissen – Nachrichten gehört. Vor dem 83. in der Knickerbocker Avenue versammelten sich die ersten Demonstranten. Aber im Vergleich zu dem, wie viele es werden würden, war das nichts, vereinzelte Tropfen an einem sonnigen Tag, die ein Gewitter ankündigten. Es waren die ewig gleichen Gestalten mit den ewig gleichen Schildern, stets in Bereitschaft, um gegen den neuesten Missstand oder die neueste Gräueltat zu protestieren. Erzbischof Basil Bumpurs und seine Gemeinde würden dort sein. Das waren sie immer. Aber die waren wenigstens höflich. Wir ließen sie unsere Klos benutzen und brachten ihnen Kaffee, wenn es kalt war. Und wenn sie skandierten Seid auf Draht, wir woll’n kein’ Polizeistaat!, nahm das keiner von uns persönlich.

Kat war an diesem Morgen netterweise nicht mehr auf Georgina Reed zu sprechen gekommen, obwohl sie garantiert etwas zu sagen hatte. Das hatte sie nämlich immer. Sie hatte sich zu meiner Apologetin erklärt und eine an mich gerichtete PR-Kampagne für mich gestartet, weil sie hoffte, mich davon zu überzeugen, dass ich nicht so schlimm war, wie ich dachte. »Wir stehen nicht auf unterschiedlichen Seiten«, verteidigte sie mich, »wir haben nur unterschiedliche Perspektiven.« Das heißt, wir wollten beide dasselbe, nämlich Gerechtigkeit, aber ihre Gerechtigkeit unterschied sich fast immer von meiner Gerechtigkeit, so wie unsere Gerechtigkeit sich von der Gerechtigkeit der anderen unterschied. Beispielsweise vergab Erzbischof Bumpurs an diesem Mittwoch Georgina Reed, während er gleichzeitig forderte, dass sie wegen Mordes angeklagt werden sollte. Wenn beispielsweise Bumpurs und seine Schäfchen mit ernster Stimme »Ohne Gerechtigkeit kein Frieden« intonierten, waren Kat und ich einer Meinung mit ihnen, auch wenn wir keine Ahnung hatten, was sie meinten. Und nicht zum letzten Mal fragte ich mich: Wenn Gerechtigkeit für den einen etwas anderes als für den anderen bedeutet, besteht dann ein Unterschied zwischen Gerechtigkeit und dem Versuch, sich angesichts einer beschissenen Situation einfach besser zu fühlen?

An diesem Morgen hielt Kat sich also zurück und kam nicht auf Georgina Reed zu sprechen. Stattdessen küsste sie mich viel, und bevor ich ging, sagte sie: »Ach, wie gerne würde ich jetzt mit dir im Park spazieren gehen. Es ist herrliches englisches Wetter. Ich hab sogar schon meine grünen Gummistiefel an.«

»Das habe ich bemerkt.«

»Du bemerkst alles«, sagte sie.

»Tu ich das?«

»Was mich angeht, schon. Was alles andere angeht, nicht unbedingt. Ich vermisse Magdalene«, sagte sie unvermittelt, und der Name ließ mich auf dem Weg zur Tür innehalten. »Wir sollten uns einen Hund anschaffen, Will.«

»Wir?«, fragte ich. »Ist das ein Antrag?«

»Was für eine Rasse war sie?«

»Zur Hälfte Labrador und zur Hälfte Presbyterianer.«

Wehmütig lächelte sie, ihr kleines Gesicht hübsch und frisch. »Weißt du noch, wie gern sie an solchen Tagen im Park im Matsch herumsprang und sich wie ein Ferkel darin wälzte? Und wir sie abspritzen mussten? Ich vermisse sie!«

»Sie war alt. Ihre Zeit war gekommen.«

»Das stimmt nicht«, sagte Kat wütend. »Warum sagst du das dauernd, Will?«

»Sie war elf.«

»Nur weil sie elf war, musste sie noch lange nicht sterben.«

»Sie hatte Krebs, Kat«, sagte ich. »Ich muss los. Ich bin spät dran.«

»Ich bin wütend.«

»Die Operation hätte achttausend Dollar gekostet. Acht Mille, Kat.«

»Das ist nur Geld«, sagte sie.

»So eine Summe lässt sich nicht rechtfertigen. Für einen Hund.«

»Sie war achttausend Dollar wert«, sagte sie so ernst, dass ich sicher war, sie würde gleich heulen. »Wenn man sie liebt. Und du hast sie geliebt.«

»Ich würde nicht sagen, dass ich einen Hund liebe. Ich liebe dich.«

»Du hast sie geliebt«, sagte sie. »Das weißt du.«

»Sie war ein guter Hund, aber sie war alt. Ihre Zeit war –«

»Ich weiß, dass du sie geliebt hast. Das weiß ich. Nachdem – nachdem du sie weggebracht hattest und betrunken warst, hast du mich gefragt, ob Hunde Seelen haben. Und du –«

»Ich muss jetzt wirklich los, Kat«, sagte ich. »Wir sehen uns heute Abend.«

»Tun wir das?«

»Vielleicht auch nicht«, sagte ich und beugte mich vor, um sie zu küssen und zu umarmen. Ich merkte, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellte, wie sie es wahrscheinlich als zwölfjährige Ballerina in Connecticut gemacht hatte. »Könnte sich ewig hinziehen, wenn ich es mir recht überlege.«

»Sie haben bestimmt eine Seele«, rief sie mir nach. Da war ich bereits die Treppe runter. Nebenan kniete ihre Nachbarin mit dem grauen Pferdeschwanz und den aufgesprungenen Lippen in ihrem handtuchgroßen Garten an der identischen Treppe und setzte Blumenzwiebeln. Gleich daneben waren ihre beiden Corgis hinter einem schmiedeeisernen Zaun dabei, sich gegenseitig zu vernaschen, schwarze Schnauze an weißem Schwanz, weiße Schnauze an schwarzem Schwanz, das perfekte Kugelwesen. Einer von ihnen wimmerte, als würde er in Flammen stehen.

»Mag sein«, antwortete ich und deutete auf die Corgis, »aber nicht alle –«

Kapitel 5

Ich ging den langen Flur entlang, der wie in einem Horrorfilm immer länger zu werden schien. Vor Shawn Garritys demonstrativ geschlossener Tür hatten sich ein paar andere Gewerkschaftler versammelt. Garrity war es immer wichtig, eine offene Tür zu haben, und es war ihm wichtig, dass alle das wussten. Die Männer drehten sich zu mir um, schüttelten den Kopf, als würden sie sich wundern, und machten Witzchen – Siehst irgendwie müde aus, Way – Lange Nacht? – Ich finde, du solltest mal ausspannen – Was hast du da? Dein Kündigungsschreiben?