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»Independence Day« meets »Top Secret!«
Tate hat den Scanner verloren, den er um jeden Preis schützen wollte und den sein Vater als unabdingbar für das Überleben der Menschheit ansah. Doch Tate ist vollauf damit beschäftigt, sich und Christina in Sicherheit zu bringen – vor Aliens und feindlich gesinnten Menschen gleichermaßen. Im Safe House seines Vaters stößt er auf einen Hinweis, der ihm klarmacht, was den Planeten wirklich bedroht. Bald verdichten sich die Zeichen, dass sein Gegner mächtiger und gefährlicher ist, als er dachte…
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2017
DER AUTOR
Foto: © privat
Walter Jury wurde in London geboren, arbeitet als Produzent in der Filmbranche und ist ein großer Fan der New York Giants. Scan und Burn sind seine ersten Jugendromane, die in Zusammenarbeit mit Sarah E. Fine entstanden.
DIE AUTORIN
Foto: © Rebecca Skinner
Sarah E. Fine ist ausgebildete Kinderpsychologin und lebt an der amerikanischen Ostküste. Sie hat bereits mehrere Jugendbücher veröffentlicht.
Bei cbt ist von den Autoren ebenfalls erschienen:
SCAN – Im Visier des Feindes (Band 1)
Mehr zu cbj/cbt auf Instagram unter @hey_reader
WALTER JURY SARAH FINE
BURN
DER ANFANG VOM ENDE
Aus dem Englischen
von Coralie Brandt
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1. Auflage
Erstmals als cbt Taschenbuch Januar 2018
© 2015 by Walter Jury
Published by Arrangement with
Walter Jury and Sarah Fine.
Die amerikanische Originalausgabe erschien
2013 unter dem Titel »Burn« bei
G. P. Putnam’s Sons, an imprint of
Penguin Young Readers Group Inc., New York.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Schlück GmbH,
30827 Garbsen.
© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe
by cbt Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Aus dem Englischen von Coralie Brandt
Lektorat: Andreas Rode
Umschlaggestaltung und Artwork:
© Isabelle Hirtz, Inkcraft
he · Herstellung: eS
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-13660-4V001
www.cbj-verlag.de
EINS
In meiner Welt sind die Dinge kompliziert. Zumindest im Moment. Gerade habe ich einen Walmart zerstört. Jeden Moment wird mein schlimmster Feind aus dem Vordereingang stürmen, wild entschlossen, mich niederzustrecken. Da ich ein paar Hundert Meter weiter schutzlos und verletzlich am Straßenrand stehe, wird er nicht lange dafür brauchen. Und das Ding, um das ich gekämpft habe, ist weg.
Die vergangenen drei Tage haben mein Verständnis von mir selbst und von diesem Planeten so drastisch verändert, dass ich mir nicht sicher bin, ob noch eine weitere schwierige Wahrheit in meinen Kopf reingeht. Alles, was ich weiß, fällt in meinem Kopf wild durcheinander:
Meine Mutter wird operiert. Wegen einer Schussverletzung. Sie kann mir nicht helfen.
Race Lavin, der Kerl, vor dem sie mich beschützen wollte – und der zufällig einer außerirdischen Rasse namens H2 angehört –, erlangt vermutlich genau jetzt in der Haushaltswarenabteilung das Bewusstsein wieder.
Seine Männer haben den Scanner mitgenommen, die Erfindung meines Vaters, die zwischen H2 und Menschen unterscheiden kann, das Gerät, von dem mein Vater sagte, es sei der Schlüssel zu unserem Überleben, das Teil, für das er gestorben ist. Und sein bester Freund George, dem ich vertraut habe, der mir helfen sollte, dieses Puzzle zusammenzusetzen, hängt ein paar Meter von mir entfernt über seinem Lenkrad. Der Sitz ist mit seinem Blut beschmiert. Noch ein Leben, das wir in unserem geheimen Krieg verloren haben.
»Tate, ich glaube, wir müssen gehen.« Christinas schmale Finger greifen nach meinem Handgelenk. »Ich höre Sirenen.«
Ich blinzele. Ein paar blonde Haarsträhnen wehen um ihr Gesicht, das zwar blass, aber auch voller Entschlossenheit ist.
»Ich weiß nicht, wohin wir …« Ich habe keine Ahnung, wohin wir gehen sollen. Meine Mom meinte, wir treffen uns am Krankenhaus, aber das scheint mir nicht sicher zu sein.
Gar nichts scheint sicher zu sein.
Christinas Griff wird stärker. »Wir müssen trotzdem los. Ich glaube, im Moment ist es gar nicht so wichtig, wo wir hingehen. Hauptsache, wir sind weg von hier.«
Ich werfe einen letzten Blick auf Georges von Kugeln durchlöchertes Auto. Ich hätte ja erwartet, dass es gepanzert ist; immerhin arbeitet er für die Waffenfirma Black Box. Aber selbst wenn der Wagen gepanzert wäre, hätte das bei der großkalibrigen Munition, die Races Agenten aus ihrem glänzenden schwarzen Hubschrauber abgefeuert haben, nichts genutzt. Unser jetziges Fahrzeug – eine geliehene Limousine aus dem Fuhrpark von Rufus Bishop und seiner inzestuösen, dem Überlegenheitswahn verfallenen Sippe – hätten sie wie Papier zerreißen können. In der Rückseite der Karre klafft bereits ein Einschussloch: ein Abschiedsgeschenk der Bishops für den Unfalltod von Aaron, Rufus’ ältestem Sohn.
Ich habe mir diese Woche viele Feinde gemacht. Außerirdische und Menschen.
Meine einzige Verbündete schleift mich gerade zurück zu unserem Auto. Ich muss so viele Dinge begreifen, so viele Dinge erledigen, aber als ihre Hand in meine gleitet, wird mir klar, dass ich Prioritäten setzen muss. Und ganz oben auf meiner Liste steht, sie zu beschützen. Ich setze meine Füße in Bewegung und trabe neben ihr her. Dann schwingen wir uns ins Auto und ich lenke den Wagen auf die Straße in Richtung Norden.
»Fahren wir zurück nach New York?«, fragt Christina.
»Ich weiß nicht«, sage ich heiser. »Ich muss in das Labor meines Vaters und herausfinden, woran er gearbeitet hat, aber ich hab irgendwie das Gefühl, dass die Agenten des Kerns nur darauf warten, dass ich dort auftauche.«
Die Führung der H2 hat in der Vergangenheit jegliche Bedrohungen ihrer Geheimnisse brutal unterdrückt – und ich bin garantiert eine, sogar ohne den Scanner. Bevor ich Race um sein Bewusstsein gebracht habe, hat er klargemacht, dass er nicht nur hinter dem Scanner her ist. Er wollte, dass ich ihm helfe, in das Labor meines Vaters zu kommen. Von wegen!
»Das Telefon von deinem Dad.«
Christinas Stimme reißt mich aus meinen abschweifenden Gedanken. »Was?«
Sie berührt mein Gesicht. »Es brummt in deiner Tasche, Tate«, sagt sie ruhig. »Wieso lässt du mich nicht fahren? Du musst über einiges nachdenken, da kann ich das doch übernehmen.«
Ich fahre vom nationalen Highway hinunter in eine Wohnsiedlung, wo ich vor dem öffentlichen Schwimmbad parke. Nachdem wir die Plätze getauscht haben, beuge ich mich zu ihr hinüber und küsse sie auf die Wange. »Ohne dich wäre ich in gewaltigen Schwierigkeiten«, sage ich und bereue es augenblicklich. Sie sollte überhaupt nicht hier bei mir sein. Ihre größte Sorge sollte sein, ob sie morgen die Abschlussprüfung in Chemie besteht.
Ich starre auf meine Hände hinab und kratze mit meinem Daumennagel ein paar rote Flecken ab. Das ist das dritte Mal in drei Tagen, dass Blut von jemandem an mir klebt, der mir wichtig ist. Diesmal ist es Georges Blut, doch beim letzten Mal … Ich schaue zu meiner Freundin hinüber. Unter ihrem dicken, welligen Haar verdeckt ein weißer Verband die genähte Wunde, die ihr die Kern-Agenten verpasst haben. Nicht einmal von der Gehirnerschütterung, die sie vor zwei Tagen davongetragen hat, konnte sie sich erholen. Sie hatte noch gar keine Gelegenheit dazu, weil wir fast nur auf der Flucht waren und kämpfen mussten, seit das passiert ist.
»Christina … du musst wegen deinem Kopf wirklich mal zum Arzt! Weißt du noch, was David Bishop zu dir gesagt hat? Du brauchst eine CT. Vielleicht solltest du …«
»Versuch’s gar nicht, Tate. Mir geht’s gut. Und ich kann deinem Gesicht ansehen, dass du großzügig sein und mich nach Hause schicken willst, aber das wird dir nicht gelingen. Ich stecke da mit dir zusammen drin und fertig. Zerbrich dir den Kopf lieber über was anderes, zum Beispiel darüber, wer da versucht, dich zu erreichen.« Sie runzelt die Stirn. »Oder wohl eher, wer da versucht, deinen Dad zu erreichen«, murmelt sie.
Ich ziehe Dads glattes, nicht zu ortendes Telefon aus meiner Tasche. »Jemand hat eine SMS geschickt.«
»Wer denn?«
Ich starre auf den schwarzen Briefumschlag auf dem Bildschirm. Daneben steht der Name »Raymond A. Spruance.« Als ich den schwarzen Umschlag antippe, öffnet sich ein Fenster, das ein Passwort abfragt.
»Ist das einer von den Fünfzig?«, fragt sie mit nervösem Unterton. Die Fünfzig sind eine Gruppe menschlicher Familien, die die Bedrohung, die vom Kern ausgeht, sehr gut verstehen. Sie verteidigen sich gegen die Alien-Elite, seit die H2 vor vierhundert Jahren mit ihren Raumschiffen im Meer notgewassert sind – als Flüchtlinge vor etwas wirklich Schlimmem, wenn man Race Lavin glauben will. Was ich nicht tue. Aber mein Vater, der im Vorstand der Fünfzig saß, hat mich gewarnt, ich solle mich vor ihnen in Acht nehmen, und damit hatte er absolut recht. Bislang haben zwei von ihnen versucht, uns umzubringen: Rufus Bishop und Brayton Alexander, Dads ehemaliger Chef.
»Ich weiß auch nicht, aber der Name …« Ich starre ihn an und krame in meiner Erinnerung. »Hier geht es nicht um die Fünfzig. Raymond A. Spruance war ein berühmter Admiral im Zweiten Weltkrieg.« Mein Herz nimmt seinen Takt wieder auf. Eine verschlüsselte, geheime Textnachricht von einem lange verstorbenen Admiral, dessen Schriften ich auf Anordnung meines Dads ausführlich studieren musste. »Was, wenn die Nachricht von meinem Dad ist?«, flüstere ich.
»Tate …«
An der Art, wie sie meinen Namen sagt, erkenne ich ihre Sorge, ich könne den Verstand verlieren. »Nein, hör mal zu. So etwas wäre genau sein Ding.« Jahrelang hat er mich Militärgeschichte lernen lassen. Außerdem Chemie, Physik, Ballistik, Jiu-Jitsu und einen Haufen anderer Dinge. Ich dachte ja, er wäre einfach nur krass drauf, aber er hat mich auf das hier vorbereitet, und jetzt muss ich mein Wissen anwenden. »Was, wenn er so was wie ein Nachrichtensystem entworfen hat? Für den Fall, dass ihm etwas zustößt?«
»Botschaften, die an sein eigenes Telefon geschickt werden?«
»Wer weiß, an wen diese Nachricht sonst noch ging?«
»Aber, Tate, wie sollte er denn ahnen, dass ihm etwas passiert ist? Und … er ist am Montag gestorben. Jetzt haben wir Donnerstag. Obwohl es sich anfühlt, als wäre es schon viel länger her«, ergänzt sie ruhig.
»Ich weiß. Doch irgendwas könnte das Nachrichtensystem ja gesteuert haben. Vielleicht, weil er sich in den letzten zweiundsiebzig Stunden nicht eingeloggt hat. Oder jemand hat in seine Systeme eingegriffen oder versucht, ohne Erlaubnis in sein Labor reinzukommen? Race hat mir ganz offen gesagt, dass der Kern da reinwill.« Ich setze mich auf und starre auf die Passwortabfrage. »Es öffnet sich nur, wenn man das Passwort kennt.«
»Kennst du es denn?«
»Nein, genau darum geht es ja. Ich könnte wetten, dass er es niemandem verraten hat.«
Obwohl: Vielleicht hat er das ja doch. Die letzten Worte, die er an mich gerichtet hat, waren: »Wenn die Zeit kommt, ist es Josephus.« In dem Feld für das Passwort sind acht kleine Abstände – so lang muss das Passwort sein. Mit zitternden Fingern tippe ich JOSEPHUS hinein.
Der Bildschirm leuchtet rot auf und der Quadrant oben links wird schwarz. »Scheiße.« Ich senke den Kopf und versuche, mein Herz dazu zu bringen, sich zu beruhigen. Ich muss nachdenken. Er hat die Nachricht nicht willkürlich unter dem Namen »Spruance« verschickt. Ich tippe 03071886, das Geburtsdatum von Admiral Raymond A. Spruance.
Wieder leuchtet der Bildschirm rot auf und diesmal wird der Quadrant unten links schwarz. Ich schätze mal, viele Versuche habe ich nicht mehr. Wenn ich nicht dahinterkomme, wird die Nachricht verschwinden, obwohl sie wichtig ist. Sie muss es sein.
Ich atme langsam und mit geschürzten Lippen aus, denke über Spruance nach. Sein Spitzname war »Electric Brain«. Langsam tippe ich ELECTRIC ein. Wieder ein roter Blitz und der Quadrant rechts oben wird dunkel. »Verdammt!«
Was ist nur los mit mir? Drei Versuche, an die Nachricht heranzukommen, habe ich schon in den Sand gesetzt, alle in weniger als einer Minute. Mehr als vier habe ich sicher nicht. Ich müsste wie mein Vater denken, stattdessen denke ich wie … ich. Mein Dad hat dafür gesorgt, dass ich alles über mindestens hundert wichtige Schlachten lerne, die sich im Laufe der Jahrhunderte ereignet haben, aber er bewunderte vor allem Spruance, weil der Typ inmitten des Chaos einen kühlen Kopf bewahrt hat, und das brachte ihm Dads höchste Wertschätzung ein. Spruance war an der Schlacht um Midway beteiligt und hat hinterher eine Medaille für besondere Verdienste erhalten, insbesondere für seine Ausdauer und Hartnäckigkeit, wie es anlässlich der Ordensverleihung hieß. Dad wollte, dass ich diesen Teil der Laudatio auf Spruance auswendig lerne: Ausdauer und Hartnäckigkeit. Und das Passwort hat acht Zeichen.
Ich halte die Luft an und tippe AUSDAUER ein.
Der Bildschirm leuchtet grün auf. Eine Nachricht erscheint:
Gebrochen haben mag es auch mich; beugen werde ich mich ihm nie. Und nur für den Fall: Margaret Dean, ich habe dich immer geliebt.
»Was steht drin?«, fragt Christina und legt die Stirn in Falten, als ich es ihr sage. »Bist du sicher, dass das von deinem Dad kommt?«
Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter. »Ja. Der erste Teil ist ein Zitat. Abraham Lincoln hat das gesagt.«
Mein Gott, es ist, als hätte mein Dad seinen eigenen Tod vorhergesagt. Vor allem, weil …
»Margaret Dean war Raymond Spruances Frau. Ich denke, mein Dad bezieht sich auf meine Mom. Ich frage mich, ob sie die Nachricht auch erhalten hat.«
Es wird ihr das Herz zerreißen, wenn sie Zugang dazu bekommt, und so klug, wie sie ist, würde ich wetten, dass sie es rauskriegt.
»Was versucht er dir mitzuteilen?«
Dad hat immer vorausgeplant. Fünf Schritte voraus, hatte Rufus Bishop mir erzählt. »Christina, ich glaube, wir müssen nach Kentucky.«
Sie lacht. »Was?«
»Immer, wenn Dad mich eine bestimmte Person studieren ließ, zum Beispiel einen General oder einen Präsidenten oder sonst wen, dann hat er mir gesagt, ich solle ganz an den Anfang zurückgehen, denn erst, wenn ich verstanden hätte, wo ein Mensch herkommt, könne ich auch verstehen, was seine Gedanken geformt hat.«
»Und Spruance wurde in Kentucky geboren?«
»Nein. Er wurde in Baltimore geboren. Aber das Zitat stammt von Lincoln und Dad hat nie etwas dem Zufall überlassen. Er versucht, mir – und vielleicht auch meiner Mom – zu sagen, dass wir ihn treffen sollen …« Ich balle die Fäuste. »Er versucht, uns mitzuteilen, dass wir zu Lincolns Geburtsort gehen sollen. Und das heißt: nach Hodgenville in Kentucky.« Ich gebe den Ortsnamen in das Navi auf Dads Handy ein. »Wir brauchen ungefähr acht Stunden bis dahin.«
»Dann müssen wir tanken.«
Ich fluche. »Meine Karte können wir nicht benutzen. Sonst wüsste der Kern ganz genau, wo wir gerade sind.«
Christina lächelt grimmig. »Wie gut, dass ich dem Professor ein bisschen Bargeld geklaut habe.« Sie zieht sein Portemonnaie aus der Tasche ihrer Jogginghose und gibt es mir. Es ist ein teuer aussehendes Lederteil mit den Initialen CW. Charles Willetts. Ein Freund meiner Mutter, der sich als Feind entpuppt hat, obwohl ich nach wie vor nicht ganz sicher bin, auf wessen Seite er eigentlich stand. Er hat sich nie gescannt, und im Nachhinein frage ich mich, ob er es mit Absicht vermieden hat. Vermutlich war er ein H2, aber er wollte den Scanner von ihnen fernhalten. Stattdessen hatte er vor, ihn George zu geben, obwohl sie scheinbar auf unterschiedlichen Seiten standen.
Ich werfe einen Blick in das Portemonnaie. »Das sind mindestens hundert Dollar. Damit kommen wir hin.« Ich hebe den Kopf. »Hat er dir wehgetan?«
Sie presst die Lippen zusammen, bevor sie antwortet. »Nur ein bisschen. Er … er wurde echt seltsam, nachdem du weg warst, Tate.« Sie schaudert. »Er hat am Halsausschnitt von meinem Shirt gezogen und gesagt, er muss meine Haut berühren …«
Ich nehme ihre Hand und wünsche mir, ich könnte Willetts, diesen ekelhaften, alten Kerl, finden und umbringen. Sie drückt meine Finger und sagt: »Er wurde abgelenkt, als jemand anfing, gegen die Tür zu schlagen. Da hab ich mir die Waffe geschnappt und ihm eins übergezogen. Dann hab ich sein Portemonnaie genommen und bin losgerannt.«
»Wie bist du rausgekommen?«
»Genau wie du, der Delle nach zu urteilen, die du in dem Jeep auf dem Parkplatz hinterlassen hast. Es war verrückt, die ganzen Krankenwagen und alles. Sogar ein Helikopter ist auf dem Rasen vor dem Rundbau der Uni gelandet. Es herrschte ein solches Chaos, dass ich unbemerkt entkommen konnte.«
Und sie hätte überall hingehen können. Sie könnte mittlerweile schon auf halbem Weg nach New York sein. Trotzdem ist sie direkt zu mir gekommen. Ich streiche über ihre Hand. »Du bist umwerfend.« Und ich liebe sie. Das habe ich ihr letzte Nacht auch gesagt, doch dann stellte sich heraus, dass sie tief und fest geschlafen hat. Ich will es ihr noch mal sagen, aber ich will auch, dass es der richtige Augenblick ist. Vorzugsweise, wenn wir gerade nicht um unser Leben rennen.
Christina schaltet das Radio an und stellt den Sender ein, auf dem ihre nach Kirsche schmeckende Popmusik läuft. Ich lehne mich zurück und gestatte mir den Luxus, sie anzustarren, während sie vor sich hinsingt. Wir fahren die Straße hinunter in Richtung einer winzigen Stadt mitten in Kentucky, die, so hoffe ich, der Standort eines sicheren Unterschlupfs meines Vaters ist. Aber wenn ich Dads Wesen richtig verstehe, dann wird es nicht nur ein Ort sein, an dem wir uns verstecken können. Es gibt einen Grund, wenn er uns so eine Nachricht schickt. Er muss eine bestimmte Absicht damit verfolgen, uns zu genau diesem Ort zu führen. Es ist nicht New York, und erst recht nicht sein Labor, aber ich hoffe, wenn wir erst einmal da sind, erwarten uns dort ein paar Antworten.
ZWEI
In meinem Nacken bildet sich Schweiß, als am späten Nachmittag die Sonne auf uns herabbrennt. Christina bewegt sich ein wenig und versucht, möglichst kein Geräusch dabei zu verursachen. Wir kauern hinter einem der vielen Apfelbeerbüsche in einem großen Hof, zu dem wir von der Schotterstraße aus ein paar Hundert Meter weit gelaufen sind.
Vor uns befindet sich eine Baracke. Eine echte Baracke, meine ich. Faulige Dachschindeln, gesprungene und zerbrochene Fensterscheiben, die Vordertür hängt schief in den Angeln. Nirgendwo ein Lebenszeichen, doch das heißt nicht, dass wir nicht vorsichtig sein müssen. Kaum waren wir in der Stadt angekommen, sind wir auch schon zum Geburtsort von Lincoln gefahren, aber beim Anblick des Nationalparkschildes wusste ich, dass mein Dad so einen Ort nicht für einen sicheren Unterschlupf gehalten oder gar als Treffpunkt ausgewählt hätte. Also fuhren wir zum Rathaus von Hodgenville und sahen uns die Grundstückseintragungen an. Nirgends fanden wir Dads Namen. Genauso wenig wie Moms. Oder meinen. Aber einen Namen kannte ich dann doch: Ein Raymond A. Spruance hat vor zwei Jahren ein Grundstück in einem Außenbezirk der Stadt gekauft und da sind wir nun.
»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, flüstert Christina.
Ich schaue zu ihr hinüber. Sie sieht todmüde aus und sehnt sich sicher danach, heiß zu duschen, gut zu essen und lange zu schlafen. So geht es mir zumindest. »Wenn es nicht das hier ist, fahren wir zurück zu dem Hotel, an dem wir vorhin vorbeigekommen sind, okay? Aber lass uns erst mal nachsehen. Komm schon. Ich glaube nicht, dass hier jemand ist.«
Wir kommen hinter den Büschen hervor und überqueren den Hof, dann erklimmen wir vorsichtig die wackeligen Stufen, bis wir in den Schatten des Vordachs treten. Ich gehe voran, als wir uns durch die Tür in die Baracke hineinquetschen. Der Fußboden ist staubig und kahl … abgesehen von einer alten Socke, die in einer Ecke liegt. Ich laufe zu ihr rüber und fange an zu lachen, als ich die Musiknote sehe, die am Knöchel eingestickt ist.
»Was ist los?«, will Christina wissen, während sie zu mir rüberkommt.
Ich zeige auf die Musiknote auf der Socke. »Wusstest du, dass es einen berühmten Komponisten namens Frederic Archer gab?«
Sie schlingt die Arme um meine Taille. »Also ist das hier definitiv das Haus deines Dads, oder?«
»Ja, das muss es sein«, sage ich mit angestrengter Stimme. Ich stehe genau auf der Socke und schaue mich um, was mir dieser Aussichtspunkt zeigt. Es gibt hier keine Möbel, nur einen offenen Raum mit zwei geschlossenen Türen an der Rückseite, die vielleicht zu einem Schlafzimmer und einer Küche führen. Es ist nirgendwo etwas an die Wand oder die Decke geschrieben – Moment. In das hölzerne Brett direkt über meinem Kopf ist ein rostiger Nagel geschlagen worden. Ich greife nach oben und drehe ihn, bis er sich löst und sich meine Atmung beschleunigt.
Nichts passiert. Ich blicke auf den verbogenen Nagel hinab, der meine Finger mit Eisenoxid orange gefärbt hat. Er war direkt über meinem Kopf. Direkt über der Socke. Ich kicke das zerlumpte Ding beiseite, wodurch ein kleines Loch im Boden zum Vorschein kommt. Ich knie mich daneben hin und stecke dann, meinen Instinkten folgend, den Nagel in das Loch. Er passt hinein und ein tiefes Brummen kriecht meinen Arm hoch. Christina klammert sich an meine Schulter, während das Haus wackelt und sich die Tür zu meiner Linken entriegelt und einen Spaltbreit öffnet. Ich stoße sie gerade rechtzeitig ganz auf, um zu sehen, wie sich der Zimmerboden öffnet und den Blick auf eine Metalltreppe freigibt, die hinab in die Dunkelheit führt.
Ich stehe auf und ergreife Christinas Hand. »Definitiv Dads Haus.« Ich fühle beinahe so etwas wie Ehrfurcht und bin zugleich zu Tränen gerührt. »Komm mit.«
Gemeinsam steigen wir die Stufen hinunter, tasten uns mit den Handflächen an kühlen Betonwänden entlang. Ich spüre ein weiteres Brummen, bevor ich es höre, und schaue nach oben, wo sich der Boden wieder über der Treppe schließt und uns in absolute Finsternis taucht. Christina berührt mich an der Taille und ich schlinge meinen Arm um sie. »Schon gut. Streck einfach eine Hand aus, damit du nicht gegen eine Wand läufst.«
Während wir in tiefschwarzer Dunkelheit herumtasten, gehen wir einige Stufen weiter und erreichen den Boden. Meine Hand streift eine Metalltür, und ich erfühle eine Tastatur, die unter meiner Berührung sofort aufleuchtet.
»Bitte sag, dass du das Passwort kennst«, fleht Christina.
»Könnte sein.« Mein Herz schlägt einen zittrigen Rhythmus in meiner Brust, als ichJOSEPHUS eintippe.
Das Eingabefeld brummt und sendet einen kleinen Elektroschock aus. Mit einem Schrei reiße ich meine Hand zurück und schüttele den Schmerz aus meinen Fingern. »Ich schätze mal, das war es nicht«, nuschele ich und spüre, wie sich Enttäuschung in meinen Gliedern breitmacht. Gottverdammt. Schon wieder eine Sackgasse. Dad hätte nicht seinen letzten Atem an diesen Namen, an diese Botschaft verschwendet, wenn er nicht wichtig wäre. Also was zum Teufel meinte er damit? Ich beiße die Zähne zusammen. Im Moment ist es kaum von Bedeutung, denn ich sitze gemeinsam mit meiner Freundin in der Falle, im Keller einer Baracke mitten im verdammten Nirgendwo. Hier und jetzt geht es nur darum, herauszufinden, wie das richtige Passwort lautet.
Ich versuche es mit AUSDAUER. Schock. SPRUANCE. Schock. SCANNER. »Scheiße!« Ich trete zurück, wobei das schmerzhafte Kribbeln durch meine Finger strömt.
Christinas Atem in meinem Ohr fühlt sich warm an. »Jetzt mal langsam. Denk erst mal ein paar Minuten nach. Uns geht es gut. Im Moment ist niemand hinter uns her. Es ist alles okay.« Ihre Arme sind eng um meine Taille geschlungen, als würde sie versuchen, mich aufrecht zu halten. »Hast du schon Passwörter ausprobiert, die er in der Vergangenheit benutzt hat?«
Ich blinzele auf die fiese Tastatur hinab. Beinahe kann ich das grimmige Kichern von Dad hören. Der Schock haut mich nicht um, sondern ist bloß grässlich schmerzhaft. Genau wie Dads Kritik. Ich atme aus und tippe dann langsam den zweiten Vornamen meiner Mutter ein, einen seiner Favoriten trotz des offensichtlichen Sicherheitsrisikos. Und tatsächlich … kein Schock. Die Tür klickt und schwingt auf. Mehrere Lampen und Deckenleuchten erhellen den Raum; ich vermute, durch Bewegung aktiviert.
»Wow«, murmelt Christina, als wir eine Wohnung betreten, und drückt damit auch perfekt meine Gefühle aus.
Hier sieht es genauso aus wie in unserer New Yorker Wohnung, nur ohne Fenster. Dieselben Möbel. Dieselbe Anordnung. Sogar ein paar der Familienfotos. Das Einzige, was fehlt, ist mein Zeug, das über den Couchtisch verstreut liegt. Ich schließe die Metalltür hinter uns und gehe in Richtung Küche. Und tatsächlich, als ich den Kühlschrank öffne, entdecke ich mehrere Packungen von Gericht Nummer zehn. 250 Gramm Wachtelbohnensuppe mit magerem Schinken. Vier Weizencracker. 60 Gramm getrocknete Ananas, Banane und Mango. 60 Gramm gemischte Nüsse. »Hunger?«, frage ich Christina, indem ich zwei davon raushole.
»Danke«, sagt sie, während sie sie entgegennimmt. »Willst du mir nicht mal erzählen, wie es dir mit alldem geht? Es ist so merkwürdig.«
Ich zucke mit den Schultern. »Nicht für meinen Dad. Wenn ich richtigliege, hat er hier auch ein Labor. Das muss ich mir ansehen, aber lass uns erst mal essen. Du siehst aus, als ob du jeden Moment umkippen würdest.«
Wir setzen uns an den Tisch, und während ich meinen üblichen Platz einnehme, denke ich an das letzte Mal, als ich da gesessen habe. Das letzte Mal, dass ich meinen Dad so gesehen habe, wie er sein sollte, gekämmt und gehetzt und sauer auf mich. Wir haben mit George gefrühstückt und sie haben über die Weltbevölkerung gesprochen. Darüber, dass die Zahlen aus Dads Berechnungen sich schneller verändert haben, als absehbar war. Inzwischen weiß ich, dass Dad der Meinung war, dass es jeden Tag mehr H2 und weniger Menschen gibt. Aber es gab auch Anomalien – nämlich vierzehn. Und wenn ich daran denke, wie Georges Haut unter dem Licht des Scanners orange aufleuchtete und nicht rot oder blau wie bei allen anderen, dann muss ich mich fragen, ob er vielleicht eine dieser Anomalien war. Ich wünschte, ich wüsste, was es mit diesen Anomalien auf sich hat.
Nachdem wir fertig gegessen haben, versuche ich, meine Mom anzurufen, aber es springt sofort die Mailbox an. Ich schicke ihr eine Nachricht: SICHER. Bald telefonieren? Hoffentlich versteht sie, was ich meine. Und falls sie Dads Nachricht auch erhalten hat, weiß sie vielleicht sogar, wo wir sind. Dennoch will ich jetzt sofort ihre Stimme hören, denn ich muss einfach wissen, dass es ihr gut geht. Ich kann nur hoffen, dass sie im Krankenhaus in Sicherheit ist und sich von ihrer Narkose erholt – und nicht dem Kern in die Hände gefallen ist. Vielleicht ist Angus McClaren mit dem Flieger aus Chicago gekommen, um ihr zu helfen. Sie hat gesagt, sie wären befreundet. Ich mag den Gedanken nicht, dass sie allein und verletzlich ist – vor allem deshalb, weil ich sie so zurückgelassen habe. Nachdem ich ein paar Minuten auf eine Antwort gewartet habe, fange ich an, mich in der Wohnung umzusehen. Sie sieht genau aus wie mein Zuhause in New York, aber es gibt kein Anzeichen dafür, dass mein Dad jemals hier war – bis auf die Tatsache, dass der Kühlschrank gefüllt ist.
Zuletzt gehen wir eine weitere Treppe nach unten, wo wir eine Tür vorfinden, die genau wie die zu Dads Labor aussieht. Bloß: Ich hab Dads Fingerabdruck nicht bei mir. Der liegt in einer Plastikbox in meinem Zimmer in New York. Erschöpft lehne ich mich gegen die Wand. Ein weiteres beschissenes Puzzle, das ich zusammensetzen muss.
»Tate, ich hab das Gefühl, es ist schon spät«, murmelt Christina.
Ich will das gerade bestreiten, als mir die Schatten unter ihren Augen auffallen. Ich nehme Dads Telefon in die Hand. Es ist erst acht, obwohl es sich wie weit nach Mitternacht anfühlt. »Ich weiß, was du meinst. Das kann bis morgen warten. Lass uns eine Runde schlafen.« Wir sind schon seit vier auf den Beinen und letzte Nacht hab ich höchstens zwei Stunden geschlafen.
Nachdem wir geduscht haben, finde ich in einem der Schlafzimmer ein paar Klamotten in einer Schublade – Klamotten, die mir passen. Es ist, als hätte Dad gewusst, dass ich herkommen würde. Mit feuchten Haaren und schweren Gliedern lassen wir uns auf meinem Bett nieder. Ich bin erleichtert, dass Christina nicht woanders schlafen will, denn ich brauche sie hier, neben mir. Sie bettet ihren Kopf auf meine Schulter, legt einen Arm auf meine Brust und macht es sich gemütlich. »Danke«, flüstere ich.
Ich bin ihr für so vieles dankbar: dafür, dass sie das Wertvollste ist, was ich momentan auf der Welt habe. Dafür, dass sie zu mir steht.
Sie drückt mich, als hätte sie jeden meiner Gedanken gehört, und dann schlafen wir allmählich ein.
Nach Luft schnappend wache ich auf und reiße mich aus einem Traum, in dem mir mein Vater Eiswasser über das Gesicht schüttet. Ich greife nach seinem Telefon und sehe, dass es vier Uhr morgens ist – die Zeit, zu der er mich normalerweise für mein Training geweckt hat. Bei der Erinnerung daran zucke ich zusammen, winde mich langsam unter Christina hervor, lege ihren Kopf auf das Kissen und erlaube mir, ihre Wange zu streicheln, bevor ich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schleiche. Ich muss in sein Labor. Vielleicht hat er mir etwas hinterlassen. Er hatte Essen im Kühlschrank, Klamotten für mich in den Schubladen. Er war darauf vorbereitet, dass ich kommen würde. Ich tappe die Stufen zum Labor hinunter und starre auf den Zugangsmechanismus. Ein Fingerabdruck-Scanner. Aus einem Impuls heraus drücke ich meinen Daumen darauf.
Und dann erschrecke ich, als der Bildschirm grün wird und anzeigt: Willkommen, Tate. Passwort?
»Ich hab keine Ahnung, was das Passwort ist«, grummele ich. Aber … mein Dad wollte, dass ich hier reinkomme. Er hat es so programmiert, dass es meinen Fingerabdruck akzeptiert und nicht nur seinen eigenen. Und dann kommt mir ein Gedanke: Was, wenn ich nicht der Einzige bin, der hacken kann? Er hatte ja keine Ahnung, dass ich in seine Systeme eingedrungen war, aber was wäre, wenn er auch in meine eingedrungen wäre? Zittrig vor Eifer tippe ich das letzte Passwort ein, das ich zu Hause benutzt habe, um Zugang zu meinem Server zu erhalten. Es funktioniert. »Du gerissenes Arschloch«, flüstere ich und kichere in mich hinein. »Du musst dich für ziemlich clever halten.« Das zu sagen, fällt mir nicht leicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn so vermissen würde.
Das kühle Innenleben des Labors verursacht eine Gänsehaut auf meinen Armen, für die nicht allein die Temperatur verantwortlich ist. Wieder handelt es sich um eine Kopie von Dads Labor in New York. An den Wänden hängen zum Teil dieselben Waffen. Die Vertrautheit ist ernüchternd und reicht bis zu dem Bildschirm auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, von dessen schwarzem Hintergrund sich mittig drei Zahlen abheben:
2.943.287.999
4.122.239.861
12 (?)
Die untere Zahl … war doch ursprünglich mal eine 14. Jetzt sind es zwei Anomalien weniger. Wieder denke ich an George und daran, dass er orange aufgeleuchtet hat. Alle anderen hatten entweder rot für H2 oder blau für menschlich geleuchtet. War er einer von den zweien, die jetzt weniger angezeigt wurden? Hat mein Dad einen Satelliten, der die Erde umkreist und die Bevölkerung scannt? Ich wette, das ist es. Ich weiß bloß nicht, wieso. So interessant sind Bevölkerungszahlen ja nun auch nicht. Diese Werte konnten ihm nur verraten, was er ohnehin schon wusste, nämlich dass die H2 uns zahlenmäßig fast zwei zu eins überlegen sind. Doch die meisten H2 halten sich für Menschen, und der H2-Kern will, dass das so bleibt. Auch mein Dad schien ziemlich darum bemüht zu sein, die Technologie geheim zu halten. Warum also hat er alle gescannt? Und was stellen diese Anomalien dar? Mischformen können es nicht sein, denn wenn sich Menschen und H2 fortpflanzen, entsteht ein weiterer H2, was der Grund dafür ist, weshalb die Bevölkerungszahlen so sind, wie sie sind. Ist das also … so was wie der nächste Schritt in unserer Entwicklung?
»Ich dachte mir schon, dass ich dich hier unten finde«, höre ich Christina sagen. Sie schaut durch die geöffnete Tür. Ihr Haar strömt über ihre Schultern. In meinen Klamotten sieht sie umwerfend aus. Oder vielleicht ist es auch bloß die Tatsache, dass sie überhaupt hier ist.
»Guten Morgen«, sage ich, während ich meinen Blick von ihrem Körper losreiße und mich im Raum umschaue. Und kaum, dass ich das tue, sehe ich es: etwas, das es im Labor zu Hause nicht gab. Auf dem Schreibtisch in der Ecke liegt ein Notizblock. Ich laufe hin und schlucke meine Hoffnungen runter. Es ist ein schlichter Stenoblock, vollgekritzelt mit Berechnungen und Diagrammen, die in meinen Augen alle keinen Sinn ergeben. Und das will was heißen, denn ich habe mich mit ziemlich hoher Mathematik beschäftigt, bevor alles aus dem Ruder lief. Auf der Suche nach etwas Bekanntem blättere ich eine Seite nach der anderen um, finde aber nichts. Schließlich gelange ich zur letzten beschriebenen Seite; die restlichen Seiten sind leer. Doch auf der Seite steht: »Finde es in 20204«, hingekritzelt in ungewöhnlich schlampiger Handschrift, als wäre mein Dad in Eile gewesen. Und am Ende der Seite steht: »Race: Sicarii.«
»Was ist ein Sicarii?«, fragt Christina, die an meiner Schulter auftaucht.
»Das ist das lateinische Wort für Mörder«, sage ich, indem ich mich auf meinen Sprachunterricht zurückbesinne. »Wahrscheinlich das perfekte Wort, um Race Lavin zu beschreiben.« Schließlich war er verantwortlich für den Tod meines Dads.
»Und die Zahl?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht ist es eine Postleitzahl?« Ich tippe sie in Dads Navi ein und tatsächlich: 20204 ist eine Postleitzahl in Washington DC, die ein paar wichtige Ministerien der Regierung umfasst. »Ich überlege, ob dort vielleicht die Zentrale des Kerns sitzt oder so.«
»Sag jetzt bitte nicht, dass du da hinfahren willst.« Sie klingt erschrocken.
»Ja, du und ich greifen das US-Gesundheitsministerium an.« Ich zeige auf das Regal mit den Waffen an der Wand. »Meinst du nicht, das macht Spaß?«
Sie schlägt mir auf den Arm. »Du bist echt unmöglich.« Aber sie scheint jetzt nicht mehr so viel Angst zu haben, was mir ein Lächeln entlockt.
»Für mich hat es oberste Priorität, das zu finden, was mein Dad wollte, und wenn ich dafür nach DC fahren muss, dann mach ich das. Aber zuerst muss ich sehen, was er sonst noch hier für mich hinterlassen hat.«
»Sind das Übertragungen von Überwachungskameras?« Christina deutet über meine Schulter.
Ich drehe mich um und entdecke mehrere Bildschirme auf der linken Seite von Dads Schreibtisch. »Ja, wahrscheinlich. Die hatte er zu Hause auch installiert.«
Sie lacht. »Ist das dein Zimmer?«
Ich richte meinen Blick auf den Monitor in der oberen Reihe und sehe mein Zimmer … allerdings ist es nicht das Zimmer, in dem wir letzte Nacht geschlafen haben. Es ist mein Zimmer zu Hause. Ich erkenne die schmutzige Wäsche auf der Bettkante, die Turnschuhe am Boden, das Durcheinander von Blättern und Büchern auf dem Nachttisch. »Ja …« Ich sehe mir die Bildschirme genauer an. »Die sind ja von überall. Schau mal …« Ich zeige auf den Monitor in der mittleren Reihe, wo heller Sonnenschein vom Fenster ins Wohnzimmer fällt, das aussieht wie das oben. »An der Ostküste ist es erst fünf Uhr morgens. Das muss in einem sicheren Unterschlupf ganz woanders sein. Und sieh dir das mal an.« Ich zeige auf die untere Reihe, wo die Bildschirme unsere Rücken zeigen, während wir auf die Bildschirme starren. »Diese sind offenbar von hier.«
Christinas Hand schließt sich um meinen Unterarm. »Und die?«
Der Bildschirm links unten zeigt einen Hof voller Unkraut. In der Ferne liegt ein Feld. Das ist die Vorderansicht dieses Hauses. Und bei dem Anblick schießt Adrenalin durch mein System. Denn ein blonder Typ klettert gerade die klapprigen Stufen zur Veranda rauf.
Wir sind gefunden worden.
DREI
»Bleib hier«, sage ich zu Christina, während ich zum Wandregal gehe und eine halb automatische Pistole aus einer der Aufhängungen nehme. Wie alles, was mein Vater gemacht hat, ist auch sie schwarz, glatt und gefährlich. Nachdem ich sie gespannt und gesichert habe, werfe ich einen Blick auf meine Freundin, die mich mit großen Augen anstarrt.
»Er ist im Haus«, flüstert sie und deutet dabei auf den Monitor neben dem, der den Hof zeigt – denn auf diesem sieht man die Baracke von innen. Ich kann nicht glauben, dass ich die Kamera beim Reinkommen nicht bemerkt habe, aber dem Typen geht es jetzt genauso. Er ist dünn und sieht jung aus. Eher ein Junge als ein Mann. Er scheint sogar jünger als ich zu sein. Seine Augen sind auf die beiden Türen an der Rückseite des großen Zimmers gerichtet, genau wie meine es waren.
»Er wird nicht reinkommen«, versichere ich ihr. »Auf keinen Fall …« Mein Mund klappt zu, als er den rostigen Nagel aufhebt und in das Loch im Boden steckt. Wir hören, wie sich die Maschinerie über uns in Gang setzt, der Boden sich zur Seite bewegt und das Treppenhaus zum Erdgeschoss freilegt. »Okay, nimm die hier«, sage ich, indem ich auf sie zugehe und ihr die Waffe hinhalte. »Siehst du das kleine Ding?« Ich tippe die Daumensicherung an. »Wenn er hier reinkommt, richtest du die auf ihn, und wenn er dich bedroht, schieb das hier runter und drück auf den Abzug. Spiel nicht damit rum.«
Behutsam greift sie nach der Pistole, dann lege ich meine Hände um ihre, damit sie sieht, wie man sie halten muss. »Tate, er sieht aus wie ein harmloses Kind.«
Ihre dunkelblauen Augen begegnen meinem Blick. »Ich doch auch.«
Sie schluckt und nickt. Ich gehe zum Regal, greife mir eine andere Waffe und laufe dann hinaus, während ich die Tür hinter mir zuziehe. Dann steige ich die Stufen zur nächsten Etage hoch, immer zwei auf einmal, weil mir klar ist, dass der Junge wahrscheinlich schon an der Tür ist. Ich frage mich, ob er möglicherweise den Zugangscode kennt, und vor allem, wer zum Teufel er eigentlich ist. Als ich die oberste Stufe erreicht habe, drücke ich mich gegen die Wand und horche.
Aus der Küche dringt das Knistern von Frischhaltefolie. Verfluchte Scheiße. Er ist schon drin. Leise krieche ich durch das Wohnzimmer und luge um die Ecke in die Küche hinein. Der Junge steht mit dem Rücken zu mir und schiebt sich die Cracker von Gericht Nummer zehn in den Mund. Ich erhebe die Waffe, ziele auf seinen Hinterkopf und nehme die Sicherung raus. Bei dem leisen Klicken erstarrt der Junge.
»Sag mir, wer du bist, oder du hast deine letzte Mahlzeit bereits gegessen«, sage ich.
Die Packung fällt ihm aus der Hand, worauf sich die Suppe und Trockenfrüchte und Nüsse über den Boden verteilen. »B… bitte nicht«, flüstert der Junge und hebt die Hände in die Luft. »Ich suche doch bloß Onkel George.«
Ich runzele die Stirn. »Wer bist du, verdammt noch mal?«
Über seine Schulter hinweg sieht der Junge mich an. Er ist ein paar Zentimeter kleiner als ich und trägt eine Brille mit Drahtgestell vor den hellgrünen Augen, in denen jetzt Angst zu erkennen ist. Seine blonden Haare fallen ihm in die Stirn. »Leo Thomas. Kann ich mich umdrehen?«
Ich trete zurück. »Meinetwegen, aber die Hände bleiben oben.«
Er gehorcht. Sein Adamsapfel tritt hervor, als er in den Lauf meiner Waffe blickt. »Wenn du nicht Tate Archer bist, dann bin ich echt sehr enttäuscht.«
Ich trete vor und drücke ihm die Waffe an die Stirn. »Das ist kein Spiel, Leo. Woher wusstest du, wie du hier reinkommst?«
Seine runden Augen schielen leicht, als er in die schwarze Mündung der Waffe glotzt. »Öhm. Es fällt mir schwer, klar zu denken, solange ich dem Tod so direkt ins Gesicht sehen muss.«
Ich verdrehe die Augen und entferne mich ein Stück – aber nur ein kleines. Dann warte ich.
Zitternd atmet er ein. »Ich suche meinen Onkel George. Er sollte hierherkommen, wenn irgendwas schiefgeht.«
Ich ziehe eine Augenbraue hoch und warte.
Leos Finger zucken nervös. »Ich denke, es ist was schiefgegangen.«
»Und wenn ich dir sagen würde, dass ich Tate heiße?«
Er lächelt. »Dann wäre ich echt erleichtert.«
»Warum?«
»Weil das hieße, dass ich in guten Händen wäre.«
»Wie kannst du das wissen?«
»Weil dein Dad es mir gesagt hat. Und es war nicht schwierig, dahinterzukommen, dass das Passwort der zweite Vorname deiner Mutter ist.«
Ich beiße die Zähne zusammen und gehe noch ein paar Schritte rückwärts. »Typ, du musst mir deine Geschichte erzählen. Jetzt.«
»Muss ich dabei mit erhobenen Händen hier stehen bleiben? Ich meine, das geht schon, aber …«
Ich sichere meine Waffe und lasse sie sinken. »Woher kennst du meinen Dad?«
Er grinst. »Ich hab gewusst, dass du Tate bist. Ich wollte dich immer schon mal treffen. Ich kenne deinen Dad schon, solange ich denken kann.« Sein Lächeln wird zögerlich, als ihm auffällt, dass ich seine Begeisterung nicht erwidere. »Er kam immer zu den Vorstandssitzungen der Fünfzig und hat mich jedes Mal besucht, wenn er in der Stadt war.«
»Woher weißt du von den Fünfzig?« Der Junge kann doch höchstens vierzehn sein, und meine Mom hat mir erzählt, dass die Mitglieder der Fünfzig ihren Kindern nichts über die H2 oder sonst was erzählen, bis sie mindestens sechzehn sind. Für mich war es ein gewaltiger Schock, als ich es herausgefunden habe, aber das lag eher an den Umständen.
»Meine Eltern waren Mitglieder. Mr und Mrs Thomas. Aber …« Seine Brille verrutscht ein wenig auf seinem Nasenrücken. »Sie sind gestorben. Vor ungefähr acht Jahren. Autounfall. Mein Dad war der letzte Thomas, mit Ausnahme meiner Wenigkeit. Also haben die Fünfzig mich in ihrer Zentrale in Chicago großgezogen und ich durfte an den Vorstandssitzungen teilnehmen. Abstimmen darf ich allerdings nicht. Erst, wenn ich sechzehn bin.«
Dieser Junge kann mir also wahrscheinlich eine Menge erzählen. Und er sieht ziemlich harmlos aus. Ich entspanne mich ein wenig. »Du sagtest, dass wahrscheinlich etwas schiefgegangen ist. Was hast du gehört?«
»Zuerst einmal das von deinem Dad.« Er schüttelt den Kopf. »Du sollst wissen, dass ich nichts von dem glaube, was sie in den Nachrichten über ihn sagen. Ich weiß, dass es eine Riesenlüge ist, die sich der Kern ausgedacht hat.«
Mein Magen fühlt sich dumpf an. »Er ist wirklich tot, Leo. Ich war dabei, als es passiert ist.«
»Weiß ich. Ich meine … den Rest.«
»Wovon redest du da?«
»Dass er ein Terrorist ist und dass er diese Schule in Manhattan in die Luft jagen wollte.«
»Was?«, frage ich mit einem ungläubigen Lachen.
Über meine Schulter hinweg schaut Leo auf den Fernseher im Wohnzimmer. »Es ist auf allen Sendern. Du kannst es dir selbst ansehen.«
Ich drehe mich auf dem Absatz um, bleibe aber in seiner Nähe, für den Fall, dass er sich wegbewegt. Ich schnappe mir die Fernbedienung und schalte durch die Programme, bis ich CNN finde, und nachdem ich eine Minute lang auf das Bild gestiert habe, sehe ich, wie die Nachricht am unteren Ende des Bildschirms durch den Newsticker rollt: Frederick Archers Leichnam wird vom Leichenbeschauer von Secaucus freigegeben … Schnelles Handeln der New Yorker Polizei verhindert weitere Schultragödie … wäre der größte terroristische Anschlag seit Oklahoma City gewesen …
»O mein Gott«, schnaube ich, während die Wut in meiner Brust hochkocht. »Das ist doch Schwachsinn.« Und genau das meinte Leo mit Lügen, die der Kern verbreitet. Race hat sich bedeckt gehalten, solange er mich gejagt hat, aber jetzt, da er mich verloren hat, verbreitet er diese Geschichte wahrscheinlich, um mich aus der Reserve zu locken, damit ich etwas Voreiliges und Dummes mache.
»Na ja, es glaubt nicht jeder«, sagt Leo. »Besonders ihretwegen.« Mit einem irritierten Lächeln auf dem Gesicht zeigt er auf den Bildschirm. Sie zeigen in einem Einspieler ein Interview mit einer spindeldürren älteren Frau, die mir ziemlich bekannt vorkommt. Ihr Name ist Helen Kuipers. Ich stelle den Ton lauter.
»… sage Ihnen, es war so was wie ein Bestrahlungsgerät. Oder ein Laser. Ich weiß auch nicht, aber dieser Junge hat damit rumgewedelt, und als er damit zu mir kam, hat das Ding die Farbe geändert, von Rot zu Blau.«
Es ist die Frau aus der Cafeteria, eine der wenigen, die an dem Tag unter dem Licht des Scanners blau aufgeleuchtet hat – menschlich –, als mein bester Freund Will ihn auf alle Leute gerichtet hat.
»Sie war die letzten beiden Tage überall«, kommentiert Leo. »Will so viel wie möglich aus ihren drei Minuten Ruhm herausholen, schätze ich. Sie denkt, sie wurde markiert oder bestrahlt, und besteht darauf, dass eine Verbindung zu einem Regierungskomplott besteht … sie kommt echt crazy rüber. Da sie aber eine der wenigen Zeuginnen ist, die bereit sind, über das zu berichten, was sie gesehen haben, kommt sie oft zum Zug. Ich schätze mal, dem Kern ist es gelungen, die restlichen einzuschüchtern. Aber diese Lady denkt, bei dem ganzen Aufruhr ging es um dieses Taschenlampen-Teil.«
Leo weiß also über die Fünfzig und den Kern und meinen Dad Bescheid, hat aber offensichtlich keine Ahnung von dem Scanner. Er schaut mich an, als hoffe er, dass ich es ihm erkläre, aber ich bin abgelenkt, weil der Einspieler gerade endet und eine trübsinnige Nachrichtensprecherin auf der Bildfläche erscheint. »Die Behörden haben bestätigt, dass Helen Kuipers, eine der Zeugen der Vorfälle in der Cafeteria der Rodgers High School von Montag, seit gestern Morgen vermisst wird. Ihre Tochter sagt, dass Miss Kuipers nie zu Hause angekommen sei, nachdem im WABC-Studio ein Interview mit ihr aufgezeichnet wurde. Die Polizei untersucht den Fall.«
Soso, die Dame von der Essensausgabe hat geplaudert, und nun wird sie vermisst. Weil nun mal der Kern jede Person, die ihr Geheimnis bedroht, zum Schweigen bringt. »Sie haben sie erwischt«, sage ich.
»Wen?« Das ist Christina. Sie hält die Waffe in der Hand und schaut vom Flur aus vorsichtig zwischen mir und Leo hin und her. Kurz huscht ihr Blick zum Bildschirm, wo gerade Dads Führerscheinfoto gezeigt wird. Unter seinem Namen steht: »Frederick Archer, Terrorverdächtiger«. Ihre Augen weiten sich. »O nein …«
»Wer bist du?«, fragt Leo.
Sie reißt die Augen vom Fernseher los. »Christina. Ich bin Tates Freundin. Und wer bist du?«
Seine Stirn legt sich in Falten, während er zu ihr hinübersieht. »Aus welcher Familie stammst du?«
»Das ist Leo«, erkläre ich ihr und ignoriere geflissentlich seine Frage; vor allem, weil er ihre ignoriert hat. »Er ist in der Zentrale der Fünfzig aufgewachsen, weiß also fast alles.«
Sie nickt mir zu und wir treffen eine stumme Vereinbarung. Wir werden nicht erwähnen, dass sie eine H2 ist. Ein paar der Fünfzig, vor allem die Familie Bishop, reagieren ausgesprochen mörderisch, wenn es um die Spezies geht, die unseren Planeten dominiert.
»Setz dich«, fordere ich Leo auf. »Aber halt deine Hände so, dass ich sie sehen kann.«
Er lässt sich auf der Couch nieder. »Können wir damit an irgendeinem Punkt aufhören? Ich bin auf deiner Seite und hatte gehofft, du könntest auch auf meiner sein. Onkel Angus ist in aller Eile aufgebrochen, nachdem Onkel George verschwunden war, und ich …«
»Was meinst du mit ›George war verschwunden‹?«, frage ich.
»Das war vor etwa drei Tagen. Gleich nach der Vorstandssitzung. Angus hat den Kontakt zu ihm verloren. Niemand wusste, wo er hingegangen war.«
Christina beißt sich auf die Lippe und stellt sich neben mich, wobei sie Leo neugierig mustert. Aus dem Augenwinkel werfe ich einen Blick auf sie und sage dann: »George ist auch tot, Leo. Er wurde gestern Morgen vom Kern getötet.«
Sämtliches Blut weicht aus Leos Gesicht. »Was?«, flüstert er mit glänzenden Augen. Als sie den Schmerz in seinem Gesicht bemerkt, drückt mir Christina ihre Waffe in die Wand und setzt sich neben Leo auf die Couch. Während Tränen über sein Gesicht strömen, hält sie seine Hand. »Es ging schnell«, sagt sie ruhig. »Wahrscheinlich hatte er nicht mal Zeit, Angst zu bekommen oder Schmerzen zu spüren.« Leo rollt sich zusammen, und sie tätschelt ihm den Rücken, während mir die Augen brennen. Ich vermisse George auch. Ich war auf seine Hilfe angewiesen. Er war ein guter Mensch und …
»Warte mal. Er wurde drei Tage lang vermisst?«, vergewissere ich mich. Getötet wurde er erst vor vierundzwanzig Stunden. »Wusste Angus nicht, dass er nach Charlottesville kommen wollte?«
Leo wischt sich mit dem Ärmel über das Gesicht und schaut zu mir auf. »Was ist in Charlottesville?«, fragt er mit rauer Stimme.
Christina runzelt die Stirn, als sie meinen Blick auffängt. »Vielleicht hat deine Mom ihn gebeten, es geheim zu halten?«
»Sie hat ihn frühestens am Dienstagmorgen gebeten, nach Charlottesville zu fahren.«
»Aber heute ist Freitag, und das letzte Mal, dass jemand von ihm gehört hat, war Montagabend«, sagt Leo schniefend. »Am Dienstag sollte er zu einem Meeting in die Zentrale kommen, aber da ist er nie aufgetaucht.«
»Das könnte passen«, sagt Christina. »Um die Zeit hat deine Mom ihn angerufen.«
»Angus und ein paar von Georges Familienmitgliedern sind am Nachmittag in sein Hotelzimmer rein und da herrschte Chaos.« Er verzieht das Gesicht und sagt mit brechender Stimme: »Sie meinten, es hätte so ausgesehen, als hätte es dort einen Streit gegeben. Sie dachten, der Kern hätte ihn vielleicht mitgenommen. Aber ich hatte gehofft, er wäre entkommen und hierhergefahren.«
Wieder verzieht er das Gesicht und bedeckt es dann mit den Händen, wobei seine Schultern zittern. Christina legt einen Arm um ihn, zieht ihn näher zu sich und flüstert diesem Fremden tröstende Worte ins Ohr, diesem Jungen, der meine Welt besser versteht als ich selbst. Die letzten zehn Minuten haben dieser ganzen Geschichte noch eine weitere geheimnisvolle Dimension hinzugefügt und ich komme nicht dahinter.
»Ich gehe wieder runter ins Labor«, sage ich und schalte den Fernseher ab, um mein Verlangen zu unterdrücken, ihn durch den Raum zu werfen. »Du kommst mit, damit ich dich im Auge behalten kann. Und wenn du uns angreifst, Leo, dann bringe ich dich um, das kannst du mir glauben, okay?«
Christinas funkelnder Blick in meine Richtung sagt: »Ist es wirklich nötig, dass du dich wie ein Arschloch aufführst?« Ich beiße die Zähne zusammen. In den letzten paar Tagen haben so viele Leute mein Vertrauen missbraucht, dass ich jetzt ständig auf der Hut bin, und ich hätte eigentlich gedacht, dass sie das verstehen würde. Der Typ sichert sich ihre Sympathien und auch das kotzt mich an. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass mein Dad als verdammter Terrorist verunglimpft wird. Leo kann froh sein, dass ich ihm nicht sofort in den Arsch trete, bloß um meinen gewaltigen Frust abzubauen.
Wir gehen alle drei nach unten ins Labor, wo ich mich über die Tastatur beuge und meinen Code eingebe, ohne dass er ihn zu sehen kriegt. Kaum sind wir drin, schnappe ich mir einen Hocker und setze Leo in die Ecke neben der Tür. »Sind das vibroakustische Tester?«, fragt er und zeigt auf eine Reihe von Stäben in einem Regal an der gegenüberliegenden Wand. »Onkel Fred hat mich bei diesem Entwurf mithelfen lassen und …«
»Wir sind nicht hier, um in Erinnerungen zu schwelgen«, blaffe ich ihn an, weil ich nicht hören will, dass dieser Junge ein besseres Verhältnis zu meinem Vater hatte als ich. »Sei einfach still, okay? Ich muss erst mal diesen Raum hier weiter durchsuchen. Danach entscheiden wir dann, wie wir weiter vorgehen.«
Er hält den Mund, doch sein Kinn bebt, als er nickt. Christina steht dicht neben ihm, den Arm um seine schmalen Schultern gelegt. Ihr finsterer Blick verrät mir, dass sie mein Verhalten nicht mehr für Schauspielerei hält. Sie denkt, dass ich eben ein Arschloch bin. Und da ich wirklich nicht die Energie habe, mich ihr zu erklären, laufe ich rüber zu dem Monitor, auf dem die Bevölkerungszahlen zu sehen sind. Als ich in dem anderen Labor das Display berührt habe, wurden ein paar Grafiken angezeigt, die aussahen wie ein Bauplan für irgendwas. Vielleicht für den Satelliten, vielleicht aber auch für den Scanner. Und da mein Dad meinte, der Scanner sei der Schlüssel zu unserem Überleben, muss ich so viel darüber herausfinden wie nur möglich. Wenn ich das hier und jetzt tun kann, umso besser, denn der Kern ist wahrscheinlich …
»Tate.« Christinas Stimme erklingt wie eine Peitsche, scharf und schlagartig. »Schau dir mal die Überwachungsbildschirme an.«
Das tue ich. Und mir bleibt beinahe das Herz stehen. In der New Yorker Wohnung sind Menschen. Auf den Monitoren in der mittleren Reihe, die den Ort zeigen, an dem ich mein ganzes Leben lang gewohnt habe, laufen Männer in schwarzen Anzügen im Wohnzimmer herum. Agenten des Kerns. Bei mir zu Hause.
Ich stürze mich auf das Display, suche einen Lautstärkeregler, irgendetwas, womit ich den Ton einschalten kann, damit ich höre, was sie reden, aber da ist nichts. Also schiele ich auf die Bildschirme und versuche, von ihren Lippen zu lesen. Ich erkenne keinen dieser Männer. Race ist nicht dabei. Aber einer von ihnen, ein Kerl mit Hakennase und Haaren in der Farbe einer Gewitterwolke, scheint das Sagen zu haben. Er bedeckt einen Teil seines Mundes, als er in verschiedene Richtungen zeigt und die Männer anweist, dort zu suchen. Als ob er wüsste, dass Kameras auf ihn gerichtet sind, und als ob er genau wüsste, wo sie sich befinden.
Hilflos sehe ich ihnen zu, wie sie mein Zimmer durchwühlen. Etwas Dunkles streift am Boden die Füße der Agenten, und mit einem plötzlichen Schmerz wird mir klar, dass das Johnny Knoxville ist, meine Katze.
»Was suchen die?«, fragt Christina.
