Burning Bastards - J. Mertens - E-Book

Burning Bastards E-Book

J. Mertens

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Beschreibung

Praktisch über Nacht wird die Stadt Lüdenscheid von einer beispiellosen Welle der Gewalt heimgesucht. Im Zentrum steht offenbar ein Junge mit außergewöhnlichen psychischen Fähigkeiten. Gejagt von Satanisten und Forschern, gehasst und gefürchtet vom Rest der Gesellschaft, beschreitet er einen einsamen Weg, an dessen Ziel die Erfüllung einer dunklen Weissagung wartet. Zweiundzwanzig Kriminelle, deren Schicksale auf unheimliche Weise miteinander verknüpft sind, schlagen das düstere Kapitel der Apokalypse auf. Sie werden zum Spielball finsterer Mächte, die jenseits ihrer Vorstellungskraft agieren. Wie viel Zeit bleibt ihnen noch, bis der Prophezeite, der schon jetzt eine feurige Spur hinterlasst, seine Kräfte voll entwickelt hat?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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REDRUM

 

 

 

 

Burning Bastards

2. Auflage

Copyright © 2022 dieser Ausgabe bei

REDRUM BOOKS, Berlin

Verleger: Michael MerhiLektorat: Marion Mergen

Korrektorat: Stefanie Maucher/ xxx

Umschlaggestaltung und Konzeption:

MIMO GRAPHICS unter Verwendung einer

Illustration von Shutterstock

 

ISBN: 978-3-95957-622-2

 

E-Mail: [email protected]

www.redrum.de

 

YouTube: Michael Merhi Books

Facebook-Seite: REDRUM BOOKS

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REDRUM BOOKS - Nichts für Pussys!

J. Mertens

Burning Bastards

Zum Buch:

 

Praktisch über Nacht wird die Stadt Lüdenscheid von einer beispiellosen Welle der Gewalt heimgesucht. Im Zentrum steht offenbar ein Junge mit außergewöhnlichen psychischen Fähigkeiten. Gejagt von Satanisten und Forschern, gehasst und gefürchtet vom Rest der Gesellschaft, beschreitet er einen einsamen Weg, an dessen Ziel die Erfüllung einer dunklen Weissagung wartet. Zweiundzwanzig Kriminelle, deren Schicksale auf unheimliche Weise miteinander verknüpft sind, schlagen das düstere Kapitel der Apokalypse auf. Sie werden zum Spielball finsterer Mächte, die jenseits ihrer Vorstellungskraft agieren. Wie viel Zeit bleibt ihnen noch, bis der Prophezeite, der schon jetzt eine feurige Spur hinterlasst, seine Kräfte voll entwickelt hat?

Zum Autor:

 

J. Mertens wurde am 15. Juli 1968 in Lüdenscheid geboren. Schon als Kind entdeckte er seine Vorliebe für Grenzwissenschaften und Schauergeschichten. Erste kleinere Werke, von denen nur noch wenige erhalten sind, schrieb er mit ungefähr zehn Jahren. Schon zu dieser Zeit war er für eine eigenbrötlerische Lebensweise bekannt. Mäßige Schulerfolge kompensierte er mit einem lebhaften Interesse an verbotenen Wissenschaften. Seine berufliche Laufbahn weist einen verworrenen Weg auf: Kaufmann, Verkäufer, Fabrikarbeiter, Versicherungsvertreter, Journalist, Künstler, Alltagsbegleiter, Lagerist, Texter und freier Autor. Einige seiner unheimlichen Geschichten wurden in lokalen Zeitschriften veröffentlicht. Nach seinem Umzug 1999 in die Nachbarstadt Altena betrieb er einsame Studien im okkulten und psychologischen Bereich, bevor er sich ab 2007 aktiv dem Verfassen von fantastischer Belletristik widmete.

 

 

 

Kapitel 1: Niemand

Kapitel 2: Menschliche Hunde

Kapitel 3: Kaltherzige Samariter

Kapitel 4: Religiöse Fragen

Kapitel 5: Gottloses Verlangen

Kapitel 6: Sauerländer Spezialitäten

Kapitel 7: Die Räuberhöhle

Kapitel 8: Wagen 23

Kapitel 9: Grillfleisch

Kapitel 10: Der Fluch der Technik

Kapitel 11: Eine verhängnisvolle Auskunft

Kapitel 12: Von Gangstern und Furien

Kapitel 13: Entlarvte Gäste

Kapitel 14: Goldgruben und Fettnäpfchen

Kapitel 15: Wo der Pfeffer wächst

Kapitel 16: Der Bote

Kapitel 17: Flucht aus dem Feuerofen

Kapitel 18: Traditionen

Kapitel 19: Erkenntnisse

Kapitel 20: Veränderte Realitäten

Kapitel 21: Ein perfider Plan

Kapitel 22: Ins Reich der Dschinn

Kapitel 23: Neue Horizonte

Kapitel 24: Verknüpfungen

Kapitel 25: Zweifel

Kapitel 26: Der Mann ohne Gesicht

Kapitel 27: Der Sündenpfuhl

Kapitel 28: Das Inferno

Kapitel 29: Aus der Nacht in die Finsternis

Kapitel 30: Jenseits der Gnade Gottes

Kapitel 31: Abaddon

Nachwort

VERLAGSPROGRAMM

 

 

J. Mertens

Burning Bastards

Para-Thriller

Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht genug, ihm die Schuhe abzunehmen; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen. Und er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.

(Matthäus 3:11/12)

 

 

Und der fünfte Engel posaunte; und ich sah einen Stern, gefallen vom Himmel auf die Erde; und ihm ward der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben. Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf, und es ging auf ein Rauch aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen Ofens, und es ward verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens. Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben. Und es ward ihnen gesagt, dass sie nicht sollten Schaden tun dem Gras auf Erden noch allem Grünen noch einem Baum, sondern allein den Menschen, die nicht haben das Siegel Gottes an ihren Stirnen. Und es ward ihnen gegeben, dass sie die Menschen nicht töteten, sondern sie quälten fünf Monate lang; und ihre Qual war wie eine Qual vom Skorpion, wenn er einen Menschen sticht. Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen. Und die Heuschrecken sind gleich den Rossen, die zum Kriege gerüstet sind, und auf ihrem Haupt ists wie Kronen, dem Golde gleich, und ihr Antlitz gleich der Menschen Antlitz; und hatten Haare wie Weiberhaare, und ihre Zähne waren wie die der Löwen, und hatten Panzer wie eiserne Panzer, und das Rasseln ihrer Flügel war wie das Rasseln der Wagen vieler Rosse, die in den Krieg laufen, und hatten Schwänze gleich den Skorpionen und Stacheln; und in ihren Schwänzen war ihre Macht, Schaden zu tun den Menschen fünf Monate lang, und hatten über sich einen König, den Engel des Abgrunds, des Name heißt auf Hebräisch Abaddon, und auf Griechisch hat er den Namen Apollyon.

(Offenbarung 9:1-11)

 

 

Kapitel 1: Niemand

Wie lange lief er schon? Wo wollte er überhaupt hin? Wo war er jetzt? Fragen, die durchaus einen Stellenwert besaßen; Fragen, die jedoch nicht in seinem Kopf entstanden, der so leer war wie der endlos erscheinende Raum zwischen den Galaxien. Es gab keine Fragen, keine Zweifel und keine Angst vor dem Ungewissen – nur Selbstverständlichkeiten. Es existierte kein Name, kein Zuhause, kein Gefühl und kein Gedanke, der ihn ablenken konnte, nur das monotone Geräusch seiner nackten, betagten Füße, die sich schwerfällig ihren Weg über Asphalt und Waldwege sowie zuweilen auch durch Unterholz bahnten.

Das Laufen, das eher einem mühsamen Schleppen glich, genügte sich selbst. Ein klares Ziel war ihm nicht bekannt; nur die Gewissheit, dass er irgendwann ihm begegnen würde, solange er in Bewegung blieb. Die wenigen Dinge, die um ihn herum geschahen und zumeist nur im Vorbeifahren der Autos bestanden, erreichten kaum seine Sinne, wenn auch einige der Fahrer angesichts des seltenen Anblicks kurzzeitig ihre Fahrt verlangsamten, um dann ungerührt wieder ihre gewohnte Geschwindigkeit aufzunehmen. Zu einer Konversation kam es nicht. Nein, es war stets eine weitgehende beidseitige Ignoranz vorherrschend, die nicht gebrochen werden konnte.

Durch die Krümmung seines geschundenen Rückens fielen die Blicke des Greises zwangsläufig immer wieder auf seine von Arthrose gezeichneten knochigen Finger, die an die Wurzeln eines uralten knorrigen Baumes erinnerten und aus einem durch Abgase verschmutzten, ehemals weißen Nachthemd hervorragten, das schon längst nicht mehr das Sonnenlicht reflektierte. Sah er geradeaus, hatte sein Blick in Verbindung mit seinem Buckel etwas Lauerndes, Bedrohliches. Er wusste, dass Feuer unterwegs war. Bevor er ihm begegnen konnte, würde Blut vergossen werden. Und es würde viel Asche geben. Schon sehr bald.

Und er sah mit seinen lauernden Augen zu dem Feuer der Sonne hinauf. Dort jedoch, in dem Leben spendenden Flammenriesen, gab es keine Antwort auf die Fragen, die er nicht stellte. Das Feuer, welches das Blut vieler Menschen zum Kochen bringen sollte, kam aus weit tieferen Gründen. Wehe, wehe den zerbrechlichen Gliedern der Nahrungskette!

Kapitel 2: Menschliche Hunde

»Am frühen Nachmittag wurde in Arnsberg, nahe des Stadtteils Rumbeck, eine Sparkassenfiliale überfallen. Bei den Tätern handelt es sich um ein der Polizei bereits bekanntes Gangsterpaar. Zeugenaussagen zufolge eröffnete die Frau sofort nach Betreten des Geldinstitutes das Feuer mit zwei Automatikpistolen. Dabei wurden ein Mitarbeiter der Sparkasse sowie eine Kundin getötet. Ferner gab es drei Schwerverletzte, von denen ein Opfer in Lebensgefahr schwebt. Die Täter erbeuteten 600.000 Euro und flüchteten mit einem gestohlenen Wagen, der bereits kurz darauf verlassen in einem nahe liegenden Parkhaus entdeckt wurde. Der Verbleib des Räuberpaares ist trotz der noch andauernden Fahndungsaktion bisher unbekannt. Thomas G. und Maria A., die bei dem Bankraub eindeutig identifiziert wurden, sind äußerst gefährlich. Es wird daher …«

Freddy Ringert wechselte genervt den Sender. Nachdem der Suchlauf des Autoradios zunächst Rauschen und Quieken zutage förderte, erklang Rockmusik der Gruppe Nickelback.

»Warum hast du umgestellt?«, fragte Karin Riedberger vom Beifahrersitz aus. »Ich hätte gern noch die Nachrichten gehört.«

»Ich will diese Scheiße nicht hören!«, antwortete Freddy schroff. »Was juckt mich der verdammte Bankraub? Den Unsinn bringen die jetzt schon zum dritten Mal.«

»Da sind Leute umgekommen!«, machte Karin ihn aufmerksam.

»Na und?«, wehrte Freddy ab. »Ein paar Arschlöcher weniger, was macht das schon? Ich wollte, jemand würde den Schwachkopf hinter uns auch abknallen. Ist doll genug, dass wir ihn mit uns rumschleppen.«

Der Teenager, den Freddy als Schwachkopf bezeichnete, saß in einer Art Dämmerzustand auf dem Rücksitz.

»Roland ist mein Bruder, Freddy!«, erinnerte ihn Karin. »Ich kann nichts dafür, dass er plötzlich bei mir auftauchte. Was soll ich denn machen?«

»Ihn wieder dorthin schicken, wo er hingehört. Oder gleich zum Teufel!«

»Du bist ein herzloses Schwein, weißt du das?«

Freddys rechte Hand fuhr mit einem klatschenden Geräusch über Karins Gesicht.

»Nenn mich noch einmal Schwein, dann bekommst du den nächsten mit der Faust! Klar?«

Mit Tränen in den Augen schwieg Karin und hielt sich die linke Wange. Einen Moment lang sah sie aus dem Seitenfenster, wo Büsche und Bäume an der zurzeit leeren Straße vorbeirauschten. Ihr Bruder Roland hatte von alledem nichts mitbekommen; die Medikamente stellten ihn nicht nur ruhig, sondern sorgten auch dafür, dass er seine Umgebung nicht weiter wahrnahm.

»Du weißt selbst, dass er gefährlich ist«, sagte Freddy nach einer Weile. »Ich verstehe ohnehin nicht, wie er so heimlich aus dem Laden ausbrechen konnte. Man sollte annehmen, dass es dort Wachen gibt. Und wie er dann unbemerkt von Berlin bis zu uns gekommen ist, kapiere ich ebenso wenig. Er wird doch bestimmt schon gesucht, und mit Sicherheit werden die über kurz oder lang auf dich kommen. Ich kann solche Scheißspielchen absolut nicht brauchen.«

»Jaja«, antwortete Karin sarkastisch, »deine Geschäfte …«

»Ganz richtig«, bestätigte Freddy, »meine Geschäfte. Was hast du dir denn gedacht, wie das weitergehen soll? Meinst du, ich kann ihn jetzt ewig hin und her kutschieren? Was soll ich denn Stone und den anderen gleich in Lüdenscheid sagen? Darf ich vorstellen: Das ist Roland. Er hat zwar einen an der Waffel und ist ohne seine Medikamente brandgefährlich, aber er ist immerhin Karins Bruder?«

»Ist es meine Schuld, dass du mit so einem Pack irgendwelche Deals betreibst?«

»Oh, natürlich, jetzt bin ich wieder der Böse!«, fuhr Freddy sie an. »Die Kohle, die dabei rausspringt, ist dir aber ganz angenehm, richtig? Die Waffen, die ich in Werdohl verkauft habe, bringen uns eine hübsche Stange Geld ein. Warte nur ab, bis ich mit den anderen abgerechnet habe! Erwartest du etwa, dass ich mich täglich acht Stunden in irgendeine Fabrik stelle und für ein schlappes Drittel von dem, was wir jetzt haben, Tüten klebe oder Schrauben zähle?«

»Das wäre eine Möglichkeit«, antwortete Karin gereizt, »dann wäre ich wenigstens die dauernde Scheißangst los.«

»Scheißangst?«, wiederholte Freddy. »Dreh dich mal um! Vor dem, was da hockt, kannst du Angst haben. Du besitzt nur einen begrenzten Vorrat des Zeugs, das ihn ruhigstellt, weil das zufällig noch von damals rumlag. Aber was machst du, wenn die Pillen alle sind, hä? Man hat ihn nicht ohne Grund weggesperrt. Du bist diejenige, die uns hier in Gefahr bringt, und das werde ich nicht zulassen!«

»So, und was willst du tun?«, fragte Karin recht überheblich.

»Das wirst du gleich sehen«, meinte Freddy grinsend.

Er lenkte den Audi nach rechts, kam am Straßenrand zum Stehen und stellte den Motor aus. Immer noch diabolisch grinsend stieg er aus, ging um den Wagen herum und öffnete die rechte Hintertür. Roland saß unbeweglich und mit versteinertem Blick auf der Rückbank. Als Freddy seinen Anschnallgurt löste und den Jungen am Handgelenk zog, folgte er ihm wie ein dressierter Schimpanse nach draußen, wackelig aber folgsam. Freddy stellte Roland in unmittelbarer Nähe des Fahrzeugs ab, wo der Junge ohne Widerstand wartete, während Freddy den Kofferraum öffnete und ein Seil hervorholte.

»Was hast du vor?«, fragte Karin ungläubig, die ebenfalls inzwischen den Wagen verlassen hatte.

»Ich werde das tun, was ich schon längst hätte tun sollen«, antwortete Freddy.

Daraufhin ergriff er Rolands Hände und band sie ihm mit einem Seilende auf dem Rücken zusammen. Dann zog er den Jungen, der völlig benommen in die Landschaft starrte, wie einen Hund hinter sich her und befestigte das andere Ende des Seils an einem stabilen Baum.

»So, das hätten wir«, meinte er und klatschte dabei wie in Siegesfreude in die Hände.

»Freddy!«, rief Karin »Das kann doch nicht dein Ernst sein. Du bindest ihn wie ein ausgesetztes Tier hier an?«

»Natürlich«, meinte Freddy kalt. »Er ist ja schließlich nichts weiter als ein Tier, und noch dazu ein verdammt gefährliches!«

»Er ist Autist und kein Tier!«, schrie Karin.

»Dann ist er eben ein gefährlicher Autist. Ist mir auch scheißegal. Wir sind hier in der Borbecke, einer Verbindungsstraße zwischen Werdohl und Lüdenscheid. Es kommen immer wieder Autos hier lang; irgendwer wird sich schon um ihn kümmern.«

»Oh nein«, rief Karin, »nicht so!«

Sie machte sich auf, um ihren Bruder wieder loszubinden, doch Freddy riss sie grob zurück.

»Wage es nicht, du blöde Fotze!«, drohte er ihr lautstark, während er sie unsanft am Kragen packte. »Fass das Seil an und du bekommst die Prügel deines Lebens!«

»Freddy, sei vernünftig!«, bat Karin. »Ich nehme ihn mit und bringe ihn zur Polizei. Die werden ihn schon wieder nach Berlin zurückschaffen. Freddy, ich bitte dich!«

Freddy holte aus und gab ihr eine schallende Ohrfeige.

»Damit du den ganzen Polizeiapparat von Lüdenscheid bis Werdohl auf uns aufmerksam machst? Das könnte dir so passen! Er bleibt hier. Entweder es nimmt ihn jemand mit oder er verreckt. Basta!«

Mit eisernem Griff geleitete er Karin zurück ins Auto, unter Tränen beugte sie sich seiner Gewalt.

»Aber was passiert, wenn das Medikament nachlässt?«, fragte sie schluchzend, als Freddy bereits den Zündschlüssel gedreht hatte.

»Was kümmert mich das? Es ist jedenfalls nicht unsere Bude, die abfackelt. Alles, was jetzt passiert, liegt nicht mehr in meiner Hand.«

Mit quietschenden Reifen schob sich der Wagen zurück auf die leere Straße. Karins tränendurchflutete Augen sahen beim Blick durch die Heckscheibe noch einmal auf ihren allmählich kleiner werdenden Bruder.

»Roland …« heulte sie.

Kapitel 3: Kaltherzige Samariter

»Hör endlich auf zu heulen, Tommy!«, zischte die dunkelhäutige Frau mit spanischem Akzent auf dem Beifahrersitz. »Sonst siehst du vor lauter Tränen den Straßenverlauf nicht und bringst uns noch um.«

»Ist auch egal«, antwortete ihr Freund am Steuer des Opel Corsa, wobei er sie jedoch nicht ansah. »Das geht ohnehin nicht gut aus. Hätte nicht gedacht, dass du mich so linken würdest.«

»Hat doch wohl gut geklappt, oder?«

»Gut geklappt?«, wiederholte der junge Mann. »Ich dachte, du wolltest die Leute in der Bank einschüchtern. Von einer furiosen Ballerei war nie die Rede. Jetzt werden wir wegen Mordes gesucht, das ist dir doch wohl hoffentlich klar.«

Die wegen diverser Delikte bereits mehrfach vorbestrafte Spanierin mit Namen Maria Alvarez blickte ihn mit kalten Augen an, die eine Spur Siegessicherheit zeigten. Tatsächlich hatte das Vorhaben erstaunlich gut funktioniert, mal abgesehen von den Toten. Lange hatte Thomas Günz, genannt Tommy, die Arnsberger Bankfiliale observiert, war zu allen möglichen Geschäftszeiten unter einem Vorwand an verschiedenen Schaltern gewesen und dabei festgestellt, dass an jedem Freitagnachmittag zwischen 15:00 und 16:00 Uhr nicht nur wenig Kunden vor Ort waren, sondern auch kaum Personal anwesend war. So hatten die beiden den heutigen Freitag für ihr riskantes Unterfangen gewählt. Thomas Günz hatte mit einem gestohlenen Wagen vor dem Gebäude gewartet, während Maria Alvarez das eigentliche Ding in der Bank durchzog. Als er die Schüsse hörte, wäre er am liebsten gleich abgehauen, aber dann war Maria, die er trotz ihrer dominanten und oft auch unfair-arroganten Art liebte, mit dem Beuterucksack herausgekommen. Die ganze Aktion war derart zügig über die Bühne gegangen, dass die Bullen nichts bemerkt hatten. Während vermutlich eine komplette Einheit Beamte zur Bank unterwegs war, hatte Tommy genug Zeit gehabt, den Wagen in einem Parkhaus gegen ein dort bereits abgestelltes und ebenfalls gestohlenes Zweitfahrzeug auszutauschen. Sofern sie den Nachrichten Glauben schenken konnten, wusste bis jetzt wohl niemand, mit welchem Auto die beiden unterwegs waren, geschweige denn wohin. Zwar waren offenbar an einigen Stellen Straßensperren errichtet worden, doch waren Günz und Alvarez zu diesem Zeitpunkt längst über den vermuteten Fluchtradius hinaus gewesen. Niemand ahnte, dass sie sich bereits in Werdohl befanden und auf dem Weg nach Lüdenscheid waren, wo, wie sie hofften, falsche Ausweise mit neuen Identitäten für sie bereitlagen. Dennoch sah der Plan vor, zu gegebener Zeit, auch diesen Wagen irgendwo abzustoßen.

Während Maria einen regelrechten Triumph über ihren Coup an den Tag legte, war Tommy völlig erledigt. Im Prinzip hatte er bisher nur kleine Dinger gedreht und niemals Menschen gefährdet. Jetzt wurde er wegen Beihilfe zum Mord gesucht. Maria hatte ihn zu einem unglaublichen Verbrechen verführt, und er war aus Liebe zu ihr schwach geworden. Bald würde er wohl wissen, welchen Preis er dafür zu zahlen hatte. Und er war sich völlig im Klaren darüber, dass die momentan geweinten Tränen bei Weitem nicht zur Buße ausreichten. Er war, wie auch Maria, gerade mal achtundzwanzig Jahre alt und hatte sein Leben bereits verpfuscht.

»Hasenfuß!«, meinte Maria, doch sie sagte es auf eine seltsam liebevolle, fast mütterliche Weise.

Genau dies war der Grund, warum Tommy ihr gegenüber immer wieder nachgab. Es war ihre Taktik, die ihn an sie kettete. Und ja, er war tatsächlich ein Hasenfuß, ein Feigling und ein Muttersöhnchen. Sie brauchte nur ihren Rehblick aufzusetzen und Tommy kam jeder ihrer Bitten nach, die in Wirklichkeit taktisch kluge Befehle waren und wie hypnotische Suggestionen auf ihn wirkten. Und weil sie das wusste, konnte sie ihn auch, wenn sie besonders schlechte Laune hatte, mit wesentlich härteren Worten dirigieren. Das wirklich Schlimme an der ganzen Sache war, dass er selbst es wusste und trotzdem nicht in der Lage war, ihr erfolgreich Paroli zu bieten. Und er wusste auch, dass Psychologen einen solchen Zustand als Hörigkeit interpretierten und zumindest in seinem Fall damit goldrichtig lagen. So blieben ihm in dieser Situation wieder nichts als die Tränen.

Kurz bevor sie die Borbecke erreichten, sah Tommy durch den milchigen Schleier, der sich aufgrund der verfluchten Heulerei bereits vor seinen Augen gebildet hatte, in einiger Entfernung auf der rechten Straßenseite etwas aus den Büschen hervorkommen. Eine helle Gestalt, die ihn im ersten Moment an die klassische Vorstellung eines Geistes erinnerte. Auch Maria wandte ihren Kopf nach rechts.

»Was war das denn?«, fragte Tommy.

»Ein Bescheuerter!«, meinte Maria lapidar.

»Ein Bescheuerter? Was meinst du?«

»Ein Opa im Nachthemd«, erklärte Maria. »Wahrscheinlich irgendwo abgehauen.«

»Sollten wir ihn nicht vielleicht fragen, ob alles in Ordnung ist?«

»Das meinst du doch wohl nicht ernst, oder? Willst du unbedingt auffallen? In den Nachrichten nennen sie schon unsere Namen. Wenn der Kerl petzt, wissen die doch, wo wir sind, du Blödmann!«

Tommy antwortete nicht und ging auch nicht weiter auf die Sache ein. Dennoch machte er sich unterschwellig Gedanken, was ein alter Mann, nur mit einem Nachthemd bekleidet, in diesem Gebüsch zu suchen hatte, noch dazu in einer relativ einsamen Gegend. Wäre es bereits Nacht gewesen, hätte er auf einen Schlafwandler getippt, aber es war schließlich ein sonniger Spätnachmittag.

Immerhin hatten diese Gedanken insofern eine positive Auswirkung, dass sie Tommys Tränenfluss allmählich eindämmten. Der Schleier vor seinen Augen klärte sich innerhalb weniger Minuten auf.

»60.000 Euro!«, fuhr Maria mit besonderer Betonung fort. »Die wollen wir doch nicht aufs Spiel setzen wegen eines alten Dummkopfs im Nachthemd, oder? Denk lieber an die Zeiten, die jetzt vor uns liegen. Wir müssen uns nur eine Zeit lang im Untergrund halten, unser Äußeres ein wenig verändern und vor allem die Ruhe bewahren. Dann stehen uns schon bald alle Türen offen.«

Tommy blickte nach rechts und warf seiner Komplizin einen seltsamen Blick zu, der eine mit Angst überlagerte Hoffnung verriet, aber auch die Frage zu enthalten schien, ob sich das Vertrauen in seine Partnerin wirklich lohnte. Aus dem Augenwinkel nahm er den Rucksack voller Geld auf dem Rücksitz wahr, der starr und bewegungslos dort lag und seiner immensen Furcht und seinen niederschmetternden Schuldgefühlen wie ein korruptes Angebot gegenüberstand.

»Ja, ich weiß«, antwortete Tommy leise, während er seinen Blick wieder auf die Straße richtete. »Aber wir sollten trotzdem mal kurz anhalten und den Rucksack im Kofferraum verstauen.«

Maria wandte ihren Kopf nach hinten. »Hm«, stimmte sie zu, »das ist deine erste vernünftige Idee heute.«

Die Gelegenheit war günstig, denn sie durchfuhren gerade einen Straßenabschnitt, an dem weit und breit kein Haus zu sehen war. Tommy lenkte den Wagen zum waldgesäumten Straßenrand und hielt an einem dichten Gebüsch an.

»Schmeiß du bitte den Rucksack hinten rein«, bat er, »ich muss erst mal pinkeln.«

Die beiden stiegen aus, und während Maria sich daranmachte, die Beute im Kofferraum zu verstauen, verschwand Tommy im Gehölz.

Er war sich selbst nicht im Klaren darüber, warum er so dringend Wasser lassen musste, denn so viel hatte er gar nicht getrunken. Wahrscheinlich waren es seine Angst und Nervosität, die diesen Druck auf die Blase erzeugten. Es hätte ihn nicht gewundert, und in diesem Fall wäre auch ein entsprechender Druck im Darm nichts Ungewöhnliches gewesen; psychisch hatte er schon längst sprichwörtlich die Hose voll.

Als er gerade den Reißverschluss seiner Jeans wieder geschlossen hatte, glaubte er ein seltsames Geräusch zu vernehmen. Es klang fast wie ein Seufzen und schien von schräg links hinter ihm zu kommen. Er fuhr herum, und der Schreck hätte wohl spätestens jetzt tatsächlich zu einer Besudelung seiner Hose geführt, wenn er nicht bereits freiwillig seinem körperlichen Bedürfnis nachgegeben hätte. Das merkwürdige Geräusch, das er gehört hatte, war offenbar aus der Richtung eines Baumes gekommen, der auf der anderen, vom Auto aus nicht sichtbaren, Seite des Gebüsches stand. Tommy lief ein Stück, schaute sich um, konnte aber nichts erkennen, was auf die Herkunft des Geräusches schließen ließ. Lediglich eines war seltsam: Um den Baum, eine mächtige Eiche, war ein starkes Seil gewickelt, welches in Tommy einen Verdacht erzeugte, der seinen Schrecken spontan abmilderte: Jemand hatte hier offenbar einen Hund ausgesetzt.

»Tommy?«, erklang es jenseits des Gebüschs.

»Ja, ich komme gleich«, antwortete er, wandte den Blick jedoch nicht von der Eiche. Langsam bewegte er sich auf den Baum zu und versuchte dabei, seine Schritte so leise wie möglich zu halten. Möglicherweise war der Hund bissig und Tommy hatte noch keine konkrete Vorstellung von der Länge des Seils. Behutsam achtete er darauf, nicht auf brüchige Äste oder raschelndes Laub zu treten. Noch zwei Meter trennten ihn vom Baum und Seil und …

»Tommy«, rief Maria wieder, »gießt du da den ganzen Wald?«

»Moment noch!«, rief Tommy zurück und hoffte, den Hund damit nicht aufzuschrecken.

So leise wie möglich schlich er auf die seilumwundene Eiche zu, als das seufzende Geräusch abermals erklang. Nein, irgendwie hörte sich das gar nicht nach einem Hund an, sondern vielmehr …

»Tommy!«

Er umrundete den Baum, und als er sah, was dort angebunden war, machte sich ein Entsetzen in ihm breit, das ihn für einen Moment Marias Rufe, das geraubte Geld und sogar die furchtbaren Vorgänge in Arnsberg vergessen ließ. Vor ihm kauerte kein ausgesetztes Tier, sondern ein schätzungsweise dreizehnjähriger Junge, der offensichtlich unter Drogen oder medizinischen Betäubungsmitteln stand. Seine Augen waren halb geschlossen, und immer wieder wurde sein Atmen von dem Stöhnen überlagert, ohne das Tommy wohl gar nicht auf ihn aufmerksam geworden wäre. Wie ein nicht mehr gewünschtes Haustier war er mit auf dem Rücken gefesselten Händen an die Eiche angebunden worden – offenbar in der Hoffnung, dass er hier früher oder später aufgelesen würde. Wer, um Himmels willen, war zu so etwas Unmenschlichem fähig? Tommy bückte sich und löste die Knoten der Stricke an den Händen des Jungen.

»Keine Angst!«, flüsterte er beruhigend. »Es ist alles gut.«

In diesem Moment fühlte er sich wie der Archetyp eines Paradoxons. Er, der vor Angst kaum klar denken konnte, sprach jemand anderem Mut zu und forderte ihn auf, keine Angst zu haben. Welch ein Wahnwitz hinsichtlich seiner eigenen Situation, insbesondere in Bezug auf das, was noch kommen mochte. Tommy hatte den halb bewusstlosen Jungen vom Baum losgebunden, doch was sollte jetzt folgen? Maria würde vermutlich ausrasten. Tommy hoffte, dass sie keine Dummheit beging. Doch bevor er den Gedanken weiterspinnen konnte, tauchte sie auch schon am Straßenrand vor dem Busch auf.

»Sag mal, Tommy, hast du …?«

Mehr brachte sie nicht hervor. Als sie sah, womit ihr Komplize beschäftigt war, blieb sie mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen stehen. Tommy, der inzwischen den Jungen behutsam Richtung Straße führte, warf ihr einen mahnenden Blick zu.

»Was tust du denn da?«, fragte sie für ihre Verhältnisse recht leise.

»Irgendein Spinner hat ihn an diesen Baum gefesselt«, erklärte Tommy. »Ich habe ihn nur losgebunden.«

»Bist du völlig übergeschnappt?«, fragte Maria, die ihre Fassung wiedergewonnen hatte. »Lass den Idioten hier und komm endlich!«

Doch Tommy ging unbeirrt an Maria vorbei und zog den Jungen mit sich.

»Wir müssen ihm irgendwie helfen!«, bestimmte er plötzlich das Geschehen oder versuchte es zumindest. »Lass ihn uns ein Stück mitnehmen!«

»Ich glaube, du spinnst!«, rief Maria und schüttelte vehement den Kopf. »Kann man dich denn keine fünf Minuten allein lassen? Du wirst jetzt sofort ins Auto steigen, und zwar ohne diesen Bengel!«

Tommy reagierte nicht. Er spürte lediglich eine für Maria typische Aura der Aggression. Deshalb war er auch wenig verblüfft, als die Spanierin unter ihre Jacke griff und eine der Automatikpistolen hervorzog. Entschlossen richtete sie die Waffe auf den Jungen.

»Bitte zwing mich nicht dazu!«, forderte sie ihn auf, während sie den beiden zum Wagen folgte. »Wenn ich den Bengel abknallen muss, findet die Polizei anhand der Projektile unsere Spur. Und wir haben keine Zeit, hier und jetzt eine Leiche verschwinden zu lassen. Kapierst du das?«

Tommy verstand natürlich. Als er sich gerade schützend zwischen den Jungen und die Waffe stellen wollte, wurde ihrer aller Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt, das sich am Rande der einsamen Straße auf sie zubewegte. Eine weiße Gestalt, die sich von der klar erkennbaren Waffe in Marias Hand völlig unbeeindruckt zeigte. Und es war Tommy sofort klar, dass es sich bei dieser Person um den alten Mann handelte, den sie vor ein paar Minuten im Vorbeifahren gesehen hatten.

»Bleiben Sie stehen!«, rief Maria ihm zu, doch der Greis zeigte keine Reaktion.

Die Situation nahm mehr und mehr einen unwirklichen Charakter an, zumal der offenbar unter Drogen oder Medikamenten stehende Junge plötzlich hellwach zu sein schien. Wenn er auch kein Wort von sich gab, reagierte er doch auf den alten Mann im Nachthemd, der sich schleppenden Schrittes weiter näherte. Und auch dieser schien sich für Tommy und Maria nicht im Geringsten zu interessieren. Nein, er hatte nur Augen für den Jungen – Augen, die einen unbestimmten Ausgang der Situation verhießen; Augen, in denen eine Gefahr zu lauern schien.

»Verdammt, Tommy!«, fluchte Maria. »Jetzt haben wir Zeugen, die uns wiedererkennen können. Jetzt muss ich beide töten! Das hast du uns eingebrockt!«

»Nein, Maria!«, rief Tommy. »Hör auf damit!«

Die Mündung der Automatik zielte weiterhin auf den Jungen. Doch obwohl Marias Gesichtsausdruck die feste Entschlossenheit verriet, ohne Zögern abzudrücken, schien irgendetwas ihr Vorhaben zu vereiteln. Als würde ihr Arm nicht den Befehlen ihres Gehirns gehorchen, krümmte sich Marias Ellenbogen und hob die Waffe in die Luft, wobei ihre angestrengte Miene offenbarte, dass sie krampfhaft damit beschäftigt war, sich gegen diese Bewegung zu wehren. Fast sah es so aus, als verdrehte ihr ein Unsichtbarer den Arm. Dann wurde ihr nunmehr angewinkelter Arm von einer unbekannten Kraft zurück zu ihrem Körper geführt, sodass sich die Mündung der Schusswaffe ihrem eigenen Kopf näherte. Adern traten an Marias Schläfen hervor, ihr Mund war verzerrt und entblößte ihre Zähne. Und erst jetzt bemerkte Tommy, dass der Blick des Jungen gar nicht mehr auf den Greis gerichtet war, der wie zu dessen Begrüßung die Arme ausgebreitet hatte, sondern auf Maria.

»Schnell, ins Auto!«, befahl Tommy und drückte den Jungen durch die noch geöffnete rechte Hintertür auf den Rücksitz des Corsas.

Im gleichen Moment ließ auch der alte Mann, der inzwischen auf zwei Meter herangekommen war, die Arme sinken und die lauernde Gefahr verschwand aus seinen Augen. Auch Maria war augenscheinlich von der mysteriösen Kraft entbunden, die ihr vor Sekunden noch den Tod zu bescheren gedachte.

»Steig ein, Maria!«, befahl Tommy, der bereits am Steuer saß und den Zündschlüssel drehte. »Schnell, hier stimmt doch irgendwas nicht!«

Eine Sekunde später saß Maria auf dem Beifahrersitz und der Wagen setzte sich mit quietschenden Reifen in Bewegung. Hektisch blickte Tommy in den Rückspiegel und sah, dass der Greis im Nachthemd ihnen nachblickte, ohne jedoch seinen Schritt weiter zu verlangsamen oder gar stehen zu bleiben. Der Junge auf dem Rücksitz fiel hingegen wieder in völlige Lethargie.

Kapitel 4: Religiöse Fragen

Es war eine völlig unscheinbare Wohnung in einem ebenso unscheinbaren Mehrfamilienhaus im Lüdenscheider Stadtteil Wehberg. Der Briefkasten und das Namensschild neben der Türklingel offenbarten den Namen Rudolf Nidens, doch wurde der Knopf nur selten gedrückt und der Briefkasten seitens des Postboten nur selten gefüllt. Der Mieter war um die vierzig, sehr unauffällig und bei den anderen Hausbewohnern kaum bekannt. Einer geregelten Erwerbstätigkeit schien er nicht nachzugehen, da er so gut wie nie das Haus verließ. Zwar war er weder stur noch unfreundlich, auch grüßte er anständig bei einer Begegnung im Treppenhaus, jedoch kam es nie zu einer Konversation wie unter Nachbarn allgemein üblich. Er erledigte seine Pflichten als Mieter pünktlich und korrekt, zahlte seine Miete nach Plan und gab auch sonst keinerlei Anlass zu Beschwerden oder dem in solchen Häusern oft gängigen Getratsche. Aus seiner Wohnung drangen niemals Geräusche oder Essensgerüche, selbst dann nicht, wenn er Besuch empfing. Bei diesen Besuchen handelte es sich stets um zwei Männer in seinem Alter, die in unregelmäßigen Abständen auftauchten, zwischen denen oft große Zeitintervalle lagen. Sie trugen, wie auch Nidens selbst, fast immer dunkle Anzüge. Ob die Besuche beruflicher oder privater Natur waren, lag völlig im Dunkeln. Auch sie grüßten freundlich die anderen Mieter bei einer Begegnung, führten aber nicht einmal untereinander eine Unterhaltung, bis sich die Tür zur Wohnung von Rudolf Nidens hinter ihnen geschlossen hatte. Natürlich entwickelten die Hausbewohner angesichts dieser ominösen Besucher alle möglichen Theorien über Nidens und seine Tätigkeiten, doch durch die Korrektheit des Mieters und mangelnder Gespräche bewegten sich diese in eher harmlosen Vermutungen.

Einer dieser geheimnisvollen Besuchstage war heute. Seine beiden Gäste hatten sich zusammen mit Rudolf Nidens wie zu einer Krisensitzung an einem runden Tisch positioniert. Wolfgang Schwarz und Björn Teske saßen jeweils ihrem Gastgeber, der konzentriert die Augen geschlossen hielt, schräg gegenüber, sodass sich zwischen den Anwesenden ein Dreieck bildete. In der Wohnung leuchtete kein elektrisches Licht, stattdessen brannten Kerzen überall verteilt, die in Verbindung mit sehr leise gespielter, ruhiger Klangschalenmusik eine mystische Stimmung erzeugten. Während die anderen Räume mit einer oder zwei Kerzen bestückt waren, lief der Fokus der natürlichen Flammen hier im Wohnzimmer auf einer Anrichte zusammen, auf der ein sechsarmiger Leuchter ein unheimliches Licht auf eine Statue warf, die zweifellos den Satan darstellen sollte. Das zeitweilige Flackern der vielen Flämmchen sorgte dafür, dass es so aussah, als würde die Figur atmen.

»Hast du schon Kontakt?«, fragte Wolfgang Schwarz leise.

»Pst!«, bremste ihn Björn Teske. »Stör ihn nicht! Du wirst schon merken, wenn es so weit ist.«

Der Kopf des Mediums alias Rudolf Nidens senkte sich langsam, was den beiden Sitzungsteilnehmern ein allmähliches Abtauchen in tiefe Trance verriet. Wolfgangs anfängliche Ungeduld wurde durch diese Beobachtung teilweise befriedigt; er wusste, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis es Informationen vom Meister gab. Rudolfs Kopf sank noch weiter, bis er durch das Auftreffen des Kinns am Schlüsselbein gestoppt wurde. Im selben Moment wurde der Atem des Mediums schwer und ungleichmäßig, was sich bis zur Hyperventilation steigerte. Dann schnellte sein Kopf ruckartig in die Höhe. Seine Augen waren weit aufgerissen. Doch es waren nicht die bekannten Augen von Rudolf Nidens. Nein, sie schienen lediglich aus zwei riesigen Pupillen zu bestehen. Etwas Weißes war in diesen Augen nicht mehr zu erkennen, da war nur noch dieses diabolische Schwarz. Gleichzeitig toste von einem auf den anderen Moment ein starker Luftzug durch das Zimmer, der die Kerzen flackern ließ und beim Vorbeirauschen an den Ritzen und Kanten der Möbel ein unheimliches Pfeifen erzeugte.

Für Wolfgang und Björn war dieses Ereignis nichts Ungewöhnliches mehr; es trat stets ein, wenn Rudolf den Kontakt zur anderen Dimension hergestellt hatte. Zu Beginn ihrer Sitzungen vor einigen Jahren war es bei ihnen in der Tat noch zu einem mulmigen Gefühl in der Magengegend gekommen, doch die Regelmäßigkeit ihrer Treffen hatte ihnen schon nach kurzer Zeit eine Unempfindlichkeit solchen Erscheinungen gegenüber beschert. Wer den Herrn der Finsternis auf seiner Seite hatte und ihm treu diente, brauchte keine Furcht zu empfinden.

»Der Engel des westlichen Fensters heißt euch willkommen, meine Ritter«, sprach eine finstere Wesenheit mit tiefer Stimme durch Rudolfs Mund. »Es ist ein besonderer Tag für den Meister, für mich und auch für euch.«

Niemals sprach der Herr der Finsternis selbst. Es waren stets untergeordnete Geister, die auf die Kontaktaufnahme reagierten. Dies hatte aber nach Ansicht der drei dunklen Spiritisten nichts damit zu tun, dass der Höchste sich nicht mit schnöden Menschenwesen abgeben wollte, sondern es lag ihrer Meinung nach eher daran, dass aufgrund der ungeheuren Kluft zwischen den Bewusstseinsebenen eine verbale Konversation gar nicht möglich war. Aus diesem Grunde waren sie auf Wesen niedrigeren Ranges angewiesen, die den Menschen zwar ebenfalls übergeordnet, aber auf kommunikativer Ebene noch erreichbar waren. Von Bedeutung war lediglich, dass sie dem richtigen Lager angehörten.

»Der Engel des westlichen Fensters?«, fragte Wolfgang, jetzt von Neugier und Ungeduld getrieben. »Was hast du für uns?«

»Schweig!«, befahl die Entität durch Rudolfs Mund. »Wie kannst du es wagen, mich zu unterbrechen?«

Wolfgang ließ beschämt den Kopf sinken und murmelte kleinlaut: »Ich bitte um Verzeihung.«

»Es ist nun schon viele Jahre her«, setzte die unheimliche Stimme fort, »dass der Brunnenschlüssel einem Auserwählten überreicht wurde. Leider war der Adept, für den er bestimmt war, über lange Zeit in menschlicher Gefangenschaft, da ein paar Neunmalkluge seine Fähigkeiten falsch interpretierten. Nun jedoch hat er seine Ketten gesprengt und ist geradewegs auf dem Weg zu euch. Er ist bereits dabei, feurige Heuschrecken zu verbreiten. Nehmt ihn auf und behandelt ihn gut, denn mein Meister findet Wohlgefallen an ihm. Es sei euch nun gestattet, weitere Fragen zu stellen.«

Wolfgang Schwarz, der sich ansonsten ungezügelter Neugier und maßlosem Wissensdrang hingab, hielt sich nach der erteilten Zurechtweisung zurück und überließ seinem Mitstreiter Björn das Wort.

»Woran werden wir ihn erkennen?«

»Es ist nicht nötig, ihn zu erkennen. Wartet nur auf meinen offiziellen Boten, er wird euch direkt zu ihm führen.«

»Wann wird er erscheinen?«

»Noch heute Nacht. Doch seid euch gewiss, dass nicht allein ihr ihn wollt. Vernichtet mit seiner Hilfe jene Brut, die ihn verfolgt. Verwahrt ihn, bis sich seine Macht vollends entwickelt hat, denn noch ist er geschwächt durch die Misshandlung, welche er durch unwissende Menschen erfuhr. Doch bald schon wird er sich entfaltet haben und unserem Herrn Genüge tun.«

Die letzten Worte schoben sich leiser und langsamer über Rudolfs Lippen, während dessen Augen sich langsam schlossen und auch sein Kopf wieder zur Brust herabsank. Der Kontakt war abgebrochen – er war kurz, aber sehr informativ gewesen.

Wolfgang und Björn sahen sich mit unheilvollem Gesichtsausdruck an.

»Was hältst du davon?«, fragte Björn mit einer sichtbaren Portion Skepsis.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Wolfgang. »Jahrelang haben wir darauf hingearbeitet. Jetzt scheinen unsere Vorstellungen endlich real zu werden, aber sie fühlen sich unwirklich an.«

»Macht euch nicht so viele Gedanken«, raunte Rudolf, der inzwischen zu sich gekommen war, noch etwas geschwächt dazwischen. Seine Augen hatten sich wieder normalisiert. »Unsere Aufgabe besteht ja nur darin, abzuwarten. Alles andere wird sich zeigen.«

Rudolf Nidens war kein Medium der klassischen Art. Während ein geistiges Wesen seinen Körper als Sprachrohr benutzte, nahm er die Sitzung stets als unbeteiligter Beobachter wahr. Offenbar kam es beim Eintritt der Trance zu einer Astralprojektion, die wohl notwendig war, um ebenjenem infernalischen Gesprächspartner die Möglichkeit zu geben, den Körper des Mediums zu besetzen und durch ihn zu sprechen. Anders war es nicht erklärlich, dass Rudolf eine klare Erinnerung an das jeweils Gesagte hatte.

»Aber hier geht es doch nicht um irgendeine kleine Sache«, entgegnete Wolfgang sichtlich nervös. »Es wurde vom Erscheinen des Antichristen gesprochen.«

»O nein!«, hielt Rudolf dagegen. »Das stimmt keineswegs. Bis dahin dauert es wohl noch etwas. Womit wir es hier zu tun haben, ist die fünfte Posaune.«

»Die fünfte Posaune?«, wiederholte Wolfgang skeptisch.

»Ja, so wird das Ereignis zumindest in der Offenbarung genannt«, erklärte Rudolf.

»Genauer gesagt: Kapitel 9«, ergänzte Björn. »Nachdem der fünfte Engel in seine Posaune bläst, stürzt ein Stern vom Himmel, dem der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben wurde. Aus dem Rauch, der nach dem Öffnen daraus hervortritt, bilden sich Heuschrecken, welche die Menschen quälen.«

»Sehr richtig!«, bestätigte Rudolf. »Und sie haben einen König über sich, der als Engel des Abgrunds bezeichnet wird. Sein Name ist Abaddon.«

»Wir suchen also keinen Menschen«, fragte Wolfgang erstaunt, »sondern einen Stern?«

»Das ist ein weiteres Symbol«, erklärte Rudolf, »welches uns in Crowleys Liber al vel legis erklärt wird: ›Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.‹«

»Aber wenn er doch, wie gesagt wurde, so lange eingesperrt war«, zweifelte Wolfgang, »müsste er doch einige Jahre auf dem Buckel haben. Wenn er diesen Abgrund, was auch immer das ist, geöffnet hätte und dafür im Gefängnis saß, sollte die Tat dann nicht irgendwie auch für uns ersichtlich gewesen sein?«

»Du denkst falsch«, stellte Rudolf fest und zupfte sich nachdenklich am Kinn. »Es wurde von menschlicher Gefangenschaft gesprochen und von Unwissenden. Das muss kein Gefängnis sein, es kann sich auch um eine psychiatrische Einrichtung handeln. Und woher willst du wissen, dass der Brunnen zum Abgrund bereits geöffnet wurde? Es war lediglich die Rede davon, dass er den Schlüssel dazu besitzt. Möglicherweise war es gerade die Gefangenschaft, die ihn daran hinderte, ihn zu benutzen. Er muss nicht alt sein und möglicherweise weiß er noch nicht, wer er ist …«

»Jetzt rede mal Klartext!«, forderte Björn ihn auf. »Du hast doch einen bestimmten Verdacht, oder?«

»Nun«, murmelte Rudolf, »ich glaube, dass der Auserwählte schon früh von seinen Eltern getrennt wurde, weil er nach Meinung der Ärzte psychisch gestört ist. Er kam vielleicht in ein entsprechendes Sanatorium oder geschlossenes Heim, wo man ihn entsprechend behandelte. Es könnte auch sein, dass er Fähigkeiten besitzt, für die sich Wissenschaftler interessierten, sodass sie ihn unter aufgesetzter Freundlichkeit oder unter Zuhilfenahme von Beruhigungsmitteln auszuforschen gedachten. In beiden Fällen sah er wahrscheinlich selbst gar keine Veranlassung dazu, den Schlüssel zu benutzen. Oder es wurde ihm schlichtweg die Möglichkeit genommen. Zumindest müssen wir davon ausgehen, dass er aus rein weltlichen Gründen aus der Gesellschaft entfernt wurde, und ich bezweifle, dass es sich bei der Unterbringung um ein Gefängnis handelte. Darüber hinaus bin ich überzeugt davon, dass er nicht entlassen wurde, sondern ausgebrochen ist.«

»Das ist starker Tobak«, meinte Björn. »Das würde auch erklären, warum wir nicht die Einzigen sind, die sich für ihn interessieren. Es wurde doch etwas von einer Brut gesagt, die ihn verfolgt. Leute, wir müssen da ganz schön vorsichtig sein!«

»Wir haben unbesiegbare Mächte auf unserer Seite«, versuchte Rudolf, ihn zu beruhigen. »Du hast es doch gehört: Alles, was wir tun müssen, ist warten!«

 

 

Kapitel 5: Gottloses Verlangen

Die schallende Ohrfeige ließ Bora Jashari über einen Meter durch das Zimmer taumeln. Tränen schossen in ihre Augen, während ihre Wange sich augenblicklich rötete; ein Anblick, der ihrem Bruder Erion nicht unbekannt war. Schließlich hatte diese missratene Schlampe es verdient. Jedes Mal! Wie konnte sie es wagen?

»Ich schwör, ich schlag dich windelweich!«, fuhr er sie an. »Ich mach dich platt, wenn du dich noch einmal mit ihm verabredest. Und ihn nehme ich gleich mit, sobald ich aus dir seinen Namen rausgeprügelt hab!«

»Und wenn du mich totschlägst«, schluchzte Bora. »Ich sage dir gar nichts. Wir leben nicht mehr im Kosovo, sondern in Deutschland, und ich kann mich verabreden, mit wem ich will!«

»Du tust, was Vater und ich dir sagen!«, fuhr Erion sie an. »Und es war dir von Anfang an nicht erlaubt, dich mit einem Scheißdeutschen abzugeben.«

»Du kennst ihn doch überhaupt nicht«, schrie Bora, »wieso glaubt ihr, dass er nichts taugt, nur weil er Deutscher ist?«

»Schluss jetzt!«, erklang eine Stimme von der anderen Seite des Zimmers, die Vater Muzafer zuzuordnen war. »Dieses Thema hatten wir oft genug. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Theater jeden Tag.«

»Vater«, stieß Bora hilfesuchend hervor, »bitte versteh du mich wenigstens. Ich sehe ja ein, dass es nicht in deinem Sinne ist, aber es ist doch mein Leben. Ich kann nicht einfach meine Gefühle verleugnen. Du sagst immer, dass du das Beste für mich willst, aber was kann gut daran sein, wenn du mir einen Mann aussuchst, den ich gar nicht liebe?«

»Du wirst lernen, den zu lieben, den ich dir aussuche! Wenn du daran zweifelst, dass ich dir einen Mann zuweise, der zu dir passt, hast du kein Vertrauen zu mir. War ich nicht immer gut zu dir? Habe ich nicht immer die richtigen Entscheidungen für uns alle getroffen?«

»Du bist eine Muslimin«, warf Erion lautstark dazwischen, »und das wird auch so bleiben, dafür sorgen wir schon. Unsere Familie wird nicht durch einen deutschen Hurensohn kaputtgemacht!«

»Fick dich!«, brüllte Bora unter Tränen.

Als Erion wutentbrannt seine Hand erneut gegen sie erhob, stellte ihr Vater sich mahnend zwischen die beiden. Bora schwieg und Erion ließ seinen Arm sinken.

»Hör auf, sie zu schlagen!«, verlangte er. »Komm mit ins Wohnzimmer, ich will mit dir reden. Und du, Bora, bleibst hier in deinem Zimmer, und zwar bis morgen früh! Das Abendessen wirst du hier einnehmen. Allein!«

Erion folgte seinem Vater, der Boras Zimmer von außen verschloss. Im Wohnzimmer angekommen, setzte sein Vater sich in einen Sessel und wies ihm einen Platz auf dem Sofa zu.

»Mein Sohn«, begann er, »du kannst sie nicht mit Gewalt auf den richtigen Weg bringen. Ich erwarte von dir, dass du sie nicht mehr schlägst! Hast du das verstanden?«

»Wenn aber Züchtigung das einzige Mittel ist?«, argumentierte Erion. »Auf Worte reagiert sie nicht, noch nicht einmal auf die des Propheten. Sie macht den Rest unserer Familie kaputt, und das werde ich zu verhindern wissen. Bevor sie sich mit einem dreckigen Deutschen trifft, bringe ich beide um!«

»Erion!«, rief sein Vater scharf. »Du redest hier von einem Ehrenmord. Ich hoffe und gehe stark davon aus, dass dir das nur so herausgerutscht ist. Lass deinen Hass und deine Wut nicht über das Wort Allahs siegen, sonst gehst du keinen anderen Weg als deine Schwester, die sich von anderen niederen Gefühlen leiten lässt.«

»Kapierst du nicht, dass ich auf deiner Seite bin? Du hast uns streng islamisch erzogen, und ich handle doch gerade in diesem Sinne. Bora ist diejenige, die Strafe verdient hat, nicht ich.«

»Der Islam ist die einzige Wahrheit, das ist richtig. Doch das bedeutet nicht, dass die Anhänger unserer Religion ausnahmslos fehlerfrei sind. Lippenbekenntnisse sind einen Dreck wert, der Glaube muss verinnerlicht werden. Bis jetzt sehe ich von dir nichts als ausgelebte Aggressionen. Du prügelst dich auf der Straße herum und lässt deinen Frust an deiner Schwester aus. Du gehst nicht arbeiten und fällst dem Staat zur Last, der uns einst aufgenommen hat. Ist das für dich etwa gelebter Islam?«

»Und was erwartest du von mir? Dass ich mich hier für ein paar Euro abrackere? Ich habe mir dieses Land nicht ausgesucht, und glaube mir: Hier steht bei Weitem nicht alles zum Besten. Auf der Flucht vor einem mächtigen Feind hast du dir von einem anderen Feind helfen lassen und glaubst nun, dass du ihm etwas schuldig bist. Nein, Vater, das ist widersinnig! Dieses Land braucht eine Revolution und vor dir sitzt jemand, der sich die Zustände nicht gefallen lässt. Und da erwartest du von mir, dass ich dem Feind diene und noch zusätzlich darauf verzichte, meine Schwester für ihren Ungehorsam zu züchtigen? Sag mir bitte, was ich genau tun soll und wie ich das mit dem Islam vereinbaren kann!«

»Du sollst deinen Glauben gefestigt halten, auch wenn das mit Leid für dich selbst verbunden ist. Es mögen dir viele Menschen gegenübertreten, die dir vehement ausreden wollen, dass der Islam eine Religion des Friedens ist. Aber dennoch ist es so. Dieser Frieden muss in vielen Fällen allerdings erst geschaffen werden, was sicherlich nicht immer einfach ist. Genau hierin ist die Prüfung zu sehen. Beweise, dass du auf der richtigen Seite stehst. Beweise es mir, dir selbst und vor allem Allah!«

»Eine schwammige Aussage«, murmelte Erion. »Aber einen Beweis wirst du bekommen, ich schwör es dir.«

Mit dieser Aussage erhob sich der junge Mann und begab sich in sein Zimmer. Wütend ließ er sich an seinem Schreibtisch nieder und blickte auf diverse Stapel Papiere, mit denen es eine ganz besondere Bewandtnis hatte. Und diese Bewandtnis ging auf Ereignisse zurück, an die er sich selbst kaum noch erinnern konnte. Die Geschichte war ihm mehrfach von seinem Vater erzählt worden und handelte von Ereignissen in den späten Neunzigerjahren. Erion war gerade fünf Jahre alt und somit drei Jahre älter als Bora. Die Jasharis lebten zu der Zeit in Rahovec. Als im Juli 1998 durch die Großoffensive der UÇK ihre Heimatstadt im Zentralkosovo in Mitleidenschaft des Krieges gezogen wurde, hatte die Familie bereits zu Anfang der Gefechte ihre gesamte Verwandtschaft verloren. Unter unsäglichen Mühen schafften es Muzafer und Valdrina Jashari, ständig von den Schrecken des grausamen Krieges umgeben, nahezu mittellos zu flüchten und dabei auch Erion und die zweijährige Bora außer Landes zu schaffen. Eine von skrupellosen Schleppern initiierte Odyssee über verschiedene Fluchtwege führte die Familie, bereits am Ende ihrer Kräfte, Hunderte Kilometer durch unwegsame Gebiete letztlich nach Berlin. So stolz und glücklich, Frau und Kinder weitgehend unversehrt aus den grauenvollen Wirren gerettet zu haben, hatte Muzafer Jashari jedoch die schlimmste Erfahrung noch vor sich. In deutschen Landen, wo nach verschiedenen Aussagen Milch und Honig fließen sollte, verlief sich die Familie auf dem Weg zu einer amtlichen Aufnahmestelle und landete in einer verschmutzten Seitenstraße, wo sie, kaum dass sie sich ihrer vermeintlichen Sicherheit erfreute, mit den Schlagstöcken glatzköpfiger Neonazis Bekanntschaft machte. Vater Muzafer wurde augenblicklich besinnungslos geprügelt, während die Kinder Erion und Bora weinend mit ansehen mussten, wie ihre Mutter gedemütigt und auf brutalste Weise misshandelt wurde. Der Vater erholte sich alsbald von seinen Verletzungen, die Mutter jedoch starb wenige Tage später an ihren zahlreichen inneren und äußeren Verletzungen. Was die Gräuel des Krieges nicht vermocht hatten, war in diesem vorgeblich so freien Land innerhalb kürzester Zeit nachgeholt worden. Erion hatte nur bruchstückhafte Erinnerungen an die Geschehnisse, Bora wusste nichts mehr von alledem und konnte sich auch kaum an ihre Mutter erinnern, deren Foto auch heute noch auf einem Tisch im Wohnzimmer stand. Doch selbst das schreckliche Ereignis konnte Muzafer Jashari nicht davon abhalten, sich allmählich in Deutschland eine relativ gute Existenz aufzubauen, wenngleich er als Flüchtling dazu einige Hürden überwinden musste. Der Weg führte über mehrere Städte, in denen er unter anderem als Straßenfeger, Abdecker oder Zeitungsbote arbeitete, und schließlich aufgrund eines Fabrikjobs nach Lüdenscheid, wo er, inzwischen siebenundvierzig Jahre alt, am Wehberg mit Erion und Bora eine Wohnung angemietet hatte. Stets hatte er sich schweigend mit seinem schweren Los abgefunden und, fast schon devot, allen Ärger ertragen, den ihm das Leben präsentierte. Lediglich finanziell war es bergauf gegangen, seit er seinen Wohnsitz nach Lüdenscheid verlegt hatte. Seine Kinder erzog er mit eiserner Hand und im Sinne des Islams; diese Überzeugung war das Einzige, was ihm noch geblieben war.

Erion dagegen sah im Verhalten seines Vaters ein bemitleidenswertes Beherrschtwerden vom feindlichen System, welches tatenlos zugelassen hatte, dass seine Mutter auf offener Straße zu Tode geprügelt worden war. Dennoch blieb es für ihn ein Rätsel, wie sein Vater in der relativ kurzen Zeit zu so viel Geld kommen konnte. Nie und nimmer wurde die Anstellung in der Fabrik derart gut bezahlt. Nie wurde auch nur ein Wort über das nicht näher bezifferte Vermögen, welches zum Großteil in einem gut gesicherten Tresor aufbewahrt lag, in der Öffentlichkeit oder zu Hause verloren. Geschweige denn durften diese großzügigen Reserven angetastet werden. Darauf legte Muzafer Jashari besonders großen Wert und duldete keinerlei Kompromisse. Erion sah sich selbst in einem Land gefangen, in dem Unzucht und wildes Treiben als normal angesehen wurde, ein Land, in dem die Frauen ungestraft halb nackt herumlaufen und auch noch Rechte für sich beanspruchen durften, die laut einem höheren Gesetz ausschließlich Männern vorbehalten waren. Sogar seine eigene Schwester wollte nun der Familie in den Rücken fallen und sich in diese Frevel einfügen. Nein, Erion würde sich niemals unterwerfen, sondern dem Wort des Korans Genüge tun.

Entschlossen blickte er auf die verzwickten Schaltpläne, die er auf seinem Schreibtisch ausgebreitet hatte. Ein Lächeln zog sich über seine Lippen. Die kommende Nacht war seine, denn die physische Entsprechung von dem, was dort abgebildet war, befand sich schon längst nicht mehr in seinem Zimmer.

Kapitel 6: Sauerländer Spezialitäten

Nach einer Fahrtzeit von einer knappen halben Stunde hatten sie den gestohlenen Opel Corsa bei einer alten Jagdhütte abgestellt, die sich oberhalb des Lüdenscheider Ortsteils Wettringhof befand. In der einsetzenden Abenddämmerung war das Auto von Weitem kaum auszumachen. Es war insofern so gut wie sicher, dass es vorerst nicht gefunden werden würde, soweit die Polizei hier nicht gezielt nach ihm suchte, wozu sie derzeit aller Wahrscheinlichkeit nach keinerlei Veranlassung hatte. Laut Radiomeldungen erstreckte sich die Suche nach dem Bankräuberpärchen wohl immer noch auf die nähere Arnsberger Umgebung.

Über den Vorfall am Straßenrand hatten sie unterwegs nicht mehr viele Worte verloren. Fast schien es so, als wäre das Schweigen, das der dort aufgelesene Junge an den Tag legte, auf die beiden übergegangen. Erst jetzt, nachdem sie aus dem Wagen gestiegen waren, ließ sich Tommy zu einer skeptischen Bemerkung hinreißen.

»Das ist ja ein wirklich tolles Versteck für einen geklauten Fluchtwagen.«

»Idiota! Du Kleinhirn begreifst wieder mal gar nichts!«, brummte Maria. »Es soll so aussehen, als wäre hier jemand in der Hütte. Wenn wir die Karre in den Wald hineinfahren, wirkt das doch viel verdächtiger. Da müsste man ihn schon ganz verschwinden lassen. Aber warum sollten wir uns die Mühe machen? Auf diese Weise erregt er kaum Aufsehen, sofern nicht jemand konkret nach genau diesem Wagen sucht. Wir können also davon ausgehen, dass wir einen ziemlich großen Zeitvorsprung haben. In dieser Nacht wird hier niemand nach dem Wagen oder sogar nach uns suchen.«

»Na schön«, gab Tommy sich geschlagen. »Und wie geht es jetzt weiter? Du willst ja wohl nicht hier in dieser Bude übernachten, oder?«

»Oh Mann!«, seufzte Maria. »Du hast deinen Kopf auch nur, um ein paar aufs Maul zu kriegen, wie? Das habe ich dir doch alles mehr als einmal erklärt. Tu einfach, was ich dir sage! Setz dich jetzt in Bewegung und verlier unterwegs den Blödmann da nicht!«

Tommy, der die Tasche mit dem erbeuteten Geld trug, gab dem Jungen einen sanften Schubs. Er wirkte abwesend und folgte den beiden wie ein Dackel.

»Also«, begann Maria, »wir begeben uns jetzt in dieses Dorf am Ende des Waldes. Dort befindet sich eine Kneipe, die um diese Zeit erfahrungsgemäß noch nicht sehr gut besucht ist. Die Gefahr, dass uns dort jemand erkennt, ist sehr gering. Dort geht es mit einem Taxi weiter stadteinwärts, wo wir uns für die Nacht in irgendeiner Spelunke einquartieren. Unsere neuen Ausweise holen wir uns morgen früh bei diesem Jashari ab. Der übernimmt auch den Kram mit der Geldwäsche und so.«

»Und was ist mit dem Jungen?«, fragte Tommy skeptisch. »Der gehört nicht zu deinem Plan. Wir wissen nicht, wo er herkommt. Was ist, wenn ihn jemand erkennt? Damit würden wir dann ja doch die Aufmerksamkeit auf uns lenken.«

»Vergiss mal nicht«, meinte Maria schnippisch, »dass du selbst derjenige warst, der ihn unbedingt mitnehmen musste. Aber verlass dich drauf: Er ist nur deswegen noch bei uns, weil mir die Idee kam, ihn im Notfall als Geisel zu benutzen. Sobald alles über die Bühne ist, werden wir ihn … nun … abstoßen.«

»Und der Alte, der uns ebenfalls gesehen hat?«

»Ein Opa, der im Nachthemd durch die Gegend läuft? Der hatte sie doch nicht alle. Er wird gar nicht auf den Gedanken kommen, dass wir gesucht werden. Aber selbst wenn er petzen würde, glaube ich kaum, dass er ernst genommen wird. Noch bevor er seine Aussage machen könnte, hätte er schon die Zwangsjacke an.«

»Du stellst dir das alles sehr einfach vor«, zweifelte Tommy. »Das perfekte Verbrechen ist das nicht gerade. Ich habe irgendwie das Gefühl, die Sache wird noch ganz schön aus dem Ruder laufen. Warum nur lasse ich mich immer wieder auf solche halbschwangeren Sachen ein?!«

Maria blieb abrupt stehen und verpasste Tommy ohne Vorwarnung eine schallende Ohrfeige.

»Tu, was ich dir sage!«, fuhr sie ihn an. »Und mach jetzt bloß keine Scheiße!«

Tommy schwieg, während er sich seine gerötete Wange hielt. Der Junge, der ihnen bisher mit leerem Blick folgte, war ebenfalls stehen geblieben und sah Maria plötzlich eindringlich an. Seine Augen schienen zu glühen.

»Was schaust du mich so an?«, fragte die Spanierin verwundert. »Was ist mit dir, warum glotzt du so?«

Mit einem Mal bekam die Szene eine latente Ähnlichkeit mit dem Ereignis an der Landstraße. Maria griff sich mit beiden Händen an die Schläfen und stöhnte laut auf.

»Tommy«, schrie sie, »er soll aufhören, mich anzustarren! O Gott, mein Kopf!«

Auf ihr Geschrei hin stellte sich Tommy zwischen die beiden.

»Hey, Junge«, sagte er leise, »ist doch alles in Ordnung. Lass gut sein!«

Er schloss ihn in die Arme und brachte ein beschwichtigendes »Schschsch!« hervor. Langsam drehte er ihn dabei zur Seite und hörte im selben Moment ein erleichtertes Seufzen von Maria.

»Mir fällt auf«, stellte er fest, »dass das offenbar immer dann passiert, wenn du ausrastest.«

»Was sagst du?«, fragte Maria ungläubig.

»Es war vorhin an der Landstraße fast das Gleiche. Ich war mir im ersten Moment nicht ganz im Klaren darüber, ob es der Junge oder der Opa war. Aber jetzt scheint es wohl eindeutig zu sein. Er besitzt irgendwelche hypnotischen Fähigkeiten.«

»Hypnotische Fähigkeiten?«, wiederholte Maria. »Das hat mit Hypnose nichts zu tun.

---ENDE DER LESEPROBE---