Caima - Julia Banaszek - E-Book

Caima E-Book

Julia Banaszek

0,0

Beschreibung

Aiden merkt, dass er die Kraft des Feuers besitzt, nachdem er versehentlich einen Wald anzündet. Durch die Hilfe neu gefundener Freunde entdeckt er, wer er wirklich ist. Doch als Aiden dann ein beunruhigendes Symbol findet und Dylan eine verstaubte Schriftrolle aus seinem Schrank kramt, sind sie dazu verleitet, wiederwillig mit ihren Feinden zusammenzuarbeiten. So beginnt die Suche nach dem mysteriösen Ort B, an dem nicht nur eine Aufgabe auf sie wartet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Asa - TAI’AN (CHINA)

Geb - Huacho (PERU)

Blake & Carly - Edinburgh (Schottland)

Tate - Lyon (FRANKREICH)

Amber - Aktau (KASACHSTAN)

Orion - Stuttgart

Aiden - Townsville (AUSTRALIEN)

Raiden - Oaxaca City (MEXIKO)

Dylan - Neapel (ITALIEN)

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Blake & Asa

Dylan & Amber

Carly & Orion

Raiden & Geb

Aiden & Tate

Kapitel 11

Kapitel 12

Feuer

Erde

Wind

Telekinese

Wasser

Kapitel 13

Kapitel 14

1

Es passierte, als der Himmel von Rauch und Asche bedeckt wurde und Mond und Sterne verschwanden.

Atemlos betrachtete ich das Desaster, welches ich angerichtet hatte. Die Tränen in meinen Augen ließen mich alles nur verschwommen wahrnehmen.

Heruntergebrannte Bäume umgaben mich, auf Schnee, der nun geschmolzen war.

»Ich bin ein Monster.«, flüsterte ich mit den Händen im nassen Boden vergraben.

Der Rauch zerstreute sich im Wind und zum ersten Mal erblickte ich die Leute, die wahrscheinlich gerade mein Leben gerettet hatten.

»Du bist kein Monster.«, lächelte ein Junge und hielt mir seine Hand hin.

»Also ich denk’ schon.« Ein anderer trat in den Matsch, der mir daraufhin ins Gesicht spritzte.

Ich wischte mit der Hand über meine Wange, was den Dreck nur weiter verschmierte.

Zögerlich nahm ich die helfende Hand an, die mich hochzog und mit zitternden Beinen stolperte ich vorwärts. Schwer atmend ließ ich meine Augen über die drei Jungs gleiten, während sie sich vorstellten.

Geb war ein kleiner, aber breit gebauter Junge mit Augen, schwarz wie die Nacht und gleichzeitig warm, wie ein Sommertag.

Dylans Haltung, hatte die eines alten Mannes. Seine Schultern hingen nach vorne und seine goldenen Locken verdeckten die Hälfte seines Gesichts.

Und Blake, dessen Kombination aus schneeweißer Haut, rabenschwarzer Haare und eisblauen Augen ihn wie die einschüchternste Person auf der Welt wirken ließ.

Ich rieb meine Hände aneinander. Sie brannten.

»Das wirst du bald unter Kontrolle haben, das verspreche ich dir.« Dylan klopfte mir auf die Schulter.

Zitternd nickte ich, aber ich glaubte ihm nicht.

»Wie wär’s, wenn wir unsere Ärsche wieder nach Hause bewegen. Mir ist verdammt kalt.«, knurrte Blake.

»Aiden, richtig?«, fragte Geb, »Wie wäre es, wenn du erst einmal mit uns kommst. Dann können wir dir erklären, was da eben mit dir passiert ist.«

Wieder nickte ich. Für mich gab es keine andere Wahl, als ihnen hinterher zu laufen, wie ein verlorenes Hündchen, weil es genau das ist, was ich war. Verloren und hilflos.

Immer wieder drehte ich mich um, bis der Wald um uns herum, wieder weiß wurde.

Mein Kopf pochte und fühlte sich an, wie benebelt. Wie ein naives Kind, folgte ich diesen fremden Leuten durch den Wald, jedoch wusste ich, dass sie mir helfen konnten. Wären die drei nicht zur richtigen Zeit da gewesen, wäre ich mit den Flammen eins geworden.

Ich hab den Wald nicht extra in Brand gesetzt. Da war bloß wieder diese Gefühl. Mein Blut brannte, meine Hände zuckten und das Nächste, an das ich mich erinnern konnte, war helles Licht und Hitze, die mich umhüllten.

Das war nicht das erste Mal, dass so etwas passiert war.

Ständig fingen Dinge, um mich herum, an Feuer zu fangen.

Alle nannten es Pech. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Das war was sie mir erzählten, das war was ich glaubte.

Ständig erhitzte sich meine Haut so sehr, dass jeder andere bereits innerlich verbrannt wäre. Alle nannten es Glück.

Meine leiblichen Eltern, sollen kranke Leute gewesen sein. Kranke Leute, die ihrem Kind ein Tattoo verpasste hätten. So erklärten sie mir die Markierung, auf meinem Handgelenk. Ich kannte meine Eltern nicht und wurde direkt nach ihrem Tod adoptiert, aber sie waren gewiss nicht dermaßen verrückt gewesen. Für mich sah es stets nur aus, wie ein komischen Muttermal, in Form einer Flamme.

»Ist dir das zum ersten Mal passiert?«, fragte Dylan.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Ist schon öfters vorgekommen. Nur nicht so schlimm.«

Er verlangsamte seinen Gang, um neben mir zu laufen. »Wusstest du denn, dass du Feuer beherrschen kannst?«

Ich rieb meine Hände aneinander. »Ich hab’s vermutet, um ehrlich zu sein, aber das kam mir zu verrückt vor.«

»Kann ich gut verstehen. Trotzdem müssen wir bei dir wohl bei Null anfangen.«, lachte Geb.

Der Dreck in meinem Gesicht war bereits getrocknet, als wir am Haus ankamen. Es sah nicht ganz so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich meine, es war ein Haus im Wald. Mein erster Gedanke, war eine heruntergekommene Hütte, wie in Horrorfilmen, doch ich wurde vom Gegenteil überrascht. Es war zwar ein Holzhaus, jedoch waren die Wände hoch, die Fenster groß und es gab mindestens zwei Stockwerke.

Bereits beim betreten der Türschwelle, fingen alle an zu stöhnen und ihre Schuhe in eine Ecke zu werfen, als wären wir Stundenlang gelaufen. Ich zog meine Schuhe aus und stellte sie vor einen Schrank.

»Weißt du, du kannst dich echt glücklich schätzen, dass wir dich gefunden haben.«, lächelte Dylan.

Lautlos folgte ich ihm den Gang runter, ins Wohnzimmer. Ein sehr einfach ausgestatteter Raum. Sofa, Fernseher, Tisch. Nicht viel Dekoration, aber genug damit man sich wie zu Hause fühlen konnte.

»Ja, stell dir vor, die Anderen hätten ihn gefunden.« Ein kleiner, blonder Junge sprang vor mich, mit einem lächeln, heller als die Sonne. »Ich wette, sie hätte mit deiner Kraft angegeben.«, fügte er, nach einem Blick auf mein Handgelenk, hinzu, »Hi, ich bin Tate.«

»Aiden.«, nickte ich.

Unser Größenunterschied war mehr als amüsant. Er wirkte wie ein kleines Kind, jedoch war er nicht viel jünger als ich gewesen.

Tate starrte mich einige Sekunden lang an, bevor er mich auf das Sofa schubste.

»Mach’s dir doch bequem.«

Dylan verkniff sich das Lachen und setzte sich neben mich. »Also, nur um die Grundlagen aus dem Weg zu schaffen - wir haben alle Kräfte hier. Alle unterschiedliche, aber wir können dir trotzdem helfen, dein Feuer unter Kontrolle zu kriegen. Deshalb würde ich vorschlagen, dass du für einige Zeit hier wohnen bleibst. Nur wenn du möchtest natürlich.«

»Das ist wirklich sehr nett von euch.«

Meine Dankbarkeit, konnte ich kaum in Worte fassen. Und das es noch andere wie mich gab, ließ mein Herz höher schlagen.

Ich war nicht blöd gewesen. Ich wusste ganz genau, dass ich Feuer beherrschen konnte. Wenn einem Flammen aus den Händen kommen, kann man das nicht übersehen. Jedoch hatte ich es immer unterdrück, mit der Angst jemanden weh zu tun. Wiederum, von heute auf morgen bei völlig Fremden einzuziehen, ist wohl ziemlich leichtsinnig.

»Willkommen in deinem neuen Zuhause.«, grinste Tate.

Neues Zuhause.

Dylan stand auf und ließ mich mit Tate alleine. Er pikste mir in die Brust und näherte sich meinem Gesicht.

»Aber pass auf, die Leute hier sind alle etwas verrückt.«

»Was du nicht sagst.«, flüsterte ich.

Bis jetzt war er der Einzige gewesen, der verrückt wirkte, aber ein lächeln konnte ich mir nicht verkneifen.

Ich legte meine Hände auf meinen Schoß. Sie waren kühler, aber immer noch warm.

»Was denkst du über deine Kraft? Magst du sie? Naja, scheint nicht so, als könntest du gut mit ihr umgehen.«

»Der Wald ist fast wegen mir niedergebrannt.«

»Nice! Ich wünschte ich könnte sowas machen. Meine Kraft ist relativ langweilig.« Tate hielt seine Hände vor mein Gesicht.

Ein heller Lichtstrahl schien mir direkt in die Augen und blendete mich. Ich schlug seine Hände weg.

»Oh Gott! Bist du jetzt blind?«, schrie er, »Das wollte ich nicht! Wirklich!«

Ich schüttelte den Kopf. »Alles gut.«

Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen.

»Also, ja, meine Kraft ist Licht.«, murmelte er und setzte sich auf seine Hände.

»Ist doch auch ganz nett.« Ich rieb mir die Augen. »Schaden kannst du, auf jeden Fall, damit anrichten.«

Geb brachte mir ein Glas mit kaltem Wasser und einen Waschlappen, damit ich mir endlich den Dreck vom Gesicht wischen konnte. Alle paar Minuten fragte er mich, ob es mir gut ginge und Tate entschuldigte sich wiederholt dafür, dass er mich fast erblinden ließ.

Ich fragte mich, wie lange ich wohl bleibe würde. Leute mit meiner Anwesenheit zu belästigen, war nicht so mein Ding gewesen.

»Weißt du, wenn du schon hier bist, solltest du wissen was die Anderen so können.« Tate stieß meinen Arm mit seiner Schulter und riss mich somit aus meiner Trance. Er hob den Zeigefinger. »Dylan ist Mister Splish-Splash, Blake ist die Wind Prinzessin, Geb ist Lord Erdeund ich bin der Meister des Lichts.« Er zeigte auf mich. »Dann bist du der Feuer König.«

Ich presste meine Lippen aufeinander. Feuerteufel passte wohl eher.

»Hey, jetzt guckt nicht so. Ich arbeite noch an meinen Spitznamen.«

******

Die Wanduhr tickte vor sich hin und ich saß immer noch auf dem Sofa. Seit meiner Ankunft war dies mein Platz gewesen.

Aufstehen war keine Option gewesen. Wenn ich das getan hätte, hätte ich mir meinen nächsten Schritt überlegen müssen. Und was wäre der gewesen? Rumstehen?

Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Tate ging schon vor einer Stunde nach oben und ließ mich alleine im Wohnzimmer. Ja, gut, er hatte mir angeboten, mit nach oben zu gehen, aber ich hatte abgelehnt, aus welchem Grund auch immer.

Ich spielte mit meinen Fingern, während ich den Geräuschen der anderen lauschte.

Wie Blake nörgelte und Dylan ihm eine Standpauke hielt, Gebs summen aus der Küche, Tates lauter Musik von oben.

Die beste Möglichkeit wäre gewesen aufzustehen und mit jemanden zu reden, aber stattdessen saß ich und wartete, bis etwas passierte.

Dylan konnte also Wasser kontrollieren, Tate das Licht, Geb die Erde, Blake den Wind und ich das Feuer.

Ich hatte keine Vorstellung davon, was ich mit diesem Feuer anstellen konnte. Es machte mir Angst und verunsicherte mich.

Leise Schritte kamen aus dem Flur in meine Richtung. Als ich meinen Kopf drehte, stand Dylan schon im Türrahmen. Seine Hände waren in seinen Hosentaschen.

»Alles okay bei dir?«, fragte er.

Ich nickte.

»Du wusstest also, dass du Kräfte hast, hm?«

»Ja aber ich hab’s jahrelang ignoriert.«

»Hätte ich, an deiner Stelle, wahrscheinlich auch gemacht. Mach dir keinen Kopf. Das wird schon.«

»Will ich hoffen.«, lachte ich, aber lustig fand ich es keineswegs.

Ich wollte ihn fragen, wie er mir helfen wollte, aber ich traute mich nicht.

»Du wirst dir solange ein Zimmer mit Tate teilen, wenn das in Ordnung ist. Ich weiß, er kann manchmal anstrengend sein, aber er ist nicht immer nervig.«, lächelte er, »Es ist das letzte Zimmer oben links.«

Ich bedankte mich und wartete, bis er wieder weg ging, bevor ich aufstand. Vom ganzen sitzen taten mir die Knie weh und beinahe wäre ich weggeknickt. Gut, dass keiner zugesehen hat.

Um ehrlich zu sein, war ich erleichtert mir ein Zimmer mit Tate zu teilen. Wahrscheinlich hätte ich mich jede Nacht in den Schlaf geweint, hätte ich in dem selben Raum wie Blake schlafen müssen.

Sein Zimmer stellte ich mir dunkel wie die Nacht vor. Vielleicht ein paar Totenköpfe zur Dekoration irgendwo. Wohl eine Übertreibung, aber zu seinem Charakter passte es abermals.

Die Holztreppe knackte unter mir, als ich sie auf Zehenspitzen hoch ging. Oben gab es nur einen Gang, mit vier Türen. Am Ende war ein kleines rundes Fenster, welches gerade genug Licht hergab, um den Weg zu erhellen.

Langsam ging ich auf die letzte Tür zu und klopfe.

»Immer hereinspaziert.«, hörte ich von der anderen Seite. Tate erwartete mich bereits, mit einem breiten Grinsen. »Willkommen in Tates Königreich.«, prahlte er voller Stolz, während er mit ausgebreiteten Armen auf seinem Bett stand.

Er trug eine Brille, die zu groß für seinen Kopf war und ein weißes Shirt, zu groß für seinen Körper.

Ich lächelte und schloss die Tür hinter mir. Mein Blick schweifte über das Zimmer. Es war klein, aber durch das große Fenster, war es getränkt in Licht Zwischen unseren Betten war gerade genug Platz, damit wir beide dort stehen konnten. Es lagen Zeitschrift auf dem Boden, ein Haufen Klamotten in der Ecke und leere Wasserflaschen rund um sein Bett herum. Das Chaos erinnerte mich an mein Zimmer.

»Fühl dich wie zu Hause, Aidi.« Er ließ sich auf seine Matratze fallen und beobachtete mich, bei meinem Blick durchs Zimmer.

Mir fiel ein Bild, von einem Symbol, über seinem Bett auf. Ich runzelte die Stirn.

Tate drehte sich zu dem Bild um und dann wieder zurück zu mir.

»Das ist mein Zeichen.« Er hob sein Handgelenkt, auf dem das gleiche Symbol zu sehen war.

Es war an der gleichen Stelle, wie meins und gab mir Gewissheit, dass es sich nicht, um ein normales Muttermal handelte.

»Ich hab für alle ihr Symbol über die Betten gemalt. Dir mach ich auch eins.«

Lächelnd setzte ich mich auf mein Bett. »Danke.«

»Und sorry für die Unordnung. Wenn ich gewusst hätte, dass ich mein Zimmer ab jetzt mit jemanden teilen muss, hätte ich aufgeräumt.«, zwinkerte er.

Ich erzwang mir ein Lachen.

Zum Glück quietschte das Bett nicht, denn das hätte mich wahrscheinlich in den Wahnsinn getrieben.

»Hock da jetzt aber ja nicht so rum, wie unten im Wohnzimmer.« Tate setzte sich gegenüber von mir. »Das ist jetzt auch dein Zimmer. Tu was du willst. Spring rum, schrei, mal die Wände an. Stört mich nicht.« Er grinste. »Natürlich, solange du es auf deiner Seite tust.« Mit seinen Fingern, zeichnete er eine Linie zwischen den Betten.

»Ich sollte wahrscheinlich zuerst meine Eltern anrufen, was?«

Tate hielt sich eine Hand an seine Wange. »Ich glaube, das wär eine ganz gute Idee. Soll ich solange raus gehen? Manche Leute hassen es, wenn jemand ihnen beim anrufen zuhört. Und ich bin einer dieser Menschen.«

Ich nickte. »Endlich jemand, der dieses Problem versteht.«

»No Problemo!« Und schon sprang er auf und verschwand aus dem Zimmer.

Seufzend nahm ich mein Handy aus meiner Hosentasche. Mehrmals versuchte ich mir das Gespräch in meinem Kopf vorzustellen, um zu entscheiden, was ich sagen würde.

Ich bin’s Aiden und ich bin ein Feuerteufel.

2

Der nächste Morgen war grau und stürmisch. Genauso, wie ich mich innerlich fühlte.

Gestern hatte ich meinen Eltern erzählt, wo ich war. Bei Freunden, sagte ich. Mit wackliger Stimme, versuchte meine Mutter genaueres aus mir herauszubekommen und es tat mir im Herzen weh sie abwimmeln zu müssen.

Sie hasste die Vorstellung mich außer Sicht zu haben und ich hasste es auch. Wir beide wussten, ich war eine Katastrophe.

Ich versprach mir selber zurück zu gehen, sobald ich gelernt hatte meine Kraft unter Kontrolle zu haben.

Das Ding mit 20 ist, dass deine Eltern nichts dagegen tun können, wenn du sagst, du ziehst aus. Sie müssen dich gehen lassen, ob sie wollen oder nicht.

Da ich also praktisch ausgezogen war, ohne auch nur Unterwäsche dabei zu haben, musste ich mir etwas leihen und das von Blake. Er war der Einzige im Haus gewesen, der meine Kleidergröße trug. Ich hatte Tate dazu bekommen, ihn für mich zu fragen. Lieber hätte ich die selben Klamotten für den Rest meines Lebens getragen, anstatt Blake selbst zu fragen. Seine Blicke konnten töten und ich wollte noch etwas länger leben.

Alle saßen bereits am Tisch, als ich das Wohnzimmer betrat. Es waren noch zwei Stühle frei. Einer, an der Tischkante und einer, gegenüber von Blake. Ich ging auf den Stuhl an der Ecke zu.

»Sorry, das ist Gebs Platz.« Tate warf sein Bein auf den Sitz.

Ich seufzte ein leisen oh und zwang mich auf den anderen Stuhl.

»Gefällt dir mein Shirt?«, fragte Blake und starrte auf das schwarze T-Shirt, dann in meine Augen.

»Es ist schön.«, nickte ich, »Danke, dass du’s mir leihst.«

»Gerne doch.« Er nahm ein Schluck von seinem Tee. »Das letzte Mal, hab ich es auf einer Beerdigung getragen.«

Ich räusperte mich und sah zu Tate, der bloß mit den Schultern zuckte. Eine Welle von Erleichterung überkam mich, als Geb uns dann das Essen brachte und Blake seinen Blick endlich senkte.

Obwohl mein Magen wehtat, aß ich alles auf. Geb hatte sich Mühe gegeben und heute eine Mahlzeit mehr zubereitet als sonst. Ich nahm einen Schluck von meinem Tee und sah in die kleine Runde.

Ob ich mich daran gewöhnen würde jeden Tag, mit diesen Leuten, an einem Tisch zu sitzen? Noch hatte ich keine Antwort darauf. Einerseits fühlte ich einen Funken von Zugehörigkeit. Endlich waren da Leute, mit denen ich mich identifizieren konnte. Leute, die so waren wie ich. Leute, mit Antworten zu meinen Fragen. Andererseits wollte ich so schnell wie möglich wieder nach Hause. Ich vermisste meine Eltern.

Ich seufzte leise, und zog somit Blakes Aufmerksamkeit wieder auf mich. Vergeblich versuchte ich ihn zu ignorieren, indem ich in die tiefe meines schwarzen Tees starrte.

Vielleicht hätte ich mich wohler ohne Blake gefühlt. Nein, ich war mir sogar sicher, dass ich mich wohler gefühlt hätte. Er machte mich nervös. Bei jeder Gelegenheit warf er mir Blicke zu, um mich wissen zu lassen, dass ich in seiner Gegenwart unerwünscht war. Er beobachtete wie ich aß, wie ich redete, wie ich ging. Wenn er mich ansah, fingen meine Hände an zu schwitzen.

Ich schlang das letzte Stück Omelett runter, stand als erster auf und verließ den Raum, ohne zu sagen wohin ich ging.

Nicht, dass es irgendjemanden interessiert hätte. Tate war der Einzige, der mich mit fragenden Augen ansah, aber ich ignorierte ihn. Ich wollte alleine sein, um nachzudenken ohne. Außerdem musste ich mir die ganze Nacht Tates Geschichten anhören, da kam ein bisschen Ruhe gelegen.

Ich beschwerte mich jedoch nicht. Die Geschichten wanden sich von lustig und persönlich zu Informationen, die mir halfen, die Lücken in meinem Kopf zu schließen. Ich wollte, dass er mir alles erzählte, was er wusste. Alles. Kaum hatte ich gefragt, fing er an zu reden, wie ein Wasserfall. Es war schwer, um zwei Uhr morgens, mit ihm mitzuhalten.

Er fing damit an alle Kräfte aufzuzählen: Feuer, Wasser, Erde, Luft, Telekinese, Blitz, Heilung, Eis, Licht und Flug. Das war schon einmal ein Anfang gewesen.

Dann erwähnte er ein Königreich. Es gab ein richtiges Königreich, wo Leute wie wir lebten. Mit einer richtigen Königin und einem richtigen König. Natürlich wussten normale Leute nichts darüber. Es war wie ein Insider - irgendwie.

König und Königin wurden gewählt. Ich meine, wie verrückt ist das denn? Aber wie sie gewählt wurden, wusste Tate nicht.

Wo genau das Königreich lag, wusste er auch nicht. Also fragte ich, ob es in einer anderen Dimension läge, aber daraufhin runzelte Tate die Stirn und sagte mir, ich sei bescheuert und hätte zu viel Fantasie. Für mich war das eine berechtigte Frage gewesen, nach alledem was gerade passierte.

Die Leute im Königreich mussten alles geheim halten. Ich fragte mich, wie man so etwas geheim halten konnte. Nun war ich hier und es ist auch zu meiner Aufgabe geworden. Ich meine, wenn das auffallen würde, würde der Himmel aus allen Wolken fallen.

Meine Leute - das Feuer Volk - hatten, laut Tate, keinen guten Ruf. Er war sogar alles andere als gut. Den Grund, wollte er mir nicht verraten und wahrscheinlich war es auch besser so. Unwissenheit ist nicht immer schlecht.

Ich nahm mir die Zeit, um das Haus zu erkunden, was in ein paar Minuten erledigt war. Es gab nicht viel zu entdecken, alles war uninteressant. Nicht einmal Bilder lagen herum, die man sich hätte anschauen können. Nur Leere und halb sterbenden Pflanzen.

Ich ging in die Küche und schnappte mir einen Apfel. Dies hier war Gebs Territorium, also versuchte ich keinerlei Dreck zu hinterlassen. Am vorherigen Tag, hatte ich gehört, wie er Blake anschrie, weil dieser Yoghurt auf die Platte hatte tropfen lassen.

Ich schaute mich etwas um und sah eine Tür, neben dem Kühlschrank. Meine Zähne sanken in den Apfel, als ich auf sie zuging. Neben der Tür, hing ein Kalender. Ich blätterte durch die vergangenen Monate, aber nirgendwo wurde etwas eingetragen.

Meine Finger umklammerten den Türgriff und mehrere Versuche später, gelang es mir sie zu öffnen. Die Tür führte zu einem kleinen Wintergarten. Er war umgeben von Glas, ein zerlumptes, mintgrünes Sofa stand in der Mitte und leere, kaputte Töpfe an den Seiten, in denen vermutlich einmal Blumen blühten. Ich klopfte auf den Stoff und zuckte, als mir eine Staubwolke ins Gesicht flog. Hustend stolperte ich zurück. Schien, als wäre seit Jahren keiner mehr hier gewesen. Als die Wolke verschwunden war, setzte ich mich und genoss die Ruhe.

Der Schneesturm hatte bereits wieder aufgehört. Nun lag es an mir darüber nachzudenken, wie lange ich bleiben wollte und wie ich mit dem Feuer und Tates Informationen umgehen sollte. Aber meine Gedanken waren leer. Wie vor einer Mathe Klausur. So leer waren sie.

Ich sah nur den Schneeflocken zu, wie sie langsam zu Boden glitten und mit den anderen eins wurden. Den Apfel hielt ich immer noch fest in meiner Hand. Für die Zeit in der ich hier bleiben würde, wollte ich versuchen mich wie zu Hause zu fühlen, aber das war leichter gesagt als getan. Ich seufzte und warf den Kopf zurück, nur um eine neue Staubwolke zu formen.

Was ich brauchte, war Zeit um mich anzupassen. Ich kannte diese Leute keine 24 Stunden, natürlich würden sie nicht alle sofort zu meinen besten Freunden werden.

Meine Gedanken flogen erneut zurück zum Königreich. Ich lächelte. König und Königin. Zuhause hatte ich immer mein eigenes Reich gehabt. In unserem Hintergarten. Ich hatte ein eigenes Schloss und war der König, der von jedem geliebt wurde. Mit jedem meine ich meine Plüschtiere. Hört sich vielleicht peinlich an, aber diese Plüschtiere waren treuer als die meisten Menschen. Wie oft betrügen Menschen und wie oft betrügen Plüschtiere? Ja, genau das habe ich mir gedacht. Man kann darüber denken was man will, aber ich schämte mich nie für diese Dinge. Gut, für einige mag das komisch sein, sogar mehr als komisch, aber das machte mich glücklich und schließlich habe ich ja niemanden damit wehgetan.

Mir fiel nicht auf, wie lange ich auf diesem Sofa saß, bis der Apfel braun wurde und Tates Stimme mich zum Mittagessen rief. Ich schloss die, beinahe zerfallende, Tür hinter mir und schmiss den Rest vom Apfel in den Müll. Geb stand mit Dylan am Herd. Es roch nach Entenbrust in Orangensauce.

»Du würzt das Fleisch zu stark. Geh weg.« Geb schubste Dylan leicht zur Seite.

»Ich will nur helfen.«

Geb sah zu Dylan und dann kurz zu mir, bevor er sich wieder dem Essen widmete.

»Geht schon einmal raus. Es ist gleich fertig. Ich mach das schon alleine.«

Dylan zuckte mit den Schultern und ich folgte ihm ins Wohnzimmer.

»Geb kümmert sich also immer um’s Essen, hm?«, fragte ich.

»Es gibt keinen besseren Koch als ihn.«, rief Tate laut genug, damit Geb es hören konnte.

Er saß mit Blake auf dem Sofa, mit Controllern in den Händen. Keine Ahnung, was für ein Spiel sie spielten, aber sie erschossen sich gegenseitig. Davon gab es so viele Spiele, es war schwer sich alle zu merken.

Sie waren so vertieft, dass ich zu Dylan ging und ihm half, den Tisch zu decken.

»Ach ja, frohen 1. März.«, lächelte er.

Ich runzelte die Stirn und nahm ihm die Servietten aus der Hand.

»Ist heute was besonderes?«, fragte ich.

Er stoppte, als er mein Gesicht sah. »Heute ist für uns ein Feiertag. Ich dachte, das wüsstest du, nach Tates Geschichtsstunde.«

»Hab vergessen dir davon zu erzählen.«, rief Tate, »Rana amandla nennen wir das!«

»Heißt sowas wie Tag der Kräfte.«, meinte Dylan, »Wir feiern heute den Frieden, der zwischen uns allen herrscht. War nämlich nicht immer so gewesen, weißt du.«

Ich nickte. Es gab also auch eigene Feiertage.

Langsam fühlte ich mich, als wäre meine vorherige Lebensweise und alles, an das ich glaubte, nur eine Lüge gewesen.

Vermutlich hatten sie auch einen eigenen Gott, an den sie glaubten, oder mehrere Götter und eine eigene Sprache und Gerichte, von denen ich noch nie gehört hatte, aber Entenbrust in Orangensauce hörte sich dann doch sehr vertraut an.

»Macht mal Platz da!«, rief Geb und kam mit dem Essen aus der Küche.

Dylan und ich traten beiseite, damit er die Teller vorsichtig auf den Tisch platzieren konnte.

»Endlich.«, stöhnte Blake und warf den Controller hinter sich.

»Pass ja auf, wo du hinwirfst! Die waren teuer.«, meckerte Tate.

»Was auch immer.«

Ich setzte mich auf meinen neuen Stammplatz, auch wenn dieser mir nicht so ganz zusagte.

»Frohen 1. März!«, rief Tate und stach mit seiner Gabel in das Fleisch.

»Frohen 1. März.«, lächelte ich.

3

Die Wochen flogen vorbei, bis ich sie nicht mehr zählen konnte. Der Schnee war bereits geschmolzen und die Vögel fingen wieder an zu singen.

Mittlerweile fühlte ich mich so wohl, dass ich an einigen Tagen vergaß, dass ich noch Eltern hatte, die darauf warteten mich wieder zu sehen. Hin und wieder traf ich mich mit ihnen, schrieb ihnen, hielt Kontakt. Einige meiner Sachen hatte ich auch schon abgeholt und musste somit nicht mehr den Kleiderschrank mit Blake teilen. Eigentlich führte ich schon wieder ein normales Leben, nur das ich nicht mehr zu Hause wohnte.

Heute war es wieder soweit - der Besuch bei meinen Eltern. Diesmal jedoch, bestanden sie darauf meine neuen Freunde kennenzulernen und Tate bot sich sofort an.

Ich lieh mir Dylans Auto und fuhr extra langsam, damit ich keinen Unfall baute. Komischerweise passierten mir die meisten Unfälle, wenn ich langsam fuhr.

Kurz bevor wir Toronto erreichten, standen wir im Stau. Was auch sonst. Ich hatte es bereits erwartet und eingeplant, doch kamen wir über eine Stunde zu spät, da Tate unbedingt noch einen Blumenstrauß kaufen wollte.

»Ich weiß, was sich gehört, wenn man die Eltern eines Freundes trifft.«, meinte er, während wir ausstiegen.

Und da stand ich nun. Vor dem Haus, in dem ich jetzt nur noch ein Gast war. Ich klingelte und es dauerte nich einmal zehn Sekunden, bis meine Mutter uns schon die Tür öffnete.

»Ich freue mich so, dich wiederzusehen.«, sagte sie und umarmte mich, »Es ist komisch, dich nicht jeden Tag hier zu haben.«

»Ich weiß, was du meinst.«, nickte ich und ließ sie los.

»Und du musst Tate sein.«

»Der bin ich.«, grinste er und reichte meine Mutter den Blumenstrauß.

Mit großen Augen nahm sie ihn entgegen. »Wie aufmerksam. Lilien sind meine Lieblingsblumen.«

»So ein Zufall.«

Zufall. Ich hatte ihm den Tipp gegeben.

»Wo ist Dad?«, fragte ich.

»Im Garten.« Sie lächelte. »Spielt wieder den Grill-Meister.«

»Wie immer.«, lachte ich.

Um ehrlich zu sein, war es noch etwas zu kühl, um zu grillen, aber das waren meine Eltern. Sie liebten es zu grillen, egal zu welcher Jahreszeit. Somit saßen wir mit Jacken draußen im Garten und genossen die erste warme Frühlingssonne und den kühlen Wind.

»Also, Aiden sagte, er hätte euch beim Eishockey getroffen.«

Tate hob die Augenbrauen und sah zu mir. »Ah, ja, genau.«

»Macht er sich denn gut? Das letzte Mal, als ich ihn spielen gesehen habe, hat er sich fast die Schneidezähne rausgehauen.«, lachte mein Vater und legte die Grillzange beiseite.

»Ach, Aiden spielt fantastisch.«, meinte Tate.

»Das höre ich doch gerne. Und in welcher Position spielst du?«

Tate kratzte sich an der Stirn. »Torwart?«

Ich kippte beinahe mein Glas um. Als Torwart wäre Tate wohl gestorben. Mein Vater musste das Selbe gedacht haben, denn er runzelte die Stirn und reichte Tate langsam das Essen.

»War nur ein Spaß.«, sagte ich, »Er ist Außenstürmer.«

»Genau.«, nickte Tate, »Genau das.«

»Das macht natürlich mehr Sinn.« Er ging zurück zum Grill. »Ich hoffe, er macht keine Probleme.«, grinste er und drehte den Kopf wieder zu uns, »Unser Junge hat ein Talent dafür, Dinge in Brand zu setzen.«

Ich verschluckte mich an meinem Wasser. Jedes Thema wäre gut gewesen, außer dieses.

Tate schielte rüber zu mir. »Und gerade er spielt Eishockey, was?«, lachte er mit meinen Eltern zusammen, »Nein, sein Feuer behält er schön für sich.«

Meine Mutter legte ihre Hand auf meine. »Es gab mal eine Zeit, in der ich fast geglaubt habe, das Feuer würde aus seinen Händen kommen.«

»Das ist verrückt, Ma.«, meinte ich und legte meine freie Hand über ihre.

Tate lehnte sich zurück. »So verrückt ist das gar nicht, weil-« Ich trat gegen sein Bein, bevor er weiterreden konnte.

»Dann hat es sich hoffentlich gelegt.«, lächelte sie und strich meine Haare zurück.

Viel zu reden hatte ich mit meinen Eltern nicht. Bei mir war im Moment viel los, aber ich konnte ihnen nichts davon erzählen, egal wie sehr ich es auch wollte. Tate war einige Male kurz davor gewesen, sich zu verplappern, weil er vergaß, dass meine Eltern nichts von dem Feuer wussten.

Der Abschied war schwer. Wie jedes Mal. Aber ich wusste, dass es nicht für Lange sein würde.

»Ich habe dir noch einige deiner Sachen aufs Bett gelegt. Vielleicht guckst du mal durch und nimmst noch was mit, bevor ihr geht.«

»Klar, mach ich.« Ich griff Tate beim Ärmel, zog ihn die Treppe rauf, in mein Zimmer und schloss die Tür.

»Hey, wow, krieg ich wenigstens erstmal ein Date?«

Ich schlug ihn gegen den Oberarm. »Halt die Klappe. Du solltest echt aufpassen, was du sagst.«

Seufzend drehte ich mich um und ging zu meinem Bett, auf dem einige Stapel T-Shirts und Hosen lagen.

»Früher oder später finden sie’s eh heraus.«, meinte Tate und zupfte an meiner Gitarre herum, »Ich wusste nicht, dass du spielen kannst.«

»Nur ein bisschen.« Ich legte die Stapel aufeinander. »Und nein, sie werden das nicht erfahren. Nie.«

»Was wäre so schlimm daran?« Er sah sich die Mischung, aus Band Postern und Hockey Trikots, an meinen Wänden an. »Ich meine, du bist ja nicht gleich ein Freak oder sowas.«

»Lass mich raten.« Ich drehte mich zu ihm. »Ich bin besonders.«

Tate schnippte mit den Fingern. »Genau, mein Freund.«

Besonders war ich, kein Zweifel, aber ob das etwas Gutes war, ist fraglich. Die Entscheidung, meinen Eltern nichts zu sagen, fiel mir mehr als leicht. Wer würde sowas schon gerne erzählen? Was hätte ich getan, wenn sie angst vor mir gekriegt hätten? Das konnte und wollte ich nicht riskieren.

»Ich wär lieber normal, als besonders.«

Tate schlug, mit dem Gitarrenkörper, gegen meinen Hintern. »Sag sowas nicht. Normal ist langweilig. Das, was wir können, ist super cool und macht Spaß.« Er hielt seine Hand auf und ließ sie leuchten.

Ich hob eine Augenbraue. »Soll ich mal? Meine Hände fühlen sich schon, seit zwei Stunden, wieder heiß an.«

Tate nahm seine Hand runter und legte die Gitarre weg. »Das kriegst du noch unter Kontrolle.«

»Ja, aber wann?«, fragte ich und legte ihm einen Stapel Kleidung in die Arme.

»Bald.« Er öffnete die Tür, mit seinem Ellenbogen. »Versprochen.«

Ich folgte Tate die Treppe runter. »Wir sind fertig.«

»Das ging aber schnell.«, meinte mein Vater, während er im Türrahmen stand.

»Dauert ja nicht lange ein paar Sachen zu nehmen.« Ich hob eine Augenbraue.

Meine Mutter begleitete uns zur Tür und nahm mich nochmals in den Arm. »Und schreib mir, wenn ihr wieder zu Hause seid.«

»Mach ich.«, versicherte ich ihr.

Sie schloss die Tür hinter sich und Tate und ich machten uns auf den Weg zum Auto, das ich eine Straße weiter geparkt hatte.

»Deine Mutter ist sowas von süß.«, meinte Tate.

»Sorry, sie ist vergeben.«

Meine Zeit verbrachte ich sonst größtenteils mit Tate.

Wir streiften entweder den ganzen Tag durch die Wälder, spielten Kartenspiele in unserem Zimmer, oder nervten die anderen.

Ich hatte lange nicht so viel Spaß mit einem Freund gehabt. Um ehrlich zu sein, war es das erste Mal, dass es sich anfühlte, als hätte ich überhaupt einen Freund.

Zu Hause hatte ich nie wirklich welche gehabt. Früher, als ich noch Eishockey gespielt hatte, war ein Junge namens Mitch mein bester Freund gewesen. Als er dann ein Angebot von der Profiliga bekam, hatte ich nie wieder von ihm gehört. Danach war ich für jeden, mit dem ich Freundschaften schließen wollte, zu komisch gewesen.

Ich weinte oft deswegen, weil ich mir viel zu Herzen nahm, bis sie mich in der Schule als Heulsuse abstempelten. Kinder können so grausam sein. Aber ich sah ein, dass es das nicht Wert war. Ich vergoss Tränen über Leute, die mich von Anfang an nicht hätten interessieren sollen.

In der Schule saß ich also alleine und in meiner Freizeit, war ich zu Hause. Meine Ma machte sich sorgen, um meine sozialen Kontakte, also brachte sie regelmäßig fremde Kinder zu uns, in der Hoffnung ich würde Freundschaften schließen. Als ich älter wurde, brachte sie die Töchter von Freundinnen rüber und hoffte auf ein Date für mich. Aber ich musste einsehen, dass ich ein Desaster war. Nicht so wie Tate, der mit allem flirtete was sich bewegte, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte jetzt geht darum, dass ich mir fest vorgenommen hatte, meine Kraft zu trainieren, aber mehr als ein Gespräch mit Tate, kam dabei nicht rum. Er hatte es bereits vergessen und ich wollte es nicht wieder ansprechen. Vielleicht, weil ich ihn nicht bedrängen wollte, aber vielleicht, hatte ich auch nur Angst und den Drang, mich davor zu drücken.

Zeit mit Tate zu verbringen ließ mich sehen, dass Feuer und Licht gar nicht so verschieden waren. Feuer war nur gefährlicher. Zu gefährlich. Ich wünschte, man hätte Kräfte tauschen können. Tate wollte Feuer, ich wollte Licht. Licht ist nicht so schädlich. Feuer schmerzt und zerstört. Beides Dinge, die ich hasste. Tate nutzte sein Licht ausschließlich nur zu Entertainment Zwecken. Er kreierte in der Nacht Lichtershows auf der Decke, die unglaublich waren. Die verschiedenen Farben, tanzten auf der weißen Fläche und nahmen alle möglichen Formen an. Manchmal erzählte ich Geschichten und er würde sie mit dem Licht nachstellen. Hätte ich das versucht, hätte ich wohl das ganze Haus niedergebrannt. Klingt nicht nach so viel Spaß.

Der Wintergarten wurde mein neuer Lieblingsplatz. Die Anderen verbrachten keine Zeit dort und ich fragte mich, ob sie überhaupt wussten, dass er existierte.

Ich holte tief Luft und schloss die Augen. Der Schnee war geschmolzen, aber dafür regnete es die meisten Tage. Doch ich liebte es dem Regen zuzuhören, während er auf das Glas prasselte. Es half mir, mich zu beruhigen. Ist es nicht komisch, wie jeder Mensch bestimmte Geräusche hat, die einem helfen zu entspannen?

Ein klimperndes Geräusch traf meine Ohren und weckte mich aus meiner Trance. Ich bewegte meine Augen durch den Raum und versuchte auszumachen, woher das Geräusch kam. Es hörte auf, nur um wenige Sekunden später erneut anzufangen. Es war, als würde jemand gegen das Glas kratzen. Ich versuchte es auszublenden, aber es fand immer wieder den Weg in meine Ohren.

Ich sprang auf und lauschte. Sachte schlich ich herum und blieb schließlich an der Glasscheibe stehen. Kurz bevor meine Nase die Oberfläche berührte, verstummte das Geräusch.

Fein gezogene Linien breiteten sich über das Fenster aus. Es war komplett mit Rissen versehen. Risse, die ein Bild formten.

Ich ging einige Schritte zurück, um es betrachten zu können. Das Bild hatte die Form von etwas, das ich bereits einmal gesehen hatte.

Der Vegvísir, ein nordisches Symbol. Zu Hause hatte ich ein ganzes Buch über Runen und Symbole. In diesem stand: Wenn dieses Symbol getragen wird, wird man nie den Weg im Sturm oder Regen, selbst wenn man den Weg nicht kennt, verlieren.

Ich streckte meine Hand aus, um es zu berühren. Meine Finger fuhren entlang der Linien und ehe ich den Kreis erreichte, zersprang das Fenster zu Millionen Scherben.

Ich sprang zurück und hob meine Arme zum Schutz. Mein Herz raste und meine Beine zitterten.

»Was ist passiert? Ich hab was lautes gehört.«, rief Dylan aus der Küche. Er stoppte in der Tür, seine Augen wanderten vom zersplitterten Fenster zu mir.

»Ich war das nicht!«

Aber er winkte ab. Nicht auf die gemeine Weise, es war mehr, als hätte er gewusst, dass ich es nicht gewesen war.

Dylan ging an mir vorbei und kniete vor dem Schlamassel nieder. Er hob ein paar größere Scherben auf und hielt sie ins Licht, als würde er hoffen, etwas dadurch zu sehen.

Ich wartete, bis Dylan etwas sagte, irgendetwas, aber er blieb stumm. Die Scherbe, die er in der Hand hielt, ließ er fallen. Dabei schnitt er sich. Ohne mich auch nur anzugucken, ging er wieder in das Haus.

Ein Luftzug, gemischt mit Schnee, traf meine nackten Arme, aber es war nicht kalt. Ich hob die gleiche Scherbe auf, die Dylan zuvor in der Hand hatte und hielt sie ebenfalls ins Licht. Nichts auffälliges, keine Kratzer. Aber meine Sinne täuschten mich nie: Irgendetwas hat ihm zum nachdenken gebracht. Mit wackligen Beinen, fegte ich die Splitter zu einem Haufen, bevor jemand noch drauf treten und sich verletzen würde. Die Luft konnte mich immer noch nicht abkühlen.

Das Bild von dem Symbol verließ mein inneres Auge nicht. Ich hätte Dylan sofort davon erzählen sollen. Etwas sehr merkwürdiges war gerade passiert und dieses Symbol war schuld daran.