Call the Midwife - Ruf des Lebens - Jennifer Worth - E-Book
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Call the Midwife - Ruf des Lebens E-Book

Jennifer Worth

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Beschreibung

London, East End in den späten 50er-Jahren: Ein Arbeiterviertel voller gescheiterter Existenzen und Großfamilien auf viel zu engem Wohnraum. Der jungen Hebamme Jennifer ist diese Welt fremd – sie muss lernen, Geburten unter schwierigsten Bedingungen durchzuführen. Doch das Viertel und die Menschen, die sie trifft, wachsen ihr ans Herz. Jeder Tag bringt ein neues Abenteuer. Jede Familie, der sie beisteht, hat eine andere Geschichte. Unterhaltsam, bewegend und zutiefst herzerwärmend sind die Erzählungen der Hebamme, die eine fast vergessene Zeit wieder lebendig werden lassen. "Call the Midwife - Ruf des Lebens" ist der erste Band der erfolgreichen Trilogie, in der die Londoner Hebamme Jennifer Worth ihre Erlebnisse als junge Geburtshelferin im East End der 50er-Jahre beschreibt. Der Stoff ist Grundlage der gleichnamigen BBC-Serie, die zu einer der erfolgreichsten TV-Serien in Großbritannien überhaupt zählt.

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Jennifer Worth

Call The Midwife

Ruf des Lebens

Eine wahre Geschichte

Aus dem Englischen von

Edel Books Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Copyright © JenniferWorth 2002 Copyright der deutschen Ausgabe © 2013 Edel Germany GmbH,Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com 1.Auflage 2013

Titel der Originalausgabe Call the Midwife. A True Story of the East End in the 1950s Erstmals erschienen 2002 bei Merton Books, UK.

Projektkoordination Constanze Gölz Übersetzung Tobias Rothenbücher Lektorat Jan Strümpel Coverfoto Laurence Cendrowicz, Copyright © CTM Productions Ltd. A Neal Street Production for the BBC Coveradaption Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH,www.groothuis.de

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. DasWerk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Quellennachweis Die Übersetzung der Keats Zitate stammen aus: Keats, John: Gedichte/zweisprachig. Übertragen von Heinz Piontek. München: Münchner Edition – Schneekluth, 1984.

Dieses Buch ist Philip, meinem lieben Mann, gewidmet.

Die Geschichte von Mary ist dem Andenken

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Ruf die Hebamme

Nonnatus House

Morgenbesuche

Chummy

Molly

Das Fahrrad

Vorsorgesprechstunde

Rachitis

Eklampsie

Fred

Ein Weihnachtsbaby

Eine Steißgeburt

Jimmy

Len und Conchita Warren

Schwester Monica Joan

Mary

Zakir

Cable Street

Caféalltag

Flucht

Schwester Evangelina

Mrs Jenkins

Rosie

Das Arbeitshaus

Von Schweinen und Kurseinbrüchen

Gemischter Abstammung I

Gemischter Abstammung II

Gemischter Abstammung III

Die Mittagsgesellschaft

Smog

Das Notfallteam

Das Frühchen

Im hohen Alter

Im Anfang

Dank

Glossar

Literatur

Vorwort

Im Januar 1998 erschien in der Zeitschrift Midwives Journal ein Artikel­ von Terri Coates mit dem Titel »Die Rolle der Hebamme in der Literatur«. Nach gründlicher Recherche in den Werken europäischer und englischsprachiger Schriftsteller musste Terri zu dem Schluss kommen, dass Hebammen in der Literatur so gut wie nicht existieren.

Warum eigentlich nicht, um Himmels willen? Ganze Scharen fiktionaler Ärzte bevölkern die Welt der Bücher und streuen ganz beiläufig Perlen der Weisheit unters Volk. Gute und böse Krankenschwestern sind allgegenwärtig. Aber Hebammen? Hat man je von einer Hebamme als Heldin eines Buchs gehört?

Dabei ist die Welt der Hebamme voll der Stoffe, aus denen echte­ Dramen sind. Jedes Kind wird in Liebe oder Lust gezeugt und ­unter Schmerzen zur Welt gebracht, wo es ein Grund zur Freude und manchmal auch zur Reue ist. Eine Hebamme ist immer mitten im Geschehen und bekommt alles mit. Warum also bleibt sie eine Figur im Schatten, verborgen hinter der Tür des Kreißsaals?

Terri Coates beklagte am Ende ihres Artikels, dass ein so wich­tiger­ Beruf derart wenig Beachtung findet. Ich las diese Worte, nahm die Herausforderung an und griff zum Stift.

Einleitung

Das Nonnatus House lag im Herzen der Londoner Docklands. Seine­ Praxis kümmerte sich um Stepney, Limehouse, Millwall, die Isle of Dogs, Cubitt Town, Poplar, Bow, Mile End und Whitechapel. Die Gegend war dicht bevölkert, die meisten Familien lebten bereits seit Generationen dort und kaum jemand zog je weiter als ein, zwei Straßen von seinem Geburtsort weg. Das Leben spielte sich auf engstem Raum ab, die Kinder wurden von einer Großfamilie aus Tanten, Großeltern, Cousins, Cousinen und älteren Geschwistern aufge­zogen, die alle nur wenige Häuser oder höchstens ein paar Straßen entfernt wohnten. Kinder rannten ständig von einem Haus ins ­andere und ich kann mich aus der Zeit, als ich dort lebte und arbeitete, nicht erinnern, dass außer bei Nacht je eine Tür verschlossen war.

Überall waren Kinder, und die Straßen waren ihr Spielplatz. In den 1950er-Jahren fuhren keine Autos durch die Seitenstraßen, denn niemand hatte ein Auto, daher war es völlig ungefährlich, dort zu spielen. Auf den Hauptstraßen, besonders auf den Zufahrtswegen der Docks, gab es Schwerlastverkehr, doch die kleinen Sträßchen waren vom Autoverkehr frei.

Die Trümmergelände waren Abenteuerspielplätze. Es gab viele davon, sie waren schreckliche Andenken an den Krieg und die heftige Bombardierung der Docklands nur zehn Jahre zuvor. Riesige Stücke waren aus den Häuserreihen herausgerissen, jedes etwa zwei oder drei Straßenzüge breit. Das Gebiet war grob mit Bretterwänden abgesperrt, die die Wüste aus Schutt mit einzelnen halb stehenden, halb umgestürzten Mauerresten nur zum Teil verbargen. Vielleicht nagelte einer irgendwo ein Schild an, auf dem VOR­SICHT – BETRETEN VERBOTEN stand, doch das war für jeden aufgeweckten Jungen über sechs oder sieben wie ein rotes Tuch für den Stier, und bei jedem zerbombten Grundstück gab es geheime Eingänge, wo jemand vorsichtig Bretter entfernt hatte, sodass sich ein kleiner Körper durchquetschen konnte. Offiziell war niemandem der Zutritt gestattet, aber alle, auch die Polizei, drückten offenbar ein Auge zu.

Es war ohne Zweifel eine raue Gegend. Messerstechereien waren üblich. Straßenkämpfe waren üblich. Streit und Prügeleien in den Pubs waren alltägliche Ereignisse. In den kleinen Häusern lebten die Menschen beengt und häusliche Gewalt war an der Tagesordnung. Doch ich habe nie etwas über Gewalt an Kindern oder älteren Menschen gehört; Schwachen gegenüber gab es eine gewisse Form des Respekts. Es war die Zeit der Brüder Kray, eine Zeit der Bandenkriege, von Vergeltung, organisierter Kriminalität und erbitterter Rivalität. Die Polizei war überall und kein Polizist ging allein auf Streife. Doch ich habe nie davon gehört, dass man eine alte Frau niedergeschlagen und ihr die Rente gestohlen oder dass man ein Kind entführt und ermordet hätte.

Die überwiegende Mehrheit der Männer, die in der Gegend ­lebten, arbeitete in den Docks.

Die meisten hatten Arbeit, doch die Löhne waren niedrig und die Arbeitstage lang. Die Männer, die einer qualifizierten Tätigkeit nachgingen, wurden relativ gut bezahlt und hatten regelmäßige Arbeitszeiten. Wer einen solchen Arbeitsplatz hatte, tat alles, um ihn zu behalten. Die Fertigkeiten blieben innerhalb der Familie, man gab sie vom Vater an die Söhne oder an die Neffen weiter. Für die ungelernten Arbeiter jedoch muss das Leben die Hölle gewesen sein. Wenn keine Schiffe zu entladen waren, gab es keine Arbeit, dann lungerten die Männer den ganzen Tag bei den Toren herum, rauchten und stritten sich. Wenn allerdings ein Schiff entladen werden musste,­ bedeutete das vierzehn oder sogar achtzehn Stunden pausenloser körperlicher Arbeit. Morgens um fünf fingen sie an und ­arbeiteten bis zehn Uhr abends. Kein Wunder, dass sie anschließend nur noch in die Pubs taumelten und sich hemmungslos betranken. Jungen begannen mit fünfzehn Jahren in den Docks zu arbeiten und man nahm sie genauso hart ran wie die Männer. Alle Arbeiter mussten in der Gewerkschaft sein, die Gewerkschaften bemühten sich um faire Bezahlung und Arbeitszeiten, doch das System mit seiner Mitgliedspflicht war eine beständige Quelle des Ärgers und schien ebenso sehr für Konflikte und Missgunst zwischen den Arbeitern zu sorgen, wie es ihnen Nutzen brachte. Ohne die Gewerkschaften jedoch wäre die Ausbeutung der Arbeiter mit Sicherheit 1950 noch so schlimm gewesen wie 1850.

Man heiratete in der Regel früh. Unter den ehrbaren Bewohnern des East Ends gab es ausgeprägte Vorstellungen zur Sexualmoral bis hin zur Prüderie. Unverheiratete Paare gab es nicht und kein Mädchen wäre je bei seinem Freund eingezogen. Wer es versuchte, ­bekam es mit seiner Familie zu tun. Über das, was auf den Trümmergrundstücken oder hinter den Schuppen für die Mülltonnen vor sich ging, wurde nicht gesprochen. Wenn ein Mädchen schwanger wurde, machte man dem jungen Mann so großen Druck, es zu heiraten, dass sich nur wenige verweigerten. Die Familien waren groß, häufig sehr groß, und nur selten wurde eine Ehe geschieden. Oft kam es zu heftigem, handgreiflichem Familienstreit, dennoch hielten Mann und Frau meist zusammen.

Nur wenige Frauen gingen arbeiten. Mädchen hatten natürlich noch einen Beruf, doch sobald eine junge Frau verheiratet war, hätte man sie schief angesehen, wäre sie arbeiten gegangen. Und sobald die ersten Kinder kamen, war es unmöglich: Ihr Los war dann ein endloser Tageslauf aus Kinder großziehen, putzen, waschen, einkaufen und kochen. Ich habe mich oft gefragt, wie diese Frauen in Familien mit bis zu dreizehn, vierzehn Kindern in einem kleinen Haus mit nur zwei oder drei Schlafzimmern ihren Alltag bewältigt haben. Manche Familien dieser Größe lebten in Wohnungen, die oft nur aus zwei Zimmern mit einer winzigen Küche bestanden.

Verhütungsmaßnahmen, wenn man überhaupt welche traf, waren unzuverlässig. Sie waren allein Sache der Frauen, die endlos über sichere Zeiträume, Rote Ulme, Gin mit Ingwer, heiße Duschen und weitere Hausmittel debattierten, doch nur wenige besuchten Kurse über Geburtenkontrolle, und soweit ich gehört habe, weigerten sich die meisten Männer schlicht, Kondome zu benutzen.

Wäsche waschen, aufhängen und bügeln nahm den größten Teil des Arbeitstags einer Frau ein. Waschmaschinen waren weitgehend unbekannt und der Trockner war noch nicht erfunden. Die Höfe waren immer voll von wahren Girlanden aus trocknenden Kleidern, und wir Hebammen mussten uns oft unseren Weg durch einen Wald aus flatternder Bettwäsche bahnen, um zu unseren Patientinnen zu gelangen. Auch im Haus oder der Wohnung musste man sich noch unter der Wäsche durchducken oder sich im Flur, auf der Treppe, in der Küche, im Wohnzimmer und im Schlafzimmer an ihr vorbeidrücken. Waschsalons kamen erst in den 1960er-Jahren auf und so musste noch alles per Hand zu Hause gewaschen werden.

In den 1950ern hatten die meisten Häuser fließend kaltes Wasser und eine Toilette mit Spülung draußen im Hof. Manche hatten sogar ein Badezimmer. In den meisten Wohnblocks gab es jedoch keins und so waren die öffentlichen Waschhäuser immer noch in regem Gebrauch. Einmal pro Woche wurden brummige Jungen von ihren zupackenden Müttern dorthin gebracht, um gebadet zu werden. Die Männer vollzogen dort, wohl auf Anweisung ihrer Frauen, die gleichen Waschungen. Meist sah man sie am Samstagnachmittag auf dem Weg zum Badehaus mit einem kleinen Handtuch, einem Stück Seife und einem finsteren Blick, der von der allwöchentlich ausge­tragenen und wieder einmal verlorenen Debatte zeugte.

In den meisten Häusern gab es ein Radio, aber ich habe während meiner gesamten Zeit im East End keinen einzigen Fernseher ge­sehen, was durchaus mit ein Grund für die großen Familien gewesen sein mag. Die Pubs, die Männerklubs, Tanzabende, Kino, Music-Hall und Hunderennen waren die wichtigsten Freizeitvergnügungen. Für viele junge Leute war überraschenderweise die Kirche Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und jede Kirche bot an jedem Abend der Woche eine Reihe von Jugendklubs und Freizeitaktivitäten an. Die All Saints Church an der East India Dock Road, eine riesige vikto­rianische Kirche, hatte einen Jugendklub mit mehreren Hundert Mitgliedern, der von ihrem Pfarrer und nicht weniger als sieben tatkräftigen, jungen Kaplanen geleitet wurde. Und sie brauchten auch ihre ganze jugendliche Tatkraft, um sich Abend für Abend etwas für fünf-, sechshundert junge Menschen einfallen zu lassen.

Die Seeleute aller Nationalitäten, die in den Docks zu Tausenden an Land gingen, schienen keinen großen Einfluss auf die Menschen zu haben, die dort lebten. »Wir bleiben lieber unter uns«, war die vorherrschende Meinung, und das bedeutete, dass es keinen Kontakt gab. Töchter wurden mit Umsicht beschützt: Es gab genug Bordelle, um den Drang der Seeleute zu befriedigen. Während meiner Arbeit musste ich zwei, drei von ihnen aufsuchen, und ich fand es gruselig, dort zu sein.

Ich sah die Prostituierten, wie sie sich an den Hauptstraßen an­boten, aber in den Nebenstraßen standen überhaupt keine, nicht einmal auf der Isle of Dogs, wo die meisten Seeleute ankamen. Erfahrene Professionelle verschwendeten ihre Zeit nicht in einer solch wenig aussichtsreichen Gegend, und hätte es eine begeisterte Amateurin unbedacht dort versucht, sie wäre sicher schnell von entrüsteten Anwohnern beiderlei Geschlechts vertrieben worden, vermutlich mit Gewalt. Die Bordelle waren bekannt und immer voll. Sie wurden wahrscheinlich illegal betrieben und von Zeit zu Zeit gab es Razzien der Polizei, doch das schien das Geschäft nicht zu beeinträchtigen. Ihre Existenz sorgte auf jeden Fall dafür, dass die Straßen sauber blieben.

In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich das Leben unwider­ruflich verändert. Meine Erinnerungen an die Docklands haben nichts mit der Gegend gemeinsam, wie man sie heute kennt. Das Leben der Familien und der Gesellschaft ist völlig in die Brüche ­gegangen, denn innerhalb eines Jahrzehnts kamen drei Dinge zusammen, die für eine jahrhundertealte Tradition das Ende bedeuteten:­ die Schließung der Docks, die Räumung der Slums und die Pille.

Die Räumung der Slums begann in den späten Fünfziger­jahren, noch während ich in der Gegend arbeitete. Natürlich waren die Häuser­ ziemlich schäbig, aber sie waren das Zuhause der Menschen, die sehr an ihnen hingen. Ich kann mich an viele, viele junge und alte Leute erinnern, Männer und Frauen, die einen Brief der Stadtverwaltung in Händen hielten, in dem man ihnen mitteilte, dass ihre Häuser oder Wohnungen abgerissen werden sollten und dass man sie umsiedeln wolle. Die meisten heulten. Sie kannten nichts anderes, und an einen Ort vier Meilen entfernt umzuziehen, erschien ihnen, wie ans Ende der Welt zu fahren. Der Umzug riss die Großfamilie auseinander, darunter litten die Kinder. Die Veränderung bedeutete für viele ältere Leute ganz wörtlich den Tod, denn sie konnten sich nicht mehr eingewöhnen. Was hat man von einer blitzsauberen neuen Wohnung mit Zentralheizung und Bad, wenn man die Enkel nicht mehr be­suchen kann, niemanden zum Reden hat und das Lokal, in dem es das beste Bier Londons gab, nun vier Meilen weit weg ist?

Als die Pille in den frühen Sechzigerjahren auf den Markt kam, war das die Geburtsstunde der modernen Frau. Sie war nicht länger an den Kreislauf immer neuer Babys gebunden; sie wurde unabhängig. Mit der Pille kam, was wir heute die sexuelle Revolution nennen. Frauen­ konnten zum ersten Mal in der Geschichte leben wie die Männer und Sex um seiner selbst willen genießen. In den späten Fünf­zigerjahren verzeichneten wir in unseren Büchern zwischen achtzig und hundert Geburten pro Monat. Bis 1963 war diese Zahl auf vier bis fünf pro Monat gefallen. Das ist mal ein gesellschaftlicher Wandel!

Die Schließung der Docks zog sich über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren hin, doch etwa 1980 war die Zeit der Handelsschiffe­ endgültig vorbei. Die Männer klammerten sich an ihre Arbeit, die Gewerkschaft versuchte, für sie einzustehen, und während der Siebzigerjahre gab es zahlreiche Streiks der Dockarbeiter, aber die Zeichen der Zeit waren deutlich. In Wirklichkeit sorgten die Streiks keineswegs für die Erhaltung der Jobs, sie beschleunigten vielmehr die Schließungen. Für die Männer der Gegend bedeuteten die Docks mehr als nur ihre Arbeit, mehr sogar als ihre Lebensart – sie waren das Leben an sich. Und für diese Männer brach die Welt zusammen. Die Häfen, die jahrhundertelang Englands wichtigste Lebensadern gewesen waren, wurden nicht mehr gebraucht. Daher wurden auch die Männer nicht mehr gebraucht. Das war das Ende der Docklands, wie ich sie gekannt habe.

In der viktorianischen Zeit war eine Welle sozialer Reformen durch das Land gerollt. Zum ersten Mal konnte man von Missständen lesen, die nie zuvor offengelegt worden waren, und das Gewissen­ der Öffentlichkeit wurde geweckt. Im Rahmen dieser Refor­men wurde vielen vorausschauenden, gebildeten Frauen bewusst, welcher Bedarf an guter Pflege in den Krankenhäusern herrschte. Kranken­pflege und Geburtshilfe waren in einem bedauernswerten Zustand. Beide galten nicht als angesehene Beschäftigung für eine gebildete Frau und so schlossen die ungebildeten die Lücke. Die karikatur­artigen Figuren Sairey Gamp und Betsy Prig – ahnungs­lose, schmutzige, Gin schlürfende Frauen, wie wir sie aus den Werken von Charles Dickens kennen – mögen uns beim Lesen urkomisch vorkommen, doch überhaupt nicht komisch wäre es gewesen, hätten wir ihnen aufgrund unserer Armut unser Leben anvertrauen müssen.

Florence Nightingale ist unsere berühmteste Krankenschwester, ihr dynamisches Organisationstalent hat die Krankenpflege auf ewig geprägt. Doch sie war nicht allein, denn die Geschichte berichtet von vielen Gruppen engagierter Frauen, die es sich zur Aufgabe machten, das Niveau der Pflege zu heben. Zu ihnen gehörten die Hebammen des Heiligen Raymund Nonnatus*. Sie waren ein Orden anglikanischer Nonnen, die sich besseren Geburtsbedingungen für Arme verschrieben hatten. Sie gründeten Häuser im Londoner East End und in vielen Armenvierteln der großen britischen Industriestädte.

Im neunzehnten Jahrhundert (und natürlich auch davor) konnten arme Frauen es sich nicht leisten, einen Arzt zu bezahlen, der ihr Baby zur Welt brachte. Sie mussten sich daher auf die Dienste einer Hebamme oder »handywoman«, wie man sie oft nannte, verlassen, die sich alles selbst beigebracht hatte. Manche waren wahrscheinlich durchaus erfahrene Geburtshelferinnen, andere hatten eine erschütternde Sterblichkeitsbilanz. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lag die Sterblichkeit der Mütter in den ärmsten Gesellschaftsschichten bei etwa 35 – 40 Prozent und die Kindersterblichkeit bei rund 60 Prozent. Eklampsie, Blutungen oder Lageanomalien bedeuteten­ unweigerlich den Tod der Mutter. Manchmal überließen diese Frauen­ ihre Patientinnen dem Todeskampf, wenn während der Geburt Komplikationen eintraten. Ohne Zweifel waren ihre Arbeitsmethoden, gelinde gesagt, nicht hygienisch, wodurch sie Infektionen und Krankheiten verbreiteten, die oft zum Tod führten.

Nicht allein dass es keine Ausbildung gab, es gab auch keinerlei Angaben über die Anzahl dieser handywomen und ihre Erfahrung. Die Hebammen des Heiligen Raymund erkannten, dass man diesem gesellschaftlichen Missstand nur durch eine ordentliche Ausbildung für Hebammen und die Regelung ihrer Arbeit durch Gesetze begegnen konnte.

Bei diesem Ringen um eine Gesetzgebung stießen die entschlos­senen Nonnen und ihre Unterstützer auf die entschiedenste Gegen­wehr. Der Kampf tobte ab etwa 1870: Man nannte sie »absurd«, »Zeitverschwender«, »ein Kuriosum« und »eine unangenehme Ansammlung von Wichtigtuerinnen«. Man warf ihnen alles Mögliche von Perversion bis Profitsucht vor. Doch die Nonnen des Nonnatus ließen sich nicht unterkriegen.

Der Kampf dauerte dreißig Jahre an, schließlich wurde 1902 das erste Gesetz zum Berufsstand der Hebammen verabschiedet und das Royal College of Midwives wurde geboren.

Die Arbeit der Hebammen des Heiligen Raymund Nonnatus basierte auf einem Fundament religiöser Disziplin. Ich zweifle nicht daran, dass das damals nötig war, denn die Arbeitsbedingungen waren so abscheulich und die Arbeit selbst so anstrengend, dass man sich von Gott berufen fühlen musste, um den Wunsch zu verspüren, sich dieser Aufgabe zu widmen. Florence Nightingale berichtet, dass ihr mit Anfang zwanzig Christus erschienen sei und ihr gesagt habe, ihr Leben sei für diese Aufgabe vorgesehen.

In den Elendsvierteln der Londoner Docklands arbeiteten die Hebammen des Heiligen Raymund inmitten der Ärmsten der ­Armen, und etwa bis zur Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts waren sie die einzigen verlässlichen Hebammen dort. Sie waren unermüdlich in ihrer Arbeit und überstanden Cholera-, Typhus-, Polio- und Tuberkuloseepidemien. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert bewältigten sie zwei Weltkriege. In den Vierzigerjahren blieben sie in London und litten unter dem Luftkrieg mit seinen massiven Bombenangriffen­ auf die Docks. Sie brachten Babys in Luftschutzbunkern und Keller­löchern, in Krypten von Kirchen und in U-Bahn-Stationen zur Welt. Diesem unermüdlichen, selbstlosen Einsatz hatten sie ihr Leben ­geweiht und die Menschen überall in den Docklands kannten, respektierten und bewunderten sie. Jeder sprach mit tief empfundener Liebe von ihnen.

Das waren die Hebammen des Heiligen Raymund Nonnatus, als ich sie kennenlernte: ein Orden von Nonnen, die ihr Gelübde­ ­abgelegt und sich damit einem Leben in Armut, Keuschheit und ­Gehorsam verschrieben hatten, die aber zugleich ausgebildete Kran­ken­schwestern und Hebammen waren, und genau deswegen kam ich zu ihnen. Ich hatte nicht damit gerechnet, aber es sollte die wichtigste­ Erfahrung meines Lebens werden.

* Die Hebammen des Heiligen Raymund Nonnatus sind ein Pseudonym. Den Namen habe ich von St. Raymund Nonnatus übernommen, dem Schutzpatron der Hebammen und Geburtsmediziner, der schwangeren Frauen, der Geburt und der Neugeborenen. Er kam 1204 in Katalonien, einem Teil Spaniens, per Kaiserschnitt zur Welt (»non natus« ist Lateinisch für »nicht geboren«). Seine Mutter starb kaum verwunderlich bei seiner Geburt. Er wurde Priester und starb 1240.

Ruf die Hebamme

Wieso habe ich mir das bloß eingebrockt? Ich muss verrückt gewesen sein! Dutzende andere Berufe hätte ich ergreifen können – Mannequin, Flugbegleiterin, Stewardess auf einem Schiff. Vor meinem inneren Auge stelle ich sie mir vor, all diese glamourösen, gut bezahlten Jobs. Nur eine Idiotin konnte beschließen, Krankenschwester zu werden. Und jetzt sogar Hebamme …

Morgens halb drei. Noch halb im Schlaf kämpfe ich mich in meine Tracht. Nur drei Stunden Schlaf nach einem Siebzehn-Stunden-Tag. So möchte doch niemand arbeiten! Draußen ist es eisig und es regnet. Im Nonnatus House ist es schon kalt genug, aber im Fahrrad­schuppen erst recht. Ich schramme an einem anderen Fahrrad entlang und schürfe mir das Knie auf. Aus reiner Gewohnheit beiße ich die Zähne zusammen, klemme meine Entbindungstasche aufs Rad und schiebe es hinaus auf die verlassene Straße.

Einmal um die Ecke, dann in die Leyland Street, quer über die East India Dock Road und weiter zur Isle of Dogs. Der Regen hat mich munter gemacht und durch das gleichmäßige Treten werde ich wieder ruhig. Warum nur bin ich Krankenschwester geworden? In Gedanken reise ich fünf, sechs Jahre zurück. Berufung war es sicher nicht, keine Spur von dem brennenden Verlangen, Kranken zu helfen, das Schwestern angeblich empfinden. Was war es dann? Liebeskummer, sicher, das Bedürfnis auszubrechen, die Herausforderung, die sexy Tracht mit ­Kragen und Manschetten, schmaler Taille und dem neckischen Käppchen. Aber waren das echte Gründe? Ich weiß es nicht mehr. Sexy Tracht, ha, von wegen, denke ich bei mir, während ich so durch den Regen strample und mir die Kappe über beide Ohren ziehe. Sehr sexy.

Dann über die erste Drehbrücke, die zu den Trockendocks führt. Den ganzen Tag über herrschen hier Lärm und Geschäftigkeit, wenn die großen Schiffe beladen und entladen werden. Tausende von Männern schuften ohne Rast: Werft- und Hafenarbeiter, Fahrer, Lotsen, Seeleute, Mechaniker und Kranführer. Jetzt ist es ruhig in den Docks, nur das Plätschern des Wassers ist zu hören. Und es ist stockfinster.

Nun vorbei an den Behausungen, wo Tausende von Menschen in ihren kleinen Zweizimmerwohnungen schlafen, wohl vier oder fünf in einem Bett. Zwei Zimmer für eine Familie mit zehn oder zwölf Kindern. Wie schaffen sie das bloß?

Ich radele weiter, denn ich muss zu meiner Patientin. Zwei Poli­zisten winken und rufen mir einen schnellen Gruß zu. Diese ­Begegnung baut mich wieder auf. Ein tiefes Verständnis verbindet Kranken­schwestern und Polizisten, besonders im East End. Es ist doch interessant, dass sie zum gegenseitigen Schutz immer zu zweit sind. Nie sieht man einen einzelnen Polizisten. Doch wir Schwestern und Hebammen gehen oder radeln immer allein. Uns würde niemand etwas tun. So tief ist der Respekt, ja die Verehrung, die selbst der härteste, zäheste Docker für die Hebammen des Bezirks empfindet, dass wir alleine gehen können, wohin wir möchten, ob Tag oder Nacht, ganz ohne Angst.

Die dunkle, unbeleuchtete Straße liegt vor mir. Sie führt in einem Stück rings um die Halbinsel, von ihr aus zweigen schmale Sträßchen ab, die sich kreuzen und an denen Tausende Reihenhäuser liegen. Die Ringstraße strahlt etwas Romantisches aus, denn das Geräusch des Flusses ist ein ständiger Begleiter.

Schon bald biege ich von der West Ferry Road in eine der Seiten­straßen ab. Ich kann das Haus meiner Patientin sofort sehen – es ist das einzige, in dem Licht brennt.

Offenbar steht drinnen eine ganze Abordnung von Frauen zu meinem Empfang bereit, die Mutter der Patientin, ihre Großmutter (oder waren es zwei Großmütter?), zwei, drei Tanten, Schwestern, beste Freundinnen, eine Nachbarin. Na Gott sei Dank ist Mrs Jenkins diesmal nicht hier, denke ich.

Irgendwo im Hintergrund, verdeckt von dieser mächtigen schwes­terlichen Versammlung, wartet ein einsamer Mann, der Urheber des ganzen Aufruhrs. Mir tun die Männer in dieser Situation immer leid. Sie wirken so sehr an den Rand gedrängt.

Der Lärm und das Schwatzen der Frauen umfangen mich wie eine Decke.

»Hallo Liebes, wie gehts dir? Bist ja flott hergekommen.«

»Gib ma Jacke un Mütz her.«

»Scheußliche Nacht. Komm rein un wärm dich auf.«

»Wie wärs mit’m Tässchen Tee? Dann is dir schnell wieder kuschlig warm, was, Liebes?«

»Sie is noch oben. Wehen so ungefähr alle fünf Minuten. Sie hat geschlafen, nachdem du weg bist, ab kurz vor Mitternacht. Dann is sie so um zwei aufgewacht, weil die Wehen schlimmer wurden, un auch schneller, also ham wir gedacht, wir rufen mal die Hebamme, nich, Mum?«

Mum nickt und schiebt sich nach vorne, denn sie hat hier das Kommando.

»Wir ham Wasser heiß gemacht, und ne ganze Ladung schön saubere Handtücher, und Feuer ham wir gemacht, damits schön warm is für das kleine Baby.«

Ich habe nie viel sagen können und in einer solchen Situation muss ich auch nicht viel sagen. Ich gebe ihnen meinen Mantel und Hut, doch den Tee lehne ich ab, denn aus Erfahrung weiß ich, dass der Tee in Poplar in der Regel widerlich ist: so stark, dass er als Holzschutzlack dienen könnte, stundenlang warm gehalten und dann mit klebrig-süßer Kondensmilch verfeinert.

Ich bin froh, dass ich Muriel schon früher am Tag rasiert habe, als genügend Licht war und ich nicht Gefahr lief, sie zu verletzen. Bei der Gelegenheit habe ich ihr auch den erforderlichen Einlauf gegeben. Das ist eine Aufgabe, die ich hasse; gut also, dass ich das hinter mir habe. Überhaupt: Wer gibt schon gerne jemandem einen Einlauf aus einem Liter Seifenwasser (besonders wenn es im Haus keine Toilette gibt) mit dem ganzen Dreck und Gestank, und das um halb drei in der Nacht?

Ich gehe nach oben zu Muriel, einer stämmigen jungen Frau, fünfundzwanzig Jahre alt, die ihr viertes Kind bekommt. Die Gaslampe taucht den Raum in ein weiches, warmes Licht. Das Feuer lodert kräftig und die Hitze nimmt mir fast den Atem. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass Muriel bald in die zweite Geburtsphase eintreten wird – das Schwitzen, das sanfte Keuchen, der seltsam nach innen gekehrte Blick, den die Frau in dieser Phase hat, während sie ihre ganze mentale und physische Kraft sammelt und sich auf das Wunder konzentriert, das sie gleich vollbringen wird. Sie sagt nichts, drückt nur meine Hand und lächelt mich kurz an, wie jemand, der gerade beschäftigt ist. Vor drei Stunden habe ich sie in der ersten Geburtsphase verlassen. Vorwehen hatten sie bereits den ganzen Tag über geplagt und sie war sehr müde, also habe ich ihr gegen zehn Uhr abends Chloralhydrat gegeben und gehofft, sie würde die ganze Nacht durchschlafen und morgens erfrischt aufwachen. Es hat nicht geklappt. Verläuft eine Geburt jemals so, wie man es möchte?

Ich muss genau wissen, wie weit sie schon ist, also bereite ich mich auf eine vaginale Untersuchung vor. Während ich mir die Hände wasche, kommt die nächste Wehe – man kann sehen, wie sie allmählich stärker wird, bis es schließlich scheint, als müsse Muriels armer Körper zerbrechen. Es gibt Schätzungen, nach denen jede Kontraktion des Uterus auf dem Höhepunkt der Geburt den gleichen Druck ausübt wie die sich schließenden Türen eines U-Bahn-Zugs. Wenn ich Muriel so in ihren Wehen beobachte, sehe ich keinen Grund, daran zu zweifeln. Ihre Mutter und ihre Schwester sitzen bei ihr. Sie klammert sich in stummem Schmerz an sie, hält die Luft an und ein atem­loses Stöhnen dringt aus ihrer Kehle; dann ist es vorbei und sie sinkt erschöpft zurück, um ihre Kraft für die nächste Wehe zu sammeln.

Ich ziehe meine Handschuhe über und fette meine Hand ein. Ich bitte Muriel, ihre Knie anzuziehen, da ich sie untersuchen möchte. Sie weiß genau, was ich tun werde und warum. Ich lege ein steriles­ Tuch unter ihr Gesäß und führe zwei Finger in ihre Vagina. Der Kopf liegt schön weit unten, vordere Hinterhauptslage, nur noch ein dünner Saum des Gebärmutterhalses ist zu ertasten, doch die Fruchtblase ist offenbar noch intakt. Ich lausche auf das Herz des Fötus, gleichmäßige 130. Gut. Mehr muss ich nicht wissen. Ich sage ihr, dass alles normal läuft und sie es bald geschafft hat. Dann kommt eine neue Wehe, und alles, was es noch zu sagen oder zu tun gibt, muss warten, so stark hält die Wehe sie im Griff.

Mein Tablett muss vorbereitet werden. Die Kommode ist schon freigeräumt worden, damit ich eine Arbeitsfläche habe. Ich lege alles bereit: Schere, Nabelschnurklammern, Nabelband, Stetho­skop, Nieren­schalen, Mullbinden und Tupfer, Arterienklemme. Viel braucht man nicht, vor allem muss es leicht transportierbar sein – auf dem Fahrrad, aber auch auf den meilenweiten Strecken zu Fuß die Treppen und Galerien der Wohnblocks hinauf und hinunter.

Das Bett ist bereits zuvor hergerichtet worden. Ein vorbereitetes Geburtspaket hat der Ehemann ein, zwei Wochen vor dem Termin abgeholt. Es enthält Entbindungsunterlagen – wir nennen sie »Bunnies« –, breite saugfähige Tücher zum Wegwerfen und nicht saugfähiges braunes Papier. Dieses braune Papier sieht lächerlich alt­modisch aus, aber es erfüllt genau seinen Zweck. Es bedeckt das ganze Bett, all die Tupfer und Tücher können daraufgelegt werden und nach der Entbindung wird alles darin zusammengepackt und verbrannt.

Die Wiege steht bereit. Eine größere Waschschüssel ist da, und unten wird literweise Wasser erhitzt. Es gibt kein fließend heißes Wasser im Haus und ich frage mich, wie man all das geschafft hat, als es noch überhaupt keine Wasserleitungen gab. Die Leute müssen die ganze Nacht über beschäftigt gewesen sein, Wasser von draußen zu holen und es heiß zu machen. Wo eigentlich? Auf dem Herd in der Küche, in dem die ganze Zeit über ein Feuer brennen musste – ein Kohlenfeuer, wenn sie es sich leisten konnten, ansonsten ein Feuer aus Treibholz.

Aber ich habe keine Zeit, dazusitzen und nachzudenken. Oft kann man bei einer Geburt die ganze Nacht lang warten, aber ­irgendwie spüre ich, dass es hier anders sein wird. Die zunehmende Stärke und Häufigkeit der Wehen zeigt mir hier bei Muriels viertem Baby, dass es nicht mehr lange bis zur zweiten Phase dauern wird. Die Wehen kommen nun alle drei Minuten. Wie viel wird sie noch ertragen können; wie viel können Frauen überhaupt ertragen? Plötzlich platzt die Fruchtblase und das Fruchtwasser tränkt das Bett. So gefällt es mir. Wenn die Fruchtblase zu früh platzt, werde ich ein bisschen nervös. Nachdem die Wehe vorbei ist, wechsele ich mit der Mutter so schnell wir können die triefende Bettwäsche. Muriel kann zu diesem Zeitpunkt das Bett nicht mehr verlassen, also müssen wir sie auf die Seite drehen. Mit der nächsten Wehe sehe ich den Kopf. Jetzt ist äußerste Konzentration gefragt.

Mit animalischem Instinkt fängt sie an zu pressen. Eine Mehrfachmutter kann den Kopf oft innerhalb von Sekunden heraus­pressen, aber das möchte man nicht. Jede gute Hebamme versucht zu bewirken, dass der Kopf langsam und stetig austritt.

»Muriel, ich möchte, dass du dich nach dieser Wehe auf deine linke Seite drehst. Versuch jetzt nicht zu pressen, solange du noch auf dem Rücken liegst. So ists gut, dreh dich zur Wand um, Schatz. Zieh dein rechtes Bein hoch, Richtung Kinn. Atme tief durch und atme dann genau so weiter. Deine Schwester hilft dir.« Ich lehne mich über das niedrige durchhängende Bett. In dieser Gegend scheinen alle Betten durchzuhängen, denke ich. Manchmal muss ich Babys auf meinen Knien zur Welt bringen. Aber keine Zeit für Gedanken, eine weitere Wehe kommt.

»Tief atmen; ein bisschen pressen, aber nicht zu fest.« Die Wehe lässt nach und ich höre mir wieder das Herz des Fötus an: 140 diesmal. Immer noch recht normal, aber der schnellere Herzschlag zeigt, was das Baby bei seiner Geburt durchmacht. Noch eine Wehe.

»Jetzt ein klein wenig pressen, Muriel, aber nicht zu fest, gleich haben wir dein Baby auf der Welt.«

Sie ist außer sich vor Schmerzen, aber eine Art verzweifelt-­erhabenes Gefühl überkommt eine Frau während der letzten Momente einer Geburt und die Schmerzen scheinen nicht wichtig zu sein. Noch eine Wehe. Der Kopf kommt jetzt schnell, zu schnell.

»Nicht pressen, Muriel, nur hecheln – einatmen und aus – schnell, genau so weiterhecheln.«

Ich halte den Kopf zurück, sodass er nicht herausschießen und dabei einen Dammriss verursachen kann.

Es ist sehr wichtig, den Kopf vorsichtig zwischen den Wehen herauszuführen, und während ich ihn zurückhalte, merke ich, wie ich schwitze – vor Anstrengung und Konzentration, durch die Hitze und die Intensität des Moments.

Die Wehe geht, ich entspanne mich ein wenig und höre noch einmal auf das Herz des Fötus – immer noch normal. Die Geburt steht kurz bevor. Ich lege den Ballen meiner rechten Hand unter den geweiteten Anus und drücke fest und gleichmäßig nach vorne, bis der Scheitel ganz aus der Scheide heraustritt.

»Mit der nächsten Wehe wird der Kopf geboren, Muriel. Ich möchte jetzt, dass du gar nicht mehr presst. Überlass alles einfach deinen Bauchmuskeln. Du musst nur noch versuchen, dich zu entspannen, und wie verrückt hecheln.«

Ich mache mich entschlossen bereit für die nächste Wehe, die überraschend schnell kommt. Muriel hechelt nun durchgehend. Ich schütze den Damm unter dem heraustretenden Scheitel und der Kopf ist draußen.

Wir stoßen alle einen Seufzer der Erleichterung aus. Muriel ist ganz schwach vor Anstrengung.

»Gut gemacht, Muriel, du machst das ganz toll. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Noch eine Wehe, dann wissen wir, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.«

Das Gesicht des Babys ist blau und runzlig und mit Schleim und Blut bedeckt. Ich prüfe den Herzschlag. Immer noch normal. Ich ­beobachte, wie sich der Kopf wieder um einen Achtelkreis zurückdreht. Die vorneliegende Schulter kann nun unter dem Schambogen hervor zur Welt gebracht werden. Noch eine Wehe.

»Jetzt, Muriel, jetzt kannst du pressen – fest.«

Ich helfe der vorn liegenden Schulter mit einer vorwärts und aufwärts gerichteten Bewegung nach draußen. Die andere Schulter und der Arm folgen und der ganze Babykörper rutscht ohne Anstrengung nach.

»Wieder ein kleiner Junge«, ruft die Mutter. »Gott seis gedankt. Is er gesund, Schwester?«

Muriel hat Freudentränen in den Augen. »Oh, Gott segne ihn. Lasst mich doch mal sehen. Och, is der süß.«

Ich bin fast genauso überwältigt wie Muriel, so groß ist die Erleichterung bei einer komplikationslosen Entbindung. Ich klemme die Nabelschnur des kleinen Jungen an zwei Stellen ab und schneide sie dazwischen durch. Ich halte ihn an den Füßen hoch, um sicher zu sein, dass kein Schleim in seine Luftröhre gelangt.

Er atmet. Das Baby ist nun ein eigenes Wesen.

Ich wickele ihn in die Handtücher, die man mir reicht, und gebe ihn Muriel, die ihn in den Arm nimmt, »ku-ku« macht, ihn küsst und ihn »so schön, so süß, ein Engel« nennt. Ehrlich gesagt ist ein blutverschmiertes, noch leicht blaues Baby mit aufwärts verdrehten Augen in den ersten Momenten nach seiner Geburt kein wirklich schöner Anblick. Aber seine Mutter nimmt ihn nicht so wahr. Für sie ist es perfekt.

Doch meine Aufgabe ist noch nicht erledigt. Die Plazenta muss noch geboren werden, und zwar in einem Stück, ohne dass Teile abgerissen werden und im Uterus zurückbleiben. Falls das passiert, ist die Frau in Gefahr: dann drohen Infektionen, fortschreitende Blutungen, vielleicht sogar massiver Blutverlust, der tödlich sein kann. Das ist der vielleicht kniffligste Teil jeder Entbindung: die Plazenta ganz und intakt herauszubekommen.

Die Muskeln des Uterus, die gerade ihre anstrengende Aufgabe, das Baby zur Welt zu bringen, erfüllt haben, scheinen sich nun oft ein wenig Urlaub gönnen zu wollen. Häufig kommen während der nächsten zehn bis fünfzehn Minuten keine weiteren Wehen. Das ist schön für die Mutter, die sich jetzt nur noch zurücklehnen und mit ihrem Baby schmusen will und der alles, was dort unten vor sich geht, gleich ist. Doch der Hebamme bereitet das durchaus Sorgen. Wenn endlich die Wehen erneut einsetzen, sind sie oft sehr schwach. Will man die Plazenta ordentlich zur Welt bringen, kommt es auf sorgsames Timing, Einschätzungsvermögen und vor allem Erfahrung an.

Es heißt, man braucht sieben Jahre praktische Erfahrung, um eine gute Hebamme zu werden. Es war mein erstes Jahr und ich war allein, mitten in der Nacht bei einer Frau und ihrer Familie, die mir vertraute, und es gab kein Telefon im Haus.

Bitte, Gott, lass mich jetzt keinen Fehler machen, bete ich.

Nachdem ich das Bett vom Gröbsten gereinigt habe, lege ich Muriel auf ihren Rücken, auf warme, trockene Unterlagen, und ­decke sie zu. Ihr Puls und ihr Blutdruck sind normal und das Baby liegt ruhig in ihrem Arm. Ich muss nur noch warten.

Ich setze mich auf einen Stuhl neben dem Bett und lege meine Hand auf den Fundus, um tasten und abwägen zu können. Manchmal kann die dritte Phase zwanzig bis dreißig Minuten dauern. Ich sinne darüber nach, wie wichtig Geduld ist und welche schrecklichen Dinge passieren können, wenn man den Lauf der Dinge unbedingt beschleunigen will. Der Fundus der Gebärmutter fühlt sich weich und breit an, also sitzt die Plazenta offenbar noch fest am oberen Teil des Uterus. Ganze zehn Minuten lang kommen keine Wehen. Die Nabelschnur hängt noch aus der Vagina und ich habe mir an­gewöhnt, sie genau unterhalb der Scheide abzuklemmen, sodass ich sehen kann, wenn sie länger wird – ein Zeichen, dass sich die Plazenta löst und sich in den unteren Teil des Uterus senkt. Aber es geschieht nichts. Mir geht durch den Kopf, dass in den Geschichten von Taxifahrern oder Busschaffnern, die Babys sicher zur Welt bringen, davon nie die Rede ist. Im Notfall kann jeder Busfahrer ein Baby entbinden, aber wer hätte auch nur die geringste Ahnung, wie man die dritte Phase bestreitet? Ich stelle mir vor, dass besonders ahnungslose Leute an der Nabelschnur zögen, in dem Glauben, das helfe, die Plazenta ­herauszubekommen, aber das kann geradezu ­fatal enden.

Muriel gurrt und küsst ihr Baby, während ihre Mutter aufräumt. Das Feuer knistert. Ich sitze still da, warte und denke nach.

Warum gelten Hebammen nicht als Heldinnen der Gesellschaft, so wie es sein sollte? Warum genießen sie kein besonderes Ansehen? Sie sollten von allen himmelhoch bejubelt werden. Doch das werden sie nicht. Die Verantwortung, die sie tragen, ist kaum zu überschätzen. Ihr Können und ihr Wissen sind ohne Vergleich und doch scheint es völlig selbstverständlich, dass es sie gibt, und sie werden meist bald wieder vergessen.

In den 1950er-Jahren wurden alle Medizinstudenten von Hebammen ausgebildet. Natürlich gab es Vorlesungen von Geburts­medizinern, aber ohne klinische Praxis sind Vorlesungen bedeutungslos. Also bekamen Medizinstudenten in allen Lehrkrankenhäusern eine Ausbildungshebamme zur Seite, die sie mit in ihren Bezirk nahm, wo sie die praktischen Kenntnisse der Geburtshilfe erlernten. Sämtliche Allgemeinmediziner wurden von einer Hebamme aus­gebildet. Aber von diesen Tatsachen war offenbar kaum etwas ­bekannt.

Der Fundus wird fest und hebt sich ein wenig im Bauch, als sich eine Wehe der Muskeln bemächtigt. Das war es vielleicht schon, denke ich. Aber nein. Es fühlt sich nicht richtig an. Noch zu weich nach der Wehe.

Weiter warten.

Ich mache mir klar, welche unglaublichen Fortschritte die Geburtshilfe in diesem Jahrhundert gemacht hat, und denke an den Kampf, den engagierte Frauen geführt haben, um eine ordentliche Ausbildung zu bekommen und um andere ausbilden zu können. Ein anerkanntes Ausbildungsverfahren gibt es erst seit weniger als fünfzig Jahren. Meine Mutter und alle ihre Geschwister wurden von Frauen ohne Ausbildung zur Welt gebracht, die man »goodwife« oder »handywoman« nannte. Kein Arzt war dabei, so hieß es.

Wieder kommt eine Wehe. Der Fundus hebt sich unter meiner Hand und bleibt fest. Gleichzeitig bewegt sich die Klemme an der Nabelschnur ein wenig. Ich überprüfe sie. Ja, nun lässt sich die Nabel­schnur etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter weiter herausziehen. Die Plazenta hat sich gelöst.

Ich bitte Muriel, das Baby ihrer Mutter zu geben. Sie weiß, was ich nun tun werde. Ich massiere den Fundus, bis er fest, rund und beweglich ist. Dann fasse ich ihn fest mit der Hand und drücke nach unten und hinten, in Richtung des Beckens. Als ich drücke, wird die Plazenta durch die Scheide sichtbar, und ich hebe sie mit der anderen Hand heraus. Die Eihäute rutschen heraus, gefolgt von einem Schwall frischen Bluts vermischt mit ein wenig geronnenem Blut.

Ich fühle mich vor Erleichterung ganz schwach. Es ist geschafft. Ich stelle die Nierenschale auf den Nachttisch – den Inhalt werde ich später untersuchen –, setze mich zu Muriel und massiere ihr weitere zehn Minuten lang den Fundus, damit er fest und rund bleibt, wodurch noch vorhandene Blutgerinnsel abgehen können.

Einige Jahre später ging man dazu über, der Mutter nach der Geburt routinemäßig Oxytocinpräparate zu verabreichen, die eine sofortige, heftige Uteruskontraktion hervorrufen, sodass die Plazenta innerhalb von drei bis fünf Minuten nach der Geburt des Babys ausgestoßen wird. Die medizinische Wissenschaft macht weiter Fortschritte! In den 1950er-Jahren hatten wir keine derartigen Hilfsmittel bei der Entbindung.

Nun bleibt nur noch, aufzuräumen. Während Mrs Hawkin ihre Tochter wäscht und ihr beim Umziehen hilft, untersuche ich die Plazenta. Sie scheint vollständig und die Eihäute sind intakt. Dann untersuche ich das Baby. Es wirkt gesund und normal gebaut. Ich bade den kleinen Jungen, ziehe ihn an – die Kleider sind so sehr zu groß, dass es grotesk komisch wirkt – und betrachte Muriel in ihrer großen Freude und ihrer völlig entspannten Haltung. Sie sieht müde aus, denke ich, aber sie zeigt keinerlei Anzeichen von Stress oder Anspannung. So etwas sieht man nie! Es muss in Frauen eine eingebaute Funktion geben, die sie alles vergessen lässt; irgendein chemischer Stoff oder ein Hormon, das sofort nach der Entbindung auf den Teil des Gehirns einwirkt, der für Erinnerungen zuständig ist, sodass es die eben erlittenen Qualen völlig vergisst. Wenn das nicht so wäre, bekäme keine Frau jemals ein zweites Baby.

Als alles blitzsauber ist, wird dem stolzen Vater der Zutritt gestattet. Heutzutage sind die meisten Väter während der gesamten Zeit bei ihren Frauen und wohnen der Entbindung bei. Doch das ist eine recht junge Modeerscheinung. Soweit ich weiß, gibt es dafür in der gesamten Geschichte kein Vorbild. Zumindest in den Fünfzigerjahren wäre jeder beim bloßen Gedanken daran zutiefst schockiert gewesen. Entbindungen galten als Frauensache. Selbst die Anwesenheit eines Arztes (bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein reiner Männerberuf) war ausgeschlossen, erst seit Geburtshilfe als medizinische Wissenschaft anerkannt ist, sind Männer bei ­Geburten anwesend.

Jim ist ein kleiner Mann, wahrscheinlich keine dreißig, aber er wirkt eher wie vierzig. Er schiebt sich ins Zimmer und schaut verlegen und verwirrt drein. Wahrscheinlich macht ihn meine Anwesenheit sprachlos, aber ich bezweifle, dass er die englische Sprache je besonders gut beherrscht hat. Er murmelt: »Alles in Ordnung, Mädel?«, und gibt Muriel ein Küsschen auf die Wange. Neben seiner stämmigen Frau, die gut und gerne 30 Kilo mehr wiegt als er, wirkt er noch zierlicher. Ihre gut durchblutete, rosige, frisch gewaschene Haut lässt ihn noch grauer, angespannter und ausgetrockneter erscheinen. Das sind die Auswirkungen von harten Sechzig-Stunden-Wochen in den Docks, denke ich im Stillen.

Dann schaut er sich das Baby an und murmelt etwas vor sich hin – offenbar denkt er scharf darüber nach, welche Worte jetzt ­angemessen wären –, dann räuspert er sich und sagt: »Gott, er is schon echt in Ordnung.« Und dann geht er wieder.

Ich bedauere sehr, dass ich keine Gelegenheit hatte, die Männer des East Ends näher kennenzulernen. Aber das ist letztlich unmöglich. Ich gehöre zu der Welt der Frauen, ich bin Teil des Tabu­themas Geburt. Die Männer verhalten sich uns Hebammen gegenüber höflich und respektvoll, doch Vertrautheit oder gar Freundschaft ist ­völlig undenkbar. Es gibt eine vollständige Trennung zwischen dem, was als Männerarbeit, und dem, was als Frauenarbeit gilt. Ähnlich wie Jane Austen also, in deren gesamtem Werk nirgends eine Unterhaltung zwischen zwei Männern vorkommt, weil sie als Frau nicht wissen konnte, wie Männer untereinander sprachen, vermag auch ich nur wenig mehr als meine oberflächlichen Beobachtungen über die Männer von Poplar festhalten.

Nun kann ich mich bald aufmachen. Es war ein langer Tag und eine lange Nacht, doch ein tief greifendes Gefühl der Erfüllung und Befriedigung macht meine Schritte und mein Herz leicht. Muriel und ihr Baby sind beide eingeschlafen, als ich mich aus dem Zimmer schleiche. Die netten Menschen im Erdgeschoss bieten mir wieder Tee an, doch ich lehne ihn erneut höflich ab und sage, dass im Nonnatus House mein Frühstück auf mich wartet. Ich lege ihnen noch ans Herz, uns anzurufen, sollte es Grund zur Sorge geben, doch ich sage ihnen auch, dass ich etwa um die Mittagszeit wieder hereinschauen werde und dann noch einmal am Abend.

Als ich das Haus betrat, regnete es und es war dunkel. Fiebrige Aufregung und Vorfreude lagen in der Luft, die Unruhe einer Frau kurz vor der Geburt, kurz bevor sie neues Leben zur Welt bringen wird. Nun verlasse ich ein Haus, in dem alle ruhig schlafen, mit ­einer neuen Seele in ihrer Mitte, und ich trete hinaus ins helle Licht der Morgensonne.

Ich bin auf meinem Rad durch dunkle, verlassene Straßen und stille Docks gefahren, vorbei an verschlossenen Toren und leeren Häfen. Nun radele ich durch den hellen frühen Morgen, die Sonne geht gerade über dem Fluss auf, die Tore stehen offen oder öffnen sich gerade, Männer strömen durch die Straßen, rufen sich etwas zu, das Geräusch von Motoren setzt ein, Kräne beginnen sich zu drehen, Lastwagen biegen ab, durch die riesigen Tore, und man hört die Geräusche eines Schiffs, das sich auf dem Wasser bewegt. Eine Werft ist kein sonderlich schillernder Ort, aber auf eine junge Frau mit vierundzwanzig Stunden Arbeit in den Knochen bei nur drei Stunden Schlaf und still jubelnd angesichts der geglückten Geburt eines gesunden Babys wirkt er berauschend. Ich bin noch nicht einmal müde. Die Drehbrücke ist nun geöffnet, das bedeutet, dass die Straße gesperrt ist. Ein riesiges Hochseeschiff gleitet langsam und majestätisch durchs Wasser, zwischen seinem Bug oder seinen Schorn­steinen und den Häusern auf beiden Seiten liegen nur Zentimeter. Ich warte und beobachte wie im Traum die Lotsen und Steuerleute, die es zu ihrem Anlegeplatz geleiten. Ich wüsste nur zu gerne, wie sie es anstellen. Sie verfügen über ein immenses Können, es dauert Jahre, es sich anzueignen, und es heißt, es werde vom Vater an den Sohn oder vom Onkel an den Neffen weitergegeben. Sie sind die Prinzen der Docklands, und die Gelegenheitsarbeiter begegnen ihnen mit dem größten Respekt.

Es dauert etwa fünfzehn Minuten, bis das Schiff die Brücke passiert hat. Zeit zum Nachdenken. Eigenartig, wie mein Leben sich entwickelt hat, eine vom Krieg zerrüttete Kindheit, eine leiden­schaftliche Liebesaffäre, als ich erst sechzehn war, und drei Jahre später wusste ich, dass ich ausbrechen musste. Also entschied ich mich aus ganz pragmatischen Gründen, Krankenschwester zu werden. Bedauere ich das?

Ein grelles, durchdringendes Geräusch weckt mich aus meinen Tagträumen und die Drehbrücke beginnt, sich zu schließen. Die Straße ist wieder frei, der Verkehr fängt an zu fließen. Ich radele dicht am Bordstein entlang, denn zu den Lastwagen neben mir möchte ich lieber Abstand halten. Ein riesiger Mann mit Muskeln wie aus Stahl zieht seine Kappe und ruft: »Morjen, Schwester!«

Ich rufe zurück: »Morgen! Herrlicher Tag!«, und radele weiter, beflügelt von meiner Jugend, der Morgenluft, der berauschenden Atmosphäre der Docks, doch vor allem durch das unvergleichliche Gefühl, einer von Freude erfüllten Mutter ein wunderschönes Baby zur Welt gebracht zu haben.

Warum habe ich diesen Beruf nur ergriffen? Bereue ich es? Nie, nie, nie. Ich möchte ihn um nichts in der Welt mit einem anderen tauschen.

Nonnatus House

Hätte mir jemand zwei Jahre zuvor erzählt, dass ich in einem Kloster eine Ausbildung zur Hebamme machen würde, ich hätte Reißaus genommen. Ich war doch nicht so eine. Ein Kloster war etwas für kleine Heilige Marias, langweilig und bieder. Nichts für mich. Ich dachte, das Nonnatus House wäre ein kleines Privatkrankenhaus, so wie es sie damals im ganzen Land zu Hunderten gab.

An einem feuchten Oktoberabend kam ich mit Sack und Pack dort an. Ich kannte von London nur das West End. Der Bus aus Aldgate brachte mich in ein ganz anderes London: mit engen, unbeleuchteten Straßen, Trümmergeländen und schmutzigen, grauen Gebäuden. Mit einiger Mühe fand ich die Leyland Street und suchte das Krankenhaus. Es war nicht da. Vielleicht hatte ich die falsche Adresse.

Ich sprach eine Passantin an und fragte nach den Hebammen des Heiligen Raymund Nonnatus. Die Dame stellte ihr Einkaufsnetz ab und strahlte mich fröhlich an. Die fehlenden Schneidezähne betonten die Herzlichkeit ihres Ausdrucks. Ihre metallenen Lockenwickler glänzten in der Dunkelheit. Sie nahm die Zigarette aus dem Mund und sagte etwas, das klang wie: »Du wisch schum Nonnatuns Aursch, wa, Schätzsch’n?« Ich starrte sie an und versuchte herauszubekommen, was sie meinte. Ich hatte nichts davon gesagt, irgendetwas zu »wischen«, vor allem nicht irgendjemandes »Aursch«.

»Nein, ich suche die Hebammen des Heiligen Raymund Nonnatus.«

»Yeah. Hab isch doch gesacht, Häschen. Die Nonnatuns. Da drü’m, Schätzsch’n. Das isch ihr Aursch.«

Sie tätschelte mir beruhigend den Arm, wies auf das Gebäude, steckte die Zigarette zurück in den Mund und watschelte davon, wobei ihre Pantoffeln über das Pflaster schlappten.

An diesem Punkt meiner Geschichte muss ich dem erstaunten Leser etwas zum Cockneydialekt sagen. Reines Cockney ist für Außen­stehende zunächst unverständlich, doch das Ohr gewöhnt sich allmählich an die Vokale und Konsonanten, die Flexion und die Rede­weise und nach einer Weile begreift man alles. Während ich über die Menschen der Docklands schreibe, höre ich ihre Stimmen in meinem Kopf, doch der Versuch, ihren Dialekt zu Papier zu ­bringen, stellt eine gewisse Herausforderung dar.

Doch ich schweife ab.

Ich betrachtete skeptisch das Gebäude: Ich sah einen schmutzig roten Ziegelbau, viktorianische Bögen und Türmchen, eiserne ­Geländer, kein Licht und all das gleich neben einem Trümmergrundstück. Wohin um alles in der Welt hat es mich hier verschlagen?, fragte ich mich. Das ist doch kein Krankenhaus.

Ich zog am Klingelknauf und ein tiefes Läuten war von drinnen zu hören. Kurz darauf hörte ich Schritte. Die Tür wurde von einer Frau in seltsamen Kleidern geöffnet – sie war weder wie eine Krankenschwester gekleidet noch so recht wie eine Nonne. Sie war groß und dünn und sehr, sehr alt. Sie sah mich mindestens eine Minute lang geradeheraus an, ohne etwas zu sagen, dann lehnte sie sich vor und nahm meine Hand. Sie sah sich in alle Richtungen um, zog mich in die Eingangshalle und flüsterte verschwörerisch: »Die Pole treiben auseinander, meine Liebe.«

Vor lauter Verwunderung fand ich keine Worte, doch zum Glück wartete sie gar nicht auf meine Reaktion und fuhr in fast atemloser Begeisterung fort: »Ja, und Mars und Venus sind in Konjunktion. Sie wissen sicher, was das bedeutet?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Oh, meine Liebe, die statischen Kräfte, die Konvergenz des Flüssigen mit dem Festen, das Hexagon senkt sich und durchquert den Äther. Ganz besondere Zeiten erleben wir. Wie aufregend. Die kleinen Engel klatschen schon mit den Flügeln.«

Sie lachte, klatschte in ihre knochigen Hände und vollführte ein kleines Tänzchen.

»Aber kommen Sie herein, kommen Sie, meine Liebe. Sie müssen­ einen Tee trinken und ein Stück Kuchen essen. Der Kuchen ist sehr lecker. Mögen Sie Kuchen?«

Ich nickte.

»Ich auch. Essen wir zusammen ein Stück, meine Liebe, und dann müssen Sie mir Ihre Meinung zu der Theorie verraten, dass die Tiefen des Universums durch die Schwerkraft beständig zusammengezogen werden, um neue Himmelskörper zu bilden.«

Sie drehte sich um und marschierte geschwind einen mit Steinfliesen ausgelegten Flur hinunter, umweht von ihrem weißen Schleier. Ich zweifelte noch, ob ich ihr folgen sollte, denn ich war überzeugt, an der falschen Adresse zu sein, doch sie schien zu erwarten, dass ich direkt hinter ihr blieb, sie redete die ganze Zeit und stellte Fragen, auf die sie offenkundig keine Antwort erwartete.

Sie betrat eine riesige viktorianisch anmutende Küche mit einem Steinboden, einer steinernen Spüle und Abtropfgestellen, Tischen und Schränken aus Holz. Außerdem erkannte ich in dem Raum ­einen altmodischen Gasherd und darüber hölzerne Tellerregale, ­einen großen Boiler von Ascot über der Spüle und Bleirohre an der Wand. Ein riesiger Koksofen stand in einer Ecke, dessen Abzugsrohr oben in der Decke verschwand.

»Kommen wir also zum Kuchen«, sagte meine Begleiterin. »Mrs B. hat ihn heute Morgen gebacken. Ich habe es mit meinen eigenen ­Augen gesehen. Wo haben sie ihn hingestellt? Schauen Sie doch auch mal nach, meine Liebe.«

Das falsche Haus zu betreten, ist so eine Sache, aber eine fremde­ Küche zu durchstöbern, ging dann doch zu weit. Ich fand meine Stimme wieder: »Ist das hier das Nonnatus House?«

Die alte Frau hob ihre Hände in einer dramatischen Geste und rief mit klarer, heller Stimme: »Nicht geboren und doch im Tode ­geboren. Zu Großem geboren. Geboren zu führen und zu begeistern.« Sie richtete ihre Augen zur Decke und senkte die Stimme zu einem fesselnden Flüsterton: »Geboren, um die Weihe zu empfangen!«

War sie verrückt? Ich starrte sie sprachlos und wie gelähmt an. Dann wiederholte ich meine Frage. »Ja sicher, aber ist das hier das Nonnatus House?«

»Oh, meine Liebe, gleich, als ich Sie sah, wusste ich, dass Sie verstehen. Die Wolkendecke bleibt geschlossen. Jugend wird mit vollen Händen verteilt, die Glocken singen von traurigem Indigo und tiefdunklem Rot. Lassen Sie uns so gut wir können einen Sinn darin erkennen. Setzen Sie den Kessel auf, meine Liebe. Stehen Sie nicht einfach so herum.«

Es schien unergiebig, meine Frage zu wiederholen, also füllte ich den Kessel. Die Wasserleitungen in der ganzen Küche rappelten und wackelten und verursachten einen furchterregenden Lärm, als ich den Hahn aufdrehte. Die alte Frau stöberte umher, öffnete Schränke­ und Dosen und schwatzte die ganze Zeit etwas von kosmischen Strahlen und dem Zusammenfluss des Äthers. Plötzlich stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus. »Der Kuchen! Der Kuchen! Ich wusste, dass ich ihn finde.«

Sie drehte sich zu mir um und flüsterte mit keckem Glanz in den Augen: »Sie glauben, sie können Sachen vor Schwester Monica Joan verstecken, aber sie sind nicht schlau genug, meine Liebe. Ob lahm oder geschwind, Gelächter oder Verzweiflung, nichts kann sich verstecken, alles kommt ans Licht. Holen Sie zwei Teller und ein Messer. Wo bleibt der Tee?«

Wir setzten uns an den riesigen hölzernen Tisch. Ich schenkte Tee ein und Schwester Monica Joan schnitt zwei breite Kuchen­stücke ab. Sie zerbröselte ihres zu winzigen Stückchen, die sie mit langen, knochigen Fingern auf ihrem Teller umherschob. Mit eksta­tisch freudigem Gemurmel aß sie und blinzelte mir zu, während sie die Krümel in sich hineinmampfte. Der Kuchen war hervor­ragend und wir bildeten eine verschworene Gemeinschaft, indem wir ­beschlossen, dass es noch ein Stück sein dürfe.

»Sie werden es nie erfahren, meine Liebe. Sie werden glauben, dass Fred ihn gegessen hat oder der arme Kerl, der immer auf den Stufen sitzt und seine belegten Brote isst.«

Sie schaute aus dem Fenster. »Da ist ein Lichtschein am Himmel. Glauben Sie, dass da gerade ein Planet explodiert, oder landet ein Außerirdischer?«

Ich dachte eher an ein Flugzeug, entschied mich jedoch für den explodierenden Planeten und fragte sie anschließend: »Noch etwas Tee?«

»Wollte ich gerade vorschlagen, und wie wärs mit noch einem Stück Kuchen? Vor sieben werden sie nicht zurück sein.«

Sie schwatzte weiter. Ich hatte keine Ahnung, was sie mir ­sagen wollte, aber sie war ganz zauberhaft. Je länger ich sie betrachtete, umso deutlicher entdeckte ich fragile Schönheit in ihren hohen Wangenknochen, ihren strahlenden Augen, ihrer runzligen, blass ­elfenbeinfarbenen Haut und der Ausgewogenheit ihres Kopfes, der auf ihrem langen, schmalen Hals ruhte. Ihre ausdrucksvollen Hände mit langen Fingern waren ständig in Bewegung wie ein Ballett aus zehn Tänzern und entfalteten eine hypnotische Kraft. Ich spürte, wie ich ihrem Zauber erlag.

Es fiel uns nicht schwer, den Kuchen ganz zu vertilgen, nachdem wir beschlossen hatten, dass das leere Blech weniger Verdacht erregen würde als ein einzelnes übrig gelassenes Stück auf einem Teller. Sie blinzelte verschmitzt und kicherte. »Unsere liebe Freundin Schwester Evangelina wird es als Erste bemerken. Sie sollten sie mal sehen, meine Liebe, wenn sie sauer wird. Oh, die schreckliche alte Schachtel. Ihr Gesicht wird noch röter als ohnehin und ihre Nase fängt an zu laufen. Ja wirklich, sie läuft! Ich habe es gesehen.« Sie warf ihren Kopf geringschätzig zurück. »Aber was bedeutet das für mich? Das Geheimnis des Beweises, dass es ein Bewusstsein gibt, ist ein Haus zu einer bestimmten Zeit, eine Funktion und ein Ereignis in einem, und nur wenige bilden die Elite, fürwahr, wer kann diese Erkenntnis schon willkommen heißen. Aber still. Was war das? Beeilen Sie sich.«

Sie sprang auf, streute dabei Kuchenkrümel quer über den Tisch, den Boden und sich selbst, schnappte sich das Blech und eilte damit zur Speisekammer. Dann nahm sie wieder Platz und setzte eine übertriebene Unschuldsmiene auf.

Schritte auf dem Steinboden der Eingangshalle näherten sich, begleitet von weiblichen Stimmen. Drei Nonnen betraten die ­Küche und redeten über Einläufe, Verstopfung und Krampfadern. Ich schloss daraus, dass ich entgegen meiner Erwartung doch am ­richtigen Ort sein musste.

Eine von ihnen blieb stehen und wandte sich an mich: »Sie ­müssen Schwester Lee sein. Wir haben Sie schon erwartet. Herzlich willkommen im Nonnatus House. Ich bin Schwester Julienne, die ­leitende Schwester. Nach dem Abendessen können wir uns in ­meinem Büro ja ein bisschen unterhalten. Haben Sie schon ge­gessen?«

Ihr Gesicht und ihre Stimme waren so offen und ehrlich und die Frage so frei von jedem Hintergedanken, dass ich nicht antworten konnte. Ich spürte den Kuchen schwer im Magen und murmelte nur: »Ja, vielen Dank«, dabei wischte ich mir wieder und wieder denselben Krümel vom Rock.

»Nun, Sie werden entschuldigen, wenn wir eine Kleinigkeit essen. Wir machen uns für gewöhnlich unser Abendessen selbst, weil wir alle zu unterschiedlichen Zeiten zurückkommen.«

Die Schwestern wirbelten umher, holten Teller, Messer, Käse, Cracker und andere Sachen aus der Speisekammer und deckten ­damit den Küchentisch. Dann hörte man hinter der Tür einen Schrei und eine Nonne kam roten Gesichts mit dem leeren Kuchenblech heraus.

»Er ist weg. Das Blech ist leer. Wo ist Mrs B.s Kuchen? Sie hat ihn erst heute Morgen gebacken.«

Das musste Schwester Evangelina sein. Ihr Gesicht wurde immer röter, während sie umherblickte.

Niemand sagte etwas. Die drei Schwestern sahen einander an. Schwester Monica Joan saß unbeteiligt mit geschlossenen Augen da, als sei sie über jeden Vorwurf erhaben. Der Kuchen begann in meinem Darm zu rumoren und ich wusste, dass sich mein Vergehen in seiner Tragweite nicht verheimlichen ließ. Meine Stimme war rau, als ich flüsterte: »Ich habe ein Stückchen gegessen.«

Das rote Gesicht mit der dazugehörigen massigen Gestalt näherte sich Schwester Monica Joan. »Und sie den Rest. Schaut sie euch an, überall Kuchenkrümel. Es ist widerlich. Oh, dieser Gierschlund! Von nichts kann sie ihre Finger lassen. Der Kuchen war für uns alle gedacht. Du … Du …«

Schwester Evangelina bebte vor Zorn, als sie sich über Schwester Monica Joan beugte, die sich nicht rührte und die Augen geschlossen hielt, als habe sie kein Wort gehört. Sie wirkte zerbrechlich und aristokratisch. Ich konnte es nicht ertragen und fand meine Stimme wieder: »Nein, Sie haben das falsch verstanden. Schwester Monica Joan hat ein Stück gegessen und ich den Rest.«

Die drei Nonnen starrten mich verwundert an. Ich spürte, wie ich rot anlief. Wäre ich ein Hund gewesen, den man mit dem Sonntagsbraten erwischt hatte, ich wäre mit eingeklemmtem Schwanz unter den Tisch gekrochen. Ein fremdes Haus zu betreten und den größten Teil eines Kuchens zu verspeisen, ohne Einverständnis oder Kenntnis seiner Besitzer, war ein Vergehen gegen die gute Sitte, das nach ernsten Konsequenzen verlangte. Ich konnte nur murmeln: »Es tut mir leid. Ich hatte Hunger. Ich werde es nie wieder tun.«

Schwester Evangelina schnaubte und knallte das Blech auf den Tisch.

Schwester Monica Joan, die den Kopf immer noch abgewendet und die Augen geschlossen hielt, löste sich aus ihrer Starre. Sie zog ein Taschentuch hervor, hielt es mit Daumen und Zeigefinger an einem Zipfel und reichte es Schwester Evangelina, die übrigen Finger vornehm abgespreizt. »Vielleicht ist es angebracht, ein wenig aufzuwischen, meine Liebe«, sagte sie zärtlich.

Der Zorn kochte noch stärker hoch. Die Röte in Schwester Evangelinas Zügen wendete sich ins Violette und es sammelte sich Feuchtigkeit um ihre Nasenlöcher.

»Nein danke, meine Liebe, ich habe mein eigenes«, zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

Schwester Monica Joan machte einen affektierten kleinen Hüpfer, tupfte ihr Gesicht elegant mit dem Taschentuch ab und murmelte­ wie zu sich selbst: »Mich deucht, es regnet. Regen kann ich nicht ertragen. Ich ziehe mich zurück. Bitte entschuldigt mich, Schwestern. Wir sehen uns beim Komplet.«

Sie lächelte die drei Schwestern freundlich an, wandte sich zu mir und blinzelte mir so frech zu, wie ich es nie wieder erlebt habe. Dann schwebte sie erhobenen Hauptes aus der Küche.

Ich wand mich vor Scham, als die Tür sich schloss und ich mit den drei Nonnen allein zurückblieb. Ich wollte im Boden versinken­ oder davonlaufen. Schwester Julienne sagte mir, ich solle meinen Koffer ins Obergeschoss tragen. Dort sei ein Zimmer, an deren Tür mein Name stehe. Ich hatte mit drückender Stille und drei mir stumm nachblickenden Augenpaaren gerechnet, doch Schwester ­Julienne begann von einer alten Dame zu erzählen, die sie gerade besucht hatte und deren Katze offenbar im Kamin stecken geblieben war. Alle lachten und zu meiner riesigen Erleichterung war die Stimmung schnell wieder gelöst.

In der Eingangshalle dachte ich ernsthaft darüber nach, ob ich gleich wieder flüchten sollte. Dass ich in so etwas wie einem Kloster und nicht in einem Krankenhaus gelandet war, fand ich einfach lachhaft, und die ganze Affäre um den Kuchen war entwürdigend. Ich hätte nun einfach meinen Koffer nehmen und wieder in der Dunkelheit verschwinden können. Es war verlockend. Ich hätte es sogar fast getan, wenn sich nicht die Eingangstür in diesem Moment geöffnet hätte und zwei lachende Mädchen erschienen wären. Ihre Gesichter waren von der Nachtluft rosig und erfrischt und ihr Haar vom Wind zerzaust. Auf ihren langen Regenmänteln glitzerten ein paar Tropfen. Sie waren etwa in meinem Alter und wirkten glücklich und voller Leben.

»Hallo!«, sagte eine tiefe, gemächliche Stimme. »Du bist bestimmt Jenny Lee. Wie nett. Hier gefällts dir sicher. Wir sind nicht gerade viele. Ich bin Cynthia und das ist Trixie.«

Aber Trixie war schon im Gang zur Küche verschwunden: »Ich sterbe vor Hunger. Bis später.«