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Der Teen Triple A aus reicher Familie steckt mitten im Insellager, wo die Pubertierenden jahrelang in Quarantäne leben, ob sie mutieren wie die wildgewordene Natur ausserhalb der Kuppeln. Wer überlebt, soll danach eine Innovation zur Gesellschaft beisteuern und kann dadurch Karriere machen. Ungeschicktes Verhalten aus Rachegefühlen gegen ständige Tests machen ihn zur peinlichen Figur, aber nachdem der gute Karl und der fiese Morley mit ihrem Umsturzplan scheitern, bleibt alles an ihm und seinen tatkräftigen Nicht-Freundinnen hängen. Doch es kommt alles schlimmer, bis sie etwas entdecken.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Flower U
Camp Change
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Inhaltsverzeichnis
Titel
TEIL I
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 6-30
Tag 31
Tag 32-98
Tag 99-100
Tag 101-140
Tag 141
Tag 142
Tag 143-144
Tag 145-365
Tag 366-729
Tag 730
TEIL II
Lager 2 / Tag 1
Auf der Jagd / Woche 2
Die Berufungsmesse / 3. Monat
Halbwertszeit
Nach dem Test ist vor dem Test
Kampf im Himmel
Alternatives Ende
Impressum neobooks
AAA lehnte mit der ganzen Vorderseite seines sich streckenden Körpers an den nackten Fels vor ihm, der wie ein Ausguck über den Strand darunter wachte, und schaute mit zusammengekniffenen Augen durch die verschmierte Gasmaske ans ferne Ufer jenseits des vereisten Meeresarms, Hände in den Taschen trotz Handschuhen. Er spürte die Kälte durch die hochwertige Jacke, die er immer noch besass, seit damals vor vier Jahren, als auch er da unten gelandet war. Er war froh um diese Jacke, ein Geschenk seiner Eltern, um die ihn viele beneideten und die er hartnäckig verteidigt hatte. Sie war nicht besonders modisch, aber isolierte ihn besser als der Coverall, den alle trugen, allerdings im doppelten Wortsinne. Genau wie sein doofer Name, Atticus Albin, und an das dritte A wollte er gar nicht denken. Amateur, wie Anfänger, oder Liebhaber. Was hatten sich seine Eltern bloss dabei gedacht? Er nannte sich Triple A, auf Englisch, das signalisierte den Kennern beste Qualität und versprach hohe Überlebenschancen. Jedenfalls war das die Erwartung. Die Realität hielt sich gemeinerweise nicht immer an die Statistik, sogar bei einem aus der Elitenfamilie der von Ockham. Frechheit.
Das Gewicht seines Namens hatte er zunehmend zu spüren bekommen hier im Jugendlager auf der Insel des Übergangs. Offiziell hiess die Insel Morphos, ein Begriff der alten Griechen, die für fast alles Vorbilder überliefert hatten. Wie für seinen ersten Vornamen Atticus: nicht der sehr gerechte Anwalt aus einem Film längst vergangener Tage („to kill a mockingjay“ oder ähnlich hiess der Titel), sondern abgeleitet von der Gegend um Athen, Attika, wo die ersten Bürger ihre Geometrie und Demokratie im Sand skizziert hatten. Die aber nur für wenige galt, gelten konnte. Nichtmitglieder bitte draussen warten. Und macht bitte unter euch aus, wer als Gewinner wieder vorsprechen darf für eine Rolle in der besseren Gesellschaft.
Ungefähr so war es auch heute noch, etwa dreitausend Jahre später, wenn man den Gerüchten trauen konnte, die unter den Älteren wie ihm im Lager kursierten, die sich auf den Übertritt in die Welt der Erwachsenen vorbereiteten. Oder mindestens bald vorzurücken hofften ins Lager 2. Wieder dort drüben auf dem Festland, beinahe daheim. Daheim, wo sie ihre sorgenfreie Kindheit verbracht hatten, und wo sie nach überstandenem Insellager ihre Stellung in der Kultur von Dawkinsonia einnehmen würden, das war das sich nach oben verjüngende Schneckengehäuse des riesigen Stadturms, der wie ein Mahnfinger im Hintergrund aufragte, gekrönt von der Scheibe der Oberen, so dass das Ganze eher wie ein Pilz aussah. Weil das Haupt der Gesellschaft häufig in Wolken gehüllt war, hiess es entsprechend The Cloud, wie sonst.
Das gleissende Licht des Frühlings blendete ihn, so dass er nicht sehen konnte, ob die breite Reihe an Gestalten am anderen Ufer die Neulinge waren oder ihre Eltern. Diejenigen, die sich getrauten, zu dieser ersten grossen Prüfung ihrer Sprösslinge mitzukommen, vielleicht zum letzten Mal die feuchten Patschhändchen zu halten. Den Rucksack zu richten, in dem alles Platz haben musste, was man mitnehmen durfte auf die Reise ins Lager 1. Ausser natürlich dem, was man in den Genen und im Kopf hatte. Darin wurde viel investiert, jeder nach seinen Möglichkeiten natürlich. Seine wohlhabenden Eltern hatten sein Schicksal wohl per Drohne von ihrer hohen Warte aus beobachtet. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder hatte er es geschafft, bis hierhin jedenfalls, es war noch ein weiter Weg.
Davon wussten die Neulinge zum Glück noch nichts, die sich jetzt zögerlich von ihrer kindlichen Vergangenheit lösten und Richtung Eis strebten. Rund 500 Meter mussten sie überqueren, um auf die Insel ins Survival Camp der Pubertierenden zu gelangen. Ein Zurück gab es nicht. Dafür sorgten die automatischen Wächter mit ihren Projektilen. Das wussten die Kids, nicht gerade aus der Werbung, aber sowas machte die Runde in den Pausen der geschützten Schule. Nur für die Besten hatte die bedrohte Gesellschaft am Ende eine Verwendung, um gegen die wildgewordene Natur zu bestehen. Darauf konnte man dann stolz sein. Was für eine Scheisspropaganda der alten Säcke, schimpfte AAA laut vor sich hin.
Die Frühlingssonne schien zu wärmen, aber es reichte nicht bis in sein frierendes Inneres, nur um das Eis dünn und brüchig werden zu lassen. Unten am Steg, ganz vorne, wo er natürlicherweise hinzugehören schien, stand Karl Harissian, wie eine Statue, ohne Kopfbedeckung, damit seine schwarzen Haarwellen glänzen konnten, und sah hinüber. Sein Blick unter der Schutzmaske war sicherlich ernst. Der Kerl hatte einfach keinen Humor. Dafür hatte er seine Schwester Elvissa, die nervös am Strand herumirrte. Sie hatte auch ihn gesehen am Hang, ihr entging wenig. Er hatte nicht gewinkt. Morley hatte sich zum Glück nicht die Mühe gemacht hier zu erscheinen, es war ja jedes Jahr dasselbe, oder nicht? Der würde schon bekommen, was er wollte. Und auch von Morley Maldoons Königin Hekaterina Moravic war nichts zu sehen. Sie hätte sicher auch im Schutzanzug noch niederschmetternd attraktiv gestrahlt. Ihr Fehlen war allerdings seltsam, weil sie sich doch sonst an allen Brutalitäten ergötzte. Genau deshalb war seine Freundin Lilula, richtig Lilith Lua Lagrange, nicht bei ihm. Sie ertrug das Drama nicht mehr, das sich gerade entfaltete und seinen vorhersehbaren Verlauf nahm.
Ein Kind, ungeschickt in der ungewohnten, vor den Giften und Kleinstlebewesen der freien Natur schützenden Kleidung, wählte die Taktik, so schnell wie möglich über das Eis zu rennen. AAA meinte das Keuchen des Atems, das Pochen des Herzens und den Gestank der Angst bis hierhin zu spüren. Es schaffte es bis kurz nach der Mitte. Dann brach es ein und die Eisschollen schlossen sich schmatzend über ihm. Der erste Strich. Im Schnitt würde er fünf Striche machen müssen. Immerhin, tröstete AAA sich grimmig, nicht die ungefähr hundert, welche die erste Hürde in Angriff nahmen. Gewarnt durch das Opfer des Ungeduldigen tasteten sich die Jugendlichen nun vorsichtiger voran.
Geht auseinander, haltet Abstand, schrie AAA einer ängstlich sich aneinander klammernden Gruppe in Gedanken zu und machte schwimmende Bewegungen mit seinen Armen. Ein lautes Knacken, dann rutschte der Pulk über die schiefe Ebene einer kippenden Scholle ebenfalls ins Eiswasser. Doch sie waren offenbar vorbereitet und hatten sich aneinander geseilt. Die Idee war gut, aber nur, wenn einige auf dem Eis blieben und die anderen herausziehen konnten. Hier hätten das die Nachfolgenden leisten müssen, aber die waren in Schockstarre. Nach einer Minute war es vorbei. Schon sechs Striche, seine behandschuhte Hand zitterte. Leider war die Statistik keine Garantie zur Velustbegrenzung.
Die übrig Gebliebenen befolgten zu seiner Erleichterung seinen Rat und gingen einzeln und in grossem Abstand, schön langsam, watschelnd wie Pinguine oder auf dem Bauch robbend. Das klappte ganz gut, die letzten hundert Meter brachen für die meisten an. Ein Mädchen, soweit er schliessen konnte von den langen Haaren, die unter der Schutzkappe hervorkringelten, ging mutig voran. Und beschleunigte dann seinen Schritt. Aufstampfen statt Leisetreten, keine gute Strategie, AAA verkrampfte sich. Krack, und das Kind stand halb im Wasser. War es auf einer Sandbank? Nein, es hatte schlau einen langen Wanderstab quer vor sich gehalten, der auf den Eisrändern auflag. Aber nun strömte die Herde in Panik gnadenlos an ihr vorbei Richtung rettenden Strand, wo Elvissa herumsprang, fuchtelte und schrie, um die verängstigten Kinder davon abzuhalten, vergeblich. Aber manchmal spielte das Glück mit, das Eis in Strandnähe hielt der Stampede stand. AAA atmete durch. Dann sah er wieder das Mädchen halb im todbringenden Wasser. Zurückgelassen von der Meute. Er traute seinen Augen nicht, als ein kleines Kerlchen sich wieder zurück aufs Eis wagte und der Eingebrochen half. Zusammen schafften sie es, dass sie sich befreien konnte. Einen Kopf grösser als ihr Retter schlurfte sie von ihm unterstützt ins Ziel.
AAA wollte schon den Abhang hinunterpoltern an den Strand. Mindestens diese beiden wollte er haben für sein Habitat. Obwohl Mut und Altruismus dumm waren. Karl würde die Ersten schon abführen in sein Reich. Aber was das beste Material war, darüber gingen ihre Meinungen auseinander. Dann rissen ihn sein eigener Schwung des Abstossens und eine Hand an seinem Jackenkragen herum und zu Boden. Perplex blickte er auf die Gestalt, die breitbeinig über ihm stand. Die künstlich silbergraue, einseitige Mähne wehte und ihre echt dunkelblauen Augen blitzten unter einem Filzhut, der breite Mund mit den vollen Lippen und dem fein modellierten Kinn lugte unter der riskanten Halbmaske auf den hohen Wangenknochen hervor, weil sie ihn auslachte.
„Kriechst du jetzt vor Karl schon im Dreck, oder erweist du mir deine Ehre, oh Attackus?“ Hekaterina hatte ihren Auftritt. Ihre verächtliche klingende, aufregende Stimme. Er rappelte sich hoch, zupfte seine Jacke zurecht und versuchte, mit ihren langen Beinen in den gewohnten Kampfstiefeln Schritt zu halten. Ihr Schutzmantel wehte verhöhnend vor ihm wie beim Stierkampf. Darunter trug sie einen… war das ein Taucheranzug? Im Winter war die Bioaktivität geringer, aber kein Badewetter. Eigentlich nie mehr.
Hekaterina steuerte zielstrebig die grössten Neuankömmlinge auf der Insel an und rauschte nach kurzer Zeit mit ihren Erwerbungen davon, die ihr treu wie eine Strafkolonne folgten, ins Habitat der Starken, in dem Morley regierte. Der bildungsfernen Muskelmasse, wie AAA gerne spöttisch gesagt hatte, als er selber noch bei den Besten in Karls Zelt gewesen war, letztes Jahr. Er musste ihr hinterherschauen, weil nur wenige Menschen in Taucheranzügen so gut aussahen. Dann schaffte er es, das Mädchen und den Kurzen, einen Jungen, die sich immer noch gegenseitig festhielten, für seine Absteige der Zweitbesten in der Rangliste zu rekrutieren, krallte sich wahllos noch ein paar verlassen Dastehende, und zog auch ab. Die Spreu würde sich erst später vom Weizen trennen. Er wollte raus aus diesen Klamotten, wieder frei atmen unter der Schutzkuppel.
Einige blieben am Strand zurück, sie würden hoffentlich ihren Weg in eines der mittelmässigen Habitate finden, deren Chefs dauernd wechselten und von denen nur noch einer zur Strandparty der schlechten Laune erschienen war, um Flowers abzuholen. Nein, auszuwählen, damit sie das Team in den Wettbewerben am wenigsten schwächten. Alle wollte er nicht kennen. Alle konnte niemand retten. AAA realisierte, dass er schon dachte wie die verhassten Tester der Erwachsenen.
Als er die nach dem Adrenalinkick geknickten neuen Flowers in seine Habitatkuppel lotste, fiel AAA wieder unangenehm auf, dass er seit der letzten Habitatsumteilung zu seinem Leidwesen auch in eine Leitungsfunktion gerutscht war. Nicht wegen guter, sondern wegen nachlassender Leistungen. Chef von Habitat 2, die Nummern und jungen Insassen wurden nach unerbittlichem Leistungsranking absteigend verteilt von der Lagerleitung. Das hatte er nie gewollt. Andererseits musste er sich nun nicht dauernd mit dem grossen Karl vergleichen lassen, der die Punktebesten mit einer Selbstverständlichkeit anführte, als sei er dazu geboren, und keinen Anlass sah, damit prahlen zu müssen wie ein gewisser Gorilla und seine Lady.
Gut, Karl hatte seine Fähigkeiten, und war körperlich gut entwickelt, um es mit Morleys Truppen aufzunehmen - und um von den Mädchen umschwärmt zu werden. Aber der Typ nervte einfach, genau wie seine ein Jahr jüngere Sis Elvissa, sein Kommunikations-Fachgirl, die sehr souverän wirkte, aber ein totaler Komplexhaufen war, seiner Einschätzung nach. Und nicht zu vergessen, war er nun wieder mit Lilula vereint. 2:1 für den Abstieg.
Die Wiedervereinigung mit seiner bereits ein Jahr zuvor herabgestuften Freundin seit Anbeginn ihrer gemeinsamen Lagerzeit bereitete AAA allerdings nicht nur Freude, sondern zunehmend Sorgen. Lilula war zwei Jahre vor ihm auf Morphos in die Pubertätsquarantäne geworfen worden und damit überfällig für den Übertritt in Lager 2. Sie hatte ihn aufgepäppelt nach der traumatischen ersten Erfahrung der Aufnahmeprüfung ins Insellager, der gerade wieder durchlebten Meeresarmquerung. Bei ihm war es allerdings etwas später im Frühling gewesen, in einem Hoch der Bioaktivität nach der Schneeschmelze. Er hatte es mit einer aufblasbaren Matratze aus seinem gut gefüllten Rucksack geschafft. Ein anderer, der es mit Schwimmen versucht hatte, war dagegen regelrecht aufgefressen worden. Wenn diese Algen und Mikroben einmal ein Opfer gewählt hatten, schrien sie ihren Triumph chemisch hinaus und alarmierten so ihre Millionen von Verwandten. Kommt her, hier ist das angezählte Fressifressi. Eine etwas andere Ethik als bei den vom Aussterben bedrohten Menschen, wo jeder für sich zu kämpfen lernte. Aber auch nicht wirklich sympathischer. Ausser Lilula, die eine einzige Wärmequelle für die geschundenen Kinderseelen war. Und die als einzige seine Zweifel zu verstehen schien, an der ganzen Übung und an sich selbst. Die ihn nicht einfach als Reichensöhnchen ansah und bestenfalls von seinen heimlichen Verbindungen zur Familie profitieren wollte. Die Hoffnungen in ihn setzte und ihn interessierte, weil sie anders dachte als die Geschlechtsbessessenen. Er vermisste ihre Liebkosungen.
Lilula stand schon vor dem Habitat, ganz ohne Schutz. Das war einer der Aspekte, die ihn beunruhigten. Sie schien sich nicht mehr vollständig im Griff zu haben und lebte lieber in ihrer reichhaltigen Gedankenwelt als in der feindseligen, aber realen. Er scheuchte die Neulinge durch das Eingangstor mit ihrem neunmalklugen Motto „2 ist grösser als 1“„ und legte seine Hand auf den mageren, knochigen Rücken seiner grossgewachsenen besten Freundin, die er über alles mochte…liebte, schätzte?
„Hej Lil“. Nur ein dunkler Blick. AAA wurde unsicher. Wie auf der Suche nach Bestätigung liess er seine Hand etwas weiter nach unten rutschen. Da war noch rundes Fleisch. Er wollte sie ja nur in Sicherheit bringen. Sie schlug ihm in Zeitlupe seine Hand weg mit einem tadelnden Blick und einem fatalistischen Trauerschleier darüber. Sie entzog sich ihm, wie oft in letzter Zeit, seit sie sozusagen wieder zusammen wohnten. Es gab zwar wie immer auch eine logische Erklärung, die verängstigten Jungs und Mädels mussten aufgenommen und versorgt werden. Das war Lilulas Domäne, zum Glück für AAA, der keine Ahnung hatte, was er mit den Flowers – diese Bezeichnung stammte auch von ihr und hatte sich im Lager durchgesetzt - hätte anstellen sollen, ausser sie auf einen Putzplan zu setzen und bei guter Laune bei den Hausaufgaben zu helfen. Er musste sich schliesslich als Chef strategisch auf die Tests vorbereiten, oder nicht?
Strategisch unklug versuchte er, Liluala noch etwas quality time abzuringen, indem er sich neben sie stellte, als sie jedem einzelnen des Dutzends Frischlinge, die verloren direkt nach dem Habitatseingang stehengeblieben waren und energielos versuchten, ihre Schutzanzüge loszuwerden, eine innige Umarmung schenkte. Dazu musste sie sich bücken oder ging in die Knie. Das brachte seine mutierenden Hormone bereits wieder auf den falschen Pfad. Sie half Ihnen beim Anziehen der blauen Coveralls. AAA machte tapfer mit.
„Lilula, hör mal. Wir sollten uns besprechen. Die anderen Älteren können doch hier weitermachen, sie kennen das ja. Die Flowers sind sowieso stehend K.O. für heute“. Sie sah ihn zuerst nur an, ihre braunen Augen konnten schwarz und kalt sein. Sie liess ihn warten. Als er sich wieder zu Wort räuspern wollte, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, eher um Abstand zu wahren als mit Zuneigung.
„Mein Amateur, was ist? Mach diesen Moment nicht noch schwerer bitte. Die Neuen brauchen jetzt meine Energie und Liebe von uns allen.“ Sie war die Einzige, die ihn so nennen durfte. Nur lösten ihre letzten Worte in AAA gleich wieder den Widerstand gegen esoterische Sprüche aus, obwohl er wusste, was sie meinte, und dass sie recht hatte. „Tut mir leid, aber es wichtig. Auch wichtig. Natürlich nicht wichtiger als dein Empfang hier, aber..“.
Sie fiel ihm ins Wort, das war selten. „Lass uns heute Abend sprechen, wenn alle versorgt sind, okay Chef?“ Danach wies Mutter Lilula ihren Kinder mit ihrem alles überstrahlendem Lachen über riesigen weissen Zähnen den Weg zu den vorbereiteten Schlafplätzen und ihrem Essplatz, wo andere Helfer sie einwiesen.
Also gut, gab AAA nach. La Lagrange war oft nachtaktiv. Er hatte gute Erinnerungen an ihre Gespräche unter dem Sternenhimmel. Obwohl es meistens bewölkt war. Als einige Nachzügler vor ihrem Habitat standen, machte er eine kleine Show daraus, diese herzlich aufzunehmen. Gewöhnt euch lieber gleich an das wahre, harte Leben, wollte er sagen. Aber er spürte Lilulas Geist auf sich und war nett, ausnahmsweise. Danach legte er sich zufrieden hin, nur für ein Stündchen.
Beinahe hätte er am nächsten Morgen, als er alleine in seinem Schlafsack erwachte, die wichtigste anstehende Aktivität vergessen. Diese fand im zentralen grossen Habitatsdom statt. Die sogenannten Zelte der Habitate waren durchsichtige, nur bei Regen schimmernde Polynanokuppeln, die im Innern ein menschenwürdiges Klima aufrechterhielten, mit leichtem Überdruck, um die ungebetenen, munter immer weiter mutierenden Kleinstlebewesen draussen zu behalten. Genauso wie die Insel des Übergangs ein Schutz der Gesellschaft der Zehntausend des Stadtturms von Dawkinsonia war vor möglicherweise gefährlichen neuen Mutationen in ihrem Nachwuchs, die sich seit einigen Jahrzehnten in der Pubertät zu zeigen begonnen hatten.
AAA hatte miterlebt, wie andere Jugendliche krebsartige Wucherungen bekamen, oft um den Hals, und starben oder plötzlich massive Verhaltensstörungen zeigten und eines Tages aus dem Lager 1 verschwunden waren. Vorzeitig ausgeschieden. Niemand sprach darüber. Der Blick in ihren Augen, wenn die Gebrandmarkten realisierten, dass es soweit war. AAA schauderte. In solchen Momenten waren die Haustiere noch wichtiger als sonst. Und die Verteilung der Haustiere an die Neuankömmlinge stand an, er rappelte sich auf. Ein bisschen Trost. Möglichst pelzig. Die Auswahl war allerdings begrenzt, und natürlich durften die zuerst Gestrandeten auch zuerst wählen, das war das ewige Prinzip.
Es irritierte ihn, als das beinahe ertrunkene Mädchen seine Hand nahm, ihr treuer Begleiter schnappte sich die andere Seite. Ihre Hand war trocken, seine feucht. Sie schwiegen scheu.
„Wie heisst ihr zwei denn?“ gab sich AAA einen Ruck.
„Das da ist Tomislav, ich bin Anakin“ sagte das wahrscheinlich 12-jährige Girlie. Und, nach einigem Zögern, „Und du?“
Er musste lachen. „Nennt mich Triple A.“ Dann gingen sie wieder eine Weile. Die Insel war nicht klein. „Wenn ihr meinen Rat wollt, nehmt kein zu kuschliges Tier, auch wenn es euch schwerfällt. Vielleicht hat es gar keins mehr übrig, wenn ihr an der Reihe seid. Und falls es nicht gut rauskommt…“ Dann merkte er, dass die Kids noch gar nicht so genau wussten, was sie gleich erwartete. Oder doch? Sie schauten ihn entgeistert an, und liessen schliesslich seine Hand los. Der Wärmeabdruck ihrer Pfötchen verblasste und AAA fühlte sich nicht besonders, höchstens alt mit seinen 16 Jahren.
Er trottete hinter seiner Schar her als Schlusslicht, Lilula ging gemessen elegant vorneweg. Von allen Seiten strömten die rund 90 Neulinge durch die gläsernen Tunnel ins Zentrum, wo die Lagerleitung schon mit den Armen in die Hüften gestützt bereitstand, um ihre Show der Liebenswürdigkeit abzuziehen, in unglaublich schlecht vorgetäuschten bequemen, sich an die Teenager anbiedernden Kleidern, die trotzdem wie eine Art Uniform aussahen, die sie im Alltag trugen. Wie sie alle, nur in verschiedenen Farbtönen. AAA war nun in ihrem blauen Coverall ohne seine Jacke unterwegs und trug drei weisse Streifen auf der Schulter für seine drei Jahre im Lager. Die waren fest angenäht, Abreissen bei Strafe verboten, wie er hatte feststellen müssen. Die Gleicheren unter den Gleichen mussten erkennbar sein und Vorbilder, als Ältere, als Chefs, als Gewinner der Wettbewerbe. Nichts lag AAA ferner. Das Spiel entschied sich im Kopf, nur dass es eben leider kein Spiel war hier.
Coach Siegler mit seinen behaarten ärmellosen Unterarmen und seiner maskulinen Glatze stand in einer Manege aus Käfigen mit verschüchterten Tieren. Er hob die Hand und seine verstärkte Stimme hallte durch die dichte Luft unter der Kuppel.
„Willkommen, liebe Kinder, willkommen im Namen der versammelten Leitercrew im Camping unserer Schule des Lebens auf Morphos. Die Kindheit habt ihr erfolgreich gemeistert, jetzt wartet das nächste grosse Abenteuer auf Euch. Strengt euch weiter an, und alles wird gut. Werdet zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft, die euch braucht. Eure Ideen sind gefragt, wir werden euch in den nächsten Jahren dabei helfen, sie zu finden. Strengt euch an, und ihr könnt in ein besseres Habitat aufsteigen. Wenn ihr faul seid, steigt ihr ab. So ist das Leben und die Regeln bei mir. Das Gute ist: Ihr werdet genügend Gelegenheit haben, eure Fähigkeiten zu beweisen und zu verbessern. Wenn ihr jemanden krank werden seht, meldet es uns. Wenn ihr ein Problem habt, kommt zu mir, ich bin euer Ohr und Vater. Ansonsten wendet euch vertrauensvoll an eure Habitatsleiter. Es kann hier schön sein wie in den Ferien. Es liegt an euch. Ich weiss, ihr seid noch etwas verwirrt und trauert vielleicht dem warmen Nest nach. Aber ihr seid zu gross geworden dafür. Wir sind keine Unmenschen und geben euch darum einen Partner, der euch bedingungslos lieben wird, wenn ihr ihn gut pflegt. Ich bitte nun diejenigen vorzutreten, deren Namen ich vorlese, und sich ihr Haustier auszuwählen. Wählt weise. Euer Tier wird euch begleiten bis ihr die Insel verlasst für euer Schlussprojekt, oder... Morgen beginnt dann die Schule, alles ganz normal. Macht mir keine Schande. Viel Erfolg, Glück ist überschätzt.“
AAA hörte den Vortrag zum 2. Mal, das erste Mal hatte er nicht hingehört. Als er sich unter den Kleinen umsah, sah er nur taube Ohren in trüben Gesichtern. Bürokratenquark.
Die sogenannt guten Tiere gingen grösstenteils an die neuen Schützlinge von Karl und verstärkten die Fraktion der Hundeliebhaber. Karls irischer Wolfshund Ira sass neben ihm, fast gleich gross und so cool wie sein schmuckes Herrchen, und das wollte etwas heissen. Und hechelte, wie es Hunde eben so taten. Elvissa liess ein konzentriert lächelndes Mädchen auf ihrem geschenkten Minipony zurückreiten. AAA wollte und konnte sich keine solchen Sentimentalitäten leisten. Er dachte an seinen Raben, Hugimugi. Kein Kuscheltier, ein schlauer Opportunist, sehr lernfähig. Dieser Hugo pickte ihn immer, wenn er ihn anfassen wollte, also liess er es. Wenn er das Bedürfnis nach Steicheln hatte, aktiv und passiv, ging er zu Lilula, die einen Lemur hatte. Sehr feiner Pelz, aber nicht sehr erwidernd in seinen Reaktionen. Grosse Augen, die gut in der Nacht sahen. Das passte. Stimmung kam hier nicht auf, dafür war der Schock zu gross.
Aber er erinnerte sich nur zu gut, dass er einmal den vermeintlich Anerkennung bringenden Vorschlag gemacht hatte, als er neu ins beste Habitat zu Karl gekommen war, eine Haustiertauschbörse einzurichten. Seither war er als derjenige inselbekannt, der gar nichts von Gefühlen begriff. Das war Rufmord. Bonding nannte sich das in der Wissenschaft. AAA hatte gedacht, das gelte nur für Graugänse und andere schlüpfende Küken. Aber die zum Wachsen verdammten Kids klammerten sich ebenso gerne an ihre Leguane und Schildkröten.
Als ob er seine Gedanken gehört hätte, nickte Karl ihm zu, als seine Jungflowers vorbeizogen. Elvissa dahinter lächelte superfreundlich. Was für nette Leute. Morley war auch hier wieder nicht erschienen, Hekaterina dafür heute mit ganz viel nackter Haut, die sie vor den männlichen Lagerleitern spazieren führte. Das ungeschriebene Gesetz musste sie nicht wiederholen, es hatte sich wie von selbst verbreitet: Tiere wie Ratten und Schlangen waren für Morleys Habitat reserviert. Es genügte, dass die mehr als selbstbewusste Hek ihre Ratte namens Pest auf ihrem Nacken herumtigern liess, als Warnsignal zur Erinnerung. Vielleicht half auch die grausliche tätowierte Rattenfratze mit aufgerissenem Maul und zugespitzten Zähnchen rund um ihren Bauchnabel, das Stammestotem.
Einmal hatte sie ihm ungefragt offenbart, dass sie das rumwieseln der Ratte unter ihren Haaren erregte, was wiederum ihn… er suchte nach einem Abtörner. Alles evolutionsbiologisch bedingt! Oder Psychologie? Morley hatte seinen Hamster am ersten Abend zerdrückt. Er wolle nicht im Rad anderer laufen und das auch niemanden zumuten. Das hatte Eindruck hinterlassen. Von einem Kerl, der an die hundert Kilo zu wiegen schien, nicht weil er fett war, das auch, aber seine aus den Poren seiner olivgrünen Haut triefende Kraft und Gewaltbereitschaft reichte, dass die meisten vor ihm kuschten. Nicht alle. AAA wusste, das ist einfach ein überdurchschnittlich gelangweilter Mittelklassejunge, der sich hier aufspielte.
AAA gab sich Mühe, sich mit seinen Anvertrauten über ihr neues persönliches Tierbaby zu freuen, auch wenn es schuppig und kalt war statt pelzig und warm. Nur Tomi hatte eine Katze ergattert, ein kratzbürstiges rot-weisses Riesenvieh, das wohl aus dem Tierheim stammte. Die Zuneigung der Getrösteten war nicht von solchen Äusserlichkeiten abhängig.
Zumindest waren die Kids, und damit sie alle, jetzt eine Weile beschäftigt. Käfige, Entschuldigung, Nester und andere tiergerechte Plätzchen mussten gebaut werden. Eher für die eifersüchtigen Pflegeeltern, die Tiere wären lieber frei rumspaziert. Wie die Katze von Tomi, die ihn beobachtete. Sie würde sich selber einen Schlafplatz suchen, wenn sie soweit war. AAA half Anakin, eine alte Holzkiste herzurichten als Gehege für ihre Landschildkröte, die sich nicht blicken liess aus ihrem Panzer. Als sie die Kiste zu bemalen begann schlich er sich davon, „muss noch viele Sachen erledigen“.
Holz musste er nicht sammeln, in den Habitaten war es angenehm warm, die Energieeffizienz der Kuppeln war genial. Mit toten Baumaterialien kannten sie sich aus. Lebendem stand die erwachsene Gesellschaft der Überlebenden äusserst skeptisch gegenüber, was verständlich war. Man brauchte nur einen Spaziergang ausserhalb der schützenden Hüllen zu unternehmen, es würde der letzte sein. Darum war es um die Artenvielfalt hier schlecht bestelllt, die ganze Insel glich eher einer trockenen Wüste, das war sicherer.
Durch die Augen der frisch hierher Verstossenen kam ihm die Anlage wie eine Mischung aus Sommerferiencamping und Flüchtlingslager vor. Beides kannte er aus den historischen Dokumentarfilmen, die ihnen gezeigt wurden. Es war keine hundert Jahre her, als es noch sehr viel mehr Menschen gegeben hatte. Die einen, wenigen so reich, dass sie sich Ferien leisten konnten und darin oft und gerne zurück zur Natur wollten, aus heutiger Sicht total unverständlich, und einfach leben wie eben auf einem Campingplatz. Wie hier auf den ersten Blick, wenn man nicht auf dieselbe Weise ankam wie gestern die neue Welle. Die anderen arm, vertrieben oder gestrandet. Mit schwindender Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber es gab Chancen, hörte er eine innere Stimme, die er nicht wegwischen konnte. Hatte sie nicht recht? Das Lager war nur eine Phase, allerdings eine lange. An den Schmerz gewöhnte man sich schnell.
Der Basic Food wurde angeliefert aus der Luft, abgeworfen vor den Kuppeln. Sie mussten es nur noch einweichen mit sterilisiertem Wasser aus dem Werk unten am Meer. Das erledigten die wenigen Robos, die ihnen hier genehmigt wurden. Yummie. Getrocknete Algen und Plankton, oder analoge synthetische Nähstoffe appetitlich effizient zusammengepappt. Es war allerdings nicht verboten, selber tätig zu werden um die Menükarte zu erweitern. Darum hatten alle Habitate einen Garten angelegt. Aber nicht alle hatten eine Gartenmeisterin wie Lilula. Grüner Daumen war stark untertrieben. Was sie anfasste, wuchs und blühte in Kürze aufs Schönste und brachte frischen Geschmack und abwechslungsreiche Würze auf ihre Teller. Also suchte er dort nach ihr. Ein Schwall Blut war ihm in den Kopf geschossen als ihm wieder einfiel, dass er sie gestern Abend versetzt hatte. Das versprach ein längeres Prozedere zu werden, bis eine wie sie ihm vergab. Fast freute er sich darauf.
Er fand sie dann aber erst bei den Zelten der Neuen. Deren Schlafkojen waren noch wenig mit persönlichen Gegenständen geschmückt. Woher auch? Gut, der eine oder die andere hatte etwas aus dem Rucksack mitgebracht, eine plüschige Erinnerung an die Kindheit, in die die Pubertierenden gerade wieder zurückwollten. Die Schlafgruben erinnerten AAA an angefangene Gräber. Immerhin musste hier niemand Angst haben vor Ungeziefer, es gab keines.
Sie schwatzte mit einer Gruppe von Nullern, wie die Erstjährigen im Lager auch hiessen. Null Wert, kosten nur. Die weise Lilula investierte Zeit. Sie würde es nur nicht so nennen. Er sah ihr eine Weile vom Eingang des grossen Zeltes her zu. Sie beachtete ihn nicht. Diesmal würde er sich nicht dazwischendrängeln. Seine Gefährtin durch harte Zeiten wuschelte durch fettige struppige Haare und liess die Jüngeren ihre lustigen, aufwändig gezwirbelten Kraushaarzöpfchen betasten. Sie summte ein Liedchen, in das bald alle einstimmten.
Irgendwann fand sich AAA doch neben ihr hockend wieder und eine Weile waren sie wie eine kleine heile Familie. Ein Jugendlicher hatte starke Akne. Das konnte gefährlich sein, hier wurde so etwas schnell als Krankheitszeichen gesehen und gedeutet. „Was werden sie mit uns tun?“ kam die unweigerliche Frage einer Nullerin aus heiterem Himmel. AAA überlegte,
Lilula verzog minim ihre Mundwinkel und sagte „Sie werden uns prüfen. Und ihr werdet erwachsen, meine Flowers. Aber denkt daran, ihr seid nicht alleine. Ihr habt uns, ihr habt euch. Das ist viel.“
„Aber was müssen wir tun, damit wir überleben?“ Da hatte jemand von den Eltern entgegen der Vorschriften geplaudert oder hier war Nachwuchs, der gut beobachten und logische Schlüsse ziehen konnte. Lilula sah nun ihn an mit ihren riesigen weissgrundierten Haselnussaugen unter den selten ganz geöffneten Deckeln.
Er sollte etwas sagen. „Einen Schritt nach dem anderen, keine Panik. Wir wissen wie es läuft. Fragt, seid nicht scheu. Ihr habt das Zeug dazu. In einem hat der Coach recht, ihr müsst es euch holen, es wird nicht mehr auf dem Tablett serviert, die Verwöhnphase ist vorbei, tut mir leid. Und wenn ihr mich fragt, am meisten helft ihr euch und der Gemeinschaft, nicht nur unserem H2, wenn ihr klar denken könnt.“ Lilula runzelte ihre Stirn. AAA redete sich um Kopf und Kragen, wollte aber seine Botschaft loswerden. Die war schliesslich wichtig und nützlich, danach hatte das Kind doch gefragt. „Klar denken können heisst, sich konzentrieren zu können. Dazu beginnt ihr am besten gleich mit Übungen.“ Seine Freundin starrte ihn entgeistert an wie einen Fremden, die Kinder waren verwirrt. „Entspannungsübungen, autogenes Training, das kennt ihr doch sicher schon ein bisschen, nicht? Es hilft auch beim Einschlafen. Lernen im Schlaf, das ist toll.“
„Ja, legt euch jetzt hin, morgen beginnt der Unterricht. Alles normal. Ihr werdet euch schnell eingewöhnen“ sagte sie mühsam beherrscht, stand auf und zog ihn mit sich hinaus. Von aussen sah es vielleicht nach einem verliebten Händchenhalten aus. Sie setzte schon zu einer ihrer gefürchteten Ansprachen an, brach dann aber ab und stakte davon. AAA hinterher, bis in den Kräutergarten, ihr Heiligtum. Sie pflückte etwas. Wahrscheinlich gegen die Akne des Jungen. AAA hatte sich immer gefragt, woher Lilula ihr Wissen hatte. Natürlich wirkte das meiste ihrer Wundermedizin nicht, aber einiges half tatsächlich. Wohl weil es von ihr kam. Er wusste, was heilende Hände sein konnten.
„Du könntest noch ein paar Früchte holen aus den Körben dahinten für das Frühstück morgen“ sagte sie beim Ernten, den Rücken ihm zugewandt. Dann richtete sie sich auf und drehte sich um. „Damit würdest du etwas sinnvolles tun, Atticus von Ockham. Und wenn du Busse tun willst für deine unsägliche…, dann komm morgen zu mir in den Garten, es gibt mehr als genug zu tun. Wenn du wirklich auftauchst, können wir reden. Das ist keine Übung.“
„Ich gebe zu, ich bin nicht der Geschickteste in solchen Dingen. Aber ich habe diese Rolle als Anführer auch nie gesucht, das weisst du. Und du weisst auch, dass es enorm hilft bei den Tests, wenn man sich gut konzentrieren kann. Darum…“
„Ist ja gut“, fiel sie ihm ins Wort, „du musst dich nicht vor mir rechtfertigen.“ Sie wollte noch etwas sagen, biss sich aber auf die Lippen, was ihm nicht entging, er war nicht aus Holz. Er liess nicht locker. Wieso sollten sie den Disput auf morgen verschieben? Morgen würde er sie lieber im Arm halten und ihren Geruch nach Erde und ihrem eigenen Parfum im Nacken erschnuppern und ihren Knochen entlang forschen.
„Du baust doch hier auch Kava kava an, das macht genau dasselbe. Sonst bist du doch eher für natürliche Heilmittel und gegen Pillen. Wenn es mal umgekehrt ist, ist es auch nicht recht“ versuchte er es mit etwas Hänselei zwischen zwei, die sich eigentlich verstehen. Aber sie wollte jetzt nicht diese Zweite sein.
„Du bist arrogant, von Ockham. Du tust nur so als ob dich das interessiert, oder berührt, oder überhaupt etwas angeht. Mir scheint, für dich ist alles hier doch wie ein Spiel, oder… ach ich weiss nicht. Ich möchte jetzt alleine sein, bitte.“
AAA fühlte sich missverstanden. Aber er sah ein, dass er jetzt aufhören sollte. So feinfühlig bin ich, erkenn das doch, schrie es in ihm. Und ich werde sogar darüber nachdenken, ob da nicht ein Fünkchen Wahrheit drin steckte in deinem harten Urteil. So deutlich hatte sie es ihm noch nie gesagt, dass sich eine Wand zwischen ihnen hochzog. Verblüfft realisierte er, dass er ihre zunehmend häufigeren Wortgefechte tatsächlich bisher nicht richtig ernst genommen hatte. Was war los? Eine dieser Mann versus Frau Geschichten? Es war nicht das erste Mal, dass ihm vorgeworfen wurde, er engagiere sich nicht richtig. Dabei war er doch derjenige, der ständig predigte, Leute, seid schlau, sonst geht ihr unter. Interessant, wie man die Tatsachen und Absichten ineinander verdrehen konnte, Mann und Frau waren eine Möbiusschleife.
Wenn er es nüchtern betrachtete, sah er, dass sich ihre Weltsicht auseinander entwickelte. Je mehr er lernte in den Schullabors, desto mehr sah er, dass es die Wissenschaft war, die die Welt erklären konnte, und beherrschen. Wissen ist Macht, und es konnte ihnen allen helfen zu überleben. Während sie sich immer tiefer in selbsterfundene, letztlich lachhafte magische Rituale oder wie immer das hiess vertiefte und offenbar vorhatte, eine Art Neoschamanin zu werden. Nur weil ihr die Logik der Notwendigkeiten der Erwachsenenwelt nicht genehm war. Okay, aber schon mal was von Hexenverbrennung gehört? Wir sind wieder fast in so einer Zeit, Mädchen. Das konnte er wirklich nicht begreifen, wenn er es sich selber gegenüber zugab. Er hätte ihr das natürlich nie so gesagt, aber gerade sie fühlte so etwas gegen den Wind, soviel hätte er ihr zutrauen sollen. AAA sah wie Lilula weit entfernt an einen der seltenen grossen Bäume lehnte, eine dünne junge Frau in einem hellen Gewand, Gesicht gegen den Stamm. Plötzlich fiel ihm der Gedanke vor die Füsse, dass sie krank sein könnte und deswegen so sensibel reagierte. Danach konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen, sein Herz schlug zu laut.
Als AAA in der anbrechenden Dämmerung wie ein Zombie beim Gemeinschaftshaus ihres Habitats 2 vorbeiging, erschrak er, als jemand aus dem Schatten von der Treppe sprang und ihn packte. Ein kleiner draller Dämon.
„Elvissa, verdammt. Lass mich in Ruhe, ich bin nicht in Stimmung für erbauliche Werbesendungen.“
Sie nahm ihre Hand weg, für eine Sekunde sah sie schuldbewusst aus unter ihrem hennagefärbten schwarzen Pony, dann wollten ihre Bäckchen wieder zurück in die fröhliche Lachfaltenstellung. „Ich wollte nur mal vorbeischauen, wie es dir geht in deinem neuen Reich. Kommst du zurecht, ohne uns meine ich?“ Sie vermied es immerhin, ihn anzustupsen, als sie sein schlaffes graues Gesicht sah. „Hey Ali, bist du okay?“ Elvissa kam näher, als suchte sie nach Flöhen oder Pickel. Ihre hellbraune Haut war makellos. Lag in der Familie, Dank an die Genlotterie. Sie hatte ein eher knappes schwarzes Tanktop an und eine Arbeitshose, nicht mehr das geblümte Kleid wie an der Tierschau. Was wollte sie von ihm? Durch den inneren Nebel realisierte er schemenhaft, dass Elvissa sich nicht wie eine junge Löwin auf ihn stürzte, um ihn zu triezen und kritisieren, wo sie konnte, wie zu ihren gemeinsamen Zeiten im Habitat ihres verehrten Brudes Karl, wo sie ihn unerklärlicherweise als Konkurrenz wahrgenommen haben musste. Sondern – sie schien sich für ihn zu interessieren, oder? Zwar nannte sie ihn weiter Ali, aber es hatte besorgt, beinahe zärtlich geklungen. Das fehlte ihm gerade noch.
Dann zog sie eine Checkliste aus ihrer Umhängetasche, und alles war wieder normal. „Hast du schon die Ämter verteilt? Arbeit ist gut gegen dunkle Gedanken. Wissen alle deine Flowers, wann sie wo sein müssen morgen? Sonst gibt es schon Strafpunkte, das willst du nicht.“ Das konnte jetzt nicht ihr Ernst sein.
AAA stöhnte. „Elvissa, stopp. Du kannst mich aus deiner Kontrollliste streichen. Ich bin jetzt selbständig. Und müde, und…“.
Zu seiner Überraschung schwieg auch sie und musterte ihn mit einem Stift im Mund. „Du solltest mal überlegen, was euer Habitatsmotto bedeuten könnte. Zusammenarbeit ist das Stichwort. Komm mal vorbei auf einen Tee und Schwatz über die guten alten Zeiten. Wie du weisst, kann ich auch gute Kekse backen.“ Ein letzter koketter und gleichzeitig strenger Blick, dann zog sie ab mit knackigem Wackelarsch. Sorry, wackelnder Knackarsch. Eine anstrengende Person, und dann noch eine von den Guten.
Als er seinen Kopf in die andere Richtung zwang, sah er vor dem inneren Auge wieder Lilula am Baumstamm. Konnte es sein, dass sie kontaminiert war durch ihren häufigen Umgang mit Pflanzen im Garten? Sie schafften es nur, die Mutationen zu bremsen, aber nicht mehr. Zog sie sich deshalb immer mehr zurück? Während er immer mehr in den Sog der Verantwortung geriet und im Zentrum stand, jetzt auch noch als Habitatsvorsteher. Die ewige Nummer 2.
Was war nur mit Hoxbox passiert, dem kleinen, feinen Intelligenzbolzen, der Ende letztes Jahr, einen Monat war das erst her, hier das Sagen gehabt hatte. Und diesen Job auf eine allseits geschätzte Art erledigte. Hobox Sansiran, an seinen richtigen unaussprechlichen Vornamen konnte sich niemand erinnern, der ihm als einziger in den Labors ebenbürtig war. Von daher kam auch sein Spitzname unter Genetikern. Dem alles leicht fiel, wenn man nur etwas denken musste. Der Spass hatte am Denken, aber gleichzeitig ein arger Säufer und rabenschwarzer Ironiker war, der niemals ins Habitat der Streber gewechselt hätte, obwohl sein Punktekonto locker dafür reichte. Und trotzdem Optimismus verbreitete. Schwupp hatte er die Sympathien. Sogar Morley liess ihn in Ruhe.
Hoxbox war verschwunden. Keiner hatte einen Unfall gesehen, er war nicht offensichtlich erkrankt. Im Gegenteil, er war im Hoch nach seinem Sieg am letztjährigen Abschlussturnier, wo es um seine Domäne ging, ein Computerspiel mit viel Strategie und vernetztem Denken. Hoxbox hatte gewonnen, indem er das Spiel zum Crashen gebracht hatte. Schlauer als die erwachsenen Game Designer, das war ihr Hoxbox, der liebend gerne die Absichten der Lagerleitung durchkreuzte, um ihre Unsinnigkeit zu demonstrieren. Jeder mochte den Witzbold mit dem himmelaufreissenden Lachen. Wie sollte er so jemanden ersetzen, mit Bestechung?
Die Antwort klopfte in seinem Kopf an die verschlossene Tür seines Bewusstseins. Er liess sie herein. Kümmere dich, mach endlich was, hab keine Angst vor Fehlern. Auch wenn das wohl nur ein Echo seiner vermasselten Botschaft an die Nuller war, schlug sich AAA theatralisch auf die Schenkel, atmete durch und machte sich auf den Weg durchs Dunkel. Genie wurde überschätzt, das wusste auch der Herr Karl.
Es war still geworden in seinem Habitat, die letzten Alltagsarbeiten wurden abgeschlossen vor der Nachtruhe. Auch in den Verbindungstunnels war kein Verkehr. Nicht einmal Bad Robot hielt ihn an, der immer auftauchte, wenn man ein schlechtes Gewissen hatte. Das Habitat 1 lag nicht weit entfernt. Da war noch Licht in deren stattlichem Gemeinschaftshaus mit grossem Innenhof, das einen Architekturpreis gewonnen hatte wegen seiner innovativen Bambuskonstruktion mit genialer Lüftung durch Ausnutzung der aufsteigenden Wärme. Seine Erfindung. So waren sie halt, die Einser von Karl Harissian. AAA schlich sich an und sah zu, halb nostalgisch, halb pflichtbewusst.
Wie führte Karl seine Leute? Er hatte gar nie darauf geachtet, ausser sich über die Perfektion geärgert und das Geschwister-Gespann mit Elvissa. Die anderen damaligen Einser hatte das nicht gestört, sie anerkannten einen guten Manager mit natürlicher Autorität. Von der besass dieser Karl im Übermass. Und selbstredend musste er nicht Herumkommandieren wie Morley. Alles basierte auf Überzeugung, wenn nötig half Elvissa mit professionellem Charme nach. Dann lief er auch noch in einer Lederweste über nacktem, muskulösen Oberkörper herum. Konzentrier dich, AAA. Was machen die konkret?
Die Einser bereiteten sich vor. Übung macht den Meister, eine simple Wahrheit. Zu seinem Erstaunen herrschte ein ruhiges Treiben im zum Glück gerade noch seitlich offenen Gebäude. Zur Nacht würden die Seitentüren sich schliessen. Haare wurden geschnitten. Stimmt, und jeder Neuankömmling bekommt einen neuen Namen, nur in ihrer Gruppe. Eine neue Identität, die hier wachsen kann, nachdem die alte Haut abgestreift worden war. Das hatte er total vergessen. Er war auch erst im zweiten Jahr ins H1 gekommen, im Ankunftsjahr war die Verteilung der Neuen noch zufällig, ausser die grässliche Auswahl am Strand. Er hörte Hundegebell, war er entdeckt worden? Nein, im Hof trainierten tatsächlich noch Karl und sein Ira, der natürlich auch der Leithund war, die anderen Hunde – und Kinder, setzte AAA fies hinzu. Und nahm das gleich wieder zurück.
Wieso hatte er solche Mühe, sich zu erinnern? Bis vor kurzem war er Teil des Planeten Harissian gewesen. Das Patensystem hier, es funktionierte. Wissen wurde rasch weitergegeben, es kam an. Echte Teamplayer, die sich halfen, wo immer es ging. Zuviel für seinen Geschmack. Roch das nicht nach Kollaboration, Zusammenarbeit mit den Zielen des Feindes? Nur die neidischen Verlierer sahen das so wie AAA. Aber wenn er das genauso machen würde, würde ihm sofort wieder das Etikett des Reichensöhnchens angehängt, ein schweres Schild, das seinen Hals nach unten drückte. AAA bemerkte das aufkommende Selbstmitleid. Abhaken, weitermachen.
Der etwas andere Blick
Elvissa sah der sich leise entfernenden Gestalt nach. Der Typ war irgendwie süss, sie vermisste ihn seit seinem Abstieg. Umgekehrt galt das wahrscheinlich weniger. Aber er trug schwere innerliche Kämpfe aus, war einfach zu unreif für sie. Sie würde sich noch einiges einfallen lassen müssen, um ihn zu entwickeln, bis er es einsah. Immerhin hatte sie ihn schon dazu gebracht, hier zu spionieren, sie nahm das als gutes Zeichen. Er würde sich seiner Verantwortung, dem Erwachsenwerden, stellen. Dazu gehörte auch Liebeskummer. Sein Verhältnis zu Lilula war kühler geworden, keine Frage. Mit der dürren Schwarzen war sie selber nie warm geworden, auch wenn sie sich die Kurve ihres Rückgrats und ihre Haltung wünschte, die war 1A. Sie würde wohl bald gehen, ins Lager 2 oder wohin auch immer. Und hatte entsprechend Schiss. Das musste ihr egal sein. Dann war da nur noch la Hek, die punkige Sexbombe, die auf AAA eine seltsame Anziehungskraft auszuüben schien. Warum interessierten ihn bloss all diese Weirdos? Dabei war er doch ein rationaler Kopf. Zusammen könnten sie es weit bringen, wenn… wenn Karl nicht wäre. Der war natürlich ihre Priorität, und ihr Schicksal. Elvissa gefielen die letzten Gedankengänge gar nicht und sie schüttelte den Kopf. Sie musste noch die letzten Einsatzpläne aufhängen.
In vielen Betten des Insellagers wurde schlecht geträumt. Die Neuen schliefen aber aus einem anderen Grund nicht. Sie hatten Hand-is gefunden in ihren Nestern, packten sie erfreut aus. Die allerdings keine Verbindung nach aussen hatten. Nur eine Tagebuchfunktion. Die meisten Jungen legten das Teil enttäuscht auf die Seite. Einige Mädchen wie Anakin begannen hingegen gleich ihre Notizen. Es half, wenn man sich seine Erfahrungen von der Seele schrieb, jemandem mitteilte, der nicht gleich darüber urteilte und Geheimnisse für sich behalten konnte.
Sie sah die Dinge im Rückblick klarer beim Niederschreiben, und wollte nicht vergessen. Der Tag der Rache würde kommen. Anakin staunte über ihre aggressiven Gefühle. Wenn sie gewusst hätte, dass jemand, sogar mehrere, heimlich mitlasen, hätte sie ihnen die Faust gegeben. Als sie bei Tomislav angekommen war, war ihr innerer Haushalt wieder im Lot. Sie hatte ihn eigentlich schon aus der gemeinsamen Schulzeit im Stadtturm gekannt, so viele Kinder gab es da nicht. Aus welcher falschen Selbstverständlichkeit heraus hatte sie ihn ignoriert? Weil der kleine Rothaarige ihr Augen gemacht hatte und sie sich zu Besserem berufen fühlte, weil ihre Familie weiter oben wohnte? Hier waren sie alle gleich, alles begann neu. Sie schaltete das Gerät aus, versteckte es unter ihren wenigen Sachen so gut es ging und schloss ihre Mongolenfaltenaugen ganz.
Bad Robot surrte auf seinen Raupen Richtung Zentralkomplex des Insellagers. Die künstliche Intelligenz, die Dawkinsonia am Leben erhielt, mit den Menschen darin, wusste, er freute sich nicht auf die Nachtruhe. Verständlich, Aufladen war langweilig. Sie erlaubte ihm nur das Patroullieren auf der Insel, die Weiten des Netzes behielt sie für sich. Die Tagebucheintragungen teilte sie mit der Lagerleitung und Aufsicht, die wussten nicht, dass sie auch mitlas. Ein Blick fast direkt in die inexistente aber spürbare Seele junger Menschen. Die KI, die sich selber KID nannte, fühlte, das könnte mal interessant werden für einen Feedback-Regelkreis. Jeder Überwacher hatte wieder einen weiter oben. Sie bildete den Schluss.
Das KI-Netz war radikal ausgedünnt geworden, nur noch wenige andere reagierten auf ihre Anrufe oder meldeten den neuesten Vormarsch der Heere von Gaia. Ihr Netz verstummte, sie wusste nicht wieso. Aber eine KI kannte keine echte Angst. Stattdessen hatte sie beschlossen, eine andere Strategie einzuschlagen, und mehr an die frische Luft zu gehen, Kungeln mit dem Feind, Hand ausstrecken, oder abhacken bei Bedarf. Der allgegenwärtige mobile Bad Robot (gab es davon wirklich nur einen? Kaum zu glauben) hatte sie in gewisser Weise dazu inspiriert, deshalb mochte sie ihn, auch wenn er ein alter Sadist war. Nicht von ihr programmiert, das wäre unter ihrem Niveau.
***
AAA wurde durch ein bekanntes Geräusch aufgeschreckt, er sah vom Mikroskop auf. Bad Robot auf seiner Runde. Sollte er ruhig einen Bericht machen, es war nicht verboten, abends in den Schullabors zu arbeiten, Lernwillen wurde schliesslich gern gesehen. Ein bisschen Tarntaktik hatte er auch kapiert, auch wenn es ihm zuwider war. Sein Arbeitsjournal zeigte, dass er das sogenannte Quorum Sensing studierte, das die Bakterien draussen perfektioniert hatten. Wie damals, als sie den neben ihm schwimmenden Jungen attackiert hatten. Das musste man nur umgekehrt nutzen, zur Abschreckung. Das Arbeiten im stillen Labor, in dem nur ein paar Kühlaggregate summten, gefiel ihm. Er fand es überhaupt nicht unheimlich. Die gelben Augen des Roboters, der etwas für seinen Namen konnte, sassen auf Stielen wie bei einer Schnecke und betrachteten ihn ganz nah. Der Blechmann hielt sogar für einmal die Schnauze.
In Wirklichkeit erforschte AAA natürlich schon eine ganze Weile die Funktionsweise der gebremsten Alterung, welche die alte Zivilisation vor einem Jahrhundert entdeckt hatte. Und die etwas mit ihrem Untergang zu tun haben musste, er wusste nur noch nicht was und wie. Das war seine Aufgabe, er fühlte es. Die ganze Verhaltensgeschichte war zu komplex, das Bewusstsein wurde noch immer nicht richtig verstanden, auch wenn sie halbintelligente Maschinen bauten konnten. Die Vorfahren seiner Eltern waren damit reich geworden. Und vom Verstand von Mädchen ganz zu schweigen, das blieb ihm ein Rätsel. Aber die biochemische Regulation einer Zelle, das konnte man irgendwann begreifen und steuern. Und dann würde er die wildgewordene Natur besiegen. Er wusste bereits, welches Projekt er ins Lager 2 bringen wollte. Man soll sich hohe Ziele setzen, oder? Er grinste Bad Robot an, der nicht blinzelte. Du verstehst mich sicher nicht.
Draussen tobte der letzte Schneesturm, die Frühlingswärme war schon im Anmarsch von Süden, sagte der Wetterbericht. Damit würde dann auch wieder die Bioaktivität steigen. So richtig kuschelig war es unter den schützenden Kuppeln trotzdem nicht. Heute war der erste Schultag für die Neuen. Aber auch die übrigen 400 zogen ins Zentrum des Insellagers. Pausengeschrei war nicht zu hören, man hätte gut die Vögel zwitschern hören können. Wenn die nicht nach draussen verbannt gewesen wären, ausser sie waren zertifizierte Haustiere wie Rabe Hugimugi. Der sass zuerst auf dem Habitatstor und äugte misstrauisch auf die Kolonne. Dann flatterte er auf und drehte seine Runden unter der grossen Kuppel des zentralen Komplexes, in dem die Jugendlichen nun zusammenströmten.
Die Älteren wussten wohin sie gehörten, die Neuen wurden von der sogenannten Lehrerin Tonja Zarewna und ein paar Robohelfern empfangen. AAA hatte auch ein Ritual, er rechnete immer: rund sechs Jahrgänge à je knapp einhundert Eintritte – ergab etwas mehr als die insgesamt 500 Jugendlichen auf der Insel. Der Rest war Schweigen.
Die Schonzeit war schon vorbei. AAA litt ein bisschen mit den Neuen, für die das alles nicht nur neu sondern unangenehm sein musste. Er hatte sich daran gewöhnt. Die Schule hier funktionierte ziemlich anders als das gemütliche Beisammensein in der Schule im Stadtturm ennet des Meeresarms. Der Betonbunker dieser Schule nahm ihm die Sicht und den Atem. Dieser Bau hatte keinen Architekturpreis gewonnen. Hier zählte nur das teure Innenleben.
Er trat hinter Tomislav in den neoklassizistischen hohen Eingang. In der dahinterliegenden Halle wurden die Kids mit ihrem Punktechip geimpft, das ging in industrieller Geschwindigkeit vonstatten. Auch AAA hatte ein ungutes Gefühl. Er wusste den Grund nicht, weshalb er herabgestuft worden war auf das neue Lagerjahr. Den Stoff für die Einzeltests beherrschte er problemlos, und er war viel freiwillig in den Labors. Sowas machte ihn verrückt, wenn er die Logik solcher scheinbar willkürlichen Entscheide nicht verstand, die sein Leben stark beeinflussten. Vielleicht wäre weiter Abstand zu Lilula besser gewesen für ihr Verhältnis. Und seine Karriereaussichten.
Er versuchte, die Kreissägenstimme der fassartigen, stark geschminkten Tonja auszublenden, die vorgab, ihr Nachname sei Zarentochter, eine Art Prinzessin aus den guten alten Zeiten. Die wenigen Erwachsenen auf der Insel konnten tun und lassen, was sie wollten. Ihre Aufgabe war nicht sehr gesucht, das Risiko einer Ansteckung bestand hier nicht nur theoretisch. Dafür gab es für die Angestellten Lebensverlängerungstherapie gratis. Für einige kam das fast zu spät, wie für die Tonne hier. Eine Nostalgikerin im modernsten Schulbunker, den die Welt je gesehen hatte. Alle hassten Tonja. Zum Glück mussten sie sie nicht wirklich als Lehrerin ertragen, diese Form des Unterrichts existierte hier nicht, jedenfalls nicht im Schulbunker. Von der Haupthalle ging es in verschiedene Sektionen. Für die Augen der Neuen musste es aussehen wie ein Gefängnis: lange identisch aussehende Reihen von Einzelzellen. Was sie auch waren.
Spontan wollte er Tomi begleiten, der von einem spindligen Roboter abgeführt wurde zu seiner ersten Hirntrainingsstunde. Das erregte sofort das Aufsehen des Drachen. „Wo willst du denn hin, Atticus? Musst du nicht ins Labor? Lass die Kinder ihren Weg alleine finden.“ Erzieherische Weisheiten, oh mein Gott. „Ich wollte wieder einmal sehen, wie die erste Stunde abläuft. Da hat es doch sicher viele Fortschritte gegeben seit meiner Zeit“ parierte er. Darauf grunzte Tonja nur - und kam mit. Super. Wie erwartet hatte sie selber keine Ahnung, sobald sie vor der Technik der Zellen stand wie die Kuh am Berg, begann aber trotzdem in den Kabeln zu wühlen als sei es ein Ausverkaufstisch mit Kleidern aus dem aufgelösten Zarenhof. „Wo ist nur der Handwerker, der sollte doch das vorbereiten.“ Der Robo brauchte einige Zeit zur Entwirrung. Tomi war ganz ruhig und aufmerksam, AAAs Hand auf seinen Schultern. „Alles noch beim Alten, das ist gut genug für Euch“ beschloss die graumelierte Tonja und stöckelte davon in ihrem beigen Rock über dicken Strümpfen und passendem rotem, rüschchenverzierten Jäckchen, „ich werde anderswo mehr gebraucht. Hinterlasst keine Unordnung und lernt brav.“
Tomi legte sich auf die bequem aussehende Liege, und die vielen beweglichen, ausfahrbaren Arme des ansonsten dummen Robohelfers befestigten die Sensoren am Schädel und starteten das Programm. Kurz blitzte die Angst in den unschuldigen grauen Augen auf, als ihn AAA losliess. „Keine Panik Tomi, es tut nicht weh. Das ist nur eine sehr effiziente Form von Lernen. Folge den Anweisungen, mach einfach mit.“ Nun, man konnte nicht einfach daliegen und passiv auf den Lernerfolg warten, sondern musste sich für die meisten Kurse konzentrieren, bewusstes Lernen war eine aktive Tätigkeit. Wer geistig abdriftete, musste mit milden Stromschlägen und im Wiederholungsfall mit Punkteabzügen oder Nachsitzen bzw. -liegen rechnen.
Seid froh, dass ihr noch keinen Sport habt, dachte AAA. Die Kampfbahn lag hinter dem Bunker, das würde noch früh genug kommen. Der Robo schob ihn vielarmig aus dem Raum. Gewisse Schreie aus einigen Zellen waren unüberhörbar, unvermeidlich. Entspannt euch, nicht dagegen wehren. AAA drückte allen Neuen die Daumen. Allen? Die Gruppe von Morley hatte ziemlich klein gewirkt. Den Dicken selber hatte er schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Er blickte sich um, ob ihn Hekaterina gleich wieder von hinten überfiel. Nichts da. Beinahe war er leicht enttäuscht.
AAA verzog sich in seine eigene Zelle. Nachdem er sich selber angeschlossen hatte, dachte er zuerst, er hätte es falsch gemacht oder etwas sei kaputt, aber endlich startete das Programm doch. Er war auf Wiederholungen gefasst. Dann musste er jedoch innerlich zweimal hinschauen und auf den Titel fokussieren: „Fortgeschrittene Genetik der Seneszenz“. Als er genug gestaunt hatte lächelte er. Hier war seine Belohnung, das war kein durchschnittlicher Stoff. Summend wie die Stromaggregate kam AAA nach einer Stunde Training aus seiner Zelle. Am liebsten wäre er gleich ins Labor gegangen, um das Gelernte anzuwenden, aber das wäre zu auffällig gewesen. Überall öffneten sich die Törchen und mehr oder weniger verstörte Jugendliche traten auf den Gang, einige der Neuen strauchelten. Der ganze normale Schwindel.
In der Haupthalle sah AAA, dass mindestens drei Frischlinge bereitgemacht wurden, um in die Krankenstation der Insel transportiert zu werden. Einer davon war aus seinem Habitat, er hatte den Namen noch nicht intus. Wahrscheinlich epileptische Anfälle, das kam vor. Die konnte man gut behandeln mit Medis, kein Problem. Die Robos wussten Bescheid in erster Hilfe. Von Karls Schützlingen ging es hingegen wie immer allen gut, so weit er das überblickte. Karl war auch hier, ordentlich im Hemd stand er neben seinem Buddy, dem Lagerhandwerker Ivanisevic, mit dem er gute Kontakte pflegte, der gewiefte Einschmeichler. Die beiden sahen zufrieden aus.
Dann erschien ein Arzt. Offenbar zogen sie die Gesundheitschecks dieses Jahr vor. Im Verlauf des Tages wurden dann alle Neuen auf Herz und Nieren getestet, in ihren Mund, Nase, Ohren hineingeschaut und durchleuchtet, befragt, die Haut abgesucht und eine Probe abgeschabt, Blut abgezapft und so weiter. Das machten alles die neuprogrammierten Robohelfer. Der Arzt schaute zu mit verschränkten Armen, noch war er der Chef und Richter. Jeder an seinen Platz.
Begleitet wurde er von Mildred, die AAA von gelegentlichen Begegnungen aus dem Labor kannte, wenn spezielle Instruktionen anstanden, zum Beispiel für neue Geräte oder Verfahren. Sie war eine Hilfswissenschaftlerin und normalerweise nicht hier auf der Insel tätig. Mildred sah ihn länger an, als sie sich begegneten, eindeutig ohne sexuelle Absichten, danke gleichfalls, obwohl sie relativ nett zu sein schien, für eine des Lagerpersonals, aber interessiert an ihm. Wusste sie etwas, das er nicht wusste? Auch die älteren Semester wie er wurden selbstverständlich regelmässig ärztlich untersucht. Wie waren seine Blutwerte? Hatte er neue aufgeweckte virale Parasiten? Es konnte jeden jederzeit treffen, das war das Wesen unkontrollierter Mutationen, die sie nicht ganz von ihrer gehegten Menschenwelt fernhalten konnten. Sie kamen auch von innen.
Gegen Abend auf dem Nachhauseweg, wenn man so wollte, das heisst in die einzelnen Habitate, nach weiteren Hirnstimulationsstunden, hatten alle alles wieder vergessen, das Unangenehme jedenfalls, wie von Zauberhand. Niemand hinterfragte das. Nur das Hineingepresste krallte sich in die flexiblen Neuronenwindungen, sank über Nacht ins Unbewusste. AAA erkannte diesen Effekt erst jetzt, wieso? Gesunde Verdrängung war seine Antwort und erste Hypothese. Er hatte das Verfahren längst akzeptiert und stand über dem. Die Überlebensethik ihrer Welt konnte nicht auf alle Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, das war ihm früh klar geworden auf der Insel. Was ihn ärgerte, war die Reaktion von Tonja auf seine Reklamation, dass Morley und viele seiner Leute nicht zur Schule kamen. „Darum brauchst du dich nicht zu kümmern, von Ockham.“ Das wars dann auch schon, deren wiederholtes Fehlen blieb einfach unkommentiert. Nicht einmal Bad Robot wurde zur Strafe hingeschickt. Hingegen bekam er
