Camping mit Mord - Martina Tischlinger - E-Book

Camping mit Mord E-Book

Martina Tischlinger

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Beschreibung

Ein Camping-Krimi mit Spannung und Herz. Packend, kauzig und sensationell witzig. Aus Polizeiobermeister Richard Staudinger wird nie ein passionierter Camper: Kaum entscheidet er sich für einen Zelturlaub in idyllischer Umgebung, wird im nahe gelegenen Spukhäusl ein Toter gefunden. Der sagenumwobene Ort heizt die Gerüchteküche an, und Staudingers kriminalistischer Spürsinn erwacht. Doch die Ermittlungen gestalten sich alles andere als einfach – schaurige Geisterstimmen und zwei ebenso attraktive wie geschäftstüchtige Damen halten Staudinger ordentlich auf Trab ...

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Martina Tischlinger, 1962 in Nürnberg geboren, studierte BWL, Außenwirtschaft und Marketing, doch ihre Leidenschaft gehört dem Schreiben. Sie hat bereits mehrere Franken Krimis und Komödien sowie zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht, für den Bayerischen Rundfunk auch in fränkischer Mundart. Außer im Radio ist sie bei Lesungen zu hören.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

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© 2020 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: coralie/photocase.de

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept

von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Susanne Bartel

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-629-6

Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Autoren- und

Projektagentur Gerd F. Rumler, München.

Für Elfriede

Schauderhaftes Spiegelbild

Der Campingplatz lag noch im Schlaf. Kein Kindergeplärr. Kein Hundegebell. Nicht einmal ein Hahn krähte. Nur Ruprecht war wach. Er huschte am noch unbesetzten Häuschen des Platzwarts vorbei und schlüpfte geduckt unter der Eingangsschranke des Geländes hindurch. Im bleichen Licht der Morgendämmerung hätte man ihn in seiner schäbigen Kleidung für ein großes, räudiges Tier halten können. Stinken tat er jedenfalls wie eines. Ruprecht bewegte sich seltsam eckig, sein Kopf zuckte hin und her. Er sprach nicht gern, ertappte sich selbst manchmal dabei, dass er knurrte. Früher hätte er über die Marotte gelacht, aber das Lachen hatte er verlernt. Seit Längerem wagte er sich nicht mehr unter Menschen. Es war pure Not, dass er sich hierhertraute.

Er riss eine Fleecejacke, die zum Trocknen an einer Wäscheleine baumelte, runter. Vor einem anderen Wohnwagen fand er eine Rolle Plastikschnur. In einem offen gelassenen Vorzelt bediente er sich aus einem Hängekorb mit Obst, ließ zwei Äpfel in einem mitgebrachten Stoffbeutel verschwinden, der so verdreckt war wie Ruprecht selbst. Auf dem Campingtisch daneben hatte jemand einen Rasierspiegel vergessen. Ruprecht wich vor seinem Spiegelbild zurück. Sein Haar war verfilzt, nur mehr ein graues Gewirr, unter dem ihn tote Augen ansahen. Das Gesicht war mit kleinen Narben und eitrigen Furunkeln übersät, seinem Oberkiefer fehlten die Schneidezähne. Schnell schloss er die Lippen, die vor Trockenheit aufgesprungen waren. Seine von Arthrose gekrümmten Finger mit den Trauerrändern unter den Nägeln drehten rasch den Spiegel um, als hoffte Ruprecht, sein entstelltes Gesicht würde dadurch verschwinden. Vor einem anderen Zelt lag etwas im Rasen. Er kniff die Augen zusammen. Im Prinzip konnte er so gut wie alles gebrauchen. Er würde sich den Rucksack, den kleinen Haufen Klamotten, oder was auch immer es war, einfach schnappen und später prüfen, was er erbeutet hatte. Lautlos näherte er sich dem Zelt, fuhr einen Arm aus, die Finger wollten schon zugreifen. Dann riss er die Hand zurück. Da lag ein Menschenkopf!

Ruprecht taumelte, wäre beinahe gestürzt. Sein Herz schlug wie wild. Er wollte fliehen, aber seine Augen konnten sich von dem Entsetzlichen nicht losreißen. Allmählich beruhigte er sich. Der zum Kopf gehörige Mensch lebte, schnarchte sogar leise. Sein Körper befand sich im Zelt, nur alles oberhalb der Schultern lag im Freien. Ein Hund schlug an, und Ruprecht floh zurück in den Wald.

Lüsterne Wasserspiele

Richard Staudinger schaute in den bereits in aller Herrgottsfrühe blauen Himmel, in den ein Flieger einen breiten Kondensstreifen malte. Mit dem Kopf an der frischen Luft fühlte er sich wesentlich wohler als eingesperrt in der fensterlosen Enge. Wobei ihm durchaus bewusst war, was für ein absurdes Bild er abgab, denn sein restlicher Körper befand sich im Inneren seines Zeltes. Wenn er sich auch nur ungern in einem geschlossenen Raum befand, so ein Naturbursche war er dann doch nicht, um komplett im Freien zu nächtigen. Noch schliefen sie rings um ihn herum, die Dauercamper und Wochenendfrischluftfanatiker in ihren Wohnwagen, Wohnmobilen, Wurf-, Kuppel- und Trekkingzelten und den sonstigen neumodischen Outdoorheimen, die es heutzutage gab.

Sein Zelt stammte aus seiner Jugend, roch etwas nach Keller, war aber so gut wie neu, da er sich nie wirklich mit der Camperei angefreundet hatte. Zelthaut an Wohnwagen mit fremden Schnarchsäcken, Ameisen auf den Frühstücksbrötchen und Stechmücken zum Seidla Bier: Das Urlaub zu nennen lag ihm fern. Nicht, dass Richard Menschen nicht gemocht hätte, bloß halt nicht, wenn sie ihm zu arg auf die Pelle rückten.

Er beschloss, auch die kommenden Nächte mit dem Haupt im Freien zu verbringen. Solange sich kein Ohrenkneifer bei ihm im Gehörgang einnistete, ihn eine der streunenden Katzen beschnupperte oder gar ein anderes Getier anpinkelte, wäre alles gut. Auch Regen wäre natürlich unvorteilhaft, aber dagegen sprach das wolkenlose Himmelsblau über ihm, und außerdem hatte die »Mittelbayerische Zeitung« in ihrem Wetterbericht fürs Erste keine Schauer angekündigt. Wenngleich sich von Frankreich her ein Regenband auf dem Vormarsch Richtung Franken befand. Aber wo sich das schlechte Wetter entladen würde, blieb abzuwarten, beruhigte sich Richard.

Vielleicht rührte seine Klaustrophobie noch von damals her, überlegte er, vom Kellerloch. Es war nur ein Lausbubenstreich gewesen, aber einer mit dramatischen Folgen. Doch daran mochte sich Richard jetzt nicht erinnern, und es wäre ihm auch nicht so recht gelungen, denn ein anderer Umstand lenkte ihn ab. In dem Wohnwagen keine fünf Schritte von ihm entfernt bewies ein Pärchen lautstark, wie wach und leidenschaftlich es schon war. Richard stieg die Schamesröte in die Wangen. Dass manche sich so gar nicht beherrschen konnten! Er wurstelte ein Tempotaschentuch aus seiner Jogginghose, die ihm als Schlafanzughose diente, riss es in zwei Hälften und drehte sie zu Ohrstöpseln. Das animalische Gestöhne und Gegrunze wurde etwas leiser, verstummte aber nicht.

Richard schaute rüber zum Ufer der fischreichen Naab, die noch vor Regensburg in Mariaort in die Donau floss. Wenn nicht gerade Hochwasser war, strömte sie gemütlich dahin. So wie jetzt. Aber was war das?

Richard schoss hoch und pulte die Ohrstöpsel heraus, als ob er dadurch besser sehen könnte. Da trieb etwas Längliches im Fluss, eingewickelt in eine Plastikplane. Schon wollte er aufspringen, wurde aber von seinem Schlafsack zurückgehalten. Fahrig fummelte er am Reißverschluss herum, der sich altersbedingt nur stückweise öffnen ließ. Schließlich strampelte er den olivfarbenen Sack von sich, rappelte sich auf – und fiel im nächsten Moment hin. Er war über eine der Zeltschnüre gestolpert. Verärgert schnaubte er. Er wusste schon, warum er Camping hasste!

Als er am Ufer stand, war seine Wasserleiche weg. Aber wahrscheinlich war es sowieso gar keine gewesen. Wer schickte im friedlichen Naabtal schon eine Leiche in einem Plastiksack stromabwärts auf Reisen? Just wenn Polizeiobermeister Richard Staudinger auf dem nahe gelegenen Campingplatz weilte? Aber er war nun einmal mit Leib und Seele Polizist und hatte die Angewohnheit, in allem ein Verbrechen zu wittern oder zumindest vorsichtshalber misstrauisch allem gegenüber zu sein.

Seine Nachbarn waren anscheinend bei der Zigarette danach angelangt, denn im Wohnwagen war es nun wieder mucksmäuschenstill. Ein Segen. Irgendein Viehzeugs krabbelte in Richards Nacken, jedenfalls fühlte es sich so an. Schlagartig begann es, ihn überall zu jucken. Wer war nur auf die absurde Idee gekommen, er, Richard, könne seinen sauer verdienten Urlaub in Gottes freier Wildbahn verbringen? Er bestimmt nicht! Wo er doch eher ein Feind denn ein Freund von Lotterleben war und die Ordnung in seinen vier Wänden brauchte.

Er begab sich ins Innere seines Zelts, ließ aber den Reißverschluss offen, sodass er Luft und dennoch keine Platzangst bekam. Aber der Schlaf wollte nicht zurückkehren. Eine seltsame Stille hatte sich über den Campingplatz gelegt, in die Richard nun hineinhorchte. Es war so harmlos still, dass es ihm schon verdächtig vorkam. Da lag was in der Luft, seine Polizeinase roch das.

Entspann dich, Richard, versuchte er, sich zu beruhigen. Du bist auf einem Campingplatz, was soll da schon groß passieren? Und es muss ja auch nicht dauernd überall das große Verbrechen lauern, die Vorstellung ist nichts als eine dumme Berufskrankheit von dir.

Ungeachtet dessen freute er sich bereits auf das Frühstück in freier Wildbahn, war es doch ein gewisses, aber kalkulierbares Abenteuer. Wenn er sich nur nicht wie auf dem Präsentierteller fühlen würde. Schon gestern Abend hatte er diese unangenehme Öffentlichkeit nach einem beamtenhaft korrekten Zeltaufbau unter Zuhilfenahme der vergilbten Aufbauanleitung und einer Wasserwaage ertragen müssen. Und beileibe niemand sollte ihm womöglich noch neugierig auf die vom heimatlichen Metzger mitgebrachte Stadtwurst bei der Brotzeit stieren und kontrollieren, wie viele Flaschen Bier er köpfte. Denn bei seiner geliebten fränkischen Stadtwurst, einer groben Fleischwurst mit Majoran, war Richard eigen, die wollte er in Ruhe genießen. Ein derartiges aufdringliches Interesse hatte er nämlich von seinem weiteren direkten Nachbarn mit Caravan und Fürther Kfz-Kennzeichen befürchtet, der ihm gleich nach Ankunft auf dem Campingplatz seine Hilfe und eine Flasche Prösslbräu angeboten hatte. Doch wider erstes Erwarten schienen er und seine Gattin recht angenehme Zeitgenossen zu sein. Den restlichen gestrigen Tag hatte der Fürther entweder eine Flasche in der Hand oder die Angel in die Naab gehalten, während sie sich um die dreiköpfige Kinderschar im Alter von Windelhose bis Kindergarten kümmerte.

Die Nachbarn mit dem gesunden Liebesleben kamen laut Autokennzeichen aus Nürnberg. Nicht zu fassen, da verreiste Richard einmal alle Jahrzehnte, dann auch noch nur in die Oberpfalz, und wen traf er? Franken.

Von den Nürnbergern hatte er bisher mehr gehört als gesehen. Und hätte Richard eine Zeugenaussage machen müssen, wer den »Knaus-Südwind« neben ihnen bewohnte, er wäre kläglich gescheitert.

Sein Magen vermeldete Hunger. Aber vom Frühstück waren Richard und sein verfressenes Organ noch weit entfernt. Denn für ein richtiges Frühstück bedurfte es der wunderbaren Schwarzer Kipferl, für die der waschechte Franke während seines Naabtal-Urlaubs gern auf seine gewohnten Kaisersemmeln und das Bauernbrot vom Kleinmichlgseeser Dorfbäcker verzichtete. Die knusprigen Kümmelbrötchen aus Roggen- und Weizenmehl, die von Hand geformt wurden und deshalb verschiedene Formen hatten, waren ein Hochgenuss. Um seine importierte fränkische Stadtwurst nicht nackert oder bloß mit Senf essen zu müssen, hatte er sich gestern gleich eine Tüte davon besorgt. Es war Liebe auf den ersten Biss gewesen. Die krossen Kipferl hatten ihn sogar mit dem Umstand versöhnt, dass er als Single-Mann beim Einkaufen im Campingkiosk genauestens begutachtet worden war, und zwar nicht nur von den Frauen.

Nur eine Frage hatte er sich gestellt: Sah er so gefährlich aus oder so attraktiv? Oder war man einfach nur neugierig auf den Neuzugang, der weder eine Partnerin noch eine Traube Kinder oder einen Hund mit sich führte und auch keine Angel ins Wasser hielt? Was ihn vermutlich ein wenig suspekt im Auge jedes Proficampers machte. Vielleicht hatten die Stirnfalten des Erstaunens aber auch nur in seiner Krawatte ihren Grund gehabt, deren er sich erst kurz vor dem Zubettgehen respektive In-den-Schlafsack-Krabbeln entledigt hatte.

Aber auch ein kinderloser Single brauchte einmal Urlaub, besonders als Vize-Dienststellenleiter der Polizeiwache in Kleinmichlgsees, wenngleich sein Heimatort ein völlig trostloses Kaff war, wo Verbrechen wirklich nicht alltäglich waren.

Doch ein bisschen musste Richard noch auf seine Kipferl warten, denn das kleine Lädchen am Campingplatz Oberbürzl öffnete erst um acht Uhr, und bis dahin war noch über eine Stunde Zeit. Richard zog den Reißverschluss seines Zeltes zu, als er zu hören glaubte, wie die lüsternen Nachbarn ihren Wohnwagen verließen. Für so frühen menschlichen Kontakt war er noch nicht bereit. Er wühlte in seinem Rucksack nach Zahnbürste, Duschgel, Deo und nach frischer Unterwäsche, Handtuch und Waschlappen. Wenn er jetzt die sanitären Einrichtungen aufsuchte, hätte er bestimmt gute Chancen auf eine freie Duschkabine. In seiner Jogginghose stieg er barfuß in die Birkenstockschlappen und verließ seine Lagerstatt, nachdem er sich versichert hatte, dass die Nachbarn Leine gezogen hatten. Das war eines der ganz wenigen Dinge, die ihm bisher am Campen gefielen: Er konnte sogar untertags wie ein Lump herumlaufen, weil die anderen es auch taten. Allerdings bedeckte er seinen nackten Oberkörper mit einer Regenjacke.

Duschen war für Richard eine höchst intime Angelegenheit. Die Vorstellung, dass sich mehrere nackte Menschen Kabine an Kabine einseiften und abbrausten, befremdete ihn. Selbst daheim, wo er mit seiner Schwester Trudel und seinem Schwager zusammenwohnte, schloss er generell die Badezimmertür hinter sich ab. Gleichgültig, was er in diesem Raum vorhatte, es ging niemanden etwas an. Insbesondere die begleitenden Geräusche.

Richard schaltete das Licht im dunklen Waschraum ein. Die Röhren über ihm flackerten an. Kritisch betrachtete er sich in einem der Spiegel, die über der Waschbeckenreihe angebracht waren. Musste er sich rasieren? Er ging näher an den Spiegel heran, neigte seinen Kopf. Wurden seine Haare allmählich dünner? In seinem Alter, mit knapp über vierzig, hätte er sich darüber nicht gewundert. Oder – grau? Schwer zu sagen, weil sich die Natur bei der Ausgabe seiner glatten Haarpracht nicht für eine einheitliche Farbe hatte entscheiden können. In seinem Kurzhaarschnitt fanden sich sowohl hellbraune wie blonde Haare, teilweise hatten sich sogar ein paar rötliche dorthin verirrt. Wenigstens hatte er, bis auf ein paar nette Lachfältchen, noch keine nennenswerten Furchen im Gesicht. Erleichtert atmete er auf, beendete den morgendlichen Check und betrat eine der Duschkabinen.

Drinnen entkleidete er sich, hängte seine Klamotten an den Haken, packte Duschgel, Waschlappen, Handtuch, Deo und Rasierzeug aus seinem Kulturbeutel aus und legte sich alles säuberlich parat. Dann warf er eine Fünfzig-Cent-Münze in einen kleinen Kasten, drehte erst das heiße, dann das kalte Wasser auf, mischte beides zu einem angenehmen Lauwarm, ließ das Nass auf sich prasseln und seifte sich ein.

Richard hatte gerade das Wasser ausgestellt, balancierte auf einem Bein und verteilte auf dem anderen an der Wade etwas Duschgel, als plötzliches Gekicher aus der Duschkabine neben ihm ihn um ein Haar das Gleichgewicht verlieren ließ. Er hielt den Atem an. Eindeutig! Trotz des Wassergeplätschers war er sich sicher: Neben ihm giggelte eine Frau.

»Zuckermauserla, mein Zuckermauserla!« Das genüssliche Gebrumme eines Mannes wurde lauter. Also war die Dame nicht allein in der Nachbarkabine, sonst hätte Richard vermutet, dass sie sich womöglich versehentlich zu den »Herren« verirrt hatte. Aber da war ganz deutlich auch ein Kerl mit von der Partie. Und Richard hätte seinen kriminalistischen Hintern verwettet, dass die Teilnehmer an diesen heiteren Wasserspielen nebenan seine Nürnberger Nachbarn waren. Das war ja die Höhe!

Wäre er nicht von oben bis unten weiß eingeschäumt gewesen, er hätte fluchtartig den Waschraum verlassen. So aber brauste er sich eilig und laut ab, frottierte sich leidlich Arme und Beine und turnte flugs in seine frischen Klamotten. Das schamlose Kichern im Rücken, schlurfte er aus dem Waschraum. Was sollte er sich grämen? Gut, sie hatten ihn beim Duschen gestört, aber wie hieß es so schön? Wer ko, der ko.

Am Zelt angekommen, warf er das feuchte Handtuch auf das Überdach zum Trocknen, und weil es noch immer eine gute halbe Stunde bis zum Frühstück war, beschloss er, einen Morgenspaziergang zu machen und sein Smartphone aus dem Auto zu holen. Bis vor Kurzem war er mit einem simplen Handy ausgekommen, aber mit seinem neuen elektronischen Spielzeug konnte er sogar Fotos schießen. Und gestern Abend hatte er mehrfach einen Specht klopfen gehört, vielleicht würde ihm der Bursche ja jetzt vor die Linse fliegen.

Aus der Ferne sah er ein Pärchen Hand in Hand nahen. So verliebt, so turtelnd. Kulturbeutel und Handtücher verrieten, woher sie kamen. Nein, vielen Dank, nicht die schon wieder. Richard schlug einen Bogen, um den beiden nicht über den Weg zu laufen.

Hätte er geahnt, wie wichtig dieser Moment in wenigen Stunden sein würde, er hätte ganz genau hingesehen. Aber wenn man morgens loszog, um einen Specht zu fotografieren, dachte man doch nicht an Mord.

Rascheln im Wald

Manfred ging bewusst langsamer, um ihr auf den Hintern glotzen zu können. Sonja sah verdammt sexy aus. Und in ihrem grauen Nadelstreifen-Businesskostüm und den Lackstöckelschuhen fiel sie auf dem Campingplatz so wenig wie ein Schimpanse im Dirndl auf. Der schwarze Schlapphut und die übertrieben große Sonnenbrille, ihre Tarnung, verstärkten den Kontrast noch mehr. Manfred belächelte ihre Verkleidung, denn jeder, wirklich jeder, dem sie begegneten, würde sich an die auffallend hübsche Frau in High Heels und besonders an ihren extravaganten Hut erinnern. Ihm hingegen nahm man den Camper sofort ab. Shorts, Schlappen, T-Shirt und ein seliges Grinsen im Gesicht, das vor allem auf das Konto seiner Geliebten ging.

Manfred konnte nicht widerstehen und griff ihr von hinten an die Pobacken. Natürlich quietschte Sonja laut auf.

»Ich könnt schon wieder, Zuckermauserla.«

»Ich auch, mein Süßer«, schnurrte sie. »Aber der Job ruft.«

Sie verließen den Campingplatz. Die Imbissbude schräg gegenüber war noch geschlossen. Ein Stück liefen sie am Waldrand entlang und ließen das abbruchreife Häuschen, von dem sich der Verputz wie abgestorbene Haut nach einem Sonnenbrand pellte, unbeachtet rechts liegen. Dabei hatte es eine herrlich schaurige Vergangenheit. Doch auch die hölzernen Warnschilder – »Betreten auf eigene Gefahr!« – waren unterdessen wurmstichig geworden, kaum jemandem fielen sie auf, und niemand respektierte sie.

Sonja bewegte sich so sicher in ihren High Heels, als wären es Sneakers. Manfred hatte irgendwo gelesen, dass Stöckelschuhe erst ab zehn Zentimetern Absatzhöhe diese Bezeichnung verdienten. Sonjas erreichten die allemal. Wozu brauchte eine Büromaus solche Geschosse?, wunderte er sich kurz, unter dem Schreibtisch waren die doch gar nicht zu sehen. Und nachdem ihr Wagen noch immer nicht in Sicht war, fragte er sich schließlich auch, ob sie nicht die Orientierung verloren hatte. »Sag mal, wo hast du denn um Himmels willen geparkt?«

Vom Campingplatz war längst nichts mehr zu sehen. Sie waren gefühlt zehn Minuten unterwegs und gingen immer noch den Forstweg entlang, auf dem Privatautos eigentlich nichts verloren hatten.

Sonja wackelte mit dem Zeigefinger vage in eine Richtung. »Ich wollt halt, dass man meinen Wagen auf gar keinen Fall von der Straße aus sehen kann. Auch für den Fall, dass Simon Verdacht geschöpft hat.«

So gesehen konnte Manfred von Glück reden, dass sie ihr Fahrzeug nicht aus reiner Vorsicht kurz hinter der Stadtgrenze von Regensburg abgestellt hatte.

»Du denkst im Ernst, dass dein Mann hierherkommt? Aber woher sollte er von unserem Liebesnest wissen? Und hast du nicht erzählt, dass er beruflich in Chemnitz ist?«

»Trau keinem Mann, nicht einmal, wenn es dein eigener ist. Oder besonders dann«, gab Sonja eine ihrer seltsamen Lebensweisheiten von sich und zwinkerte ihrem Lover kokett zu. »Außerdem warst du es doch, der mich unbedingt zum Auto begleiten wollte«, schmollte sie.

»Natürlich«, bestätigte Manfred mit einem lustvollen Knurren und zog sie an sich. Bei Sonja hatte man wenigstens was in der Hand, sie war ein richtiger Feger.

»Geh, pass doch auf meine Frisur auf!«, maulte sie, schmunzelte aber.

Endlich standen sie vor Sonjas Reiskocher und küssten sich leidenschaftlich. Er selbst würde ja niemals einen Japaner fahren.

»Kommst du heute Nacht wieder?«, fragte Manfred hoffnungsvoll.

»Der Simon wollte zwar erst morgen von seiner Geschäftsreise zurück sein, aber …« Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn ich mit ihm telefoniert habe, weiß ich mehr.« Dann riss sie die Augen auf. »Hast du das gehört?«

Manfred zuckte mit den Schultern.

»Im Wald. Pst! Hörst du nichts?« Sonja presste sich panisch die Hände auf ihre Brust. Sie war blass geworden. »Mein Mann«, flüsterte sie.

»Ach was!«, winkte Manfred leichthin ab.

»Pst!«, machte Sonja erneut. Sie ging leicht in die Knie und ließ ihren Blick durch den Wald wandern.

Die ist ja völlig von der Rolle, dachte Manfred. Oder sollte das wieder so eins ihrer heißen Spielchen werden? So wie die Nummer gerade in der Herrendusche? Warum nicht, er war dabei.

»Ich schau nach.« Er flüsterte nun ebenfalls, nickte verschwörerisch und verschwand im knackenden Unterholz. Vielleicht käme sie ja nach.

Hie und da hörte sie ihn rascheln. Es war doch Manfred, oder?

Sie kaute auf ihrem Daumennagel, eine schlechte Angewohnheit, die sie sich vor Jahren eigentlich abgewöhnt hatte. Die Nervosität hatte sie zurückgebracht wie einen bösen Geist. Wo er nur blieb?

Ihre Armbanduhr mahnte sie zum Aufbruch. Spätestens um neun Uhr wollte sie doch in der Arbeit sein, normalerweise fing sie sogar schon um acht an. Dann endlich wurden die Geräusche wieder lauter, und Manfred kam zurück.

»Keine Panik, das war sicher nur ein Igel oder eine Maus.«

Ungläubig krauste sie die Stirn. »Wo warst du so lange?«

»Pinkeln. Konnte doch nicht wissen, dass du mich in den Wald entführst, drum hat es pressiert«, grinste er. Er startete einen unkeuschen Angriff, doch sie entwand sich ihm.

»Da! Wieder!«

Nun war es aber mal gut! Manfred blies genervt die Backen auf. Entweder hatte sie Lust auf Sex oder sollte fahren. Aber dieses Hin und Her … Dann hörte er es auch. Es raschelte tatsächlich im Wald. Manfred lauschte angestrengt. Und waren da nicht sogar entfernt Schreie zu vernehmen? Aber bestimmt war das nicht Sonjas Ehemann, der wie Rumpelstilzchen durchs Gebüsch sprang. Das war allein ihr schlechtes Gewissen, das sie in Panik versetzte, so Manfreds Meinung.

Sonja und er waren sozusagen aus der gleichen Branche und hatten sich bei einer überregionalen Veranstaltung der IPA, ein Zusammenschluss von Angehörigen des Polizeidienstes, kennengelernt. Ratzfatz hatte es zwischen ihnen gefunkt. Seitdem fuhr er zum Angeln auf den Oberbürzler Campingplatz an die Naab. Wobei ihm bislang auch die fränkischen Gewässer für sein Hobby getaugt hatten. Zum Glück verabscheute seine Frau seinen Sport und nutzte seine Abwesenheit, um sich mit Freundinnen zu treffen – oder so. Er hinterfragte nicht, was sie tat. Wann er seine Angelwochenenden einlegte, hing von Sonjas Ehemann ab, der Vertreter für Blumenübertöpfe und Blumenampeln und somit häufig in ganz Deutschland auf Achse war. Wenn er auf Gartenmessen fuhr, sogar am Wochenende, so wie am vergangenen. Heute, am Montag, würde Sonja direkt vom Campingplatz ins Polizeipräsidium Regensburg fahren, wo sie als Schreibkraft im Betrugsdezernat arbeitete.

Er wiederum war bei der Kripo in Nürnberg und wollte dieses Mal mehr als nur zwei Tage in der schönen Gegend und hoffentlich mit seinem Zuckermauserla verbringen. Die Scheidung von ihren Ehepartnern hatte nie zur Debatte gestanden. Sie wollten nur eine prickelnde Affäre. Er war fünfundvierzig, Sonja achtunddreißig, somit waren sie nicht mehr die Jüngsten. Es war ein Glücksfall, dass das Schicksal sie so unkompliziert zusammengeführt hatte.

Als die Geräusche nicht verstummten, wurde auch Manfred hellhörig. Das war kein Tier, kein Wind, aber was dann? Er konnte die Laute nicht zuordnen. Es hörte sich an, als würde jemand fluchend auf den Boden stampfen. Und war es möglich, dass jemand sogar üble Beschimpfungen ausstieß? »Du Schwein! Du Drecksau!«

Er schaute Sonja an.

»Du bleibst hier.« Schon stapfte er los, wollte sich einen Weg durchs Dickicht bahnen.

»Lass mich nicht allein!« Sie packte ihn am Arm.

»Ich bin doch gleich zurück.«

Aber sie gab seinen Arm nicht frei, dessen Muskeln er angespannt hatte.

»In deinen Stöckelschuhen kannst du nicht mit. Bleib hier.«

Und sie ließ los.

Eine Weile noch hörte sie, wie er sich entfernte. Dann nichts mehr, selbst wenn sie sich auf dieses Nichts konzentrierte. Auch die zornige Stimme war verstummt. Es herrschte Totenstille. Ohne es zu merken, hatte sie sich den Nagellack von ihrem Daumennagel gepult. Warum kam Manfred denn nicht zurück?

Mutig machte sie ein paar Schritte auf den mit abgestorbenen Tannennadeln und dürren Ästen bedeckten Moosboden und zerriss sich dabei prompt die Nylonstrümpfe. Wahrscheinlich wäre es doch besser, bei ihrem Wagen zu bleiben. Die Gedanken an die Uhrzeit, ihre Arbeit, sogar an Simon waren ganz weit nach hinten gerückt.

»Manfred?«, rief sie zögerlich, doch erhielt keine Antwort.

Was sollte sie tun, wenn Manfred nicht zurückkehrte? Die Polizei rufen? Niemals. Ihre Affäre durfte nicht auffliegen, weder ihr Mann noch die Kollegen durften davon erfahren. Aber sie musste etwas unternehmen. Sie öffnete den Kofferraum. Manchmal vergaß sie ihre Sportklamotten darin. Ihre Turnschuhe könnte sie jetzt gut gebrauchen, mit ihren High Heels kam sie auf dem weichen Waldboden nicht weit. Aber ihre Sporttasche war nicht da. Kurz befühlte sie den Wagenheber. Eine Waffe, sie brauchte eine Waffe. Doch sie fand nichts, was sie notfalls zu ihrer Wehr einsetzen könnte. Nur eine Flasche Scheibenreiniger, den Eiskratzer, eine gelbe Einkaufsklappbox, Plastikbeutel … Vielleicht doch der Wagenheber? Wütend und enttäuscht schlug sie den Kofferraumdeckel wieder zu.

Dass nun überhaupt kein Knacken und kein Rascheln mehr zu hören waren, nicht einmal das Zwitschern eines Vogels, jagte ihr noch mehr Angst ein als die Geräusche zuvor. Sie fühlte sich wie aus der realen Welt gehoben und in eine fremde Realität verpflanzt. Das Buch von Marlene Haushofer »Die Wand« fiel ihr ein. Was, wenn sie sich plötzlich mutterseelenallein hinter einer unüberwindbaren durchsichtigen Wand befand, abgetrennt von jeglichem Leben?

»Manfred!«

So weit konnte er doch nicht in den Wald gegangen sein. Ihre Wut wendete sich gegen ihn. Dass Männer einfach nicht mitdachten! War ihm denn nicht klar, dass sie sich allein fürchtete?

Sein Handy! Hektisch wühlte sie in ihrer Handtasche nach dem Smartphone und rief ihn an. Er ging nicht ran, doch in der Ferne hörte sie es klingeln. Sie nahm ihr Telefon vom Ohr und lauschte. Das Klingeln kam näher. Ein Stein fiel ihr vom Herzen, und sie beendete den Anruf. Manfred, Gott sei Dank. Aber auf seine Ausrede war sie gespannt. Und warum brauchte er so lange?

Dann sah sie ihn. Vornübergebeugt, mit schleppendem Schritt, gesenktem Kopf und hängenden Schultern bahnte sich Manfred seinen Weg durch den Wald. Schien weder auf größere Äste noch auf stacheliges Gestrüpp zu achten. Sonja war klar, dass etwas mit ihm nicht stimmte.

Sie schleuderte sich die Schuhe von den Füßen, um ihm entgegenzueilen, bereute ihren Entschluss aber sogleich. Spitze Steinchen und Stöckchen stachen in ihre Fußsohle. Doch der Schmerz war in dem Augenblick vergessen, als Manfred nur noch wenige Meter von ihr entfernt war.

»Um Gottes willen, was ist denn los?«

Er sackte vor ihr auf die Knie und hob schwerfällig den Kopf. Sein Gesicht war kalkweiß, die Lippen blutleer, Schweißperlen standen auf seiner Stirn. »Hol Hilfe«, ächzte er. In seiner Brust steckte ein Messer.

Foto ohne Specht

Kein Specht. Manchmal glaubte Richard, ihn am Baum Löcher klopfen zu hören, doch das Tier spielte wohl Verstecken mit ihm. Sobald er sich ihm näherte, hielt der Vogel inne. Dann, nach einer kurzen Pause, folgte wieder ein Klopfgeräusch, und Richard stakste in dessen Richtung. Dabei bewegte er sich äußerst vorsichtig, stelzte fast wie ein Flamingo und gab das Bild eines recht seltsamen Vogels ab. Er hatte nämlich Bammel vor den Zecken. Die hielten sich zwar angeblich eher am Wald- und Wiesenrand auf, aber er mochte diesbezüglich kein Risiko eingehen. Was für eine Vorstellung – ein hässliches Insekt, das sich in sein Fleisch bohrte und sich dann mit seinem Blut vollsaugte!

Nach einer guten Viertelstunde gab Richard die Verfolgungsjagd des Spechts auf. Lediglich von einem glänzenden grünen Käfer und einer Schnecke mit bräunlichem Haus hatte er ein Bild geschossen, eine magere Ausbeute für eine Fotosafari. Und mittlerweile war ihm jegliches Getier auch egal, denn Richard befürchtete stark, sich verlaufen zu haben. Das kam davon, wenn man ausschließlich mit dem Kopf nach unten oder dem Blick in die Baumwipfel durch die Welt ging. Sein Gefühl sagte ihm, dass er sich links halten musste, da, wo es abwärtsging, um wieder auf die Straße und zum Campingplatz zu gelangen. Plötzlich horchte er auf. Waren da Stimmen? Wo Stimmen, da auch ein Weg, schlussfolgerte Richard und ging frohgemut auf die Geräusche zu.

Doch da! Wieder der Specht! Jetzt gehörst du mir … Richard fummelte sein Handy aus der Hosentasche, wählte die Fotofunktion, hielt das Telefon in die Richtung des Klopfens und drückte mehrfach ab, mit und ohne Blitz. Das war das Schöne an den Smartphones, man konnte wahllos Fotos machen und später den Mist wieder eliminieren, ohne Geld zu verschwenden. Früher, mit den richtigen Filmen, hatte man sich sein Objekt noch genau ausgewählt und mit jedem Foto gegeizt. Er würde das Ergebnis in Ruhe in seinem Zelt überprüfen. Hatte er den Specht eingefangen, gut, wenn nicht, sollte der Flatterich bleiben, wo der Pfeffer wuchs.

Doch wo waren denn plötzlich die Stimmen? Hatte er sich in den wenigen Minuten der Vogelpirsch erneut verirrt? Dass man aber auch so gar nichts sah. Nur Bäume und Büsche um ihn herum. Alles war gleich. Seufzend studierte er sein Handy. Irgendwo konnte man doch dieses GPS einschalten. Aber wo? Es war aber auch ein Kreuz, dass er sich bisher so wenig mit seinem Smartphone beschäftigt hatte, nun bekam er die Rechnung dafür. Brauchte er für das GPS ein Netz? Gestern auf dem Campingplatz hatte der kleinste Balken schwach geflackert, bevor es eine Zeit lang ganz Essig gewesen war. Natürlich würde er den Urlaub leicht ohne Internet und den ganzen Schmarrn überleben, aber in dieser Situation wäre ein Navi schon schön gewesen. Verdrossen stromerte Richard frei Schnauze weiter. Sollte er vielleicht wie Hänsel und Gretel Brotkrumen streuen oder Bäume markieren? Aber er hatte nichts für solche Zwecke eingesteckt. Rote Bändchen zum Beispiel. In Gedanken sah er sich wie der Osterhase durch den Forst hoppeln und, statt bemalte Hühnereier zu verstecken, Geschenkbändchen mit Schleifen an die Äste binden. Er musste tatsächlich lachen, wohl am meisten über seine eigene Unfähigkeit. Das durfte er wirklich niemandem erzählen, er, ein erfahrener Polizist, hatte sich in einem Waldstück nahe einem belebten Campingplatz verirrt.

Ratlos hielt er inne und betrachtete erneut nachdenklich sein Smartphone, das just in dem Moment wie vom Teufel geritten klingelte. Gerade noch konnte er das Ding, das ihm vor Schreck aus den Fingern geglitten war, wieder auffangen.

Acht Uhr. Richard hatte ganz vergessen, dass er sich den Wecker auf Kipferl-Zeit eingestellt hatte. Die Wecker-App hatte ihm Maria, seine Kollegin in Kleinmichlgsees, gezeigt. Wenn er denn jemals aus diesem Urwald wieder herausfand und in den Genuss eines frischen Kipferls käme!

Doch als würde ihm sein knurrender Magen den Weg aus dem Baum-Labyrinth zeigen, stand Richard innerhalb kürzester Zeit auf einem Waldpfad. Er ging an einem alten Haus und dem Imbissbüdchen vorbei und wurde von der bayerischen Flagge am Eingang des Campingplatzes begrüßt.

Eine lange Schlange hatte sich bereits vor der Theke des kleinen Campingladens gebildet. Richard rückte geduldig Meter um Meter vor und studierte dabei die Waren, die angeboten wurden. Von Dosenravioli bis zur »BILD«-Zeitung gab es in dem Minishop, wie man auf Neudeutsch Läden dieser Art so schön bezeichnete, sozusagen so gut wie alles. Als er an der Reihe war, kaufte er vorsorglich gleich acht Kipferl, außerdem ein Glas Erdbeermarmelade und Butter. Da er vom letzten Abendbrot noch ein Stück Stadtwurst übrig hatte, konnte das Frühstück beginnen.

Zurück am Zelt musste er feststellen, dass seine Nachbarn schon rechte Schlamper waren. Auf dem Campingtisch standen noch immer Gläser, zwei leere Rotweinflaschen, eine aufgerissene Chipstüte, halb heruntergebrannte Kerzen, ein Feuerzeug und ein Autan-Spray herum. Richard grinste schräg. Die Nürnberger hatten halt anderes, Besseres zu tun, als aufzuräumen. Wobei das fidele Pärchen offenbar ausgeflogen war. Oder vielleicht wieder in der Dusche zugange.

Richard rückte seinen Klappstuhl in die Sonne, mit Blick auf die Naab. Während er in seinem kleinen Gaskocher Wasser für seinen Nescafé heiß machte, öffnete er gierig die Brötchentüte, biss herzhaft von einem Kipferl ab und sank mit geschlossenen Augen gegen die Stuhllehne. So war Urlaub. Vielleicht würde er sich ja doch noch ans Campen gewöhnen. Die Chancen waren zwar relativ gering, dennoch wollte er dieser fremden Lebensweise zumindest eine Chance geben.

Und da war er wieder. Als wollte er ihn provozieren, hämmerte ein Buntspecht gegen den Baum ihm schräg gegenüber. Längst ging es Richard nicht mehr um den Vogel, sondern ums Prinzip. Er fuhr hoch, krabbelte in sein Zelt, holte den Autoschlüssel aus seinem Rucksack, den er wiederum in seinen Schlafsack gerollt hatte, krauchte rückwärts wieder aus dem Zelt hinaus, schloss sein Auto auf und nahm das Smartphone aus dem Handschuhfach, das er just vor fünf Minuten dort verstaut hatte.

Mit dem Handrücken fuhr er sich über die schweißbedeckte Stirn. Daran musste er dringend etwas ändern. Er fand es gut, ein ordentlicher und pflichtbewusster Mensch zu sein und alles hinter sich wegzuräumen, aber auf dem Campingplatz müsste er sich von dieser Einstellung vermutlich etwas befreien. Als er mit dem Handy in der Hand den Baum betrachtete, war der Specht natürlich fort.

Also ließ sich Richard wieder nieder, brühte sich seinen Morgenkaffee auf und halbierte ein weiteres Kipferl. Kauend öffnete er die Fotogalerie seines Handys. Vielleicht hatte er den Vogel vorhin im Wald ja doch erwischt. Er wischte sich von Bild zu Bild, vergrößerte erfolglos Ausschnitte und löschte die entsprechenden Fotos wie auch die verwackelten Aufnahmen. Aber beim letzten Bild traute er seinen Augen nicht. Je stärker er das Foto vergrößerte, umso unheimlicher wurde das, was er darauf sah. Ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Eine hässliche, verzerrte Fratze schien ihn anzustarren. Eine Waldkreatur, die auch ein Yeti sein könnte. Oder doch nur eine Baumwurzel im blassen Morgenlicht? Was war das? War es tot? Betrachtete er gerade eine Leiche, oder spielten ihm seine Augen einen Streich? Schnell schaltete Richard sein Handy aus.

Er war wirklich urlaubsreif.

Letzter Atemzug

Das Messer in Manfreds Brust war so unwirklich. Sonja kapierte nicht gleich, was los war. Manfred rappelte sich hoch, taumelte auf die offen stehende Autotür zu und fiel seitlich auf den Fahrersitz. Sein Gesicht war grau, der Glanz in seinen Augen erloschen. Er versuchte zu sprechen, aber seine Kehle schien zu eng, tonlos formten seine Lippen Worte. Sonja stürzte auf ihn zu, strich ihm über die nass geschwitzten Haare, nahm seine Hand und erschrak zutiefst. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen, aber sein Körper war eiskalt.

Sonja hörte sich seinen Namen wie aus weiter Ferne schreien. Dazu immer wieder die Frage: »Was ist passiert?«

Sie versuchte, ihn in die Senkrechte zu bringen, aber Manfred lag schwer wie ein Stein vornübergebeugt auf dem Armaturenbrett, seine Beine hingen noch aus dem Wagen.

»Wer war das?« Verzweifelt schüttelte sie ihren sterbenden Liebhaber, und ihre Handflächen wurden blutig.

Manfreds Atem ging gurgelnd und röchelnd.

Sonja stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. »Manfred! Manfred!«, schrie sie ihn an. Tränen liefen ihr über die Wangen, sie rieb sie mit den Händen weg und verteilte dabei das Blut in ihrem Gesicht. Als sie wieder ihren Freund streichelte, besudelte sie auch ihn.

Manfred sackte immer mehr in sich zusammen, das Leben verließ langsam seinen Körper. Er schnappte nach Luft, nahm drei tiefe Atemzüge, atmete noch einmal aus. Dann war es vorbei. Manfreds Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Sonja schrie auf und ließ sich dann schluchzend auf den Boden neben ihren Wagen sinken.

Wenige Minuten später zitterte sie noch immer am ganzen Leib. Wie automatisch zog sie ihr Handy aus der Handtasche. 110 oder 112?, überlegte sie. Ihr Finger kreiste über dem Zahlenfeld, aber ihr Kopf war leer. In dem Moment klingelte es.

»Caro«, stand auf dem Display.

Sie nahm das Gespräch entgegen. »Du musst herkommen«, sagte sie ohne eine Begrüßung. »Manfred ist tot! Komm, bitte! Sofort!«

Caroline Perchinger-Böck hatte ihre Freundin und Kollegin eigentlich nur daran erinnern wollen, dass Montag war, der Alltag begonnen hatte und sie besser schleunigst das Lotterbett, das sie seit Wochen sporadisch mit dem Nürnberger Kripobeamten teilte, verlassen sollte. Morgens, speziell am Montagmorgen, genehmigten sich die zwei Frauen vor Beginn der Arbeit meist einen Caffè Latte aus dem Präsidiumsautomaten im Stehen, um den aktuellen Klatsch und die News des Wochenendes auszutauschen. Auf Sonjas Nachricht war Caro beileibe nicht vorbereitet. Wer wäre das an ihrer Stelle schon gewesen?

»Was?«, fragte sie perplex, während es in ihrem Hirn ratterte.

»Ich steh oberhalb vom Campingplatz Oberbürzl an einem Forstweg. Manfred und ich, wir haben Stimmen gehört. Ich dachte, es wäre Simon. Manfred ist dann in den Wald, und als er zurückkam, hatte er ein Messer in der Brust. Jetzt ist er tot.«

Noch mehr Aussagen, die Caro nur noch stärker verwirrten. »Ich kann nicht einfach aus dem Präsidium weg, Sonja. Ich muss gleich bei einer Vernehmung dabei sein.« Caroline war wie Sonja Schreibkraft im Polizeipräsidium Regensburg, allerdings in einem anderen Dezernat. Aber hängen lassen wollte sie ihre Freundin auch nicht. »Ich werde den Hannes anrufen. Mein Bruder soll sich zu dir auf den Weg machen. Aber warum hast du nicht gleich die Polizei informiert? Vor allem … Mädel … Pass bloß auf! Der Mörder ist vielleicht noch ganz in deiner Nähe!«

Die Härchen auf Sonjas Armen stellten sich auf. Daran hatte sie im Schock noch gar nicht gedacht. Sie biss sich auf die Unterlippe und starrte in den Wald. Der Mörder von Manfred könnte tatsächlich noch immer in der Nähe sein und ihr auflauern.

Leichenentsorgung

Hannes Perchinger war sich bereits bewusst, dass er eine Straftat beging, als er mit dem Mountainbike den Weg entlangfuhr und Sonja am Waldrand mit beiden Armen winken sah. Sein Bauchgefühl war eindeutig. Von Weitem sah sie wie aus dem Ei gepellt aus. Als er näher kam, bemerkte er, dass sie sogar Pumps trug. Dass Frauen sich das freiwillig antaten, auch wenn sie ein Hingucker waren. Aber Haxen hatte Sonja, Donnerwetter, und was für welche!

Sie eilte auf ihn zu, ihr Schluchzen immer wieder durch einen Schluckauf unterbrochen. Als sie ihn am Oberarm packte, hätte sie sie beide um ein Haar zum Fallen gebracht.

»Langsam, langsam, Sonja«, versuchte er, sie zu beruhigen, und stieg von seinem Mountainbike. Von Nahem betrachtet sah sie furchtbar aus. Überall im Gesicht getrocknetes Blut.

»Der Manfred ist in den Wald, weil ich dachte, der Simon spioniert uns nach«, begann sie, übereilt zu erzählen. »Und dann kommt er wieder raus, und in seiner Brust steckt ein Messer. In meinen Armen ist er gestorben, verstehst du, Hannes? In meinen Armen!«

Caros Bruder war natürlich über das gschlamperte Verhältnis von Sonja mit dem Nürnberger Typen von der Kripo bestens informiert. Sein Schwesterchen war eine alte Plaudertasche, die ein Geheimnis nicht selten nur eine Nanosekunde lang für sich behalten konnte. Immerhin behauptete sie, bei den Kollegen im Präsidium über das Techtelmechtel wie ein Grab zu schweigen. Unter Busenfreundinnen sei so ein Verrat ein absolutes No-Go, denn immerhin sei Sonja verheiratet, so Caro. Diese sensationelle Story nicht brühwarm von Büro zu Büro zu tragen musste seiner Schwester mächtig schwerfallen. Wahrscheinlich waren ihr Hals und ihre Zunge deshalb längst dick angeschwollen. Und womöglich wartete sie nur auf die Initialzündung, um dann genüsslich alle Details ausplaudern zu können, die in ihr schäumten und brodelten wie kochende Milch kurz vorm Überlaufen. Der Mord an Sonjas Lover könnte so eine Detonation sein, überlegte Hannes.

Wenn es denn ein Mord war … Er musste sich selbst von der Lage überzeugen – und zuallererst davon, dass der Mann tatsächlich tot war.

Er ging zum Wagen, fühlte Manfred den Puls und beugte sich zu dessen Mund hinunter. Eindeutig: kein Atem mehr.

»Vorsicht«, sagte Sonja, und Hannes warf ihr einen scharfen Blick zu.

Wieso Vorsicht? Er ist doch schon tot. Er zückte sein Handy.

»Was hast du vor?«

»Ich rufe die Polizei.«

Wieder fasste Sonja ihn überraschend grob am Arm. »Das darfst du nicht! Nicht die Polizei!«

»Sonja. Jemand hat deinen Manfred erstochen, und der Kerl ist immer noch da draußen.« Hannes nickte in den Wald. »Wir müssen die Polizei informieren.«

»Nicht. Die. Polizei.« Fast schien es, als hätte sie bei jedem Wort am liebsten mit dem Fuß aufgestampft.

Hannes zog die Augenbrauen zusammen. »Aber du warst das nicht selbst, oder? Du hast ihn nicht erstochen?« Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihm auf.

Den Sonja sofort vehement zunichtemachte. »Spinnst du? Das war ein Verrückter im Wald!«

Impulsiv reckte sie sich, wohl um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, und deutete mit einem Arm hinter sich. Dann brach sie wieder in Tränen aus, und ihre nicht wasserfeste Wimperntusche hinterließ schwarze Rinnsale auf ihren Wangen.

Hannes, zwar ein Ein-Meter-fünfundneunzig-Kerl mit ansehnlichen Muskeln, die von der Arbeit in seiner Kfz-Werkstatt stammten, legte unbeholfen den Arm um sie. Einen Bären von Mann hätte er locker mit der Faust zu Boden gestreckt, aber gegen eine weinende Frau war er machtlos. Mit der anderen Hand schob er sich ein paar dunkle Haarfransen aus der Stirn und kratzte sich verlegen am Kinn. Er wusste nicht, wohin sonst mit ihr.

»Vielleicht war es ja der Hoi-Mann«, versuchte er einen dummen Spruch.

Sonjas Wasserfall versiegte, und sie schaute ihn aus feuchten Augen neugierig an. »Wer?«

»Sag bloß, du hast noch nie etwas vom Hoi-Mann gehört?«, meinte Hannes überrascht.

Sonja murmelte ein »Hm-hm-nein« und schnäuzte sich in das Papiertaschentuch, das sie bereits mehrfach benutzt hatte und das nur noch ein feuchter Klumpen in ihrer Faust war.

»Wenn früher die Mannsbilder nach dem Wirtshausbesuch spät durch den Wald nach Hause gingen, konnte es durchaus sein, dass plötzlich Wind aufkam.« Hannes ahmte rauschende Windböen nach. »Dann hörten sie eine Stimme rufen: ›Hoi-hoi!‹«

Sonja reagierte nicht.

»Aber wehe, wenn sie das seltsame Männlein, das die Rufe ausstieß, verspotteten oder einfach nur Pech hatten«, erzählte er weiter. »Dann sprang es ihnen in den Nacken, und sie mussten den Hoi-Mann den ganzen Weg bis zu seinem Hof tragen. Darum besser nie den Hoi-Mann verarschen, gell, Sonja?«

»Wie gruselig. Gab es den Hoi-Mann denn wirklich? Und wenn ja, was ist mit ihm passiert?«, fragte sie wie ein kleines, naives Mädchen. »Hat man ihn erwischt und weggesperrt?«

Nun war guter Rat teuer. Sagte er ihr, dass man Sagengestalten nicht einfach in den Kerker sperren konnte und sie in den Erzählungen der Menschen jahrhundertelang weiterexistierten, jagte er ihr in ihrem labilen, traumatisierten Zustand vielleicht eine so große Angst ein, dass sie nie wieder in den Wald gehen oder nachts durch die Stadt bummeln würde. Dennoch schien ihm ein aufklärendes Wort angebracht.

»Das ist doch nur eine Geschichte, die sich die alten Leute früher in den Stuben erzählt haben. Als es noch kein Fernsehen und kein Netflix gab und man sich mit schaurigen Sagen und Legenden die Zeit vertrieben hat.«

Sonja kaute auf ihrer Unterlippe. Etwas in ihr arbeitete. »Und wenn das mit Manfred doch der Hoi-Mann war?«

Bravo, Hannes Perchinger, das hast du ja sauber hinbekommen, dachte er und verdrehte die Augen.

»Also, was machen wir jetzt? Sollten wir nicht doch die Polizei rufen?«, lenkte er rasch ab, das Handy noch immer in der Hand, erhielt aber nur ein störrisches Kopfschütteln zur Antwort. Hannes konnte nicht glauben, in was für eine Situation er da geraten war. Was erwartete Sonja von ihm? Dass er den Toten einfach wegbeamte und so tat, als wäre nichts geschehen?

»Ich darf mit ihm nicht in Verbindung gebracht werden«, antwortete sie erstaunlich sachlich. »Die von der Schutzpolizei würden doch wissen wollen, was ich in aller Herrgottsfrühe auf dem Campingplatz zu suchen gehabt habe und warum ein Toter in meinem Wagen liegt. Dann würden sie eins und eins zusammenzählen und die Kripo einschalten. Schlimm genug, dass die sich dann das Maul über mich zerreißen würden, aber irgendwann würde auch mein Mann von meiner Affäre erfahren.« Sonja schnaufte theatralisch. »Warum, meinst du, verkleide ich mich, wenn ich Manfred besuche, immer mit einem großen Sonnenhut und einer riesigen Sonnenbrille? Richtig, damit mich ja niemand erkennt.« Wieder überzog Tränenglanz ihre Augen. »Besuchte. Wenn ich Manfred besuchte«, verbesserte sie sich.

Das muss man sich halt überlegen, bevor man was mit einem Mann, der nicht der eigene ist, anfängt, dachte Hannes grimmig. Dennoch war er bereit, ihr zu helfen. »Na gut. Ein Vorschlag zur Güte: Dann legen wir ihn eben in den Wald und rufen anonym die Polizei an. Oder hoffen, dass ein Spaziergänger ihn findet und das für uns übernimmt.« Schon schob er sich die nicht vorhandenen Hemdsärmel hoch. Hannes trug nur T-Shirts und im Winter Pullover, weil er Single war und Bügeln verabscheute.

»Aber wir können den Manfred doch nicht wie einen Sack Altkleider in den Wald schmeißen!«, begehrte Sonja auf.

Nun platzte es aus dem sonst so stoisch ruhigen Hannes doch heraus: »Zu deinem Techtelmechtel willst du nicht stehen, aber trotzdem machst du so ein Gedöns um ihm.«

Sie blinzelte ihn an.

Und bevor wieder ein Wasserfall aus ihr heraussprudeln konnte, packte Hannes Manfred von der Beifahrerseite aus beherzt unter den Armen und zog ihn mit zusammengebissenen Zähnen stückweise zu sich herüber.

»Wohin willst du mit ihm?«, wimmerte Sonja.

»Ich versuche, ihn rüber auf den Beifahrersitz zu ziehen. Na los, hilf mit.«

»Und dann?«

Hannes zerrte weiter an dem Toten, dass alles danach aussah, als würde er einen Bandscheibenvorfall riskieren. »Wir bringen ihn ins Spukhäusl, da hat er es schön warm.«

Sonja verstand nicht. »Ins was?«

»Sag mal, was weißt du überhaupt über diese Gegend? Den Hoi-Mann kennst du nicht und das Spukhäusl auch nicht.«

»Ich lebe eben schon lange in der Stadt«, maulte sie verschnupft.

»Schräg gegenüber vom Campingplatz steht ein verlassenes Haus. Man kann es durch die Bäume hindurch sehen. Nach dem Krieg hat sich darin ein tragisches Unglück ereignet …« Hannes vermied bewusst das Wort »Mord«. »Seitdem steht es leer und verfällt. Um das Haus ranken sich Gerüchte, dass es darin spukt. Natürlich ein gefundenes Fressen für Geisterjäger, spiritistisch Angehauchte und Sensationstouristen, die sich an manchen Tagen die Türklinke in die Hand geben. Besonders schlimm ist es an Allerheiligen, Allerseelen und Halloween. Wobei, Türen – und auch Fenster – gibt es da schon lange nicht mehr.«

Sonjas Augen waren immer größer geworden. »Und da willst du den Manfred lassen?«

Hannes stöhnte genervt. Irgendwo hatte seine Gutmütigkeit auch Grenzen. Der Mann war tot und eindeutig ein Fall für die Kripo. Und früher oder später würde Sonja sowieso auffliegen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber dass ihr nun das Spukhaus nicht gut genug für ihren toten Lover war, das war schon mehr als nur ein bisschen gaga.

»Soll ich ihn vielleicht auf den Campingplatz zurückfahren und auf eine Sonnenliege betten?«, fuhr er sie an. Und weil er sah, dass sie wieder die Nummer mit den Kleinmädchenaugen abziehen wollte, wischte er genervt mit der Hand durch die Luft. »Nichts gibt’s! Der Manfred kommt ins Spukhäusl. Und jetzt pack endlich mit an.« Eine seltsame Energie durchflutete ihn, er wollte die Chose so schnell wie möglich erledigt wissen.

Und offenbar war Sonja nun doch mit seinem Vorschlag einverstanden. »Da wird er wenigstens nicht nass, wenn es regnet«, meinte sie treuherzig.

Allerdings war sie ihm keine große Hilfe, auch wenn sie ihr Bestes gab.

Als sie schließlich in den Fond hinter Manfred kletterte, entging ihr, dass ihr Schlapphut von der Rückbank, wo sie ihn erst vor Kurzem achtlos hingeworfen hatte, auf den Waldboden gerutscht war.

Währenddessen legte Hannes sein Mountainbike quer in den Kofferraum, den er ein Stück weit offen lassen musste. Aber das kurze Stück runter bis zum Spukhäusl würde es schon gehen. Er gurtete Manfred an und stieg nun selbst in den Wagen. Die Leiche neben ihm war ihm unangenehm. Hannes war sonst nicht so zartbesaitet, aber mit einem toten Menschen, den er nicht einmal kannte, eine Spritztour zu unternehmen, das war nicht okay, nein, wirklich nicht. Und hinter sich hörte er Sonja schon wieder die Nase hochziehen. Er betete, der Herrgott im Himmel möge doch bitte ein Auge zudrücken.

Die Zeit drängte. Hannes war sich bewusst, dass sich die Urlauber, kaum hätten sie ihr Frühstück verputzt, auf die Fahrräder schwingen oder ihre Rucksäcke schultern und Wald und Flur überschwemmen würden. Ein Wunder oder Riesenglück, dass bisher kein Jogger den Waldweg entlanggekommen war. Innerlich verfluchte er sich. Warum machte er bei dieser irrsinnigen Aktion überhaupt mit? Sonja war noch nicht einmal sein Typ, sodass er sie mit seiner Hilfeleistung hätte beeindrucken wollen. Und bei Caro hatte er damit wirklich was gut.

Er ließ den Japaner an. Sonja schniefte mit gesenktem Kopf. Nun regte sich doch Mitleid für sie in ihm. Schon grausam, dass das Mädel genau hinter ihrem toten Lover saß. Und auch über seinen Rücken rieselte ein seltsamer Schauer. Es war nicht alltäglich, dass der Tod neben einem hockte.

Hoffentlich trieb sich niemand im Spukhäusl herum. Hannes hatte gehört, dass angeblich ab und an furchtlose Tramper oder Liebespaare mit abartigen Vorlieben die Nacht dort verbrachten. Man erzählte sich die skurrilsten Geschichten. Und hoffentlich war die Schmidpfandlerin noch nicht in ihrer Imbissbude, um den Grill und die Fritteuse anzuheizen.

Sonja schaute währenddessen über die Schulter zur Heckscheibe hinaus und zuckte plötzlich zusammen. Auch Hannes wandte jetzt den Kopf. Jemand kam aus dem Wald und hob seine Beine dabei wie ein Storch. Zum Glück machte der Waldweg eine Biegung, wodurch das Trio und ihr Japaner gerade noch rechtzeitig aus dem Blickfeld des Wanderers verschwanden.

»Das war knapp«, sagte Sonja mit vom Weinen roter Nase.

Hannes hatte den Mann ebenfalls im Rückspiegel gesehen, sorgte sich allerdings in dem Moment mehr um die Entsorgung des toten Manfred als um den merkwürdigen Wanderer. Oder, und bei dem Gedanken zog es ihm dann doch unwillkürlich den Magen zusammen, war das Manfreds Mörder gewesen?

Schlapphut