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Friedhof der Ketzer Auf einem Friedhof in der Nähe von Toledo wird die Leiche eines Mannes gefunden. Das Gesicht des Toten ist schmerzverzerrt, sein Körper merkwürdig verkrampft. Was hat der Tote gesehen? Was ist mit ihm geschehen? Jahre später verfolgt der Reporter Aníbal Navarro die Spur des Toten. Doch niemand will über den verlassenen Friedhof sprechen. Seitdem eine ketzerische Sekte dort von der Inquisition brutal verfolgt wurde, gilt der Ort als verflucht. In der Kapelle entdeckt Aníbal mysteriöse Inschriften und rätselhafte Fresken. Die dargestellten Szenen erinnern ihn an die Bilder von Hieronymus Bosch und dessen schreckliche Visionen vom Tod. Und je näher er bei seinen Recherchen dem Rätsel kommt, desto mehr wird er selbst von Schmerzen und Albträumen heimgesucht ...
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Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Iker Jiménez
Campus Sanctus
Aus dem Spanischen von Daniela Pérez y Effinger
Ihr Verlagsname
Friedhof der Ketzer
Auf einem Friedhof in der Nähe von Toledo wird die Leiche eines Mannes gefunden. Das Gesicht des Toten ist schmerzverzerrt, sein Körper merkwürdig verkrampft. Was hat der Tote gesehen? Was ist mit ihm geschehen?
Jahre später verfolgt der Reporter Aníbal Navarro die Spur des Toten. Doch niemand will über den verlassenen Friedhof sprechen. Seitdem eine ketzerische Sekte dort von der Inquisition brutal verfolgt wurde, gilt der Ort als verflucht. In der Kapelle entdeckt Aníbal mysteriöse Inschriften und rätselhafte Fresken. Die dargestellten Szenen erinnern ihn an die Bilder von Hieronymus Bosch und dessen schreckliche Visionen vom Tod.
Und je näher er bei seinen Recherchen dem Rätsel kommt, desto mehr wird er selbst von Schmerzen und Albträumen heimgesucht ...
Iker Jiménez (Jg. 1975) stammt aus Madrid, wo er als Journalist arbeitet und ein eigenes Radioprogramm zu paranormalen Phänomenen bestreitet.
Die letzten Nächte Philipps II. waren furchtbar. Das Schlafgemach war vollgestopft mit Schutzreliquien, mit schwärzlichen Oberschenkel- und Schlüsselbeinknochen, mit zahnlosen Schädeln von Heiligen, die er angesichts seines langsam herannahenden Todes eifrig erworben hatte. Der treue Ratgeber wollte sie herrichten und reinigen. Doch der König weigerte sich, etwas an ihnen zu verändern. Er hatte Angst und störte sich nicht an dem Gestank jener menschlichen Überreste, die schweigsam von den Vorhängen herabbaumelten.
Ihre Wirkung als Schutzschild gegen das Böse war das Einzige, was ihm wichtig schien.
«Es heißt, der Schwarze Hund sei zurückgekehrt …»
Pater Atienza schüttelte verneinend den Kopf, ohne dabei den Blick vom Boden zu heben. Dann erklärte er mit sehr dünner Stimme, dass dies nur Gerede sei, Märchen, die dem ungebildeten und zu Phantastereien neigenden Pöbel entsprangen. Doch der Monarch beharrte darauf.
«Zweifelt nicht daran: Auf der anderen Seite erwarten mich die Schatten der Ketzer, um mich zu quälen. Das ist ihre Rache.»
Der Mönch wollte den König von jenen fiebrigen Gedanken abbringen und schob die Bibel unter das Laken bis zur leichenhaften und wundgescheuerten linken Hand des Monarchen. Sie war allerdings noch kräftig genug, eine Faust zu ballen. Ohne die Bibel eines Blickes zu würdigen, schob er sie sanft mit den Knöcheln weg und fuhr mit seiner angsterfüllten Beichte fort.
«Wenn das Ende naht, streunt er auf diesen Felsen herum. Er hat es schon mehrmals getan, ich habe ihn durch die Fenster gesehen. Dieser dort, der ist es.»
Sein Finger zeigte genau geradeaus auf eines der Bilder, die er fünf Jahre zuvor hatte anschaffen lassen, ungeachtet der Experten, denen die Kompositionen einhellig missfielen. In der unteren Ecke des Triptychons erschien, schwarz wie die mondlose Nacht und bis auf die Knochen ausgehungert, ein Raubtier mit langen menschlichen Händen. Als wolle es die Leinwand verlassen, blickte es durch sein einziges rundes, blaues Auge, während es die Eingeweide eines Christen verschlang, der um Gnade flehte.
«Ich hätte es niemals tun dürfen. Seitdem warten sie dort auf mich, zwischen den Welten, in ihrem Gebiet, wohl wissend, dass meine Stunde bald geschlagen hat.»
Pater Atienza befürchtete das erneute Erscheinen des Fieberphantoms. Ohne ein Wort holte er mehrere kalte Umschläge aus einer Schüssel und legte sie auf die Stirn des Kranken. Darauf setzte er wie ein Amulett einen kleinen Knochen, der so krumm wie ein verrosteter Angelhaken war: der unversehrte Finger eines Märtyrers.
«Majestät, all die Zeit habt Ihr stets den einzig wahren Glauben vor der Gefahr der falschen Propheten verteidigt. Ich habe die Gewissheit, dass Ihr für diese tapfere Arbeit durch unseren Herrn Jesus Christus im Paradies belohnt werdet. Ihr könnt Eure Seele ohne jede Furcht übergeben.»
Die Finger, die immer noch das Reich regierten, verkrampften sich und griffen mit höchster Anstrengung und voller Wut nach der langen Soutane:
«Ihr wisst nicht, wovon ich spreche. Ihr wisst es nicht!»
Der Schrei ließ den Mönch instinktiv zusammenzucken, wie ein verschrecktes Tier.
«Sogar hier innerhalb dieser Gemächer konnte ich ihn sehen. Versteht Ihr nicht?»
Es fiel ihm schwer zu sprechen, und sein Mund war durch die angestrengte Grimasse verzerrt.
«Er verwandelt sich in ein kleines Kind. Ein Junge, der soeben seinem vorzeitigen Grab entstiegen ist, mit Erde im Haar, schwarzen Fingernägeln und verfaulten Zähnen, und der mich dort geduldig erwartet. Genau dort …»
Der Ratgeber schaute an den Punkt, auf den sich die wässrigen Augen des Königs immer wieder richteten, um nur das Offensichtliche vorzufinden: Die Bilder des verrückten Malers, des Schöpfers von Delirien, der durch die seltsame Kraft seiner Werke den mächtigsten Mann des Reiches hypnotisiert zu haben schien. Die Bilder waren vor einer Woche nach genauen Anweisungen des Monarchen aus unterschiedlichen Sälen geholt worden und bildeten nun alle zusammen aufgestellt ein großes Kreuz, ein finsteres Mosaik vor dem Sterbebett des Königs.
«In meinem Kopf dröhnen noch all die Warnungen, das Gelächter und die Stimmen nach. Sie wollen mich nur schwächen, damit ich wehrlos vor sie trete. Daher kann ich mich dem Schlaf nicht einen Augenblick hingeben. Ich weiß mit Bestimmtheit, dass sie durch diese Dunkelheit, sei sie auch noch so kurz, in meine Seele eindringen werden … Aus diesem Grund muss ich meine letzten Kräfte sammeln, um in dieser christlichen Wache zu verweilen, ihnen die Stirn bieten und mich an die Gräuel gewöhnen, die mich im Jenseits erwarten.»
«Ihr wisst sehr wohl, es ist meine heilige Pflicht, über Eure Krankheit zu wachen. Um dieser Arbeit willen, auch wenn ich Euch widerspreche, muss ich Euch sagen, dass ich seit sechs Nächten Wache halte und Euch versichern kann, dass in diesen Gemächern nichts geschehen ist, das …»
«Stellt Ihr etwa mein Wort in Frage? Wagt Ihr es anzudeuten, ich würde meinen Verstand verlieren?»
Nach diesem Wutausbruch bemächtigte sich die Ruhe erneut des Zimmers, als ob das Gespräch niemals stattgefunden hätte. Der Sterbende, der immer weiter in den Kissen versank, kämpfte darum, die Augen offen zu halten, die immerzu auf das Herz jenes mittleren Tafelbildes starrten. So kehrte vollkommene Stille ein.
«Majestät, soll ich die Öllampe löschen?»
Der König antwortete nicht, sondern schüttelte nur mehrmals sein Haupt. Es war eine Geste der Angst.
Der Tag brach bereits an, als der Geistliche bemerkte, dass die Atmung des Königs schneller wurde. Die plötzliche Unruhe seines Herrn holte ihn aus dem Halbschlaf, in den er versunken war, und warf ihn zurück, sodass er beinah das Gleichgewicht auf dem Stuhl verlor.
«Majestät, was ist mit Euch?»
Pater Atienzas Blick färbte sich ebenfalls mit Entsetzen. Jetzt sahen beide in dieselbe Richtung, und es hatte den Anschein, als ob …
«Wer ist da?»
Es war nur eine Sekunde, ein Reflex, eine Täuschung der Sinne, die durch die lange Wartezeit abgestumpft waren. Was konnte jene dunkle Gestalt ohne Gesicht sonst sein, die sich langsam dem Fuße des Bettes näherte und immer näher kam, mit erhobenen Armen und ausgestreckten schwarzen Händen?
Völlig außer sich stürzte der Mönch aus dem Schlafgemach und ließ Philipp II. regungslos inmitten des riesigen Bettes zurück. Mit dem Kruzifix fest in den Händen hetzte er den Flur voller Bilder entlang, die sich unter seinem ängstlichen Blick zu verwandeln schienen, als ob sie irgendeinem teuflischen Einfluss unterlägen.
In der Bibliothek angekommen, atmete er erleichtert auf, als er am letzten Tisch einen zierlichen Mann mit schütterem Haar und Brille vorfand, der in einem dicken, weit geöffneten Buch las.
«Er hat ihn wieder gesehen, und dieses Mal könnte ich schwören …»
Benito Arias Montano, Gelehrter und Astrologe, legte den Zeigefinger auf seine Lippen und zwang den Geistlichen, den Satz jäh zu beenden. Obwohl er das Kloster vor neun Jahren verlassen hatte, um sich als Eremit in die Höhlen im Süden zurückzuziehen, war er von der Inquisition aufgefordert worden, die Bibliothek des Klosters, jenen Wissenstempel, den er selbst vor geraumer Zeit begründet hatte, von verbotenen Büchern zu reinigen. Seit seiner erzwungenen Rückkehr war er überzeugt davon, dass ein Zensor der Inquisition jeden seiner Schritte überwachte, sich verborgen hielt hinter den Regalen, hinter den Schiebetüren oder im unauffälligen Halbschatten der Fackeln. Er ließ deshalb seit geraumer Zeit äußerste Vorsicht walten und bemühte sich, niemals die Stimme zu erheben. Doch Pater Atienza konnte sich nicht beherrschen.
«Es war eine Gestalt, die dort wie eine Stichflamme aufloderte und …»
«Fahren Sie nicht fort, denn ich kenne die Erfahrung nur zu gut», erwiderte Arias Montano in einem schneidenden Ton und schaute sich auffällig nach allen Seiten um.
«Barmherziger Gott! Es kam aus dem Nichts. Meine Augen haben es gesehen, wie ich jetzt Sie sehe.»
«Haben Sie die Wache verständigt?»
Pater Atienza, von Panik ergriffen, verneinte. Seine Hände zitterten unkontrolliert und ließen den Tisch wackeln. Noch immer wunderte er sich über die Kälte dieses Mannes.
«Umso besser. Haben Sie ihn übrigens über die Existenz des Pergaments unterrichtet?»
«In seinem Zustand wäre das verheerend. Das Beste ist, er begegnet dem Paradies ohne Kenntnis dieser schrecklichen Einzelheiten. Nach dem, was ich gesehen habe … Selbst ich bezweifle, dass alles Wahnvorstellungen waren. Gütiger Himmel! Sind wir alle dabei, den Verstand zu verlieren?»
Hingebungsvoll küsste er die Christusfigur aus Elfenbein und stand auf, um in die Schlafgemächer des Königs zurückzukehren. Bevor er sich entfernte, flüsterte Arias Montano ihm jedoch zu:
«Alles hat mit dem zu tun, was vor sechs Jahren passiert ist. Und ich weiß nicht, ob wir gut daran tun, dieses Manuskript zu unterschlagen. Wir sollten es nicht vor unserem König geheim halten.»
«Und wenn es sich nun nur um ein makaberes Vergnügen handelt?»
«Seien Sie nicht so naiv, Pater. Was der anonyme Reiter vor sechs Nächten in den Garten der Mönche geworfen hat, genau in dem Augenblick, als die Wachablösung stattfand, ist eine sehr ernste Sache. Sie sind es! Sie sind aus den Schatten zurückgekehrt. So wie sie es an jenem unheilvollen Abend versprochen haben.»
«Wollen Sie damit sagen, dass Sie die Unterschrift sehen konnten, bevor das Dokument zerstört wurde?»
«Mit meinen eigenen Augen, kurz bevor die Wache es in den Kamin geworfen hat. Dort prangte das unverwechselbare Emblem der Ketzer. Eine Warnung an uns alle.»
«Uns alle?»
«Ja, uns, die wir jenes grausame Gemetzel an Männern, Frauen und Kindern möglich machten.»
Nach diesem geheimen Treffen stieg der Mönch in die Gemächer des Königs hinauf, möglicherweise mit der Absicht, von jenem seltsamen Ereignis zu berichten, das er seit einer knappen Woche aus Angst verschwiegen hatte.
Doch als er die letzten Stufen erreichte, glaubte er im Dunkeln ein Lachen zu vernehmen. Das unverwechselbare Lachen eines Kindes, das sich wie ein böser Traum entfernte. Er beschleunigte seinen Gang. Als er die Flügeltür weit aufriss, erblickte er das Antlitz des Monarchen. Sein Mund war schmerzverzerrt, und seine offenen Augen, die noch starr nach vorne gerichtet waren, spiegelten die unverwechselbare Farbe des Todes wider.
Alles musste sehr schnell gegangen sein, als sich in der kurzen treulosen Abwesenheit des Ratgebers die Gelegenheit bot.
Am 13. September 1598, um fünf Uhr morgens, unterschrieb der königliche Chirurg Victoriano Morgado die Sterbeurkunde. Von der offiziellen Geschichtsschreibung unerwähnt blieb der Tumult, der sich eine halbe Stunde zuvor ereignet hatte. Der Arzt musste drei Diener aus dem Speisesaal herbeirufen lassen, um Pater Atienza festzuhalten, der dabei überrascht worden war, wie er auf eines der Triptychen losgegangen war. In seiner rechten Hand hielt er einen Dolch, und seine Augen waren blutunterlaufen.
Benito Arias Montano, der durch den Lärm aufmerksam geworden war, sah, wie man den Geistlichen überwältigte, während dieser wutentbrannt Worte schrie, die für alle anderen keinen Sinn machten. Vom Boden aus, schäumend vor Wut und in einem Anfall von Hysterie, hörte er nicht auf zu brüllen, als ob er sich an den leibhaftigen Teufel wenden würde:
«Man muss sie vernichten! Sie sind alle verflucht! Sie sind wieder da! Satans Kinder!»
Meine Geschichte beginnt mit der Suche nach einem Reporter, der 1977 gestorben war. Das heißt, eigentlich ging ich einer seiner Geschichten nach.
Seit einiger Zeit verfolgte ich bereits die Spuren seines Todes, der in der Hektik des journalistischen Tagesgeschäfts ungeklärt geblieben war. Als ob die Zeit noch nicht reif gewesen wäre.
Manchmal, wenn ich in Bücher und Projekte vertieft war, schloss ich fest die Augen und stellte mir sein Gesicht vor, wie es in der Dunkelheit schwebte. Die Hakennase, das glatte lange Haar, der abwesende Ausdruck. Es war das Bild, das ich eines Tages in einer alten Zeitschrift entdeckte, das Gesicht jenes Mannes, der es zu einem bedeutenden Radiomoderator gebracht hatte und den man dann vergessen hatte, als ob es ihn nie gegeben hätte.
Ein Mann, von dem niemand mehr sprach. Einer, dessen Namen jedes Gespräch zwischen den älteren Kollegen meiner Zunft verstummen ließ, bevor man sich wieder anderen Dingen zuwandte. Manchmal, ganz selten, sprach jemand von ihm hinter vorgehaltener Hand. Doch es war meist nichts Gutes:
«Wahnsinn … Genie … Er endete wie ein Bettler … Er war boshaft. Sogar grausam … Ein schwieriger Charakter … Seine Halluzinationen … Eine Schande um sein Talent. … Er war der Größte … bis er scheiterte. … Er hatte etwas Beängstigendes an sich. Er war zu allem fähig … Er hatte alles … Und hat alles verloren. … Der Alkohol, die Frauen … Delirium tremens.»
Angetrieben vielleicht von meiner Arbeit beim Radio, oder weil mich die Berichterstattung über außergewöhnliche, paranormale Ereignisse begeistert, oder aufgrund der seltsamen Faszination, die das unerwartete Scheitern eines Helden manchmal ausübt, versuchte ich jahrelang alles anzuhäufen, was er jemals geschrieben, fotografiert und gesagt hatte. Der größte Teil des Materials war allerdings für immer verloren, aber mit jedem kleinen Erfolg, mit jeder neuen Tonbandaufnahme seiner legendären Sendung «Vollmond» und mit jedem noch so vergilbten Artikel kehrte der Wunsch zurück, zu erfahren, was aus ihm geworden war. Sein trauriges Ende kennenzulernen.
Und manchmal sah ich jene schweigsame Gestalt noch vor mir, die sich in eine Ecke des Zimmers zurückzog und wartete, wie jemand, der über alle Zeit der Welt verfügt. Groß, schlank, die Hände immer in den Taschen seines abgetragenen, dunklen Mantels.
Ja, das war er: Lucas Galván, der Reporter unbekannter Phänomene. Der Beste von allen, die diesen Beruf jemals ausgeübt haben.
«Sagten Sie Hieronymus van Aken?»
«Genau der. Überrascht Sie das?»
Es war an einem frühherbstlichen Nachmittag, als ich Sebastián Márquez das erste Mal anrief. Mit der unfehlbaren Gewissheit, die uns leitet und die von einigen Instinkt genannt wird, wusste ich, dass ich bereits dabei war, in die Schatten einer verbotenen Geschichte vorzudringen.
Kurz vor dieser telefonischen Antwort war ich die Cuesta de Moyano entlanggegangen mit ihren Ständen antiquarischer Bücher. Ich wollte zu Cándido, einem der erfahrensten Bücherliebhaber in Madrid, dessen Frühdrucke und Radierungen seinen mit Holz verkleideten Stand in einem geordneten Durcheinander fast bis zur Decke füllten.
Er war der Erste, dem ich die Seiten zeigte, die ich in Barcelona für eine beträchtliche Summe erstanden hatte und die er sich jetzt mit großem Interesse anschaute. Ich wollte ihm weder ein Geschäft vorschlagen, noch konnte jenes Papier in irgendeiner Weise mit seinen Museumsstücken verglichen werden. Worum ich ihn bat, war seine Meinung als Experte, sein Rat oder irgendein Hinweis.
«Und wer, sagst du, hat das hier gemacht?», fragte er mich, während er seinen blauen Kittel aufknöpfte und sich auf den Hocker setzte, den er manchmal mit hinausnahm.
«Also, das ist nicht so wichtig, was mich vor allem interessiert, sind diese Anfangsbuchstaben hier, die sich wiederholen. Vielleicht beziehen sie sich auf irgendein altes Werk, das du kennst.»
«Die Figur des Alten hier», antwortete er, nachdem er mit der Lupe über die gesamte Oberfläche gegangen war, «erinnert mich an Gestalten aus Büchern über Dämonologie aus dem 16. Jahrhundert: der Hexenhammer, der Malleus Maleficarum … Du weißt schon, womöglich ist es eine Kopie jener Radierungen – eine ziemlich schlechte übrigens. Wer das skizziert hat, war kein besonders guter Zeichner …»
«Schon klar. Und das hier? Kann das was mit einem dieser Schmöker zu tun haben? Sagen dir die Initialen etwas?»
Cándido verzog das Gesicht, winkte ab und wandte sich einem anderen Kunden zu. Doch als ich schon weiterzog, muss ihm etwas durch den Kopf geschossen sein, das seine Erinnerungen im letzten Augenblick erhellte. Er stand auf, entschuldigte sich bei dem potenziellen Käufer und schlängelte sich in aller Eile durch die Menge, bis er mich einholte.
«Hier», sagte er außer Atem nach dem kurzen Lauf und gab mir einen Papierfetzen, «das ist die Telefonnummer von einem Kunstexperten, der sich mit Symbolik auskennt. Er hat viele exklusive Fachbücher verlegt. Er ist vollkommen vertrauenswürdig, und das hier sagt ihm sicherlich mehr als mir …»
Eilig tippte ich die Ziffern in mein Handy. Sebastián Márquez war von meinem Anruf nicht weiter überrascht, konnte ich mich doch auf den bekannten Buchhändler berufen. Das muss ihn beruhigt haben. Ich kam sofort zur Sache:
«Wissen Sie, wer HVA sein könnte? Gibt es jemanden mit dieser Unterschrift?»
So begann diese Geschichte. Doch zunächst muss natürlich noch erklärt werden, wie jene geheimnisvollen Papiere in meine Hände gelangt waren.
In einer Wohnung im modernistischen Stadtteil Ensanche in Barcelona gab mir der frühere Chefredakteur der legendären Zeitschrift Universo, Ramón Gisbert, einen Text, der niemals gedruckt worden war. Den Tipp hatte ich von einem Redaktionsmitglied bekommen. Jemand, der mal bei dem Blatt gearbeitet hatte und wohl noch etwas nachtragend war.
«Der Alte hat alles bei sich zu Hause aufbewahrt. Auch das hier.»
Es waren zwei Seiten Text. Eigentlich handelte es sich um keine Reportage, sondern vielmehr um eine Reihe von scheinbar unzusammenhängenden Sätzen, die auf einer alten Olivetti geschrieben worden waren. Ein paar vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos und zwei farbige Polaroids waren mit einer Büroklammer an die Seiten geheftet.
Ehrlich gesagt, hatte ich nach den Andeutungen des Kollegen mehr erwartet. Doch das war alles.
Offiziell waren es die Zweifel am geistigen Gesundheitszustand des Verfassers, seine anhaltenden Alkoholprobleme und die fristlose Kündigung gewesen, die seinerzeit dieses Dossier in einer Schublade der Zeitschrift hatten verschwinden lassen. Kein Mensch erinnert sich mehr an die Exklusivberichte, die aus jenem Kellerbüro in Umlauf gebracht wurden, in dem heute zwei Russinnen einen Schönheitssalon betreiben.
Nachdem die Zeitschrift eingestellt worden war, hatte Gisbert alle Papiere bei sich zu Hause gelagert, wo sie schließlich in einem Schrank im Abstellraum landeten. Darunter verbarg sich – wie ein persönlicher Schatz – auch der letzte Artikel seines besten und polemischsten Reporters. Sehr zu meinem Leidwesen schien Gisbert aber fest entschlossen, diesen Artikel mit ins Grab zu nehmen.
Der fünfundsiebzigjährige Rentner, der alle drei Stunden an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden musste, weigerte sich strikt, mein Geld anzunehmen.
«Das hier hat niemanden zu interessieren», sagte er, ohne den Blick von den Geldscheinen abzuwenden, die ich noch in der Hand hielt.
Glücklicherweise erwies sich dann seine Frau zum Tauschhandel bereit. In ihrem gesteppten Morgenmantel schlurfte sie durch den Flur und brummelte, das alles sei nur Müll und es werde höchste Zeit, sich davon zu trennen, weil es ihnen so viel Unglück gebracht habe. Sie meinte auch die Aktenordner, Mappen und Dias und alles, was sich sonst noch in dem Schrank befand.
«Was bietet dir denn der junge Mann für den ganzen Papierkram?»
Es war offensichtlich, dass sie Geld brauchten. Angesichts der Summe kam ich mir allerdings ziemlich blöd vor, und ich erinnere mich, wie Gisbert dasselbe Wort – «Müll!» – zischte und mich dabei scharf ansah. Das vergisst man nicht so leicht.
Mit seinen weißen, kurzgeschorenen Haaren und seinem hasserfüllten Blick ließ ihn die Geschichte eines jungen Journalisten, der ihn bewunderte, völlig kalt. Er glaubte mir nicht. Im Gegenteil. Sein Blick war bitterböse.
«Du hast doch noch in den Windeln gesteckt, als wir hier richtigen Journalismus gemacht haben. Du kannst dich nicht mit uns vergleichen.»
Bis zum Schluss hielt er den alten Umschlag an seine Brust gedrückt. Die Niederlage stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er tat mir leid, aber ich konnte meine Augen nicht von dem vergilbten Papier lassen, so als ob mein Leben auf dem Spiel stünde. Die Sache war ganz einfach: Er wollte mir den Umschlag nicht geben … und ich würde nicht mit leeren Händen abziehen.
«Ich bin bereit, das Angebot zu verdoppeln, wenn Sie mir alles erzählen, was passiert ist. Gestern am Telefon waren Sie doch praktisch einverstanden.»
Sein Kiefer zitterte wie bei einem Wachhund, kurz bevor er sich auf den Eindringling stürzt. Unter dem Druck seiner buckligen Frau gab er mir schließlich, was ich so dringend haben wollte, und fügte als persönlichen Hinweis noch hinzu:
«Das Geld der gesamten Welt reicht nicht aus, damit ich dir erzähle, was ich weiß … Und jetzt verschwinde.»
Seine Frau zählte das Geld, und Gisbert, der jetzt mit offenem Mund heftig atmete, weigerte sich, auch nur ein einziges Wort über Galván zu verlieren. Nicht einmal die kursierenden Gerüchte wollte er abstreiten, die mit Sicherheit das Werk von Neidern und mittelmäßigen Reportern waren. Alles um den Autor und seinen letzten unvollendeten Artikel hüllte sich in Schweigen.
Während Gisbert langsam die Tür hinter mir verriegelte, sagte er noch, ich solle mich dort nie wieder blicken lassen.
Als ich die Treppe herunterlief, hatte ich den Eindruck, dem Alten einen Teil seiner Seele gestohlen zu haben. War dieser Text denn so wichtig und aufschlussreich? Oder lag der Schlüssel in den Fotografien?
Noch am selben Abend breitete ich in einem kleinen Hotel in der Gegend die Notizen im Licht der Nachttischlampe auf dem Boden aus. Ich las sie im Stillen und spürte, dass meine Ermittlungen wieder Sinn ergaben. Ich würde Galváns unvollendete Arbeit fortführen, auch wenn sich niemand an die traurigen Ereignisse erinnern wollte. Dreißig Jahre später würde ich diesen angsterfüllten Sätzen, die keiner verstanden hatte, Leben einhauchen:
Auf Adams Spuren
von Lucas Galván
Kein menschliches Wesen sollte jemals sehen, was ich gesehen habe, geschweige denn davon erfahren. Und wer es bereits gesehen hat, sollte besser bald sterben. Meine Ermittlungen sind so gut wie beendet. Jetzt weiß ich, warum das verfluchte Dorf in der Finsternis versank. Ich weiß, wer es bewohnte und wer durch das Feuer gewaltsam verhinderte, dass die reinen Seelen ins Paradies kamen.
Es war die Rache der weißen Hände.
Meine Vermutungen haben mich zu einer Gewissheit geführt, die nur wenige verstehen können. Hinter mir liegen belanglose Berichte, alltägliche Berichterstattung und der Neid der Kritiker. Nur diese eine große Mission zählt, die einzige, die sich lohnt und die mich vom Licht und der Finsternis lernen ließ. Die mir nach so vielen Jahren der Suche endlich Beweise geliefert hat, um nie wieder zu zweifeln.
Sie hatten die Gegend wegen der geeigneten Bedingungen gewählt. Bedingungen, die nur die Auserwählten wahrnehmen können und nicht die falschen Propheten. Dank der unfreiwilligen Hilfe von Leuten, die dort eine Reihe von übernatürlichen Erfahrungen gemacht haben, fand ich heraus, dass dieser Ort eine Macht besaß. Beide Fotografien bewiesen dies eindeutig. Aus reiner Unwissenheit fürchteten diese Leute sich vor jenen Gestalten, die in der Lage sind, von unseren Ängsten Besitz zu ergreifen. Ihre Reaktion ist durchaus menschlich, aber wenn das Entsetzen erst einmal überwunden ist und die nötigen Formeln gesprochen werden, können wir über die Schwelle in den Lichttunnel treten.
Das alles zeigt mir, dass der Schmerz dennoch bleibt und wiederkehrt und sich uns erst offenbart, wenn wir den Schlüssel kennen. Deshalb wurden heimlich Tempel in den Epizentren der Träume errichtet und Regeln aufgestellt, damit nichts in Vergessenheit geriet. Die Kirche wollte sie vom Angesicht der Erde hinwegfegen, aber der Meister HVA, ein Reisender an den Abgründen, ein Chronist der dunklen Seite der Seele, ließ sie wieder auferstehen, als es niemand erwartete. Seine entscheidende Begegnung in den Katakomben ist der Schlüssel zu dieser alten und neuen Wahrheit. Es ist von nun an meine Aufgabe, sein großartiges Werk zu verbreiten; die Menschheit soll durch mein Zeugnis, durch meine heilige Mission davon erfahren. Die Kirche mit dem falschen Kreuz glaubte, sie hätte die reine Wahrheit ausgerottet und sie durch Blut und Feuer mit ihren vermeintlich göttlichen Worten und Gesetzen im Keim erstickt. Doch dann erschien der Mann, der das verlorene Wissen ballte und sie herausforderte. Er tat es auf eine Weise, mit so wunderbaren Visionen, dass viele andere nach ihm sein Werk fortführen konnten. Seine Brüder des Elektrischen Zirkels brachten mit der Dreifachen Anrufung Licht in das Bild, das uns erwartet. Sie schöpften aus den verschlüsselten Zeichen und konnten die Seelen wieder zum Vorschein bringen. So ist es bis heute. So ist es auch bei mir.
Entwurzelt und ärmlich wie ich mittlerweile bin, werde ich dennoch nicht gleich sterben, weil ich den Weg zur letzten Wahrheit beschreite. Jene Wahrheit, die nicht einmal die verlogene Pest, die sich die Priester in ihren Soutanen ausgedacht hatten, von dieser Erde fegen konnte. Zu einem geeigneten Zeitpunkt wird mir die Dreifache Anrufung erlauben, mit festem Schritt und auf der Suche nach neuen Kenntnissen ins Jenseits zu gelangen, um mich so in einen wahren Baummenschen zu verwandeln, der das Vergehen aller Dimensionen von seinem Wachturm aus beobachtet. Ich bin bereits auf dem Weg in die ewigen Dimensionen …
Dann folgte bis zum Ende der Seite eine Reihe von Buchstaben ohne Sinn und Zusammenhang. Auf der Rückseite befanden sich oben rechts ein Brandfleck sowie Kugelschreibermarkierungen – die scheinbar seine eigene Hand umrahmten – und schließlich ein paar vereinzelte Zahlen. Es waren Ziffernreihen im phantasierenden Bericht eines Mannes, der – offiziell – verrückt geworden und verschwunden war.
Ich verstand kein Wort.
Adam, Gottvater der reinen Welt, die verloren ging.
Mit diesem Satz auf der Rückseite endete die kurze Abfassung, die aus nachvollziehbaren Gründen niemals veröffentlicht worden war. An einer Seite zeigte eine Bleistiftskizze das faltige Gesicht eines sehr alten Mannes mit einem seltsamen Hut. Überaus sonderbar waren die Wurzeln und dicken Äste, die aus seinem Hals wuchsen und sich fast über die ganze Seite erstreckten.
Als ich schließlich auch die Fotos aus dem Umschlag holte, wurde ich unruhig. Auf dem einen war eine alte halb zerstörte Kirche abgebildet. Auf der Rückseite stand ein Vermerk:
Kapelle San Miguel, Ort einer Reihe von Phänomenen, die im vergangenen Jahrhundert das gesamte Tal in Blut tauchten. Bis hierher reichte der Einfluss des Meisters.
Galván hatte dieses Bild offensichtlich seinem Artikel mit einer Bildunterschrift für die Veröffentlichung beigefügt. Ungewöhnlich waren dagegen die zwei Polaroidaufnahmen in Farbe, die von einem scheinbar verlassenen Friedhof stammten.
Was zum Teufel sollte das alles? Was hatte dieser Mann in seinen letzten Stunden gesehen?
Ich ließ alles auf dem Boden liegen, löschte das Licht und versuchte einzuschlafen, während ich die Schatten an der Decke anstarrte, die sich im Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos immer wieder veränderten. Um Viertel nach fünf – das konnte ich auf den Leuchtzeigern meiner Armbanduhr erkennen – ließ mich etwas aufschrecken.
Unbewusst hatte ich etwas Wichtiges übersehen.
Oder hatte ich mich bei der eiligen Lektüre nur verguckt? Hatte er das womöglich selbst geschrieben und damit sein Ende prophezeit? Und warum war mir dieses Zeichen nicht früher aufgefallen?
Ich richtete mich ruckartig auf und tappte im Dunkeln nach der Nachttischlampe. Erneut nahm ich den Umschlag, der 1977 aus Toledo an die Redaktion der Zeitschrift Universo gegangen war, und drehte ihn um, damit ich mir den verschmierten Absender genauer ansehen konnte. Auf der kleinen dreieckigen Umschlagklappe hatte Lucas Galván seinen Namen ohne Anschrift geschrieben und ihm etwas hinzugefügt:
Lucas Galván (†)
An jenem Tag starben siebenhundertdreiundvierzig Menschen. Das Strohdach der großen Viehmarkthütte hatte Feuer gefangen und war über der Menge zusammengebrochen.
Man hat nie erfahren, ob das Feuer absichtlich gelegt worden war.
Um sechs Uhr abends hatte eine Seitenwand des Gebäudes Feuer gefangen. Fast augenblicklich brach ein flammendes Inferno aus. Die Hilfeschreie und der Anblick der menschlichen Gliedmaßen, die unter der verkohlten Masse knisternd herausragten, sowie die Ohnmacht der übrigen Bewohner prägten sich für immer tief ins Gedächtnis derer ein, die jenes Horrorszenarium mitansahen.
«Du gehst besser nach Hause, Hieronymus. Hörst du? Geh nach Hause!»
Wie viele andere machte Jan van Aken keine Anstalten, zum öffentlichen Brunnen zu laufen und Wassereimer zu füllen. Der durch das Tierfett geschürte Scheiterhaufen hatte sich in einen rot glühenden Berg verwandelt, der wie eine Kralle am Abendhimmel kratzte. Angesichts dieser Naturkräfte waren die Eimer und Schüsseln lächerlich, die einige in guter Absicht in ihren Armen herantrugen. In den Augen der Versammelten spiegelte sich stundenlang eine Szene, wie sie auf den mittelalterlichen Fresken zu sehen war, wo die Seelen nach dem Jüngsten Gericht in die Hölle fahren.
Das zumindest meinte jener Junge von gerade mal zwölf Jahren zu erkennen, obwohl es in diesem Fall die Hölle war, die auf die Köpfe der Bewohner von Herzogenbusch hinabstürzte.
«Du sollst das hier nicht mitansehen! Verschwinde endlich!»
Der alte Mann schrie seinen Enkel wütend an, denn er wusste, dass dieser Anblick dem Verstand des Jungen unwiderruflichen Schaden zufügen würde. Aber durch den Gefühlsausbruch machte er auch seiner eigenen Ohnmacht Luft.
Das Feuer ließ sich durch nichts löschen. Die Bewohner mussten tatenlos zusehen, bis es von selbst ausging. Tagelang flackerten die Flammen lichterloh und erfüllten die ganze Gegend mit einem widerlichen Gestank. Manche sprachen seitdem von dem Fluch.
«Sie sind schuld! Gott hat ihre Verwegenheit und unsere Nachsicht bestraft! Wir wollen Rache!»
Es wurde eine Trauerzeit von mehreren Tage verordnet. Doch in den darauffolgenden Nächten kam es zu Gewaltakten. Der kleine Hieronymus konnte von seiner Pritsche auf dem Dachboden aus alles mitansehen. Das Haus, in dem er mit seinem Großvater wohnte, lag ganz nah am Ort des Geschehens.
Am Ende des zweiten Trauertages lagen auf dem Dorfplatz mehrere Leichen. Es waren drei Frauen und ein bärtiger Mann, die man entblößt und zu Tode geprügelt und schließlich gevierteilt hatte. Der Frevel war gänzlich unbehelligt mitten im Dorf geschehen, mit dem stillschweigenden Einverständnis der Bewohner, die sich trotz der Hilfeschreie nicht hatten blicken lassen.
Als der Großvater und sein Enkelsohn am nächsten Morgen mit ihren Pinseln und Leitern auf dem Weg zur Kirche waren, um dort ihre Arbeit an einem Fresko zu beenden, stießen sie auf das makabere Schauspiel. Der erfahrene Kunstmaler schämte sich für seine Mitmenschen und drückte den Jungen fest an sich.
«Bei allen Heiligen! Gehen wir zurück nach Hause. Wir werden morgen mit der Arbeit fortfahren.»
«Aber heute sollten wir mit der rechten Mauer fertig werden und …»
«Schau da nicht hin und tu, was ich dir sage! Schnell!»
Hieronymus hatte außer seinem Großvater niemanden auf der Welt. Er schätzte sich glücklich, von ihm, dem angesehensten Künstler der Stadt, die Kunst der Malerei zu erlernen. An jenem Morgen, als sie unter der großen Säule auf dem Platz auf diese verrenkten Figuren stießen, sah er ihn zum ersten Mal weinen.
«Waren sie dafür verantwortlich?», fragte der Junge, aber er erhielt keine Antwort.
Noch bevor sie einen anderen Heimweg einschlugen, konnte er die deformierten Körper durch die faltigen Finger seines Großvaters sehen, die ihm jenen schrecklichen Anblick ersparen sollten. Es waren vom Rumpf abgetrennte Köpfe mit weit aufgerissenen Augen, als ob sie ihre Henker immer noch anstarren würden. Hieronymus bemerkte die acht abgehackten Hände, die auf dem Pflaster ein Kreuz aus menschlichem Fleisch bildeten. Alle zeigten eine Art Markierung auf der Haut, Buchstaben oder Zeichen, die er nicht identifizieren konnte, und die wie ein böser Traum verschwanden, als sie um die Ecke bogen.
Am selben Nachmittag brach im Lebensmittelladen von Herrn Melchiott eine hitzige Diskussion aus, die der Junge von seinem Platz auf einem Sack Hülsenfrüchten mit größter Aufmerksamkeit verfolgte.
«Das ist abscheulich! Woher wissen wir, dass sie es waren?», rief van Aken entrüstet.
«Mein lieber Jan», antwortete der dickbäuchige Ladenbesitzer, während er einem Hasen das Fell abzog, «die Anwesenheit dieser Teufelsanbeter macht uns nur Schwierigkeiten. Es ist eine Tatsache, dass sie uns Unheil bringen! So ist es seit Jahren und so wird es bleiben, wenn wir uns nicht wehren!»
«Uns wehren?», erwiderte der Maler und steckte das Stück Wild in seinen Korb. «So nennst du dieses Gemetzel?»
«Aber sie praktizieren einen Teufelskult und rufen die Toten an. Damit verfluchen sie unsere Felder, unsere Tiere und vergiften uns. Was geschehen ist, ist das Ergebnis ihrer Beschwörungen.»
«Ich bitte dich! Red doch keinen Unsinn! Ist denn das ganze Dorf verrückt geworden?»
Aus der gegenüberliegenden Ecke meldete sich nun ein großer schlanker Mann mit rauer Stimme zu Wort.
«Die Ketzer zu verteidigen, Herr van Aken, ist meiner Ansicht nach nicht sehr ratsam. Wir werden bis zum Äußersten gehen, um dieses Lumpenpack auszurotten, sie und alle, die sie beschützen, wie eine übelriechende Pustel.»
«Das ist nicht die Art und Weise, wie man vorgehen sollte, Pater.»
«Wie können Sie es wagen? Haben Sie etwa eine bessere Idee? Oder wollen Sie sich unbedingt gegen Gottes Gesetze wenden?»
«Gott befiehlt uns nicht, unsere Mitmenschen zu zerstückeln!», antwortete van Aken mit hochrotem Kopf und schlug mit der Faust auf den Holztresen.
«Sie stellen sich auf ihre Seite? Sympathisiert unser Künstler etwa mit dem Hexenglauben?», entgegnete der Mann in dem langen schwarzen Gewand, während er wutentbrannt mit dem Finger auf den alten Maler zeigte.
Jan van Aken nahm seinen Enkel am Arm und beendete die Diskussion, denn er wusste, es könnte ihm sonst ernsthaft Ärger einbringen. Er schlug die Tür des Lebensmittelladens so heftig hinter sich zu, dass sie wieder aufflog. Und dort, zwischen den aufgehängten Fasanen und der großen Waage, konnte man nun sehen, wie die beiden anderen Männer sich etwas ins Ohr flüsterten. Die ganze Zeit über hatte Melchiott sein geschärftes Fleischermesser gestreichelt. Er hing so sehr an seinen Werkzeugen, dass er die sonderbare Angewohnheit hatte, seine Initialen auf die Schneide eingravieren zu lassen.
«Hör nicht auf diese Barbaren, Hieronymus. Rache bringt nie etwas Gutes. Erinnere dich an meine Worte! Hörst du?»
In den Nächten nach der großen Tragödie blieb Hieronymus häufig wach und beobachtete, was auf dem dunklen Dorfplatz geschah. Zu später Stunde näherten sich einige Gestalten.
Beim ersten Mal war er erschrocken und wollte seinem Großvater Bescheid sagen. Doch es war ein so seltsamer Anblick, dass er sich in seine Decke eingehüllt nicht dazu entschließen konnte, sondern die Gestalten erst noch eine Weile beobachten wollte. Gut versteckt, um nicht entdeckt zu werden.
Dann fiel ihm etwas ein.
Mit einer kleinen Öllampe neben der Dachluke und einer Holztafel auf der Staffelei begann der Junge, der bereits ein besonderes Geschick im Umgang mit dem Pinsel bewiesen hatte, sein erstes persönliches Werk. Getrieben von dem Bedürfnis, diese außergewöhnlichen Geschehnisse wiederzugeben, die sich nur wenige Meter von seinem Zuhause abspielten, beschloss er, dem angegriffenen Gesundheitszustand seines erfahrenen und mürrischen Lehrmeisters nicht weiter zuzusetzen. Stundenlang arbeitete er zusammengekauert und ohne gesehen zu werden mit den Farben.
Dort waren sie, diese rätselhaften Gestalten, und durchsuchten die noch rauchenden menschlichen Scheiterhaufen, um ihre Wagen mit den Überresten zu beladen. Und vor allem war da eine Gruppe in schweren Umhängen, die sich bei Vollmond entblößt in einen Kreis stellte und unverständliche Worte von sich gab.
Wer waren diese Leute? Warum sammelten sie Leichenteile ein, die niemand haben wollte, und schmierten sie mit Öl ein, um sie anschließend auf kleinen Scheiterhaufen zu verbrennen, bis sie zu Staub verfielen?
Eines Nachts überraschte Jan van Aken seinen Enkel beim Malen.
Vielleicht waren es die Schreckenserlebnisse in jenen Nächten oder möglicherweise die schlechten Träume durch den Schlafmangel. Niemand weiß es genau. Doch es wird erzählt, dass das Ergebnis so faszinierend und unglaublich war, dass selbst der alte Meister erstaunt und entsetzt auf die Schöpfung seines Schülers starrte.
«Ich weiß, dass ich falsch gehandelt habe, Großvater. Ich werde es zerstören.»
«Nein, das ist nicht nötig. Aber sag mir … Das, was du hier gemalt hast, … hast du das wirklich gesehen? Ist das dort unten geschehen, Hieronymus? Sind diese Schatten echt?»
Der Junge verfiel in ein Schweigen, ein Schweigen und eine Abgeschiedenheit, die er in seinem Leben nur noch selten aufgeben würde.
In jener Zeit geschahen viele rätselhafte Dinge in Herzogenbusch. Zu viele Dinge für einen Ort, an dem bisher nur Ruhe geherrscht hatte. Auf das große Unglück folgten zahlreiche ungestrafte Verbrechen, seltsame Zeremonien, endlose Diskussionen und eine allgemeine Angst, die die Leute bei Einbruch der Dunkelheit alle Türen verriegeln ließ. Dennoch würde im Laufe der Jahre die Erinnerung verblassen, bis zu dem Punkt, dass viele sich fragten, ob das alles jemals geschehen war. Niemand zweifelte allerdings an der Existenz jenes ersten Werkes von einem der größten Genies der Kunstgeschichte.
Mitten im kollektiven Schmerz war die einzigartige Vision eines Menschen sichtbar geworden, der Dinge widerspiegelte, die nur in den tiefsten Ängsten des menschlichen Wesens vorstellbar sind. Und möglicherweise ahnte dieser Junge die Bedeutung, die er für andere in der Zukunft haben würde, als er seinen feinsten Pinsel nahm und vor den Augen seines alten Meisters, der in diesem einzigen Augenblick selber übertroffen wurde, entschlossen sein Namenszeichen unter das Werk setzte. Hieronymus fügte seinem Namen den Herkunftsort als Zeichen der Identifikation mit jenem trostlosen Ort hinzu.
So gelangten auf den rechten Rand des heute verschwundenen Gemäldes, das von den Experten viele Jahrhunderte später Der Totenkopfwagen genannt wurde, gut sichtbar seine drei Initialen und ein Name, der in die Geschichte eingehen würde:
HVA
Hieronymus van Aken
Das Kunstwerk verschwand 1911, doch die Anmerkungen des berühmten Professors Madariaga liefern ein klares Zeugnis der Schrecken, die der Junge in seinem ersten finsteren Werk darstellte.
Der Totenkopfwagen
Anmerkungen von Prof. Madariaga
Öl auf Holztafel
Maße: 48 × 35
Standort: Privatsammlung, Lüttich bis 1911
Datierung: 1463
Zustand: verschwunden
Mitten auf dem Feld ist eine Art Hausierer zu sehen in einem langen Umhang mit Kapuze, die sein Gesicht verdeckt. Er verkauft nichts und bietet auch keine exotischen Produkte aus fernen Ländern an. Stattdessen lädt er mitten in der Nacht in aller Verschwiegenheit einige Leichen auf. In der ganzen Region kursierten damals schreckliche Geschichten von Fetthändlern, die mit toten Körpern Geschäfte machten, was diese Szene beeinflusst haben könnte. An den Seiten des Wagens hängen grobe Messer, und hinten steckt ein Totenkopf auf einem Stab. Der Schädel ist in einen schwachen Schimmer eingehüllt. Auf dem Wagen sind ebenfalls die Anatomien einiger verbrannter Kinder und Frauen zu erkennen, deren Körper sich in der offenen Kiste stapeln. Auf den Hügeln der Umgebung sind noch kleinere Brände wie Irrlichter sichtbar. Daneben kann man einzelne Figuren beobachten, die zu meditieren scheinen. Die Landschaft ist in einem trostlosen Schwarz gehalten. Der Kontrast zu dem unheimlichen Licht des Feuers wird zu einem wiederkehrenden Thema und zum Kennzeichen von Hieronymus Boschs eigentümlichem Stil werden.
Das Pferd ist mit größter Präzision und Kenntnis der tierischen Anatomie gezeichnet. Es ist jedoch voller Wunden oder lepraähnlicher Male. Ein weiteres Detail ist außergewöhnlich: Das Tier hat wie ein Zyklop nur ein Auge. Ein blaues Auge.
1902 hat Alexander Frebauer bei einer genaueren Untersuchung entdeckt, dass einige der Toten, genau genommen drei, die in der Ebene zurückgelassen wurden, mit ihren eigenen Schatten erscheinen. Diese düsteren Schatten zeichnen sich in der herrschenden Dunkelheit etwas klarer ab. Sie scheinen aufrecht zu stehen, als ob sie ein Eigenleben hätten und von der plötzlichen Abspaltung überrascht worden wären.
Eines der seltsamsten Motive und Vorläufer der Anomalien, die in der gesamten schöpferischen Laufbahn von Hieronymus Bosch auftauchen, ist der Mond. An seiner Stelle erscheint in diesem Werk das bleiche, lachende Gesicht eines Mannes, der nie identifiziert werden konnte. Einige Fachleute erkennen darin einen abgeschlagenen bärtigen Kopf, der schwerelos im Raum schwebend die Szene beobachtet.
Nach Meinung des deutschen Experten Prof. Klaus Kleinberger, eines Spezialisten in der Psychologie alter Kunstwerke, bekundet dieses Gemälde eine früh entwickelte Genialität des Künstlers, die alles Bekannte übertrifft. Er spekuliert sogar, es könne sich um eine Arbeit handeln, die ein Ereignis aus dem Jahre 1462 widerspiegelt.
Für die meisten Experten liegt das größte Geheimnis in der plastischen Qualität und der eindrucksvollen Kraft dieses meisterhaften Jugendwerks. Ein Rätsel, das aufgrund des unglückseligen Verschwindens der kleinen Tafel nicht gelöst werden konnte.
Die Biographen von Albrecht Dürer versichern, dieser habe das Gemälde Der Totenkopfwagen gesehen, als er 1520 durch Herzogenbusch kam. Hieronymus Bosch war da schon ein knappes Jahrzehnt tot. Als Dürer das Bild in dem Zimmer betrachtete, in dem es entstanden war, kniete der Künstler angeblich nieder und stammelte die Worte: «Diese Ängste hat kein anderes Wesen jemals erfahren.»
«Er hatte eine Freundin. Heute ist sie … Weißt du nicht, wen ich meine?»
Was der ehemalige Kollege von Lucas Galván mir da erzählte, überraschte mich sehr, aber dann fügte ich die Daten und Namen zusammen, und tatsächlich … es konnte hinkommen. Es war schon erstaunlich, was ich bei einem eiligen Mittagessen auf dem Flughafen El Prat in Barcelona kurz vor meinem Rückflug nach Madrid alles erfuhr.
«Nun kann ich den Flug nicht mehr umbuchen! Hättest du mir das früher gesagt, wäre ich noch hiergeblieben, um gleich morgen mit ihr zu sprechen!»
Ich wusste nicht, ob dieser Journalist – heute ein erfolgreicher Unternehmer beim Fernsehen – sich nur über mein übermäßiges Interesse wunderte oder ob mir sein Gesichtsausdruck zeigen sollte, dass es nicht so einfach sein würde, mit dieser Frau zu sprechen. Ohne weiter darauf einzugehen, verabschiedete ich mich und klopfte ihm dabei freundschaftlich auf die Schulter.
Ich musste diese Person treffen. Den gesamten Flug verbrachte ich damit, mir eine Strategie zu überlegen, und als ich in Madrid ankam, versuchte ich sofort diese vermeintliche Freundin von Lucas Galván zu kontaktieren.
«Die Chefredakteurin ist zur Zeit in einer Besprechung. Sie können ihr gerne eine Nachricht hinterlassen …»
Telefonisch einen Termin mit Helena Sarasola zu vereinbaren, wurde zu einer Odyssee und zeigte mir im Laufe des Nachmittags, wie gefragt sie war. Ich versuchte es schließlich per E-Mail und erhielt überraschend schnell eine Antwort.
Von: [email protected]
Betreff: Re: Interview
Sehr geehrter Freund,
Ihre Nachricht hat mich sehr überrascht, da nur wenige von meiner früheren Tätigkeit als Sekretärin bei einer so, sagen wir mal, «besonderen» Zeitschrift wissen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie Sie davon erfahren haben, so lange wie das schon her ist. Ich würde mich aber sehr freuen, Sie hier in Barcelona zu empfangen, obwohl ich in nächster Zeit geschäftlich nach Frankfurt und Mailand reisen muss. Ich sage Ihnen vorab, dass ich nicht weiß, ob ich für Sie von großem Nutzen sein werde, da seitdem eine Menge Zeit vergangen ist. Dennoch möchte ich Sie im Augenblick um höchste Diskretion bitten. Nicht, dass ich meine Vergangenheit verleugnen würde, aber jetzt beschäftige ich mich mit ganz anderen Dingen. Ich verstehe Ihr Interesse an Lucas Galván. Er war ein ganz besonderer Mensch, und manchmal erinnere ich mich völlig unvermittelt wieder an ihn.
Vereinbaren Sie bitte sicherheitshalber einen Termin mit meiner persönlichen Assistentin Erika Gufftansen.
Herzliche Grüße
Helena C. Sarasola
Helena Sarasola war gerade mal zwanzig Jahre alt, als sie noch mit ihrem eigentlichen Namen Elena Casado nach einem Schreibmaschinenkurs Sekretärin bei der Zeitschrift Universo wurde. Ein Blatt, das den «Enthüllungsjournalismus» nach Spanien brachte. Dort blieb sie, bis die Zeitschrift eingestellt wurde. Jetzt, dreißig Jahre später, war sie Teil einer aufstrebenden Verlagsgruppe mit Geschäftsbereichen in diversen Medien und Ländern. Es ging um Mode, Trends und Schönheit. Frauenzeitschriften auf hohem Niveau, und an deren Spitze Perfect Woman.
Zwei Tage nachdem ich ihre Nachricht erhalten hatte, konnte ich in der riesigen Eingangshalle des Verlages feststellen, wie überaus out ich war: Meine Stiefel und meine Kordjacke passten so gar nicht in die lichtdurchfluteten Räume mit ihrem minimalistischen Mobiliar, das offensichtlich den neuesten Trends entsprach. Eine Reihe von männlichen und weiblichen Models mit müden Gesichtern und Körpern wie aus dem alten Griechenland fuhren mit mir in einem der beiden gläsernen Aufzüge. Wie ein riesiger doppelter Auspuff verbanden sie den ersten Stock mit den Fotostudios und dem Büro der Chefredakteurin, in das ich wollte.
«Helena freut sich sehr, Sie zu empfangen. Warten Sie hier bitte noch ein paar Minuten», begrüßte mich die Assistentin und wies auf einen weißen Ledersessel.
Ich hatte das Gefühl, in den Hochsicherheitsbereich des Pentagons einzudringen. Ein moderner, sehr kleiner Raum trennte mich von Helena – heutzutage mit H –, die ihr Reich mit eiserner Hand regierte. Durch die Tür hörte ich ihre Stimme oder vielmehr ihr Schreien:
«Das sollte doch um 10 Uhr fertig sein! Ten o’clock, Fabricio! Die Custo-Sache kann nicht länger warten! Ist das klar? Die Reportage muss morgen fertig sein! Seht also zu, wie ihr das macht!»
Die ein Meter achtzig große Walküre Erika Gufftansen schaute mich hinter ihrem Stehtisch mit dem Logo der Verlagsgruppe vielsagend an, während sie einen Schluck Evian-Wasser trank.
Nach exakt fünf Minuten, wie ich anhand der Ziffern auf der höchst modernen Plasma-Uhr an der Wand erkennen konnte, durfte ich eintreten. Helenas skandinavische Assistentin drückte auf einen Knopf, und die dunkle Holzschiebetür ging augenblicklich auf und gab den Blick frei auf einen riesigen Raum, der in einem erlesenen Geschmack eingerichtet war. Es gab drei Bücherregale – hauptsächlich mit Romanen vollgestellt – und einige orientalische Kunstobjekte. Endlich trat ich Helena Sarasola gegenüber, einer modernen und mächtigen Frau, die seit ihren beruflichen Anfängen eine beeindruckende Karriere gemacht hatte. Das staatliche Programm Unternehmen hatte ihr den Preis für die Managerin des Jahres verliehen.
Seinerzeit sollte diese starke Frau also sehr engen Kontakt zum früh verstorbenen Lucas Galván gehabt haben.
«Wenn ich nicht im Ausland bin, höre ich ab und zu Ihre Sendung. Und obwohl sie mir manchmal Angst macht, gefällt sie mir!»
Ich war sofort erleichtert. Helena Sarasola war eine von diesen vitalen Personen zwischen fünfundvierzig und fünfzig mit einem sehr gepflegten Äußeren, die es gewohnt war, sich mit Yuppies, Bilanzen und Besprechungen herumzuschlagen und deren energische Art sogar ein wenig einschüchternd wirken konnte. Doch nach dieser positiven Aussage gleich zu Anfang unserer Unterhaltung entspannte ich mich.
Es sah so aus, als würden wir uns gut verstehen.
«Mögen Sie makrobiotisches Essen? Ich habe einen Tisch im Fresh reserviert.»
Ich schwieg. In meinen Gedanken versuchte ich mir ein junges Mädchen vorzustellen, zwanzig Jahre alt, verschüchtert und bleich – kein Vergleich zu der leichten Sommerbräune, die jetzt auf ihrer Haut lag, obwohl wir uns mitten im Winter befanden –, und die mit dem argentinischen Reporter Lucas Galván liiert war. Ich erinnere mich, ihr Gesicht in irgendeiner Ausgabe von Universo gesehen zu haben, wo sie mit der gesamten Redaktion abgebildet war. Ich könnte schwören, dass sie in den Jahren an Schönheit und Selbstsicherheit gewonnen hatte. Der Kontrast zu dem unschuldigen Gesicht mit Pony von damals ließ mir jetzt, als ich sie fest ansah, viele Dinge durch den Kopf gehen. Hatte sie die Charakterveränderung von Galván miterlebt? Die Halluzinationen, von denen mir einige ältere Kollegen erzählt haben? Und seine Wutausbrüche? Und die wiederholten Selbstmordversuche? Wusste sie etwas über seinen Tod, über den sonst niemand sprechen wollte? Und wenn ja, würde sie sich daran erinnern wollen?
«Gehen wir?», fragte sie, während sie eine runde silberne Dose öffnete und sich die Nase puderte.
Obwohl der schwierigste Teil schon geschafft war, nämlich sie zu finden, wurde mir klar, dass es nicht so einfach sein würde, mit ihr in die dunkle Vergangenheit jenes Mannes abzutauchen. Vor allem nicht jetzt, wo sie eine berühmte Persönlichkeit war und sich so sicher in diesem glamourösen Ökosystem bewegte.
Andererseits verlangte ich ja auch nicht viel. Ich wollte lediglich wissen, wie ein bekannter Journalist ums Leben gekommen war. Oder verfolgte ich unbewusst noch mehr?
Es waren die quietschenden Reifen ihres brandneuen schwarzen Audi A3, die mich schließlich aus meinen Gedanken rissen, als wir aus der Garage fuhren. Zu meiner Überraschung war sie es dann, die das Thema ohne Umschweife ansprach:
«Man hat Ihnen sicher viele Dinge über ihn erzählt … Das meiste ist gelogen.»
