Canale Giro - Tim Che - E-Book

Canale Giro E-Book

Tim Che

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Beschreibung

Venedig hat einen neuen Commissario: Alessandro Moretti, strafversetzter Mafiajäger aus Süditalien. Bereits an seinem ersten Arbeitstag muss Moretti in einem brutalen Mordfall ermitteln, der die Lagunenstadt erschüttert. Mürrisch macht er sich ans Werk - und hasst nicht nur Venedig: Die Ermordung seiner Tochter überschattet sein Leben. Zerbricht seine Ehe an deren Tod? Wird Moretti mit seinen Kollegen, die er mit seiner schroffen Art vor den Kopf stößt Frieden schließen? Kann er die Mörder dingfest machen und ein ausgebufftes Wirtschaftsverbrechen, das tausende Opfer fordert, aufklären?

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2016

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1

Mühsam war ihr Weg. Nur langsam kam sie in den engen Gassen Dorsodurus, einem der sechs Stadtviertel Venedigs, voran. Touristenmassen verstopften die Stadt – wie das Hochwasser im Winter, überfluteten im Sommer Millionen Besucher die Serenissima, die Erlauchte.

Sie fluchte leise.

Sie hatte es eilig.

Zu spät war sie ohnehin schon; nun versuchte sie, verlorene Zeit aufzuholen und verfiel in den Laufschritt.

Es war einer der heißesten Tage des Sommers und die Mittagssonne brannte senkrecht vom Himmel, schnitt wie ein Laserstrahl in die schmalen Straßen, in denen die aus den Kanälen aufsteigende Feuchtigkeit schwül und stinkend waberte. Der Schweiß rann ihr in Strömen die Stirn hinab. Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich die nassen Strähnen ihrer langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht und stolperte aus der Calle Cantarini auf den weitläufigen, sonnenüberströmten Campo Santa Margherita

„Markt! Ausgerechnet heute ist Markt“, dachte sie und schlängelte sich an den bunten Ständen, an denen fröhlich schwatzende Händler wort- und gestenreich ihre Waren anboten, vorbei. Manch verwunderter Blick folgte der jungen Frau mit den dunklen Augenringen, die sich mit verkniffenem Gesicht rempelnd den Weg über den Platz bahnte. Schon hatte sie ihn überquert und tauchte wieder in das Labyrinth der Gassen, Brücken und Kanäle ein. Ihre hochhackigen Schuhe klapperten geschwind über die rohen Steinquader, die auf den unzähligen Holzstämmen ruhten, die Venedigs Fundament bildeten.

Eine Stadt auf Wasser gebaut – wie auch ihre Träume?

Wieder zog sie ein Handy aus ihrer großen, schwarzen Umhängetasche, die schwer auf ihren Schultern lastete. Aber schwerer wog die Sorge: Seit gestern Nachmittag konnte sie Angelo nicht mehr erreichen! Mit zitternden Fingern drückte sie die Wahlwiederholungstaste des auffallend billigen Handys, das in starkem Kontrast zu ihrem eleganten Kostüm stand, und presste es voll banger Hoffnung an ihr Ohr.

Wie oft hatte sie es schon probiert? Zehnmal?

20-mal?

Öfter! Und immer nur schien das Tuten des Freizeichens sie zu verhöhnen, hallte ihr dumpfe Ungewissheit aus dem Hörer entgegen.

Den ersten Zug hatte sie bestiegen – nach einer nicht enden wollenden, schlaflosen Nacht, in der ihr weder Tabletten noch Alkohol Ruhe gebracht hatten, war sie um halb vier aus der Wohnung in dem schäbigen Mehrfamilienhaus auf die stille, dunkle Vorortstraße im Westen Mailands getreten. Noch immer hatte der schwarze Asphalt die gespeicherte Hitze des Tages abgestrahlt – ein warmer Hauch in der frischen Kühle der sternenklaren Nacht, deren samtige Schwärze im Osten bereits verblasste.

Der Mailänder Hauptbahnhof hatte verschlafen gegähnt. Kein Stimmengewirr lärmte durch die metallenen Gewölbe, keine Bremsen quietschten auf dem Gleisen, keine Durchsagen quäkten aus den Lautsprechern, keine Züge rangierten, keine Schaffner pfiffen und keine Reisenden schleppten schweres Gepäck eilig von hier nach dort. Nur die zischende Espressomaschine im Bahnhofscafé hatte sich bemüht, mit dem belebenden, schwarzen Gebräu die am Tresen Stehenden zu versorgen. Erste Fahrgäste studierten dort die Fahrpläne, das Zugpersonal der Frühschicht bereitete sich auf einen neuen Arbeitstag vor, der Reinigungstrupp freute sich bereits auf den nahenden Feierabend, zwei Bahnhofspolizisten stärkten sich mit einem im Backofengrill aufgewärmten Sandwich – und am Gleis 1, an dem in 20 Minuten der Regionalzug nach Verona abfahren sollte, hatte einsam eine Frau gestanden.

SIE, die schwarz gekleidete, deren Gesicht eine große, dunkle Sonnenbrille halb verdeckte, die nervös immer wieder auf ihre Uhr schaute und tief an ihrer Zigarette zog, die sie zwischen ihren rot lackierten Fingernägeln hielt.

Mauro, der Schaffner ihres Zuges, hatte sie verstohlen beobachtet. Attraktiv war sie – keine Frage! –, aber eine dunkle und geheimnisvolle Aura umgab sie. Mauro bildete sich ein, ein guter Menschenkenner zu sein. 25 Jahre als Zugbegleiter hatten seinen Instinkt geschärft und sein Wissen gemehrt. Wie ein guter Polizist die Verbrecher riechen konnte, konnte auch er seine Fahrgäste einschätzen. Die junge Frau an jenem Morgen aber gab ihm Rätsel auf. Weder war sie eine Urlauberin – viel zu früh war es für diese Spezies, die meist laut lärmend wie kopflose Hühner von Bahnsteig zu Bahnsteig hetzten –, noch eine der Berufstätigen auf dem Weg zur Arbeit. Mauro ahnte, dass ihre Fahrt nicht alltäglich war. Sie wirkte nicht routiniert – im Gegenteil. Unsicherheit verströmte sie, vielleicht sogar Angst? Mauro kratze sich an seinem unrasierten Kinn. Er war gespannt darauf, nachher ihre Fahrkarte zu kontrollieren, seine Neugierde zu befriedigen und das Rätsel um die schöne Unbekannte zu lösen.

Zwei Stunden später war Mauro von diesem Ziel noch so weit entfernt, wie sein Zug dem Zielbahnhof. Schwer ruhten die Waggons auf den Schienen, leise vibrierte die Lokomotive im Leerlauf, ab und zu ein ungeduldiges Zischen tief aus ihren Eingeweiden von sich gebend. Bereits seit einer geschlagenen Stunde standen sie kurz vor Brescia an einem roten Haltesignal. Die Zugleitstelle hatte ihre bis dahin pünktliche Reise gestoppt und sie auf das Abstellgleis geschickt. Ein voll beladener Lastwagen war an einem Bahnübergang verunglückt und versperrte die Strecke, das hatte Mauro vorhin den mürrischen und genervten Fahrgästen durchgesagt.

Das Reiseziel der rätselhaften Frau hatte Mauro beim Abstempeln ihres Tickets erfahren: Stazione Ferrovia Santa Lucia, Venezia. Freundlich hatte er sie auf den Anschlusszug in Verona hingewiesen und versucht, sie in ein Gespräch zu verwickeln; sie aber hatte nur ein knappes Grazie hervorgepresst, ihren Blick von ihm abgewendet und war verschlossen geblieben.

Nachdenklich hatte Mauro ihr nachgesehen, als sie den Zug verlassen hatte. Ganz sicher war er sich nicht – er glaubte aber in ihrem flackernden Blick, als zwei Bahnpolizisten in ihr Abteil geschaut und sie aufmerksam gemustert hatten, Angst gesehen zu haben. Wie eine Ertappte hatte sie schuldhaft zu Boden geschaut.

„Verona! Endlich!“

Rennend erreichte sie den aus München kommenden Intercity, der sie ohne besondere Vorkommnisse binnen einer guten Stunde am Bahnhof Santa Lucia ausgespien und in den venezianischen Touristenstrom entlassen hatte. Die lange Warteschlange vor der Haltestelle des Vaporettos, des gedrungenen Schiffes, das als Wasserbus die Kanäle befuhr und Passagiere beförderte, ließ sie ohne Umschweife den Fußweg einschlagen. Ohnehin brauchte das Vaporetto der Linea 1 bis zur Stazione Giglio länger, als sie zu Fuß benötigte. Sie benutzte natürlich nicht die ausgeschilderte Route vom Bahnhof Richtung Markusplatz, der die Touristen Lemmingen gleich folgten, sondern sie kürzte Zeit und Weg im für Fremde undurchsichtigen Gewirr der Gassen San Polos und Dorsodurus ab, um keuchend und schwitzend nach nur 25 Minuten die Holzbohlen der Brücke über den Canal Grande bei der Galleria Accademia unter ihren schmerzenden Füßen zu spüren. Ein weiteres Mal holte sie ihr Handy hervor und versuchte, Angelo zu erreichen.

Vergeblich.

Frustriert steckte sie es wieder ein. In wenigen Minuten würde sie ohnehin da sein! Angelo würde sie überrascht und freudestrahlend in die Arme schließen und sie wegen ihrer Sorgen necken.

In der Gasse zwischen Campo San Angelo und Campo San Maurizio wurde ihre Geduld erneut strapaziert, weil sie nur im Gänsemarsch hinter einer Horde amerikanischer Kreuzfahrttouristen, die filmend und fotografierend die Palazzi, Kanäle und Gondeln bestaunten, hinterher traben konnte.

„Ich werde mit Angelo sprechen. So kann es nicht weitergehen!“, nahm sie sich vor.

Erst letzte Woche hatte sie mit ihm gestritten – er hatte wieder versucht, ihre Ängste und Sorgen mit einer lapidaren Handbewegung wegzuwischen. Sie hatte nicht nachgegeben, sondern darauf bestanden, angehört und ernst genommen zu werden.

Schließlich hatte sie Recht!

Auch Angelo wusste das, nur wollte er sich das Risiko, mit dem sie lebten, nicht eingestehen.

Angelo, der stets lächelnde Optimist und Lebenskünstler ... ihr Angelo; den sie liebte und mit dem sie sich eine Familie wünschte: due bambini und ein ruhiges Leben in einem kleinen Häuschen in der Lombardei.

Angelo hatte ihre Diskussion abrupt beendet – Arbeit warte auf ihn, er habe noch viel zu erledigen – und war die Treppen hinab in den Laden geeilt;

und sie war traurig zurückgeblieben und hatte sich später alleine im Bett leise in den Schlaf geweint.

Schon von weitem sah sie, dass die beiden Rollläden vor dem Schaufenster und der verglasten Eingangstüre zur Hälfte heruntergelassen waren. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr: „Erst halb eins, der Laden sollte noch geöffnet sein!“, dachte sie und die an ihren Nerven nagende Sorge wurde größer. Sie biss sich auf ihre Lippe – zu fest! – und ein kleiner Tropfen Blut quoll aus der sofort anschwellenden Wunde.

„Bitte, bitte lass alles gut sein!“, murmelte sie leise und sandte Stoßgebete zum Himmel.

Der kleine Laden lag im Schatten. Im Inneren brannte kein Licht. Schon wollte sie zum Eingang des Mehrfamilienhauses eilen, von dessen Hausflur aus sie nicht nur zur Hintertür des Geschäfts gelangen konnte, sondern in dessen erstem Stock auch ihre gemeinsame Wohnung lag, als sie aus den Augenwinkeln bemerkte, dass der Riegel nicht vorgeschoben war. In das altertümliche Schloss hatten Angelo und sie nie Vertrauen gehabt und hatten von innen an der Ladentüre einen schweren Metallriegel anbringen lassen. Er war nicht vorgeschoben.

„Ist Angelo im Laden?“ Zweifelnd versuchte sie, im Halbdunkel des Ladens etwas zu erkennen, kniff ihre Augen zusammen, schirmte sie ab und presste ihr Gesicht gegen die Glastür – die mit einem lauten Klacken aufsprang und langsam nach innen schwang.

Erschrocken zuckte sie zurück und taumelte auf die Gasse; regungslos stand sie dort einige Sekunden, während Touristen an ihr vorbeiströmten.

Die böse Vorahnung in ihrem Kopf verwandelte sich schlagartig in ein kreischendes Inferno. Adrenalin schoss durch ihren Körper und ihr Herz raste.

Sie machte ein paar kleine, schnelle Schritte auf die Eingangstür zu, bückte sich und wand sich geschickt unter dem niedrighängenden Rollladen ins Innere des Geschäftes.

Ihre Augen brauchten einen Moment, um im Dämmerlicht etwas zu erkennen. Es war still; weder summte die Klimaanlage, noch dudelte das Radio, das Angelo immer auf Rai Due eingestellt ließ und oft mit Pfiff, wenn sie seine Lieblingslieder spielten. Es roch muffig. So wie immer, wenn sie am Morgen den Laden öffneten. Aber da war noch ein anderer Geruch: süßlich, und trotzdem streng. Sie schluckte die aufkommende Übelkeit herunter und bewegte sich mit angehaltenem Atem durch den menschenleeren Laden. Sie schlich an den vorderen Regalen und der großen, schwarzen Ledercouch, auf der oft die Männer Platz nahmen und in den ausgelegten Zeitschriften blätterten, während ihre Frauen in den Auslagen stöberten und die Angebote prüften, vorbei Richtung Tresen. Dort saß Angelo während der Öffnungszeiten und bediente die Kassen.

Auch die Kasse, die ihr Angst machte.

Sie war ausgeschaltet, ihr Computermonitor war dunkel.

„Sicher ist Angelo oben in der Wohnung. Er hat die Mittagspause vielleicht früher begonnen?“ Sie glaubte nicht daran – aber hoffte es.

Sie betrat den schmalen Flur, der in die hinteren Räume des Geschäfts, Lager und Büro, führte und von dem aus man in das Treppenhaus des Wohnhauses gelangen konnte. Auch hier war alles dunkel.

„Angelo?!“ Zweifelnd rief sie seinen Namen und öffnete die Tür zum Lagerraum.

„Angelo?!“ Der Ruf ihrer brüchigen Stimme blieb unbeantwortet. Noch einen schnellen Blick wollte sie in das Büro werfen, bevor sie oben in der Wohnung nach im suchte. Sie stieß die angelehnte Tür auf, die gegen ein Hindernis prallte und von diesem blockiert wurde.

Ein Hindernis, das früher nicht da war.

2

Maria wunderte sich. Nicht nur, weil das Lederwarengeschäft gegenüber schon den ganzen Tag geschlossen war, die Rollläden halb hinuntergelassen waren, sondern weil merkwürdigerweise die Eingangstür einen Spalt offenstand. Einen winzigen Spalt nur, aber offen war sie, da hatte sie sich nicht verguckt, stellte Maria fest. „Ha!“ – wenn sie eines hatte, dann scharfe Augen. Und auch das junge Paar, das erst im Frühjahr den Laden eröffnet hatte, hatte Maria den ganzen Tag noch nicht gesehen.

Nachdenklich nahm sie die metallenen Eiskübel, die die stetige Nachfrage der Touristen bis auf wenige Kugeln geleert hatte, aus der Vitrine und trug sie in den hinteren Raum, die Küche, in der sie das Eis herstellte.

Wann hatte sie die junge Frau, die immer nur die teuersten Designerkleider zu tragen schien, und den einige Jahre älteren Mann zuletzt gesehen, überlegte Maria. Gestern Morgen, das wusste sie ganz genau, hatte er ihr zur Begrüßung zugenickt, als er vor seinem Laden stehend eine Zigarette geraucht hatte.

Aber danach nochmal?

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht.

Scheppernd fiel ihr der glitschige Eisportionierer aus der Hand. Maria schimpfte mit sich selbst und zwang sich, zügig und konzentriert das Eiscafé zum Ladenschluss aufzuräumen und nicht über das andere Geschäft nachzudenken.

Eine Stunde später schloss die erschöpfte Maria Donzi ihre Gelateria zu und machte sich auf den Weg nach Hause. Sie warf einen letzten, prüfenden Blick auf ihre Eisdiele und ruckelte an der Tür.

„Alles gut“, murmelte sie und wollte schon los eilen, als sie die immer noch offenstehende Tür des Lederwarengeschäfts gegenüber bemerkte.

Sie hatte sich nicht an dem Tratsch der anderen Ladeninhaber beteiligt. Sie pflegte zu ihnen ohnehin nur die notwendigsten Kontakte und galt bei ihnen als die meist mürrische und abweisende Eisverkäuferin, die zwar das beste Eis der Stadt machte – ihr Pistaccio ein Gedicht, ihr Stracciatella eine Offenbarung und erst ihr Schokolata! –, die aber niemand als nette und freundliche Nachbarin bezeichnen würde.

Der komische Laden gegenüber, der von den umliegenden Geschäftsleuten skeptisch beäugt wurde – obwohl sie ihm so viel zu verdanken hatten! – aber gab wahrlich Anlass für Spekulationen.

Maria hatte sich schon mehrmals Vermutungen über den Laden hingegeben: Auffällig viele Kunden betraten das gepflegt wirkende Geschäft – modern war es, aber auch nicht zu protzig – und kamen nicht ohne etwas gekauft zu haben wieder heraus. Soweit, so gut – über zahlende Kundschaft ist jeder Ladeninhaber glücklich und dagegen hatte auch Maria nichts einzuwenden.

Aber die Preise!

Gesalzene Preise sind in Venedig ja normal, der Stadt, in der 20 Millionen Touristen wohl mehr chinesische Waren kauften als italienische – aber günstige Preise? Maria hatte ungläubig mit dem Kopf geschüttelt, als sie kurz nach der Eröffnung des Geschäfts gegenüber in dessen Schaufenstern die Waren begutachtet hatte: So billig waren sie! „Eine echte Lederhandtasche aus italienischer Fertigung für 29,- Euro?! Wie kann das sein?“, hatte sie sich gefragt.

Bis heute hatte sie dort nichts erworben – aber immer wieder nahm sie sich vor, ihren Nachbarn einen Besuch abzustatten und sich selbst etwas Schönes zu gönnen und eine Freude zu machen.

Missmutig zog sie ihre Mundwinkel herunter, als sie über die offenstehende Tür des Nachbargeschäfts grübelte – und stolperte ganz in Gedanken versunken über das Klappschild, das der Inhaber der Pizzeria nebenan immer mitten auf dem engen Gässchen, durch das sich Tag für Tag die Touristenströme hindurchschoben, platziert hatte.

„Vaffanculo!“ Sie gab dem Schild einen Tritt, so dass es scheppernd umfiel. Grimmig schüttelte der Pizzabäcker, der sie beobachtet hatte, den Kopf und drohte ihr mit hochgereckter Faust.

„Ach, soll der doch denken, was er will und mich für garstig halten!“ Dabei war sie gar nicht so – Maria war im Grunde ihres Herzens ein guter und einfacher Mensch, eine Handwerkerin, die die Eisherstellung und das kleine Geschäft von ihrem Vater geerbt hatte – schon als kleines Mädchen hatte sie in der Eisdiele mitgeholfen – und in den Sommermonaten von früh bis spät hart schuftete, um genug Geld für sich und ihre zwei Kinder, die 9-jährige Francesca und den kleinen Paulo, zu verdienen.

So war sie auch an jenem Abend hin- und hergerissen zwischen strebsamer Pflichterfüllung und hilfsbereiter Güte und ging nur zögernd und mit Widerstreben auf die offene Tür des Lederwarengeschäftes zu – aber sie ging! – und sollte es noch lange bereuen.

3

„Nehmen Sie ein Taschentuch“, sagte der Sergente Mauro Barillo zu dem elegant gekleideten Mann und hielt ihm eine Packung Taschentücher hin. „Er riecht schon.“ Der Sergente zuckte entschuldigend mit seinen Schultern.

Zwar hatte er den Commissario angerufen – lange hatte es gedauert, bis der Commissario sich mit einem mürrischen „Pronto“ gemeldet hatte –, aber die Dienstvorschrift verlangte nun mal, dass der diensthabende Kommissar bei jedem Verbrechen hinzugezogen werden musste. „Erst recht bei einem solchen!“, dachte der Sergente. Da hatte er keine Ausnahme machen können.

Trotzdem war es ein Jammer, dass der Kommissar ausgerechnet an seinem ersten Arbeitstag zu einem der wenigen Mordfälle, die in der Lagunenstadt geschahen, gerufen wurde.

Der Commissario beachtete die gereichten Taschentücher nicht, sondern ließ seinen Blick langsam durch den Laden schweifen, in den er, vom Sergente in Empfang genommen, einige Sekunden zuvor eingetreten war. Aufmerksam musterte er das Lederwarengeschäft und fragte mit leiser Stimme: „Dove?“ Wo?

Der Sergente hatte bei ihrer ersten Begegnung am Vormittag in der Questura bereits bemerkt, dass der Süditaliener kein Mann großer Worte zu sein schien und er beeilte sich deshalb, zu antworten: „Hinten durch“, und zeigte mit ausgestrecktem Finger ans Ende des Ladenlokals.

„Was für eine Sauerei“, dachte der Sergente, als er dem Commissario in das Büro folgte. An den Tatort – wie unschwer zu erkennen war. Unbarmherzig tauchten die großen Halogenscheinwerfer der Spurensicherung den kleinen Raum in gleißendes Licht.

Überall war Blut.

Unendlich viel Blut.

Der Sergente hatte in einem anderen Fall in einer Schlachterei ermitteln müssen – daran erinnerten ihn die blutbespritzten Wände des vollgestellten und unordentlichen Raums. Auch auf dem Fußboden waren mehrere große Blutlachen und dann die Leiche ... mit einem Würgen wandte er sich ab und stellte sich zu den Kollegen der Spurensicherung, die auf dem Flur schweigsam rauchten.

Carlo, dessen dunkle Augenringe noch größer waren als sonst, nahm einen letzten, tiefen Zug aus seiner heruntergebrannten Zigarette und schnippte sie in das Treppenhaus. „Ist er das, Mauro?“, fragte Carlo Sergente Barillo.

Mauro nickte.

„Aus Bari, hä?“, raunte Carlo Mauro zu und starrte mit abschätzigem Blick auf die Bürotür, hinter der sich der Tatort befand.

„Was macht der bei uns?“, fragte er Mauro weiter, sich ihm nun zuwendend. „Ein Bauer aus dem Süden hat uns gerade noch gefehlt“, stöhnte Carlo leise.

Mauro wusste, worauf Carlo anspielte: Das Polizeikommissariat, die Questura, hatte seit der Pensionierung des alten Commissarios vor 17 Monaten kein glückliches Händchen bei der Neubesetzung der Stelle gehabt. Zuerst diese Putana von der Polizeiakademie aus Rom, die in ihrem Prada-Kleidchen wie ein billiges Flittchen durch die Questura gestöckelt war und mit ihren neuen Methoden alles durcheinander zu bringen drohte, dann der Kommissar aus Padua, dem schon nach drei Wochen die tägliche Fahrerei zu viel wurde und der sich krankschreiben ließ – und nun der Bauer.

„Besser, er ist nur ein Bauer, als einer von der Mafia“, murmelte Mauro mehr zu sich selbst, als zu Carlo. Denn schon beim ersten Kennenlernen hatte Mauro die piekfeinen Anzüge des Commissarios argwöhnisch beäugt, die ein Vermögen gekostet haben dürften – vielleicht war der Neue sparsam, hatte geerbt oder reich geheiratet?

„Barillo!“ Der Ruf des Commissarios riss Sergente Mauro Barillo aus seinen Gedanken. Diensteifrig eilte er in das Büro, im dem sich der Commissario tief über den Schreibtisch gebeugt hatte und bewegungslos verharrte. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von der blutigen Hand, die am Schreibtisch festgenagelt war, entfernt.

„Barillo, einen Beweisbeutel!“, befahl er dem Sergente und versuchte, den Brieföffner vorsichtig aus dem Handrücken des Leichnams zu ziehen. „Todeszeitpunkt?“, fragte der Commissario.

Sergente Mauro Barillo war überrascht. Woher sollte er das wissen? Er war kein Arzt; und der Arzt, den die Questura üblicherweise bei Todesfällen hinzuzog, war nicht zu erreichen gewesen.

„Ähm, Commissario, das Handy des Dottore ist ausgeschaltet. Die Kollegen aus Mestre versuchen, uns ihren Arzt zu schicken.“

Commissario Moretti schloss seine Augen für einen Moment und atmete tief durch.

Es war schlimmer.

Viel schlimmer!

Wenn er nicht weggemusst hätte – besser schon gestern, als heute – dann hätte er seine geliebte Heimat Apulien nie verlassen.

Wieso aber musste man ihn ausgerechnet in diese stinkende Touristenhochburg im Norden versetzen? In dieses aus allen Nähten platzende Provinzstädtchen, in dem einem vor lauter kitschigen Porzellanmasken und quäkenden Gondolieri nur schlecht werden konnte.

Sein Vorgesetzter, der ihn mit mitleidigem Blick verabschiedet hatte, hatte ihm auf den Rücken geschlagen und fest umarmt: „Sie werden Ihren Weg auch dort gehen, Alessandro“, hatte er ihm gesagt. „Und in ein paar Jahren, wenn ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist, dann kommen Sie zurück.“

„Ein paar Jahre?!“ Alessandro Morettis Nasenflügel blähten sich, als er tief einatmete und einen kräftigen Atemzug durch seine Nasenlöcher ausstieß: Er hatte schon vom ersten Tag genug. Erst der Streit am Morgen mit Laura, dann seine frostige Amtseinführung in der Questura – und wenn er an seinen neuen Arbeitsplatz dachte, wusste er nicht, ob er lachen oder weinen sollte: keine Heizung, kein Computer, kein Selbstwahltelefon. Die Möbel uralt und abgegriffen, der Stuhl quietschte, von den Wänden blätterte der Putz und – er hatte sich nicht getäuscht! – sie schimmelten.

Das konnten auch die beiden durchaus attraktiven Sekretärinnen in der Questura nicht wettmachen.

Ohnehin schlug sein Herz nur für Laura. Trotz ihrer Streitereien, die nicht erst seit ihrem Umzug an der Tagesordnung waren. Moretti seufzte und bemühte sich, seine Aufmerksamkeit wieder dem übel zugerichteten Mordopfer zu widmen. Tatsächlich brauchte man weder Arzt, noch Polizist zu sein, um die Todesart zweifelsfrei feststellen zu können:

Das Opfer war zu Tode gequält worden!