Caput Mortuum - Ulrich Stoll - E-Book

Caput Mortuum E-Book

Ulrich Stoll

0,0

Beschreibung

Lucas Hermes ist wieder einmal in einer prekären Lage: Er hat keine Aufträge als Reporter und keine Wohnung, und das, obwohl im Frühjahr 1990 die Themen eigentlich auf der Straße liegen: Die DDR geht unter, und jeden Tag gibt es neue Enthüllungen über die Stasi und ihre Verbrechen. Nachdem Lucas Hermes sich bei einer Kunstvernissage durchgeschnorrt hat, verschwindet der Künstler spurlos, dessen Bilder in der Galerie ausgestellt wurden. Lucas Hermes und seine Kollegin Anna Rademacher kommen einem Kunstfälscherring aus DDR-Zeiten auf die Spur, der vor Morden nicht zurückschreckt. Im südfranzösischen Sète endet die Jagd. Dort wird Anna mit einem lange gehüteten Familiengeheimnis konfrontiert. Ihre totgeglaubte Schwester und der ihr unbekannte Vater tauchen auf. Eine Begegnung, die sich als lebensgefährlich erweist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 402

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



»Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr vom Eindrucke des Augenblickes ab, dass einer, der sie täuschen will, stets jemanden findet, der sich täuschen lässt.« Niccolo Machiavelli

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Freitag, 27. April 1990

Montag, 30. April 1990

Donnerstag, 3. Mai 1990

Samstag, 5. Mai 1990

Sonntag, 6. Mai 1990

Montag, 7. Mai 1990

Dienstag, 8. Mai 1990

Mittwoch, 9. Mai 1990

Donnerstag, 10. Mai 1990

Freitag, 11. Mai 1990

Samstag, 12. Mai 1990

Sonntag, 13. Mai 1990

Montag, 14. Mai 1990

Dienstag, 15. Mai 1900

Mittwoch, 16. April 1990

Donnerstag, 17. Mai 1990

Freitag, 18. Mai 1990

Samstag, 19. Mai 1990

Montag, 21. Mai 1990

Dienstag, 22. Mai 1990

Mittwoch, 23. Mai 1990

Donnerstag, 24. Mai 1990

Samstag, 26. Mai 1990

Montag, 28. Mai 1990

Dienstag, 29. Mai 1990

Mittwoch, 30. Mai 1990

Donnerstag, 31. Mai 1990

Freitag, 1. Juni 1990

Montag, 4. Juni 1990

Dienstag, 5. Juni 1990

Mittwoch, 6. Juni 1990

Donnerstag, 7. Juni 1990

Freitag, 8. Juni 1990

Freitag, 8. Juni 1990

Montag, 11. Juni 1990

Donnerstag, 14. Juni 1990

Montag, 18. Juni 1990

Dienstag, 19. Juni 1990

Mittwoch, 20. Juni 1990

Donnerstag, 21. Juni 1990

Freitag, 22. Juni 1990

Freitag, 22. Juni 1990

Samstag, 23. Juni 1990

Montag, 25. Juni 1990

Dienstag, 26. Juni 1990

Mittwoch, 27. Juni 1990

Donnerstag, 28. Juni 1990

Freitag, 29. Juni 1990

Samstag, 30. Juni 1990

Sonntag, 1. Juli 1990

Montag, 2. Juli 1990

Dienstag, 3. Juli 1990

Mittwoch, 4. Juli 1990

Donnerstag, 5. Juli 1990

Freitag, 6. Juli 1990

Samstag, 7. Juli 1990

Montag, 9. Juli 1990

Mittwoch, 11. Juli 1990

Donnerstag, 12. Juli 1990

Freitag, 13. Juli 1990

Samstag, 14. Juli 1990

Sonntag, 15. Juli 1990

Samstag, 21. Juli 1990

Montag, 23. Juli 1990

Dienstag, 24. Juli 1990

Mittwoch, 25. Juli 1990

Donnerstag, 26. Juli 1990

Epilog

Nachwort

Der Autor

Prolog

Da standen sie in ihren schönen Kleidern und Anzügen, gutgelaunt plaudernd, die Sektgläser in den Händen, Häppchen kauend. Durch die erleuchteten Fenster konnte er erkennen, wie der Galerist Wengele, ein kleiner Mann in einem hellgrauen Anzug mit Weste, zwischen seinen Gästen hin und her wieselte, Hände schüttelte und Küsschen verteilte. Mit seinem dunkelblonden Borstenhaar und dem kurzgeschorenen Bart sah der Kunsthändler wie ein Iltis aus, der mit listigen Augen aus seinem Bau herausblinzelte. Es war schwer, in dem Gedränge alle Gesichter zu erkennen, doch nach einer halben Stunde war er sicher, dass der Mann, den er suchte, nicht unter den Gästen war.

Ein drei mal vier Meter großes Bild an der hinteren Wand beherrschte den Raum. Ein mit groben Pinselstrichen gemalter Mann, der Körper in kräftigen blauen und grünen Farbnuancen ausgeführt, stand auf einer Brücke oder einem Steg und hielt einen riesigen grauen Klumpen vor sich, der Gesicht und Oberkörper der Figur fast verdeckte. Dahinter war eine dramatisch komponierte Landschaft zu erkennen. Riesige, sich kreuzende Schilfähren, knorrige Baumstämme und Lianen, ebenfalls in Grün und Blau, doch in pastelligeren Tönen, wodurch die Landschaft hinter den Steinewerfer zurücktrat.

Pölzinger, der Maler, dessen neueste Bilder an diesem Abend gezeigt wurden, war der absolute Star der Neuen Gestischen Malerei, einer Gruppe neoexpressionistischer Berliner Maler, der Desiré Wengele den verkaufsträchtigen Namen gegeben hatte. Kunst ist zu 20 Prozent Malerei und zu 80 Prozent Überhöhung, hatte Wengele einer Kunstzeitschrift in einem Interview anvertraut. Überhöhung, das war für den mächtigen Kunsthändler Präsentation, Beleuchtung, Titelgebung, das war sein Metier. Von draußen war ein kleineres Format erkennbar: Der nackte Oberkörper eines Mannes mit grünem Hut, eine nicht einmal gut gemalte rosa Farbfläche, von groben Pinselstrichen und Spachtelabdrücken durchpflügt, vor einem Hintergrund, der einer Farbpalette mit all ihren missratenen Mischtönen glich. Das Bild, das hatte er der Einladung entnommen, trug den Titel »Der Spieler«. Der Halbnackte trug eine Krawatte, was der Figur etwas Tragisches verlieh: Ein Mann, der alles verloren hatte, Dramatik, Verzweiflung, Dostojewski, alles konnte man in diesen Bild-Titel hineinlegen, den sich bestimmt Wengele und nicht der Künstler ausgedacht hatte.

Er griff sich an die Jackentasche, fühlte nach, ob das Foto noch da war: Seit 45 Jahren trug er die zerknitterte Fotografie bei sich, das Einzige, was ihm von seinen Eltern geblieben war. Auf dem Foto saß er, ein Sechsjähriger, zwischen Vater und Mutter auf dem Sofa, über ihnen an der Wand das Gemälde. Die Schwarzweißfotografie ließ die Farben nur erahnen. Ein weißer Torbogen, die Kuppel eines Tempels, die er rot in Erinnerung hatte, dazu wie durch ein Prisma gebrochene Treppen und farbige Bögen sowie rätselhafte Buchstaben. Das Bild war von einer russischen Künstlerin, hatte die Mutter ihm erklärt. Diese unfassbar bunte Komposition, die aussah, als explodierte eine Stadt in allen erdenklichen Farbtönen, hatte eine Malerin aus dem Land geschaffen, das er als Heranwachsender nur mit Düsternis, mit Kälte und Krieg in Verbindung brachte. An dem Tag, als das Foto entstand, war er gerade eingeschult worden, trug wie die Eltern Sonntagsgarderobe und hielt eine große Schultüte voller Süßigkeiten in den Händen. Die Volksschule war von Anfang an ein Ort der Furcht gewesen. Die Lehrer hatten ihn spüren lassen, dass er als einziger Schüler seiner Klasse weniger wert war als alle anderen. Das Schulmartyrium hatte mit Hänseleien begonnen, die sich später zu blankem Hass steigerten. Den Schulwechsel nach der dritten Klasse hatte er als großes Glück empfunden, doch die Stimmung zu Hause war nach der Entlassung des Vaters immer schlechter geworden. Dann das Unsagbare, durch das ihm die Eltern und ihre gesamte Habe genommen wurde.

Doch das bunte Bild der russischen Malerin musste noch existieren, wie seine langjährigen Recherchen ergeben hatten. Sie waren listig, hatten bisher keine Fehler gemacht und das Gemälde nicht auf dem Kunstmarkt angeboten. Sie hatten gewartet, bis die politische Lage unübersichtlich geworden war. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie sich zum Versteck aufmachen würden. Er fröstelte und zog sich die Jacke enger um den Leib. David Weizmann verschwand in der Dunkelheit, ohne dass irgendjemand ihn bemerkt hätte.

Freitag, 27. April 1990

Lucas Hermes hatte sich als freier Kunstkritiker ausgegeben, um auf den Verteiler der Galerie Wengele zu gelangen. Er war beruhigt, als er durch die Glastür in den großen weißen Raum trat und in der Ferne eine junge Frau bemerkte, die ein Tablett mit kleinen Canapés herumtrug. Zielsicher ging er auf den Tisch mit den Gläsern zu, griff sich die Preisliste und ein Glas Mineralwasser und begann seine Runde. Er lief schräg durch den Raum auf ein kleines Gemälde zu, das ihm nicht etwa besonders gut gefiel, sondern das nach seiner Berechnung dort hing, wo die Bedienung - eine auffallend schöne junge Frau - in einer knappen Minute vorbeikommen würde. Er nahm Glas und Liste in die Linke, um mit der rechten Hand zuschnappen zu können, sobald das Tablett mit den Häppchen in seine Reichweite geriet. Im Augenwinkel nahm er die junge Frau mit den Canapés schräg hinter sich wahr. Er trat ein paar Schritte zurück, kniff kennerisch die Augen zusammen, als wollte er die Bildkomposition noch besser erfassen und machte einen federnden Ausfallschritt nach vorn, als die Bedienung fast vor ihm war. Er dankte artig und schnappte sich zwei Happen, die er nun unglücklich zwischen den Fingern hielt. Es war unmöglich, so zu essen. Also versuchte er, eines der mit Lachs belegten Brote in die linke Hand zu schieben, was das Wasserglas zeitweise in eine bedenkliche Schieflage brachte und einen Mayonnaiseklecks auf der Preisliste hinterließ. Die Rechte mit dem zweiten Canapé führte er wie in Zeitlupe zum Mund; das hatte er sich seit Beginn seiner Wohnungskrise antrainiert, um den Eindruck von Gier zu vermeiden.

Das Bild, ein etwa 50 mal 40 Zentimeter messendes Acrylgemälde, zeigte einen Balkon, wie er an vielen Wohnhäusern in Südfrankreich zu finden ist, dahinter zwei geschlossene hohe türkisblaue Fensterläden vor einer hellgelben Fassade. Als Lucas versuchte, den Bildtitel auf der Preisliste zu lesen, kippte er versehentlich ein paar Tropfen seines Mineralwassers auf den Boden.

Der Abgewiesene war der Titel des Bildes. 11.000 Mark verlangte die Galerie für das kleine Format. Lucas schob bedächtig das zweite Brotstück in die rechte Hand, biss ab und verweilte kauend vor dem Gemälde, scheinbar in die Komposition versunken. Der Maler Anton Pölzinger war ihm ein Begriff, seine Bilder sagten ihm wenig. Doch das kleine Gemälde mit der verschlossenen Balkontür berührte ihn. War nicht auch er ein Abgewiesener? Ein Mann, der immer wieder um die Liebe von Anna Rademacher kämpfen musste? Vor zwei Jahren waren sie sich nähergekommen, der früher erfolgreiche Fernsehmann und die junge Zeitungsreporterin. Sie wurden fast ein Paar und arbeiteten zusammen an einer großen Geschichte, dann geschah die schreckliche Entführung, und nach ihrer Freilassung im Herbst 1988 war Anna auf Distanz zu ihm gegangen. Ein Jahr später, im Herbst 1989 waren sie wieder zusammengekommen, hatten gemeinsam unter Lebensgefahr eine Mordserie aufgeklärt, doch nach diesem Abenteuer im Esoterikermilieu war Anna seinem kurzen Flirt mit einer Informantin auf die Schliche gekommen. Sie hatte ihm vor der Tür seines Büros den Laufpass gegeben. Seinen lieblos gepackten Koffer musste er vor ihrer verschlossenen Wohnungstür abholen. Der mittellose Lucas, der damals bei Anna untergeschlüpft war, musste sich wieder einmal auf Wohnungssuche begeben. Diesmal tat er es der DDR-Bohème gleich und suchte im Ostberliner Scheunenviertel eine neue Behausung. Die DDR befand sich in Auflösung und mit ihr die Behörden, die von Wohnungsmietern Geld für Wasser, Strom und Unterkunft kassierten. Er hatte eine unbewohnte Remise in der Mulackstraße entdeckt, das Türschloss aufgebrochen und dahinter eine muffig riechende Zweiraumwohnung mit abblätternden braunen Tapeten gefunden. Es gab keinerlei Einrichtungsgegenstände, nur einen Hahn mit fließend kaltem Wasser, ein leidlich funktionierendes Klo und einen Kohleofen, der offenbar seit Jahren nicht mehr benutzt worden war und mit kalter Asche gefüllt war. Das Licht ließ sich andrehen; auch die wenigen Steckdosen hatten Strom. Lucas brauchte eine Woche, um die Remise in eine Wohnung zu verwandeln. Er riss die Tapeten herunter, spachtelte Löcher im Putz zu, strich die Wände weiß und lackierte die abgewetzten Dielen. Er putzte Waschbecken, Toilettenschüssel und die Fenster und räumte nach und nach seine Möbel ein, die er in einer Spedition gelagert hatte und in mehreren Fuhren mit einem Leihwagen in die Mulackstraße brachte. Die Passanten gingen achtlos an ihm vorbei. Niemand wunderte sich über den verschwitzten Mann, der seine Habe Stück für Stück in den Hof des bröckeligen Altbaus schleppte. In dem einen Raum der Remise standen nun Tisch und Stühle sowie auf einem Sideboard die elektrische Kochplatte, daneben ein Kühlschrank, außerdem sein Designsofa aus besseren Zeiten. Das war nun sein Arbeitszimmer und zugleich Bad und Toilette. Er trennte die Kloschüssel durch einen Paravent vom Raum ab. Im Spülbecken neben dem Klo konnte er sich nur kalt waschen, doch es würde bald schon wärmer werden. Die Remise hatte keinen Fernsehanschluss, also musste er eine Zimmerantenne an sein Gerät anschließen, die ihm die Programme nur leicht verrauscht brachte. Der zweite Raum diente als Schlafzimmer, in dem er seine Matratze auf zwei Paletten abgelegt hatte. Sein Bettgestell, das er in der Spedition gelagert hatte, war beim Versuch, es wieder zusammenzubauen, auseinandergebrochen. Neben dem Bett stand ein unansehnlicher faltbarer Kleiderschrank aus dem Baumarkt; eine Weinkiste diente als Nachttisch. Nebenan hatte er eine weitere Kiste als Geschirrregal an die Küchenwand genagelt.

Die Wände schmückte er mit einem Hockney-Plakat und zwei Berlinale-Postern. Wer hier wohl vor ihm gehaust hatte? Ein heruntergekommener Maler? Ein Handwerker oder ein verfemter Schriftsteller? Die Wäsche war ein Problem: Er musste wieder in einen Waschsalon, doch so etwas gab es vermutlich in ganz Ost-Berlin nicht. Die Tür, die schlecht schloss, verriegelte er mit einem Vorhängeschloss. Bevor er die Remise verließ, klemmte er jedes Mal Pappen hinter die Fensterscheiben, um den Eindruck eines unbewohnten Gebäudes zu erwecken.

Lucas ahnte, dass er in seinem neuen Quartier lange allein bleiben würde. Anna würde ihn hier nicht besuchen, ihn weder küssen noch lieben.

Er blickte lange auf das Bild. Der Abgewiesene, das war er.

»Sie müssen Herr Hermes sein«, schwäbelte es schräg hinter ihm. Der Galerist hatte sich mit strahlendem Gesicht genähert und streckte die Hand zur Begrüßung aus. Lucas kaute hastig hinunter und steckte das restliche Brotstück wieder zu Glas und Liste in die linke Hand.

»Lukasch Hermesch!« nuschelte er und drückte die dargebotene weiche Galeristenhand.

»Für wen schreiben Sie doch gleich?« Wengele lächelte über den Rand seiner Lesebrille.

»Für mehrere Blätter«, stammelte der Reporter und schluckte den Bissen hinunter, der ihn am Sprechen hinderte, »auch für den Abendkurier.«

»Interessant«, kam es enttäuscht zurück. Ein unwichtiger Schmierfink, der sich nur durchfrisst, dachte der Galerist wohl und wandte sich lächelnd ab. »Noch viel Vergnügen!«

Lucas hatte nach vier Canapés genug im Magen, um zum Weißwein zu wechseln. Er ging erneut zum Tisch, nahm sich ein Glas und schäkerte mit der Galerieassistentin. Wenn er sein strahlendes Lächeln aufsetzte (er hatte schöne Zähne!), fuhr er sich gewohnheitsmäßig durch sein volles, allmählich grau werdendes Haar. Was bei anderen Männern gockelhaft gewirkt hätte, konnte er sich leisten. Auch wenn Anna Rademacher ihn verstoßen hatte – die anderen Frauen erwiderten sein Lächeln. Hatte nicht auch die Assistentin gerade die Mundwinkel leicht nach oben gezogen, als er ihr mit treuem Blick gestanden hatte, dass er dem Angebot eines Glases Wein kaum widerstehen könne, wenn es ihm so charmant angeboten würde. Ja, die Frauen mochten ihn! Er nahm einen großen Schluck und setzte in deutlich besserer Stimmung seine Wanderung durch die Galerie fort. Sah die Assistentin ihm nach? Vor einem großen Gemälde blieb er stehen. Ein Mann, der im Begriff war, einen großen Stein loszulassen, den er vor sich hochstemmte.

»Entscheidung, so ein Schwachsinn!« sagte ein Mann, der neben ihn getreten war. Der Mann roch. Nicht nur nach Alkohol, auch nach ungewaschenen Kleidern. Er war um die Fünfzig, das grau werdende Haar stand wirr vom Kopf ab, als wäre er gerade aufgestanden. Sein dunkler Anzug wirkte teuer, war aber derart zerknittert, als hätte er die letzte Nacht darin verbracht.

Lucas nickte dem Mann freundlich zu.

»Mir gefällt es«, sagte er.

»Es soll nicht gefallen, es soll berühren«, belehrte ihn der Mann mit schwerer Zunge. Sein Gesicht war etwas aufgedunsen, die Augäpfel leicht gerötet. Wie kam so einer hierher, unter all die gepflegten älteren Paare in ihren gut geschnittenen Anzügen und Designkleidern?

»Das ist Mist, Mist!« brabbelte der Mann und deutete mit der Hand, in der er ein Glas mit Rotwein hielt, auf das Bild. Der Mann zitterte und verschüttete etwas Wein auf dem Boden der Galerie.

»Haben Sie etwas gegen den Künstler?« frage Lucas und ärgerte sich im selben Moment. Gespräche mit Betrunkenen soll man vermeiden, dachte er.

»Habe ich etwas gegen den Künstler?« echote der Andere und kam näher. »Ich bin Pölzinger!« Er spuckte die Worte aus, so dass Lucas sich unwillkürlich über das Gesicht fuhr. Der Atem des Mannes stank nach Wein und Zigaretten. Lucas trat zwei Schritte zurück, der Maler rückte nach. Jetzt war Pölzinger in Fahrt.

»Das habe ich nicht verbrochen, diesen Quatsch!« Pölzinger machte mit dem freien Arm eine raumgreifende Bewegung und fing sich in der Drehung gerade noch ab.

Desiré Wengele stand plötzlich hinter den Beiden, fasste den Maler am Arm und führte ihn wortlos aus dem Ausstellungsraum ins Büro. Maler und Galerist blieben für den Rest des Abends verschwunden.

Nach einem weiteren Glas Wein, das Lucas in eine wohlige Müdigkeit versetzt hatte, begann sich die Galerie zu leeren. Lucas hatte das Gefühl, dass er Anton Pölzinger bald, möglichst schon morgen, treffen sollte. Betrunkene sagen oft die Wahrheit, dachte er und stellte das leere Glas ab. Die Galerieassistentin hinter dem Tisch würdigte ihn keines Blickes, als er ihr ein Lächeln zuwarf. Er griff den Ausstellungsflyer mit der Telefonnummer der Galerie und machte sich auf den Weg in den Ostteil der Stadt. Die Abendluft war mild.

Montag, 30. April 1990

Anna lauschte dem ruhigen Atmen neben sich und strich sacht über seine Locken. So wie er dalag, sah Tobias aus wie ein zu schnell gewachsenes Kind. Groß und doch zart. Keine Falten um die Augen, die nun von den Lidern mit den langen hellen Wimpern verdeckt wurden und deren Blick sie vom ersten Moment an verwirrt hatte. Sie hatten kastanienbraun geschimmert und sie so durchdringend angesehen, dass es um sie geschehen war. Anna lachte leise in sich hinein. Sie war Anfang dreißig und lag mit einem Jungen im Bett, der noch keine zwanzig war. »Tobias«, flüsterte sie fast lautlos, als wäre es verboten, den Namen ihres jungen Liebhabers laut auszusprechen.

Nach der Trennung von Lucas Hermes Anfang April hatte Anna sich die ersten Wochen verkrochen, war nur in die Redaktion und zum Yoga gegangen, hatte andere Menschen gemieden. Der sensible Mittvierziger und ach so tolle Enthüllungsjournalist - ein Schwein. Kein Zweifel, Lucas hatte sie betrogen mit einer langweiligen, dicklichen Person, die ihm vor dem Sender aufgelauert hatte. Lucas, der immerhin auf die fünfzig zuging, hatte ihr, der atemberaubenden jungen Reporterin und Sängerin Anna Rademacher, diese Ulrike vorgezogen. Und das, nachdem Anna wieder einmal durch Lucas’ Schuld in Lebensgefahr geraten war. Im Winter waren sie und Lucas noch ein Paar gewesen und hatten den wahnsinnigen Massenmörder Widukind Moser zur Strecke gebracht. Der hätte sie fast umgebracht, wenn Kommissar Klamm sie nicht aus dem Versteck des Killers rechtzeitig befreit hätte.

Sie strich mit der Hand vorsichtig über seinen Unterarm, dessen helle Haut voller Sommersprossen war, bedeckt von einem blonden Flaum. Sie musste an Lucas denken, an die viel gröberen Poren seines Gesichts, das von scharfen Mundfalten gerahmt war.

Als es in der zweiten Aprilhälfte wärmer geworden war, hatte Anna begonnen, mit dem Fahrrad loszuziehen. Sie hatte den Osten der Stadt erkundet, war in diesem Frühling der Möglichkeiten und der Anarchie in die merkwürdigsten improvisierten Cafés, Galerien und Kellerbars hineingeraten. Sie hatte tage- und nächtelang mit jungen Ostberlinerinnen und Ostberlinern geredet, gefeiert, getanzt. Ein paar Mal war sie morgens in Wohnungen der Prenzlberg-Bohème aufgewacht, hatte ihre Kleider zusammengerafft und sich ohne Abschied verdrückt. Dann radelte sie bester Stimmung zurück nach Schöneberg, über die Grenze, von der nur noch die leeren Wachtürme, die fast verwaisten Grenzanlagen und die jetzt auf beiden Seiten bunt bemalte Mauer übriggeblieben waren.

Was für eine Zeit! Im DDR-Fernsehen brachte Elf99 ununterbrochen Enthüllungen über die Verkommenheit des SED-Regimes und die Perfidie ihres Geheimdienstes, und im Jugendradio DT 64 spielten jetzt Bands wie Keimzeit:

Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament! Selber schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt.

Abends, wenn ihre Artikel über die Musiker und Dichter am Prenzlauer Berg geschrieben und gesetzt waren, wenn die Druckmaschinen des Abendkuriers anliefen, zog Anna sich frische Sachen für den Abend an und fuhr direkt aus der Redaktion wieder hinüber, ins Café Entwederoder in der Oderberger Straße oder in die Kneipen rund um den Kollwitzplatz, wo sie immer wieder auf Bekannte traf, mit denen sie dann weiterzog, in die Bars und Clubs, um deren Lizenzen sich niemand mehr scherte. Sie tanzte zu den hämmernden Beats auf der Ekstase-Party im SEZ in der Leninallee und bei Tekknozid im Haus der jungen Talente bis zum Umfallen, um am nächsten Tag darüber zu schreiben.

Anna griff spielerisch in den rötlich-braunen Schopf des Schlafenden, der ihre Berührung mit tiefem Atemholen beantwortete. Vergangene Nacht hatte sein Blick sie plötzlich getroffen, mitten im hämmernden Sound einer Kellerbar, die man nur durch den ausgebombten Rest eines Hauses über eine bröckelige Treppe erreichen konnte. Tobias starrte sie an, als hätte er sie nach langer Zeit wiedergesehen, dabei war er ihr völlig fremd. Er kam näher.

»Wir haben uns lange nicht gesehen«, brüllte er ihr ins Ohr.

»Ganz neue Masche, was?« rief sie zurück.

Er zog sie in einen Nebenraum, in dem sie sich verständigen konnte.

»Erinnerst du dich nicht an mich?« Anna schüttelte den Kopf.

»Oktober, Rummelsburg?« Wieder ratloses Kopfschütteln. Der Junge – sie schätze ihn auf 18, 19 Jahre – zuckte mit den Schultern.

»Wenn du mich nicht kennst, ist es auch egal«, sagte er und sah verlegen zu Boden. Sie setzten sich nebeneinander auf einen Stapel Paletten, die jemand vor ewigen Zeiten im Keller abgeladen haben musste und die schon morsch waren. Sie kamen ins Gespräch, begannen zu flirten. Sie tanzten, und tief in der Nacht küssten sie sich in der rauchgeschwängerten Düsternis des Clubs. Sie waren beide ganz schön betrunken, als sie in seiner Wohnung landeten, die nur wenige Schritte vom Club entfernt lag. Sie zogen sich aus, liebten sich bis zur Erschöpfung, schliefen ein und waren doch wieder vor dem Morgengrauen wach. Sie fielen erneut übereinander her. Tobias hatte nichts von der Ungeschicklichkeit der Kölner Jungen, mit denen sie damals ihre ersten Erfahrungen gemacht hatte. Er war gierig und wild, und Anna genoss es.

Er erwachte und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Seine Hände umschlangen Anna, als wollte er sie nicht mehr loslassen.

»Warum hast du vorhin gesagt, dass du mich kennst?«, fragte sie leise.

»Weil ich dich kenne«, grunzte er zwischen ihren Schenkeln. »Das heißt … « – er hob den Kopf und sah sie an, »ich weiß jetzt, dass ich dich eigentlich nicht kenne.«

Anna fasste ihn an den Haaren und stieß ihn spielerisch weg. »Aus dir soll einer schlau werden!«

»Kennst du das, wenn du jemanden triffst und es ist doch eine andere?«

Anna schüttelte den Kopf und strich sich die Haare aus dem Gesicht.

»Ich dachte, als ich dich sah, dass wir uns schon einmal begegnet sind, im Oktober«, begann Tobias. »Aber jetzt weiß ich, dass du jemand anderes bis.« Er streichelte ihre Brüste.

»Ihre sehen anders aus«, murmelte er. »Etwas spitzer.«

»Chauvi!«

»Aber im Ernst: ihr seht euch sonst verblüffend ähnlich, wie Zwillinge.«

Ein Unbehagen stieg in Anna auf. »Wie heißt diese andere Frau?«

»Coco«, sagte Tobias. »War eine Berühmtheit in der Szene.«

Anna rückte weg von Tobias, als hätte er plötzlich etwas Abstoßendes an sich.

»Coco … und wie weiter?« Anna zog die Bettdecke hoch.

»Coco Schmidt«, sagte er leise.

»Und sie sieht mir zum Verwechseln ähnlich?« Tobias nickte.

»Wo ist sie jetzt?« fragte Anna.

»Keine Ahnung. Wir waren nach der Demo am Republikgeburtstag zusammen in Rummelsburg gelandet.«

»In Rummelsburg?«

»Im Knast«, erklärte Tobias. »Die haben uns ein paar Stunden festgehalten, Stehen bis zum Umfallen und so. Und als wir frei waren, sind wir zu mir.«

»Du hast hier mit ihr geschlafen?« Anna verzog das Gesicht.

»Nein, dazu kam es nicht. Sie zog sich wieder an und haute ab. Einfach so.«

»Und ich bin jetzt der Ersatz für Coco … «

»Du bist etwas ganz Besonderes und völlig anders«, sagte Tobias und küsste sie. Anna ließ seine Zärtlichkeiten zunächst zu, entwand sich ihm aber und stand auf.

»Machst du das jetzt wie sie?« Tobias sank enttäuscht auf den Rücken. Anna zog sich hastig ihre Sachen an.

»Du bist süß«, sagte sie. »Aber ich muss los.« Sie küsste ihn und ging.

Auf der Straße schnupperte sie an ihrem Shirt. Nein, derart nach Zigarettenrauch riechend konnte sie nicht in die Redaktion. Sie schloss das Fahrrad auf und sah noch einmal nach oben. Tobias zeigte sich nicht am Fenster. Anna fuhr los, die Schönhauser entlang, begleitet von einem rumpelnden U-Bahn-Zug auf der Hochbahn, der sich wie sie Richtung Alex bewegte. Die Laternenpfähle waren mit Plakaten für die DDR-Kommunalwahl bestückt, auf denen die Kandidaten versuchten, wie westliche Politprofis zu lächeln. Coco Schmidt, die Frau, die ihr wie ein Zwilling glich, ging Anna nicht aus dem Kopf. Die Sendung »Im Visier« hatte vor einigen Monaten einen Film über die Stasi-Agentin gebracht. Lucas Hermes hatte sie seither immer wieder gedrängt, nach ihrer verschollenen Schwester Nina zu suchen. Die war aller Wahrscheinlichkeit nach die Stasi-Spionin, die sich als Coco Schmidt ausgab. Sie hatte Anna unter Mordverdacht gebracht, als sie die Bombe an der Synagoge in der Fasanenstraße hochgehen ließ und Anna als mutmaßliche Täterin gesucht wurde und wochenlang untertauchen musste. Die Überwachungskamera hatte die Täterin gefilmt, die Anna zum Verwechseln ähnlich sah. Lucas Hermes war Annas Retter: er hatte sie erst versteckt und dann anhand ihrer Fingerabdrücke bewiesen, dass sie unmöglich die Bombenlegerin sein konnte.

In ihrer Schöneberger Wohnung duschte sie ausgiebig. Während das heiße Wasser über ihren Körper lief, musste sie an die Liebesnacht mit Tobias denken. Ja, sie wollte ihn wiedersehen. Doch immer wieder kreisten ihre Gedanken um Coco Schmidt, die sich in die Dissidentenszene eingeschlichen hatte und mit Annas neuem Liebhaber Tobias im Oktober fast im Bett gelandet wäre – wenn Tobias denn die Wahrheit sagte. Und diese Frau, die ihr wie ein Zwilling glich, war ihre Schwester oder Halbschwester Nina, die angeblich als Baby gestorben war. Annas Eltern hatten sie jahrzehntelang belogen, hatten ihr verschwiegen, dass ihre Mutter Christel, als sie 1957 in den Westen zu Hans Rademacher ausreisen durfte, ein Kind zurücklassen musste, das dann in der DDR heranwuchs und eine Stasi-Agentin wurde. Nina Jurczik war ihr richtiger Name – das hatte Anna den Eltern vor ein paar Wochen endlich entlocken können. Diese Frau war auf Leute wie Tobias angesetzt und wusste, wie ähnlich sie Anna sah. Und Anna quälte seit dem Geständnis der Eltern die Frage, ob Hans Rademacher ihr leiblicher Vater war oder ob der geheimnisvolle Mann in der DDR, Hans-Peter Jurczik, sie beide, Nina und Anna, gezeugt hatte. Sie drehte den Wasserhahn zu und trocknete sich hastig ab. Wo mochte dieser Jurczik jetzt sein und wo versteckte sich Nina?

Donnerstag, 3. Mai 1990

Am Sendetag des Magazins Im Visier glich das Rundfunkgebäude am Theodor-Heuss-Platz einem Bienenstock, aus dem heraus und in den hinein unaufhörlich Menschen strömten, um letzte Erledigungen für die Sendung am Abend zu machen. Die Kamerateams brachten die aktuellen Bilder herbei, die in die fast fertigen Beiträge hineingeschnitten wurden; die letzten Interviewpartner wurden an der Pforte begrüßt und im Foyer befragt, und die hungrigen Redakteure gingen ein und aus, um in kurzen Schnittpausen Kaffee und Kuchen für sich und die Cutterinnen zu besorgen, bis es dann in die berüchtigte Abnahme am frühen Abend ging.

Redaktionsleiter Gottlob Freese war erst am Nachmittag in der Redaktion erschienen. Er trug eine graue Uniform mit drei silbernen Sternen auf den Schulterklappen, die Dienstmütze unter den Arm geklemmt. Freese stolzierte mit durchgedrücktem Rücken durch die hintereinander liegenden Redaktionsräume und blieb kurz vor seiner Bürotür stehen, nachdem er die irritierten Blicke der Redaktionsassistentin, der Chefin vom Dienst und der beiden Mitarbeiter bemerkt hatte, die gerade ihre Filmtexte zum Kopieren ablieferten.

»Tut mir leid, ich hatte keine Zeit zum Umziehen«, sagte Freese in Richtung Margarethe, die am Sendetag vorne im Produktionsbüro saß. Er würdigte die freien Mitarbeiter Schmitt und Hermes keines Blickes. »Komme gerade von einer Wehrübung.« Er verschwand in seinem Büro.

Lucas und Schmitt konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der dicke Schmitt salutierte, nachdem der Chef gegangen war.

»Ich dachte immer, Berlin ist entmilitarisiert«, sagte Lucas amüsiert und sah Margarethe fragend an.

»Freese ist in Westdeutschland gemeldet. Das macht er öfter«, sagte die Chefin vom Dienst.

»Aber wie ist er in Uniform durch die DDR gefahren?«

»Er hat sich extra die Uniform wieder angezogen«, flüsterte Schmitt.

»Jeder, wie es ihm gefällt«, sagte die Chefin vom Dienst. War da ein bewunderndes Glänzen in ihren Augen? »Jetzt aber ab, wir kommen gleich zur Abnahme!«

Lucas und Heiner Schmitt gingen zurück in ihren Schneideraum und lasen ihren Filmtext zur Währungsunion zwischen DDR und Bundesrepublik noch einmal laut zur Probe, während die Cutterin den noch ungemischten Film abspielte.

»Ich mache noch ein paar Töne sauber«, sagte sie, als die Beiden fertig waren.

»Kaffee?«, fragte Schmitt und nickte seinem Kollegen zu. Lucas war dran und ärgerte sich über die zusätzliche Ausgabe.

Im Schneideraum neben ihrem lief gerade die Abnahme der wöchentlichen Gutgeh-Geschichte, einer Rubrik, die Freese eingeführt hatte, um den düsteren Themen des Politmagazins etwas Lebensbejahendes hinzuzufügen, wie er es nannte. Diesmal hatte Rafael Dragovic die Geschichte eines älteren Ehepaares filmisch umgesetzt, das eine ungewöhnlich hohe Telefonrechnung bezahlen sollte. Die Szene, die Lucas, im Türrahmen verweilend, sah, zeigte Dragovic, wie er vor dem Bundespostminister mit der Telefonrechnung fuchtelte und dem Politiker entschuldigende Antworten entlockte. Lucas ging weiter Richtung Kantine.

Nachdem Redaktionsleiter Gottlob Freese und seine Stellvertreterin Britta Hensel die Sendungsbeiträge gesehen und kritisiert hatten, ging es an die Änderungen. Lucas und Schmitt bekamen die Unruhe in den Schnitträumen mit. Es wurde gebrüllt, Türen knallten, hektisches Rennen auf dem Korridor. Teile der Beiträge mussten umgestellt, O-Töne gekürzt oder ganz herausgenommen werden, je nachdem, wie das Urteil des Führungsduos ausfiel. »Viel zu lang« und »falsch aufgebaut« waren die häufigsten Anmerkungen, und die Reporter und Schnittmeisterinnen bemühten sich eifrig, die Filme bis zur Sendung zu ändern und schließlich zu vertonen.

Lucas Hermes und Heiner Schmitt waren als Letzte dran. Auch sie mussten ihren Filmbeitrag ändern. Freese, bei der Abnahme in Hemd und Uniformhose, bemängelte die Einseitigkeit des Beitrags, der würde ja ausschließlich die Nachteile einer Währungsumstellung im Verhältnis Eins zu Eins beschreiben!

»Das ist der Ruin der DDR-Wirtschaft«, klagte Lucas. »Wenn DDR-Produkte plötzlich in D-Mark angeboten werden, kann sich niemand in Osteuropa diese Sachen mehr leisten.«

»Und wenn die DDR-Arbeiter ihre Gehälter in D-Mark bekommen, ist das für jeden Betrieb im Osten das Ende«, pflichtete Schmitt bei.

»Aber die Menschen haben dann Westgeld«, erwiderte Freese. »Sie können endlich reisen mit einer Währung, die überall etwas wert ist. Nehmen Sie einen Experten-O-Ton oder mehr vom Finanzminister in den Film hinein, Waigel sagt doch kluge Sachen. Alles andere ist reine SED-Nostalgie.«

Beim Wort »SED« verzog Freese das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

»Die Leute wollten doch eine eigenständige demokratische DDR«, sagte Schmitt. »Jetzt bleibt nur noch der Beitritt.«

Freese nickte: »Und das ist doch nicht das Schlechteste, oder? Über Nacht und ohne einen Schuss abgegeben zu haben in der Demokratie ankommen. Noch dazu mit vollen Sparkonten in D-Mark!«

Am Vorabend hatten sich die Regierungen Kohl und de Maizière darauf geeinigt, alle DDR-Löhne und Renten im Verhältnis eins zu eins in D-Mark umzuwandeln und höhere Sparguthaben im Verhältnis zwei zu eins von DDR- in West-Mark umzutauschen.

Lucas und Schmitt fügten sich und begannen mit der Änderung. Sie verlängerten den O-Ton des Finanzministers und bauten hinter einer Grafik, die die drohende sinkende Nachfrage nach DDR-Produkten aufzeigte, die Aussage eines Wirtschaftsprofessors ein, der für den Osten Deutschlands rosige Zeiten vorhersagte.

Nach der Tonmischung, die knapp vor Sendungsbeginn abgeschlossen war, saßen die beiden Reporter erschöpft im Freienzimmer und tranken Bier. Die ersten Minuten des Magazins hatten sie verpasst.

»Prost!«, sagte Schmitt und stieß mit Lucas an. Der setzte die Flasche nach einem kurzen Schluck ab und griff zum Telefon.

»Unser Bericht kommt gleich«, knurrte Schmitt.

»Den kenne ich schon«, sagte Lucas und wählte Pölzingers Nummer. Die Mitarbeiterin der Galerie hatte sie ihm nach kurzem Zögern gegeben, nachdem Lucas ihr etwas von einem wörtlichen Zitat des Meisters vorgeschwindelt hatte, das er unbedingt für seine Ausstellungskritik benötigte. Nach langem Klingeln hob der Künstler ab. Er lallte leicht, als er seinen Namen nannte. Lucas wies auf die gerade laufende Sendung hin und erklärte Pölzinger, dass er kein Kunstkritiker, sondern ein investigativer Reporter war und mit dem Künstler über dessen Andeutungen vom Vorabend sprechen wollte, streng vertraulich natürlich. Pölzinger schwieg eine Weile, dann ließ er sich auf ein Treffen ein. Er hatte am kommenden Vormittag noch einen Termin mit seinem Galeristen und bat Lucas gegen Mittag in sein Atelier.

»Eine neue Story?« fragte Schmitt, nachdem Lucas aufgelegt hatte.

»Rein privat.« Lucas griff nach der Flasche und trank gierig.

Samstag, 5. Mai 1990

Pölzingers Atelier lag im Hof eines Schöneberger Mietshauses. Der Künstler reagierte nicht auf das Klingeln. Die Haustür ließ sich aufschieben. Lucas sah einen Jungen mit Ranzen auf dem Rücken im Vorderhaus die Treppe hochgehen. Es war kurz vor Eins, Schulschluss. Im Hof fand Lucas den Eingang zum Gartenhaus. Auch diese Tür stand offen. Er ging ins Treppenhaus und klingelte im Erdgeschoss. Wieder keine Reaktion. Er ging zurück in den Hof und fand eines der Atelierfenster angelehnt. Lucas drückte es leicht auf und rief Pölzingers Namen. Er öffnete das Fenster ein Stück weiter – der Geruch von Terpentin drang aus dem Raum, dessen Wände mit Bildern vollgestellt waren. Pölzinger antwortete nicht. Hatte der Maler die Verabredung vergessen und hockte betrunken in der nächsten Eckkneipe? Lucas sah nach links und rechts in den Raum hinein. Ein Tisch mit übervollem Aschenbecher war zu sehen, daneben Pinsel, Farbtuben und Pigmentflaschen. Eine Tür auf der dem Fenster gegenüberliegenden Wandseite ging auf einen dunklen Flur.

»Herr Pölzinger!« Lucas blickte sich im Hof um, ob irgendjemand ihn beobachtete. Dann entschloss er sich, durch das Fenster einzusteigen.

An das Atelier grenzte ein schmaler Korridor, der zu einem fensterlosen Badezimmer führte. Auch dort war der Künstler nicht. Der Atelierraum machte den Eindruck, als ob Pölzinger hier noch vor kurzem gearbeitet hatte. Ein noch unfertiges Bild, das lediglich eine gräuliche Grundierung aufwies und ein paar fahrige Bleistiftstriche, die den Umriss einer Figur andeuteten, hing an der mit Farbklecksen übersäten Malwand. In der Raummitte stand ein grob gezimmerter Holztisch, auf dem sich zwei kleine Skulpturen befanden, abgedeckt mit feuchten Tüchern. Lucas hob den nassen Stoff an – ein in Ton modellierter Kopf war zu erkennen, der vermutlich ein Selbstporträt Pölzingers darstellte. Unter dem anderen Tuch steckten zwei hochgereckte Hände, ebenfalls grob aus Ton geknetet. Die beiden Plastiken waren noch feucht, mussten also erst vor wenigen Stunden entstanden sein. Pölzinger versuchte sich wohl an Skulpturen, weil seine Hände den Pinsel nicht mehr ruhig halten konnten. Lucas setzte sich und sah sich im Atelier um. Die Bilder, die an den Wänden lehnten, ähnelten den Werken, die er in der Ausstellung gesehen hatte. Fahrig ausgeführte Variationen, die darauf hindeuteten, dass der Maler wie so viele Künstler erfolgreiche Motive immer wieder abwandelte und dabei in Kauf nahm, dass die zweite und dritte Version deutlich schwächer wirkten als das erste Bild, das direkt einer Idee entsprungen war, die sich offensichtlich auch nicht in anderen Farbkombinationen beliebig duplizieren ließ. Die zum Flur führende offenstehende Tür verdeckte einige kleinere Formate. Lucas stand auf und bewegte das Türblatt, um die Arbeiten studieren zu können. Allesamt ältere Arbeiten, wie die Signaturen mit den Jahreszahlen zeigten, ungleich ausdrucksstärker und kraftvoller als alles, was er sonst im Raum sah und was der Galerist gezeigt hatte.

Seltsam, dass die rote Farbe nur auf die obere Hälfte der Tür gespritzt war! Dabei war die Tür, wenn sie zum Korridor hin geschlossen wurde, gar nicht in der Nähe der Malwand, sondern grenzte an die ansonsten saubere Wand, an die Pölzinger die Bilder gelehnt hatte.

Blut, schoss es Lucas durch den Kopf. Er betastete die Tür behutsam. Kein Zweifel, das war getrocknetes Blut. Auch auf dem Boden, zwischen den Dielenritzen, war das dunkle Rot zu erkennen, als ob jemand die Spuren nur unvollständig weggewischt hatte.

Lucas stürmte aus dem Hof und fand an der Straßenecke eine Telefonzelle. Er wählte nicht den Polizeiruf, sondern rief Kommissar Klamm auf dessen Dienstapparat an. Klamm war am Platz und hörte sich ruhig die aufgeregte Schilderung des Reporters an.

»Dass mir das nicht zur Gewohnheit wird«, brummte der Mordermittler. »Wir haben eine zentrale Polizeirufnummer, da kannst auch du deine Morde melden.« Der Kommissar und der Journalist waren seit ihren gemeinsamen Ermittlungen per Du.

»Ich verbinde mal mit den Kollegen«, sagte Klamm und drückte einen Knopf. Jetzt meldete sich die Leitstelle. Lucas berichtete dem Beamten von seiner Entdeckung. Er sollte Namen, Telefonnummer und Adresse angeben, was ihn einige Mühe kostete. Er nannte die Pommernallee als seine Wohnadresse und verschwieg, dass das der Sitz seines Arbeitgebers war, des Rundfunks im Britischen Sektor.

«Ein Streifenwagen kommt sofort«, sagte der Polizist. »Sie bleiben, wo Sie sind und warten auf die Kollegen!«

Lucas lief eine halbe Stunde vor dem Haus auf und ab, bis der Streifenwagen erschien. Zwei Uniformierte, ein Mann und eine Frau, stiegen aus und begannen, ohne vorher zu grüßen, mit der Befragung. Was haben Sie gefunden, wo ist der angebliche Tote, in welcher Beziehung stehen Sie zu Pölzinger, warum sind Sie überhaupt hier?

Lucas fühlte sich wie ein Beschuldigter und führte die Polizisten schließlich in den Hof, dessen Eingangstür er mit einem Steinchen blockiert hatte.

»Sie sind also durch das Fenster eingestiegen?« Der Tonfall der Beamtin war feindlich. »Und dann haben Sie etwas entdeckt?« Die Polizistin streifte sich Gummihandschuhe über und kletterte durch das Fenster. Ihr Kollege hielt Abstand zu Lucas und sprach leise in sein Funkgerät. Offenbar sollte Verstärkung kommen; auch die Spurensicherung wurde angefordert, soweit Lucas den Beamten aus der Distanz verstehen konnte. Der Polizist machte keine Anstalten, durch das Fenster zu seiner Kollegin zu stoßen. Lucas dämmerte, dass der Mann ihn bewachte und an der Flucht hindern sollte, während seine Kollegin den Tatort inspizierte. Dann kletterte sie durch das Fenster wieder in den Hof.

»Ich sichere die Wohnung, und du … « – sie wies mit dem Kopf in Richtung Ausgang. Der offenbar Rangniedrigere nickte und packte Lucas unsanft am Oberarm.

»Mitkommen!«

Lucas musste auf der Rückbank des Streifenwagens Platz nehmen, um auf die Kripo zu warten. Der Beamte lehnte am Fahrzeug; Lucas war im Polizeiauto gefangen.

Er sah aus dem Wageninneren zu, wie zwei Männer in Zivil, offenbar die Spurensicherung, erschienen und kurz mit dem Uniformierten sprachen.

»Größere Blutanhaftung an der Tür, aber keine Leiche«, hörte er den Beamten durch die Scheibe. Die Polizistin öffnete die Hoftür und ließ die beiden Männer hinein, die jeweils einen Rollkoffer hinter sich herzogen. Lucas’ Bewacher rauchte eine Zigarette und wartete neben dem Streifenwagen. Ein Zivilfahrzeug hielt an und ein korpulenter älterer Mann quälte sich vom Fahrersitz.

»Tatzeuge beziehungsweise Tatverdächtiger ist da drin«, sagte der Beamte zu dem Kommissar in Zivil. Er trat seine Zigarette aus.

»Wen haben wir denn da?« Klamms breites rotes Gesicht erschien vor der Seitenscheibe des Streifenwagens. Lucas war erleichtert, dass Ernst Klamm den Fall an sich gezogen hatte. Klamm öffnete die hintere Tür und bat Lucas heraus.

»Den kenne ich«, sagte Klamm zu dem Uniformierten. »Was hat er denn verbrochen?«

»Er hat uns über eine angebliche Gewalttat informiert«, sagte der Polizist.

»Vorher war er in die Wohnung durch das Fenster eingedrungen«, ergänzte die Beamtin, die noch immer in der Hofeinfahrt stand.

»Sie sind wohl wieder an einer heißen Story dran?« Klamm siezte Lucas vor den Kollegen. »Na dann erzählen Sie mal.«

Und dann berichtete Lucas von seiner Verabredung mit dem Maler und wie er dann das Blut in Pölzingers Atelier vorgefunden hatte. Er verschwieg Klamm den Grund seines Atelierbesuchs, Pölzingers Andeutungen über die Urheberschaft seiner Bilder.

»Sie sind also auf einmal kunstsinnig geworden«, sagte der Kommissar. Lucas nickte.

»Pölzinger lud mich ins Atelier ein, um mir mehr von seiner Arbeit zu zeigen.«

»Ich wusste gar nicht, dass freiberufliche Journalisten so gut verdienen, dass sie sich Kunst leisten können.« Klamm blickte Lucas durchdringend an.

»Pölzinger ist für mich unerschwinglich«, sagte Lucas.

»Wissen Sie, wo er vor Ihrer Verabredung war?«

»Bei seinem Galeristen Wengele. Das hat er jedenfalls am Telefon gesagt.«

»Dann weiß ich ja, wo ich gleich hinfahren muss«, sagte Klamm. »Sie halten sich bereit für weitere Fragen, Herr Hermes. Kollegen?«

»Adresse und Telefonnummer haben wir notiert«, kam es zurück. »Soll er nicht auf die Wache?«

»Ich kenne den Herrn«, sagte Kommissar Klamm. Als er den Notizblock zückte, um die Adresse der Galerie Wengele aufzuschreiben, kamen die Männer von der Spurensicherung aus dem Haus.

»Jede Menge unterschiedlicher Fingerabdrücke im Atelier«, sagte einer der weiß verhüllten Männer.

»Und jede Menge Blut, deutet auf eine Gewalttat hin.«

»Dann wollen wir mal.« Klamm holte Gummihandschuhe aus der Jackettasche und zog sie sich mit einem schnalzenden Geräusch über die Hände.

Die Ermittler schienen sich nicht mehr für Lucas zu interessieren. Er beschloss, zur Galerie zu gehen und dort auf Klamm zu warten.

***

Die junge Frau am Tresen der Galerie Wengele erschrak, als Ernst Klamm sich als Kriminalkommissar vorstellte. Sie griff zum Hörer und erreichte den Galeristen in seiner Charlottenburger Wohnung, die nur wenige Gehminuten entfernt war. Die Mitarbeiterin bot Klamm einen Stuhl an und servierte ihm einen Cappuccino. Er sah sich im Sitzen die bunten Bilder Pölzingers an. Die Arbeiten, fand er, waren viel schlechter als die Bilder, die er im Atelier gesehen hatte. Kein Zweifel, irgendjemand hatte auf einem Menschen eingeschlagen oder eingestochen. Das verletzte Opfer war entweder geflohen oder weggeschafft worden – die Spurensicherung hatte Schleifspuren mit Blut Richtung Ateliertür gemeldet. Vielleicht gab es aber auch einen Toten, der mit einer der kleineren Bronzeskulpturen oder mit einem der herumliegenden Messer tödlich verletzt worden war – die mussten alle noch auf Blut- und Hautspuren untersucht werden. Und vor allem musste das Opfer gefunden werden. In wenigen Stunden hätten sie Klarheit über das Blut, hoffte Klamm.

Wengele betrat schwer atmend die Galerie. Er war Klamm auf den ersten Blick unsympathisch. Der Galerist verneigte sich, als er dem Kommissar kraftlos die feuchte Hand reichte. Trotz der bestürzenden Nachricht von einer Gewalttat im Atelier Pölzingers umspielte ständig ein leichtes Grinsen seine Mundwinkel.

»Wenn Herr Pölzinger sich als das Opfer erweist, wäre das ja ein schwerer finanzieller Verlust für Sie«, begann Klamm die Vernehmung. Wengele machte eine entsetzte Miene.

»Na, dann könnte er ja nichts mehr für Sie malen«, sagte Klamm.

»Wie können Sie nur so etwas denken!«

»Wann haben Sie Herrn Pölzinger zuletzt gesehen?«

Wengele schien zu überlegen. »Heute Morgen noch«, sagte er leise.

»Und wo?«

»In der Galerie, gegen zehn. Um halb Elf ist er gegangen.«

»Wohin könnte er gegangen sein?

»Er wollte ins Atelier«, sagte Wengele.

»Erzählen Sie mir jetzt ganz genau, wie der Abend der Eröffnung ablief und wie Ihr Treffen heute war.«

Wengele begann umständlich, den Ablauf der Vernissage zu schildern. Dass Klamm ihn immer wieder nach Namen von Anwesenden fragte und sie eifrig notierte, schien den Galeristen nervös zu machen. Wann Pölzinger gegangen sei? So gegen halb Zehn. Nein, er habe nichts Verdächtiges bemerkt.

Das Treffen mit dem Maler am Vormittag schilderte der Kunsthändler als reines Arbeitstreffen.

»Wir haben uns einen Überblick über die Verkäufe und Vormerkungen verschafft«, sagte Wengele. »Und dann habe ich angeregt, ob er nicht noch eine Version des Bildes »Entscheidung« malen könnte, etwas kleiner.« Er deutete auf ein riesiges Gemälde an der Schmalseite des Galerieraumes.

»Der Hulk?« fragte Klamm und blickte auf den blau-grünen Riesen mit dem Stein in den Händen.

»Der was?«

»Eine Comicfigur«, sagte der Kommissar. »Die hat mein Neffe gemocht, als er noch klein war.« Wengele schien etwas erwidern zu wollen, verbiss es sich aber. Die Galerietür ging auf.

»Tut mir leid, zu viel Verkehr!« Kriminalkommissarin Jasmin Berger eilte auf Klamm zu, der neben Wengele auf einem Stuhl saß, als wollten beide Männer die Bilder genießen. Berger stellte sich dem Galeristen und seiner Mitarbeiterin vor und griff sich einen Stuhl. Jetzt saßen die Ermittler links und rechts von Wengele, der sich zunehmend unbehaglicher zu fühlen schien.

»Also, wie war das mit dem Bild?«, fragte Klamm nach.

»Ich hätte Entscheidung zwei- oder dreimal verkaufen können. Nur das große Format schreckt einige Kunden ab«, erklärte Wengele.

»Hatte Herr Pölzinger Feinde oder irgendwelche Probleme?« fragte Jasmin Berger. Wengele schüttelte den Kopf.

»Nicht dass ich wüsste. Er ist zwar geschieden, hat aber eine neue Frau. Er trinkt etwas viel, aber das tun ja die meisten Künstler.«

»Name und Adresse der Frau?« Klamm hatte wieder seinen Block gezückt.

»Susanna Krokowski, glaube ich. Sie war seine Schülerin auf der Akademie der Künste.«

»Hat er einen Lehrauftrag gehabt?«

»Schon eine Weile nicht mehr«, sagte der Galerist. »Er wollte sich ganz auf die Malerei konzentrieren. Wenn man so berühmt ist wie Pölzinger, ist viel zu tun.«

***

Lucas beobachtete von draußen das Gespräch zwischen dem Galeristen und den beiden Kommissaren. Er hielt sich hinter einem Lieferwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite versteckt. War das Verschwinden Pölzingers eine Story für seine Redaktion? Freese, Leiter der Sendung Im Visier, hatte nichts für Kultur übrig – zu uninteressant für den Zuschauer, den Freese genau zu kennen schien und der sich nach Ansicht des Redaktionsleiters nur für Themen aus der eigenen Lebenswirklichkeit interessierte – das hatten Marktstudien ergeben. Aber ein Mord ohne Leiche, eine Suche auf der Spur eines Verbrechens, das musste Gottlob Freese doch als Zuschauer-affin erkennen?

Pölzinger hatte Lucas gegenüber angedeutet, die ausgestellten Bilder nicht selber gemalt zu haben. Vielleicht zitterte der Alkoholkranke so stark, dass er den Pinsel nicht ruhig halten konnte. Dann wäre der Galerist verdächtig, einen Maler zu beschäftigen, der Pölzingers Werke fälschte. Die Bilder in der Galerie waren zehntausende Mark wert und mit dem Namenszug Pölzingers signiert. Wären die Bilder gefälscht, wäre allein das ein Verbrechen, das Wengele für Jahre in den Knast bringen konnte. Ob der Galerist morden würde, um die Entdeckung des Betrugs zu verhindern? Lucas konnte Klamm seinen Verdacht nicht mitteilen. Dann würde der den Galeristen festnehmen, der würde möglicherweise gestehen und die Exklusivgeschichte wäre dahin. Besser wäre es, überlegte Lucas, wenn er sich an Wengeles Fersen heften und den Kunstfälscher ausfindig machen würde. Und er müsste an Klamm dranbleiben, um als Erster vom Fund der Leiche Pölzingers zu erfahren. Für Lucas stand fest, dass er Pölzingers Blut an der Tür gesehen hatte, dass der Mörder die Leiche weggeschafft und irgendwo vergraben hatte. Er beschloss, noch eine Weile vor der Galerie zu warten. Klamm und Berger verabschiedeten sich gerade von Wengele und seiner schönen Assistentin und traten vor die Tür. Lucas duckte sich, als sie in Richtung ihrer Fahrzeuge verschwanden.

***

Die Frau rauchte unaufhörlich. Jasmin Berger hatte Susanna Krokowski gebeten, die Atelierfenster öffnen zu dürfen. Das Reich der Malerin war eine schmuddelige Charlottenburger Ladenwohnung im Erdgeschoss – ähnlich dem Atelier Pölzingers, aber deutlich kleiner und unaufgeräumter. Der Estrichboden war mit Ölfarbe bekleckert, die rissigen Wände mit Skizzen und fertigen abstrakten Bildern behängt. Eine Neonröhre warf ein kaltes Licht in den Raum. Die Frau des Malers schien sich von Kaffee, Wein und Zigaretten zu ernähren; in der kleinen Kochnische gab es keine Hinweise darauf, dass hier Mahlzeiten zubereitet wurden. Lediglich ein paar ungespülte Tassen und Gläser stapelten sich neben der Kochplatte. Ein Vorhang trennte eine Schlafnische mit schmalem Bett vom Atelier ab. Susanna Krokowski war in Tränen aufgelöst und zündete sich eine Rothhändle nach der anderen an. Vor wenigen Minuten hatte Jasmin Berger erfahren, dass es Pölzingers Blut war, das die Spurensicherung überall im Atelier festgestellt hatte. Im Krankenhaus am Urban war dem Maler vor kurzem Blut entnommen worden, das mit den großen Spritzern im Atelier identisch war. Kein Zweifel, Pölzinger war schwer verletzt oder tot, und die Tat hatte vor wenigen Stunden stattgefunden.

»Wir hatten Krach«, schluchzte die Malerin. »Darum habe ich ihn seit der Vernissage nicht mehr gesehen.«

»Was für einen Krach?«, fragte Jasmin Berger vorsichtig nach.

»Er wird … übergriffig«, sagte sie und nahm nervös einen Zug.

»Gewalttätig?« Die Frau nickte.

»Das heißt – er ist dann nicht bei sich. Es ist nie so schlimm, dass es richtig übel wird«, sagte sie. »Er ist dann so besoffen, dass er nicht richtig trifft. Und dann kippt er irgendwann um.«

»Wollten Sie sich von ihm trennen?«

Die Malerin saugte an ihrer Zigarette und starrte aus dem Fenster.

»Kann sein«, sagte sie leise. »Es wurde immer schwieriger mit ihm, seit er nicht mehr malen konnte.«

»Er hatte doch gerade eine Ausstellung?«

»Das waren wohl … . ältere Bilder«, sagte sie, immer noch den Blick von den Kommissaren abgewandt. »In letzter Zeit zittert er so stark, dass er kaum noch den Pinsel halten kann.« Sie unterbrach ihre Rede, als sie merkte, dass sie von ihrem Mann wie von einem Lebenden sprach. »Ich meine, er zitterte immer stärker und versuchte, seine Hände in den Hosentaschen zu verstecken, wenn es besonders schlimm war.«

Eine halbe Stunde später standen Klamm und Berger wieder auf der Straße. Sie gingen ein paar Schritte, um außer Hörweite der Malerin zu sein.

»Sie hat ihn die letzten Stunden nicht gesehen, sagt sie. Glaubst Du ihr?«, fragte Klamm seine Kollegin. Jasmin Berger schnupperte an ihrem Ärmel und verzog das Gesicht.

»Schlimme Luft da drin«, sagte sie. »Ich bin mir nicht sicher. Sie hätte einen Grund, sich von ihm zu trennen, aber nicht, ihn zu töten.«

Klamm wiegte bedächtig den Kopf hin und her. »Sie könnte einen Kampf mit ihm gehabt haben und verschweigt uns die letzte Begegnung. Vielleicht traf sie ihn im Atelier, er wurde gewalttätig, und sie schlug zurück.«

»Noch haben wir weder Leiche noch Tatwaffe und wissen nicht, wodurch Pölzinger zum Bluten gebracht wurde.«

»Wir müssen herausfinden, was sie so den ganzen Tag tut«, sagte Klamm. »Waren die Hunde schon da?«

»Das dauert noch«, sagte Jasmin Berger. »Die Hunde waren alle im Einsatz und erst in zwei Stunden ist einer von ihnen verfügbar.«