Chained: Das Bündnis - Irvin L. Kendall - E-Book

Chained: Das Bündnis E-Book

Irvin L. Kendall

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Beschreibung

Nach zwei Jahren harter Arbeit gelingt es Yanis endlich, den Super-Hacker und Industriespion Timur Allard in Moldawien aufzustöbern und im Rahmen einer Interpol-Operation zu verhaften. Allerdings besteht Staatsanwalt Morel darauf, dass er Timur auf Umwegen nach Frankreich eskortiert. So findet Yanis sich, an Timur gekettet, in einem Kleinflugzeug über den rumänischen Karpaten wieder, als plötzlich die Elektronik ausfällt … Nicht nur, dass das Flugzeug offenbar manipuliert wurde, es gibt noch mehr Anzeichen dafür, dass das alles inszeniert wurde, um nicht nur Timur loszuwerden, sondern auch Yanis! Die beiden ungleichen Männer müssen sich zusammenraufen, um zu überleben …

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Irvin L. Kendall

 

 

 

CHAINED

 

Das Bündnis

 

 

 

Gay Romance / Abenteuer

 

© 2019 Irvin L. Kendall

c/o Youndercover Autorenservice

Lilian R. Franke

Weetzener Str. 64

30974 Wennigsen

 

Kontakt: [email protected]

Irvin L. Kendall @ Facebook

 

Umschlag, Illustration: © Diana Buidoso,

Digital Arts

Motive: © den-belitsky, © agsandrew Adobe Stock, Standard License; Pixabay

 

Independently published.

Printed by KDP.

 

All rights reserved.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Für Inessa

 

Achtung!

 

Einige Darstellungen (Gewalt, Erotik) sind nicht für Personen unter 18 Jahren geeignet.

 

Während im echten Leben Safer Sex richtig und wichtig ist, wurde hier – aus Gründen – darauf verzichtet. Es stellt keine Aufforderung dar, dem Beispiel der Protagonisten zu folgen.

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

 

Kapitel 1

 

 

 

 

 

„DAS DORT VORNE ist der Moldovenau. Sieht er nicht großartig aus?“, schwärmte Ivo, der Pilot, in seinem mühsamen Französisch. Mit einem strahlenden Lächeln steuerte er die Piper PA-28-240 über ein Meer aus Wäldern, Tälern und Bergen und deutete dabei auf einen besonders hohen Berg vor ihnen. „Es ist die höchste Erhebung in Rumänien.“ Er klang so stolz, als hätte er ihn persönlich erschaffen.

Es war nahezu windstill, die Sonne strahlte von einem knallblauen, wolkenlosen Himmel und beleuchtete den Wald unter ihnen, in den sich bereits erstes Herbstlaub eingeschlichen hatte. Der Oktober zeigte sich von seiner freundlichsten Seite.

Yanis LeBron fühlte sich auf seinem Passiersitz wie in einem Käfig und tat sich schwer damit, den Flug zu genießen. Er nahm an, dass Ivo seinen Job liebte, allerdings fand er es alles andere als angebracht, dass er den Fremdenführer gab. Immerhin waren sie nicht zum Spaß hier.

Die Piper, ein einmotoriges Kleinflugzeug, wurde für gewöhnlich dafür eingesetzt, nach möglichen Waldbränden Ausschau zu halten oder nach verirrten Touristen zu suchen. Oder was Ranger sonst noch so für Aufgaben haben mochten. So genau wusste Yanis das nicht. In jedem Fall waren Ivo und sein Co-Pilot keine Polizisten, was bei Yanis für ein leises Magengrummeln sorgte.

Denn heute diente die Piper dazu, den lang gesuchten Hacker und Dark Web-Händler Timur Allard nach Belgrad zu transportieren.

Eben jenen Hacker, der ihm ein freches Grinsen schenkte, als Yanis kurz nach rechts sah. Sofort blickte er wieder weg. Der fand sich wohl besonders witzig!

Es hatte Yanis über ein Jahr gekostet, um in den Tiefen des Dark Webs eine Spur von Timur zu finden, und ein weiteres, eine Falle für ihn aufzubauen. Gestern war sie in Chișinău, der Hauptstadt Moldawiens, endlich zugeschnappt. Yanis und sein Partner Hugenay hatten sich als Käufer für intime Informationen über einen Elektronikkonzern ausgegeben und hatten so mithilfe der moldawischen Polizei und Interpol diesen Fang machen können.

Es war Yanis‘ größter Erfolg in seiner noch jungen Karriere, und wenn er ehrlich war, hätte er sich über etwas Beifall und Aufmerksamkeit gefreut. Nur, um zu wissen, wie es sich anfühlte.

Er war gar nicht der einsame-Wolf-Typ, für den viele ihn hielten, doch er hatte keine Familie und keine Zeit für Freunde oder gar einen Lebenspartner. Oder Partnerin. Ein paar warme Worte wären daher schön gewesen, nachdem er sein Privatleben für zwei Jahre auf Eis gelegt hatte.

Stattdessen waren die ersten Worte aus Staatsanwalt Morels Mund gewesen: „Oh, mein Gott“, und er hatte kein bisschen erfreut geklungen, „lasst uns das so gut unter der Decke halten wie nur irgend möglich!“

Er hatte Yanis und Hugenay angewiesen, einen Weg zu finden, wie sie Timur nach Nantes bringen konnten, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Je weniger Leute eingebunden sind und davon wissen, desto besser“, hatte er gesagt. „Wir müssen auf alles vorbereitet sein, ehe wir seine Verhaftung bekannt geben. Seine Leute oder seine Feinde könnten einen Krieg anzetteln, den wir vielleicht nicht kontrollieren können.“

Yanis war darüber nicht nur enttäuscht, er fand es auch unlogisch. Welche Leute? Sicher, Timur kannte garantiert ein paar finstere Gestalten, aber wieso sollten die ihn befreien wollen? Und wie sollten sie das bewerkstelligen? Das Flugzeug stürmen und Timur rausbomben? Das war doch Quatsch.

Feinde hingegen hatte der Mann reichlich. Manche davon würden ihn sicher auch lieber tot als vor Gericht sehen, aber auch hier war die Frage, was sie dagegen unternehmen wollten. Allenfalls würde Timur in Untersuchungshaft einen bedauerlichen Unfall erleiden. Aber vielleicht meinte Morel ja das damit. Was das jedoch mit dem Transport zu tun haben sollte, leuchtete Yanis nicht ein.

Hugenay hatte die Idee gehabt, die Ranger um Hilfe zu bitten. Wieso es rumänische und keine moldawischen Ranger waren, hatte sich Yanis ebenso wenig erschlossen.

„Es war das, was am einfachsten zu bekommen war“, hatte Hugenay erklärt. „Sie können problemlos hierherkommen und dürfen auch nach Belgrad fliegen.“

Allerdings bedeutete es, dass Hugenay zurückbleiben musste. Die Piper bot nur Platz für vier Leute – die beiden Piloten und zwei Passagiere.

„Ich nehme ein anderes Flugzeug und warte in Belgrad auf euch“, hatte er vorgeschlagen, und Yanis war nichts anderes übriggeblieben, außer zuzustimmen, zumal Morel mit der Lösung zufrieden gewesen war und darauf gedrängt hatte, sie sollten sie umsetzen.

Somit war Yanis der einzige Polizist, der Timur eskortierte. Ivo und der Co-Pilot – sein Name war Boris, glaubte Yanis, war sich aber nicht ganz sicher – waren maximal in Erster Hilfe und Feuerbekämpfung ausgebildet. Von polizeilichen Aufgaben hatten sie keine Ahnung.

Nun saß er also neben Timur, der an ihn gekettet worden war – noch so ein seltsamer Befehl von Morel.

„Ich denke, es soll verhindern, dass er unterwegs aus dem Flugzeug springt“, hatte Hugenay gewitzelt, als er Yanis davon erzählt und die Handschelle um Yanis‘ rechtes Handgelenk hatte zuschnappen lassen. „Er müsste dich dann mitnehmen, und das würde er bestimmt nicht wollen.“

Was für eine schwachsinnige Idee, dachte Yanis, während er aus dem Fenster des kleinen Flugzeugs schaute, ohne sich groß um den atemberaubenden Anblick der rumänischen Karpaten – an dieser Stelle Transsilvanisches Becken genannt - zu kümmern, die sie gerade überflogen. Er war allerdings nicht der Typ, der sich Befehlen leichtfertig widersetzte, ganz gleich, wie seltsam sie erscheinen mochten.

Ein Richter hatte ihn dafür mal kritisiert und gemeint, er wäre besser Soldat geworden. Ein Ermittler hingegen müsste immer alles und jeden hinterfragen, vor allem sich selbst. Yanis wusste nicht, ob er recht hatte. Gesetze waren schließlich keine Auslegungssache. Entweder man hielt sich an sie oder man brach sie.

Weiterhin mied er den Blick auf Timur. Nachdem er so viel Zeit damit verbracht hatte, sich in den Hacker hineinzudenken und sich zu überlegen, wie er wohl tickte und woran er interessiert sein könnte, fühlte es sich seltsam an, neben ihm zu sitzen.

Er hatte ihn sich nerdiger vorgestellt. Stattdessen war Timur ganz Geschäftsmann. Zwölf Jahre älter als er selbst und ein klein wenig untersetzt, da er keine Lust auf Sport hatte, zu viel im Sitzen arbeitete und sehr gern aß. Zumindest hatte Yanis das über ihn Erfahrung bringen können.

Timur war ein südländischer Typ mit leicht bronzener Haut, dunklen, lebhaften Augen, gewelltem, dunklem, sportlich geschnittenem Haar und einem sorgsam gestutzten Bart, der sein markantes, scharf geschnittenes Gesicht umrahmte. Kein unattraktiver Mann. Trotz der Speckröllchen, die allerdings von einem maßgeschneiderten, hellgrauen, dreiteiligen Anzug kaschiert wurden.

Es würde schwierig werden, Timur etwas nachzuweisen. Es hatte ein bisschen was von Al Capone. Alle wussten, dass er allen möglichen Regierungen und Konzernen hochsensible Daten verkaufte, die er an anderer Stelle klaute, aber am Ende würde es wohl auf eine Kleinigkeit hinauslaufen. Der Deal etwa, den Yanis und Hugenay selbst eingefädelt hatten. Und selbst daraus könnte ein guter Anwalt Timur rausboxen.

Yanis nahm an, dass seine Vorgesetzten planten, Timur einfach verschwinden zu lassen, da ein Gerichtsverfahren sinnlos erschien. Für so etwas war sonst höchstens die CIA bekannt, doch auch die europäischen Geheimdienste hatten so ihre Leichen im Keller. Leichen, von denen Timur wissen könnte.

Er war sich nicht sicher, ob er gut finden sollte, dass man Timur wahrscheinlich in ein Geheimgefängnis verfrachten würde. Leute wie er waren verdammt unbequem, doch Yanis fühlte sich vor allem der Wahrheit verpflichtet und fand nicht, dass Regierungen oder Geheimdienste machen können sollten, was immer sie wollten. Auch sie mussten sich an Gesetze halten, und die sahen für jeden einen fairen Prozess vor.

Falls sie ihn ohne Verfahren wegsperren wollen, werde ich mich einmischen und die Sache öffentlich machen, nahm Yanis sich vor. Zumal Timur nicht wegen Massenmordes gesucht wurde. Nein, er musste die Chance erhalten, sich erklären und verteidigen zu können. Wie jeder andere auch.

Halbwegs mit sich selbst zufrieden, wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als Ivo sagte: „Und hier haben wir den berühmten Retezat Nationalpark. Es ist einer der letzten Urwälder Europas mit seltener Flora und Fauna.“

Die Piper flog ein bisschen tiefer, nur ein paar Meter über den Baumwipfeln und Bergkuppen, und Yanis fand, dass sie nicht viel anders als die Bäume und Berge aussahen, über die sie in der letzten halben Stunde geflogen waren.

„Oh, guckt mal da!“ Der Co-Pilot deutete auf etwas, das Yanis von seiner Position aus nicht erkennen konnte.

Wieso landet ihr nicht und macht ein Picknick? Unwillkürlich rollte Yanis die Augen und wollte sich an die Stirn fassen, wurde aber sogleich an die Kette erinnert, die ihn mit Timur verband. Aus dem Augenwinkel sah er Timur grinsen und er drehte den Kopf, um ihm einen wütenden Blick zuzuwerfen.

„Scheint, als hätten Sie keinen Sinn für die Schönheit der Natur, Capitaine LeBron“, bemerkte Timur spitzzüngig. Seine Stimme war dunkel und rau, jedoch mit einer weichen Nuance, die sie melodiös klingen ließ. Zu Yanis‘ Ärger gefiel sie ihm. „Und wahrscheinlich muss man Pilot sein, um Bäume und Berge von Bäumen und Bergen unterscheiden zu können. Aber Sie sollten sich trotzdem entspannen und es sich ansehen. Es dauert noch eine gute Stunde, bis wir in Belgrad ankommen werden.“

„Es sind eher zwei Stunden“, warf Ivo fröhlich ein. „Eine Piper ist schließlich kein Jumbo-Jet.“ Er lachte.

Yanis unterdrückte gerade noch so ein genervtes Stöhnen, und Timur grinste erneut.

Er musterte nun seinerseits den jungen Polizeikommissar neben ihm, während Yanis wieder angestrengt aus dem Fenster starrte, um ihn ja nicht ansehen zu müssen.

Sein Entsetzen, als ihm klar geworden war, dass es ausgerechnet Yanis war, der ihn in die Falle gelockt hatte, hätte nicht größer sein können. All die Mühe der letzten Jahre hatte sich nicht ausgezahlt. Yanis hatte es geschafft, gerissener zu sein, als Timur es jemals vermutet hätte.

Er hatte schon länger eine Schwäche für ihn. Seitdem Yanis zu diesem Modelathleten geworden war, großgewachsen, definierte Muskeln, blond, hellhäutig, trotzdem sehr männlich, stahlblaue Augen. Die engen, hellblauen Jeans modellierten den geilsten Arsch, den Timur je bei einem Mann gesehen hatte. Dazu kamen ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Jacke. Langweilig zwar und alles andere als der letzte Chic, aber trotzdem sexy.

Klar, Timur hatte natürlich gewusst, dass Yanis bei der Polizei in Nantes war und dort Karriere im gehobenen Dienst machte. Er wusste nahezu alles über Yanis. Sogar intime Details. Aber dass er auf ihn angesetzt war, war ihm tatsächlich entgangen. Wie hatte das passieren können?

Und was hatten all die Umstände zu bedeuten? Die Piper, der Umweg. Das war doch …

Er wurde jäh aus seinen Überlegungen gerissen, als das Flugzeug plötzlich ruckte. Mit einem Mal war das surrende Geräusch des Motors weg. Stille breitete sich aus, als hätte jemand eine dicke, schwere Decke über ihnen ausgebreitet. Nur noch das leise Pfeifen des Windes war zu hören.

Yanis beugte sich zu den Piloten vor. „Was um alles in der Welt …?“

„Die Elektronik ist ausgefallen!“, unterbrach der Co-Pilot ihn panisch.

Beide Piloten fingerten hektisch an den Hebeln herum, klickten auf Knöpfe, legten Schalter um, aber nichts passierte. Der Motor schwieg weiter, alle Nadeln lagen flach in den Anzeigen, nirgends leuchtete ein Lämpchen.

Yanis‘ Augen weiteten sich, während er ihnen dabei zusah. Er fühlte, wie die Panik von tief in ihm an die Oberfläche kroch, als er realisierte, dass die Piper durch die Luft glitt … und zwar abwärts!

Obwohl er beinahe so etwas erwartet hatte, erging es Timur nicht viel besser. Seine Handinnenflächen wurden feucht und er krallte sich unwillkürlich am Sitz fest. Er hatte doch geahnt, dass an diesem Transport etwas faul war. Wer benutzte schon ein Ranger-Flugzeug, um einen Gefangenen irgendwohin zu bringen?

Hilfreich waren diese Gedanken jedoch kein bisschen. Änderten sie doch nichts an der Situation.

Ivo betätigte das Funkgerät, doch es gab keinen Mucks von sich. Dann den zweiten, batteriebetriebenen Sprechfunk, der sich aber ebenfalls ausschwieg. Er murmelte etwas auf Rumänisch, während er noch immer an den Schaltern herumfummelte.

„Es gibt ja noch den Notfallsender“, warf der Co-Pilot ein, wohl im Versuch, sie alle etwas aufzumuntern. „Er aktiviert automatisch den GPS-Chip und sendet ein Mayday-Signal, falls das Flugzeug abstürzt.“

„Ehrlich gesagt, würde ich lieber gar nicht erst abstürzen“, gab Yanis im gleichen Ton zurück. Das Adrenalin pulsierte durch seinen Körper, und er wünschte sich, es gäbe etwas, was er tun könnte. Er hasste es, keine Kontrolle über eine Situation zu haben. „Könnt ihr das verdammte Ding nicht irgendwie landen?”

„Im Moment sind wir noch zu schnell und zu hoch“, erwiderte Ivo. „Wir werden versuchen, ein Feld oder eine Wiese zu finden und den Vogel dort runter zu bringen. Allerdings gibt es davon im Retezat Nationalpark nicht allzu viele. Es wird schwierig werden, einen guten Platz zu finden.“

Oh, mein Gott, wir werden alle sterben!, durchzuckte es Yanis, als er auf die Baumkronen unter ihm blickte, zwischen denen Felsnasen in den Himmel ragten. Sie waren mitten über einem scheiß Gebirge! Die Angst verknotete seinen Magen und ließ den kalten Schweiß aus sämtlichen Poren brechen.

„Ich habe bisher zwei Flugzeugabstürze überlebt“, behauptete Timur, als Yanis kurz zu ihm blickte. Seine eigene Furcht verbarg er hinter einem forschen Ton. Der Polizeikommissar sah plötzlich zehn Jahre jünger aus als er tatsächlich war, wie ein ängstlicher, viel zu blasser Junge. Er tat Timur leid. „Ich hoffe einfach mal, dass dies der dritte wird.“

Ehe Yanis etwas erwidern konnte, deutete der Co-Pilot auf etwas vor ihnen. „Das da könnte ein guter Platz sein.“

Ivo nickte und steuerte die Piper darauf zu. Was auch immer „es“ sein mochte. Yanis konnte es von seinem Platz aus nicht sehen.

„Noch etwa drei Minuten. Schnallt euch an, Jungs, das wird nicht schön!“

Yanis starrte aus dem Fenster, fühlte sich wie festgefroren. Er sagte sich, dass er es lassen sollte, doch er konnte nicht aufhören, dabei zuzusehen, wie sie immer weiter in Richtung Boden glitten. Die Bäume und die Felsen wurden größer und größer. Das Flugzeug erschien wie ein zerbrechliches Spielzeug, das unweigerlich an den Bergen zerschellen würde.

Es gibt noch nicht mal jemanden, der zu meiner Beerdigung kommen und um mich weinen wird. Der Gedanke machte ihn traurig, und er schluckte schwer.

Timur betrachtete ihn von der Seite, las die Verzweiflung und den Schwermut, den ein Mann von gerade mal 30 Jahren nicht in sich tragen sollte. Es überraschte ihn jedoch nicht, schließlich kannte er Yanis‘ Geschichte.

„Den ersten Absturz habe ich im Kongo überlebt, mitten im Regenwald“, dachte er sich spontan eine Geschichte aus, um sich selbst und Yanis vor der Todesangst abzulenken. „Es war ein Flugzeug wie dieses, und der Pilot versuchte, auf einer Lichtung zu landen. Die war aber zu klein, sodass das Flugzeug geradewegs in die Baumkronen krachte. Zum Glück sind Urwaldbäume riesig und mächtig, sodass sich die Flügel in den Ästen verfingen, ohne dabei abzubrechen, und die Kabine und der Tank wurden nicht beschädigt. Wir brauchten bloß aus der Kabine, auf einen der Äste und von da auf den Boden zu klettern.“ Er machte eine kleine Pause und fügte hinzu: „Ironischerweise starb der Pilot ein paar Stunden später, als er von einer Schlange gebissen wurde.“

„Großartig.“ Yanis versuchte, sarkastisch zu klingen. Stattdessen hörte er sich in seinen eigenen Ohren ängstlich an. „Gibt es in den Karpaten Schlangen?“ Er umklammerte die Lehnen seines Sitzes, als das Flugzeug immer schneller und schneller auf den Boden zuraste, bemühte sich darum, normal zu atmen, um seine Panik zu lindern.

„Nur Kreuzottern“, winkte Timur in gespielter Gelassenheit ab. „Die hauen lieber ab, wenn sie einen kommen hören. Wir sollten uns nach vorne beugen“, gab er dann einen Rat, den er mal gelesen hatte, „und die Arme über den Kopf legen. So.“ Er machte vor, was er meinte. „Und dann unter allen Umständen so bleiben, ansonsten bricht man sich das Genick oder die Arme.“

Instinktiv machte Yanis es ihm nach.

Die Luftverwirbelungen rund um das Flugzeug wurden immer lauter. Das Pfeifen dröhnte in ihren Ohren.

„Nur noch ein paar Sekunden!“, schrie Ivo über den Lärm hinweg. „Duckt euch und haltet euch fest!“

Das war’s! Yanis kniff die Augen zusammen, merkte kaum, wie er sich noch mehr in sich zusammenkauerte.

Dann schlug die Piper auf dem Boden auf.

 

Kapitel 2

 

 

 

 

 

DER AUFPRALL SCHLEUDERTE Yanis nach vorne, wobei die Sicherheitsgurte schmerzhaft einschnitten, dann wurde er zurück in den Sitz geworfen. Eine Sekunde lang konnte er nicht atmen, und noch ehe er nach Luft schnappen konnte, hob das Flugzeug wieder ab, nur, um gleich darauf erneut aufzusetzen. Er glaubte, sich übergeben zu müssen oder zu ersticken, sollte es ihm nicht gelingen, endlich wieder Luft in seine Lunge zu bekommen.

Das Flugzeug hüpfte noch ein paar Mal auf und ab, während es weiter vorwärts preschte und dabei wild von einer Seite auf die andere geworfen wurde.

Auch Timur behielt krampfhaft die geduckte Haltung bei, umklammerte seinen Kopf, als könnte er ihm jede Sekunde abgerissen werden.

Und er hatte ernsthaft behauptet, ein erfahrener Abstürzler zu sein. Gab es so ein Wort überhaupt? Das war ja entsetzlich! Allerdings schienen sie jetzt unten zu sein. War das gut?

Ein gewaltiger Schlag ließ die Piper erzittern und schleuderte die Passagiere erneut ruckartig nach vorne, während gleichzeitig ein entsetzliches Getöse einsetzte, dessen Ursache sie nicht zu erklären imstande wären.

Papiere, Teile der Ausrüstung, Stücke aus Metall und Karbon flogen durch die Luft. Etwas streifte Yanis‘ linken Arm und etwas, was sich wie Nadeln anfühlte, regnete auf ihn herunter.

Er hatte noch nie in seinem Leben mehr Angst gehabt, und ihm fiel nicht einmal auf, dass er wieder atmen konnte und er sich nicht übergeben hatte.

Es brauchte einen Moment, ehe Yanis realisierte, dass sich das Flugzeug nicht mehr bewegte. Das letzte Stück Metall fiel irgendwo zu Boden, dann war es still. Totenstill.

Hatte die Piper wirklich angehalten? Lebte er noch? Er war sich nicht sicher.

Timur wagte es zuerst, die Arme von seinem Kopf zu nehmen und sich aufzurichten. Es mochte sein erster Flugzeugabsturz sein, doch er hatte gelernt, Situationen mit einem Blick zu erfassen und einzuschätzen. Diese hier war so semi-gut. Das Flugzeug war unten, aber …

„Yanis? Yanis, bist du okay?“, fragte er besorgt, als der jüngere Mann neben ihm sich nicht rührte.

Dass der sich traut, mich beim Vornamen zu nennen! Der Ärger vertrieb die Angst, aber Yanis konnte sich weiterhin nicht bewegen, bis er Timurs Hand auf seinem Arm fühlte.

Vorsichtig hob Yanis den Kopf und sah sich um. Die Kabine war ein einziges Chaos und erinnerte nicht mal mehr entfernt an ein Flugzeug. Die Wand auf der rechten Seite war eingedrückt, die Sitze der Piloten schienen weiter nach hinten gerückt worden sein und die halbe Decke war heruntergekommen.

Yanis sah zu Timur, wobei seine Sicht für einen Moment verschwamm, entdeckte ein paar Kratzer an dessen Händen, doch ansonsten schien sein Gefangener in Ordnung zu sein.

„Lebe ich noch?“, erkundigte er sich misstrauisch.

„Im Moment noch“, gab Timur lapidar zurück, obwohl ihm der Schrecken genauso in den Knochen saß. „Allerdings wäre es vielleicht eine ganz gute Idee, möglichst schnell aus dem Flugzeug zu kommen.“

„Wieso?“

„Nun ja, für den Fall, dass der Tank beschädigt wurde und …“

Yanis’ Augen weiteten sich, als ihm klar wurde, was Timur damit andeuten wollte. „Du meinst, das scheiß Ding könnte explodieren?“ Der Adrenalinschub half ihm, aus der Starre zu erwachen, sich von den Sicherheitsgurten zu befreien und an der Tür zu rütteln. Sie war verklemmt, gab seinem energischen Ansturm aber schließlich nach.

Er stolperte aus der Kabine, wobei er Timur hinter sich her zerrte. Die Kette zwischen der Handschelle an seinem Handgelenk und der an Timurs Arm war gerade mal einen knappen Meter lang. Das bot nicht sehr viel Bewegungsspielraum.

„Was ist mit den Piloten?“ Yanis nahm einen tiefen Atemzug und riss sich zusammen. Er musste unbedingt die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen. Sie waren auf einer Wiese gelandet, die von Bergen umgeben war. Das Flugzeug war gegen einen Felsen gekracht und erinnerte entfernt an eine zusammengedrückte Getränkedose. Wäre es nur ein paar Meter weiter links aufgekommen, hätte es Ivo tatsächlich gelingen können, es ganz normal zum Stehen zu bringen.

„Sieht nicht gut aus für die beiden“, erwiderte Timur. Er hatte schon lange vor Yanis festgestellt, dass die Piloten keinerlei Lebenszeichen von sich gaben. „Lass uns schnell nachsehen, sie rausholen, falls es möglich ist, und uns dann erst mal vom Flugzeug wegbewegen“, drängte er.

Eilig stemmte Yanis die Tür zum Cockpit auf, was ihn wegen der Dellen eine Menge Kraft kostete. Beide Piloten waren über dem Instrumentenpanel zusammengesunken und rührten sich nicht. Ivo reagierte nicht, als Yanis seinen Namen rief und ihn schüttelte.

„Er lebt noch“, sagte er erleichtert, als er ein flaches Atmen vernahm. Mit zitternden Fingern löste er den Sicherheitsgurt des Piloten. Eine blutige Wunde zog sich quer über Ivos Stirn, und als Yanis ihn unter den Achseln ergriff und aus dem Flugzeug zog, offenbarte sich eine weitere, stark blutende Wunde am Bauch.

Sobald der Pilot draußen war, kletterte Timur ins Cockpit und überprüfte den Co-Piloten auf Lebenszeichen. „Er ist tot. Lass uns den Piloten vom Flugzeug wegbringen, bis wir sicher sind, dass es nicht doch noch anfängt zu brennen.“

Er hatte keine Ahnung, ob das tatsächlich passieren konnte, zumal der Motor ja schon in der Luft ausgegangen war, doch seines Wissens nach war Kerosin leichter entflammbar als Benzin und durch den Aufprall könnten sich ja Kabel gelockert haben und einen Kurzschluss verursachen. Allerdings wäre das wohl gleich passiert, oder?

Sie legten ihre Arme, die durch die Kette verbunden waren, unter Ivos Schultern und zogen ihn über die Wiese, hinter einen Felsen, der sie vor einer möglichen Explosion schützen würde.

Dort betteten sie Ivo, der das Bewusstsein noch immer nicht wiedererlangt hatte, in stabiler Seitenlage ins Gras. Yanis war schon dabei, seine Jacke auszuziehen, um sie dem Piloten unter den Kopf zu legen, als ihm einfiel, dass das wegen der Kette ja unmöglich war.

„Lass uns die Handschellen abnehmen“, schlug Timur vor. „Ich verspreche, dass ich nicht abhaue. Wohin auch?“ Er zuckte die Schultern. „Es ist wichtig, dass wir jetzt zusammenarbeiten, und das würde uns weitaus besser gelingen, wenn wir uns ab und zu voneinander trennen könnten.“

Yanis zögerte. Er hatte so viel Zeit und Arbeit darin investiert, Timur festzunehmen. Ihn jetzt womöglich zu verlieren, wäre grauenhaft. Andererseits war ihre Situation einzigartig und sie hatten beide eine bessere Chance, zu überleben, könnten sie sich frei bewegen.

Er holte den Schlüssel aus seiner Hosentasche und steckte ihn in die Öffnung an der Handschelle an seinem Handgelenk. Zu seiner Überraschung passte er nicht richtig, ließ sich nicht bewegen. Das war nicht möglich. Alle Schlüssel von Handschellen waren gleich. Schließlich konnte immer mal einer verloren gehen. Daher konnte jeder Polizist jedes Paar Handschellen öffnen.

„Er ist kaputt“, stellte er fest, als er sich den Schlüssel genauer ansah. „Schau“, er hielt ihn Timur hin, „da fehlt vorne ein Stück.“

„Und es fehlt nicht zufällig.“ Timur zog eine Augenbraue hoch. „Jemand hat es abgesägt.“ The plot thickens - die Sache begann sich zu verdichten, wie man so schön sagte. Yanis, der ungewöhnliche Transport, dass sie aneinandergekettet waren, der Absturz … „Toll.“ Er rollte die Augen. „Das hier wird also ein Remake von The Defiant Ones – Flucht in Ketten. Mit dem Unterschied, dass du kein Krimineller bist.“

„The Defiant Ones? Die Netflix-Serie?” Zumindest hatte Yanis davon mal gehört.

„Die basiert auf einem alten Film mit Tony Curtis und Sidney Poitier. Sag bloß, du kennst den nicht“, empörte Timur sich, winkte aber gleich darauf ab. „Obwohl … du führst ja das langweiligste Leben, das ich kenne.“

„Woher willst du das denn wissen?“, fragte Yanis im gleichen Ton zurück.

„Oh, ich weiß eine Menge über dich.“ Nur nicht, dass du auf mich angesetzt warst, ergänzte Timur in Gedanken. Das war etwas, was niemals hätte passieren dürfen.

Irritiert blinzelte Yanis. Wieso …? Egal. Der Schlüssel war nutzlos und er hatte keinen zweiten, da er sein eigenes Handschellenset zu Hause gelassen hatte. Im Rahmen von Interpol-Aktionen hatten nur die Polizisten des jeweiligen Landes das Recht, jemanden zu verhaften.

Derweil kniete Timur sich neben den Piloten und sah sich dessen Wunden näher an.

Yanis bemühte sich um Konzentration und holte das Messer hervor, das er an der Innenseite seines Gürtels verborgen hatte. Ausländische Polizisten durften in Gastländern keine Waffen tragen, also musste man sich etwas einfallen lassen.

„Geh niemals irgendwo ohne eine Waffe hin“, war ein Grundsatz, den sein Vorgesetzter ihm im Vertrauen mit auf den Weg gegeben hatte.

Er wollte gerade die Nähte seiner Jacke auftrennen, als Timur ihn davon abhielt. „Nicht. Es wird nachts kalt werden und du wirst die Jacke brauchen, falls wir länger darauf warten müssen, dass uns jemand findet und einsammelt. Wir sehen besser nach, ob im Flugzeug eine Decke ist. Allerdings wird er sie kaum lange brauchen“, fügte er mit einem Seufzen hinzu. „Er verliert zu viel Blut, und wir können die Blutung nicht stoppen. Man kann es nicht abbinden, jeder Verband wird sich sofort vollsaugen, und ich schätze, das nächste Krankenhaus ist kilometerweit weg.

---ENDE DER LESEPROBE---