4,49 €
Adair leidet unter einer seltenen geistigen Behinderung, die ihn einerseits erheblich einschränkt, ihm andererseits eine Fähigkeit verleiht, die ihresgleichen sucht: Aufgrund fehlender Filter und dank der raschen Verknüpfung bestimmter Neuronen ist er in der Lage, die Mimik und Gestik von Menschen so präzise zu lesen, dass sie kaum einen Gedanken vor ihm verbergen können. Nach einem unliebsamen Zwischenfall lässt er sich endlich auf den Wunsch des FBIs ein, als menschlicher Lügendetektor zu agieren und bei der Aufklärung besonderer Fälle zu helfen. Hierbei trifft er auf Shayne, der eine abenteuerliche Geschichte über eine Entführung, einen Mann mit Silbermaske und einen Mordauftrag erzählt. Der Fall erweist sich als nahezu unlösbar, doch Adair hat sich in Shayne verliebt und entwickelt einen ungeheuren Ehrgeiz, der ihn über seine Grenzen gehen lässt …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Irvin L. Kendall
GROSSMEISTER
DER
GEDANKEN
Der gläserne Turm
Psychokrimi / Gay Romance
© 2019 Irvin L. Kendall
c/o Youndercover Autorenservice
Lilian R. Franke
Weetzener Str. 64
30974 Wennigsen
Kontakt: [email protected]
Irvin L. Kendall @ Facebook
Deutsche, abgeänderte Fassung des englischen Originals „Lilian R. Franke – The Truth Formula 2 The Ivory Tower“
Umschlag, Illustration:
© Diana Buidoso, Digital Arts
Motive: © Victor Tongdee, © agcreativelab, © Romolo Tavani, Adobe Stock, Standard License
Independently published.
E-Book veröffentlicht mit KDP.
All rights reserved.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.
Das Denken ist das Selbstgespräch der Seele.
Plato
Inhaltsverzeichnis
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
September
Als ich das Wohnzimmer betrat, ließ der laute Knall von zerbrechendem Glas und Scheppern mich zusammenzucken. Das Fenster zu meiner Rechten explodierte förmlich, Glassplitter flogen durch den Raum, und zugleich landete ein undefinierbares Objekt auf dem Fußboden und begann, dichten, schwarzen Rauch auszustoßen.
Für den Bruchteil einer Sekunde war ich bewegungsunfähig, nicht in der Lage, zu begreifen, was gerade passierte. Das Wasserglas, das ich gehalten hatte, glitt mir aus der Hand und zerbrach auf dem Fußboden, wo es sich mit den Scherben des Fensters vermischte.
Hatte gerade jemand eine Bombe in mein Haus geworfen? Oder war es nur eine Rauchbombe? Was sollte ich tun? Löschen? Rausbringen?
Unwillkürlich schnellte mein Puls in die Höhe, Panik machte sich breit.
Der Rauch schlug mir ins Gesicht und brachte mich zum Husten. Man starb eher an einer Rauchvergiftung als bei einem Feuer, fiel mir ein. Ich machte kehrt, rannte quer durch die Diele und stieß die Haustür auf.
Entzündete Feuer sich nicht erst recht durch Sauerstoff? Idiot! Es gab wegen des kaputten Fensters längst genug Sauerstoff!
Adrenalin rauschte durch meinen Körper, während ich mit brennenden Augen auf den Rauch starrte, der den Flur hinter mir einhüllte. Konnte eine Rauchbombe überhaupt ein Feuer entfachen? Als Nächstes stellte ich mir eine Explosion vor - falls es sich um eine echte Bombe handelte - und sagte mir, dass es in dem Fall ziemlich blöd wäre, nahe beim Haus zu bleiben.
Zum Glück hatte ich mein Mobiltelefon in der Gesäßtasche meiner Jeans. Meine Finger zitterten, als ich es herauszog und den Notruf wählte, wobei ich mich rückwärtsgehend vom Haus entfernte.
„Adair Lorcan, ich wohne 29, Shepherd Street Nordwest, Crestwood. Jemand hat eine Rauchbombe oder Schlimmeres in mein Haus geworfen“, berichtete ich hastig, sobald ich die Stimme der Person hörte, die meinen Notruf entgegennahm. „Da ist überall Rauch!“ Junge, Junge, war ich hysterisch. Dabei brauchte ich wahrscheinlich bloß zu warten, bis der Rauch sich verzogen hatte.
„Sind Sie vor dem Haus?“, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung. Ruhige, routinierte Stimme, auf alles vorbereitet. „Falls nicht, verlassen Sie das Haus umgehend und atmen Sie den Rauch nicht ein,“
„Ich habe das Haus sofort verlassen. Ich warte vor dem ...“ Ich unterbrach mich selbst, als ich jemanden auf den Stufen sitzen sah, die zu meinem Vorgarten führten.
Es war bereits dunkel, aber das orange Licht der Straßenlaternen erhellte die Gegend. Auf den ersten Blick handelte es sich bei der Person um einen jungen Mann, der enge Shorts, Laufschuhe und einen Hoodie trug. Er drehte mir den Rücken zu und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Er könnte derjenige sein, der das Ding durch das Fenster geworfen hatte!
Aufflammender Ärger ließ mich das aktuelle Problem mit dem Rauch vergessen, der nun durch die Haustür quoll. „Hey, du!“
Ohne den Kopf zu drehen sprang der Mann auf und rannte die Straße hinunter. Das war gar kein Typ! Die Körperform war weiblich. Eine sportliche Frau oder ein feminin aussehender Mann. Ne, das war eine Frau. Kein Mann hatte derart runde Hüften.
Vor mich hin fluchend machte ich mich an die Verfolgung. Zwar war ich durchaus sportlich und mit Mitte 30 weit vom Greisentum entfernt, aber die Frau war schnell. Zudem fiel es mir schwer, eine Straße mit vielen Bäumen an den Seiten entlangzulaufen. Die Neuronen in meinem Gehirn schufen zu schnelle Verbindungen, sodass sich die einzelnen Bilder überlagerten und der Eindruck entstand, die Bäume würden sich bewegen, sozusagen mitlaufen.
Als die Frau mit den Bäumen vor mir zu verschmelzen schien und das Bild sich wie in einem Karussell zu drehen begann, gab ich auf. Scheiß Einschränkung! Ich blinzelte ein paar Mal und schüttelte den Kopf, um meine Sicht zu klären. Mit ärgerlich verzogenem Mund ging ich zurück zu meinem Haus.
Der Gedanke an ein mögliches Feuer oder eine Explosion kehrte zurück, als ich weiterhin Rauch aus der Tür quellen sah, und ängstigte mich. Es erinnerte mich an die Frau in der Notrufzentrale, die noch immer in der Leitung war.
„Es geht mir gut“, informierte ich sie, als ich das Telefon zurück ans Ohr hob. „Ich habe den möglichen Angreifer verfolgt, aber er ist entkommen.“
„Bleiben Sie vor dem Haus und warten Sie auf die Feuerwehr und die Polizei“, wies sie mich mit strenger Stimme an. Anscheinend fand sie meine Idee, dem Attentäter nachzusetzen, höchst uncool. „Sie sind auf dem Weg zu Ihnen, Sir. Falls es notwendig ist, rufen die einen Bombenentschärfer.“
Bombenentschärfer! Mein lieber Schwan! Ich beendete das Gespräch und wählte die Nummer der Agenten, die für meine Sicherheit zuständig waren.
Nachdem ich dem FBI vor einem knappen Jahr bei einem spektakulären Fall geholfen hatte, hatte meine Begabung nicht nur deren Aufmerksamkeit erregt, sondern auch die weniger rechtschaffener Individuen. Vor ein paar Monaten war ich nur knapp einer Entführung entgangen, und das FBI hatte darauf bestanden, mir Bodyguards zur Seite zu stellen.
Vor drei Wochen war jedoch beschlossen worden, dass eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung nicht mehr notwendig wäre. Die Agenten brachten mich noch immer zur Arbeit, holten mich dort wieder ab und checkten die Gegend rund um mein Haus regelmäßig, aber sie parkten nicht mehr ständig vor dem Haus.
Und jetzt das! Es sah dramatisch aus, wie der Rauch aus der Eingangstür quoll. Ich hoffte, dass es bloß eine Rauchbombe war. Der Gedanke, all meine persönlichen Dinge zusammen mit meinem Refugium zu verlieren, war ... Ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen. Das war der einzige Grund, warum ich in Panik geraten war, redete ich mir ein. Zumindest half dieser Gedanke dabei, mein albernes Benehmen vor mir selbst zu rechtfertigen.
Leicht außer Atem erreichte ich die Stufen, auf denen die Frau mit dem Hoodie gesessen hatte, und bemerkte ein Stück weißes Papier unter einem Stein. Offenbar hatte die Frau ihn dort platziert, damit der Wind das Papier nicht wegwehte.
Sie hatte eine Nachricht hinterlassen? Krass! Ging es darum? Eine Botschaft zu übermitteln? Es schien, als hätte sie es darauf abgezielt, dass ich sie auf den Stufen sehen würde, damit ich wusste, dass sie den Zettel dorthin gelegt hatte.
Da es gerade nichts gab, was ich sonst hätte tun können, setzte ich mich auf die Stufen, nahm das Papier und faltete es auseinander.
Dort stand: Die Rauchbombe ist nicht gefährlich. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.
Haha, sehr witzig. Die Männer, die versucht hatten, mich in einen Van zu zerren, hatten fast die gleichen Worte benutzt: „Wir bringen dich an einen Ort, an dem du nicht sein willst, und haben vor, dich in eine gefährliche Mission zu verstricken, an der du nicht teilnehmen willst, aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“ Vielleicht dachten ja alle Bekloppten so.
Zum Glück waren sie nicht sehr planvoll vorgegangen, sodass zwei FBI-Agenten mich hatten retten können.
Ich habe gehört, dass die Sicherheitsmaßnahmen für dich auf „sporadisch“ heruntergesetzt wurden, und nutze hiermit die Gelegenheit, mich vorzustellen und dir meine speziellen Dienste anzubieten.
Wo hatte sie das gehört? Wie war es möglich, dass jemand überhaupt etwas über die Sicherheitsmaßnahmen für mich wusste? Ein kalter Schauer kroch durch meinen Körper, als mir klar wurde, dass jemand nur auf den Moment gewartet hatte, in dem das FBI unvorsichtig werden würde und annahm, ich wäre nicht mehr in Gefahr.
Ich habe auch gehört, dass das FBI dich wegen deiner speziellen Fähigkeiten fürchtet. Zugleich sind sie davon fasziniert und wünschten, du würdest für sie arbeiten. Das hat mich neugierig gemacht.
Hm, wusste die Verfasserin der Nachricht wirklich, was meine Fähigkeit war? Wüsste sie es, hätte sie dann nicht geschrieben, sie hätte gehört, ich wäre ein menschlicher Lügendetektor und Gedankenleser? Und warum dachte sie, dass das FBI mich deswegen fürchtete? Je länger ich darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher schien es mir, dass sie vom gleichen Kaliber wie die Terroristen war, die mich als Spion hatten einsetzen wollen.
Ich biete meine Dienste nur speziellen Klienten an. Ich denke, die Beschreibung trifft auf dich zu. Wir sollten uns unterhalten. Triff mich am Mittwoch (19.09.) um 13 Uhr bei den Großkatzen im Smithonian National Zoo. Komm allein. Ich verspreche, dass du es nicht bereuen wirst!
Hier endete das Schreiben, das mit einem handelsüblichen Laserdrucker auf handelsübliches Papier gedruckt worden war. Keine Unterschrift oder irgendetwas anderes, das auf den Verfasser hindeuten würde.
Was für ein verrückter Brief! Vielleicht mochte sie einfach bloß das Wort „speziell“. Ich fragte mich, welche Art von „Diensten“ die Frau anbot und wieso sie um ein Treffen im Zoo bat, also einem öffentlichen Ort. Sollte das dazu dienen, dass ich mich sicher fühlte?
Verwirrt steckte ich den Zettel in die Gesäßtasche meiner Jeans, als ein Fahrzeug der Feuerwehr eintraf. Unentschlossen, was ich über die Botschaft denken und was ich deswegen unternehmen sollte, sah ich den Feuerwehrleuten dabei zu, wie sie mein Haus betraten und wenig später mit der Rauchbombe wieder herauskamen. Inzwischen hatte sie an Kraft eingebüßt und spuckte nur noch wenig Rauch, was mich angesichts meiner Panik beschämt fühlen ließ. Ich hatte wirklich übertrieben reagiert. Andererseits – was hätte ich schon groß anderes machen können? Oder sollen?
Als die Polizei eintraf, berichtete ich ihnen über den möglichen Angreifer mit dem Hoodie, aber aus irgendeinem Grund, den zu erklären ich nicht in der Lage gewesen wäre, erwähnte ich die Botschaft nicht, die in meiner Tasche zu brennen schien.
Ich ging nicht davon aus, dass sie beim FBI oder auch nur im Umkreis davon tätig war. Auch nicht, dass sie ein Verbrechen plante. Vielmehr nahm ich an, dass sie jemand war, der Klatsch und Tratsch über mich aufgeschnappt hatte. Die Frage war: Sagte ich es dem FBI? Oder traf ich mich mit ihr und fand heraus, von wem sie es gehört hatte und was sie tatsächlich wollte?
In Gedanken versunken sah ich dabei zu, wie die Feuerwehrleute mein Haus sicherten. Crestwood im Nordwesten von Washington D.C. war eine ruhige Gegend für die wohlhabendere Mittelschicht, und jedes Haus stand für sich allein. Ich hatte nur einen direkten Nachbarn zur rechten Seite, während links eine Straße tiefer ins Viertel und zum Rock Creek Park führte. Meinem Haus gegenüber befanden sich nur wenige andere Häuser sowie der Piney Branch Park. Es fühlte sich an, als würde ich auf dem Land oder in einem Wald wohnen. Tatsächlich brauchte ich nur fünf Minuten, um zu Fuß zur Bushaltestelle an der 16. Straße zu kommen.
Mein Haus war im Kolonialstil erbaut worden, sah mit seinen Backsteinen und dem grauen Holz der Veranda aber eher wie ein Farmhaus aus. Es stand auf einem kleinen Hügel, davor eine kurze Rasenfläche, die zu den Stufen führte, auf denen die Frau mit dem Hoodie auf mich gewartet hatte. Neben der Treppe ging eine Auffahrt zur Garage, die für mich von keinerlei Nutzen war. Ich hatte nicht mal einen Führerschein.
Zwischen dem Haus und der Garage gab es einen schmalen Pfad, der zum hinteren Garten führte. Das Tor aus massivem Holz war immer abgeschlossen, ein hoher Zaun sicherte den Garten zur linken Seite hin und eine Hecke trennte mein Grundstück von dem der Nachbarin. Die Frau musste den Pfad benutzt haben, um zum Wohnzimmerfenster zu gelangen, das auf die Garage schaute und sich vor dem Tor befand.
Eine Rauchbombe in mein Haus zu werfen und mich dann zu fragen, ob ich mich mit ihr im Zoo treffen würde, kam mir kindisch vor. Oder verzweifelt. Oder beides. Sie konnte nicht ernsthaft glauben, dass es mich einschüchtern würde. Das FBI würde den Fall untersuchen - ganz egal, ob ich ihnen von der Nachricht erzählte oder nicht - und würde die Sicherheitsmaßnahmen wieder erhöhen. War die Frau so dumm, dass sie das nicht bedacht hatte? Oder war ihr bewusst, dass das passieren würde, und es war ihr egal? Wollte sie mich so neugierig machen, dass ich sie auf jeden Fall im Zoo treffen würde? Was ...?
Die Ankunft zwei der Agenten, die mit meiner Sicherheit beauftragt waren, unterbrach meinen Gedankengang. Sie stiegen aus ihrem Wagen und eilten zu mir.
„Was zur Hölle ist passiert?“, fragte einer von ihnen, außer Atem und beunruhigt. Sein Name war Devlin. Er und sein Partner Ed waren von Anfang an für meine Sicherheit zuständig gewesen. Ich wusste, dass sie sich ernsthaft um mich sorgten. Ich war nicht einfach nur ein Job für sie, den es zu erledigen galt. Allerdings bezweifelte ich, dass sie die richtigen Personen waren, um ihnen von dem Brief zu erzählen. Sie waren gewissenhaft und machten immer alles genau nach Vorschrift. Niemals würden sie mir erlauben, mich mit der Frau im Zoo zu treffen.
Verdammt! Ich war neugierig. Ich musste rausfinden, wer sie war und was sie wollte, oder es würde mich umbringen. Falls sie das hatte erreichen wollen, hatte sie gewonnen.
Ich seufzte tief, ehe ich Devlins Frage beantwortete: „Ich denke, das FBI hat sich in seiner Einschätzung geirrt, dass es okay wäre, die Sicherheitsmaßnahmen zu lockern.“ Noch einmal wiederholte ich die Details des Geschehens.
„Das ist gar nicht gut“, fand Ed. Er war um die zwei Meter groß und sah aus wie ein massiger Baum, den man in einen Anzug gequetscht hatte. Ich dachte oft, es würde eine falsche Bewegung reichen, um die Nähte reißen zu lassen und aus Ed den nächsten Hulk zu machen. „Wie sah der Typ aus?“
„Ich habe ihn nur von hinten gesehen. Ich bin nicht mal sicher, dass es ein Mann war.“
„Sie denken, es könnte eine Frau sein?“
Blieben ja nicht mehr viele Möglichkeiten übrig, oder? Leider waren die beiden nicht gerade die hellsten Kerzen auf der Torte.
„Ja, das ist möglich. Und sie wirkte jung. Vielleicht war es bloß ein Streich.“
„Glauben Sie das ernsthaft?“, fragte Devlin. Er war kleiner und schlanker als sein Kollege, aber definitiv jemand, mit dem ich nicht in eine körperliche Auseinandersetzung geraten wollte.
„Nein. Viel zu auffällig, um ein Zufall zu sein“, lenkte ich ein und sah dabei zu, wie die Feuerwehrleute ihre Sachen zusammenpackten. Auch die Polizisten waren im Aufbruch begriffen. „Wir haben keine ‚schwierigen Jugendlichen‘ in dieser Gegend, und es ist ein bisschen zu früh für Halloween.“
„Sie können den Angreifer also nicht beschreiben.“ Ed kratzte sich am Kopf und beobachtete ebenfalls die Feuerwehrleute.
„Wir haben Ihnen immer gesagt, dass die Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind“, belehrte Devlin mich wie ein gestrenger Vater, allerdings sah ich, dass es nur dazu diente, sich vom Missmut über die Situation abzulenken. Zudem ergab seine Bemerkung nicht gerade viel Sinn, da ich der falsche Ansprechpartner war. Und er übertrieb auch ein bisschen. Niemand war verletzt worden, kein Kapitalverbrechen war verübt worden. Viel Rauch um nichts. Oder fast nichts. Allerdings, und das musste ich zugeben, hätte jemand ebenso leicht eine echte Bombe in mein Haus werfen können.
Andererseits … Ne. Das würde nun wirklich keinerlei Sinn ergeben, denn dann würde von meinen Fähigkeiten schließlich nicht mehr viel übrigbleiben.
„Ich habe nie darum gebeten, sie zu reduzieren“, verteidigte ich mich. „Ich habe nichts dagegen, wenn ihr um mich rum seid, Jungs. Das FBI hat die Entscheidung getroffen.“
Zu Beginn war ich davon überzeugt gewesen, dass die Sicherheitsmaßnahmen nicht notwendig waren, aber ich hatte mich nie dagegen ausgesprochen. Stattdessen hatte ich herausgefunden, dass es ziemlich cool war, meinen eigenen Chauffeur zu haben. Es verkürzte den Weg zur Arbeit von 30 auf 15 Minuten und reduzierte die Personen, denen ich dabei begegnete, auf ein Minimum.
Der Zugführer der Feuerwehrleute gesellte sich zu uns, wobei er seine Handschuhe abstreifte. „Es war definitiv eine Rauchbombe, hergestellt aus Salpeter, Zucker und Backpulver. Nichts wirklich Gefährliches, aber es war dennoch gut, dass Sie das Ding nicht selbst rausgebracht haben, Sir. Rauch aller Art einzuatmen kann ernsthafte gesundheitliche Schäden verursachen. Wir haben alle Fenster geöffnet, um das Haus durchzulüften. In etwa einer halben Stunde können Sie wieder reingehen und das zerbrochene Fenster abdichten. Sie müssen nur auf die Glassplitter aufpassen.“ Er nickte mir zu und begab sich wieder zu seinen Männern.
„Vielleicht sollten wir Marcus fragen, ob er vorbeikommen kann“, schlug Devlin vor, als wir allein zurück blieben, während die Fahrzeuge der Feuerwehr und der Polizei langsam die Straße hinunterfuhren.
„Wieso? Ihr habt gehört, dass es dramatischer aussah als es tatsächlich war.“ Ich hatte nichts gegen Marcus‘ Gesellschaft, aber ich fand es unnötig. Außerdem hatte ich für heute genug Leute und Aufregung gehabt.
„Ich denke nicht, dass Sie heute Nacht allein sein sollten“, beharrte Devlin, und Ed nickte.
Wenn es etwas gab, das ich nicht an ihnen mochte, dann war es, dass sie dazu neigten, mich wegen meiner Behinderung mit Samthandschuhen anzufassen. Wie es jeder machte. Allen voran Marcus, die bisher einzige Person in meinem Leben, die ich uneingeschränkt lange ertragen konnte.
Er neigte dazu, sich wie eine besorgte Mutter aufzuführen. Manchmal amüsierte mich das, manchmal mochte ich es, weil er sich ernsthaft um mich sorgte, und manchmal hasste ich es, da es mir das Gefühl gab, selbst nichts auf die Reihe zu bekommen.
Leider war es ein Fakt, dass es Momente gab, in denen ich hilfloser als jedes Kind war. Dies war kein solcher Moment, und ich wollte erneut widersprechen, aber Devlin hatte Marcus‘ Nummer bereits gewählt.
Als ich die Haustür öffnete, strahlte Marcus übers ganze Gesicht. Wenn er lächelte, wurde sein Gesicht noch runder, und seine auffällig blauen Augen funkelten hinter den Brillengläsern. Das Bild einer kleinen Katze kam mir in den Sinn. Es war das, woran Marcus gerade dachte. Worauf wollte er hinaus?
„Ich habe ein Geschenk für dich“, verkündete er, äußerst zufrieden mit sich. Aha, deshalb hatte er also statt der üblichen 15 Minuten von den Palisaden nach Crestwood über eine Stunde gebraucht. Nicht, dass ich ihn so dringend vermisst hätte, aber es hatte mich gewundert, dass er nicht sofort hierhergeeilt war. Immerhin war ich in Gefahr gewesen, und seine Gluckenmentalität trieb ihn sonst dazu, umgehend einen riesigen Aufriss zu betreiben.
„Eine Katze?“, fragte ich, skeptisch die Stirn runzelnd.
Marcus‘ Lächeln verschwand und machte Frustration Platz. „Es ist grauenhaft mit dir! Es ist unmöglich, dich zu überraschen.“
„Du solltest lernen, nicht an das zu denken, was du vorhast“, gab ich mit einem frechen Feixen zurück. „Du weißt, dass deine Gedanken wie ein offenes Buch für mich sind.“ Marcus war leicht zu lesen. Manchmal musste ich ihn nicht einmal ansehen, um zu wissen, was er dachte, ich fühlte es einfach. „Ich weiß, dass du schon seit einer Weile planst, mir eine neue Katze zu schenken, aber falls du dich dann besser fühlst: Ich habe es nicht kommen sehen, dass du heute Abend hier mit einer auftauchen würdest.“
Mit einem tiefen Durchatmen bückte Marcus sich und hob einen Katzentransportkorb hoch, den er hinter dem Blumenkübel neben der Eingangstür versteckt hatte. Er drückte ihn mir in die Arme. „Deine neue Gefährtin.“
Ich sah in den Korb und direkt in die schläfrigen, bernsteinfarbenen Augen einer kleinen, rauchblauen Katze. Sie war etwa drei oder vier Monate alt und weder ängstlich noch aufgeregt. Stattdessen gähnte sie ausgiebig und beinahe frech.
„Eine Nachbarin hat sie in einem Müllcontainer gefunden“, erzählte Marcus. „Sie hat sie gepflegt - die Katze ist jetzt gesund und geimpft -, aber sie kann sie nicht behalten und hat herumgefragt, ob sie jemand nehmen könnte. Sonst müsste sie sie ins Tierheim geben, was sie nicht will. Ich sagte, ich wüsste jemanden und hatte vor, dir die Katze in ein paar Tagen zu bringen. Nachdem ich von dem Angriff gehört habe, dachte ich, ich beschleunige die Sache ein bisschen.“
Felicia, die Katze, mit der ich über 20 Jahre meines Lebens verbracht hatte, war etwa zur gleichen Zeit gestorben, als ein Assistant Director des FBIs mich geradezu auf Knien angefleht hatte, ihnen bei dem Skinner-Fall zu helfen. Wenn mir langweilig war, redete ich mir ein, es gäbe einen Zusammenhang. Felicia hatte mich verlassen, sodass die Dunkelheit der Seele von Ms. Skinner nach mir hatte greifen können.
Natürlich wusste ich, dass es Blödsinn war, doch mein Leben war nicht gerade aufregend, sodass ich gern solche Gedankenspiele anstellte. Mit irgendetwas musste ich mich schließlich beschäftigen.
Bisher hatte ich mich nicht dazu durchringen können, mir eine neue Gefährtin zu suchen. Doch jetzt, so fand Marcus schon eine Weile, war die richtige Zeit dafür gekommen. Wahrscheinlich hatte er recht. Ich hatte lange genug um Felicia getrauert, und mein Heim war leer ohne ein Haustier.
„Fein“, sagte ich mit einem Blick auf die Katze, die sich streckte, erneut gähnte und mich anblinzelte. Ich bedeutete Marcus, hereinzukommen.
„Du machst keinen Aufstand?“, fragte er misstrauisch. „Du sagst nicht, dass ich mich um meinen eigenen Kram kümmern soll?“
„Das Problem, wenn man Tiere verschenkt, ist, dass es immer die Tiere sind, die leiden, falls das Geschenk nicht willkommen ist“, konnte ich mich nicht davon abhalten, scharfzüngig zu bemerken. „Es wäre nicht schön für die Katze, wenn du sie zu deiner Nachbarin zurückbringen müsstest. Daher werde ich sie behalten, um ihr das zu ersparen.“
„Du behältst sie, weil du sie niedlich findest“, gab Marcus wissend zurück. „Auch du bist mitunter leicht zu lesen.“ Er nahm einen Karton, den er ebenfalls neben der Tür platziert hatte. „Ich war nicht sicher, wie viel Katzenkram du noch hast, daher habe ich ein Katzenklo, Katzenstreu und Futter gekauft. Das sollte für heute Nacht ausreichen.“
„Das war eine gute Idee“, stimmte ich friedlich zu. Natürlich war sie niedlich. Alle kleinen Katzen waren niedlich. Allerdings war ich nicht der Typ Mann, der ein Haustier vor anderen als „süß“ bezeichnen würde. Wahrscheinlich falscher männlicher Stolz.
Ich brachte den Katzenkorb in die Küche, wo ich ihn auf dem Boden abstellte. Nachdem Marcus die Haustür geschlossen hatte, öffnete ich den Transportkorb. Sofort stolzierte die Katze heraus und begann damit, ihr neues Heim zu inspizieren.
Mein Haus war für eine Person viel zu groß, was mir aber eher entgegenkam, schließlich war es so etwas wie mein Gefängnis. Ein wenig Bewegungsfreiheit war da schon ganz schön. Die Katze würde das ebenfalls zu schätzen wissen.
Abgesehen vom Gäste-WC bestand das Erdgeschoss im Prinzip aus einem einzigen riesigen Raum. Es gab keine Türen zwischen den Zimmern, nur Durchgänge, Halbwände oder Säulen. Jeder Raum war mit dem nächsten verbunden, ausgehend von der Diele in der Mitte. Das Wohnzimmer und das sogenannte Familienzimmer befanden sich rechts, die Küche und das Esszimmer links.
Im Obergeschoss des Hauses hatten drei Schlafzimmer und zwei Badezimmer Platz gefunden. Ich schlief im Masterschlafzimmer, das ein eigenes Bad aufwies, benutzte den zweiten Raum als Medienzimmer mit HiFi-Anlage, Heimkino sowie Computern und den dritten Raum als Büro, in dem ich die meisten meiner Bücher und Papiere aufbewahrte.
Ich hatte es als zu teuer erachtet, die Elektrik modernisieren oder die alten Wasserrohre austauschen zu lassen, und ich hatte den Preis für neue Fenster mit Spezialglas mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Somit hatte ich noch immer die alten Schiebefenster mit den leicht morschen Holzrahmen, die bei heftigen Winterstürmen alles andere als dicht waren.
Der hölzerne, einst honigfarbene Fußboden, der im ganzen Haus verlegt worden war - außer im gefliesten Eingangsbereich, in der Küche und in den Badezimmern - war alt und hatte schon bessere Zeiten gesehen. Viele Füße waren darüber gelaufen, Flüssigkeiten waren darauf getropft und Gegenstände darauf fallen gelassen worden, aber zusammen mit ein paar farbenfrohen Teppichen gab er dem Haus Persönlichkeit und Wärme. Zudem hatte ich die meisten der alten Vertäfelungen entfernt und die Wände in hellen Pastelltönen gestrichen.
Alles in allem war es ein geräumiges, freundliches Haus - und ich liebte es. Ich war froh, dass heute kein größerer Schaden entstanden war. Die Agenten hatten mir geholfen, die Scherben zu beseitigen und das zerbrochene Fenster mit Pappe und Sperrholz notdürftig abzudichten.
Das war die Welt, die die kleine Katze nun eroberte, wobei sie noch immer keinerlei Anzeichen von Schüchternheit oder Ängstlichkeit zeigte. Sie war eine Diva, befand ich und sah dabei zu, wie sie auf den Esstisch sprang. Sie würde nicht einfach nur hier wohnen, sie würde das Haus besitzen. Alle Katzen waren so, aber diese Katze war die geborene Königin. Sie schien zu wissen, dass sie schön war und jeder fand, dass sie niedlich war. Sie würde ihre Vorteile daraus zu ziehen und zu nutzen wissen.
„Wo ist sie hin?“, fragte Marcus, als er in die Küche zurückkam, nachdem er die Katzentoilette und das Streu ins Gäste-WC gebracht hatte. Ein leises Scheppern aus dem Familienzimmer beantwortete seine Frage. „Solltest du nicht nachsehen, was sie macht?“
Ich schüttelte den Kopf. „Territorium ist für Katzen wichtiger als Menschen. Lassen wir sie sich umsehen, ohne sie zu stören. Sie wird ihr neues Zuhause so schneller akzeptieren.“
Marcus lehnte sich gegen den Tresen, der die Küche vom Esszimmer trennte, und sah mich aufmerksam an. „Wie schlimm sind deine Kopfschmerzen?“
„Warum denkst du, dass ich Kopfschmerzen habe?“, wunderte ich mich, denn ich hatte tatsächlich leichte Kopfschmerzen. Nach den vielen Leuten, mit denen ich heute Abend hatte reden müssen, war das auch nicht weiter erstaunlich. Jedes Gespräch strengte mich an, überlastete die überempfindlichen Schaltstellen in meinem Gehirn.
Nur Marcus störte mich nicht. Ich vermutete, dass es an seinem klar strukturierten Muster lag. So nannte ich das, was ich in Leuten las. Man könnte es auch Seele oder Aura nennen, wenngleich ich nicht sicher war, ob es tatsächlich so etwas wie eine Seele gab.
Letztlich waren es nur Mimik und Gestik, die ich las, all die vielen kleinen Zeichen, die zusammengenommen Wahrheit und Lüge sowie eine Persönlichkeitsstruktur ergaben. Die meisten Menschen nahmen die Mikroexpressionen kaum wahr oder mussten extra darauf geschult werden. Mein Gehirn hingegen überflutete mich wegen fehlender Filter förmlich damit.
„Wenn du Kopfschmerzen hast, werden deine Augen dunkler, du runzelst angestrengt die Stirn und wirst blass,“ erklärte Marcus, der diesen Moment genoss. Er liebte es, wenn er mir zeigen konnte, dass ich nicht der Einzige war, der Menschen lesen konnte. „Okay, deine Haut ist immer blass, weil du ein Rotschopf bist“, räumte er ein, „aber sie ist dann ungesund blass. Ich kenne dich inzwischen gut genug, um sagen zu können, wann du krank bist.“
„Ich bin kein Rotschopf“, widersprach ich, zum einen, weil ich in der Stimmung war, zu widersprechen, zum anderen, da ich den Begriff hasste. Wenn Marcus wüsste, wie sehr er mich gerade an meine Mutter erinnerte! „Meine Haare sind eher blond als rotblond, und meine Sommersprossen sieht man praktisch überhaupt nicht.“
„Du bist trotzdem ein Rotschopf“, beharrte Marcus, „was dich von Natur aus blass macht.“
Ich füllte Katzenfutter und Wasser in zwei von Felicias alten Näpfen und stellte sie neben den Transportkorb. „Worauf zum Teufel willst du hinaus?“
„Dass ich weiß, dass du Kopfschmerzen hast“, erwiderte Marcus mit einem amüsierten Lächeln, eine Hand in die Hüfte gestützt. Er legte den Kopf schräg und sah mir direkt in die Augen. „Was denke ich gerade?“
„,Geh ins Wohnzimmer, setz dich und entspann dich. Ich bringe dir eine Tasse Tee‘“, trug ich seine Gedanken laut vor. Es war nicht gerade eine schwierige Aufgabe. Die obligatorische Tasse Tee war Marcus‘ Allheilmittel gegen alle Arten von Stress und Problemen, ganz besonders dann, wenn er es mit mir zu tun hatte.
„Du bist ein braver Gedankenleser“, zog er mich auf. „Mach einfach, was ich dir gesagt habe, okay?“
Ergeben nickte ich, denn es war sinnlos, auch nur zu versuchen, Marcus seinen Plan ausreden zu wollen. Ich ging hinüber ins Wohnzimmer und fand die Katze auf dem obersten Brett eines Regals sitzend vor, von wo aus sie mir einen durchtriebenen Blick zuwarf. „Ich nehme an, dass du Spaß hast?“
Sie schien über die Frage nachzudenken. Ihre Augen waren wach und munter, und ihre Ohren zuckten. Dann stieß sie eine Kerze mit der Pfote an und sah dabei zu, wie sie vom Regal fiel und über den Boden rollte.
„Ich werte das mal als ein Ja.“ Ich setzte mich auf das bequeme Ledersofa, das in Richtung des Familienzimmers ausgerichtet war, und sah der Katze dabei zu, wie sie mit allem Erreichbaren spielte, Sachen quer durchs Zimmer schoss und von einem Möbel zum anderen sprang. Sie war lebhafter als eine Horde Affen. „Ich denke, du heißt Tyra. Was meinst du?“
Die Katze hielt inne und sah mich an. Dann antwortete sie mit einem leisen Geräusch - es war kein Miauen, sondern eher ein kurzes, freudiges Gurren - und spielte weiter.
Ich hatte das Familienzimmer als Trainingsraum eingerichtet, sodass ich während meiner Workouts auf den Pool sehen konnte. Er begann direkt hinter der Terrasse und nahm fast den gesamten Garten ein. Im Winter, wenn ich ein beheiztes Zelt über dem Pool aufstellte, um mich und die Installation vor Frost zu schützen, blieb nur ein schmaler Pfad zwischen dem Zelt und dem Zaun auf der linken Seite, der zum Sommerhaus am Ende des Gartens führte.
Die früheren Besitzer hatten es für Partys gebaut, aber ich nutzte es als zweiten Trainingsraum, spielte dort manchmal Tischtennis oder Dart gegen mich selbst. Außerdem hatte ich an der Außenseite eine Zielscheibe angebracht und mir selbst Bogenschießen beigebracht. Wenn man dazu verdammt war, allein zu sein, musste man sich zumindest etwas unterhalten.
„Ich wusste nicht, dass eine Katze so eine Unordnung anrichten kann“, kommentierte Marcus, als er sich mit zwei Tassen Tee zu mir gesellte. Er setzte sich neben mich und reichte mir eine der Tassen. „Ich hoffe, es ist nicht zu viel für dich.“
„Tiere um mich zu haben, hat mir noch nie etwas ausgemacht“, erwiderte ich gelassen. „Und junge Katzen sind wie nervige Teenager - man mag sie immer noch, aber man muss auch mit dem Chaos leben.“
Wir sahen Tyra eine Weile zu, der es zu gefallen schien, Zuschauer zu haben, und es noch etwas bunter trieb, dann wandte Marcus sich an mich. „Jetzt sag mal: Was zur Hölle ist hier heute Abend passiert?“
„Jemand hat eine Rauchbombe in mein Haus geworfen.“
„Das habe ich kapiert“, winkte er ab, „aber warum sollte jemand so was tun?“
„Um eine Botschaft zu überbringen.“ Ich zog den Zettel aus der Hosentasche und reichte ihn Marcus, erklärte, was sich vor etwa drei Stunden zugetragen hatte. Es gab keinen Grund, meinem Freund nicht von der Nachricht zu erzählen, die die Frau auf den Stufen hinterlassen hatte. Genau genommen war er der Einzige, mit dem ich darüber reden konnte.
„Hast du das den Agenten oder der Polizei gezeigt?“, fragte Marcus, nachdem er den Brief gelesen hatte.
„Nein.“
„Hast du nach Fingerabdrücken gesucht oder versucht, rauszufinden, welcher Drucker benutzt wurde?“
Ich lachte laut auf. „Du hast zu viele Folgen CSI gesehen! Natürlich könnte ich das Papier nach Fingerabdrücken absuchen, aber die heutigen Kriminellen gucken auch CSI, weißt du? Es werden keine Abdrücke von ihr zu finden sein oder falls doch, werden sie in keiner Datenbank gespeichert sein. Außerdem kann ich nicht aus lauter Spaß an der Freude einen Fingerabdruckabgleich vornehmen. Und Ausdrucke von modernen Druckern sehen alle gleich aus. Ich müsste ihren zum Vergleich haben, und das gestaltet sich etwas schwierig, wenn ich nicht weiß, wer sie ist, oder?“
„Aber was willst du ...?“ Es bedurfte nur eines Moments, bis Marcus begriff, was ich vorhatte. „Du kannst nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, sie im Zoo zu treffen!“, rief er entsetzt aus. Er zitterte sogar vor Empörung. „Du musst es dem FBI sagen!“
„Und was genau sollen die dann machen? Sie wegen Sachbeschädigung einbuchten? Sie wird ihnen nicht sagen, worum es wirklich ging oder für wen sie arbeitet - sofern sie überhaupt für jemanden arbeitet -, aber mir sagt sie es vielleicht.“
„Ehrlich, Adair, sie zu treffen, könnte extrem gefährlich sein!“, beharrte er. Er konnte nicht begreifen, wie ich so unvernünftig sein konnte und darüber nachdachte, jemanden zu treffen, der eine Rauchbombe in mein Haus geworfen hatte. Sein Unglaube stand ihm ins Gesicht geschrieben und brachte mich zum Lachen.
„Was kann sie schon machen? Mich in den Löwenkäfig werfen? Der Zoo ist ein öffentlicher Ort. Ich würde mir Sorgen machen, wenn sie mich gefragt hätte, sie um Mitternacht in einem verlassenen Lagerhaus oder in einer dunklen Seitengasse zu treffen.“ Als Marcus noch immer sein Ich-bin-äußerst-um-dich-besorgt-Gesicht machte, bemerkte ich: „Weißt du, manchmal denke ich, dass du dich wie meine Mutter benimmst, aber tatsächlich bist du noch schlimmer als sie!“
„Unser Schlagabtausch erinnert mich eher an den eines alten Ehepaars“, konterte Marcus trocken.
„Du weißt schon, dass du in dem Fall die Rolle des Weibchens innehast, oder?“, gab ich im gleichen Ton zurück, was Marcus dazu veranlasste, mir einen ärgerlichen Blick zuzuwerfen.
Schön wär’s. Wenn wir ein Paar wären. Blöderweise erstreckte sich meine Behinderung auch auf den Tastsinn, was es mir unmöglich machte, andere Menschen zu berühren oder von ihnen berührt zu werden. Allerdings hatte sich herausgestellt, dass es bei Marcus anders war. Er war somit der erste und bislang einzige Mensch, mit dem ich endlich hätte intim werden können. Zwar fand ich ihn mit seiner mittelgroßen, kräftigen Statur und dem langweiligen dunkelblonden Haar nicht unbedingt überragend attraktiv, doch hätte ich großzügig darüber hinweggesehen. Auch darüber, dass er rund zehn Jahre älter war als ich, während die Erfahrung gezeigt hatte, dass ich eher auf jüngere Männer stand.
Leider war Marcus so hetero wie nur irgendwas. Allein die Idee, ich könnte sexuelle Hintergedanken haben, hatte ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben. Es war zum Heulen.
„Lass uns Folgendes machen“, lenkte ich mich von den frustrierenden Gedanken ab. „Wir treffen uns Mittwoch im Zoo, du und ich. Wir sagen den Agenten, dass wir etwas zu besprechen haben. Wir lassen sie beim Eingang zurück, du bleibst bei den Pinguinen oder was auch immer auf dem Weg zu den Großkatzen ist, aber immer noch in Sichtweite. Ich werde extrem vorsichtig sein und rausfinden, was sie will. Falls es etwas Gefährliches sein sollte, marschiere ich anschließend sofort ins FBI Hauptquartier und erzähle denen, was passiert ist. Vielleicht kann ich ihnen dann auch einen Namen nennen und sagen, wie sie aussieht.“
Die Art, wie Marcus den Mund verzog, sagte mir, dass er mich für verrückt und dumm hielt, aber einräumte, dass ich recht hatte. Was konnte das FBI schon tun, wenn sie nichts über die Frau wussten?
„Der Angriff mit der Rauchbombe war nicht sehr schlau und mich zu fragen, sie zu treffen, auch nicht“, argumentierte ich. „Das Einzige, was gefährlich für mich sein könnte, wäre, ihr von meiner Begabung zu erzählen. Was ich nicht tun werde, sofern sie es nicht schon weiß, was ich bezweifle. Der Ton des Briefes besagt eher, dass sie herausfinden will, worum es sich dabei handelt.“
Marcus las die Nachricht noch einmal, und sein Stirnrunzeln besagte, dass er mir zustimmte. „Schön. Dann machen wir das eben so“, gab er nach. „Aber auf dem Weg zu den Großkatzen gibt es keine Pinguine. Wir können die Agenten beim Mane Grill lassen und zu den Großkatzen gehen. Es ist ein Rundkurs, auf dem du einfach ein paar Meter vor mir gehst. Warst du noch nie im Zoo?“
„Nur einmal. Da sind zu viele Leute, und ich müsste ein Taxi nehmen, um dorthin zu kommen, weil ich beim Busfahren umsteigen müsste, was anstrengend ist - und ich kann nicht mit dem Rad durch den Wald fahren, was der kürzeste Weg wäre.“ Jetzt redeten wir wieder über meine Grenzen. Es ließ mich innerlich seufzen. Ich könnte den Zoo in etwa 15 Minuten mit dem Rad erreichen, war aber nicht in der Lage dazu, weil die Bäume mein Gehirn verwirren würden.
Marcus hatte sich längst daran gewöhnt, dass ich manchmal die einfachsten Dinge nicht konnte, und versuchte nie, mich zu etwas zu drängen, was ich schon mal ausprobiert hatte und daran gescheitert war. Daher kommentierte er es nicht, wofür ich ihm dankbar war.
In dem Moment sprang Tyra auf das Sofa, ignorierte Marcus und spazierte geradewegs auf mich zu. Sie beroch meine Hände, dann meine Kleidung. Die meisten Katzen hätten das als genug für die erste Kontaktaufnahme erachtet, aber Tyra kletterte auf meinen Schoß, rollte sich darauf zusammen und schloss mit einem zufriedenen Seufzen die Augen.
Verblüfft starrte ich sie an. Was für eine selbstbewusste Persönlichkeit! Hier bin ich, hier gefällt’s mir, sieh zu, wie du damit klarkommst! Es ließ mich lächeln.
„Nun musst du zugeben, dass sie niedlich ist“, neckte Marcus mich.
„Ich denke eher, dass sie ein verzogenes Balg ist.“
Mit einem Kopfschütteln stand er auf, um die leeren Tassen in die Küche zu bringen. „Ich schätze, es macht sie liebenswürdig - und für dich passend, denn manchmal benimmst du dich auch wie ein verzogenes Balg!“
Das Erste, das ich sah, als ich am Mittwochmorgen aufwachte, war Tyras Kopf, der auf meiner Brust ruhte. Sie war mir bislang nie gefolgt, wenn ich ins Bett ging, sondern kam erst später und kuschelte sich an mich. Ich überlegte, ob ich das nächste Mal die Tür zumachen sollte, als ich feststellte, dass Tyra die Einzige war, die es bequem hatte. Allerdings wusste ich, dass ich nicht herzlos genug war, um sie auszuschließen.
Die letzten beiden Tage hatten gezeigt, dass es ihr nichts ausmachte, allein zu Hause zu sein, während ich bei der Arbeit war, also würde es sie wohl auch nicht stören, die Nacht in einem anderen Zimmer zu verbringen, aber dennoch, es war eben ... nun ja, herzlos.
Tyra grunzte unwirsch, als ich aufstand, und sie rollte sich sogleich wieder zusammen, während ich meine Morgenroutine begann. Ich ging nach unten in den Fitnessraum und zog eine halbe Stunde lang mein Workout-Programm durch, da ich wusste, dass ich später am Tag dafür zu faul sein würde, und schwamm eine weitere halbe Stunde im Pool.
Ich mochte es, wenn sich mein Körper glatt und stark anfühlte, allerdings war ich nicht diszipliniert genug, ein Gesundheitsfanatiker oder jemand zu sein, der seine übergroßen Muskeln in Wettbewerben präsentierte. Daher betrieb ich den Körperkult nur insoweit, dass er meine Eitelkeit befriedigte oder mein nicht sehr ausgeprägtes Ego aufpolierte, was in etwa aufs Gleiche herauskam.
Dann duschte ich, rasierte mich, zog mich an und traf Tyra, die sich auch endlich dazu bequemt hatte, mir Gesellschaft zu leisten, zum Frühstück in der Küche.
Ich war nicht gerade ein Frühaufsteher, aber ich musste spätestens um 9 Uhr im Labor sein, und ich fand, dass 7 Uhr eine akzeptable Zeit war, um an Wochentagen aufzustehen. Oder eher an Labortagen, denn ich arbeitete oft von zu Hause aus. Für heute plante ich, den Vormittag im Labor zu verbringen, um die mysteriöse Frau dann um 13 Uhr im Zoo zu treffen.
Obwohl ich Wissenschaftler war – wenn auch eher erzwungenermaßen, Detektiv oder dergleichen hätte ich spannender gefunden -, mochte ich es, an so etwas wie Schicksal zu glauben. Es gefiel mir, davon auszugehen, dass einige Leute - oder Tiere und Menschen - füreinander geschaffen waren, oder dass bestimmte Dinge passieren sollten. Natürlich hatte die Frau die Rauchbombe in mein Haus geworfen, weil sie einen Plan verfolgte, aber mir gefiel der Gedanke, dass sich dahinter ein tieferer Sinn verbergen könnte und dass dieser auf geheimnisvolle Weise mit Tyras Ankunft verbunden wäre. Zwei kapriziöse Damen waren am gleichen Tag aufgetaucht - wahrscheinlich ein Zufall, aber die Schicksalstheorie war die interessantere. Allein schon, um meine Gedanken mit irgendetwas zu beschäftigen.
Um 8:42 Uhr gesellte ich mich zu Devlin und Ed, deren Wagen vor meinem Haus geparkt war. Wie ich es mir schon gedacht hatte, hatte das FBI wieder eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung angeordnet, und Devlin und Ed hatten die Tagschicht.
„Ich will mich mit Marcus zum Mittagessen im Zoo treffen“, informierte ich sie während der Fahrt zur FBI-Zweigstelle für Washington D.C., wo ich im Labor der Spurensicherung arbeitete, und ich sah, wie sie einen erstaunten Blick tauschten. Ich ging fast nie zum Mittagessen aus. „Das Restaurant am Südeingang um Viertel vor eins. Wann müssen wir vom Labor losfahren, wenn wir rechtzeitig dort sein wollen?“
Devlin warf mir einen weiteren misstrauischen Blick über die Schulter zu. „Etwa um Viertel nach zwölf.“
„Fein, dann treffen wir uns um Viertel nach zwölf vor dem Gebäude der Spurensicherung“, entschied ich und lehnte mich zurück.
Prinzipiell wurde alles Beweismaterial an das FBI-Labor in Quantico geschickt, aber jede Zweigstelle hatte ein eigenes Team für die Spurensicherung, das über ein kleines Labor verfügte. Das in Washington hatte nur vier Räume - einen für Fingerabdrücke, einen für DNA, einen für andere Spuren und einen für alles Weitere. Letzterer war der größte und wurde hauptsächlich dazu genutzt, das gesammelte Beweismaterial zu kategorisieren und für den Transport nach Quantico zu versiegeln. Nur eilige Fälle wurden direkt in den Labors der Zweigstellen bearbeitet.
Ich hatte das Spurenlabor für mich allein, und meine Hauptaufgabe bestand darin, die Funde zu beurteilen. War es wert, eine volle Untersuchung an diesem oder jenem durchzuführen? Was könnte dadurch möglicherweise bewiesen werden? War es dringend? Welche Vergleichsproben waren notwendig?
Für diese Aufgabe war ich überqualifiziert, aber ich hatte es so sehr verabscheut, in Quantico zu arbeiten, dass ich nie wieder dorthin zurückkehren wollte. Ich hatte dort drei Jahre verbracht, nachdem ich das College mit einem Bachelor in Biochemie verlassen hatte, und es hatte mir nicht gefallen. Als Konsequenz daraus war ich zurück an die Universität gegangen und hatte meinen Master in forensischen Wissenschaften gemacht. Anschließend hatte ich drei Jahre in einem Labor der Staatspolizei in Massachusetts gearbeitet, wo ich zu einem Experten für „Schmutz“ avanciert war - Substanzen wie Fasern oder Pollen, die verraten konnten, wo sich eine Person oder ein Gegenstand aufgehalten hatte, wobei mein Schwerpunkt auf Erde und Mineralien im Boden lag.
Das Labor war jedoch zu überfüllt und lebhaft und zudem nur zwei Stunden von meiner Familie entfernt gewesen, die mich dauernd besucht und dazu gedrängt hatte, die Wochenenden mit ihnen zu verbringen.
Mit meinen Qualifikationen hätte ich für jedes forensische Institut im Land arbeiten können, aber das Labor in Washington war das einzige, das mir einen eigenen Raum angeboten hatte. Zudem konnte ich die meisten meiner Berichte zu Hause schreiben.
Eine weitere meiner Aufgaben war es, während der Leichenschau in den Räumen der Rechtsmedizin, einige Straßen weiter südlich, Beweismittel von Leichen zu sammeln und einzuordnen. Dort arbeitete ich oft mit Dr. Reid zusammen. Wir hatten einander noch nie leiden können, aber im Laufe der Zeit hatte sich zwischen uns eine Liebes-Hass-Beziehung entwickelt, sodass ich nie wusste, ob ich stöhnen oder mich freuen sollte, wenn ich den Rechtsmediziner traf.
So war es auch an diesem Mittwochmorgen, als ich das unscheinbare Gebäude der Spurensicherung betrat und Dr. Reid in der Eingangshalle stehen sah, offenbar auf mich wartend.
„Ich habe Ihnen die Gewebeproben gebracht, die Sie angefragt haben.“ Dr. Reid hob die versiegelte Beweismittelkiste an. „Die Leiche in der Wohnung letzte Woche, der Mann, von dem wir denken, er könnte vergiftet worden sein. Ich dachte, ich bringe sie Ihnen vorbei, bevor Sie wieder weinen, weil Sie zu mir fahren mussten.“
„Sie hätten sie einfach rüberschicken können“, konterte ich spitzzüngig. „Der einzige Grund, warum Sie hier sind, ist, dass Sie mich so sehr lieben, dass Sie mich wenigstens einmal in der Woche sehen müssen.“
„Ich musste nachschauen, ob Sie noch leben. Sie sollten ab und zu mal einen Arzt konsultieren. Mit Ihrem Stresslevel sind Sie ein Kandidat für eine Herzerkrankung.“ Dr. Reid reichte mir die Beweismittelbox und einen Kugelschreiber, und ich unterschrieb die Formulare, um zu bestätigen, dass ich die Beweise erhalten hatte.
„Sie sind kein richtiger Arzt, Sie sind ein elender Leichenfledderer!“
„Nun, wenn ich Ihren Puls überprüfe, kann ich feststellen, ob Sie noch leben. Das ist doch schon mal ein Anfang“, meinte Dr. Reid und steckte den Kugelschreiber wieder ein.
„Wenn ich eines Tages sterbe, denke ich mir eine Todesursache aus, die Sie nicht rausfinden können. Blöd für Sie ist, dass Sie vor mir sterben werden, weil Sie übergewichtig sind und zwölf Stunden am Tag arbeiten.“ Ich sah auf Dr. Reids Bauch, der so dick war, als würde der Rechtsmediziner demnächst ein Baby gebären, das runde Gesicht, das immer ein wenig rot war, das Doppelkinn und den glänzenden, kahlen Schädel. Nein, eine Schönheit war er gewiss nicht!
„Das ist immer noch besser, als unter Panikattacken zu leiden“, behauptete Dr.
