Chefinspektor Meissner und der Kranmörder - Ferdinand Skuk - E-Book

Chefinspektor Meissner und der Kranmörder E-Book

Ferdinand Skuk

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Beschreibung

An einem Kran in der Krottenbachstraße hängt ein Mann. Chefinspektor Meissner führt die Spur trotz Ermittlungsverbotes bis nach Kärnten, wo er bald in der jüngeren Geschichte des Zweiten Weltkriegs wühlen muss. Ein Soldatenfriedhof und ein Museum zeugen von erbitterten Kämpfen der SS-Einheiten mit kärntnerslowenischen Partisanen. Chefinspektor Meissner erkennt in dieser nicht aufgearbeiteten Vergangenheit einen Grund für die massiven und schwer nachvollziehbaren Irritationenen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den einheimimischen Slowenen. Nach Wien zurückgekehrt untersucht er ungeachtet der Anweisungen den angeblichen Selbstmord seiner Frau und findet mit viel Gespür einen mehrfachen Mörder.

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ferdinand Skuk

Chefinspektor Meissner und der Kranmörder

Ferdinand Skuk: Chefinspektor Meissner und der Kranmörder

Lektorat: Christina Halfmann

Umschlaggestaltung: ilab.at

Coverfotos: Ferdinand Skuk

Copyright 2013 Verlag Hermagoras/Mohorjeva založba, Klagenfurt – Ljubljana – Wien

Gesamtherstellung: Hermagoras Verein, Klagenfurt/Celovec

ISBN 978-3-7086-0772-6

Die Namen der handelnden Personen sowie einige topografische Bezeichnungen wurden vom Autor erfunden. Eventuell gleich lautende Namen sind keinesfalls beabsichtigt und wären rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

Der Mann am Kran

Der Wünschelrutengänger

Alte Wunden heilen nicht

Ein Toter flüstert

Blinder Eifer

Bekannte Stimme – fremde Sprache

Probebeichte

Tiefe Schluchten

Kanabiskanarien

Der Kuss der Prinzessin

Ehrengräber

Treue und Ehre

Abschiedsmelodie

Warnung vor Kopfschmerzen

Auf der Buche suche

Kalte Füße

Kriminalistische Kleinarbeit

Die berühmteste Gans von Wien

Sonntagsgedanken

Enttäuschung

Bußgang

Das Mörderspiel

Kranmörder

Die neue Mundharmonika

Ferdinand Skuk

Auch bei uns

Der Mann am Kran

„Am Kran hängt ein Mann!“, kreischte eine Frau und zeigte in den Morgenhimmel. „Da oben ist er!“, schrie sie.

Die Menschen am Zebrastreifen blieben stehen, reckten die Hälse und sahen über ihren Köpfen einen Mann schweben.

„Der lebt ja noch!“

„Kommt eh schon herunter.“

„Wo ist die versteckte Kamera?“

„Gehts weiter, der Bus kommt!“, hörte man sie durcheinanderreden.

Chefinspektor Meissner sah die Passanten mitten auf der Krottenbachstraße stehen und hielt vor dem Fußgängerübergang an. Er war wie an jedem Montagmorgen auch heute mit seinem alten Auto durch den Wienerwald zur Dienststelle auf der Hohen Warte unterwegs.

Ein Bauarbeiter hantierte mit einer Fernbedienung, der in einem Gurtgewirr am Ausleger hängende Mann schwebte langsam zu Boden und drehte sich dabei leicht um die eigene Achse. Meissner sah hinter dem Kranfundament ein abgestelltes Polizeifahrzeug, für ihn gab es keinen Grund zum Anhalten.

Dieser Kran blockierte seit einigen Wochen wieder die halbe Straße. Es war vermutlich der gleiche gelbe Kran, welcher vor einiger Zeit an derselben Stelle den Durchzugsverkehr behindert hatte und nach mehr als einem Jahr Nutzlosigkeit überraschend abgebaut worden war. Meissner war überzeugt, dass derart chaotisch nur mit einem fehlerhaft programmierten Computer geplant worden sein konnte. Nun war aber daneben tatsächlich begonnen worden, ein Wohnhaus zu errichten. Die Fußgänger eilten zum Autobus und Meissner konnte endlich weiterfahren.

Bereits vor der Billrothstraße kamen die Autokolonnen neuerlich zum Stillstand. Chefinspektor Meissner durfte sich heute nicht verspäten. Er war bisher erst einmal zu spät zum Dienst erschienen. Es war ebenfalls ein Montag gewesen, als er bei seinem Morgenlauf drei jungen Männern begegnet war. Sie hatten ihm den Gehsteig verstellt und griffen ihn zugleich an, um sich so gegenseitig ihren Mut zu beweisen. Der Stärkste krümmte sich Sekunden später vor Schmerzen am Boden, ein anderer hielt fluchend seine blutende Nase. Nur der Jüngste hatte die Lage am raschesten erkannt und war davongelaufen.

Kurz bevor er die nächste Kreuzung erreichte, schaltete die Ampel auf Rot. Meissner trommelte mit seinen Fingern auf das Holzlenkrad. Sein Blick blieb am Rückspiegel haften. Mit seiner Erscheinung war er zufrieden, ohne darauf eingebildet zu sein. Die vollen, dunkelblonden Haare ließ er sich bereits seit dem Eintritt in den Polizeidienst kurz schneiden. Die blaugraue Augenfarbe changierte im Licht der Morgensonne leicht ins Hellgrüne. Seine markanten Gesichtszüge verleiteten Bekannte manchmal zur Frage nach einer slawischen Abstammung, doch darüber sprach er nicht gerne. Durch die tägliche Klingenrasur war sein Gesicht rosig und glatt, wirkte jugendlich. Er lief jede Woche viele Stunden in seiner Wohnumgebung oder durch den Wienerwald und blieb dadurch schlank. Das Joggen hielt ihn fit und jung, niemand schätzte ihn älter als auf fünfzig Jahre. Endlich zeigte die Ampel Grün und er konnte weiterfahren.

Im Stiegenhaus des Kommissariats kam ihm sein ehemaliger Kollege Christian entgegen, mit dem er früher Schach gespielt hatte. Dabei sprach er nicht, aber sonst war er eine Nervensäge. Christian konnte stundenlang nur über Frauen reden.

„Hallo Paul!“, begrüßte er ihn. „Du bist noch immer auf der Hohen Warte? Ich freue mich, dich zu sehen. Erwin hat auch nach dir gefragt. Kommst du wieder einmal zum Schachspielen oder hast du es schon verlernt? Uns haben das letzte Mal genau drei Punkte zum Aufstieg gefehlt.“

„Ihr habt doch genug gute Spieler“, sagte Meissner und wollte weiter.

„Du hättest nur dreimal spielen müssen. Trauerst du noch immer um deine Frau?“

„Du, ich habe es eilig.“

„Paul, du bist viel zu empfindlich, du musst mit mir unbedingt einmal ausgehen. Schau dich doch um, die Welt ist voller hübscher Mädchen, die warten nur auf einen feschen Mann wie dich. Bei deinem Aussehen hätte ich jeden Tag eine andere …“

„Christian, ich habe gleich ein Gespräch mit dem Oberstleutnant“, unterbrach er ihn.

„Was hast denn angestellt?“

„Ich möchte wegen meiner Versetzung nachfragen. Wir reden ein anderes Mal weiter. Servus!“

„Ich weiß schon, wohin wir gehen werden. Da gibt es die hübschesten …“

Meissner eilte davon, nahm zwei Stufen auf einmal. Das Geschwätz des Schürzenjägers hatte ihn genervt, er wollte nicht an seine Frau erinnert werden.

Oberstleutnant Weißenbacher empfing ihn freundlich und wies ihm höflich einen Sitzplatz zu.

„Meine Sekretärin sagt mir, dass Sie ein Problem haben?“

Meissner hatte sich für die Vorsprache zwar einige Worte zurechtgelegt gehabt, doch zu dieser brüsken Frage passten sie nicht.

„Herr Oberstleutnant, Sie haben bei Ihrer Antrittsrede gemeint, dass jeder bei Schwierigkeiten zu Ihnen kommen darf und davon mache ich jetzt Gebrauch. Ich wollte Sie fragen, warum man mich auf der Hohen Warte vergessen hat. Ich versehe hier gerne meinen Dienst, doch warte ich schon längere Zeit auf die Versetzung zum Bundeskriminalamt“, sagte er und hielt dabei dem Blick stand.

Jetzt, da er seinem Vorgesetzten erstmals gegenübersaß, fand er, dass die ziemlich weit fortgeschrittene Stirnglatze gut zu seinen Körperrundungen passte, die schmale, randlose Brille hingegen weniger. Sein Rasierwasser duftete etwas zu aufdringlich, vielleicht nach Maiglöckchen. Die Frage schien ihn kaum in Verlegenheit gebracht zu haben.

„Herr Chefinspektor, ich schätze Ihre langjährigen Erfahrungen, ich bin mit Ihren Leistungen zufrieden und Ihre Mitarbeit ist mir wichtig. Nun bin ich überrascht, von Ihnen zu hören, dass Sie bei mir unglücklich sind.“

„Es geht nicht um mein Glück, Herr Oberstleutnant. Ich vermisse eine Aufgabe, so wie ich sie früher gehabt habe. Ich möchte wieder meiner Ausbildung entsprechend eingesetzt werden und nicht bis zum Ruhestand als Auswerter aufgestauten Papierkram erledigen.“

Oberstleutnant Weißenbacher nickte.

„Ja. Ich habe mich in Ihrem Personalakt kundig gemacht und sehe, dass mit Ihnen vor einigen Jahren etwas geschehen sein muss.“

Seine Hände mit den tadellos manikürten und farblos matt lackierten Fingernägeln ruhten auf der Schreibtischplatte. Im Verlaufe des Gespräches klopfte er manchmal mit der flachen Rechten ganz leicht auf den Schreibtisch, als ob er damit seinen Worten Gewicht und Nachdruck verleihen wollte. Mit einer Pause hoffte er den Chefinspektor zum Sprechen zu bewegen.

„Darüber möchte ich nicht reden.“

Meissner war selbst überrascht, wie trotzig und abwehrend er eben geklungen hatte.

„Wenn Sie kein Vertrauen zu mir haben, warum kommen Sie dann her?“, fragte Weißenbacher und blickte seinen Besucher herausfordernd an.

„Es hängt mit dem Tod Ihrer Frau zusammen, nicht wahr?“, wollte er nach einer neuerlichen Pause wissen.

Meissner richtete sich mit einem Ruck im Sessel auf.

„Was steht davon in meinem Personalakt?“

Der Oberstleutnant blätterte bedächtig in einem Umschlag.

„Es muss einen besonderen Grund gegeben haben, warum danach Ihre Beurteilungen von ,ausgezeichnet‘ jäh auf ‚befriedigend‘ gesunken sind. Aber wie schon gesagt, ich bin mit Ihren Leistungen zufrieden. Mich wundert nur, dass Sie die angebotene Betreuung ausgeschlagen haben.“

Beim letzten Satz hatte seine Stimme beinahe besorgt geklungen. Er schloss den vor ihm liegenden Umschlag.

„Wenn Sie Ihre Probleme für sich behalten wollen, dann kann Ihnen aber auch niemand helfen“, sagte er und sah zum Fenster hinaus.

Meissner senkte den Blick. Jetzt, da er auf diese Weise daran erinnert wurde, hatte er die Parkbank wieder deutlich vor Augen.

Aus der schwarzen Plastikabdeckung ragt ein Damenschuh. Konturen eines Menschen. Zusammengesunkener Frauenkörper. Zur Seite geneigter Kopf, blonde Haare, starre Augen, offener Mund. Seine Minnie!

Er schüttelte kurz den Kopf, doch das Bild wollte nicht verschwinden.

„Ich habe noch zu wenig Abstand gewonnen, um darüber zu sprechen.“

Oberstleutnant Weißenbacher mussten die Details zum Tod seiner Frau doch aus den Unterlagen bekannt sein. Was hätte er ihm sonst sagen sollen?

„Das verstehe ich nicht. Sie quälen sich die ganzen Jahre unnötig mit diesem Problem herum. Für Sie wäre es wichtig gewesen, möglichst bald ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wie lange wollen Sie damit noch warten? So kann es doch nur noch schlimmer werden.“

Meissner hatte diesen Termin nicht vereinbart, um wieder einmal mit dem Tod seiner Frau konfrontiert zu werden. Er presste die Lippen zusammen und schwieg weiter, das Bild seiner leblosen Frau war noch nicht verschwunden.

„Ich sehe schon ein, dass Ihnen zur Ablenkung eine interessantere Beschäftigung lieber wäre, aber in Wien werden Sie immer wieder an den Selbstmord ihrer Frau erinnert.“

Mord! Seine Frau hatte sich nicht umgebracht, sie war ermordet worden! Wollte ihn der Oberstleutnant absichtlich missverstehen, nur um ihn zu einer Stellungnahme zu provozieren?

„Um auch räumliche Distanz zu gewinnen, wäre eine Versetzung in ein anderes Bundesland angebracht“, warf der Vorgesetzte nach kurzem Überlegen ein. Meissner ahnte nichts Gutes, doch sogleich wusste er, dass Weißenbacher ihn nicht verstanden hatte oder nicht verstehen wollte.

„Ich wüsste für Sie im Tiroler Außerfern eine Ihrer Qualifikation entsprechende Verwendung, dort wird mit Jahresbeginn ein Posten frei. Was halten Sie davon?“

Meissner war entsetzt. Drohte ihm Weißenbacher allen Ernstes mit dieser Versetzung? Erst vor vier Jahren hatte er sich im Westen Wiens eine Eigentumswohnung gekauft und eingerichtet, um hier auch seinen Lebensabend zu verbringen. Nach Tirol wollte er keinesfalls, dort wäre er auf Lebenszeit ein Fremder. Löste Weißenbacher die Probleme seiner Mitarbeiter immer auf diese Weise?

„Nein, Herr Oberstleutnant, ich möchte nicht nach Tirol“, sagte er entschlossen. „Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie sich im Bundeskriminalamt wegen meines Versetzungsgesuches erkundigen könnten.“

Der Oberstleutnant blickte ihn verdrossen an.

„Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann. Doch muss ich Ihnen sagen, dass ich enttäuscht wäre, sollten Sie den angebotenen Leiterposten ablehnen. Was missfällt Ihnen an Tirol? Sie müssen ja nicht für immer dort bleiben. Wollen Sie endlos trauern? Überlegen Sie es sich gut, schlafen Sie eine Nacht darüber und kommen Sie morgen früh zu mir, danach reden wir weiter. Sie können sich den heutigen Tag für Ihre Entscheidung freinehmen. Wie ich sehe, droht Ihnen eine Menge Urlaubstage zu verfallen.“

Das Gespräch hatte keine Viertelstunde gedauert. Nach dem Verlassen des Chefzimmers fühlte Meissner zwar ein eigenartiges Verständnis für sein Problem, den Grund für die Verzögerung der Versetzung hatte er jedoch wieder nicht erfahren. Vielmehr wollte ihn sein Chef in der Fremde unterbringen.

Vermutlich hatte Oberstleutnant Weißenbacher vor zwei Wochen einen jungen Computerfachmann nur mit der Absicht zu ihm ins Zimmer gesetzt, seinen Widerstand gegen dieses moderne Spielzeug zu brechen. Er benützte als Einziger noch eine alte Schreibmaschine.

Der junge Kollege starrte auf den Bildschirm, sie wechselten einen knappen Gruß. Privat hatten sie miteinander bisher kaum gesprochen. Hofer bildete sich als EDV-Fachmann weiter und versah hier vorübergehend seinen Dienst. Das Schicksal oder, wie Meissner annahm, der Chef, zwangen die beiden in einen – wenn auch komfortablen – Raum, wo sie gemeinsam ihre Dienstzeit verbrachten, Hofer zumeist vor dem Bildschirm oder am Telefon. Das Warten war offenbar ihre gemeinsame Bestimmung.

Meissner hatte bis heute geduldig auf die ihm mündlich zugesagte Versetzung gewartet. Seine Einsätze waren hier ganz gewöhnliche Schreibtischverrichtungen, für die einen zu langweilig und für die anderen zu zeitaufwendig. Sooft er auch nachgefragt hatte, war er mit Ausreden vertröstet worden. Doch auch die Vorsprache bei seinem Vorgesetzten hatte ihm vorhin keine Klarheit gebracht.

Er griff, wie an jedem Montagmorgen, zuerst nach seinem Wochenvormerkkalender. Dieser verdiente den Namen nicht, denn heute war bereits der 18. August und die Seiten waren noch unbeschrieben. Vor Jahren war er noch voll von Geburtsdaten, Hochzeitstagen und sonstigen wichtigen Ereignissen aus dem Kreis der Kollegen gewesen. Diese Angaben hatte er jedes Jahr in einen neuen Kalender übertragen und laufend ergänzt, er hatte sie dadurch bald auswendig gewusst. Zwar hatte er selbst keine Feiern organisiert, aber er wurde oft dazu eingeladen. Doch seit jenem verhängnisvollen Tag feierte er nicht mehr und deshalb blieb der Tischkalender leer.

Meissner blätterte die Wochenseite um. Heute war Kaisers Geburtstag, dieses historische Datum wusste er auch so. Er hatte seiner Frau gegenüber immer gescherzt, sie wäre mit dem Feiern dem alten Kaiser Franz Josef um einen Tag voraus gewesen. Den jetzt unnütz gewordenen Kalender legte er in eine Lade und schob diese kräftig zu, er wollte an all dies nicht mehr denken.

Hofer sah von seiner Arbeit auf, der ältere Kollege schien heute ein Problem zu haben. Bereits als ihm dieser provisorische Arbeitsplatz zugewiesen worden war, hatte man ihn auf das eigenartige Verhalten des Chefinspektors aufmerksam gemacht. Dieser lehne Mobiltelefone strikt ab, arbeite nicht am Computer und sei bei der Arbeit sehr schweigsam. Hofer verließ bei Handygesprächen stets freiwillig das Zimmer, um damit den strafenden Blicken des Schreibtischnachbarn zu entgehen. Andere Kollegen hatten ihm erzählt, dass der Chefinspektor vor dem Tod seiner Frau gesprächiger gewesen sei. Bei Feierlichkeiten hätte er als Witzeerzähler, Parodist oder Interpret auf der Mundharmonika eine Gesellschaft alleine unterhalten können. Auf keinen Fall dürfe er ihn auf seine verstorbene Frau ansprechen, hatte man ihm eingeschärft. Allerdings hatte er auf seine dienstlichen Fragen von ihm bisher stets korrekte Antworten erhalten. Ein Zimmerkollege, mit dem er über moderne Technik hätte reden können, wäre ihm jedoch lieber gewesen. Aber lange saß er sowieso nicht mehr hier, der nächste Kurs wartete bereits auf ihn.

Nun wollte er herausfinden, welche Laus seinem Gegenüber an diesem Morgen über die Leber gelaufen war.

„Herr Chefinspektor, ich parke heute in der Nähe Ihres Autos. Was ich Sie fragen wollte, ist Ihr Bentley bereits ein Oldtimer?“

Meissner war überrascht, darauf war er noch von keinem Kollegen angesprochen worden.

„Nein, das Auto ist erst siebzehn Jahre alt und ich werde damit hoffentlich bis zu meinem Lebensende fahren können. Ich besitze den Wagen erst neun Jahre“, antwortete er.

„Mir gefällt die elegante Karosserieform mit der dunkelgrünen Lackierung. Das Fahrzeug sieht aus wie neu.“

„Ich fahre sehr wenig damit, ich besitze eine Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr. Nur am Montag darf das Coupé aus der Garage. Aber diese Frage haben mir Passanten schon oft gestellt.“

Er hatte sich den Bentley von dem Geld aus einer Erbschaft gekauft, um ein wertbeständiges Fahrzeug zu haben und nicht einen dieser modernen Plastikeimer. Ein Nachbar, mit dem er regelmäßig Schach gespielt hatte und der als Witwer in eine Seniorenresidenz übersiedelt war, hatte ihm dieses Prachtstück zu einem Spottpreis angeboten. Nur anfangs hatten ihn die neugierigen Blicke anderer Verkehrsteilnehmer gestört.

Hofer war mit dem Erfolg seiner List zufrieden.

„Haben Sie für mich noch Arbeit vorbereitet?“, fragte er. „Ich bin nächste Woche nicht mehr hier.“

„Der Chef hat mir vorhin keine Arbeit zugeteilt, ich soll mir einen Tag freinehmen“, sagte Meissner und sah trotzdem in den Schreibtischladen nach. Der Aktenindex war aufgearbeitet, er entdeckte nur leere Umschläge. Zuunterst lag ein Kuvert mit dem Vermerk „Privat“.

„Da ist ja mein Gewinn vom Preisausschreiben!“, murmelte er erstaunt.

„Was haben Sie gewonnen?“, fragte Hofer erwartungsvoll. „Vielleicht ein Computerspiel?“

„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Gewinn!“, las Meissner halblaut vor. „Mit Freude dürfen wir Sie davon verständigen, dass Sie bei der diesjährigen Frühjahrsveranstaltung der Erholungsregion Jauntal den Hauptpreis gewonnen haben. Eine Woche Aufenthalt in einem Landgasthaus in unserem sonnigen Bauerndorf Kolonitz.“

„Nie gehört“, bemerkte Hofer. „Wo liegt das?“

„Das soll irgendwo in Kärnten sein. Im Mai habe ich bei einem Spezialitätenstand einen Zettel ausgefüllt. Den Urlaub hätte ich allerdings bereits im Juni antreten können, möglicherweise will man dort jetzt nichts mehr von mir wissen.“

Andere gewinnen Lottosechser oder Weltreisen, auf diesen Werbegewinn war er nicht besonders neugierig. Alleine wollte er nicht wegfahren, deshalb hatte er das Schreiben auch einfach liegen gelassen. Oberstleutnant Weißenbacher hatte ihn heute auf seinen Resturlaub aufmerksam gemacht, vielleicht wäre das die richtige Gelegenheit, für einige Zeit Wien zu verlassen?

„Vergessen Sie das Kuhdorf“, meinte Hofer. „Falls Sie einen günstigen Urlaub verbringen wollen, suche ich Ihnen ein Last-Minute-Angebot, vielleicht ist auch eine erschwingliche Kreuzfahrt darunter. Manchmal können richtige Schnäppchen dabei sein. Moment, ich schau’ gleich nach.“ Voller Eifer klopfte er in die Tasten.

„Also, mich hätte ein Urlaub zwischen Wiesen und Feldern schon gereizt. Waldläufe in frischer Luft und schöner Natur, Wandern, Lesen, neue Menschen kennen lernen“, dachte Meissner laut nach. Dieser Urlaubsort hätte sicherlich auch Minnie gefallen, fühlte er plötzlich.

„Lassen Sie sich nur nicht täuschen“, unterbrach ihn Hofer. „Stinkende Misthaufen, Schweinegebrüll, lärmende Traktoren schon um vier Uhr in der Früh. Und dann immer diese Bauernmusik! Ich wette, Sie sind nach drei Tagen wieder zurück.“

Natürlich meinte er das nicht so, aber es klang gut.

Hofer wurde telefonisch zu Weißenbacher gerufen und Meissner sah sich das Verständigungsschreiben nochmals in Ruhe an.

„Sieben unbeschwerte Tage bei Familie Vetschernig in Kolonitz am Kogel in modern renovierter Unterkunft mit voller bäuerlicher Verpflegung erwarten Sie. In der Pferdekutsche können Sie unser schönes Jauntal bequem kennen lernen.“

Das Angebot klang gut, jeder andere hätte damit sicherlich mehr Freude gehabt.

„Informieren könnte ich mich doch“, dachte er. „Kärnten ist zwar nicht so weit weg wie Tirol, aber vielleicht sollte ich doch versuchen, einmal allein wegzufahren.“

Entschlossen wählte er die angegebene Nummer. Er stellte sich einer tiefen, angenehm klingenden Frauenstimme als Gewinner vor.

„Leider war ich bisher nicht in der Lage, diesen Urlaub anzutreten. Ich hoffe, Sie hatten dadurch keine Unannehmlichkeiten?“

„Das nicht, aber wir haben auf Ihren Anruf tatsächlich bereits gewartet. Bei uns ist jede Jahreszeit schön, Sie können kommen, wann es Ihnen genehm ist, Sie sind jederzeit herzlich willkommen.“

„Ich muss mich noch über eine Zugverbindung informieren. Wo soll ich aussteigen?“

„Wir liegen an keiner Bahnstrecke, deshalb ist es bei uns auch besonders ruhig. Bleiburg wäre wegen der Pferde am günstigsten, anderswo fahren zu viele Autos. Aber bitte nicht Bleiburg-Stadt, Sie müssen am alten Bahnhof Bleiburg-Land aussteigen. Eine Kutschenfahrt ist sowieso beim Gewinn dabei“, antwortete die Frau. „Ihrer Frau Gemahlin und Ihnen wird es bei uns sicherlich gefallen.“

„Ich komme alleine“.

„Selbstverständlich können Sie auch alleine kommen, falls Sie es wünschen. Sie haben jedenfalls ein Doppelzimmer, Ihre Begleitperson müsste nur für die Mahlzeiten aufzahlen. Teilen Sie uns Ihre Ankunftszeit mit, wir holen Sie dann gerne vom Bahnhof ab. Wir freuen uns darauf.“

Meissner hatte eben aufgelegt, als Hofer sichtlich beschwingt zurückkam.

„Eine mysteriöse Geschichte, endlich ein interessanter Fall fernab vom Schreibtisch“, meinte er.

„Freut mich für Sie. Worum geht es?“

„Um einen Prominenten, der total betrunken auf einem Kran war.“

„Wollte er hinunterspringen?“

„Das hätte er kaum können, er war mit Gurten an einer Kette festgebunden. Niemand kann sich erklären, wie er halb bewusstlos auf den Baukran in der Krottenbachstraße geraten ist. Ein Routinefall, ich muss nur die Identität nachprüfen und feststellen, ob eventuell ein strafbarer Tatbestand vorliegt.“

In Meissner erwachte die Neugierde. Wer war dieser Heldendarsteller?

„Ich bin vorhin daran vorbeigefahren“, sagte er. „Die Situation war unwirklich, sie hätte zu Dreharbeiten für einen Kottan-Film gepasst, so grotesk ist es mir vorgekommen, einen Menschen frei über den Dächern schweben zu sehen. Ich habe an Bungee-Jumping denken müssen. Aber vielleicht hätte man den Mann fragen sollen, was er so hoch oben wollte?“

„Er war nicht vernehmungsfähig.“

„War er so stark alkoholisiert?“

„Die Kollegen vermuten neben Alkohol auch Drogen. Er ist zur Beobachtung und Überwachung seines Kreislaufs momentan im Allgemeinen Krankenhaus.“

Der Patient sei noch nicht voll bei Bewusstsein, erhielt Hofer über Telefon vom Stationsarzt als Antwort, doch sein Zustand sei stabil. Sie würden ihn verständigen, sobald der Mann vernehmungsfähig sei.

„Wie ist sein Name?“, wollte Meissner wissen.

„Diplomingenieur Doktor Michael Sasso di Montefalcone“, las Hofer langsam vor. „Er wohnt am Windmühlenweg, alles andere soll ich herausfinden. Klingt italienisch, ist das ein adeliger Name?“

Meissner war dieser Familienname wegen einer früheren Amtshandlung bekannt.

„Möglich“, sagte er. Die Nennung der Adresse aber hatte bei ihm sofort einen Mechanismus ausgelöst. Wieder einmal war er gezwungen, an den Tod seiner Frau zu denken. Mit ihr hatte er einst auch am Windmühlenweg gewohnt. Erneut hatte er das Bild seiner toten Frau vor Augen. Es war vergeblich, diesem Zwang rational begegnen zu wollen, er hatte bisher nur wenig Erfolg, derartigen Gefühlsregungen mit Hilfe von Argumenten zu entgehen. Waren sein Scharfblick und seine Empfindsamkeit bei der Arbeit von Vorteil, so hatte er darunter zu leiden, sobald er an den Tod seiner Frau erinnert wurde. Die ehemaligen Kollegen hatten sein Verhalten lächerlich gefunden und darüber gewitzelt. Deshalb war er unter Verzicht auf seinen Posten nicht mit ihnen übersiedelt und verrichtete hier lieber nachgeordnete Arbeiten.

Vor etwa sieben Jahren hatte er die Identität eines tödlich Verunglückten nachzuprüfen gehabt, an sich eine Routinearbeit. Dabei hatte es sich nach den bei der Leiche gefundenen Dokumenten um den ersten Mann von Frau di Montefalcone gehandelt, einen gewissen Wilhelm Hager. Dieser Mann war in einem großen Bauunternehmen Oberbuchhalter gewesen. Nach der Veruntreuung einer großen Summe war er plötzlich verschwunden. Vorher hatte er einen Anwalt mit seiner Scheidung beauftragt. Nachdem er zwei Jahre lang verschollen geblieben war, stürzte er in betrunkenem Zustand und ärmlich bekleidet vor eine Zuggarnitur und war sofort tot. Frau di Montefalcone, inzwischen wieder verheiratet, hatte ihren geschiedenen Mann identifizieren können, obwohl das Gesicht nach dem Unfall nicht mehr rekonstruiert werden konnte.

Meissner erinnerte sich deshalb so gut daran, weil er damals auf Grund der Unfallbilder gezweifelt hatte, dass der Tote ein Angestellter gewesen sein konnte. Die Fotos der heil gebliebenen linken Hand hatten grobe Schwielen gezeigt, für ihn ein Hinweis darauf, dass es sich um einen manuellen Arbeiter handeln musste. Außerdem hatte er sich über die wertvolle Uhr des heruntergekommenen Unfallopfers gewundert.

Das vergrößerte Foto dieser Armbanduhr hatte er noch deutlich in Erinnerung. Die Herrenuhr war ungewöhnlich groß. Im Zentrum des weißen Ziffernblattes befand sich eine rote Sonne, davon führten zwölf in Schlangenlinien gewundene, rötliche und orangegelbe Strahlen zu den an den Enden angebrachten Edelsteinen, jede Stunde strahlte in einer anderen Farbe; es konnten freilich auch nur Schmucksteine gewesen sein. Laut Protokoll wurde diese Uhr der ehemaligen Frau des Verunglückten übergeben, da sie die Anfertigung beziehungsweise den Kauf dieses Chronometers bei einer Schweizer Uhrenfabrik belegen konnte.

Meissner hatte es auch sonderbar gefunden, dass Hager in nur zwei Jahren bis auf die kostbare Uhr das ganze ergaunerte Vermögen durchgebracht hatte, etwa achtzig Millionen Schilling. Doch hatte er bei den Verantwortlichen mit seinen Bedenken kein Gehör gefunden. Er hatte allerdings nicht erwähnt, dass die Handlinien des Toten auf einen einfachen und jähzornigen Charakter hinwiesen. Von seinem Interesse an der Handlesekunst wusste niemand.

Jetzt nahm er alle Kraft zusammen und versuchte ruhig zu bleiben.

„Diesen Mann kenne ich, ich habe vor Jahren in seiner Nachbarschaft gewohnt“, meinte er. „Die Villa gehört seiner Frau, durch die Heirat hat er sich nicht nur in ein gemachtes Nest gesetzt, er ist auch zu ihrem schönen Namen gekommen. Vielleicht hat er etwas mit der Baufirma zu tun, die jetzt in der Krottenbachstraße ein Wohnhaus errichtet?“, warf er mit ruhiger Stimme ein. „Ein hintergangener Auftraggeber oder ein betrogener Ehemann könnten ihm damit einen Denkzettel verpasst haben.“

„Ich weiß nicht, ob dieser Baukonzern auch kleine Wohnhäuser errichtet“, sagte Hofer. „Ich fahre gleich zur Baustelle und werde mich informieren.“

„Sie haben mich neugierig gemacht. Ich begleite Sie zum Kran, das liegt auf meinem Heimweg“, sagte Meissner. „Ich bin ja auf Urlaub.“

Beim Verlassen des Kommissariats blickte er in den Garten einer benachbarten Villa. Dieses Gebäude war dem Verfall überlassen, seit die Bundespräsidenten nicht mehr hier residieren wollten. Zwischen den Betonplatten wucherte jetzt Gras, auf den Wegen sah er an einigen Stellen Büsche und aus den Fugen sogar junge Baumtriebe wachsen. Überwachungskameras richteten ihre verschlafenen Augen auf den Gehsteig.

Der Wünschelrutengänger

Während der Fahrt hatte Meissner Zeit, über sich und das heutige Gespräch mit seinem Vorgesetzten nachzudenken. Die Wege der verlassenen Bundespräsidentenvilla hatten begonnen, unter Gras und Gestrüpp zu verschwinden, die Natur wollte sich ihren Platz zurückholen. Er aber fühlte, sobald er daran denken musste, die Wunde und den Schmerz über den Verlust seiner Frau frisch wie am ersten Tag. Sie und seine Tochter waren ihm jene Heimat gewesen, nach der er bereits als Kind so sehnsüchtig und vergeblich gesucht hatte. Ihm war im Verlaufe des Gespräches mit Oberstleutnant Weißenbacher klar geworden, dass er für die Absonderung von seiner Gruppe selbst verantwortlich war. Die Kollegen hatten ihn und sein eigenwilliges Verhalten immer weniger verstehen können und am Ende spürbar abgelehnt. Er hatte sich von ihnen zurückgezogen, um mit seinem Problem alleine sein zu können.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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