Chilischarfes Teufelszeug - Rebecca Promitzer - E-Book

Chilischarfes Teufelszeug E-Book

Rebecca Promitzer

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Beschreibung

Regen, Regen, Regen. Schon am zweiten Tag ihrer Ferien langweilt sich Bea entsetzlich. Zum Glück gibt es Teufelszungen-Chilisoße, Sam - und eine grauenvolle Entdeckung. In einem leerstehenden Haus liegt eine Leiche. Und der fehlt auch noch ein Auge! Das wäre ja schon unheimlich genug. Aber dann fängt Beas Fotoapparat an zu spinnen, ihr kleiner Finger zuckt wie verrückt und bedrohliche Gestalten tauchen plötzlich in der Stadt auf. Für Bea steht fest: Da stimmt was ganz und gar nicht. Gemeinsam mit Sam macht sie sich daran, das Geheimnis zu lüften. Und je näher sie der Wahrheit kommen, desto gefährlicher und ungeheuerlicher wird's ...

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Veröffentlichungsjahr: 2010

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CARLSEN Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.Ein Chicken House-Buch im Carlsen Verlag Die Übersetzung des Shelley-Zitats stammt aus: Mary Shelley, Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Aus dem Englischen von Karl Bruno Leder und Gerd Leetz, © Insel Verlag, Frankfurt am Main 1980 Mit freundlicher Genehmigung des Verlages © der deutschen Erstausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2010 © der englischen Originalausgabe by The Chicken House, 2 Palmer Street, Frome, Somerset, BA11 1DS, 2009 Text © Rebecca Promitzer, 2009 The author has asserted her moral rights. All rights reserved. Originaltitel: The Pickle King Umschlagbild: Oliver Burston Umschlaggestaltung: Ian Butterworth Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier Lektorat: Alexandra Rak Layout und Herstellung: Steffen Meier Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92008-6 Alle Bücher im Internet unterwww.chickenhouse.de und www.carlsen.de

Kapitel 1

In Elbow, der Stadt, in der ich lebe, regnet es den ganzen Sommer über. Es ist kein Regen, durch den man gerne rennt und mit den Füßen platscht. Auch nicht die sanfte und warme Art Regen, bei der ein Regenbogen entsteht. Nein, in Elbow regnet es schweren, dunklen Regen. Regen, der laut prasselt wie Hunderte wütender Finger. Stunde um Stunde trommeln sie auf den Bürgersteig, die Autos und die Schirme der Leute, und die Menschen werden ganz bleich, weil ihre feuchten Gesichter kein Tageslicht zu sehen bekommen, nur Dunkelheit und Nässe. Manche Leute werden verrückt deswegen. Sie rennen im Schlafanzug auf die Straße und schreien: »Aufhören! Aufhören! Ich halte das nicht mehr aus!«

Jeden Sommer ist es dasselbe in Elbow – von Mai bis September regnet es ununterbrochen. Solange ich zurückdenken kann, ist das schon so. Normale Menschen verlassen die Stadt, bevor der Regen einsetzt, und fliegen in sonnige Gebiete wie Florida oder die Fidschis oder nach Europa in die Toskana oder nach St. Tropez. Gehöre ich etwa zu diesen Glücklichen? Verbringe ich jemals einen Sommer mit meinen Eltern am Strand oder auf dem Land? O nein. Bestimmt nicht. Ich bleibe in Elbow im Regen.

Wir haben nicht viel Geld. Dad ist gestorben, als ich neun war, und Mom ist an einem Ort namens St. Agnes, wo sie sich um Leute kümmern, die nicht wissen, was wirklich ist und was nur in ihren Köpfen existiert. Vielleicht ist es in Moms Kopf warm und sonnig – aber ich bezweifle es. Ich glaube, der Regen hat einen Weg hineingefunden und jetzt geht er nicht mehr weg.

Ich lebe mit Bertha zusammen, der besten Freundin meiner Mutter. Nachdem Mom nach St. Agnes musste, ist sie in unser Haus gezogen. Jeder, der sie kennt, nennt sie Big Bertha – aber das ist eine Untertreibung. Sie ist so groß und breit wie ein Haus und warm und weich wie frisch gebackenes Brot. Sie ist nicht oft zu Hause, weil sie Krankenschwester ist und häufig Schichtdienst hat. Manchmal kann sie ganz schön streng mit mir sein, aber ich glaube, sie muss mich irgendwie gernhaben, denn sie macht morgens Pfannkuchen für mich und legt mir kleine Zettel hin, auf denen so Sachen stehen wie: Bitte kauf heute Milch und Eier. Küsschen.

Wie auch immer. In Elbow waren Sommerferien und natürlich goss es in Strömen.

Ich weiß nicht, ob ihr schon mal irgendwo gewesen seid, wo es ein paar Tage lang ohne Unterbrechung – noch nicht mal eine klitzekleine – geregnet hat. Wenn ja, wisst ihr, dass man davon innerlich ganz nervös, irgendwie hibbelig wird. Überall sind Schatten, ein unnatürliches Licht und seltsame Regengeräusche, und man bekommt mit der Zeit das Gefühl, den ganz alltäglichen Dingen um einen herum nicht mehr trauen zu können, den Dingen, die man sonst für selbstverständlich hält. Manchmal scheint es, als wäre das, was man in Horrorfilmen gesehen hat oder in seinen Albträumen, lebendig geworden und echt – und würde einen nie wieder loslassen. Und manchmal ist es, als lebte man unter Wasser und bekäme keine Luft, und man fängt wirklich an zu glauben, dass die Sonne nie wieder scheinen wird. Es tut niemandem gut, den Sommer in Elbow zu verbringen, aber Kinder wie ich müssen trotzdem dableiben: Kinder ohne Geld oder ohne Eltern oder Kinder, denen beides fehlt. Manche von uns haben von dem vielen Regen schon kleine grüne Flecken zwischen den Zehen. Eine Art Schimmel. Bertha sagt, das seien Ansätze von Schwimmhäuten.

Jedes Jahr schickt die Schulsekretärin eine Liste an alle Kinder, die den Sommer über hier festsitzen, die sogenannte Sommerklubliste. Aber es gibt keinen Klub und in Elbow ist kein Sommer, deshalb ist es einfach bloß eine Liste. Auf jeden Fall erwartet die Schule von uns, dass wir uns zusammentun, auch wenn wir gar nicht befreundet sind (das sind wir nie), und die Ferien gemeinsam verbringen. Es ist wie Nachsitzen, nur dass es wochenlang dauert. Wir sollen anschließend Bericht erstatten, was wir zusammen gemacht haben und wie viel Spaß wir miteinander hatten, selbst wenn wir uns dermaßen gelangweilt haben, dass wir uns am liebsten gegenseitig umgebracht hätten.

Ich heiße übrigens Bea. Das ist die Abkürzung von Beatrice, aber so nennt mich kein Mensch. Im November werde ich zwölf.

An diesem Morgen kam ich wie immer in den Ferien zum Frühstück die Treppe hinunter und setzte mich in eine Decke gewickelt und mit einem Teller Pfannkuchen auf den Knien aufs Sofa. Ich streute noch ein bisschen Schweizer Käse auf meinen Pfannkuchen und wollte gerade anfangen zu essen, als ich feststellte, dass ich das Allerwichtigste vergessen hatte. Also ging ich zurück zum Kühlschrank, um das Glas mit Hermans Teufelszungen-Chilisoße zu holen. Das Leckerste auf der ganzen Welt sind Pfannkuchen mit Schweizer Käse und Teufelszungen-Chilisoße.

Die Stadt Elbow ist für zwei Dinge bekannt: für ihr Sommerwetter und für Hermans Teufelszungen-Chilisoße. Hier werden zwar auch noch andere Sachen produziert, wie zum Beispiel Lolas Cola, Berts Bestes Käsegebäck und Pinehills-Honig, aber das weiß kaum jemand, während wirklich jeder schon von der Teufelszungen-Chilisoße gehört hat. Außerhalb von Elbow gibt es eine riesige Soßenfabrik, in der die Chilisoße hergestellt wird, und viele Leute arbeiten dort. Die Fabrik macht Hermans Tomatillo-Chutney – eine süßliche Soße, die manche gerne auf ihren Hamburgern essen; Hermans grobes Siruprelish, das dunkelbraun ist mit kleinen Gemüsewürfeln darin; Hermans original Meerrettichsenf; und meinen Favoriten, Hermans Teufelszungen-Chilisoße (die es in drei Schärfegraden gibt: Locker vom Hocker, Jetzt wird’s heiß und Höllisch scharf ). Auf jedem Glas mit Hermans Soßen ist seitlich ein Foto von Herman, dem Mann, der sie herstellt, und er lächelt ein breites, vergnügtes Lächeln, das einen allein vom Anschauen fröhlich macht. Er hat dunkle blitzende Augen und einen dichten Bart wie ein Pirat.

Die meiste Zeit des Jahres kann man die Gerüche aus Hermans Fabrik riechen – eigenartige Aromen von Zuckerrüben, gekochtem Gemüse und Süßholz. Aber im Sommer kann man nicht so viele Düfte ausmachen, weil der Regen sie erstickt, als würde er eine große nasse Hand über jede Öffnung legen und sie damit abdecken. Im Sommer dominiert der Regen alles und man riecht nur nasse Ausdünstungen von schlammigem Wasser, Feuchtigkeit und die flüssigen Absonderungen vermodernder Dinge.  

Mein Vater brachte mir Hermans Teufelszungen-Chilisoße mit, als ich ungefähr fünf war, und seitdem esse ich sie. Auch als alle vor etwa drei Jahren sagten, Hermans Soßen schmecken nicht mehr so gut, aß ich sie. Aber das war zu der Zeit, als mein Vater starb und ich mich für kaum irgendetwas interessierte. Inzwischen esse ich Teufelszungen-Chilisoße zu allem: auf Sandwiches, zu Rührei, manchmal sogar zu Eis. Ohne sie schmecken die Sachen einfach nicht so gut.

An jenem Morgen also trommelten die langen grünen wütenden Regenfinger auf das Dach und die Mülltonnen. Es war so dunkel wie das dunkelste Grün des tiefsten, finstersten Sees. Bertha war bereits zur Arbeit gegangen, wahrscheinlich in ihrem gelben Regenmantel, ihrem gelben Hut und den grünen Galoschen. Ich hatte noch den Schlafanzug an und guckte Zeichentrickfilme. Ich weiß nicht, ob es an den bunten Farben liegt, an den lustigen Geräuschen, den fröhlichen Gesichtern oder an allem zusammen, auf jeden Fall helfen mir die Zeichentrickfilme, das Wetter auszusperren. Sie versetzen mich in einen regenbogenfarbenen Dämmerzustand, in den man sich gefahrlos flüchten kann. Wenn man nichts findet, womit man sich ablenken könnte, fängt der Regen an, einen schläfrig zu machen. Das ist Mom passiert.

Eigentlich soll ich das nicht, aber wenn Bertha nicht da ist, knipse ich in allen Zimmern das Licht an – und das hilft auch.

Manchmal, wenn sich der schwarze Regenhimmel an das Fenster presst, als wollte er mich verschlucken, helfen allerdings auch die Zeichentrickfilme und die Lichter im Haus nicht. Dann kneife ich die Augen fest zu und versuche mir verzweifelt Sonnenschein vorzustellen: goldene Sonnenstrahlen. Sanftes, warmes gelbes Licht, das zwischen Palmen hindurchscheint.

Mom, Dad und ich waren einmal mit unserem käferförmigen Auto in Florida, wo mir der warme Wind die Haare zerzauste. Als ich in den blauen Himmel hinaufsah, glitzerte das Licht ganz hell zwischen den Bäumen hindurch. Ich musste die Augen zumachen und ließ das Licht nur in kleinen Portionen herein, bis große Sonnenscheinkreise wie dicke Edelsteine auf meinen Wimpern tanzten. Ich erinnere mich gerne an meine lächelnden und goldenen Eltern in der Sonne. Wir waren mal eine richtige Familie. Ich glaube, zu der Zeit waren wir glücklich.

Wenn ich nur hier rauskäme. Raus aus Elbow, raus aus dem Regen und der Dunkelheit. Und sei es nur für einen Tag.

Den ganzen Tag lang musste ich darüber nachdenken, was ich verkaufen könnte, um das Geld für ein Ticket hier raus zusammenzukriegen. Ich besaß lediglich zwei Dinge, die etwas wert waren – allerdings nur für Sammler: meine Kamera und meinen Plattenspieler. Und um nichts in der Welt würde ich meine Kamera verkaufen.

Als Dad gestorben war, verlas ein alter Mann in einem braunen Zimmer seinen letzten Willen. Er sagte: »Dein Vater wollte, dass du seine Kamera bekommst.« Dad war Fotograf und Journalist. Fotojournalist. Er machte Fotos und schrieb dann dazu eine Reportage. Es ist eine alte Kamera und sie ist ziemlich schwer und man muss einen großen rechteckigen Blitz aufstecken, wenn es dunkel ist, aber es ist ein richtig guter Fotoapparat, der großartige Bilder macht.

Und ich liebe meinen Plattenspieler. Er ist groß und alt wie meine Kamera und gehörte meiner Mutter. Abends haben sich meine Eltern immer gegenseitig Lieder vorgespielt, die sie mochten, und ich habe zugehört und manchmal dazu getanzt. Den konnte ich also auch nicht verkaufen.

Was ich wirklich brauchte, war ein Job. Das Problem ist, dass sich im Sommer niemand Zeitungen liefern lässt, weil sie nass werden, es wird nicht im Garten gearbeitet, weil es … ihr habt’s erraten, keine Gärten gibt (obwohl mich Mrs Greenblatt einmal darum gebeten hat, den Schlamm in ihrem Hinterhof umzugraben); Sam hatte bereits den Job in der Spielhalle, und um in einem der Läden arbeiten zu dürfen, muss man schon fünfzehn sein. Es gibt einfach so gut wie keine Jobs für (beinahe) Zwölfjährige.

Ich nahm mir fest vor, nach den Sommerferien eine Menge Jobs zu übernehmen. Ich würde Rasen mähen und Autos waschen. Solange das Wetter gut war, würde ich hart arbeiten, das Geld sparen und dann aus Elbow rauskommen. Irgendwohin, wo es sonnig war, in eine Gegend wie Florida.

Meine Augen starrten immer noch auf die lebhaften Figuren, die vor mir im Fernsehen herumtanzten und -sprangen, aber mein Gehirn nahm sie schon seit Stunden nicht mehr wahr. Als Bertha von der Arbeit kam, befand ich mich in einer Art glücklicher Trance, halb schlafend und halb wach.

»Du siehst aus wie ein Zombie!«, sagte sie, als sie ihren massigen, tropfenden Körper durch die Haustür schob. Es war ungefähr halb elf und ihre Schicht im Krankenhaus war zu Ende. (Bertha ist als Krankenschwester auf sehr alte Leute spezialisiert. »Geriatrie« heißt das Spezialgebiet. Bertha sagt, dass die Leute im Alter wieder wie Kinder werden. Sie brauchen Hilfe beim Essen, Laufen, Aufstehen, Hinsetzen und sogar, um aufs Klo zu gehen.)

Bertha zog ihren Regenmantel aus und schlang ihre massigen Arme um einen Stapel Prospekte, den sie ins Wohnzimmer brachte. Er landete mit einem lauten Knall neben mir auf dem Boden und mein Herz machte plötzlich einen Satz vor Freude. Es waren Reiseprospekte. Ich streckte den Arm aus und nahm einen vom Stapel. Auf dem Bild auf der Vorderseite war so viel Meer zu sehen, dass die ganze Seite blau war. Sie war so blau, dass ich das Gefühl hatte, bereits in diesem warmen, durchsichtigen blauen Meer zu schwimmen und die Sonne im Gesicht zu spüren.

»Freu dich nicht zu früh«, rief Bertha aus der Küche. Manchmal schien Bertha ihre Augen bei mir im Zimmer zu lassen. »Die sind nicht für uns. Die sind für die Patienten zum Ausschneiden und Aufkleben. Davon sollen sie sich besser fühlen.«

»Kann ich einen behalten? Nur zum Angucken?«, fragte ich und spürte, wie meine warmen Fingerspitzen an dem glänzenden Titelbild kleben blieben.

»Jetzt mach mir bloß kein schlechtes Gewissen – du weißt, dass wir es uns nicht leisten können, in die Sonne zu fahren. Aber ich habe dir doch versprochen, dass ich mir an Thanksgiving ein paar Tage freinehme und wir mit dem Bus zu meinem Vater fahren, wenn du brav bist.«

Bertha stand einen Moment da und wartete darauf, dass ich »Toll« sagen würde oder »Das wär schön«. Und ich versuchte zu lächeln, aber es gelang mir nicht so richtig. Ich musste sofort hier raus! Aber Bertha bemerkte es nicht; sie war auf dem Sofa gelandet und mit ihm verschmolzen.

Bertha hatte die Füße hochgelegt, ein Fertiggericht lag auf ihrer Brust, und sie hatte zu ihrer Lieblingsquizshow umgeschaltet, in der Leute Häuser, Autos, Küchen und Reisen in die Sonne gewinnen konnten. Die Sendung mit der Frau mit den zu weißen Zähnen und den Kandidaten, die immer stärker schwitzten, je näher sie dem Gewinn kamen, gefiel mir nicht, aber es gefiel mir, mich an Bertha zu schmiegen, die massig und warm und weich war. Manchmal legte sie in den Werbepausen den Arm um mich und drückte mich kurz.

Ich lag neben Bertha gekuschelt da, sah mir meinen Prospekt mit verschiedenen Ozeanen und Stränden an und ließ das Summen und den Jubel der Quizshow an mir abprallen. Als ich vor mich hin döste und von Sonnenschein und Ozeanen in hundert verschiedenen Blautönen träumte, nahm ich das Geräusch des Regens zum ersten Mal kaum wahr.

Kapitel 2

An diesem Abend nahm ich die Prospekte mit ins Bett und beim Aufwachen klebte mein Gesicht an einer der Hochglanzseiten. Als ich die Augen aufschlug, neigte sich eine riesige glänzende Palme über meine Stirn und die dunkelblauen Wellen des Meeres schlugen sanft an mein Kinn.

Nachdem ich die Tropenkulisse von meinem Gesicht abgezogen hatte, ging ich mit dem Prospekt nach unten, um zu frühstücken.

Ich streute Schweizer Käse auf meine Pfannkuchen und fügte einen extragroßen Löffel Hermans Teufelszungen-Chilisoße hinzu. Nach dem ersten Pfannkuchen hatte ich Europa, Asien und Südamerika bereits zum zweiten Mal durchquert. Ich war nicht wirklich an den Gegenden interessiert, ich wollte mir nur die Strände angucken. Ich verglich verschiedene Ozeane miteinander, um das glitzerndste, türkisfarbenste Meer zu finden. Ich stellte mir vor, wie meine nackten, sonnengebräunten Füße in unterschiedlichen Sand einsanken, und spürte seine trockene Wärme zwischen meinen Zehen. Der Anblick des wirklich unglaublich weißen Sands gefiel mir.

Für meinen zweiten Pfannkuchen musste ich ein neues Glas Teufelszungen-Chilisoße aufmachen und da sah ich die Anzeige. Wie üblich klebte Hermans Bild auf dem Glas direkt neben dem Versprechen, dass die Soße nach einem Rezept seiner Großmutter hausgemacht war, aber diesmal befand sich auf der anderen Hälfte des Etiketts das Bild eines orangefarbenen Sonnenuntergangs hinter Palmen und einem Strand. Darunter stand: Fotowettbewerb. Reise nach Florida zu gewinnen.

In meinem Magen prickelte es plötzlich – und das lag nicht an der Chilisoße. Mein ganzer Körper wurde lebendig, als stünde er unter Strom, und mein Herz begann in meiner Brust zu hämmern, als wäre dort jemand eingeschlossen und versuchte sich zu befreien.

Ich bin gemeint!, dachte ich.

Es kam mir so perfekt vor, dass ich mich sogar in der Küche umblickte, um zu sehen, ob mir irgendjemand einen Streich spielte. Ich fuhr mit dem Finger über das Etikett und hielt es dann unter die Glühbirne. Es war echt. Dort stand, gesucht würde ein »originelles Bild zum Thema Familie«, weil »Hermans Soßen nach traditionellen Familienrezepten hergestellt werden«. Dort stand, gesucht würden Bilder von »Menschen aus Elbow«.

Ich hatte eine Kamera und war ziemlich gut im Fotografieren. Je mehr ich darüber nachdachte, desto aufgeregter wurde ich. Es war, als würden Chinakracher in meinem Bauch gezündet.

Wenn ich meine Kamera, die ziemlich schwer ist, in der Hand halte, stelle ich mir vor, wie mein Vater sie in seinen viel größeren Händen gehalten hat, und habe das Gefühl, er würde noch leben. Und wenn ich durch den Sucher sehe, ist es, als blickte er mit mir hindurch. Durch den Sucher einer Kamera sehen die Dinge anders aus, als gehörten sie in eine andere Welt. Ich sah oft hindurch, dann sah ich das wirkliche Objekt an und dann wieder durch die Kamera, um herauszufinden, was damit passierte und was das alles zu bedeuten hatte. »Die Kamera verändert die Dinge«, sagte Dad immer, »das ist wie Zauberei.« Und er hatte Recht.

Ich wollte keine Zeit verlieren. Ich musste ein gutes Foto machen. Eins, das gut genug war, um damit den Wettbewerb zu gewinnen. Es war dermaßen dunkel und nass draußen, dass es unmöglich war, einfach so Leute, die auf dem Bürgersteig vorbeigingen, zu knipsen. Ich musste ein paar Leute fragen, ob ich sie fotografieren durfte.

Ich war sicher, dass ich diesen Fotowettbewerb gewinnen würde. Den Wettbewerb gewinnen und aus Elbow rauskommen. Diesen Sommer würde ich es wirklich schaffen. Und ich würde nach Florida fahren – in den Sonnenstaat –, genau an den Ort, von dem ich geträumt hatte. An den Ort, wo ich als kleines Kind mit meinen Eltern gewesen war. An den wärmsten, sonnigsten, traumhaftesten Ort der Welt. Diese exotischen weißen Strände und tropischen türkisblauen Meere in dem Prospekt waren mir egal, die sahen bestimmt nicht so aus. Ich würde nach Florida fahren. Flo-ri-da. FLORIDA!

Kapitel 3

Wegen dem Fernseher und dem Lärm, den der Regen machte, hörte ich die Türklingel erst nicht. Dann ließ sie sich nicht länger ignorieren. Ich warf einen Blick über die Rückenlehne des Sofas, und durch die Buntglasscheibe in der Tür sah ich eine verschwommene Version von Sam, der seinen alten blauen Regenhut über ein Auge gezogen hatte.

»Hau ab!«, rief ich aus dem Flur. »Wir sind nicht zu Hause!«

»Wie kommt es dann, dass alle Lichter brennen?«, brüllte er zurück. »Mach die Tür auf – oder ich fange an zu schrumpfen!«

Sams Dad saß immer mal wieder im Gefängnis und seine Mutter kam nur nach Hause, wenn ihr das Geld zum Trinken ausgegangen war. Sam war die Art von Kind, die alle Eltern meinen, wenn sie von »schlechtem Umgang« sprechen. Sein älterer Bruder Jed sollte sich eigentlich um ihn kümmern, aber er hatte andere Vorstellungen, und gemein zu Sam zu sein war so etwas wie ein Sport für ihn.

Manchmal war Sam ganz schön nervig – vor allem, weil er ständig rüberkam und mich beim Zeichentrickfilmegucken störte –, aber er konnte auch witzig sein und hielt sich ungern an Regeln, was die Dinge mit ihm ein bisschen interessanter machte.

Ich öffnete die Haustür einen Spaltbreit. Sam drängelte sich rein und ging ins Wohnzimmer, wobei er eine Spur aus schlammigem Wasser hinterließ. Ihm folgte Jellybean, sein Hund, der eine noch schlammigere Spur hinterließ, bevor er sein nasses Fell auf dem Teppich schüttelte und fröhlich schwanzwedelnd aufs Sofa sprang. Bertha würde garantiert schimpfen. Ich musste sauber machen, bevor sie nach Hause kam.

Sam setzte sich neben mich aufs Sofa, strich sich ein paar Strähnen seines sandfarbenen Haars aus den Augen und legte seine stinkenden nassen Turnschuhe auf den Couchtisch. Jellybean, der größer war als Sam, kletterte auf ihn und begann sein Gesicht mit warmen Küssen zu bedecken.

»Runter mit dir, Junge«, sagte Sam und schubste ihn auf den Boden.

»Hast du die Liste bekommen?«, fragte ich Sam.

»Welche Liste?« Aber er wusste natürlich, wovon ich sprach.

Meine hing am Kühlschrank. Auf der Sommerklubliste standen die Namen aller Kinder aus unserer Klasse, die hier festsaßen. Wir wussten, dass wir sie früher oder später anrufen mussten, aber wir versuchten es immer so lange wie möglich rauszuzögern. Letztes Jahr hatten Sam und ich uns einen Namen für diese Liste ausgedacht. Weil wir in gewisser Weise hier in Elbow eingesperrt waren, beschlossen wir, uns Die Verurteilten der Regenstadt zu nennen.

Sam machte den Zeichentrickfilm aus, den ich gerade sah. Die Geräusche und Farben wurden zu einem winzigen Punkt, bevor sie ganz verschwanden. Der Fernseher war schon älter als ich, und Sam war einer der wenigen, die sich nicht darüber lustig machten.

Offenbar hatte Sam an diesem Tag nicht wirklich etwas vor, er wollte mir einfach nur ein bisschen auf die Nerven gehen. Zumindest, bis er einen von Berthas Reiseprospekten aufhob und ihn durchblätterte.

Sam runzelte die Stirn. Er fragte sich wohl, ob wir plötzlich doch Geld hatten, um in Urlaub zu fahren. Ich sah, wie er die Kamera meines Vaters bemerkte, die auf einer Ecke des Etiketts lag, das ich von der Teufelszungen-Chilisoße abgezogen hatte. Reise nach Florida zu gewinnen!, verkündete es Sam. Er sah zu mir herüber und zu der Notiz, die ich mir gerade machte: Leute, die ich fotografieren will – Mitzy, Pete, DW. Ein finsterer Gedanke huschte über Sams Gesicht und er kniff leicht die Augen zusammen.

Einen Augenblick später wurde er hibbelig, als wollte er nicht einfach nur herumhängen, sondern hätte plötzlich etwas Dringendes zu erledigen, und wenn er das jetzt nicht sofort machte, würde er es nie tun.

»Los, komm! Lass uns gehen – ich muss dir was zeigen!«, sagte Sam und zupfte mich am Ärmel meines Sweatshirts. »Nimm deine Kamera mit!«

»Aber ich habe zu tun. Du willst nur wieder, dass ich Boyd Applebaums Hintern fotografiere oder sonst irgend so ’nen Quatsch.«

Er warf mir einen Blick zu, als wollte er sagen: Sehe ich etwa so aus, als wäre ich dafür in Stimmung?

»Ich kann nicht im Regen fotografieren«, sagte ich.

Sam blickte über die Schulter, als wir in die Dunkelheit hinaustraten. »Das macht nichts. Dort, wo wir hingehen, regnet es nicht übermäßig.«

Es war ein weiter Weg. Auf den steilen Straßen spiegelten sich die Lichter aus den Geschäften in hellen, glänzenden Streifen, und der Regen prasselte laut auf den Bürgersteig und die geparkten Autos. Lastwagen und Autos, deren Scheibenwischer energisch hin- und herzuckten, rauschten in vollem Tempo an uns vorbei und spritzten uns noch nasser. Jellybean schien der Regen nichts auszumachen, er wedelte bloß mit dem Schwanz und streckte seine dampfende rosa Zunge seitlich heraus, um die Tropfen aufzufangen.

»Wo gehen wir hin?«, rief ich.

Ein Lastwagen donnerte vorbei.

»Was?«, brüllte Sam.

Es war schwierig, sich beim Gehen zu unterhalten, also redeten wir nicht viel.

Als wir das Krankenhaus und das Einkaufszentrum hinter uns gelassen und schon fast den Rand des Pinehills-Waldes erreicht hatten, blieben wir vor einem baufälligen alten Haus stehen. Sam ging geradewegs hinein, als gehörte es ihm. Ich wollte rufen: »He! Was tust du da?«, aber wir waren bereits drin. Und da passierte es. Mein Finger legte los.

Der kleine Finger meiner linken Hand hat diese komische Eigenschaft. Er kribbelt immer, wenn irgendetwas los ist, wenn irgendetwas nicht stimmt. Und eigentlich sollte ich dann denken: Das gibt Ärger – nichts wie weg hier.

Wer auch immer in diesem Haus wohnte, hatte es nicht besonders gut gepflegt. Es stank nach verdorbenem Essen und irgendetwas Stechendem wie altem Pipi, und durchs Dach regnete es rein.

»Hier unten ist es!« Sams Stimme hallte durch das feuchte Haus.

Ich war nicht sicher, ob ich wirklich wissen wollte, was »es« war. Einem Teil von mir war bereits übel, aber ein anderer Teil – der neugierige Teil, der Teil, der mich immer in Schwierigkeiten bringt – wollte es herausfinden.

Sam stand in etwas, das mal ein nettes, großzügiges Wohnzimmer gewesen sein musste, und leuchtete mit seiner Taschenlampe durch ein großes Loch in den Dielenbrettern. Erst konnte ich nicht viel erkennen. Da unten war eine Menge stinkendes Wasser, wie ein großer Swimmingpool, in dem Haushaltsgeräte herumschwammen. Dann sah ich einen Stiefel und dann einen Fuß ohne Stiefel. Das stiefellose Bein war verdreht. Ich kann mich erinnern, dass ich dachte, wie weiß doch dieser Fuß wirkte, der aus dem schwarzgrünen Wasser ragte.

»Wir sollten nicht hier sein«, sagte ich etwas leiser, als ich wollte.

»Sieh dir sein Gesicht an! Sein Genick muss gebrochen sein«, rief Sam, und bevor ich weggucken konnte, leuchtete der gelbe Strahl seiner Taschenlampe das Gesicht des Mannes von der Seite an.

Es war, als verlangsamte sich genau in diesem Moment die Zeit. Selbst heute, wenn ich ganz andere Dinge mache, sehe ich dieses Gesicht immer noch vor mir. Sein Mund stand weit offen, als tränke er von dem dreckigen Wasser und könnte nicht genug davon bekommen, und eins seiner Augen blickte zu mir auf. Es war dunkel, hatte aber einen milchig blauen, glasigen Ausdruck wie ein gekochtes Fischauge.

»Er ist tot!«, rief Sam und unterbrach damit meine Gedanken.

Ich wurde mir plötzlich meiner selbst bewusst, eine kleine Gestalt in diesem unheimlichen Haus, in dem ich nichts zu suchen hatte. Ich wollte etwas sagen, bekam aber keinen Ton heraus.

»Eine echte Leiche.« Sam tat so cool, aber ich sah das Entsetzen in seinem Gesicht und noch etwas anderes in seinen Augen, etwas Trauriges.

Sam richtete einen Besenstiel auf den Rücken des Mannes.

»Was tust du da?«, rief ich.

Aber er achtete nicht auf mich und stupste die unförmige Masse dort unten an.

Die Bewegung schlug Wellen in der tiefen trüben Brühe und die Leiche drehte sich und stieg auf. Ihr offen stehender Mund hob sich aus dem Wasser und schien nach Luft zu schnappen. Dann sahen wir das zweite Auge. Es war nicht bläulich weiß wie das andere. Es war überhaupt nicht da. Dort, wo das Auge einmal gewesen war, war ein düsteres Loch.

»Los, mach das Foto!«, befahl Sam und sah sich ängstlich um, als erwartete er, dass jeden Moment jemand auftauchen würde.

Und plötzlich war ich ganz ruhig. Ich hatte etwas zu erledigen. Ich dachte an meinen Vater, der Dinge fotografiert hatte, von denen die Leute nichts wissen wollten, Dinge, die sie lieber vergessen hätten, Dinge, die eigentlich geheim bleiben sollten.

Ich hob die Kamera ans Gesicht. Der Mann sah anders aus durch den Sucher – irgendwie weniger unheimlich, weniger traurig und weniger wirklich.

Ich machte ein paar Bilder aus verschiedenen Perspektiven und dann ein paar Nahaufnahmen seines angeschwollenen Gesichts.

Als ich das bleiche, schaukelnde Gesicht mit dem offen stehenden Mund und dem Loch als Auge scharf stellte, passierte etwas wirklich Seltsames.

»Hast du das gehört?«, fragte ich Sam.

»Nein. Was denn?«, fragte er und sah sich um. Er durchsuchte gerade eine alte, umgeworfene Kommode und verstreute feuchtes Papier auf den dreckigen Dielen.

Das Geräusch, das ich gehört hatte, war eine Art leises, hauchendes Stöhnen, wie ein Windstoß, der durch den Toten hindurch- und aus seinem Mund und dem fehlenden Auge hinauswehte. Meine Haut prickelte überall und war plötzlich eiskalt und mein kleiner Finger begann stärker zu summen, zu zappeln und zu zucken als je zuvor. Ich drückte fest auf den silbernen Auslöser meiner Kamera und machte das Foto.

Der ganze Raum wurde vom Licht der Kamera erhellt, als schlüge ein lautloser Blitz ein. Ich hörte, wie sich die Blende öffnete, und dann eine lange Pause. Schließlich klickte die sich schließende Blende.

In dem Augenblick, als ich das Bild eingefangen hatte, bebte die Kamera – nur ganz leicht, aber sie bebte, und zwar von innen heraus.

»Was ist das?« Sams Augen glitzerten in der Dunkelheit und ich konnte die Angst darin erkennen.

»Ich weiß es nicht«, krächzte ich.

Ich hielt die Kamera immer noch in der Hand und spürte das Beben erneut. Mein Herz fing so heftig zu hämmern an, dass es mir Angst machte. Dann waren Schreie von draußen zu hören und eine Stimme, die rief: »Was macht ihr Kinder da drinnen?!«

Und Jellybean bellte.

Sam schoss zum Hinterausgang hinaus.

»Warte!« Ich jagte hinter ihm her.

Ich rannte und folgte Sam, der in rasendem Tempo den schlammigen Weg entlang hinter den großen dunklen Bäumen verschwand. Ich rutschte aus, rappelte mich aber wieder auf, das Blut pulsierte durch meinen Körper; das Gesicht des toten Mannes blitzte so kalt und klar wie ein Polizeifoto immer wieder in meinem Kopf auf.

Im Schein der hellgelben Beleuchtung, die aus einem Lebensmittelgeschäft drang, fühlten wir uns sicher. Wir sahen, wie die Lichter im Haus auf dem Hügel angingen, und beobachteten, wie die Polizeiautos und ein Krankenwagen eintrafen. Sam und ich sahen uns an. Ich konnte erkennen, dass er genauso aufgewühlt war wie ich, aber er versuchte cool zu sein.

»Willst du ’ne Limo?«, fragte er.

»Klar«, sagte ich, als wäre nichts geschehen.

Aber wir wussten beide, dass sehr wohl etwas geschehen war, und der Beweis dafür steckte in der Kamera, die mir um den Hals hing.

Kapitel 4

In jener Nacht konnte ich nicht schlafen, egal, wie sehr ich es versuchte. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, tauchte das bleiche Gesicht des toten Mannes plötzlich mit einer Drehung aus dem dreckigen Becken auf und starrte mich mit seinem Fischauge an. Sein offener Mund und die leere Augenhöhle kamen immer näher und stießen dieses seltsame Stöhnen aus, das ich gehört hatte, kurz bevor meine Kamera gebebt hatte. Ich wollte dieses Bild aus meinem Kopf vertreiben, aber es war zu spät.

Also setzte ich mich im Bett auf und sah zu, wie Bäche aus silbernen Regentropfen an meinem Fenster hinabliefen und zu kleinen Flüssen wurden. Sobald das ganze Fenster überflutet war, begannen sich kleinere Regenspuren zu bilden und das Ganze fing wieder von vorne an. Die eigenartige, sich wandelnde Regenlandkarte am Fenster wirkte wie eine Szene aus einem schrägen Film, der direkt auf meine Zimmerwand projiziert wurde. Die wässrige Szene spielte auf der Wand und all den Dingen, die dort hängen, wie zum Beispiel meine samtige rote Pinnwand, die von Fotos bedeckt ist. Es gibt ein Foto, das ich von Mom und Dad gemacht habe, als Dad noch lebte und Mom noch nicht verrückt war. Die Schatten der Regentropfen rannen über ihre Gesichter und es sah aus, als weinte das Foto.

Es war ganz schön schwer, einerseits noch ein Kind zu sein und sich andererseits schon erwachsen zu fühlen, dachte ich. Woher sollte man wissen, was man denken und fühlen durfte und was nicht? Woher sollte man wissen, wann es in Ordnung war, Angst zu haben, und wann man hart sein musste? Ich wünschte, ich wäre noch ein kleines Kind, dann hätte ich mich einfach zu Bertha ins Bett gekuschelt und mich geborgen gefühlt.

Ich legte mich wieder hin und sah zum Dachfenster mit dem kaputten Rollo hinauf. Jedes Mal, wenn meine Augenlider zufallen wollten, zwang ich mich, sie wieder zu öffnen. Ich wollte mir nicht vorstellen, dass sich der Arm des Toten meinem Bett näherte. Ich deckte meine Schultern, Arme und Füße zu, so dass nur noch mein Gesicht hervorsah.

Der Wind heulte und dicke schwarze Wolken rasten vorbei. Der Regen malte jetzt andere Muster auf das Dachfenster, Kreise diesmal; kreisförmige Abdrücke der Regenfingerspitzen, die trommelten und eine nach der anderen fest gegen die Scheibe drückten. Es war, als würden sie sagen: Lass uns rein! Lass uns rein! Früher oder später kommen wir sowieso rein!

Irgendwann mitten in der Nacht schlief ich ein. Es war kein erholsamer, warmer, sicherer Schlaf. Es war ein schwerer, dunkler, ungesunder Schlaf und ich wusste, das hatte damit zu tun, dass ich in dem Haus gewesen war, wo ich den toten Mann gesehen und die Fotos gemacht hatte.

In dieser Nacht träumte ich, dass der Regen hereinkam.

Er brach durch die Scheibe des Dachfensters. Eine Flutwelle aus trüben grünen Fingern stürzte auf mich herab und das Gewicht des Wassers raubte mir den Atem. Die Regenfinger krochen über mein Gesicht und meinen Körper und leckten an mir wie böse Zungen.

Sie bewegten sich auf meinem Gesicht hin und her und webten ein tödliches Tuch über meinen Augen und meinem Mund. Ich drehte mich um und versuchte mit aller Kraft zu entkommen, sank aber nur immer tiefer. Dann sah ich, dass ich direkt auf dem toten Mann lag. Als ich um mich schlug und verzweifelt versuchte dort wegzukommen, durchstießen meine Finger sein wasserweiches Gesicht und dann wurde alles schwarz.

Als ich aufwachte, schwitzte und keuchte ich, als hätte ich gerade ein Wettrennen hinter mir. Und in gewisser Weise war es ja auch so, ein Wettrennen gegen den Regen und ein Wettrennen gegen den Toten, der in meinem Kopf hauste.

Kapitel 5

Am nächsten Morgen brannten und juckten meine Augen, weil ich nicht geschlafen hatte, und es fiel mir schwer, meine Pfannkuchen zu schlucken, weil mein Hals geschwollen war. Ich löffelte extra große Portionen Teufelszungen-Chilisoße darauf, damit sie saftiger wurden, und aß sie langsam, wobei ich den cremigen Käse zusammen mit dem würzigen Aroma der Chilisoße genoss.

Während ich den fröhlichen Figuren in den Zeichentrickfilmen zusah, versuchte ich verbissen, meine Kamera zu ignorieren, die an Berthas Schreibtischstuhl hing. Je stärker ich versuchte sie zu ignorieren, umso mehr störte mich ihr dunkler, schattiger Umriss in meinem Augenwinkel. Irgendwann wurden davon sogar die Zeichentrickfilme unheimlich.

Was, wenn ein Teil des toten Mannes in meine Kamera geschlüpft war, als sie so gebebt hatte? Was, wenn er jetzt darin wohnte, hin und her schwappte und durch seinen Mund und die Augenhöhle von dem modrigen grünen Wasser trank? Ich schauderte, als ich daran dachte.

Ich kaute immer noch an meinem Pfannkuchen, als ich die Kamera nahm und zur Dunkelkammer meines Vaters im Keller hinunterging. Er hatte den Raum selbst eingerichtet und ich konnte mich an den Geruch der Chemikalien erinnern, die er zum Entwickeln benutzt hatte, und an sein fröhliches Gesicht, das durch die neblige, stark riechende Luft blickte. Er ließ mich dabei zusehen, wie er ein Foto vorsichtig in der Flüssigkeit hin und her bewegte, bis wie durch Zauberei ein Bild auftauchte, bevor es dunkler und dunkler wurde. Damals machte mir der Sommerregen nichts aus. Wir waren zu beschäftigt damit, Spaß zu haben, während wir zusahen, welche Bilder im Glanz der rubinroten Lampe zum Vorschein kamen. An der Wand hingen immer noch einige seiner Fotos: ein paar Bilder von mir als Kleinkind und eins von mir als Baby auf Moms Arm – sie blickt zu Dad auf, mit schläfrigen Augen und einem wunderschönen, liebenswürdigen Lächeln.

Ich legte die Kamera auf die Arbeitsfläche, aber irgendetwas in mir wollte diesen Film nicht entwickeln. Wenn ich daran dachte, wurde mir übel. Vielleicht sollte ich ihn einfach wegwerfen und vergessen, dass ich diese Fotos überhaupt gemacht hatte, vergessen, dass ich jemals in diesem Haus gewesen war. Außerdem würde Bertha früh nach Hause kommen, weil wir Mom besuchen wollten. Die Fotos von dem Toten mussten also ohnehin warten.

Bertha und ich gingen einmal im Monat zu Mom, aber ich hasste diese Besuche. Mom saß einfach nur in einem Sessel und starrte ins Leere oder geisterte herum wie ein Gespenst. Meistens zieht sie sich gar nicht an, sondern trägt nur ihr Nachthemd, das vorne mit Essen bekleckert ist. Sie erkennt mich nicht mehr, weshalb mir nicht klar ist, was das überhaupt soll.

»Innerlich weiß sie, wer du bist, sie kann es dir nur nicht zeigen«, sagte Bertha, während sie ihren gelben Regenhut absetzte und den Motor anließ. Ich wischte mit meinem Ärmel über das Fenster und sah mein Spiegelbild vor dem schwarzen Regen. »Ich fahre nicht los, bevor du dein Gute-Laune-Gesicht aufgesetzt hast!«

Ich verdrehte die Augen. Warum konnte sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich ließ ein breites, strahlendes Grinsen sehen, genau wie die Frau mit den blendenden weißen Zähnen in Berthas Lieblingssendung.

»Schon besser. War doch gar nicht so schwer, oder?« Sie holte eine große braune Papiertüte vom Rücksitz und ließ sie in meinen Schoß fallen. »Ich habe ein paar Sachen besorgt, die du deiner Mutter mitbringen kannst. Ein bisschen was zum Knabbern, Blumen, ein paar Schlafanzüge und eine Bürste. Ich hab mir gedacht, es wäre schön für sie, wenn du ihr die Haare bürstest.«

Mir fiel wieder ein, dass Moms Haare bei unserem letzten Besuch hinten hochgestanden hatten, als wäre sie in einen kleinen Tornado geraten.

St. Agnes liegt in der Altstadt von Elbow in einem großen Garten. Es muss früher mal ein elegantes Haus gewesen sein und es ist immer noch wirklich schön dort, auch wenn das Haus einen neuen Anstrich gebrauchen könnte. Nicht, dass die Leute, die dort leben, den Unterschied bemerken würden. Bertha hat mir erzählt, es sei vor über zweihundert Jahren von einer reichen Familie mit einem komischen Namen gebaut worden: Feverspeare. Anscheinend werden die Leute schon seit ganz schön langer Zeit verrückt.

»Sie ist im Aufenthaltsraum«, sagte die Krankenschwester und führte uns einen quietschenden Flur entlang. Ich konnte Berthas Schuhe auf dem Fußboden hören, das Geräusch ihrer Beine, die an ihrer Regenhose rieben, und ich spürte mein Herz bis in meinen Bauch schlagen. Jedes Mal, wenn ich Mom besuchen ging, dachte ein Teil von mir, sie sei vielleicht gestorben. Dad war ja schon weg – er hatte ziemlich viel getrunken und eines Nachts war es einfach zu viel gewesen und er war in der Kälte eingeschlafen. Er hatte uns verlassen, ohne sich zu verabschieden, was sollte also Mom davon abhalten, ganz wegzudämmern?

Ich versuchte nicht daran zu denken, dass das mit Mom passieren könnte. Obwohl die Mutter, die ich kannte, irgendwie bereits gestorben war, denn die Frau, neben der wir jetzt saßen, sah nur aus wie Mom. Von den Dingen, die sie zu meiner Mutter machten, war nichts mehr da.

Die Mom, die ich kannte, ging mit mir mitten in der Nacht im Wald Schlitten fahren und deckte mich zu, wenn ich im Bett lag. Sie war die Mom, die mir Schwimmen und Fahrradfahren beibrachte, die mir lustige Kuchen in Form von Köpfen berühmter Leute zum Geburtstag backte. Und sie war die Mom, die Brad Adams zur Stadt hinausjagte, als er mich an dem Tag, als ich im Mantel meines Vaters zur Schule gegangen war, verprügeln wollte. Eins war sicher: Meine Mutter – die Mutter, die ich liebte – hatte mich schon vor langer Zeit verlassen.

»Bea hat gesagt, sie würde dir gerne die Haare bürsten.« Bertha lächelte mich an und reichte mir die kleine rote Bürste. Es war eine Kinderbürste und ich kam mir blöd vor, aber ich strich damit ein paarmal sanft über Moms Haare, während sie einfach geradeaus starrte, als sei sie ganz weit weg. Bertha musste Mom den Mund mit einem Taschentuch abwischen, weil ihr noch ein orangefarbener Essensrest im Mundwinkel klebte. Es sah aus wie Tomatensuppe.

Draußen pladderte heftig der Regen, hämmerte auf das Dach und trommelte gegen die hohen kalten Fenster, aber den meisten Leuten im Raum schien das nichts auszumachen. Es war, als hätte jemand ihre Batterien herausgenommen. Sam sagt, das liegt an den Tabletten, die sie bekommen.

Als ich Moms lange braune Haare gebürstet hatte, strich ich sie mit den Händen glatt, flocht sie zu einem lockeren Zopf und gab Bertha die Bürste zurück. Ich war überhaupt nicht auf die Idee gekommen, Mom für den Fotowettbewerb zu fotografieren, und einen Augenblick lang hatte ich Schuldgefühle.

»War das nicht schön?«, fragte Bertha, während sie die Bürste wieder in die Tasche steckte, aber Moms braune Augen waren leer. Ich wünschte, sie könnte mir die Haare bürsten oder mich auch nur umarmen, aber es war dumm, sich das zu wünschen, weil es nicht passieren würde.

Als es Zeit war zu gehen, blieb ich einen Augenblick in der Tür stehen und sah zu Mom zurück. Sie hatte sich nicht gerührt; sie saß immer noch genauso da und starrte ins Leere.

Gerade, als ich mich umdrehte, meinte ich jedoch aus den Augenwinkeln zu sehen, wie ihre Hand langsam nach dem Zopf griff und ihn einen Augenblick lang vorsichtig festhielt, bevor sie ihn wieder losließ. Aber vielleicht war das auch nur Wunschdenken, wie Bertha sagen würde.

Ich folgte Bertha durch den langen Flur und sah noch andere schweigende gespensterartige Leute, die zusammengesunken in Sesseln saßen oder einfach dastanden und ins Leere starrten.

Bertha ging an der Tür eines Einzelzimmers auf einmal langsamer. In dem Zimmer saß eine magere Frau mit strubbeligen Haaren auf ihrem Bett und nickte vor sich hin. Ihre Plüschhausschuhe waren viel zu groß für ihre Füße. »Auch so eine tragische Geschichte«, flüsterte Bertha. »Das ist Lola. Ihr gehörte die Limonadenfabrik, weißt du, Lolas Cola. Sie hatte alles. Und jetzt sieh sie dir an.«

Wir gingen weiter, an anderen Leuten in anderen Zimmern vorbei. Sie schienen erstarrt zu sein, als stünden sie unter einer Art bösem Zauber. Jeden Monat schien es schlimmer zu werden. Es musste am Regen liegen; irgendwann kriegte er jeden.

Kapitel 6

Auf dem Nachhauseweg sah ich den Scheibenwischern dabei zu, wie sie zisch und klick machten, zisch und klick. Sie waren wie die Zeiger an einer bösartigen, unheimlichen Uhr. Und sie ließen mich wissen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich so endete wie Mom, wenn ich weiter hier im Regen blieb.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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