Christkindles-Blues (eBook) -  - E-Book

Christkindles-Blues (eBook) E-Book

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Beschreibung

Welches Geheimnis hütet die Meerjungfrau von Heiligenstadt? Ist Forchheim das Bethlehem des Nordens? Kehrt John Lennon an Heiligabend in Nürnberg wieder? Es kann kein Zufall sein, dass sich das Christkind für seinen weltberühmten Markt ausgerechnet die Stadt an der Pegnitz ausgesucht hat. Franken im Advent inspiriert zu einer Suche nach dem Weihnachtszauber der Kindheit – gleichzeitig zu einem etwas ironischeren Blick auf die Zeit zwischen Bratwurstständen und Glühweinbuden. So versammelt dieses Lesebuch denn auch ganz unterschiedliche Texte rund um "das Fest der Liebe": Originalbeiträge und Wiederentdeckungen, Poesie und Prosa, Dialekt und Hochsprache – in schönstem Weihnachtsdurcheinander. Mit Beiträgen von Jean Paul, E. T. A. Hoffmann, Friedrich Rückert, Wolfgang Koeppen, Karlheinz Deschner, Klaus Schamberger, Fitzgerald Kusz, Ludwig Fels, Bernd Regenauer, Helmut Haberkamm u. v. m.

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Christ

kindles

BLUES

 

 

Fränkische Geschichten

und Gedichte zum Fest

 

Herausgegeben von Norbert Treuheit

 

 

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage November 2016)

 

© 2016 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Umschlaggestaltung: ars vivendi unter Verwendung

einer Illustration von © Marta Jonina / iStockphoto.com

 

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-754-4

 

Inhalt

Christ

 

Karlheinz Deschner – Alternative für Weihnachten

Elisabeth Engelhardt – Stau am Credoja-Pass

Ludwig Fels – Wir werden es erleben

Eugen Gomringer – Ein Bericht über die Weihnachtsgeschichte nach Lukas

Nora Gomringer – Jesus kommt

Der Baum

Einseitiges Telefonat (belauscht)

Manfred Kern – Auf der Ofenbank

Tanja Kinkel – Nachtgespräch

Ulrich Kulp – Soulguard

Killen McNeill – Und weihnachtlich grüßt der Plumpudding

Christiane Neudecker – Vom Himmel hoch

Jean Paul – Lange Zaubernacht

Mia Pittroff – Im Walbauch durch den Heiligen Abend

Horst Prosch – Die Könige wandern

 

Kind

 

Nessa Altura – Christinas Welt

Helwig und Ewald Arenz – Trott & Schrödel

Sigrun Arenz – Das geheime Leben der Weihnachtsbäume

Max Dauthendey – Brief an die kleine Lore in Altona in Deutschland

Erika Dietrich-Kämpf – Weihnachtliche Gedanken

Matthias Egersdörfer – Kind Gottes in der Hutschachtel

Tommie Goerz – Behütuns an Weihnachten

Helmut Haberkamm – Helgaland, so nah am Wasser

Günther Hießleitner – Schdall

E.T.A. Hoffmann – Bescherung

Tessa Korber – An der Fuchsenkrippe

Matthias Kröner – Wann gemmern hamm? (odder: Dä Chrisdkindlersmarkd ass Kindersichd)

Bläymobil (odder: Ä Zwedschgermännlä werd debbressiv)

Friedrich Rückert – Zwei Kindertotenlieder

Elmar Tannert – Frau Wanitschek

Sabine Weigand – Das beste Butterzeug der Welt

Johannes Wilkes – Wenn Sie sich als Christkind bewerben möchten

Bernhard Windisch – Elias, der Bettler, Max und das Christkind

 

Blues

 

Anne Borel – Noël

Kevin Coyne – Weihnachtsbesuch

Herta Dietrich – Gedankengestöber

Nataša Dragnic – Der Heiligabend – ein Traum

Gerhard Falkner – Schneh pho haid

Theobald Fuchs – Bewährungsprobe in Hersbruck

Klaus Gasseleder – Bescherung 2015

Joshua Groß – Die letzten Ruinen

Ralf Huwendiek – Schnapsneger

Maximilian Kerner – Advend-Bluus

Wolfgang Koeppen – Christkindlmarkt

Dirk Kruse – Verwirrende Weihnachtsbräuche

Fitzgerald Kusz – Christmas-Haiku

weihnachtsblues

Root Leeb – Karussell

Thomas Pigor – Das schönste Geschenk

Klaus Schamberger – Ein Weihnachtsgedicht oder: Patrona Franconiae

Weise Weihnachten

Manfred Schwab – Das Christkind lädt zu seinem Markte

Harald Weigand – Weihnachtsurlaub

Natascha Wodin – Heiligabend in Deutschland

 

Textnachweis

 

Der Herausgeber

 

Christ

 

Karlheinz Deschner – Alternative für Weihnachten

Das christliche Weihnachtsmärchen ist uns allen so vertraut, dass viele meinen, es stünde in jedem Evangelium. Doch nur Lukas erzählt es, und er spann es fast gänzlich aus jüdischen und heidnischen Legenden heraus. Und da auch Markus, Matthäus, Johannes bloß fabelten, kommt selbst Albert Schweitzer zu dem Schluss: »Es gibt nichts Negativeres als das Ergebnis der Leben-Jesu-Forschung. Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, das Gottesreich verkündete und starb, um seinem Werk die Weihe zu geben, hat nie existiert.«

So ersetzte man denn Weihnachtsmetten, Festpredigten und weiß Gott welche schimärischen Glückseligkeiten durch ein wenig Besinnung auf die Geschichte.

Ich rate, den Christbaum wieder im Wald, die Kerzen im Kaufhaus zu lassen und lieber sich selbst ein Licht aufzustecken. Schon bei geringer Erleuchtung nämlich erhellt: So nichtig wie all das weihnachtliche Glänzen und Lügen ringsum ist wenig, und wichtiger als die Not des Nächsten fast nichts. Besser ist es, einen Hungernden zu nähren, als sich selber zu überfressen und der Industrie das Geld in den Rachen zu schmeißen. Statt jährlich dem Weihnachtsmann aus Rom zu lauschen, sollte man einmal das Kapital der Kirche kennenlernen, ihren noch immer ungeheuren Landbesitz und die Gehälter der Prälaten. Mancher würde mehr staunen als über alle Weihnachtsmirakel bei Lukas und begriffe vielleicht, warum schon bei der Geburt des Herrn Ochs und Esel zugegen waren. »Das Volk«, sagte Arno Holz, »hat lange graue Ohren, und seine Treiber nennen sich Rabbiner, Pfarrer und Pastoren.« Kurz, statt Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen zu singen, könnte man sich erinnern, wo’s denn sonst noch brennt auf der Welt; könnte man das widerliche Spielchen fortan umgekehrt spielen: alle Tage quasi Weihnachten, und nur an Weihnachten Alltag. Ich schlage vor: am mysterienreichen Geburtstag des Herrn – von der ältesten Kirche, die es doch am besten wissen musste, am 19. April, 20. Mai und 17. November vermutet – ab sofort das berühmte Thema »Und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind« fahren, sämtliche Kinderchöre, Domglocken, Dompfaffen schweigen zu lassen. Jede aufkommende Sentimentalität ist verpönt, streng bestraft wird, wer einen Christbaum hat, Ihr Kinderlein kommet intoniert, ein frohes Fest wünscht, von Frieden salbadert oder sonst ein frommes Wort verliert.

Statt dessen werde es obligatorisch, just an diesem Tag all das verstärkt, konzentriert, nun eben mit dem ganzen christlichen élan vital und d’amour zu betreiben, was sich sonst gleichmäßig über das Jahr verteilt: die Verbreitung von Unkonzilianz, Geifer, Gift, Gewalt, die kaum getarnte Barbarei, Kampf aller gegen alle. Man intrigiere und betrüge jetzt auf Teufel komm raus an Weihnachten, man verleumde, hetze und mache den andern kaputt. Aut Caesar aut nihil, aut vincere aut mori. Wer das ganze Jahr über umbringt, begehe nun bloß noch an Weihnachten seine Raub-, Lust- oder Justizmorde, und auch alle Kriege finden künftig nur am Dies ater statt. Dafür herrsche an den übrigen 364 Tagen absolute Waffenruhe, schönster Friede, benehme sich jeder so, wie man glauben könnte, dass wir uns benähmen, gälte auch nur im Geringsten, was an Weihnachten hier aus dem Blätterwald schallt, aus der Glotze, den Kirchen. »Und Friede den Menschen auf Erden ...« – während die Menschheit in jeder Minute des Jahres fast eine ­Million Mark für Rüstung hinwirft und alle paar Sekunden ein Kind verhungert. Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft ... Wahrhaftig, so ist es.

 

Elisabeth Engelhardt – Stau am Credoja-Pass

Sie waren wieder im Finstern gesessen, 2000 Jahre oder weniger. Sie bewachten diesmal nicht ihre Herden auf dem Feld, diesmal hockten sie krumm und gerädert in den Kraftfahrzeugen. Auf der Autobahn Feldmoching – Bethlehem staute sich die Herde bei Schneeglätte und Schneeverwehungen. Sender Bayern 3 verkündete 30 Kilometer Stau. Fernlastzüge, die vor den kommenden Feiertagen am Ziel sein mussten, Wohnwagengespanne, Personenwagen. Geballtes Gastarbeiterheimweh rollte heimatwärts, die Straße hatte den üblichen Kurzurlaubsverkehr zu bewältigen, und nun zusätzlich den Anbetungstourismus.

Paul Aichinger und seine Familie, Frau Gisela, die Kinder Lotti und Paulchen, Lotti schon in der ersten Klasse, Paulchen noch nicht schulpflichtig, standen auf der linken Spur. Ob rechts, ob links, es ging weder vor noch zurück. Doch wie, wenn sie noch lange festgenagelt sein würden am Pass Credoja, sollten sie Augen- und Ohrenzeugen des Weltereignisses von Bethlehem werden?

»Da vorne muss irgendein Unfall passiert sein«, mutmaßte Gisela, die auch im Schnee das Gras wachsen hörte, als die Familie am Pass festsaß, hinter ihnen Scheinwerfer, hoffnungsvoll in Richtung Steiermark, Jugoslawien, Griechenland gerichtet.

»Sicher«, knurrte Paul verärgert, »sonst wären Sani und Poli nicht los wie die wilde Sau.«

Es wurde kälter im Wagen. Paul hatte den Motor abgestellt, er wusste, was sich gehörte, andere produzierten Qualm. Fröstelnd und gelangweilt quengelten die Kinder.

»Schlaft ein bisschen«, tröstete Gisela wohlmeinend, »ihr könnt euch schön ausstrecken, zudecken, wir haben Gott sei Dank nicht unter Platzmangel zu leiden.«

»Und überhaupt«, mischte Paul sich ein, »wer wollte denn unbedingt nach Bethlehem?«

»Nicht so lahm«, winselte Paulchen, »mitn Dschett, mitn Dschett!«

Ein geheimnisvoller König war da, der neue Messias. Allen voran die Regenbogenpresse hatte die Königsgeburt ausfindig gemacht: Farbenfroh prangten Wiegen, Kronen, Throne auf den Titelseiten. Die Leserschaft, mit gekrönten Häuptern überfüttert, nichtsdestotrotz unersättlich, verlangte frische Majestäten. Sämtliche Tages- und Wochenblätter griffen das Gerücht auf: NEUER KÖNIG IM EWIGEN KRISENHERD!

Aichingers ließen sich erst vom Nahostkorrespondenten des Fernsehens überzeugen, von zweitausendjährigen Archivbildern, Kommentaren der Sachverständigen und brandneuen Aufnahmen aus der Wüste Judäa: Tote, Verwundete, Flüchtlinge, weinende Mütter, verstörte Kinder, gesprengte Häuser, verlassene Dörfer, ausgebrannte Omnibusse, Flugzeugtrümmer.

Aichingers waren keine unfrommen Leute. Im Gegenteil, Paul gehörte in seiner Gemeinde dem Kirchenvorstand an. Jetzt im Stau gingen ihm allerlei zumeist ärgerliche Gedanken durch den Kopf. Kein Reiseveranstalter, der sich die Haare nicht raufte, die Hände nicht rieb. Alles, alles ausgebucht. Blieb nur die abenteuerliche Fahrt mit dem eigenen Pkw.

Die Schlange kroch zehn Meter weiter – zurückhaltender Jubel. Die Schlange verharrte – neue Niedergeschlagenheit.

Ein Messias soll es sein, der unsere Sprache spricht, unsere Probleme versteht, unsere Lebensqualität persönlich testet.

Blaues Licht. Martinshorn. Feuerwehrauto von hinten. »Mami, ich halte den Durst nicht aus! Ich will eine Limo!« »Ich ein Eis. Mami, ich will ein Eis!«

Sie zerrütteten Pauls Nerven. Sie schafften ihn.

»Still, du Fratz, oder ich werfe dich raus! Du kannst am Randstreifen massenhaft Eis und Schnee schlecken.«

Das Feuerwehrauto quetschte sich mittendurch, saß zwischen einem Gespann und einem Lastwagen in der Klemme. Müsste der letzte Idiot wissen, dass man sich in so einem Fall äußerst rechts und äußerst links einordnet. Ob wir jemals nach Piräus kommen? Sollte er kurzfristig umdisponieren? Vielleicht Triest? Vielleicht ein jugoslawischer Hafen? Paul schlüpfte in seine nagelneue, pelzgefütterte Wildlederjacke und stieg aus, um sich in der vorderen Linie zu informieren.

»Mami! Fahren die alle nach Bethlehem?«

»Toll«, staunte Gisela, ohne die Frage zu beantworten. Toll, wie der Feuerwehrartist sich millimetergenau durch die Röhre quälte. Sie hatte indessen die Thermosflasche aus einer Tasche gewurstelt. »Wer von euch Durst hat, kann Tee bekommen. Schön heiß, der wärmt von innen!«

»Ich mag deinen Tee nicht, ich mag nur Limonade!«

Paulchen traf Anstalten, die hintere Türe zu öffnen, um ein bisschen am Schnee zu naschen. »Lass das, mein Häslein.« Gisela kurbelte die Scheibe herunter.

»Paulll!« rief sie plötzlich scharf, »Paulll, wie kannst du mitten auf der Fahrbahn herumbummeln, und von hinten kommen die Rocker. Diesen Rockern ist es egal, ob sie dich totfahren oder was!«

Wirklich, diese Horde auf den schweren Maschinen, eingemummt, bebrillt, behelmt, behandschuht, bereift, verschneit, frostklamm, rauschte fast unhörbar durch den Nebel. Die Fahrbahnmitte gehörte ihnen ohne Rücksicht auf die Spaziergänger, die zur Unfallstelle und wieder zurück promenierten.

Paul klopfte gerade einem der Vorderleute energisch an die Gardinen. »Du hirnrissiger, hergelaufener Umweltverschmu...«, brüllte er hinein, indes der Verschmutzer höflich die Scheibe herunterkurbelte.

Hysterisches Jaulen, Urschrei aller wolfsstämmigen Köter. Mit einem Trampolinsatz schleuderte sich der winzige Dackelverschnitt aus dem Innern seiner vollbesetzten Familienkutsche zur Windschutzscheibe empor, mit der feuchten Schnauze direkt in Pauls Gesicht.

»Waldi! Sei lieb, sei brav.« Frauchen bemühte sich um das zappelnde Haarbündel.

Nichtsnutzige Bestie. In Paul kochte der Zorn, er fand’s jetzt auch ziemlich heiß.

»Was wünschen Sie bitte?«

»Ich bitte Sie, verehrter Herr«, antwortete Paul entschieden, »um zwei Dinge. Erstens, nehmen Sie diesen Werwolf aus meinem Gesicht. Zweitens, stellen Sie bitte den Motor Ihrer Hämorrhoidenschaukel ab. Wenn das nämlich jeder so treibt wie Sie, sitzen morgen früh lauter Leichen in ihren Schmuckstücken.«

Auch der Vordermann ließ den Auspuff rauchen. Paul klopfte an die Scheibe, die halb heruntergelassen wurde. »Sagen Sie, wo leben Sie eigentlich, Mensch? Entweder stellen Sie den Motor ab, oder ich erstatte Anzeige wegen ...«

»Entschuldigung«, stammelte der junge Mann, »wir müssen es warm haben im Wagen. Wir erwarten ein Kind.« Das fehlte noch. Paul betrachtete die blasse Frau. »Wären Sie lieber daheim geblieben, hinterm Ofen, in der Klinik, wo Hebammen, Doktoren, Schwestern et cetera herumhüpfen, wenn so ein Baby unterwegs ist.« Der werdende Vater war glücklich, dass überhaupt jemand mit ihm redete. »Die Reise ist strapaziös. Aber es ging nicht anders. Und Sie? Fahren Sie alles über Land?«

»Bis Athen. Wir gehn in Piräus aufs Schiff.«

Die Schlange rührte und regte sich. Maria und Josef, dachte Paul. Der werdende Vater trat aufs Gaspedal, die Räder seines Vehikels drehten durch. Reifen hatte der drauf, o weh. Solche Schlappen und keine Schneeketten. Ein Hemd, Kleid, Pulli, irgendwas zum Unterlegen müsste man haben. Die Kollegen auf der anderen Spur zogen stolz vorbei, die Vorderleute rollten, hinter Maria und Josef tönten die Hupen. Auch Gisela hupte erbittert. Dieser Anfänger! Stieg voll aufs Gas. Mannomann, wo hatte der denn den Führerschein gemacht? »Nicht so. Ganz zart, sanft, verstehn Sie: sanft.«

Paul und ein anderer Spaziergänger stemmten sich gegen das Heck. Dreck flog ihnen um die Ohren. Die Räder hatten sich tiefe Kuhlen gewühlt. Nichts ging mehr ohne Unterlage. Pauls Blicke richteten sich auf den besudelten Kamelhaarmantel seines Helfers. Es musste etwas geschehen, bevor der Volkszorn sich gewalttätig gegen das Paar entlud. Sollte er, verrückter Gedanke, seine neue, pelzgefütterte Wildlederjacke, Giselas Weihnachtsgeschenk, unter die Räder legen? Die hatte hart verdientes Geld gekostet, und so dick haben wir’s nicht.

Erstickter Atemzug, erbarmenswerter Seufzer eines Abschiednehmenden. Paul Aichinger hatte sich das gute Stück vom Herzen gerissen, um es vor den Rädern auszubreiten.

»Anfahren! Schön gemütlich – ganz langsam!«

Der ungeschickte Fahrer gewann Boden unter den Rädern. Winken hin und her, durch vereiste Scheiben. Paul warf seine ramponierte Jacke über die Schulter, trottete zurück. Gisela setzte die Familienkutsche in Betrieb. »Paul! Wo treibst du dich herum?«

»Denk dir«, witzelte er (hoffentlich sieht sie nicht, was mit der Jacke los ist), »Maria und Josef sind in derselben Schlange. Ich habe ...«

»Sind wir schon in Bethlehem?«, piepste Paulchen aus dem Hintergrund.

Umkehren, dachte Paul besorgt. Und verwirrt. Wer weiß, was uns noch blüht? Wie sollten die Leute mit heiler Haut davonkommen?

»Bethlehem«, sagte Paul, und schien mit seinen Gedanken abwesend zu sein, »Bethlehem ist noch weit.«

Kein strahlender Stern, keine Hirten, keine himmlischen Heerscharen. Ruinierte Jacke, frostklamme Hände, Schlusslichter, Bremslichter, so weit das Auge reichte. Zwei Reihen, die sich im Nebel verlieren, der sich vielleicht mal lichten wird, Gott weiß wann. Wir finden ihn wieder, den Stern von damals. Bethlehems Stern.

 

Ludwig Fels – Wir werden es erleben

Wir werden es erleben:

weißer Schnee fällt, fast

schon ein Wunder, und das Stroh in der Krippe

es glänzt wie Gold, das Haar der Engel

und Ochs und Esel singen

Jesus in den Schlaf. Träumt

nicht vom Kreuz, träumt

von Kamelen, von Lämmern

vom Frühling der Religion.

Wir werden es erleben:

dass wir uns lachend umarmen, heute

und jeden Tag.

 

Eugen Gomringer – Ein Bericht über die Weihnachtsgeschichte nach Lukas

Sie brechen auf in Nazareth …

… und kommen an in Kulmbach am Tag 0.

 

Josef und Maria sind in Nazareth aufgebrochen und haben eben die Gemeinde Kulmbach erreicht. ­Maria ist hochschwanger. Das Ehepaar sucht nach seiner Vorstellung auf dem Amt für Statistik, was der Grund der Reise ist, eine Bleibe zum Übernachten. Das wird schwierig. Sie sind auch schon abgewiesen worden. Schließlich finden sie dank der Hilfe einer Gemeindeschwester Unterschlupf in einem Gemäuer, das wie ein schützendes Zeltdach Notdürftige bergen kann.

Mittlerweile hat sich eine gute Botschaft in Kulmbach und im Landkreis herumgesprochen. Es scheint, dass ein Kind erwartet wird, dessen Geburt allgemein Freude auslösen soll. Ein Ereignis ist notwendig, denn die Zeiten sind anstrengend. So lebt der ganze Landkreis in Erwartung, Gemeindemitglieder, Handwerker, Einzelhändler, die netten Leute vom Tierheim, auch ein paar Fieranten, nicht wenige machen sich neugierig auf den Weg.

 

 

 

Es ist soweit. Die Geburt verläuft gut. Jesus, wie die Eltern ihren Sohn nennen wollen, scheint ein aufgeweckter Junge zu sein. Die nächsten Umstehenden, die der Geburt beiwohnten, sehen sich als Zeugen und erzählen mit freudigen Gesichtern, wie gut alles geschehen ist und verkünden es weiter. Viele wollen die Eltern und den neuen Weltbürger mit einer Gabe beehren. Das Dach, das die Gemeinde Kulmbach zur Verfügung stellt, erstrahlt geradezu überirdisch. Ein weiser Mann, der später einmal darüber berichten wird, sagt für sich:

Das ist das Jahr 01.

 

Nora Gomringer – Jesus kommt

Wir räumen auf

Kehren unter den Teppich

Stellen uns gerade hin

Mit geschnittenen Haaren

Sagen artig Danke und Bitte

Jesus, der schaut

So kennt der uns gar nicht

Fragt, ob er sich in der Tür geirrt ...

Und ich sag

Man wird doch

Den einen Abend im Jahr

Noch höflich sein dürfen.

 

 

Der Baum

Die Gans

Die Gabeln

Das Fest

 

Der Baum

Das Lametta

Der Rest

 

Die Mutter

Der Vater

Die Pest

 

Du blickst

Zurück

Und du weißt

 

So wird’s

Nie wieder

Und doch

 

Auch anders

Ist’s immer

Wie einst

 

Die Gans

Die Gabeln

Das Fest

 

Der Baum

 

 

Einseitiges Telefonat (belauscht)

Der wer?

Der?

Vor der Tür! Ja.

Ein E S E L und auch noch ein Ochse.

Doch, doch. Wenn ich’s dir sage.

Ja wie und jetzt?

Jetzt Platz machen, einkaufen. Heu und so.

Vielleicht.

Ach, spinn net.

Was solln die denn mitgehen lassen?

Der magere Dyp und sei kugelrunda Fra.

Des ist mir wurscht.

Du, ich muss auflegen.

Dem Mädel ist die Fruchtblase.

Jap.

Oh Gott.

Na, ich muss jetzt.

(schreit:) Es ist gleißend hell auf einmal. Und ... Hörst

du das? Hier singt einer ganz laut.

Man versteht sein eigenes Wort nicht.

Mach’s gut.

Frohe Weihnachten!

Ich muss Stollen schneiden.

 

 

Manfred Kern – Auf der Ofenbank

Im Winter ist es schön wie im Sommer.

Die Schneeflocken werden immer größer,

 

und immer langsamer, so scheint es, fallen sie,

aber mehr als dass sie fallen, schweben sie.

 

Sie sind Schlafsand für meine Augen,

weißer Sand für das Traummeer in mir,

 

herbeigeschoben, Wolkenkarren für Wolkenkarren,

von den Engeln, den Heinzelmännchen des

 

Himmels, und ausgeschüttet als Rendite für mich

fürs vergangene Jahr. Zeit für ein Schläfchen.

 

Tanja Kinkel – Nachtgespräch

Die anderen Hirten waren schon nicht mehr in Umrissen erkennbar, als der Engel bemerkte, dass einer von ihnen zurückgeblieben war, ein junger Mann, der vor dem Feuer hockte, das die Hirten sich bereitet hatten, und in die Flammen starrte. Er machte ein unglückliches Gesicht, und seine Schultern waren hochgezogen.

»Willst du nicht auch das Kind sehen?«, fragte der Engel freundlich.

»Einer muss auf die Schafe aufpassen«, entgegnete der junge Hirte tonlos. »Wir haben im vergangenen Jahr schon zu viele Tiere an die Wölfe verloren, an die Steuern und an die Römer.«

Der Engel hatte eigentlich geplant, sich zu seinen Gefährten zu gesellen und über der Herberge zu frohlocken, zu der er die Hirten geschickt hatte, doch er wollte gerade in dieser Nacht keinen Sterblichen bekümmert zurücklassen, wenn es sich vermeiden ließ.

»Vertraue dem Herrn«, sagte er sanft. »Nichts wird deinen Schafen geschehen, während du fort bist.«

Der junge Mann schaute auf, und Groll lag in seinem Blick.

»Ich habe dem Herrn vertraut. Aber meinen Vater hat das nicht gerettet. Er ist tot. Und mein ältester Bruder ist zu den Wüstenmönchen gegangen. Hat uns verlassen, um in der Ödnis zu beten, mich und die Mutter und die Geschwister. Erscheine ihm, Engel, er ist derjenige, der auf Botschaften des Herrn wartet.«

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Engel etwa zehn Fuß über dem Boden geschwebt. Jetzt ließ er sich neben dem Jungen herabsinken und faltete die Flügel inei­nander. Wie alle seiner Art, wenn sie mit den Menschen sprachen, glich er den jüngeren Kindern Gottes an Aussehen und Gestalt, obwohl seine Wangen milchweiß waren und nie den Flaum eines Bartes kennenlernen würden, während der junge Mann neben ihm ein stoppeliges Kinn sein Eigen nannte.

»Wie lautet dein Name?«, fragte der Engel.

»Ephraim, Sohn des Manasse«, gab der Junge streitlustig zurück. »Solltest du das nicht wissen, oh Abgesandter des Herrn? Wo du doch weißt, welche Kinder in dieser Nacht geboren werden, und wo?«

»Nur einer ist allwissend«, entgegnete der Engel belehrend, »und das bin nicht ich.«

»Dann, oh Gesandter, weißt du auch nicht, ob meine Herde sicher ist in dieser Nacht.«

Allmählich erinnerte sich der Engel wieder daran, warum er sich während des letzten Jahrtausends auf das Beobachten der Menschheit und gelegentliche Botendienste beschränkt hatte. Sich mit Sterblichen auf ein Gespräch einzulassen, statt sie mit Glanz und Gloria zu überwältigen, bedeutete harte Arbeit. Dazu waren die himmlischen Heerscharen da, nicht die Erzengel, so jedenfalls lautete sein unwillkürlicher innerer Protest, was sofort Schuldgefühle nach sich zog. Er begann zu vermuten, dass er nicht zufällig für die heutige Botschaft ausgewählt worden war. Es sähe dem Höchsten ähnlich, ihm auf diese Weise eine Lehre zu erteilen.

»Ich werde auf die Herde achten«, bot er dem jungen Ephraim an, »und verspreche, dass ich nicht an die Seite des Herrn zurückkehre, bis du wieder hier bist. Geh nur, und freu dich des Kindes.«

Ephraim musterte ihn und rutschte an seiner Feuerstelle etwas zur Seite, wie um ihm Platz zu machen. Doch er zeigte keine Anzeichen, aufzustehen und seinen Kameraden zu folgen, die mittlerweile gewiss bereits bei der Herberge angelangt waren.

»Ich weiß, wie ein neugeborenes Kind aussieht«, sagte er, etwas weniger feindselig als bisher. »Der Mann meiner Schwester Schulamit hat uns allen Schande gemacht und ist mit ihr zu den Römern gegangen, nach Caesarea. Da lebt er jetzt mit irgendwelchen Griechinnen. Sie ist zu uns zurückgekehrt und hat ihr Kind bei uns zur Welt gebracht. Es trägt meinen Namen.«

Seine Miene verfinsterte sich wieder. »Warum hat der Herr meinen Schwager nicht gezüchtigt, Engel? Warum vertreibt er die dreimal verfluchten Römer nicht aus unserem Land?«

»Wenn dein Neffe älter wird, wirst du ihn dann lehren, wie man kämpft?«, fragte der Engel zurück.

Verwundert nickte Ephraim und fügte hinzu: »Anders kann er in dieser Welt nicht sicher sein.«

»Und wenn er so alt ist wie du jetzt und sich mit einem anderen Hirten prügelt, wirst du dich zwischen sie werfen und den anderen Hirten niederschlagen?«

Allmählich zeichnete sich Begreifen auf Ephraims Antlitz ab. »Nein«, sagte er. »Es wäre sein Kampf. Aber wenn eine ganze Schar Fremder mit eisernen Waffen käme, dann stünde ich an seiner Seite.«

Der Engel seufzte. »Der Herr ist an deiner Seite, Ephraim. Deswegen hat er das Kind geschickt, das du nicht sehen willst heute Nacht.«

»Wenn es nicht meinen treulosen Schwager zu seinem Weib und seiner Pflicht zurückführt und mir meinen Vater zurückgibt, wenn es nicht dafür sorgt, dass keiner aus meiner Familie je wieder hungert oder vor den Römern im Staub knien muss, dann nützt mir ein Kind mehr auf der Welt überhaupt nichts. Du bist frei von Sorgen und Trauer, Engel. Du wirst nie altern oder die verlieren, die du liebst. Du verstehst nicht, was es heißt, ein Mensch zu sein.«

Mit einem Ruck erhob sich der Engel. Seine jugendliche Gestalt verlor für einen Augenblick ihren Umriss, und er setzte an, zu gleißendem Licht zu werden, sammelte sich dann aber wieder.

»Menschenkind«, sagte er leise, »weißt du, was es heißt, seit Urbeginn der Zeit eins mit einem Wesen zu sein und es dann in Zorn und Hass stürzen zu sehen? Sprich mir nicht von Liebe und Verlust.«

Samael, Samael, dachte er, und benutzte dann den Namen in der Sprache, die von den Römern in dieses Land gebracht worden war: Lucifer. Der Lichtträger, der liebste Engel des Herrn, der sich gegen ihn gewandt und ihm den Krieg erklärt hatte. All die Engel, die nicht mit ihm gefallen waren, spürten seinen Sturz noch immer.

»Natürlich weißt du es nicht«, fuhr er ruhiger fort. »Meinesgleichen und deinesgleichen sind getrennt durch Zeit und Art, und doch sind wir beide eins vor dem Schöpfer. Das Kind ist der Knoten, der uns verbinden wird.«

»Wir werden sehen«, brummte Ephraim und machte immer noch keine Anstalten, sich vom Fleck zu rühren. Der Engel verschränkte die Arme ineinander, und Ephraim schüttelte den Kopf.

»Ich verlasse meine Herde nicht«, sagte er. »Wenn die Nacht heute wirklich ein neuer Anfang sein soll, dann mache ich ihn nicht, indem ich etwas im Stich lasse, das mir anvertraut ist.«

»Ihr Menschen seid in Wahrheit die stursten aller Geschöpfe«, entgegnete der Engel und setzte sich erneut. Ephraim warf ihm einen überraschten Blick zu.

»Hast du mich nicht verstanden? Ganz gleich, was du noch sagst, ich gehe hier nicht weg.«

Der Engel nickte.

»Willst du denn nicht selbst das Kind sehen, zu dem du alle meine Freunde geschickt hast? Oder an die Seite des Herrn eilen, zu dem Rest der himmlischen Heerscharen in der silbernen Stadt?«

»Nein«, sagte der Engel. »Ich werde die Nacht hier an deiner Seite verbringen, Hirte, bis deine Freunde zurückkehren.«

Ephraim zuckte die Achseln. Nach einer Weile legte er einen weiteren dürren Holzzweig in das Feuer und räusperte sich.

»Dann danke ich dir. Wegen der Schafe. Wenn irgend so ein Strauchdieb versuchen sollte, sie fortzulocken, wird er es sich zweimal überlegen, wenn er mehr als einen Mann bei ihnen sieht. Wegen der Schafe danke ich dir.«

»Auch ich danke dir«, gab der Engel zurück, und wenn das flackernde Licht, das die Flammen auf sein ewig schönes Gesicht warf, nicht so unzuverlässig gewesen wäre, hätte man vermuten können, er schmunzle.

»Weil ich dich um die Gegenwart des wundersamen Kindes bringe?«, fragte Ephraim trocken, und diesmal war es eindeutig: Der Engel lächelte.

»Aber das tust du nicht, Ephraim, Sohn des Manasse. Es ist bereits hier.«

Der Hirte sah aus, als wolle er eine spöttische Bemerkung machen, doch dann zuckte er erneut die Achseln und reichte dem Engel einen Schlauch mit Wasser. Obwohl der Engel dergleichen nicht benötigte, trank er, und er spürte, wie die Nacht sie umschloss, Mensch und Engel, und wie das Elend der Vergangenheit und Gegenwart vor ihrer Zweisamkeit ein wenig zurückwich.

Erst jetzt verstand er, warum er zu den Hirten geschickt worden war.

 

 

Ulrich Kulp – Soulguard

Der Mond hing tief wie nie über Nürnberg, so tief, dass man meinte, ihn mit einem Lasso vom Himmel holen zu können. Eine flache Schneedecke hatte sich übers Land gelegt. Selbst in der Stadt war genügend liegen geblieben, um den berühmten Christkindlesmarkt mit einem touristengerechten Puderzucker zu überziehen, der jetzt, am frühen Abend, im Mischlicht des Mondes und der Laternen und Girlanden, auch noch kitschig glitzerte. Auf der Bühne unterhalb der Frauenkirche hatte ein gemischter Chor gerade sein Rockin’ Around The Christmas Tree zu Ende gebracht. Der Pulk vor der Bühne löste sich auf und schnell hing zwischen den Ständen wieder das übliche, fröhliche Stimmengewirr. Hier und da erklang ein Glöckchen, das an irgendeinem Stand aus Tuch und Holz zur geschäftigen Weihnachtsstimmung die nötige Akustik lieferte – etwas sanfter als es der gerockte Christmas Tree vermocht hatte. An manchem Stand kam die geschäftliche Seite der Weihnachtszeit ein wenig übertrieben daher. An einem, der Rauschgoldengel der besonders kitschigen Art ausgestellt hatte, gab es inmitten der Engelsschar eine hölzerne Krippe, deren Esel mit den Ohren wackelte und ein kräftiges »Iah« in den Nachthimmel rief.

Von dem Fluss, der mitten durch Nürnbergs Altstadt fließt, war naturgemäß nichts zu hören, außer dem für eine Stadt, die von der Nordsee genauso weit entfernt ist wie vom Mittelmeer, eigentlich fremd anmutenden Möwengeschrei. Seit Jahren schon tauchte immer mal ­wieder ein Schwarm dieser schwerelosen Flugkünstler über der Pegnitz auf, angefüttert von eben jenen Touristen, die jetzt ihr Geld in der Stadt ließen.

Und noch ein Flugkünstler war an diesem Abend in die Stadt gekommen. Von der Fleischbrücke herab hätte man ihn am Ufer sehen können, wenn man geahnt hätte, dass er da war. Aber so etwas ahnt ja niemand. Manchmal träumt jemand davon, dass es so einen wie ihn tatsächlich gibt, aber so richtig überzeugt von seiner Existenz ist dann wohl doch kaum jemand mit letzter Konsequenz. So also hockte er unbemerkt am Flussufer in der Dunkelheit, erschöpft, hatte seine großen Flügel ausgebreitet und stierte den Mann an, den er gerade vor dem Ertrinken aus der Pegnitz gefischt hatte, nachdem der sich, offensichtlich verzweifelt, kurz zuvor von der Fleischbrücke hinabgestürzt hatte. Wieder so ein Einsatz, für den er sich eigentlich viel zu alt und viel zu müde fühlte. Aber sein Antrag auf vorgezogenen Ruhestand war abgelehnt worden – wieder einmal. »Nein«, hatte der Chef geantwortet, bis zur Rente habe er doch nur noch hundertvierundfünfzig Jahre. Da könne er ihm keines von erlassen. Er wisse ja selber, dass die Ressourcen so gut wie aufgebraucht seien und man sparen müsse – auch an Weihnachten. Da beiße die Maus keinen Faden ab! Eine vom Chef gern und oft verwendete Redensart. Eine, die jeden seiner zahllosen Angestellten nervte, wenn der mal wieder die endlosen Belehrungen vom Oberboss über sich ergehen lassen musste.

»Ja, aber«, hatte er zaghaft einen Einwand versucht, er brauche doch nicht viel. Er lebe doch im Wesentlichen von Luft und Liebe, wie alle Engel. »Eben«, hatte der Chef geantwortet, davon sei einfach nicht mehr genug da. Da beiße die Maus … Auf seinen nächsten Einwand hin, er als Schutzengel habe doch wohl immer mit weit höherem Einsatz seinen Dienst versehen als z. B. ein reiner Botenengel und sei deshalb vielleicht etwas früher dran mit den Ruhestandsbezügen, war der Chef dann laut und deutlich geworden. Und wenn der Chef laut und deutlich wird, gibt es kein »Ja, aber« mehr. »Rehael Seheia«, hatte der CEO durch seinen langen weißen Bart gedröhnt, »an die Arbeit! Die Menschen brauchen Schutz. Da beißt die Maus keinen Faden ab!«

Also war er wieder aufgebrochen zum nächsten Einsatz. Längst rächte es sich, dass er sich vor zweiunddreißig Jahren in die mobile Einsatztruppe hatte versetzen lassen. Damals war ihm das aufregend erschienen. Nach mehr als achthundert Jahren, in denen er im Grunde immer nur einen Menschen nach dem anderen begleitet hatte, jeden ein Leben lang, vom ersten bis zum letzten Tag, hatte er etwas Neues ausprobieren wollen. Da war es ihm gerade recht gekommen, dass kurz zuvor das neue Soulguard-Team aus der Taufe gehoben worden war. Wo immer, wann immer, wie immer jemand in Gefahr geriet, um den sich der eigentlich zuständige Schutzengel einmal nicht kümmern konnte, weil er vielleicht gerade Überstunden abfeierte oder im Urlaub war oder auf Reha, musste ein Soulguard ran, einer, der flink war und trainiert für alle denkbaren Spezialeinsätze – zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Eine Weile war das auch ganz spaßig gewesen, aber dann waren die Freizeitbeschäftigungen der Schutzbedürftigen immer ausgefallener und gefährlicher geworden – zu Lande, zu Wasser und in der Luft. River-Rafting, Freeclimbing, Bungee-Jumping, Canyoning – bei all den »-ings« war das Life-Saving zu einer Tortur geworden. Er hatte begonnen, sich zurückzusehnen nach dem guten, alten »Angeling«, als man oft wochenlang einfach auf seiner Wolke gesessen und dem Kleinen da unten zugesehen und dabei wie nebenbei ein wenig auf ihn aufgepasst hatte. Natürlich war das nicht der ganze Job gewesen. Hier und da hatte man auch Verwandten und Freunden seines Schützlings geholfen, wenn Not am Mann war. Aber das war nichts gewesen gegen die jüngere Vergangenheit und vor allem die Gegenwart. Heute raste man von einem Einsatz zum nächsten. Hier war einer drauf und dran, beim Whale Watching von der Schwanzflosse eines Buckelwals erschlagen zu werden, bei dem Nächsten öffnete sich beim Tower-Jumping der Fallschirm nicht, und ein Übernächster stand bei seinem dritten Volksmarathoning innerhalb eines Jahres vor dem Herzinfarkt. Wenn er so einen dann bei Kilometer dreißig einfach mal stolpern ließ, sodass er hinfiel und sich den Fuß verdrehte und in der Folge dann nicht mehr in den Tod rennen konnte, schimpfte der höchstens noch auf seinen Schutzengel. Undank ist der Welten Lohn!

Auch damals war er schon mal zum Chef hoch und hatte zaghaft nachgefragt, ob er nicht vielleicht wenigstens nur Einsätze bei Kindern kriegen könnte. Kinder waren zwar in der Regel sogar noch etwas gefährdeter als diese erwachsenen Adrenalinjunkies, aber dafür war es wenigstens sinnvoll, ihnen beizustehen. Ihre Unbedachtheit war Unschuld. Die hirnlose Risikobereitschaft Erwachsener eine Sünde. »Da beißt die Maus keinen Faden ab«, hatte er noch hinzugesetzt. Eine sanfte Provokation, die er sich nicht hatte verkneifen können und die er nach lockeren achthundertsechsundvierzig Jahren Dienst meinte, sich auch einfach mal leisten zu können. »Ohne Ansehen der Person, Rehael«, hatte der Chef, humorlos wie immer, geantwortet, »ohne Ansehen der Person!« Und so saß er jetzt, den Rücken der Welt zugewandt, mit ausgebreiteten, pitschnassen Flügeln am Ufer der Pegnitz, weil er einen Lebensmüden aus dem Wasser geholt hatte, einen Geldverleiher, einen Hai. Wieder einmal hatte er eine eigentlich eindeutige Situation zu einen Unfall umdefiniert, um überhaupt eingreifen zu dürfen. Denn eigentlich stand das gar nicht in der Stellenbeschreibung für Soulguards, sondern war im Gegenteil sogar verboten. Wer seinem Leben selber ein Ende setzen wollte, sollte das ruhig tun. Dafür sind Schutzengel nämlich nicht zuständig. Nur er hatte diese Regel einfach nicht akzeptieren können und war in der Folge dann in den letzten Jahrzehnten wie ein Irrer durch die Lüfte gesegelt, um zu retten, was zu retten war. Wer zählt die Namen?

Während jedenfalls Haie verenden, wenn man sie aus dem Wasser zieht, lebte dieser hier unten an der Pegnitz also weiter – vorläufig. Hatte sich wohl verspekuliert. Oder tat er dem Fremden unrecht? Der Mann hatte einige kleine, nass gewordene Rosenblätter aus der Tasche seiner Hose gefischt und besah sie nun mit Tränen in den Augen. Ja, mein Freund, dachte Rehael, die Liebe bleibt. Da war genug von da. Da konnte der Chef meckern, wie er wollte, und seine Maus sich die Mäusezähnchen an allen Fäden der Welt ausbeißen.

Er sah dem Fremden noch eine Weile zu, wie der sich langsam berappelte und offensichtlich neuen Lebensmut fasste. Die Tränen waren jedenfalls aus seinen Augen verschwunden. Stattdessen war darin sogar so etwas wie ein Funkeln zu sehen. Irgendwie kam ihm der Mann mit einem Mal bekannt vor. Aber dann dachte er, dass er einfach schon so viele Menschen getroffen hatte, dass das kein Wunder war. Irgendwie waren sie sich doch alle viel ähnlicher, als sie selber meinten.

Er lauschte dem Rauschen des Flusses und war versucht, sich diesem Augenblick der Ruhe ein wenig länger hinzugeben, als ein Augenblick in der Regel währte. Aber das war natürlich sinnlos. Richtige Ruhe gab es für einen wie ihn nicht. Dafür hörten Soulguards viel zu gut. Und während die Menschen auf dem Weihnachtsmarkt nichts von hier unten mitbekamen, bekam er alles von da oben mit. Die Chöre und die Glöckchen. Die Menschen, die schwatzten und schmatzten. Das Quäken der Kinder, die an den Armen ihrer Eltern zogen und zerrten, weil sie was wollten. Das Klimpern der Münzen und das Rascheln der Scheine, die ihre Besitzer wechselten. Das unablässige Picken der Tauben, die mitten in diesem Überangebot an Brotkrumen und anderem Fresskram gar nicht zum Gurren kamen. Das alles hörte er, ohne allerdings zuzuhören. Wenn darin irgendeine Botschaft vorgekommen wäre, die seinen Einsatz verlangte, ein Verzweiflungsseufzer, ein Hilferuf gar, würde er sie heraushören aus dem Einerlei. Er war immer noch Soulguard, mit Leib und Seele, auch wenn er es so langsam müde geworden war und ab und zu mal eine etwas längere Pause brauchte als früher.

Diese hier ging jedenfalls abrupt zu Ende. Gerade, als er die Augen für einen Moment schließen wollte, drang plötzlich die ach so vertraute Stimme von oben in ihn ein, wie es nur diese eine Stimme konnte. »Rehael Seheia«, dröhnte der CEO, »hiermit versetze ich dich wegen erneuter Verletzung der Soulguard-Regeln in den vorgezogenen Ruhestand. Deine Bezüge«, merkte der Chef in buchhalterischem Ton noch an, »werden allerdings um ein Fünftel Luft und ein Siebtel Liebe gekürzt!« Wenigstens, dachte Rehael, hat er mir mal den Spruch mit der Maus erspart! Mit einem Mal fühlte er eine Wärme in sich aufkommen, die alle Sonnenstrahlen der Welt nicht hätten erreichen können. Gut, große Sprünge würde er mit der verbliebenen Rente nicht machen können. Aber wer wollte schon springen? Mit einem für sein Alter erstaunlich leichten Flügelschlag erhob er sich über den Fluss, drehte eine hohe Runde über dem Weihnachtsmarkt, blieb einmal kurz an einer Stelle in der Luft stehen wie ein Mäusebussard, der seine Beute erspäht hat und nun Maß nimmt, um der Maus den Garaus zu machen, flatterte zwei-, dreimal kräftig, sodass die letzten Tropfen des Flusswassers aus seinen Flügeln herabfielen, auf dem Weg nach unten vereisten und mit einem sanften Prasseln auf die Dächer der Stände fielen, und segelte davon. Jeder, der jetzt nach oben geschaut hätte, hätte gestaunt ob des riesigen vogelähnlichen Schattens vor dem hellen, runden Mond, der immer noch sehr tief am Himmel hing. Aber es schaute niemand nach oben.

 

Killen McNeill – Und weihnachtlich grüßt der Plumpudding

Als ich im August 1977 wieder mal zu Hause in Kilrea, Nordirland war und meinen Eltern mitteilte, dass ich zum ersten Mal in meinen vierundzwanzig Jahren Weihnachten nicht bei ihnen verbringen würde, sondern bei meiner deutschen Freundin in dem Dorf in Franken, in dem wir damals zusammengezogen waren, machte sich meine Mutter hektisch daran, einen Plumpudding zuzubereiten, der problemlos bis Weihnachten haltbar sein sollte.