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Was würdest Du tun, wenn sich Dein Leben von heute auf morgen verändert? Daniel Frayne ist ein ganz normaler Junge. Behütet wächst er mit drei Schwestern bei seinen Eltern auf. Doch dann wird er Schüler einer geheimnisvollen Akademie - und nichts ist mehr wie zuvor. Unversehens wird er Träger eines magischen, machtvollen Stifts, der großen Einfluss auf ihn hat und dem er den Namen Cináed gibt. Diesen Stift wollen bestimmte Kreise in ihre Gewalt bringen, und Daniel muss etliche Gefahren bestehen. Kann er diese Situationen alle meistern, und geht er unbeschadet aus ihnen hervor? Ein Roman von großer Dramatik und Spannnung!
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Tanja Höfliger,
Roman
Fabulus-Verlag
Band 1 der Trilogie »Cináed«
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2013 by Tanja Höfliger Überarbeitete und korrigierte Neuausgabe, 2014 Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Lektorat: Elmar Klupsch, Stuttgart Umschlaggestaltung: Anita Dietrich, Stuttgart Satz und Herstellung: Fabulus-Verlag, Fellbach ISBN 978-3-944788-13-5 Besuchen Sie uns im Internet unter:www.fabulus-verlag.de
Für DICH!
Als ich mein Spiegelbild betrachtete, kam ich mir alles andere als männlich vor. Ich steckte in einer goldbraunen Schuluniform und fühlte mich einfach unglaublich mies. Mein bester Freund Jack meinte, sie würden uns nur deshalb in solche Anzüge stecken, um uns klar zu machen, wie klein und unreif wir noch waren.
»Bin dann mal weg«, murmelte ich von der Diele aus in Richtung Esszimmer.
»Warte, dein Frühstück!«, kam es wie so oft von dort. »Hab’s eilig«, rief ich über die Schulter und stürzte wie ein Verfolgter aus dem Haus.
Noch bevor ich mich entschieden hatte, ob ich den Bus oder das Fahrrad zur Schule nehmen sollte, wurde auch schon die Haustür hinter mir aufgerissen. Als ich mich umsah, schaute ich in das Gesicht meiner älteren Schwester Emma. Sie stand im Türrahmen und hielt mir nicht nur eine, nein, sondern gleich vier Lunchboxes entgegen. Unglaublich, ich konnte es kaum fassen!
Seit meiner Geburt wurde ich von drei älteren Schwestern bemuttert. Und jede für sich nahm ihre Pflichten sehr ernst, wie ich bei dieser Gelegenheit mal wieder bestätigt bekam.
Doch sie vergaßen dabei etwas sehr Entscheidendes: Ich war älter geworden!
Auch wenn die weiblichen Familienmitglieder es anscheinend nicht bemerkten oder nicht bemerken wollten, ich war fünfzehn, fast sechzehn und auf dem besten Weg, ein Mann zu werden. Das mussten sie doch endlich mal kapieren!
Bevor ich Emma hässliche Dinge an den Kopf werfen konnte, erschien Mom und sagte nur: »Nicht hier draußen, Emma«, nahm die Dosen und verschwand damit im Haus.
»Kauf dir etwas zu essen, hörst du?«, meinte Emma noch.
Ich starrte sie an, bis die Tür wieder ins Schloss fiel.
Das war ja ein toller Start in den neuen Tag, und er sollte sich nicht im Geringsten bessern. Jack war bei der Morgenversammlung nicht aufzufinden, und Sue beachtete mich – das war leider nichts Neues – überhaupt nicht. Wenn Luft sichtbar gewesen wäre, hätte sie die eher wahrgenommen als mich.
Genervt setzte ich mich auf meinen Platz. Der Stuhl von Jack neben mir blieb leer. Selbst als Professor Zac den Englischunterricht begann, gab es von Jack noch keine Spur.
Verdammt, ich konnte mich noch nicht einmal von meinem besten Freund ablenken lassen! Also musste ich mich irgendwie selbst beruhigen und versuchte es mit Zeichnen. Das konnte ich gut, und es brachte mir die nötige Ruhe. Dabei sank ich immer tiefer wie in eine Art Trance. Sues Gesichtszüge nahmen schnell Form an. Sie, die nur zwei Bänke links vor mir saß, war auf dem Papier fast so schön wie im Original. Ich mochte ihr langes, blondes Haar, das sich leicht wellte, und ihre wunderschönen blauen Augen, die von dunklen Wimpern gerahmt wurden. Doch etwas fehlte noch in meiner Zeichnung, jener Ausdruck in ihren Augen, dem ich fast nie widerstehen konnte. Trotzdem erwiderte sie meine Sympathie in keiner Weise.
Ich war zu sehr mit Sue und ihrem Ebenbild beschäftigt, sodass ich erst zu spät bemerkte, dass sich jemand auf meinen Tisch zubewegte. Die hässlich braunen Wanderstiefel waren unverkennbar die meines Lehrers. Diese kamen direkt vor mir zum Stehen. Ganz langsam sah ich zu Professor Zac auf.
Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, als die gealterte und faltige Hand des Professors nach dem perfekt gezeichneten Gesicht von Sue greifen wollte.
Nein, lass es bitte nicht wahr werden! Wenn Zac dieses Bild erst mal in seinen Händen hält, bin ich geliefert …
Zacs Hand war nur noch wenige Zentimeter vom Blatt entfernt.
Plötzlich wurde die Zimmertür so heftig aufgerissen, dass alle Köpfe sich abrupt in Richtung Tür drehten. Zum Glück!
Jack betrat den Raum. Lässig und ohne auf Zacs empörtes Gesicht weiter zu achten, lief er mit einem knappen »Sorry, ist mir aus der Hand gerutscht« an ihm vorbei.
Ohne es zu ahnen, hatte mir mein Freund mit seiner lässigen Art das Leben gerettet. Ich nutzte die anhaltende Empörung des Professors und ließ das Bild so schnell wie möglich in meiner Tasche verschwinden. Den tiefen Seufzer der Erleichterung konnte ich allerdings nicht unterdrücken, woraufhin der Professor sich wieder mir zuwandte. Unsere Blicke trafen sich. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich eine solche Kälte wahrgenommen, sodass mich fröstelte.
Als Zac nach einer halben Ewigkeit endlich seinen Blick von meinen Augen wandte, durfte ich für einen kurzen Moment erleichtert darüber sein. Dann kehrte er mir den Rücken zu und sagte: »Meyer, Frayne. Beide nachsitzen am Donnerstag!« Das konnte doch nicht wahr sein! An solchen Tagen wäre es besser gewesen, einfach im Bett zu bleiben. Doch dafür war es nun zu spät. Die Erkenntnis raubte mir beinahe den Atem.
Nein, das kann nicht sein! Kein Nachsitzen an dem von mir so herbeigesehnten sechzehnten Geburtstag!
Am Nachmittag saßen Jack und ich auf unseren Surfboards in der Caswell Bay. Händeringend suchten wir nach einer Möglichkeit, den Professor zu besänftigen. Doch wir mussten uns schon bald eingestehen, dass Zac nicht umzustimmen war. Ganz im Gegenteil, umso wichtiger wir den Tag erscheinen ließen, desto länger würden wir wohl nachsitzen müssen.
Hinzu kam, dass Zac mich nicht leiden konnte. Dessen war ich mir sicher. Ob es daran lag, dass ich im letzten Jahr eine Klassenstufe übersprungen hatte, als ich zu ihm gekommen war, oder ob er meine Nase einfach nicht mochte, konnte ich nicht sagen.
Leider trugen unsere Grübeleien nicht dazu bei, unsere Stimmung zu heben. Selbst die hohen Wellen, die eigentlich für den perfekten Wellenritt gesorgt hätten, konnten uns nicht ablenken. So saßen wir in unseren Neoprenanzügen mit einem Handtuch über der Schulter am Strand und starrten wortlos aufs Meer hinaus.
Dieser Horrortag war damit für mich allerdings noch nicht vorbei. Mir wurde schlagartig schlecht, als ich zwei Gestalten erblickte, die ich nur zu gut kannte: Sue schlenderte Händchen haltend mit Ken aus unserer Klassenstufe am Wasser entlang. Sie schien nur Augen für ihn zu haben. Dann lachte sie und rannte vor ihm davon. Verdammt, sie kommt direkt auf uns zu!
Plötzlich sah sie genau zu uns rüber und hörte auf zu lachen. Ken hatte sie eingeholt und schlang seine Arme von hinten um ihre Hüften. Als Kens Kopf auf Sues Schultern ruhte, suchte ihr Mund sein Ohr. Meine Gedanken spielten bei diesem Anblick verrückt. Wie gern hätte ich jenen Lufthauch an meinem Hals gespürt …
Als die beiden auf uns zukamen, spürte ich, wie mein Gesicht heiß wurde – und ein riesiger Kloß meine Kehle zuschnürte.
»Tag, Jack, und ähhmmm …«, brachte Sue stockend vor.
»Daniel«, meinte Jack nach einer peinlich langen Pause.
»Ja klar, stimmt … Damian … Hört zu, das mit Ken und mir weiß niemand an der Gore School. Wenn ihr beiden versteht, was ich damit meine?«
»Na klar, wir sind ja nicht völlig bescheuert. Wo ist das Problem?«, fragte Jack schlagfertig.
Nachdem von mir weiter nichts kam – ich hatte immer noch mit dem Kloß in meinem Hals zu kämpfen –, meinte Jack nur: »Na ja, kann uns ja auch egal sein …« Er schien kurz zu überlegen, wobei er Sue anschaute, und fuhr schließlich fort: »Kurz was anderes: Am Freitag steigt hier ’ne Party. Wie sieht’s aus, hast du Lust zu kommen?«
Was dann geschah, nahm ich nicht mehr richtig wahr. Erst auf dem Nachhauseweg kehrte ich allmählich in die reale Welt zurück.
Mit aller Macht versuchte ich die vergangenen Minuten in mein Gedächtnis zurückzurufen. Doch sie waren wie ausradiert. Ich hatte nicht mehr die leiseste Erinnerung daran. Als ich zu Hause ankam, stand die Haustür offen. Ich war verwirrt und wusste damit nichts anzufangen. Mir schossen alle möglichen Ursachen durch den Kopf. Doch einer Sache konnte ich mir absolut sicher sein: Niemand aus meiner Familie hätte die Tür zufällig offen gelassen. Meinen Eltern war es schon immer ein wichtiges Anliegen gewesen, unsere Haustür durch zweimaliges Abschließen zu sichern. Wer als Letzter das Haus verließ, hatte diese Aufgabe zwingend zu übernehmen. Um diese Uhrzeit war für gewöhnlich niemand zu Hause. Mir hatten die Eltern erst nach langem Drängen und vielem Drohen einen Haustürschlüssel ausgehändigt, als sie mich ein halbes Jahr zuvor endlich für reif genug erklärt hatten.
Wieso in aller Welt stand ich also vor einer offenen Haustür, die meine Eltern mit einem Spezialschloss zur sichersten Haustür von ganz Swansea, nein, von ganz Wales, wenn nicht sogar von ganz Großbritannien gemacht hatten?
Mit einem flauen Gefühl im Magen betrat ich das Haus. Mein Herz hämmerte plötzlich wie verrückt in meiner Brust.
Zuerst schaute ich mich in den Zimmern im Erdgeschoss um. Leer. Keine Menschenseele.
Ängstlich stieg ich die Stufen nach oben, um die Räume dort zu inspizieren. Ich wusste nicht, was genau mich erwartete. Panisch versuchte ich, alle aufkeimenden Sorgen aus meinem Gehirn zu verbannen, die sich mit blühender Fantasie darin festsetzen wollten. Immer wieder dachte ich: »Was ist, wenn …?«
Doch auch in den Zimmern im oberen Stockwerk war nichts. Nichts und niemand.
Erst jetzt bemerkte ich, dass mein rechter Arm schmerzte, mit dem ich nach wie vor das kurze Surfboard umklammert hielt. Erschöpft ließ ich es zu Boden gleiten.
Warum nur stand die verfluchte Haustür offen? Das konnte doch kein Zufall, kein unachtsames Vergessen gewesen sein. Nie hätten meine Eltern das Haus ungesichert verlassen!
Wie durch einen Geistesblitz fiel mir das letzte Zimmer im Haus ein, in dem ich noch nicht nachgeschaut hatte: das Arbeitszimmer meines Dads.
Der Schlüssel für die stets verschlossene Tür befand sich in einem Schubfach in der Küche. Wir durften ihn nur im äußersten Notfall verwenden. Heute war für mich dieser Fall eingetreten.
Etwas stank gewaltig, und ich musste dem auf den Grund gehen.
Ich nahm zwei Stufen auf einmal, um zurück ins Erdgeschoss zu gelangen. Mit dem Schlüssel in der Hand lief ich rasch in Richtung Arbeitszimmer, das am Ende der Diele lag. Ich bog um die Ecke und steckte mit zitternder Hand den Schlüssel ins Schloss. Was genau ich im Arbeitszimmer zu suchen hatte, wusste ich selbst nicht. Fast gleichzeitig vernahm ich Schritte in der Diele.
Verdammt, ich Idiot! Vor lauter Aufregung hatte ich ebenfalls vergessen, die Haustür hinter mir zu schließen. So blöde stellte ich mich doch sonst nicht an!
Langsam richtete ich mich wieder auf. Mein Herz schien kurz stehenzubleiben, nur um dann wild und ungestüm in der Brust gegen die Rippen zu boxen. Meine Augen fixierten die Dielenecke. Die Schritte wurden langsamer, bis sie anhielten. Außer dem Vorschlaghammer in meinem Körper konnte ich absolut nichts mehr hören.
Leise drang eine Stimme zu mir durch.
»Daniel, bist du das?«
Mein Gehirn benötigte mehrere Anläufe, bis die Worte mich erreichten. Plötzlich sah ich den Kopf meines Dads.
Ich musste ihn wohl mit verwirrtem Ausdruck angestarrt haben. Auch er schien nach einer Erklärung für jene sonderbare Situation zu suchen. Mit leicht irritiertem Lächeln sah er mich an.
»Hallo, Daniel, du bist aber früh zu Hause. Schau nicht so verwirrt. Bei uns in der Firma gab es heute nichts mehr zu tun. Deshalb bin ich auch früher dran als sonst.«
»Aha.« Mehr brachte ich in diesem Augenblick nicht heraus, denn erst am Vortag hatte sich mein Dad beim Abendessen darüber beklagt, dass Berge von Arbeit auf ihn warteten und er deshalb in nächster Zeit nicht früh zu Hause sein könnte.
Na, so etwas?
Natürlich spürte er mein Misstrauen sofort und machte etwas, was ihm bei mir immer wieder gelang. Langsam kam er auf mich zu und säuselte mit einem Lächeln, jedoch mit unverkennbar ironischem Unterton: »Ja, und erlaubst du mir die Frage, was du in meinem Arbeitszimmer zu suchen hast?«
Wie zum Kuckuck schaffte es Dad immer wieder, mich innerhalb von wenigen Sekunden wie einen kleinen, trotteligen, vierjährigen Jungen dastehen zu lassen?
Dann erinnerte ich mich an den eigentlichen Grund, warum ich mich hier aufhielt.
Als ich mich nach Mom und Emma erkundigte und von der geöffneten Haustüre erzählte, jagte mir das Entsetzen in Dads Augen Angst ein.
»Was ist mit Mom?«, fragte ich voll Panik.
»Nichts. Sie wollte mit Emma nach London fahren und hat mir im Büro Bescheid gegeben, dass es heute später werden könnte. Aber die Haustür stand offen, sagtest du?«
»Ja, keine Ahnung, was das zu bed …«
Dad unterbrach mich mit einem knappen: »Stopp, warte!«
Dabei klopfte er sein Jackett in Brusthöhe ab, als wollte er etwas in der Innentasche ertasten. Ich beobachtete ihn genau, konnte mit seiner weiteren Reaktion aber wenig anfangen.
Fast erleichtert ließ er seine Hände sinken, setzte ein strahlendes Lächeln auf und sagte dann wie ausgewechselt: »Mom hat sicherlich vergessen, die Haustür zu schließen. Alles halb so wild. Was soll hier im Haus auch schon wegkommen?
Was hältst du davon, wenn wir bei Tonys zusammen Pizza essen gehen? Bei uns scheint die Küche heute kalt zu bleiben, und ich habe einen Bärenhunger.»
Tonys mit Dad oder verhungern. Klasse Auswahl. Auf der Fahrt im Auto sprachen wir nicht viel miteinander, und ich konnte endlich meinen widersprüchlichen Gedanken nachhängen.
Was hatte all das zu bedeuten? Trotz des außergewöhnlichen Vorfalls machte sich mein Dad noch nicht einmal die Mühe, nach der Ursache zu suchen. Außerdem war er meines Wissens zuvor nie bei Tonys gewesen und kannte die Pizzeria, wenn überhaupt, nur vom Vorbeifahren. Das ist genau genommen mein Lokal, weil sich dort immer irgendwelche Leute aus unserer Schule treffen. Nachdem wir Platz genommen hatten, suchte ich mit den Augen das Lokal ab. Glücklicherweise war niemand zu sehen, den ich kannte.
Nach den ersten Bissen der genialsten Pizza des Landes schoss mein Dad den Vogel ab. Und zwar fragte er mich allen Ernstes, als ich gerade ein riesiges Stück von der Pizza im Mund hatte, ob er und Mom bei meiner Geburtstagsparty am Strand dabei sein dürften. Das war nun wirklich zu viel des Guten!
Vor Schreck verschluckte ich mich fürchterlich und begann zu husten.
Nachdem ich endlich wieder Luft bekam, war es endgültig um meine Fassung geschehen. Immer noch hustend benötigte ich einige Anläufe, um die Frage herauszupressen: »Dad, was soll dieser ganze Scheiß? Sorry, aber ich hab genug für heute! Was ist da in der Innentasche deines Jacketts? Denkst du, ich sei zu blöde und würde nicht merken, dass ihr seit Jahren bei uns zu Hause etwas versteckt?«
Bedächtig lehnte Dad sich zurück und stützte sein Kinn nachdenklich mit der rechten Hand ab.
Je länger er grübelte, desto unwohler fühlte ich mich in meiner Haut.
Als ich gerade begann, meine Worte zu bereuen, antwortete er mir in sehr langsamem und bedächtigem Tonfall.
»Daniel, erstens haben wir damals gemeinsam im Familienrat entschieden, dich eine Klassenstufe überspringen zu lassen. Das wirst du noch wissen. So komme ich auch schon zum zweiten Punkt: Mir ist nicht verborgen geblieben, dass du ein sehr cleverer und intelligenter Junge bist.«
Reflexartig funkelte ich ihn böse an. Also ehrlich, das hätte Dad sich wirklich sparen können.
»Entschuldige bitte, du bist auch ein sehr intelligenter Mann. Das ist mir sehr wohl bewusst. Und da mir all das nicht neu ist, möchte ich dir gern ein paar wichtige Dinge erzählen, die unsere Familie betreffen. Jedoch nicht hier in diesem Lokal. Lass es uns machen, wenn wir zu Hause einen Moment der Ruhe finden. Am besten nach deinem Geburtstag in drei Tagen. Oder besser noch nach deiner Feier in der Caswell Bay, wenn du wieder einen Kopf dafür hast.«
Wow! Ich sollte in Familiengeheimnisse eingeweiht werden. Endlich!
Schlagartig änderte sich die angespannte Atmosphäre, und es wurde noch ein einigermaßen gemütliches Abendessen. Ich dachte erst wieder an all die seltsamen Dinge des Tages, als wir mit unserem Auto in die Einfahrt der Queensroad einbogen und ich das Gesicht von Mom erblickte.
Mom schien auf uns gewartet zu haben. Sie stand an der Einfahrt direkt unter einer Straßenlaterne, die ihr Gesicht erhellte. Blass, mit dunklen Augenringen. Dad stellte den Wagen ab, stürzte schnell auf sie zu und fragte in unüberhörbar besorgtem Ton: »Hallo, Schatz. Was ist los? Ist irgendetwas mit den Mädchen?«
»Nein, alles in Ordnung. Emma ist oben am Packen. Deine SMS hat mich nur ein wenig nachdenklich gemacht, John.«
Sofort sah Dad sich nach mir um. Dann packte er Mom am Arm und sagte: »Das klären wir gleich. Komm, lass uns noch eine Runde drehen, ich könnte etwas frische Luft gebrauchen.«
Unter anderen Umständen hätte mich die Geheimniskrämerei extrem genervt. Doch mir schossen Erinnerungen in den Kopf, die unter anderem Sue betrafen. Ich musste allein sein, und zwar so schnell wie möglich.
In meinem Zimmer legte ich mich für einen Moment aufs Bett und schaltete das Radio des Handys ein, um Musik zu hören. Trotzdem war meine Stimmung auf dem Nullpunkt. Sue war mit Ken zusammen, einem arroganten Schönling. Der Gedanke daran brachte mich fast an den Rand des Wahnsinns. Mit einem Satz war ich wieder auf den Beinen.
Trinken, das war es!
Ich hatte einen unbändigen Durst. Ein kaltes Getränk würde hoffentlich auch die überhitzten Gedanken abkühlen. Meine Augen suchten das Zimmer ab. Außer einer angebrochenen Dose Coke war nichts zu finden. Genervt lief ich nach unten und hoffte inständig, niemandem über den Weg zu laufen. Ich hätte es nur schwer ertragen in meinem Zustand jemandem aus meiner Familie zu begegnen.
Als ich am Arbeitszimmer vorbeikam, hörte ich die Stimme meiner Mom. Sie waren also wieder zurück. Ich wollte schon weitergehen, doch etwas an Moms Tonfall ließ mich aufhorchen.
»John, das mit Patrick darf sich nicht wiederholen! Ich halte das nicht mehr durch. Wäre es doch nur schon Donnerstag, dann wüssten wir mehr. Aber stell dir mal vor, wenn es so weit kommen sollte … Daran darf ich gar nicht erst denken!«
Die anschließende Stille hinter der Arbeitszimmertür wurde nur durch einen Seufzer und ein Schniefen unterbrochen.
Dann hörte ich Dad.
»Ja, Schatz, mir geht es auch nicht viel besser. Wie gut, dass ich ihn in den letzten Tagen nicht mehr hier gelassen habe. Wir dürfen ihn bis Donnerstag nicht mehr aus den Augen lassen. Deshalb werde ich ihn immer bei mir tragen, natürlich geschützt durch die Folie. Vielleicht hat es auch keine Bedeutung, aber wir müssen das hier auf jeden Fall zu Ende bringen. Du hast Recht, an Daniels Geburtstag wissen wir mehr, und bis dahin sind es immerhin noch drei Tage. Vielleicht haben wir ja auch Glück, und unsere Ängste sind unbegründet.«
Was ging da eigentlich vor sich? Was durfte sich nicht wiederholen? Und warum wurden mir Dinge vorenthalten, die ganz ohne Zweifel mich und meinen Geburtstag betrafen?
Mir war endgültig alles zu viel.
Meine Gedanken sausten in meinem Gehirn wie auf einer Achterbahn herum. Wie auf der Loopingbahn überschlug sich alles. Ich wollte nur noch eins: so schnell wie möglich in mein Bett, um dem schrecklichen Tag ein Ende zu setzen. Die Bettdecke über den Kopf ziehen und vergessen. Nach Möglichkeit alles.
Als ich am Donnerstagmorgen meinen Wecker ausmachte, hörte ich unten schon geschäftiges Treiben. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, mich wie jeden Morgen zu duschen. Meine blonden Haare waren ein wenig zu lang, sodass sich ein paar Wellen formten, die ich aber mithilfe des Föhns und jeder Menge Gel in den Griff bekam.
Eigentlich war mit mir und meinem Selbstbewusstsein alles okay. Bis auf die Sache mit Sue und Ken.
Sofort verdrängte ich den trüben Gedanken und machte mich auf den Weg nach unten, um die ersten Geburtstagsglückwünsche entgegenzunehmen. Selbst meine beiden älteren Schwestern Maggie und Jil, die in Conwy arbeiteten, waren unter den Gratulanten.
Als Letzter stand Dad vor mir. Er überreichte mir ein kleines, verpacktes Geschenk.
»Alles Gute zum Geburtstag, Daniel! Mom und ich haben für dich ein etwas außergewöhnlicheres Geschenk. Wenn es dir nicht gefällt, bekommst du natürlich ein anderes.«
Die Worte machten mich zwar neugierig, da es in unserer Familie aber ein Geburtstagsritual war, zum einen beim Frühstück zu schweigen und zum anderen eines der Geschenke erst am Abend zu öffnen, wählte ich enttäuscht das kleine Päckchen meiner Eltern dafür aus. Denn eins stand schon mit Sicherheit fest: Ein neues Brett zum Wellenreiten würde ich darin nicht finden. Auch keins zum Zusammenklappen. Nachdem ich die Geschenke meiner Schwestern ausgepackt hatte, stand ich vom Tisch auf, nickte jedem freundlich zu und machte mich auf den Weg in die Schule.
Draußen blies ein angenehm kühler Wind, doch ich war so in Gedanken, dass ich ihn kaum wahrnahm.
Na super! Selbst ein eigentlich simpler Geschenkwunsch wurde mir nicht erfüllt. Kein neues Surfboard. Und in der Schule würde ich mich wieder selbst kasteien. Seit Jack und ich Sue mit Ken gesehen hatten, schenkte sie mir noch weniger Beachtung als zuvor – wenn das überhaupt möglich war.
In Gedanken versunken stand ich immer noch auf der Türschwelle, als die Haustür hinter mir wieder aufgerissen wurde. Gereizt wollte ich meiner Schwester schon die Meinung sagen. Als ich mich aber umdrehte, stand nicht Emma in der Tür, sondern Mom, mit glasigen Augen.
Sie zog mich in die Diele zurück, umarmte mich fest und überschwänglich und sagte mit leicht zitteriger Stimme: »Danny, ich bin fürchterlich neugierig darauf, ob dir unser Geschenk gefällt, und kann einfach nicht bis heute Abend warten.«
Sie streckte mir das kleine Päckchen entgegen. Da ich ihr nur schlecht etwas abschlagen konnte, öffnete ich auch das letzte Geschenk noch am Morgen. Was zum Vorschein kam, konnte ich kaum glauben: Es war ein Stift, ein ganz stinknormaler Stift! Weder hatte er eine besondere Gravur noch ein besonderes Aussehen. Er war durchsichtig mit einer dicken, roten Mine darin. Das war aber auch das einzig Außergewöhnliche.
Unter dem erwartungsvollen Blick meiner Mom packte ich ihn aus der Plastikhülle. Als ich wieder aufschaute, um mich für das »unglaublich supertolle Geschenk« zu bedanken, sah ich ins Leere. Ein Schlag – und Mom kippte ohnmächtig zu meinen Füßen. Die anderen Familiemitglieder waren sofort da und kümmerten sich um Mom. Nachdem sie in ihrem Bett wieder zu sich gekommen war, schickte sie mich vehement zur Schule. Natürlich wollte ich nicht, doch wer könnte schon einer schwächelnden Mom etwas abschlagen?!
Widerwillig machte ich mich auf den Weg. Doch das hätte ich lieber bleiben lassen sollen! Professor Zac hatte die nächste Gelegenheit gefunden, mir eine weitere Extrastunde aufzubrummen. Natürlich schenkte er mir keinen Glauben, als ich ihm in etwas abgewandelter Form von dem Zwischenfall zu Hause erzählte.
Somit musste ich mich durch zwei Stunden mit kniffeligen Grammatikaufgaben in Englisch quälen. Noch diesen letzten Satz hinschmieren und die beiden vergangenen Stunden würden mir wegen meinem Geburtstag immer in Erinnerung bleiben … Mit einem Stein im Magen verließ ich das Schulgebäude. Ich war sauer und enttäuscht und hatte nicht mehr die geringste Lust zu Feiern, geschweige denn auf den komischen Stift in meiner Jackentasche.
Emotionsgeladen steuerte ich auf einen Papierkorb zu und zog das Geschenk meiner Eltern aus der Tasche. Mit Zorn, der zwischenzeitlich ins Unermessliche gestiegen war, betrachtete ich den Stift. Hektisch wickelte ich ihn aus der Folie und donnerte ihn mit voller Wucht in den Papierkorb. Warum ich anschließend tat, was ich tat, wusste ich nicht. Doch ich beugte mich nach dieser Aktion sofort wieder über den Abfalleimer, um den Stift zu suchen. Nachdem ich ihn entdeckt und herausgeholt hatte, durchströmte mich ein unglaubliches Glücksgefühl, dass ich ihn wieder zwischen meinen Fingern spürte.
Na, jetzt geht’s aber los! Das ist doch bloß ein blöder Stift!
Ich war wohl auf dem besten Weg, verrückt zu werden. Überrascht von den Glücksgefühlen, die ein gewöhnlicher roter Stift in meiner Hand hervorrief, ließ ich ihn erneut in den Mülleimer fallen. Fast fluchtartig rannte ich davon. Weg von dem Schulgelände! Erst recht aber weg von dem Papierkorb!
Nachdem ich mehrere hundert Meter gejoggt war und mir ein aufkommender Sturm das Gefühl vermittelte, dass diese Kraft auch meine Gedanken reinigen würde, ging es mir ein klein wenig besser.
Zuvor wollte ich nur umkehren und den Stift in meinen Händen halten. Umso erleichterter war ich, als mir einige meiner Schulfreunde, darunter auch Jack, entgegenkamen. Sie erzählten mir, dass ich keine andere Wahl hätte, als mit ihnen zum Bowling zu kommen, da sie die Bahn bereits gebucht und bezahlt hatten.
Es wurde tatsächlich ein lustiger und unbeschwerter Abend.
Später, nachdem ich nach Hause gekommen war und gerade die Haustür hinter mir verriegelt hatte, dachte ich mit einem unglaublichen Verlustgefühl an den Stift.
Stimmen drangen zu mir in den Flur. Im Wohnzimmer saß ein Gast, mit dem meine Eltern sich angeregt unterhielten. Sie bemerkten mich erst, als ich mich räusperte. Sofort stand der fremde Mann mit den wirren grauen Haaren auf.
Er lächelte mich an und sagte: »Guten Tag, mein Name ist Sir Edmund. Du bist sicher Daniel. Schön, dich kennenzulernen, und auch von mir die besten Glückwünsche zu deinem Geburtstag!«
Bei seinen Worten suchte ich den Blick meiner Eltern, doch sie vermieden es, mich anzusehen.
Tonlos brachte ich nur noch hervor: »Danke! Ich bin müde, gute Nacht.«
In meinem Zimmer warf ich mich aufs Bett. Auf dem Notebook sah ich mir all die Boards an, von denen ich schon lange geträumt hatte. Doch ich musste mir eingestehen, dass es keinen Sinn machte, diesen schönen Gedanken nachzuhängen. Tief in meinem Herzen hatte ich auf eins der genialen, schnellen und windschlüpfrigen Boards gehofft.
Die Enttäuschung saß tief.
Erneut wuchs ein riesiger Kloß in meinem Hals. Das Gefühl war mir neu – wie so vieles in meinem Leben.
Zuletzt dachte ich an jenen seltsamen Stift mit seiner roten Mine. Dann sank ich in einen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Morgen traf ich in der Diele auf Sir Edmund. Überrascht starrte ich ihn an. Was macht denn der noch hier?, schoss es mir durch den Kopf.
»Der Sturm!«, erklärte er lapidar.
Komisch. Draußen war es seit meinem Nachhauseweg am Abend zuvor wieder nahezu windstill.
Als ich im Unterricht an nichts anderes mehr denken konnte als an den sonderbaren Stift, musste ich unbedingt etwas tun, um auf andere Gedanken zu kommen. Eigentlich wollte ich in den Stunden bei Professor Zac nie wieder etwas zeichnen. Doch mein Vorsatz hielt nicht lange, da Zeichnen mich immer noch am besten ablenkte. Hektisch suchte ich mit der linken Hand in der Jackentasche nach einem Bleistift. Da war immer einer zu finden. Was ich allerdings hervorzog, ließ mein Herz einen Schlag lang aussetzen. Ich traute meinen Augen nicht.
Es war kein Bleistift, sondern jener Stift, den ich am Vortag weggeworfen und an den ich dann ununterbrochen gedacht hatte. Wie versteinert saß ich mit dem Stift in der Hand da. Schließlich drang Jacks Stimme zu meinem Gehirn vor.
»Hey, Danny, aufwachen! Komm schon, schnell! Zac dreht durch, wenn ich schon wieder keinen dabeihabe. Stift her, Danny!«
Die letzten Worte presste er nur noch hervor. Reflexartig schob ich den Stift in meiner Hand zu ihm hinüber.
Als sich Jacks Hand dem Stift näherte, verfolgte ich die Szene wie in Trance, und es überkam mich ein merkwürdig beklemmendes Gefühl. Ich wusste, woher auch immer, dass Jack ihn nicht anfassen durfte. Doch es war zu spät. Er nahm ihn an sich, nur um ihn sofort wieder zwischen uns auf den Boden fallen zu lassen.
Sauer zischte er mich an: »Hey, sag mal, spinnst du? Was soll denn der Scheiß? Das war kein guter Witz, verstanden?«
Damit hatten wir die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse endgültig auf uns gezogen. Natürlich auch die von Zac – wieder einmal.
Als er auf unseren Tisch zusteuerte, hatte ich nur einen Gedanken: Ich musste meinen Stift schützen! Das Scheusal von Professor durfte ihn unter keinen Umständen in die Finger bekommen. Bemüht unauffällig stellte ich meinen Fuß darauf. Mehr konnte ich nicht mehr tun.
Zac stand direkt vor unserem Tisch, schaute mir tief in die Augen, fing an siegessicher zu Lächeln und sagte vernehmlich: »Her damit!«
Widerwillig bückte ich mich nach dem Stift und überreichte ihn Zac voll Wut. Seine Reaktion war noch seltsamer als die von Jack: Ein kurzer, für einen Mann viel zu schriller Schrei erfüllte den Klassenraum. Der Stift flog durchs Zimmer, während Zac mich mit zusammengekniffenen Augen anfunkelte. Schmerzvoll verzog er das Gesicht und hielt sich seine Hand mit der anderen, wobei er mühevoll seine Worte hervorpresste:
»Daniel Frayne, komm sofort mit dieser irren Erfindung ins Rektorat!«
Dort angekommen, konnte ich kaum glauben, was ich sah. Zacs Verletzungen an der Hand, die ihm mein Stift zugefügt haben sollte, waren einfach nur krass. Am Zeige- und Mittelfinger sowie am Daumen waren ziemlich große Brandblasen entstanden, und vor Schmerzen schimmerten ihm ganz offensichtlich Schweißperlen auf der Stirn.
»Warte hier«, brachte er keuchend hervor. Dann verließ er unter unablässigem Murmeln das Zimmer. »Hab ich doch gleich gesagt, dieser Junge hat nichts in dieser Stufe zu suchen! Hochbegabt, dass ich nicht lache! Nur gefährlich, dieser …«
Mehr konnte ich nicht hören, da Zac sich zu weit von mir entfernt hatte.
Es reichte aber auch so, ich hatte genug gehört. Es war also nicht nur ein Gefühl, dass Zac mich nicht leiden konnte. Er hatte es mir gerade mehr oder weniger offiziell mitgeteilt.
Ein sonderbares Gefühl beschlich mich, welches sich nicht ohne weiteres deuten ließ. Mit Sicherheit wusste ich allerdings, dass ich nicht die geringste Lust hatte, mich mit dem unfähigen Lehrer auseinanderzusetzen. Sicher war außerdem, dass ich nur noch aus dem altmodischen Besuchersessel des Rektorats heraus wollte. Am liebsten wäre ich an der Caswell Bay gewesen, um dort über so viele Dinge in meinem Leben nachzudenken. Leider war mir das aber nicht vergönnt. Zac kam und kam nicht zurück. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, warum Jack den Stift hatte fallen lassen, geschweige denn, wie es zu den Handverletzungen bei Zac gekommen war. Intuitiv griff ich in meine linke Jackentasche. Als ich den Stift in der Hand spürte, durchströmte mich Wärme, die jede Zelle meines Körpers einzunehmen schien.
Seltsam.
Wieder eine neue Reaktion auf den Stift. Was war nur los mit mir? Wahrscheinlich waren die sonderbaren Zwischenfälle der letzten Tage schuld daran. Kein Grund, darüber zu grübeln.
Neugierig betrachtete ich den Stift zwischen meinen Fingern, wendete ihn immer wieder von oben nach unten. Dabei wanderten nur die wenigen kleinen Luftblasen in der roten Flüssigkeit auf und ab. Mehr geschah nicht, und es gab keine Brandblasen an meinen Fingern. Beim Anblick der roten Mine wurde mir erneut warm. Besser gesagt: richtig heiß. Sofort schob ich den Stift in die Jackentasche zurück und versuchte, mich krampfhaft abzulenken, indem ich an etwas anderes dachte. Ich betrachtete das Rektorat eingehender. Es gehörte eindeutig zur Kategorie alt und langweilig. In der Mitte des Raumes stand ein großer Konferenztisch, und auf der linken Seite befand sich der Schreibtisch von Professor Blind, dem Rektor der Gore School.
Als ich schon dachte, mein restliches Leben dort drinnen verbringen zu müssen, ging endlich die Tür auf. Doch nicht Zac kam heraus, um mich zu erlösen, sondern ich schaute direkt in das Gesicht meines Dads.
»Rektor Blind ist nicht da. Deshalb hat sich dein Kursleiter in seinem Auftrag bei mir gemeldet. Ich sollte dich so schnell wie möglich abholen. Über weitere Konsequenzen werden wir informiert. So lange bist du vom Unterricht suspendiert.«
Peng, das saß!
Die Art und Weise, in der Dad das sagte, verletzte mich zutiefst. Hörte ich da Enttäuschung heraus? Was war nur in den letzten Tagen aus meinem Leben geworden? Warum befand es sich plötzlich auf einer Achterbahn, die unentwegt nach unten schoss, ohne dass ich überhaupt jemals hatte einsteigen wollen?
Dad stand in der Tür und behandelte mich gerade wie ein kleines Kind, das außerdem noch verhaltensauffällig und schwer erziehbar sei. Unfassbar. Und das alles wegen dieses blöden Geschenks, das ich von ihm erhalten hatte. Das konnte doch nicht wahr sein! Die aufsteigenden Wuttränen konnte ich nicht zurückhalten.
Es war weder der richtige Ort noch die angemessene Lautstärke, doch ich konnte mich nicht mehr kontrollieren. Verzweifelt brüllte ich Dad an: »Ich fasse es einfach nicht! Sag mal, Dad …, warum fragst du mich nicht, wie es wirklich war? Oder interessiert dich meine Version überhaupt nicht? Glaubst du nur den schwachsinnigen Worten eines alten, knöcherigen Professors?«
Erneut tauchte mein Lehrer im denkbar ungünstigsten Moment auf und stand ohne Vorwarnung mit verbundener Hand plötzlich hinter Dad.
Oh, Hilfe! Wie viel hatte er von dem gehört, was ich gerade über ihn gesagt hatte?
Nach einem peinlichen Moment des Schweigens ergriff Dad als Erster das Wort.
»Nun, ich denke, Sie haben mir bereits am Telefon alles gesagt. Sie entschuldigen uns jetzt bitte, Professor.«
»Warten Sie, Mr. Frayne. Gern würde ich noch das ein oder andere Wort mit Daniel wechseln. Allein.«
Dad zögerte kurz, doch dann nickte er knapp, drehte sich um und ließ uns allein im Rektorat zurück.
»Daniel, komm und setz dich zu mir an den Konferenztisch.«
Instinktiv wählte ich von den acht vorhandenen Stühlen den aus, der am weitesten vom Professor entfernt stand.
»Daniel, sieh mich an! Ich muss wissen, woher du diese irre Erfindung hast bzw. was du damit vorhattest! Ich will jetzt nicht vom Schlimmsten ausgehen, dass du diese Waffe selbst entwickelt hast …«
O mein Gott, wo war ich da nur hineingeraten? Darauf gab es keine Antwort. Zumindest keine vernünftige. Ich wusste es doch selbst nicht. Zac ließ mich nicht aus den Augen, während er immer wieder mit seiner gesunden Hand die verletzte am Knöchel umfasste.
Meine Gedanken überschlugen sich, aber mir fiel keine plausible Antwort ein. Ich konnte ihm ja schlecht die Wahrheit erzählen. Selbst wenn, wer würde mir das schon glauben?
»Also gut, du bleibst stur. Dachte ich es mir doch! Dann muss dieser Stift eben dem Rektor gezeigt werden. Leg ihn sofort auf dessen Schreibtisch. Mehr habe ich dir für heute nicht zu sagen.«
Ruckartig stand Zac auf, ging zu Blinds Schreibtisch und streckte mir eine Plastikfolie entgegen.
»Los, rein damit!« Kurz starrte Zac auf seine verbundene Hand. »Warte, mach du es selbst, leg den Stift in die Folie und lass ihn dann hier auf diesem Tisch zurück.«
Wie versteinert blieb ich sitzen. Was wurde da von mir verlangt? Unter keinen Umständen wollte ich meinen Stift in der Schule lassen. Langsam glitt meine Hand in die Tasche, doch mein Gehirn weigerte sich, sie auch nur einen Millimeter wieder hervorzuziehen.
»Frayne, ich warne dich! Her damit, oder du wirst an keiner Schule im ganzen Land mehr aufgenommen! Dafür werde ich persönlich sorgen, dessen kannst du dir sicher sein!«
Mit einem zwiespältigen Gefühl der Trauer und der Erleichterung legte ich den Stift in die Folie und verließ das Rektorat, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Ich hatte keine Kraft mehr, mich dem Geschehen weiter zu widersetzen.
Zu Hause öffnete uns Mom die Tür. Ich konnte nicht anders und fiel ihr im Flur in die Arme, wobei ich sie schon um mehr als einen Kopf überragte.
Ihr fast schwarzes Haar kitzelte mir in der Nase. Erst dann bemerkte ich ihre etwas steife Haltung. Langsam löste ich mich von ihr und sah sie an. Ihre gelbbraunen Augen wollten mich warnen, doch es war bereits zu spät. Sir Edmund tauchte auf. Na, super!
Ich hatte keine Lust auf Gesellschaft. Doch wen interessierte das schon?
Er strahlte mich wieder an und sagte überschwänglich: »Hallo, Daniel, komm mit uns ins Esszimmer. Es gibt großartige Neuigkeiten.«
Mit pochenden Kopfschmerzen und Übelkeit stürzte ich hinaus. Ich brachte noch ein »Sorry, brauche Luft« heraus, bevor ich mich im Vorgarten übergab. Nach einer kurzen aber heftigen Schwindelattacke fühlte ich mich langsam wieder besser.
Ich wollte definitiv nicht zurück ins Haus, sondern erst mal weg.
Langsam ging ich zu Jack. Er musste mir dringend helfen, die geplante Party in der Bay abzusagen.
In einem Anflug von schlechtem Gewissen dachte ich an die riesige Menge von Lebensmitteln zu Hause. Sofort wurde mir erneut übel.
Nein! Stopp! Das ist egal, ermahnte ich mich in Gedanken. Zum einen regnete es in Strömen, und zum anderen war mir sowieso nicht nach Feiern zumute.
Jack war anfangs noch etwas reserviert, glaubte mir dann aber doch, dass ich keine Ahnung von der Gefährlichkeit des Stifts gehabt hatte. Er beschrieb mir sogar den Moment, in dem er meinen Stift in die Hand genommen hatte. Es war für ihn so gewesen, als hätte er mehrere Stromstöße abbekommen, gepaart mit einer unglaublichen Hitze.
Doch leider konnten wir damit nichts weiter anfangen. Daher widmeten wir uns erst einmal den wichtigen Dingen des Tages. Jack half mir dabei, die geplante Party an der Bay abzublasen – das gute Zureden forderte seinen Tribut. Denn eigentlich hatte ich mich seit Wochen darauf gefreut. Das musste ich mir eingestehen. Dennoch stand jetzt in meinem facebook-Profil: Veranstaltung abgesagt. Und Punkt. Daran gab es nichts mehr zu rütteln.
Kaum hatte Jack mit den wenigen, die nicht in facebook sind, gesprochen, vibrierte auch schon mein Handy.
Auf dem Display konnte ich lesen: »Home.«
Ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen drückte ich den Anruf weg. Ich hatte nicht die geringste Lust mit den Verursachern dieser ganzen Katastrophe zu reden. Doch es half nichts.
»Ja, einen Moment bitte, Mr. Frayne, Daniel ist bei uns. Danke, Ihnen auch noch einen schönen Abend«, sagte Jacks Ma und reichte mir den Telefonhörer mit den Worten weiter: »Dein Dad möchte dich sprechen.«
Na, toll. Wie lange sollte der Nervenkrieg noch gehen? Hatte ich denn überhaupt keinen Anspruch mehr auf ein Privatleben?
»Ja, was gibt’s?«, meldete ich mich etwas reserviert.
»Danny, sag mir bitte nur, ob du deinen … Ich meine … ähm, ob du … Na ja, hast du den Stift bei dir?« Stotterte Dad die Frage flüsternd in den Hörer.
Darum ging es also mal wieder. Um mein supertolles und verletzungsgefährdendes Geburtstagsgeschenk.
»Klar, dass es bei deinem dringenden Anruf mal wieder um diesen blöden Stift …«
»Daniel, sag mir doch einfach nur, wo er sich befindet, und ich lasse dich in Ruhe«, unterbrach Dad mich sehr bestimmend.
»Im Rektorat.«
Mein Vater erhob seine Stimme: »O nein, das ist jetzt nicht dein Ernst?«
»Sorry, aber ich verstehe die ganze Aufregung um den Stift wirklich nicht. Also bye, Dad.« Genervt beendete ich das Gespräch.
Doch ich fand keine Ruhe mehr, was Jack nicht verborgen blieb. Deshalb schlug er mir vor, mich nach Hause zu begleiten, um die dicke Luft zu bereinigen.
Schon als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, wurde die Tür von Mom aufgerissen. So hatte ich sie noch nie gesehen: Sie hatte rote und geschwollene Augen, und ihr Gesicht war übersät von roten Flecken.
»Hey, alles okay?«, fragte ich sie hilflos.
»Daniel, du musst dein Geschenk unbedingt heute Abend noch an dich bringen! Glaube und vertraue mir. Ich würde das nie von dir verlangen, wenn es nicht so wichtig wäre.«
Dann drehte sie sich um und verschwand.
Die Tür fiel ins Schloss, und Jack meinte nur: »Wow, Danny, ich denke, du hast tatsächlich ein Problem.«
Was mich genau dazu trieb, den Stift wieder besitzen zu wollen, war letztlich egal. Ich musste ihn einfach wiederhaben. Und zwar sofort. Neue Energie und Abenteuerlust durchfuhren meinen ganzen Körper bis in die Haarspitzen.
Auf dem Weg zur Gore School hatte ich Jack bereits eingeweiht. Uns fiel allerdings kein sonderlich brauchbarer Plan ein, um unbemerkt ins Rektorat zu kommen. Während wir überlegten, ging allmählich die Fantasie mit uns durch.
Wir malten uns alle möglichen Aktionen im Kopf aus – bis hin zu Spiderman. Als wir bei Harry Potter mit seinem silbernen Tarnumhang landeten, war es endgültig um uns geschehen. Wir konnten uns vor Lachen kaum noch bremsen. Das ganze geschah so laut, dass natürlich etwas passieren musste!
»Was soll das, was lungert ihr hier herum?«, fragte jemand verärgert hinter uns.
Erschrocken drehten wir uns um.
»Oh, Daniel Frayne und Jack Meyer, ihr seid es. Tut mir einen Gefallen und seid um diese Zeit bitte nicht so laut auf dem Schulgelände. Rektor Blind tagt noch mit einigen Kollegen wegen eines sehr wichtigen Themas.«
Schlagartig verging mir das Grinsen, und mein Unbehagen wuchs. Das Rektorat war also nicht leer …
Mrs. Corn, die Hausmeisterin, lächelte uns freundlich an und fragte: »Aber sagt mal, was habt ihr beide heute Abend noch an der Gore verloren, noch dazu am Wochenende?«
»Mom!«, rief eine bekannte Stimme im Dunkeln.
»Ich bin hier draußen!«, antwortete Mrs. Corn ihrer Tochter.
Als das Mädchen näher kam und uns erkannte, wurde es rot wie eine Tomate.
»Hallo, Kim«, begrüßte ich sie.
Kim war bis zur zehnten Klasse meine Mitschülerin gewesen, dann hatte ich eine Klasse übersprungen und war in die zwölfte gekommen.
»Tja, ich denke, es ist schon spät und ihr solltet besser nach Hause gehen«, sagte Mrs. Corn nach kurzer Pause.
Schlagartig erinnerte ich mich an mein eigentliches Vorhaben. Aber wie sollten wir es durchzuführen? Da Mrs. Corn über unsere Anwesenheit Bescheid wusste, konnten wir unter keinen Umständen heimlich ins Rektorat eindringen. Vor allem, da der Rektor auch noch da war.
Plötzlich kam mir eine Idee.
»Kim, du hast heute sicherlich von Zacs Handverletzung gehört. Blöderweise habe ich beim Warten im Rektorat meinen Schlüssel verloren. Der muss mir irgendwie aus der Hosentasche gerutscht sein. Deshalb sind wir heute Abend hier.«
Ich versuchte, die Dringlichkeit meines Anliegens mit meinem charmantesten Lächeln zu unterstreichen. Mannomann, ich befand mich auf sehr dünnem Eis! Eigentlich war ich weder ein guter Schwindler noch ein Mädchenheld, aber es ging an diesem Abend um mehr als um das Ausnutzen unerwiderter Schwärmereien.
Kim unterbrach meinen Gedankenfluss und sagte mit geröteten Wangen: »Ma wollte gerade Feierabend machen. Aber ich kann dir sicherlich helfen, oder, Ma?«
Wow, ihr Blick erinnerte mich an den meiner Schwestern, wenn sie unbedingt etwas haben wollten.
»Ich weiß nicht recht, Kim, dir ist doch bewusst, dass die Universalschlüssel der Schule sorgsam zu handhaben sind?«, sagte Mrs. Corn eindringlich und schaute dabei ihrer Tochter scharf in die Augen. »Daniel, ich werde dir erst dann Zugang zum Rektorat verschaffen können, wenn Professor Blind seine Sitzung beendet hat. Da das aber noch eine Weile dauern kann, werden wir es so machen, dass Kim den Schlüssel später für dich sucht und ihn bis Montag …«
»Nein, auf gar keinen Fall!«, fiel ich der Hausmeisterin entschieden ins Wort. »Bitte, Mrs. Corn, ich bekomme sonst einen riesigen Ärger mit meinen Eltern, die erst gar nicht erfahren dürfen, dass mein Schlüssel weg ist. Bitte, lassen Sie uns den Schlüssel noch heute Abend suchen. Sollte er nicht da sein, habe ich zumindest noch die Chance, ihn anderswo zu suchen, bitte«, sagte ich voll Verzweiflung, denn ich musste meinen Stift unbedingt heute noch zurückhaben.
»Na gut, dann kommt mal mit. Wir wollen schauen, was sich machen lässt«, murrte sie mitleidig und ging zur Eingangstür der Schule.
Das Rektorat befand sich im zweiten Stock am Ende des Ganges.
Je näher wir dem Zimmer kamen, desto mehr schlichen wir. Offenbar schien es leer zu sein, denn es waren keine Stimmen zu vernehmen, obwohl die Tür weit offen stand. Dort angekommen, schlüpfte ich sofort hinein und schloss reflexartig die Tür hinter mir.
»Daniel!«, rief Kim drängend und öffnete sie wieder einen Spalt.
Ich sah mich um. Da, auf dem Tisch, lag mein Stift genau so, wie ich ihn zurückgelassen hatte. Schnell packte ich die Plastiktüte und steckte sie in meine Tasche. Ich hatte es gerade bis zur Tür geschafft, als wir Schritte im Flur hörten.
»Guten Abend, die Herrschaften. Wir wollten nur nachsehen, warum das Licht noch brannte. Meine Tochter und ihr Freund gehen mir dabei zur Hand«, sagte Mrs. Corn geistesgegenwärtig.
»Der Raum war leer, irgendjemand muss vergessen haben, das Licht beim Verlassen zu löschen.«
»Das müssen wir gewesen sein«, sagte Rektor Blind lächelnd. »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Mrs. Corn. Hier ist alles in Ordnung, und Sie können Feierabend machen.«
Wir verabschiedeten uns schnell und verließen das Schulgebäude. Draußen fragte mich Mrs. Corn: »Hast du wenigstens deinen Schlüssel wieder?«
Ich nickte erleichtert. Nach vielen Dankesbekundungen an Kim und ihre Mutter verabschiedeten wir uns von ihnen.
Auf dem Nachhauseweg zeigte ich Jack den Stift. Als er ihn in meiner Hand betrachtete, glaubte ich ein faszinierendes Schimmern in seinen Augen zu sehen. Diese Reaktion machte mich seltsam fröhlich und aufgekratzt. Wir bemerkten erst, wie spät es eigentlich schon war, als wir vor meinem Elternhaus standen, wo kein Licht mehr die Fenster erhellte. Vorsichtig schlichen wir in mein Zimmer. Da Jack häufig bei mir schlief, war mein Sofa innerhalb weniger Sekunden zum Bett umfunktioniert.
Als gerade die Sonne aufging, wurde meine Zimmertür aufgerissen.
Dad stand im Türrahmen und fragte mich ohne Umschweife: »Hast du ihn?«
»Ähm, ja!«
Ein Grummeln kam es aus der anderen Ecke von Jack.
Dad stürzte ohne Vorankündigung ins Zimmer und umarmte mich mit den Worten: »Es ist nicht das erste Mal, dass ich von dir überrascht werde. Doch jetzt hast du endgültig den Vogel abgeschossen. entschuldigt die Störung.«
Dann verschwand er wieder.
Lange Zeit lag ich noch wach, doch irgendwann fielen mir die Augen zu. Als ich beim nächsten Erwachen an all die sonderbaren Geschehnisse des vergangenen Abends dachte, kam mir vieles unwirklich vor. So die Umarmung meines Dads, da er es bei uns Kindern nicht so mit körperlicher Nähe hatte.
Jack schlief noch, so konnte ich mir ungestört ein paar Gedanken zur Wochenendplanung machen. Auf jeden Fall wollte ich an den Strand zum Wellenreiten. Es waren sonnige 14 Grad vorhergesagt (für Anfang März auf der Insel ein Traum), zwar nur mit mäßigem Wind, aber der musste eben ausreichen. Meist gab es trotzdem ordentliche Wellen in der Bay.
Dann schob ich zur Kontrolle meine linke Hand unter das Kopfkissen. Der Stift lag noch an genau derselben Stelle wie in der Nacht. Mit einem kleinen Unterschied. Als ich ihn hervorzog, lag er angenehm warm in meiner Hand. Abermals überkam mich das überwältigende Glücksgefühl, und ich schob ihn schnell zurück unter das Kissen. Dann hob ich kurz meinen Kopf, um mich zu vergewissern, dass Jack von meiner Gefühlsregung nichts mitbekommen hatte. Er schlief noch tief und fest, wie mir seine tiefen Atemzüge verrieten.
Komisch war nur, dass mir das laute Geräusch nicht aufgefallen war, als ich den Stift noch in der Hand hielt, denn es war eigentlich unüberhörbar. Hatte mich der Stift so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich um mich herum nichts mehr mitbekam?
Schnell schob ich den Gedanken daran beiseite und machte mich leise auf den Weg ins Badezimmer. Unter dem warmen Strahl der Dusche ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, und sie kehrten zu dem Stift zurück. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um eine Art Glücksbringer, den mir meine Eltern …
Nein, das war er sicherlich nicht. Ein Glücksbringer würde Mom vor meinen Augen nicht in Ohnmacht fallen lassen und meinem Lehrer – obwohl ich es ihm fast ein wenig gegönnt hatte – keine Handverletzung zufügen. Was also hatte es mit dem Stift auf sich?
Warum fühlte ich mich sogar unter der herrlich warmen Dusche so stark zu ihm hingezogen, dass ich mich danach sehnte, ihn in der Hand zu halten?
Wie nur …?
»Danny, sorry, dass ich deine ausführliche Schönheitspflege für einen Augenblick unterbreche, aber ich sollte wirklich ganz dringend mal …«
Schnell verfrachtete ich alle weiteren Gedanken in den hinteren Teil meines Gehirns, um nicht erneut von ihnen übermannt zu werden. Die Taktik zeigte durchaus ihre Wirkung, und endlich konnte ich mich voll und ganz auf den bevorstehenden Tag mit seiner Sonne und auf das herrliche Meer freuen.
Gegen drei Uhr nachmittags standen wir auf unseren Boards. Es war ein unglaublich schönes Gefühl, an nichts anderes denken zu müssen als daran, die richtige Welle zu suchen, um von ihr bis fast an den Strand getragen zu werden. Jack, Jamie, Ben und ein paar andere Jungs hatten lange vor mir aufgehört, doch ich konnte einfach nicht genug davon bekommen.
