Clans von Cavallon (4). Das Vermächtnis der Zentauren - Kim Forester - E-Book

Clans von Cavallon (4). Das Vermächtnis der Zentauren E-Book

Kim Forester

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Beschreibung

Endlich! Das große Finale der großen Tierfantasy-Saga: episch, filmreif - sagenhaft!

Um ihre Welt zu retten, müssen sich Pegasus, Einhörner, Zentauren, Kelpies und Menschen miteinander verbünden. Nur dann haben eine Chance gegen den machthungrigen Dromego!
Während die Clans brüchige Allianzen formen, erfährt ganz Cavallon von einer Verschwörung: Die Zentauren haben die Clans seit hundert Jahren belogen!
Doch den Clans bleibt nicht viel Zeit, um ihre Feindschaften zu begraben, denn Dromego setzt zu einem Angriff auf die Freie Stadt an. Ist das Bündnis der Clans stark genug, um ihn endgültig zu besiegen?

Das große Cavallon-Finale: episch, filmreif - sagenhaft! Tauch ein in eine Tierfantasy-Welt der Extraklasse. Für alle Tierfantasy-Leser ab 10. Von den Machern der „Warrior Cats“.

Die Bücher der Reihe „Clans von Cavallon“:
Band 1 „Der Zorn des Pegasus“
Band 2 „Der Fluch des Ozeans“
Band 3 „Im Bann des Einhorns“
Band 4 „Das Vermächtnis der Zentauren“

Die Clans von Cavallon:

Menschen wohnen im gebirgigen Norden von Cavallon und in der Freien Stadt. Dort ist der Rat von Cavallon angesiedelt, in dem alle fünf Clans repräsentiert sind. Menschen spezialisieren sich darauf, Werkzeuge und Schmuck herzustellen und damit zu handeln. In der Freien Stadt leben die Clans friedlich zusammen. Im Rest des Landes jedoch bestimmen teilweise noch immer uralte Feindschaften und Aberglaube das Leben der Menschen.

Einhörner haben die Schwarzhornwälder im Osten Cavallons als ihr Territorium erkoren. Sie leben nach dem Recht des Stärkeren und sind geschickte Jäger und Krieger, die sich Menschen als Sklaven halten. Der Legende nach soll in früheren Zeiten einmal ein außergewöhnliches Band zwischen Menschen und Einhörnern bestanden haben, doch seit dem Krieg von Cavallon schürt diese Vorstellung unter Einhörnern große Angst.

Den Pegasus wird für den Krieg von Cavallon die Schuld gegeben. Sie gelten als extrem selten und sind als rachsüchtige Kriegstreiber gefürchtet. Nach der Unterzeichnung des Friedenspakts zog sich die einzig verbliebene Pegasusherde ins Wolkengebirge im Nordosten des Landes zurück. Ihre Federn werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Pegasus sind äußerst misstrauisch allen anderen Clans gegenüber.

Kelpies leben in der Kalten See im Nordwesten und sind vielerorts gefürchtet. Denn sie ziehen Menschen unter Wasser und töten sie - so heißt es. Tatsächlich sehen Wasserpferde mit ihren spitzen Zähnen und kräftigen Fischschwänzen gruselig aus. Sie jagen jedoch nur Fische und ernähren sich von Algen. Nach dem Friedenspakt haben sich die Kelpies in die Unterwasserhöhlen rund um die Festungsinsel zurückgezogen.

Zentauren leben in Corlandia, im Süden von Cavallon an der Warmen See. Sie gelten als die Gelehrten von Cavallon und die übrigen Clans erweisen ihnen höchsten Respekt. Ihre Hauptstadt ist Coropolis, dort horten die zentaurischen Chronisten alles Wissen des Landes. Sie können als einziger Clan lesen und schreiben, Menschen arbeiten für sie als analphabetische Schreiblehrlinge. Doch die Zentauren haben einen grauenhaften Pakt geschlossen und hüten ein Geheimnis, das ganz Cavallon erschüttern wird …

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Seitenzahl: 367

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Weitere Bücher von Kim Forester beim Arena Verlag:

Clans von Cavallon - Der Zorn des Pegasus (Band 1) 

Clans von Cavallon - Der Fluch des Ozeans (Band 2) 

Clans von Cavallon - Im Bann des Einhorns (Band 3) 

 

 

 

Kim Forester

liebt Tiere und Fantasyliteratur. Seit sie in der 8. Klasse Unten am Fluss gelesen hat, träumt sie sich leidenschaftlich gerne in fantastische Welten. Mit ihrem Mann, ihrem Sohn und drei Katzen lebt sie am Rande eines Waldes in Maryland. Die wilden Pferde, die dort leben und die sie von ihrem Schreibtisch aus beobachten kann, haben sie zu den Clans von Cavallon inspiriert.

 

 

Max Meinzold,

geboren 1987, ist freischaffender Grafikdesigner und Illustrator. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Science-Fiction, Fantasy und der Kinder- und Jugendliteratur. Für seine moderne, innovative Buchgestaltung wurde er bereits für zahlreiche Preise nominiert. Er lebt und arbeitet in München.

Kim Forester

Aus dem Englischen von Ulrike Köbele

Ein Verlag in der

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2021 Arena Verlag GmbH

Rottendorfer Straße 16, 97074 Würzburg

Copyright © 2019 by Working Partners Limited

Series created by Working Partners Limited

Mit besonderem Dank an Kathy MacMillan

Alle Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Ulrike Köbele

 

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel

Coverillustration und Innenillustration: Max Meinzold

 

E-Book-Herstellung: Arena Verlag mit parsX, pagina GmbH, Tübingen

E-Book ISBN978-3-401-80903-8

 

Besuche den Arena Verlag im Netz:

www.arena-verlag.de

Für Olivia

Die Clans von Cavallon

Menschen wohnen im gebirgigen Norden von Cavallon und in der Freien Stadt. Dort ist der Rat von Cavallon angesiedelt, in dem alle fünf Clans repräsentiert sind. Menschen spezialisieren sich darauf, Werkzeuge und Schmuck herzustellen und damit zu handeln. In der Freien Stadt leben die Clans friedlich zusammen. Im Rest des Landes jedoch bestimmen teilweise noch immer uralte Feindschaften und Aberglaube das Leben der Menschen.

 

Einhörner haben die Schwarzhornwälder im Osten Cavallons als ihr Territorium erkoren. Sie leben nach dem Recht des Stärkeren und sind geschickte Jäger und Krieger, die sich Menschen als Sklaven halten. Der Legende nach soll in früheren Zeiten einmal ein außergewöhnliches Band zwischen Menschen und Einhörnern bestanden haben, doch seit dem Krieg von Cavallon schürt diese Vorstellung unter Einhörnern große Angst.

 

Den Pegasus wird für den Krieg von Cavallon die Schuld gegeben. Sie gelten als extrem selten und sind als rachsüchtige Kriegstreiber gefürchtet. Nach der Unterzeichnung des Friedenspakts zog sich die einzig verbliebene Pegasusherde ins Wolkengebirge im Nordosten des Landes zurück. Ihre Federn werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Pegasus sind äußerst misstrauisch allen anderen Clans gegenüber.

 

Kelpies leben in der Kalten See im Nordwesten und sind vielerorts gefürchtet. Denn sie ziehen Menschen unter Wasser und töten sie – so heißt es. Tatsächlich sehen Wasserpferde mit ihren spitzen Zähnen und kräftigen Fischschwänzen gruselig aus. Sie jagen jedoch nur Fische und ernähren sich von Algen. Nach dem Friedenspakt haben sich die Kelpies in die Unterwasserhöhlen rund um die Festungsinsel zurückgezogen.

 

Zentauren leben in Corlandia, im Süden von Cavallon an der Warmen See. Sie gelten als die Gelehrten von Cavallon und die übrigen Clans erweisen ihnen höchsten Respekt. Ihre Hauptstadt ist Coropolis, dort horten die zentaurischen Chronisten alles Wissen des Landes. Sie können als einziger Clan lesen und schreiben, Menschen arbeiten für sie als analphabetische Schreiblehrlinge. Doch die Zentauren haben einen grauenhaften Pakt geschlossen und hüten ein Geheimnis, das ganz Cavallon erschüttern wird …

Prolog

Dromego breitete die mächtigen Schwingen aus. Wie ein beflissener Diener trug ihn der Wind hoch über die Baumwipfel. Er hatte so viel Aufwand betrieben, um die Sehnen und hohlen Knochen zu perfektionieren sowie die ledrigen Flughäute, die sich zwischen seinen Armen und den Seiten seines Körpers aufspannten – und nun, endlich, konnte er damit majestätisch und nahezu mühelos durch die Lüfte gleiten.

Und die Eroberung Cavallons wird mir genauso mühelos gelingen, dachte er, während er die Zähne zu einem breiten Grinsen fletschte. Mehr als hundert Jahre Arbeit würden sich endlich bezahlt machen. Ich habe meine Flügel und meine Wunderkrieger.

Stolz ließ er den Blick über sein Heer schweifen, das am Boden unermüdlich voranmarschierte, ohne sich an den Verlauf der Straßen zu halten, und alles niederwalzte, was ihm in die Quere kam. In Massen strömten seine Kreaturen aus den Bergen, jede einzelne ein Geschöpf seines außergewöhnlichen Geistes und handwerklichen Geschicks.

Die Hybriden aus Zentaur und Stachelschwein, aus deren Armen Pfeile schossen … die Menschen mit den Papageienschnäbeln, die ihrem Gegner mit einem Biss das Bein abtrennen konnten … die Feuer speienden Flederpegasus mit ihrer nahezu undurchdringlichen Haut.

Und noch viele mehr. In den vergangenen hundert Jahren hatte Dromego genügend Zeit gehabt, seine Meisterwerke zu perfektionieren. Doch erst als das Schicksal ihm einen Menschenjungen namens Sam Quicksilver gesandt hatte, war er hinter das Geheimnis gekommen, wie er sie kontrollieren konnte.

Verärgert schlug Dromego mit den Flügeln. Es missfiel ihm, an den Jungen und den Minotaurus zu denken, die ihm beide entwischt waren. Und die überhaupt erst durch sein fehlgeschlagenes Experiment, das ein Band zwischen ihnen und ihm hatte herstellen sollen, aneinander gebunden waren.

Doch schlussendlich war ich siegreich, rief er sich ins Gedächtnis. Dass sie entkommen konnten, ist nicht weiter von Belang – nicht nachdem das, was ich über ihr Band herausgefunden habe, zu meiner größten Schöpfung geführt hat.

Dromego lächelte, als er seinen Stab aus gewundenem Metall gen Himmel hob. Etwas Schöneres hatte er noch nie gesehen. Die zierlichen Schwünge und Wirbel des Stabes bannten den Blick ebenso wie seine Magie den Willen seiner Kreaturen. Dromego seufzte und spürte, wie der Wind ihm eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Schönheit hatte ihn schon immer berührt.

Und nichts auf der Welt ist schöner als Macht. Er neigte seine Flügel und richtete die Spitze des Stabs nach unten, auf die Reihe riesenhafter Gestalten – Menschen mit Einhornhörnern, pelzige Kelpies und ein besonders großer und furchterregender Flederpegasus –, die seine Armee anführten. Er kontrollierte die Gedanken all seiner Wunderkrieger, doch zu dieser Gruppe war die Verbindung besonders stark. Ohne dass er ihn aussprechen musste, übertrug der Stab seinen Befehl direkt in ihren Geist: Nach Osten.

In völligem Gleichklang wandten sich die Anführer in Richtung der Schwarzhornwälder und seine Armee folgte ihnen auf dem Fuß. Von hier oben sahen sie wie Spielfiguren in einer Partie »Waffenstillstand« aus. Und sie sind genauso leicht zu kontrollieren, dachte Dromego mit einem Lächeln.

Seine Wunderkrieger brachen durch die Bäume, ohne Rücksicht auf die kleineren Tiere, die in Todesangst flohen. Die Einhornclans würden sie von Weitem kommen hören, doch das kümmerte Dromego nicht. Meine Armee ist mehr als fähig, die Einhörner zu vernichten – und danach den Rest von Cavallon. Niemand ist stark genug, sich mir zu widersetzen.

Erst recht nicht, nachdem er sie so wirkungsvoll gegeneinander aufgehetzt hatte. Er konnte sich einen kleinen Freudenschwung in der Luft nicht verkneifen, als er an die Panik dachte, die er in der Freien Stadt, auf der Festungsinsel und in Coropolis ausgelöst hatte. Und diese Narren dort hatten allesamt geglaubt, dass die anderen Clans von Cavallon ihre Feinde waren. Ihre Ängste und Vorurteile hatten es ihm so leicht gemacht, sie davon zu überzeugen. Nun würden sie sich niemals gegen ihn vereinen und er würde sie Clan für Clan ausschalten: zuerst die kämpferischen Einhörner, dann die Pegasus, die Menschen und die Kelpies.

Und zu guter Letzt die arroganten, ahnungslosen Zentauren.

Ein scharfes Brennen loderte in ihm auf. Keine Wut, sondern etwas viel Gefährlicheres. Eine plötzliche, schmerzhafte Erinnerung an etwas Schwaches, Menschliches in ihm. Etwas aus seinem früheren Leben. Der Himmel um ihn herum wich einem Klassenraum. Das muf‌fige Aroma von Papier und alten Büchern stieg ihm in die Nase und er sah seine gefalteten, mit Tintenflecken übersäten Hände vor sich auf dem Tisch, während die Zentaurin, die ihn unterrichtete, mit ausholenden Gesten die Positionen der verschiedenen Sterne beschrieb.

Ihre tiefe, melodische Stimme klang in seinen Ohren: Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals einem derart intelligenten Menschen wie dir begegnen würde, Dromego. Du musst in meinen Nachmittagskurs kommen …

Mit einem wütenden Grollen breitete Dromego die Flügel aus und hob seinen Stab. »Die Zentauren werden brennen und mit ihnen ganz Cavallon«, verkündete er. »Coropolis wird brennen!«

Die Bäume unter ihm wogten, als die Einhörner, von Horn bis Huf in silberne, mit Stacheln bewehrte Rüstungen gehüllt, Welle um Welle auf seine Armee losstürmten. Unwillkürlich musste er an die zentaurischen Dichter denken, die er einst gekannt hatte. Sie hätten Oden darüber verfasst, in denen sie wortreich die erbitterten Kampfschreie der Einhörner beschrieben, das Donnern Hunderter Hufe auf dem Waldboden, das Meer aus glänzenden Rüstungen.

Aber ich, dachte Dromego, während er einen Moment lang auf der Stelle schwebte, um seinen Stab ein weiteres Mal zu schwingen, bin kein Dichter. Ich bin ein Bezwinger.

Wie aus einem Guss warfen sich seine Wunderkrieger dem Ansturm der Einhörner entgegen. Die erste Welle der Verteidiger traf auf die Frontlinien seiner Armee. Hörner durchtrennten die Tentakel seiner Einhornkelpies und spießten eine Vielzahl von ihnen auf. Doch das spielte keine Rolle. Dromego standen noch Unmengen weiterer Kreaturen zur Verfügung. Mit einem Wink seines Stabes sandte er Reihe um Reihe in die Schlacht, selbst diejenigen unter ihnen, die bereits blutüberströmt und dem Tode nah waren.

Es war mehr als tapfer von den Einhörnern, sein zahlenmäßig weit überlegenes Heer anzugreifen, das musste er ihnen lassen. Kopfschüttelnd schnalzte er mit der Zunge. Tapfer, aber auch dumm. Kurz verspürte er einen Anflug von Bedauern, als er das viele Einhornblut sah, das die Grasfläche unter ihm silbern färbte. Nicht auszudenken, was für eine grandiose Verstärkung die Einhornclans unter meiner Kontrolle hätten sein können!

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Es hatte keinen Sinn, sich mit derlei Überlegungen aufzuhalten. Die Clans von Cavallon sollten seine Macht sehen und daran verzweifeln. Gab es einen besseren Weg, das zu erreichen, als ihre stärksten Kämpfer gnadenlos niederzumetzeln?

Er drehte bei und richtete seinen Stab auf einen seiner Anführer, dann auf einen weiteren. Sein Wille übertrug sich auf den Rest seiner Krieger. Das Heer teilte sich, als sei in seiner Mitte von einem Moment auf den anderen ein Hindernis aus dem Boden gewachsen. Die Einhörner wieherten verdutzt.

Und dann machte Dromego mit Daumen und Zeigefinger eine zangenförmige Geste.

Seine Wunderkrieger reagierten sofort. Eine Hälfte der Armee kam von rechts, die andere von links. Im Nu hatten sie die Einhörner umzingelt. Dromego flog über dem Schlachtfeld hin und her, um den bestmöglichen Blick auf das Geschehen zu haben. Eine große gescheckte Einhornstute bäumte sich auf und durchbrach die vorderen Reihen von Dromegos Armee, indem sie einem der Einhornkelpies mit ihrem gezackten Horn den Bauch aufschlitzte. Dromego brüllte auf und fuhr mit seinem Stab durch die Luft. Unter ihm ahmte der riesige Bärenmensch die Bewegung nach und schleuderte die Einhornstute mit voller Wucht gegen einen Baum.

Doch das war nur eine kleine amüsante Spielerei. Dromego hatte sein Heer so gut abgestimmt, dass er nicht jeden einzelnen Kampf lenken musste. Seine Wunderkrieger wussten, was zu tun war, und so dauerte es nicht lange, bis die wenigen Einhörner, die noch dazu in der Lage waren, Hals über Kopf die Flucht ergriffen und in den Wald zurückgaloppierten. Lass sie gehen, sagte Dromego sich. Sie können die Schreckensmeldungen im Rest von Cavallon verbreiten.

Etwas Silbriges blitzte zwischen den Wolken auf. Dromego verrenkte sich fast die Flügel, so plötzlich wirbelte er herum. In der Ferne konnte er schemenhafte Gestalten ausmachen, die eilig davonflogen. »Pegasus«, knurrte er. »Die haben ihre vorlauten Mäuler schon immer gerne in Angelegenheiten gesteckt, die sie nichts angehen.«

Aber das war jetzt vorbei. Diesmal würden sie ihm nicht in die Quere kommen. Mit einem kurzen Zucken seines Stabs sandte er seine Flederpegasus hinter ihnen her. Ihre weiten knochigen Schwingen, die sich wie finstere Schatten am Himmel aufspannten, strahlten eine Aura von Boshaftigkeit aus. Wollen wir doch mal sehen, wie es diesen Wichtigtuern gefällt, wenn wir ihnen ein bisschen Feuer unterm Schweif machen.

Er lachte, als es einem kleinen grauen Pegasus nur durch ein halsbrecherisches Manöver gelang, dem plötzlichen Flammenstoß im letzten Moment auszuweichen.

Je früher sie es lernen, desto besser. Mir stellt sich niemand in den Weg. Schon bald wird ganz Cavallon mein sein.

Kapitel 1

Runter, Aquilla!«, schrie Jaren.

Sie senkte umgehend den Kopf und ließ sich fallen, sodass die Stichflamme um Haaresbreite an ihr vorbeischoss und ihr zum Glück nur ein paar Federn versengte. Um sie herum flogen die anderen Mitglieder ihrer kleinen Herde um ihr Leben – sie schlugen in der Luft wilde Haken und sausten im Slalom von einer Seite zur anderen, um den Feuerstößen und gewaltigen Schwingen der monströsen Gestalten auszuweichen, während sie sich gleichzeitig bemühten, nicht versehentlich die Menschen abzuwerfen, die sich verzweifelt an ihnen festklammerten. Jaren und sein Vater Thorren krallten die Finger so fest in Aquillas Mähne, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb.

Eine der Kreaturen kam Aquilla so nahe, dass sie den wahnsinnigen Ausdruck in ihren rot glühenden Augen sehen konnte. Mit wildem Gebrüll warf Thorren das Metallrohr, das er noch aus dem vorangegangenen Kampf dabeihatte, nach dem Monster, worauf‌hin es knurrend den Kopf einzog und für einen Moment aus dem Gleichgewicht geriet. Aquilla nutzte die Gelegenheit, um wieder höher hinaufzusteigen.

Thorrens Wurf schien die anderen Dorfbewohner inspiriert zu haben, denn schon bald ging ein wahrer Regen aus Spitzhacken, Holzscheiten und sogar Schuhen auf ihre Verfolger nieder. Die Kreaturen mit den ledrigen Schwingen fauchten und krächzten wütend, während sie sich mit ein paar schnellen Flügelschlägen außer Reichweite der Geschosse begaben.

»Das wird sie uns nicht lange vom Hals halten«, keuchte Aquilla. »Wir müssen hier weg!«

»Wir können nicht riskieren, dass sie uns nach Kalden folgen!«, mahnte Thorren.

Aquilla wieherte, als eines der Ungeheuer auf sie zuraste. Sie schaff‌te es, ihm einen kräftigen Huf‌tritt zu verpassen, bevor sie sich mit einem abenteuerlichen Rückwärtssalto aus der Schusslinie brachte. Ihr Bruder Aquoro stürmte vor und riss der Kreatur mit seinem scharfen Flügel die Flanke auf. Schlammbraunes Blut quoll aus der Wunde und fiel in dicken Tropfen auf den Wald unter ihnen hinab. Auf seinem Rücken saßen drei Menschen, darunter auch Addie, deren Gesicht aschfahl und mit einem kalten Schweißfilm überzogen war. Sie presste eine Hand gegen ihre verletzte Seite. Aquilla sah, wie Addie die andere Hand von Aquoros Mähne nahm, ein Messer aus ihrem Mieder zog und es auf den Angreifer schleuderte.

Es verfehlte die gewaltigen schwarzen Schwingen um Längen, doch für einen kurzen Augenblick fing die Klinge das Sonnenlicht ein und warf es als gleißenden Strahl zurück. Die Bestie heulte auf und riss den Kopf hoch.

»Das ist es!«, rief Aquilla. »Diese Biester entstammen doch der Dunkelheit, richtig? Aquoro, Heria, ihr alle! Fliegt zur Sonne! Schnell!«

Sie glitt in einem weiten Bogen um ihre in Bedrängnis geratene Herde und wiederholte die Anweisung. Im Nu versammelten die anderen sich in einer dichten Keilformation hinter ihr. Aquilla senkte den Kopf und schoss wie ein Pfeil direkt auf die rot glühende Kugel am Horizont zu.

»Bleibt zusammen!«, rief sie nach hinten. Sie spürte die nervöse Anspannung, die sich in ihrer Herde breitmachte. Es behagte ihnen nicht, alles nur noch geblendet und durch eng zusammengekniffene Augen wahrnehmen zu können.

Als Jaren und sie in Coropolis waren, hatte Aquilla einen bärtigen Zentauren behaupten hören, die Sonne sei in Wahrheit ein Stern. Damals war sie sich sicher gewesen, noch nie etwas derart Abstruses gehört zu haben, doch nun sandte sie ein Stoßgebet an die große strahlende Lichtkugel, als handle es sich tatsächlich um einen Stern, der den Geist ihrer Vorfahren beherbergte. Bitte mach, dass das funktioniert. Bitte.

Ihre Augen waren inzwischen zu so schmalen Schlitzen verengt, dass sie kaum mehr als schwarze Punkte vor einem grellen orangeroten Hintergrund sah. »Wo sind die Monster?«, rief sie Jaren beunruhigt zu.

Sie spürte, wie er sich auf ihrem Rücken nach hinten drehte. »Sie sind komplett durcheinander!«, jubelte er. »Sie haben keine Ahnung, wo ihr hingeflogen seid. Ha! Eins hat gerade Feuer auf ein anderes gespuckt und jetzt kämpfen die beiden miteinander.«

»Und die Pegasus waren siegreich, denn sie waren Geschöpfe des Himmels und des Lichts und keine Kreatur der Finsternis konnte es mit ihnen aufnehmen«, intonierte Aquoro neben ihr die berühmten Worte aus der Saga von Evelin Copperwing. »Gut mitgedacht, Schwesterlein!«

»Ich glaube, wir haben sie abgehängt!«, verkündete Thorren. »Schnell, auf nach Kalden, bevor sie zurückkommen.«

Das bedeutete allerdings, dass sie erneut die Schwarzhornwälder überqueren mussten. Aquilla wandte sich ostwärts. Einige Flügelschläge lang befand sie sich nahezu im Blindflug, bis sich ihre Augen einigermaßen erholt hatten. Doch als sie schließlich sah, was sich unter ihr abspielte, wollte sie am liebsten sofort wieder umdrehen und weiter in die Sonne starren. Die drei terrassenförmig angeordneten Ebenen, auf denen einst die Stadt Halless gestanden hatte, waren kaum noch voneinander zu unterscheiden.

Jemand hatte breite Schneisen in die bewaldeten Hänge geschlagen – vermutlich die riesenhaften Kreaturen mit den Bärenpranken, die die Bäume mitsamt den Wurzeln aus dem Boden rissen und nach den wenigen Einhörnern warfen, die sich noch auf den Beinen hielten. Wo bis vor Kurzem die hölzernen Bauten des Lagers des Eisenhornclans gestanden hatten, war der Boden mit schwelenden Trümmern übersät. Dazwischen lagen die Leichen gefallener Einhörner. Ihre silbernen, mit Stacheln besetzten Rüstungen waren zerdellt und blutbefleckt, ihre Körper auf unnatürliche Weise verrenkt. Aquilla wurde bei dem Anblick ganz flau im Magen.

Auf der untersten Ebene von Halless, von wo die Pegasus gerade erst die menschlichen Sklaven gerettet hatten, trieben drei riesige Wesen mit langen Schnauzen ihr Unwesen. Sie standen wie die Menschen auf zwei Beinen und ließen die massiven Hufe, die anstelle von Händen aus ihren Armen wuchsen, systematisch gegen die zugewucherten Überreste der steinernen Gebäude krachen, wodurch sie eins nach dem anderen zum Einsturz brachten. Voller Entsetzen musste Aquilla mit ansehen, wie ein zierliches rotbraunes Einhorn in einer silbernen Stachelrüstung aus einer der Ruinen geprescht kam, bevor die riesigen Kreaturen seinem Fluchtversuch ein jähes Ende bereiteten.

Verzweifelt schlug Aquilla mit den Flügeln, um so schnell wie möglich von hier wegzukommen, bevor die Mutanten sie oder einen der anderen Pegasus entdeckten. Sie führte ihre kleine Herde über den nordöstlichen Teil der Wälder, doch der Anblick, der sich ihnen dort bot, war genauso trostlos. Sämtliche Bäume standen in Flammen. Aquilla und die anderen flogen in großer Höhe über die Rauchwolken hinweg, aber die Menschen auf ihren Rücken rangen trotzdem hustend und würgend nach Luft.

Tief unter ihnen erblickte sie auf einer Lichtung Hunderte Einhörner in rötlichen Rüstungen, die in wilder Entschlossenheit auf Dromegos Armee zugaloppierten. Ihre Schweifmorgensterne funkelten im Feuerschein.

»Lauft weg!«, schrie Aquilla. »Es sind zu viele!« Doch sie schwebte zu hoch über ihnen, als dass die Einhörner sie hätten hören können. Und selbst wenn doch, hätten sie ihre Warnung garantiert in den Wind geschlagen. So waren die Einhörner nun mal. Dennoch gefror ihr das Blut in den Adern, als eine wimmelnde Masse aus Hörnern, Tentakeln, Stacheln und scharfen Schnäbeln aus den Bäumen hervorbrach und sich auf die Einhörner stürzte. Durch den dichten Rauch konnte Aquilla bei all dem Chaos nicht viel erkennen – hier und da blitzte ein Horn auf, ruderte ein Huf wild durch die Luft, schlug eine riesige Pranke zu –, doch als Dromegos Krieger weiterzogen, ließen sie eine Spur aus toten Einhörnern hinter sich zurück. Nicht ein einziges hatte überlebt.

Die monströse Armee setzte ihren zerstörerischen Weg durch die Schwarzhornwälder unbarmherzig fort. Es war offensichtlich, was ihr nächstes Ziel war: der flache Hügel voller runder Holzbauten in der Ferne, unter deren Dächern sich ein Heer von Einhörnern in schwarzen Rüstungen versammelt hatte.

Thorrens Stimme war vom Rauch ganz rau und heiser. »Diese Bestien haben den Eisenhornclan und den Feuerschweifclan vernichtet. Jetzt haben sie es auf den Donnerhufclan abgesehen.«

Neben ihnen meldete sich Aquoro bedrückt zu Wort. »Dromego schaltet die Einhörner Clan für Clan aus. Danach wird er sich den Rest von uns vornehmen.«

Tränen strömten aus Aquillas Augen und ihre Nase lief – teils vom Rauch, teils vor Verzweif‌lung und schierer Erschöpfung. Sie warf Jaren über die Schulter hinweg einen entsetzten Blick zu. Wenn diese Ungeheuer schon mit den kampferprobten Einhörnern derart kurzen Prozess machen, welche Hoffnung besteht da noch für uns?

Doch dann sah sie Jarens Vater, der sich auf ihrem Rücken hin und her drehte, um nach den anderen Menschen zu schauen. Selbst jetzt benahm er sich wie ein Anführer, ganz gleich, wie ausweglos die Lage auch erscheinen mochte. Aquilla erinnerte sich daran, dass sie die gleiche Verantwortung trug. Sie war von ihrer kleinen Herde zur Anführerin gewählt worden, zumindest für eine gewisse Zeit, und hatte diese Ehre und Bürde bereitwillig angenommen. Sie konnte es sich nicht erlauben, sich einfach geschlagen zu geben.

Sie blickte sich nach ihrer Herde um und führte sie weiter nach oben, über die Wolkendecke, um dem Qualm und dem entsetzlichen Bild der Zerstörung unter ihnen zu entkommen. Sie konnten nichts tun, um den Einhörnern zu helfen.

Aber eine größere Herde vielleicht schon, raunte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Sie war zur Anführerin geworden, als sie Rostros Herde verlassen hatte, auch wenn das mitnichten ihre Absicht gewesen war. Doch sie wäre wohl die dümmste Anführerin aller Zeiten, wenn sie nicht sehen würde, dass die Pegasus zusammenstehen mussten, wenn sie eine Chance gegen das Böse haben wollten. War es der Herde nicht vor Kurzem erst gelungen, in der Schlacht in den Splittern ein vereintes Heer aus Zentauren, Einhörnern und Menschen zu besiegen? Was konnten die Pegasus sonst noch erreichen, wenn sie alle an einem Strang zogen? Vielleicht könnten wir es sogar mit Dromegos Armee aufnehmen …

Aquilla stieß ein gedämpf‌tes Wiehern aus, um die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu ziehen. Die Herde drängte sich im Flug um sie. Das Rauschen ihrer Schwingen und das leise Rascheln ihrer Federn erfüllte die Luft.

»Sobald wir die Menschen in Kalden abgesetzt haben, sollten wir uns auf die Suche nach Rostro und den anderen machen«, schlug sie vor. »Die Dinge in Cavallon haben sich geändert und sie wissen wahrscheinlich nichts davon. Wir müssen jetzt alle gemeinsam kämpfen. Wir … wir brauchen sie.«

»Und sie uns auch, ob sie wollen oder nicht«, ergänzte Aquoro ernst. »Ich stimme für Ja. Sprich, Corla, Dritte der Herde, und teile uns deine Entscheidung mit.«

Aquilla warf ihm einen verdatterten Blick zu. Sie wusste nicht, was sie mehr überraschte – dass ihr Bruder auf diese Weise geantwortet hatte, obwohl sie gar nicht zur offiziellen Abstimmung aufgerufen hatte, oder dass er sich eigenmächtig zum Zweiten und Corla zur Dritten der Herde gemacht hatte, obwohl Heria, Selela, Baros und Mora allesamt älter waren. Doch die anderen setzten die Abstimmung in der gewohnten Tradition fort. Jeder gab seine Entscheidung bekannt und rief dann den Nächsten in der Reihe auf. Aquilla begriff, dass sie dabei nicht nach dem Alter gingen, sondern danach, in welcher Reihenfolge sie sich ihr damals im Tunnel angeschlossen hatten.

Schnell wurde noch etwas anderes deutlich: Auch wenn es zwischen ihrer kleinen Herde und dem Rest zum Zerwürfnis gekommen war, waren sie einander doch immer noch verbunden. Einer nach dem anderen sprach sich dafür aus, auf die Suche nach Rostros Herde zu gehen.

»Ich stimme für Ja«, verkündete Jaren schließlich als elf‌tes – und letztes – Mitglied der Herde. Entschlossen krallte er die Finger in Aquillas Mähne.

Damit stand die Entscheidung fest: Sie würden die geretteten Menschen nach Kalden bringen und dann versuchen, Rostro und die anderen zu finden. Aber mit jedem Flügelschlag, der sie näher an das winzige Bergdorf brachte, wuchs Aquillas Sorge. Wie konnte sie Jaren mit zu Rostro, Fetos und den anderen nehmen, nachdem diese die Menschen im Tunnel so achtlos beiseitegefegt hatten?

Er wird das verstehen, versicherte sie sich selbst.

Doch als sie in Kalden landeten und die Menschen von ihren Rücken glitten, wurde es Aquilla ganz schwer ums Herz.

»Wann brechen wir auf?«, erkundigte sich Jaren eifrig. »Warten wir bis zum Sonnenuntergang oder …?«

»Es tut mir leid, Jaren.« Aquilla versetzte seiner Schulter mit dem Maul einen zärtlichen Stups.

Er wich einen Schritt zurück und sah sie verwirrt an. »Was tut dir leid?«

»Du solltest hier bei deinem Vater bleiben«, antwortete sie sanft.

Jaren schüttelte den Kopf. »Wieso? Er braucht mich hier nicht. Seine Fäuste der Freiheit haben alles unter Kontrolle.« In seiner Stimme schwang ein bitterer Unterton mit. Aquilla spürte, dass sie mit äußerstem Flügelspitzengefühl vorgehen musste. Obwohl er es meistens hinter seinem sonnigen Gemüt verbarg, wusste sie, dass er in Wahrheit immer noch wütend auf seinen Vater war, weil dieser ihn weggeschickt hatte, um Schaf‌hirte zu werden, statt ihn in seine geheime Widerstandsbewegung aufzunehmen.

Aquilla trat beklommen von einem Bein aufs andere. »Ich möchte nicht ohne dich auf‌brechen. Aber dich mitzunehmen, wäre zu gefährlich. Immerhin hat sich die Herde überhaupt nur wegen dem getrennt, was Rostro getan hat …« Es widerstrebte ihr, es laut auszusprechen, aber Jarens trotzige Miene verriet ihr, dass sie es ihm dringend noch einmal ins Gedächtnis rufen musste. »Rostro hat Menschen, die aus Angst um ihr Leben geflohen sind, absichtlich verhungern lassen!«

»Das war vor hundert Jahren«, entgegnete Jaren finster.

Aquilla seufzte. »Ich weiß, aber … die Lage ist ziemlich angespannt. Wir müssen die restlichen Pegasus überzeugen, zusammen mit uns diese Monster zu bekämpfen. Wenn ich da mit einem Menschen auf dem Rücken auf‌kreuze … Ich glaube nicht, dass sie uns dann auch nur zuhören werden.«

Ein verletzter Ausdruck trat in Jarens braune Augen. »Ich bin aber nicht bloß irgendein Mensch. Ich bin ein Mitglied der Herde.«

»Das weiß ich doch.« Aquilla wollte ihn wieder anstupsen, aber Jaren wich zurück und funkelte sie wütend an. »Ich habe keine Ahnung, wie Rostro reagieren wird, wenn er dich sieht. Das könnte äußerst gefährlich werden und …«

»Gefährlich? Aquilla, ich habe an deiner Seite in mehreren Schlachten gekämpf‌t!«

Aquilla schnürte es die Kehle zu. Warum fand sie nicht die passenden Worte, um es ihm begreif‌lich zu machen? »Ja, aber diesmal ist es anders. Du musst verstehen …«

»Oh, ich verstehe sehr gut.« Jaren ballte die Fäuste. »Ihr habt mich nie wirklich als Mitglied der Herde betrachtet, oder? Und das werdet ihr auch nie!« Er schüttelte den Kopf und stapfte wütend davon.

»Jaren, warte! Bitte!«, rief Aquilla. Sie wollte ihm nachlaufen, blieb jedoch nach wenigen Schritten stehen. Sosehr es ihr auch das Herz brach, ihrem besten Freund wehtun zu müssen, war es trotz allem die richtige Entscheidung. Ich rede mit ihm, wenn wir zurückkommen. Es ist immer noch besser, dass er wütend auf mich ist, aber lebt, als wenn er stirbt, weil ich ein unnötiges Risiko eingegangen bin.

Dennoch kostete es sie die allergrößte Überwindung, ohne Jaren ins Dorf zurückzugehen. Sie versammelte ihre Herde um sich. Ein Mitglied fehlt jedoch, dachte sie traurig. Nach einer kurzen Besprechung brachen sie auf. Sie flogen ein letztes Mal über das Dorf hinweg und wandten sich dann nach Norden, in der Hoffnung, Rostros Herde dort irgendwo inmitten der schroffen Berggipfel zu finden.

Als Zadia fragte: »Kommt Jaren nicht mit?«, tat Aquilla so, als hätte sie sie nicht gehört. Sie steckte ihren Ärger in die Kraft ihrer Flügelschläge, während sie den anderen vorausflog, und zwang sich, an nichts anderes zu denken als an ihr unmittelbares Ziel.

Finde die Herde. Bring sie zur Vernunft. Und vielleicht können wir dann endlich unseren wahren Feind bekämpfen.

Kapitel 2

Lysander starrte die Chronik in seiner Hand an. DIE WAHRHAFTIGE WAHRHEIT schrie ihm die Überschrift in fetten Lettern entgegen. Darunter füllten mehrere detaillierte Zeichnungen die Seite, auf denen die vielfältigen Betrügereien und Täuschungen abgebildet waren. Kurze Bildunterschriften erklärten die jeweilige Szene. Eine davon zeigte die Höhle in den Bergen, wo Lysander beobachtet hatte, wie sein eigener Vater, Cassio Diomedes, einen Menschenjungen namens Sam an einen furchterregenden Minotaurus übergab. Auf einem anderen Bild war der Leichnam König Orsinos zu sehen, den der Rat wochenlang einbalsamiert und vor der Öffentlichkeit verborgen hatte, um den Anschein zu erwecken, dass der König noch lebte. Das letzte Bild stellte dar, wie der frisch gekrönte König Cassio einen Krieg gegen die Kelpies anzettelte, der einzig und allein dazu diente, seine eigene Macht zu erhalten.

Und unter alldem stand Lysanders Name, gleich neben dem seines besten Freundes Alexos Archimedos. Obwohl unzählige menschliche Schreiber die Chronik vervielfältigt und in der ganzen Stadt verteilt hatten, waren es immer noch Lysanders Zeichnungen und Alexos’ Worte.

Weiß Alexos hiervon?, fragte sich Lysander. Als er Coropolis verlassen hatte, um gezwungenermaßen an der Seite seines Vaters in die Schlacht gegen die Festungsinsel zu ziehen, hatte sein bester Freund im Gefängnis gesessen. Doch nun war Lysander zurück und in der Stadt regierte das Chaos.

Vorsichtig steckte er den Kopf aus der Gasse, in der er Zuflucht gesucht hatte. Auf der Corlandia-Plaza hatte die tobende Menge die Statue von König Cassio inzwischen von ihrem Sockel gestürzt und stimmte einen lärmenden Schmähgesang an. In dem Lied ging es um den Preis, den Cassio für seine Lügen zahlen sollte, und obwohl Lysander wusste, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen und ihr glühender Zorn mehr als berechtigt war, versetzte es ihm jedes Mal einen Stich, wenn der Name seines Vaters fiel. Die Zentauren in der Menge hatten keine Ahnung, dass König Cassios Leichnam irgendwo am Grund der Kalten See lag und dass sein eigener Sohn daran schuld war. Sicher, am Ende waren es Cassios Stolz und Starrsinn gewesen, die ihn daran gehindert hatten, sich in Sicherheit zu bringen, als es noch ging. Doch Lysander war derjenige, der Cassios gesamte Flotte mithilfe eines Zauberspruchs versenkt hatte.

Lysander sehnte sich nach seinen Stiften – die Geschehnisse aufzuzeichnen, konnte ihm vielleicht dabei helfen, Ordnung in das Durcheinander aus Freude, Angst, Stolz und Trauer zu bringen, das die Szenen in den Straßen in ihm auslösten. Das waren wir, Alexos und ich, mit unserer Chronik, schoss ihm wieder und wieder durch den Kopf. Trotzdem fiel es ihm schwer, es zu glauben.

Außerdem waren jetzt zwar die Lügen des Rates aufgedeckt, doch weder der Rat noch die tobenden Massen wussten, in welcher Gefahr sie in Wahrheit schwebten. Lysander musste den Rat der Zentauren vor Dromego und seiner widernatürlichen Armee warnen, egal ob sie ihm glauben würden oder nicht.

Aber vorher muss ich Alexos aus dem Gefängnis holen. Er weiß am besten, wie es jetzt weitergehen sollte.

Wie als Reaktion auf seine Gedanken hörte Lysander plötzlich, wie jemand auf der anderen Seite Alexos’ Namen rief. Er fuhr erschrocken hoch. Hinter der Menge, die triumphierend die Überreste von König Cassios Statue in die Luft warf, marschierte eine Gruppe von Zentauren vorbei, deren schwarze Westen sie als Studenten der Hochschule für Philosophie kennzeichneten. Sie wedelten mit Papieren und riefen – oder sangen? – im Chor. Unter ihnen konnte Lysander auch ein paar Dozenten ausmachen: den alten Professor Beroth mit seinem herabhängenden Schnauzbart und Professorin Polamia, deren schlanke, hochgewachsene Gestalt mit dem unverkennbaren schwarzen Lockenschopf alle anderen deutlich überragte.

Lysander drängte sich durch die Menge und schaff‌te es, die Marschierenden einzuholen, als sie gerade auf die breite Prachtstraße in Richtung Palast abbogen. Jetzt konnte er endlich auch die Worte ihres Sprechgesangs verstehen:

Wer öffnete der Wahrheit Tür und Tor?

Lysander Diomedes! Alexos Archimedos!

Wer hielt den Lügnern den Spiegel vor?

Lysander Diomedes! Alexos Archimedos!

Während sie ihren Weg durch die Straßen fortsetzten, schlossen sich ihnen mehr und mehr Zentauren an. Von Kauf‌leuten in ihren seidigen Westen bis zu Arbeitern in schmutzigen Tuniken war alles dabei. Doch niemand von ihnen schien zu bemerken, dass sich einer der Chronisten, deren Loblied sie sangen, mitten unter ihnen befand.

Als sie sich dem Palast näherten, trafen sie auf eine Schar menschlicher Schreiber. Eine Weile mischten sich ihre Rufe mit denen der Menschen, die zwischen ihnen umhereilten und noch mehr Ausgaben der Wahrhaftigen Wahrheit verteilten.

Nach und nach wichen die Sprechgesänge kürzeren, einfacheren Parolen, die wie Wellen durch das Meer aus an- und abschwellenden Stimmen schwappten: Wir wollen die Wahrheit! Raus mit der Wahrheit! Nieder mit König Cassio! Es lebe die Wahrheit!

Lysander ließ den Blick durch die Menge schweifen. Auf einer Holzkiste vor den Palasttoren erspähte er einen Zentauren mit aschblondem Haar, der den Chor der Demonstranten zu dirigieren schien. Lysanders Herz schlug höher – Alexos war nicht mehr im Gefängnis! Er war hier, direkt vor ihm!

Ohne sich darum zu scheren, wie viele Zentauren er dabei anrempelte, bahnte Lysander sich einen Weg nach vorne. »Alexos!«, brüllte er. »Hier drüben!«

Als Alexos ihn sah, ließ er den Stapel Chroniken, den er in Händen hielt, fallen, sprang von der Kiste und umarmte ihn stürmisch. »Du lebst! Es hieß, du seist vor der Festungsinsel über Bord gegangen und ertrunken!«

»Und du sitzt nicht mehr im Gefängnis!«, rief Lysander und klopfte seinem Freund überschwänglich auf den Rücken.

»Lange Geschichte«, erwiderte Alexos grinsend. Er zog Lysander hinter sich her zum Rand der Menge, wo sie sich unterhalten konnten, ohne dass ihnen ständig jemand ins Ohr schrie.

Eine dunkelhäutige Frau, die ihre Haare zu einem ordentlichen Kranz geflochten hatte, erklomm die Kiste, die Alexos verlassen hatte. Lysander erkannte Oona wieder, eine der Schreiberinnen von den Fäusten der Freiheit. Bei ihrer ersten Begegnung in der Unterkunft der Schreibkräfte hatte sie auf ihn kühl und reserviert gewirkt, doch nun reckte sie eine Faust in die Luft und brüllte: »Wir verlangen die Wahrheit!« Es sagte viel darüber aus, wie aufgeheizt die Stimmung in der Menge war, dass die Zentauren ihr ebenso bereitwillig folgten wie zuvor Alexos.

»Wie kommt es, dass du die Schlacht um die Festungsinsel überlebt hast?«, erkundigte sich Alexos. »Es hieß, unsere Kriegsflotte sei fast vollständig zerstört worden! Und wo ist König Cassio jetzt?«

Lysander schluckte schwer und blinzelte mehrmals, um das entsetzliche Bild loszuwerden, das vor seinem inneren Auge erschien: der Kopf seines Vaters, der langsam in den Wellen versank. Das war ich. Ich habe den Zauber angewandt, durch den sein Schiff auseinandergebrochen ist. Es gelang ihm kaum, seine brennenden Schuldgefühle zu verbergen, als er Alexos schilderte, was geschehen war.

»Ich weiß, ich müsste eigentlich froh sein, dass er tot ist«, gestand er. »Er war einfach nur schrecklich, in jeder Hinsicht. Aber das kann ich nicht – ich meine, er war trotz allem mein Vater.«

Alexos legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. »Er hat diese Entscheidungen getroffen, Lysander, nicht du. Du hast getan, was nötig war. Es ist nicht deine Schuld, dass Cassio tot ist.«

Lysander lächelte zaghaft. Wie immer schaff‌te es Alexos, genau die richtigen Worte zu finden.

Doch dann ertönte hinter ihm eine Stimme und riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Für einen Moment hatte er ganz vergessen, dass sie von einer riesigen Schar aus Zentauren und Menschen umgeben waren. »Cassio ist tot? Doch nicht etwa König Cassio?«

Ein grauhaariger Zentaur mit verkniffenem Gesicht und einer eleganten Seidenweste packte Alexos am Arm. »Ist das wahr? Der König ist tot?«

Bevor Lysander oder Alexos etwas erwidern konnten, breitete sich die Nachricht bereits wie ein Lauf‌feuer aus.

»Der König ist tot!«

»Habt ihr schon gehört? König Cassio …«

»Der da drüben! Der die Chronik geschrieben hat! Er hat das gesagt!«

»Der König ist was?! Wer hat denn dann jetzt das Sagen?«

»Der Rat!«, rief ein breitschultriger Zentaur in einer schmutzigen Schürze. »Jetzt versuchen sie schon wieder, den Tod des Königs zu vertuschen!«

»Es gibt nur einen Weg, das rauszufinden!«, schrie Oona in die Menge. »Der Rat ist dadrin!« Sie zeigte auf den Palast.

Das war der entscheidende Funke. Oona konnte in letzter Sekunde beiseitespringen, bevor eine Gruppe Philosophiestudenten unter ohrenbetäubendem Gebrüll auf die Tore losstürmte. Irgendwo hatten sie Äxte und Holzscheite aufgetrieben, mit denen sie die verschnörkelten Schmetterlinge und Schreibfedern von den goldenen Gittern schlugen.

Sprachlos sahen Lysander und Alexos dem wütenden Treiben zu, das sie verursacht hatten. Viele der Studenten, die in ihrem ganzen Leben noch keine körperliche Arbeit verrichtet hatten, trugen Schnittwunden und Splitter davon, doch sie schienen es nicht zu bemerken, nicht einmal, als sich die ersten scharfkantigen Metallteile lösten und in hohem Bogen in die Menge flogen. Auf jeden scheppernden Schlag folgte ein freudiges Johlen. Unterdessen schnappten sich vier der Studenten den Karren eines Obstverkäufers und verwandelten ihn in einen Rammbock. Im Nu waren zwei Gitterstäbe zerschrammt und verbogen.

»Was geht hier vor?«, schallte ihnen eine Stimme von der anderen Seite der Tore entgegen. Lysander reckte den Kopf. Rätin Hillira hatte sich mit strenger, Ehrfurcht gebietender Miene vor den Demonstranten aufgebaut und hielt sich ein Sprachrohr vor den Mund. Um sie herum standen mindestens ein Dutzend Wachen. Sie trug den gleichen langen blauen Mantel wie damals, als sie König Orsinos Leichnam mit einer Vielzahl von Ölen und Chemikalien hergerichtet hatte, damit der Rat seinen Tod noch länger geheim halten konnte. Die Stickerei auf der Weste darunter war allerdings um einiges filigraner, als sie es sich als gewöhnliche Professorin für Medizin hätte leisten können. Lysander wurde schlecht. Würde Hillira in ihrem Wahn versuchen, ihrerseits die Macht zu ergreifen, nun, da sein Vater tot war?

»Räumt die Straße, und zwar sofort!«, befahl Hillira. Ihr harscher Tonfall bewirkte, dass die Studenten in den ersten Reihen tatsächlich für einen Augenblick verstummten. Doch dann zerknüllte ein rothaariger Schreiber eine der Chroniken und warf sie zwischen den Gitterstäben hindurch. »Wir verlangen Antworten! Nieder mit den Lügen des Rats!«, schrie er.

Umgehend griff die Menge seine Forderungen auf und drängte vorwärts. Einige Studenten spuckten sogar durch die Gitterstäbe, sodass Hillira hastig einige Schritte zurückweichen musste. Einer der Wachleute hob die zerknüllte Chronik auf und zeigte sie Rätin Hillira. Sie betrachtete sie einen Moment lang. Als sie aufsah, hatte sich ihr Mund zu einem dünnen, bedrohlichen Strich verzogen.

»Genug!«, schrie sie. Durch das Sprachrohr übertönte sie die Gesänge der Demonstranten mühelos. Ihre Stimme klang ohrenbetäubend schrill. »Wachen! Sorgt auf der Stelle für Ordnung! Ich will, dass alle wissen, dass jeder, der diese heimtückischen Unwahrheiten verbreitet« – sie schüttelte die Chronik in ihrer Hand – »fortan als Feind Corlandias gilt. Und findet die Verräter, die das hier geschrieben haben! Sofort!«

Der Anführer der Palastwache, ein riesiger Zentaur mit rötlich grauem Fell, brüllte ein paar knappe Befehle. Im Nu ergoss sich ein Strom aus Wachleuten aus dem Haupttor und mehreren Seitentoren. Sie stießen die Demonstranten mit ihren Speeren zurück und legten jeden in Fesseln, der es wagte, sich ihnen zu widersetzen.

Eilig zog Lysander Alexos aus dem Weg, als die Massen im Galopp auf sie zurasten. Einige der Studenten ganz vorne am Tor kämpf‌ten gegen die Wachen. Lysander japste unwillkürlich auf, als einer der Wachleute einer jungen Zentaurin im Vorbeigaloppieren den Mund blutig schlug. Sie taumelte und stürzte zu Boden.

»Komm schon, wir müssen uns verstecken!«, schrie Alexos. »Sie dürfen uns auf keinen Fall finden!«

Lysander folgte ihm an den Überresten des Obstkarrens vorbei. Seine Hufe rutschten über zertretene Pfirsiche und Erdbeeren, während Alexos und er sich einen Weg durch die fliehende Menge bahnten. Hinter ihnen wurde Hufgetrappel laut – noch mehr Wachen!

Alexos packte Lysander am Arm und zog ihn mit einem Ruck nach links. Mit letzter Kraft stolperten sie in eine schmale Seitenstraße, unmittelbar bevor die Wachen an ihnen vorbeipreschten. Die Hände in die Seiten gestemmt, rangen sie keuchend nach Luft.

»Na, sieh mal einer an – wen haben wir denn da?«, höhnte eine Stimme.

Entsetzt wich Lysander zurück. Sechs Zentauren traten aus den Schatten. Sie trugen weiße Uniformen mit blutroten Schärpen: das Kennzeichen der Palastwachen.

Kapitel 3

Nixi hatte viel Zeit damit verbracht, Pläne zu schmieden, wie sie ihre Gang aus dem Gefängnis der Festungsinsel befreien konnte. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass sie einfach nur zur Tür hereinspazieren musste. Trotzdem verschaff‌te es ihr eine gewisse Genugtuung, die verdatterten Gesichter der anderen zu sehen, als Floss und sie mit einem Wärter vor ihrer Zellentür auf‌tauchten, um sie rauszuholen.

Tamin und Rye kamen sofort herausgeschossen und bestürmten sie mit Fragen. Sylvie hingegen war sichtlich auf der Hut. Sie zupfte an einer ihrer schwarzen Locken und nahm die Szene mit einem abschätzenden Ausdruck in den dunklen Augen in sich auf. Die anderen vier folgten ihrem Beispiel, wobei ihre Blicke unsicher zwischen Sylvie und Nixi hin und her wanderten.

Nixi grinste Sylvie an und erklärte: »Das ist kein Trick. Sie lassen euch raus. Die Inselbewohner haben verstanden, dass die Meermenschen und Kelpies auf ihrer Seite sind.«

Der Wärter nickte. »Wir wissen jetzt, dass ihr nur versucht habt, die Insel zu schützen. Die Anklage gegen euch wurde daher fallen gelassen.« Seine Mundwinkel zuckten. »In diesem Punkt jedenfalls.«

Nixi zog eine Augenbraue hoch und warf Sylvie einen fragenden Blick zu, doch sie kam nicht dazu, sich zu erkundigen, was die Gang sonst noch alles ausgefressen hatte, denn in dem Moment stürmte Linus aus der Zelle und schlang die Arme um ihren Bauch. Karah, Granit, Dewey und Sylvie folgten ihm. Sie umringten Nixi und Floss, strichen ihnen über die schuppigen Arme und begrüßten sie überschwänglich.

»Ich konnte euch ja wohl schlecht hier versauern lassen«, brummte Nixi. »Kann schließlich sein, dass ich euch mal wieder für einen Job brauche.« Doch sie wusste, dass die anderen ihr das nicht abkauften. Wie auch, wenn sie dabei über das ganze Gesicht strahlte?

Lachend und schwatzend traten sie hinaus ins Sonnenlicht, verstummten jedoch abrupt, als sie die Menge sahen, die sich draußen zwischen den verkohlten Ruinen auf dem Vorplatz versammelt hatte. Im Schatten der zerstörten Gebäude drängten sich Dutzende Kelpies und Meermenschen, während sich auf dem Kopfsteinpflaster dazwischen regelrechte Trauben von Inselbewohnern gebildet hatten.

»Nun denn«, sagte Kapitän Dobber, ein großer, kräftiger Mann mit einem freundlichen Gesicht. »Wir haben sie freigelassen. Was jetzt?«

Nixi blickte sich nervös um. Es musste hier doch irgendjemanden geben, der … na ja, besser geeignet war, die Dinge in die Hand zu nehmen als sie. Irgendeinen offiziellen Würdenträger oder so. Doch das Gewicht des Magischen Buchs der Beschwörung, das sie immer noch in einer Schlinge auf dem Rücken trug, rief ihr ins Gedächtnis, dass sie als Einzige über die entscheidenden Informationen verfügte, die all diese Kelpies, Meer- und Landmenschen benötigten, um sich zu schützen. So gerne sie sich auch im Versteck ihrer Gang verkriechen wollte, sie konnte jetzt nicht weg.

Sie räusperte sich und winkte die Kelpies heran. Angeführt von Egeria, Mallow und Widgeon umrundeten sie den Platz und kamen auf sie zu, wobei sie sich weiter im Schatten der Gebäude hielten und das aufgeheizte Pflaster nach Kräften mieden. Sorsha warf ihr einen aufmunternden Blick zu, den Nixi dankbar auf‌fing.

»Also dann, äh, stelle ich euch wohl am besten mal vor«, begann Nixi stockend. »Das hier ist das Kapitänskonzil: die Kapitäne Dobber, Breck, Jiggery und … Tut mir leid, Euch kenne ich nicht«, sagte sie zu einem hochgewachsenen Mann mit einer abgewetzten grünen Mütze.

»Flodd«, antwortete er mürrisch.

»Er ist erst seit Kurzem dabei. Ist als Ersatz für Beecham gekommen, der beim Angriff der Kelpies draufgegangen ist«, erklärte Kapitän Dobber. »Verzeihung, bei dem, was wir für einen Angriff der Kelpies gehalten haben. Ist alles noch ein bisschen verwirrend.« Er rieb sich das Gesicht.

Egeria lächelte freundlich. »Ja, das ist es wirklich. Ich schlage vor, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen. Mein Name ist Egeria und das hier sind Mallow, Widgeon …« Anscheinend hatte sie vor, jedes einzelne Kelpie vorzustellen. Und danach vielleicht auch noch sämtliche Meermenschen.

Die Inselbewohner wurden langsam unruhig, sodass Nixi sich gezwungen sah, einzugreifen. »Wir haben später noch genug Zeit, einander kennenzulernen«, unterbrach sie Egerias Monolog und rang sich ein breites Lächeln ab. Unwillkürlich wichen Kapitän Dobber und die anderen vor ihr zurück. Offenbar erzielte ihr Lächeln nicht ganz die erwünschte Wirkung, was vermutlich an den scharfen Reißzähnen lag, die dabei in ihrem Mund aufblitzten. »Vorher gibt es einiges, was wir, äh, besprechen sollten. Ich glaube, am besten fangen wir mit dem Magischen Buch der Beschwörung an.«

Widerstrebend zog sie das Buch aus seiner Schlinge und legte es vor sich aufs Pflaster. Die goldene Schrift auf dem dunklen Ledereinband funkelte in der Sonne.

Nixi merkte erst, wie laut das Hintergrundrauschen aus raschelnden Kleidern und vielstimmigem Getuschel um sie herum die ganze Zeit gewesen war, als es abrupt verstummte und sich Menschen, Meervolk und Kelpies um das magische Buch scharten.

»Diesem Buch sind die Ungeheuer entsprungen, die uns angegriffen haben«, erklärte sie. »Wir müssen es irgendwie zerstören. Wer möchte es versuchen?«

»Kinderspiel«, meldete Rye sich hinter ihr zu Wort. »Ihr müsst es einfach nur anzünden.«

Die Menschen stießen ein erleichtertes Raunen aus, während die Kelpies nicht sonderlich überzeugt wirkten. Dennoch holte Kapitän Flodd einen Feuerstein und einen Docht aus zusammengedrehtem Papier aus seiner Tasche. Er schlug den Feuerstein gegen die Klinge seines Messers, bis ein Funke das Papier entzündete, dann ließ er den Docht aufs Buch fallen. Orangefarbene Flammen züngelten über den Ledereinband und hüllten das Buch in einen lodernden Feuerball. Die Hitze war so unerträglich, dass Meermenschen und Kelpies hastig zurückwichen.