Verlag: Verlag Herder Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Coco Chanel - Nadine Sieger

Coco Chanel war eine der unabhängigsten, erfolg- und einflussreichsten Frauen des letzten Jahrhunderts. Sie hat die Mode wie keine Andere geprägt, sie auf ihr Wesentliches reduziert und Frauen mit ihren gradlinigen Schnitten bis dahin ungeahnte Bewegungsfreiheit ermöglicht. Ringelshirts, Matrosenhosen, das Kleine Schwarze, Tweed-Kostüme, Bademode und das berühmte Parfum Chanel No 5 – die Liste ihrer Meisterleistungen ist lang. Das alles klingt heute selbstverständlich, war aber Anfang des letzten Jahrhunderts eine modische Revolution. Coco, eigentlich Gabrielle, Chanel wurde in ärmlichste Verhältnisse geboren und starb als eine der vermögendsten Frauen der Welt. Die Französin war schon zu Lebzeiten eine Legende und Stilikone, um die sich wilde Gerüchte rankten. Diese Romanbiografie macht den Versuch, ein bisschen näher heranzurücken an diese Frau, die Lücken und Unklarheiten ihrer Biografie mitreißend mit Leben und Emotionen zu füllen und dabei so dicht an der Wirklichkeit zu bleiben wie möglich. Sie ist ein Versuch zu verstehen, wie alles anfing, um zu begreifen, wie alles endete. Denn Coco Chanel hatte natürlich nicht nur eine Seite, sie besaß einen vielschichtigen Charakter, der sich im Laufe der Zeit immer wieder veränderte, wandelte und formte; geprägt vom Politik- und Weltgeschehen, ihren vielen schillernden Weggefährten und ganz unterschiedlichen Lebenspartnern und natürlich vom eigenen Erfolg. Sie war eine polarisierende Persönlichkeit, zeitlebens wurde ihr Opportunismus und Selbstherrlichkeit vorgeworfen. Aber sie war eben auch das Gegenteil. Sie unterstützte großzügig ihre Freunde und talentierte Künstler, war einnehmend und voller Charme und Humor. Ihre Lebensgeschichte ist voller Höhen und Tiefen, Niederlagen und Triumphen sowie endloser Widersprüche. Von ihren eigenen Erzählungen weiß man, dass sie mit viel Einfallsreichtum ihren eigenen Mythos kreierte und unvorteilhafte Details einfach ausradierte. Ihre vielen legendären Freunde haben ganz unterschiedliches zu berichten, je nachdem in welchem Lebensabschnitt sie die Modeschöpferin begleiteten. Pablo Picasso, Jean Cocteau, Salvador Dalí, Sergei Djagilew – sie hat sich mit den kreativen Lichtgestalten des letzten Jahrhunderts umgeben und war mit Männern zusammen, die kaum gegensätzlicher hätten sein könnten: Igor Strawinsky, der Herzog von Westminster und Paul Iribe, mit Sozialisten, Aristokraten und sogar mit einem Nationalsozialisten. Fest steht, dass sie kein Talent für dauerhafte Beziehungen besaß, es aber trotz ihrer Unabhängigkeit kaum ohne einen Mann aushielt. Ihre größte Leidenschaft war jedoch bis zum Schluss die Arbeit. Das Glück und der Sinn des Lebens lagen für sie im Kreieren ihrer Kollektionen. Mit 70 Jahren gelang ihr nach 14 Jahren Auszeit ein sensationelles Comeback. Mit unermüdlichem Schaffensdrang stand sie bis zum letzten Tag in ihrem Atelier. Gabrielle Chanel starb mit 87 Jahren am 10. Januar 1971 in Paris. Doch die Legende Coco Chanel und ihre Mode leben für immer weiter. Auf wunderbare Weise zeichnet Nadine Sieger nicht nur das vielschichtige Porträt einer besonderen Frau, sondern sie lässt auch das Flair einer der wichtigsten modischen Epochen wieder aufleben. Sie porträtiert die stilprägende Modeikone Coco im Paris der 1920er-Jahre, erzählt die Geschichte des Hauses Chanel und seiner mondänen Erschafferin, die sich den Traum von einem unabhängigen Leben erfüllte und zu den berühmtesten Frauen ihrer Zeit zählte.

Meinungen über das E-Book Coco Chanel - Nadine Sieger

E-Book-Leseprobe Coco Chanel - Nadine Sieger

NADINE SIEGER

CocoCHANEL

PARIS DER 1920ER UND DAS BEWEGTE LEBEN EINER MODEIKONE

Romanbiografie

Titel der Originalausgabe: Coco Chanel

Paris der 1920er und das bewegte Leben einer Modeikone

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Programmleitung: Fitore Brahimi

Lektorat: Ariane Hug

Covermotiv: Jackie Diedam

Layout und Umschlaggestaltung: Sabine Kunzmann

Vor- und Nachsatz: Shutterstock

Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81404-4

ISBN (Print): 978-3-451-38313-7

»Mode ist vergänglich, Stil niemals.«

Coco Chanel

Inhalt

INTRO

PROLOG

ERSTES KAPITEL – MUT ZUR GRENZÜBERSCHREITUNG, AM HORIZONT WARTET PARIS

ZWEITES KAPITEL – GROßE LIEBE UND DIE WAHRE FREIHEIT

DRITTES KAPITEL – HOCH HINAUS UND DER ERSTE WELTKRIEG ALS STEILVORLAGE

VIERTES KAPITEL – DAS KLEINE SCHWARZE UND DER AUFSTIEG IN DEN KREIS DER DICHTER, DENKER UND GENIES

FÜNFTES KAPITEL – DIE RUSSISCHEN JAHRE UND EIN DUFT FÜR ALLE EWIGKEIT

SECHSTES KAPITEL – LUST AUFS LEBEN UND GESPALTENE VERHÄLTNISSE

SIEBTES KAPITEL – EIN LEBEN WIE EIN MÄRCHEN UND EIN TOD IN VENEDIG

ACHTES KAPITEL – TROST EINES DICHTERS UND ERSTE KONTAKTE MIT HOLLYWOOD

NEUNTES KAPITEL – TOT AUF DEM TENNISPLATZ

ZEHNTES KAPITEL – KONKURRENZ AUS ITALIEN UND EINE WELT AUS DEN FUGEN

ELFTES KAPITEL – EINE LETZTE KÜNSTLERLIEBE UND EIN MODEHAUS AUF DEM ABSTELLGLEIS

ZWÖLFTES KAPITEL – MORALISCHE ABWEGE UND EIN RÜCKZUG AUS DER WELT

DREIZEHNTES KAPITEL – ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT– IM ALLEINGANG

EPILOG

ANHANG – QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

INTRO

Wie nähert man sich einer Legende, ohne sie zu überhöhen, aber auch ohne überrollt zu werden? Einem Menschen mit all seinen Facetten und Widersprüchen auf den begrenzten Seiten eines Buches in seiner Gänze gerecht zu werden, ist sowieso schlichtweg unmöglich. Vor allem, wenn dieser Mensch so Einzigartiges geleistet hat wie Gabrielle Chanel, eine der unabhängigsten, erfolg- und einflussreichsten Frauen des letzten Jahrhunderts. Sie hat die Mode wie kein anderer Designer geprägt, sie auf ihr Wesentliches reduziert und Frauen mit ihren gradlinigen Schnitten bis dahin ungeahnte Bewegungsfreiheit ermöglicht. Ringelshirts, Matrosenhosen, das Kleine Schwarze, Chanel Nº5, Tweed-Kostüme, Bademode – die Liste ihrer Meisterleistungen ist lang.

Das alles mag heute selbstverständlich klingen, war aber Anfang des letzten Jahrhunderts eine modische Revolution. Denn die wahre Bedeutung eines Lebenswerkes erschließt sich in seinem vollen Ausmaß nur, wenn man begreift, in welcher Zeit, Gesellschaft und in welchen Zusammenhängen sich alles zugetragen hat. Dem auf die Spur zu kommen und anhand intensiver Recherchen ein authentisches Bild zu vermitteln, ist das Ziel dieses Buches, auch wenn die ein oder andere Begebenheit und diverse anschauliche Details dabei mit Fantasie ausgemalt und zeitliche Abläufe teils dem Erzählfluss angepasst wurden.

Gabrielle Chanel wurde in ärmlichste Verhältnisse geboren und starb als eine der vermögendsten Frauen der Welt. Die Französin war schon zu Lebzeiten eine Legende, um die sich wilde Gerüchte rankten. So ist es schwer zu sagen, wer sie tatsächlich war. Diese Romanbiografie ist ein Versuch, ein bisschen näher heranzurücken an den Menschen, die vielen Lücken und Unklarheiten ihrer Biografie mitreißend mit Leben und Emotionen zu füllen und dabei so dicht an der Wirklichkeit zu bleiben wie möglich. Sie ist ein Versuch zu verstehen, wie alles anfing, um zu begreifen, wie alles endete. Denn Coco Chanel hatte natürlich nicht nur eine Seite, sie besaß einen vielschichtigen Charakter, der sich im Laufe der Zeit immer wieder veränderte, wandelte und formte; geprägt vom Politik- und Weltgeschehen, ihren vielen schillernden Weggefährten und ganz unterschiedlichen Lebenspartnern und natürlich vom eigenen Erfolg. Sie war eine polarisierende Persönlichkeit, zeitlebens wurde ihr Opportunismus und Selbstherrlichkeit vorgeworfen. Aber sie war eben auch das Gegenteil. Sie unterstützte großzügig ihre Freunde und talentierte Künstler, war einnehmend und voller Charme und Humor. Ihr Leben ist eine bewegende Geschichte voller Höhen und Tiefen, Niederlagen und Triumphe sowie endloser Widersprüche.

Wie zuverlässig sind die Erinnerungen, Biografien, Zeugenberichte und Zeitungsartikel, auf die sich diese Romanbiografie stützt? Wie glaubhaft Gerüchte, dass ihre vielen Affären auch Frauen beinhalteten? Von ihren eigenen Erzählungen weiß man mittlerweile, dass sie mit viel Einfallsreichtum ihren eigenen Mythos kreierte und unvorteilhafte Details gezielt ausradierte. Ihre vielen legendären Freunde haben ganz Unterschiedliches zu berichten, je nachdem, in welchem Lebensabschnitt sie die Modeschöpferin begleiteten. Pablo Picasso, Jean Cocteau, Salvador Dalí, Sergei Djagilew – sie hat sich mit den kreativen Lichtgestalten des letzten Jahrhunderts umgeben und war mit Männern zusammen, die kaum gegensätzlicher hätten sein können: Igor Strawinsky, der Herzog von Westminster und Paul Iribe, mit Sozialisten, Aristokraten und sogar mit einem Nationalsozialisten. Fest steht, dass sie kein Talent für dauerhafte Beziehungen besaß, es aber trotz ihrer Unabhängigkeit kaum ohne einen Mann aushielt.

Ihre größte Leidenschaft war jedoch bis zum Schluss die Arbeit. Das Glück und der Sinn des Lebens lagen für sie im Kreieren ihrer Kollektionen. Mit 70 Jahren gelang ihr nach 14 Jahren Auszeit ein sensationelles Comeback. Bis zum letzten Tag stand sie mit unermüdlichem Schaffensdrang in ihrem Atelier.

Der Mensch Gabrielle Chanel starb mit 87 Jahren am 10. Januar 1971 in Paris. Doch die Legende Coco Chanel und ihre Mode werden für immer weiterleben.

PROLOG – EIN LEBEN IST NICHT GENUG

Das ist es also. Das Ende. Erschöpft liegt sie auf ihrem Bett in der luxuriösen Suite im Hôtel Ritz in Paris. Hat es nicht mal geschafft, aus ihrem Tweed-Kostüm zu schlüpfen. Mit der rechten Hand hält sie sich an ihrer Perlenkette fest, lässt in der linken eine Zigarette verglühen und spürt deutlich, wie es näher rückt. All diese Grenzen, die sie überschritten hat, all diese unausgetretenen Pfade und unverhofften Abzweigungen, die sie in ihrem Leben immer und immer wieder wild entschlossen gewählt hat, sollen also trotz ihrer eisernen Willenskraft und all der großen Erfolge und Dinge, die sie vollbracht hat, an diesem ganz banalen Punkt ihr Ende nehmen.

Dieser elende Tod war Gabrielle Chanel schon viel zu früh begegnet, hat ihr so Vieles entrissen. In Kindheitsjahren ihre Mutter, als junge Frau die große Liebe und dann nach und nach all die vielen Freunde und Weggefährten. Aber vielleicht war ja jeder dieser Verluste auch der Treibstoff, mit dem sie sich aus den damals festgezurrten Geschlechterrollen befreit und Frauen ermutigt hat, sie selbst zu sein. Mit dem sie der Zeit ihr Leben lang immer wieder irgendwie vorausgeeilt war. Aus eigener Kraft und eigenem Antrieb – und am Ende doch immer allein, mutterseelenallein, so wie jetzt in diesem Augenblick, in dem sie sich tatsächlich der Endlichkeit stellen muss.

Trotzdem glimmt da noch immer schwach eine leise Hoffnung, ihr zu entkommen, sich mit ihrer Mode unsterblich zu machen. Einfach hartnäckig weiterarbeiten. Jeden Tag, immer weiter. »Ich glaube nicht an den Tod«, wie oft hat sie diesen Satz gepredigt. Im Atelier warten doch schließlich jeden Morgen der nächste Entwurf, die nächste Kollektion auf sie. Und danach die nächste und nächste und nächste.

ICH BEREUE NICHTS IM LEBEN – AUSSER DEM, WAS ICH NICHT GETAN HABE

Letzten Sommer hat sie ihren 87. Geburtstag gefeiert und schlüpft noch immer jeden Morgen selbstbeherrscht in eines ihrer Kostüme, trägt mit zitternder Hand den roten Lippenstift auf, wirft sich ein paar Perlenketten über, überquert aufrecht die Rue Cambon und erscheint diszipliniert sechs Tage die Woche in ihrem Atelier. Dort arbeitet sie beharrlich bis spät in die Nacht, ist von nichts und niemandem aufzuhalten und geradezu besessen. Oft rutscht sie gereizt und bissig auf ihren Knien herum, drapiert mit steifen Fingern unbeirrbar den widerspenstigen Stoff, solange, bis er sich ihr ergeben hat. Dann kehrt sie müde und mit schmerzendem Rücken ins Ritz zurück und wird dort Nacht für Nacht von Schlaflosigkeit heimgesucht. In diesen dunklen Stunden ist sie hin- und hergerissen zwischen den Welten, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, irrt regelmäßig schlafwandelnd mit der Schere bewaffnet durch ihr kleines Reich. Sie murmelt undeutliche Sätze vor sich hin, nur Namen wie Boy, Igor, Bendor und Spatz kommen immer und immer wieder deutlich vernehmbar vor. Jeder Mann ein Lebensabschnitt.

Wehmütig betrachtet Coco den goldenen Topasring an ihrer Hand, der sie schon seit Jahrzehnten begleitet, der ihr so viel bedeutet, den ihr vor vielen, vielen Jahren ein Mann namens Étienne Balsan geschenkt hat. Mit ihm hat sie damals den Grundstein für ihr Modeimperium gelegt. Emotionsgeladene Erinnerungen reißen sie mit wie eine Lawine. So viele Begegnungen, Höhepunkte, Triumphe, und so viele Schicksalsschläge, verlorene Lieben und Träume. Da regen sich Gefühle in ihr, die sie schon lange nicht mehr empfunden hat. Leidenschaft? Stolz? Reue? Sie hat noch immer so viel auf dem Herzen, so viele Ideen, so viele Ambitionen. Dann schaut sie wieder wehmütig auf den Ring. Wie alt war sie damals? Mitte Zwanzig, höchstens. Sie sieht diese blutjunge, energiegeladene Gabrielle Chanel noch genau vor sich, die jede Menge Sehnsüchte, brennenden Eifer und hochfliegenden Ehrgeiz, aber noch keine Ahnung hatte, dass sie als Modeschöpferin eine der einfluss- und erfolgreichsten Frauen ihrer Zeit werden sollte. Coco seufzt. Was würde sie jetzt, müde auf ihrem Bett liegend, darum geben, noch mal ganz von vorne anfangen zu dürfen. Ein Leben ist einfach nicht genug!

ERSTES KAPITEL – MUT ZUR GRENZÜBERSCHREITUNG, AM HORIZONT WARTET PARIS

A nders, ganz anders. Aber genau so, wie sie es sich vorgestellt hat. Endlich befreit von diesem grauenvoll einengenden Korsett und dieser unnötigen Stofffülle. Diese Zier und Pracht stört sowieso nur, limitiert und erfüllt keinen praktischen Zweck. Alleine dieses umständliche Ankleiden! Mit zwei Händen kaum zu bewältigen. Und darüber hinaus: reine Zeitverschwendung! In Étienne Balsans Kleidungsstücke zu schlüpfen, hat dagegen nicht länger als eine Minute gedauert. Sehr zufrieden lächelt sie der Frau mit den tiefbraunen Augen unter diesen dominanten Brauen, dem hochgesteckten, pechschwarzen Haar und dem auffällig lang-eleganten Hals zu, die ihr da prüfend und forsch aus dem Spiegelbild entgegenblickt. Gabrielle Chanel zündet sich eine Zigarette an und bläst ihrem Abbild langsam den kräuselnden Rauch entgegen. Sie setzt eine ernste Mine auf und findet sich richtig verwegen in diesem luftigen weißen Hemd und der beigen Tweed-Weste. Und die Jodhpurs, die sie sich kürzlich von einem der Stallburschen ausgeliehen hat, passen perfekt dazu. Nicht zu vergleichen mit den pompösen und üppigen Reitröcken, die einem immer bis zur Ferse hängen! Nichts ist lästiger, als im Sattel ständig alles zurechtrücken zu müssen. Sie schreitet im Zimmer auf und ab. Endlich so viel Bewegungsspielraum wie ein Mann. Wie frei sich das anfühlt! Ein bisschen groß das Ganze, aber unglaublich bequem. Ich könnte glatt als Stallbursche durchgehen, denkt sie vergnügt. Noch mal schaut sie prüfend in den Spiegel. Irgendetwas Entscheidendes fehlt noch. Sie stöbert durch Balsans Kleiderschrank, reißt alle Schubladen auf und weiß selbst nicht genau, wonach sie sucht. Ah, hier, diese dunkle Krawatte, die wird ihrer Aufmachung den letzten Schliff verleihen. Aber sie ist ein bisschen lang. Also angelt sie aus ihrem Nähetui eine Schere und schneidet die Krawatte kurzerhand auf Brusthöhe ab. Perfekt. Dieser burschikose Look gefällt ihr außerordentlich gut. Die weiblichen Kurven in den viel zu eng geschnürten Kleidern, die den Männern so gerne den Kopf verdrehen, hat ihre knabenhafte Figur sowieso nicht zu bieten. Dann doch lieber gleich ganz anders. Irgendjemand von der illustren Schlossgesellschaft wird sicher wieder einen spöttischen Kommentar von sich geben. Aber das stört sie längst nicht mehr!

Dazugehören zu wollen, hat sie sich schon vor langer Zeit abgewöhnt. In jungen Jahren war das Außenseiterdasein zermürbend und ganz schön anstrengend. Immer gegen den Strom. Immer aus der Reihe. Das war nicht erwünscht. Schon gar nicht bei den strengen Nonnen aus dem Waisenhaus im ehemaligen Kloster Obazine, das auf einem bewaldeten Hochplateau über den Schluchten des Wildbaches Coiroux thront. Fast sieben Jahre haben sich die Schwestern der Kongregation vom Heiligen Herzen Mariens hinter den mächtigen Steinwänden mit allen Mitteln bemüht, die kleine Gabrielle zu bändigen und aus dem Trotzkopf eine brave, angepasste Schülerin zu machen. Vergebens. Der Versuch, ihren kantigen Eigensinn durch strengen und eintönigen Alltag abzuschleifen, scheiterte. All das emsige Studieren des Evangeliums, die stundenlangen Rosenkranzgebete, die akribischen Näh- und Haushaltskurse, die harschen Strafen und das ewige Schweigen prallten an der kleinen dickköpfigen Gabrielle ab wie ein Gummiball. Sich anzupassen war einfach nicht ihr Ding. Und mittlerweile ist es genau diese Eigenwilligkeit, der sie einen Freiraum zu verdanken hat, den sie um nichts in der Welt wieder hergeben möchte. Die Leute erwarten gar nichts anderes mehr von ihr. An das verständnislose Kopfschütteln ihrer Mitmenschen hat sie sich längst gewöhnt, aber immer öfter war da auch eine gewisse Anerkennung zu spüren. Zumindest sorgt sie immer für Unterhaltung. In dieser Rolle ist sie einfach gut. Das weiß sie. Und sie gefällt sich darin. Ihre Mitmenschen zu verblüffen, bereitete ihr schon immer großes Vergnügen. Ihre Schlagfertigkeit ist überhaupt der Grund, warum sie jetzt hier mit Anfang Zwanzig auf Royallieu lebt. Diesem wunderbaren, feudalen Landsitz, ebenfalls ein ehemaliges Kloster. Aber im Gegensatz zum Waisenhaus Obazine gibt es hier herrlich große Pferdeställe und zum Ausreiten endlose Wälder, soweit das Auge reicht. Schließlich hat sie Schlossherren Étienne Balsan nicht mit weiblichen Reizen und Kurven verführt, sondern mit Humor. Statt zu flirten, widersprach sie lieber keck und zettelte gleich bei ihrer ersten Begegnung eine spitzzüngige Diskussion an. Ihr selbstbewusster Charme und blitzgescheiter Humor weckten bei Balsan sofort Interesse. Damals, 1904, in Moulins populärem Tanzcafé La Rotonde. Nicht mal zwei Jahre ist das her, aber gefühlt war es ein anderes Leben. Im La Rotonde war sie nur eine von etlichen Poseuses, junge Mädchen, die mit gutgelaunten Chansons die Pausen füllten, sobald die echten Cabaret-Stars hinter der Bühne verschwunden waren. Der Traum vom großen Durchbruch als Varieté-Sängerin, vielleicht irgendwann sogar in einem der Pariser Theater aufzutreten, statt hier in der Provinz zu versauern, war Ansporn genug, sich jeden Abend erneut als kostenloser Lückenfüller vorführen zu lassen. Für Gabrielle war dieser Traum endgültig zerplatzt. Auch wenn sie alles versucht hatte. Wirklich alles. Aber Ehrgeiz alleine reicht eben nicht immer. Ihr Vorhaben, groß raus zu kommen, war deutlich fehlgeschlagen. Das muss sie sich eingestehen. Trotzdem vermisst sie dieses vergnügte und ausgelassene Bühnendasein manchmal. Vor allem den rauschenden Applaus. Der galt zwar nicht ihrem grandiosen Gesangstalent, das ist ihr mittlerweile klargeworden, aber immerhin ihrem frechen Charme. Außer einer mittelmäßigen, dünnen Stimme und den immer gleichen Nummern hatte sie auf der Bühne nicht viel zu bieten. Das änderten auch die vielen Gesangs- und Tanzstunden nicht. Aber wenn Gabrielle mit ihrer Tante Adrienne im Duett Ko-Ko-Ri-Ko und Qui qu’a vu Coco?, ein Lied über einen entlaufenen Hund, zum Besten gab, heizte sich im La Rotonde sofort die Stimmung auf. Die Offiziere grölten noch Minuten später auffordernd »Coco, Coco, Coco!!!«, wenn sie mit ihrem Tellerchen von Tisch zu Tisch zogen, um ihr Trinkgeld einzusammeln. So auch Étienne Balsan, der sie damals gleich auf seinen Schoß ziehen wollte.

»Ich bitte Sie!«, hat Gabrielle ihn angeherrscht, sich aus seiner Umarmung gewunden, eine Zigarette angezündet und ihm frech den Qualm ins Gesicht geblasen. »Bestellen Sie mir erst mal einen Champagner. Oder muss ich dafür erröten und so tun, als wäre ich von Ihrer Aufmerksamkeit ganz und gar entzückt?«, dann setzte sie ihr zuckersüßestes Lächeln auf.

»Keine Sorge, Sie sind mit Ihrer knabenhaften Figur sowieso nicht mein Typ, meine liebe Coco«, neckte er zurück.

»Erstens bin ich nicht Ihre ›liebe‹, und zweitens ist mein Name nicht Coco, sondern Gabrielle!«, erwidert sie mit gespielter Entrüstung. Was für ein lächerlicher Spitzname, dachte sie damals, ich bin doch kein Köter! An diesem Abend im La Rotonde hat sie nicht die leiseste Ahnung, dass genau dieser Name bald nicht nur ihre neue Identität, sondern Teil ihrer unvorstellbaren Zukunft werden sollte. Ein Name, mit dem sie über alle Grenzen hinaus, auf der ganzen Welt tiefe Spuren hinterlassen wird. So tief, dass man an dieser Stelle sogar schon behaupten darf, dass er unsterblich sein wird. Und Étienne Balsan? Der war entscheidend an dieser Zukunft beteiligt.

Balsan findet diese unbeugsame Coco unwiderstehlich. Weiblichen Widerstand ist er nämlich ganz und gar nicht gewohnt. Offizier Étienne Balsan liegen die Mätressen üblicherweise zu Füßen. Nicht weil er besonders attraktiv ist. Nein, ganz im Gegenteil, er ist weder groß, noch schlank und mit seinem ganz gewöhnlichen Schnurrbart und dem runden Gesicht trotz Uniform keine besonders autoritäre oder verwegene Erscheinung. Aber diese pralle Lust aufs Leben! Die ist einfach extrem einnehmend und seine permanent gute Laune ansteckend. Und vor allem ist er großzügig! Ein gutmütiger Lebemann, der aus einer wohlhabenden und angesehenen Familie der französischen Oberschicht stammt. Ihren Reichtum haben die Balsans einer Textilfabrik zu verdanken, die schon Uniformen an Napoleons Armeen lieferte. Aber statt das angehäufte Familienvermögen wie sein sechs Jahre älterer Bruder Jacques emsig zu vermehren, verprasst Étienne es lieber ganz genüsslich und führt mit voller Hingabe ein Dasein auf großem Fuß. Allein für diesen Zweck hat er 1904 den Landsitz Chateau de Royallieu in Compiègne gekauft, etwa 100 Kilometer von Paris entfernt. Ein Ort des Vergnügens, an dem er mit seinen Freunden und Geliebten feudal und unbeschwert in Saus und Braus leben kann.

Seine Eltern sind kürzlich gestorben, der Militärdienst beendet. Kurzum, das Leben hat ihn von jeglichen gesellschaftlichen Erwartungen und Verpflichtungen befreit und mit einer Erbschaft beglückt, mit der er dieses einst nüchterne Kloster kaufte. Er verwandelte den Landsitz mit dem imposanten Tor, den hohen Sprossenfenstern und den hellen vertäfelten Räumen in einen Spielplatz für endlosen Müßiggang. Wer auf Royallieu zu Gast ist, hat keine andere Aufgabe, als den lieben langen Tag sorglos Spaß zu haben. Hier dreht sich alles um die schönen Dinge des Lebens. Das sind für Balsan in erster Linie: Pferde, Pferde, Pferde. Und natürlich gutes Essen, edle Weine und schöne Frauen. Elegante Erscheinungen wie die Tänzerin Liane de Pougy, die Sängerin Marthe Davelli und die Schauspielerin Gabrielle Dorziat sind auf Royallieu stets willkommen. Auch die berühmte Tänzerin und Schauspielerin Émilienne d’Alençon ist hier ein gern gesehener Dauergast. Eine Vollblutschönheit, die 1906 mit stattlichen 36 Jahren noch immer der Traum junger und alter Männer ist. Mit ihren vollen Wangen, dem langen blonden Haar, den reizvoll geschwungenen Hüften, üppigen Kurven und ihrer hinreißenden Weiblichkeit kann Gabrielle nicht im Geringsten mithalten. Da macht sie sich gar keine Illusionen. Erstens fehlt ihr mit ihrer schmalen, knabenhaften Figur die biologische Veranlagung. Und zweitens liegt es ihr sowieso nicht, sich wie die anderen Damen mit Rüschen, Spitze, Perlen und Kleidern aus kilometerlanger Seide und Samt zu aufwendig hergerichteten Kunstwerken für die Männer zu inszenieren.

UM UNERSETZBAR ZU SEIN, MUSS MAN SICH IMMER VON ANDEREN ABHEBEN

Zu viele Rüschen, zu viele Federn, zu viel Make-Up, zu viel Schmuck – zu viel von allem!, denkt sie und verdreht innerlich die Augen. Auf keinen Fall möchte sie mit diesen herausgeputzten Mätressen verwechselt werden. Auch wenn sie natürlich eine ist. Aber anders eben. Ganz anders. »Um unersetzbar zu sein, muss man sich immer von anderen abheben«, belehrt sie ihr eigenes Spiegelbild. Und das versucht sie zu jeder Gelegenheit und mit allen Mitteln umzusetzen. Deshalb steht sie jetzt auch hier oben in Étiennes schickem Ankleidezimmer. Statt sich wie die anderen »grandes horizontales« – wie man die nichtehelichen Beischläferinnen auch nennt – die Taille abzuschnüren, das üppige Hinterteil zu betonen und die Brüste hochzuwuchten, setzt Gabrielle auf schmucklose Gradlinigkeit. Die weibliche Silhouette zu verbergen, hält sie für ein äußerst wirksames Ablenkungsmanöver. Und Männerkleidung, denkt sie sich, ist dabei doch die geschickteste Tarnung. Wer nicht wie eine Kurtisane aussieht, muss sich auch nicht wie eine fühlen. Richtig? Ihr Abbild im Spiegel nickt ihr zustimmend zu. Außerdem hat ihr diese Reduzierung aufs Wesentliche schon immer gefallen. Kein unnötiger Prunk, kein sinnloser Schnickschnack. So kann man sich doch viel freier und unbefangener bewegen und sieht zudem viel interessanter aus. Findet sie zumindest. Diese asketische Ästhetik hat sie schon im Kloster Obazine fasziniert. Diese blütenweißen, glatt gebügelten Blusen und schwarzen Faltenröcke in dem nüchternen, kargen Klosterambiente gaben der Welt eine Ordnung und Klarheit, die ihr hier auf Royallieu manchmal fehlt. Eine Ordnung, die einem hilft, das Leben in einer verworrenen Welt in den Griff zu bekommen und sich seines eigenen Schicksals zu bemächtigen.

Bevor sie Balsans Schlafzimmertür zum Flur öffnet, schiebt sie entschlossen das kleine letzte bisschen Zweifel zur Seite und springt die steile Steintreppe hinunter. Vorbei an den Jagdtrophäen und der Ahnengalerie der Familie, die hier starr den Flur bewachen.

»Coco?«, hört sie Étienne rufen. Er blickt von seiner Rennzeitung auf, aber da war sie schon längst in ihre Stiefel geschlüpft und aus dem Haus gestürzt. Sonst nichts anderes als den lieben langen Morgen faul und rauchend im Bett liegen, Schundromane lesen und Milchkaffee trinken, denkt er amüsiert, aber wenn ein Ausritt ansteht, ist sie durch nichts und niemanden zu bremsen.

Gabrielle liebt es, vor allen anderen im Stall zu sein. Vor allem heute. Dieses komfortable Outfit muss sofort getestet werden. Sie hört schon von draußen die Pferde wiehern und schnauben, tritt auf die Stallgasse und atmet tief ein. Dieser würzige Aromenmix aus Stroh, Pferd und Leder ist jedes Mal wieder ein Genuss. Zwischen den Tieren, Schubkarren und Stalljungen fühlt sie sich einfach am wohlsten. Hier weiß sie, woran sie ist. Einer der Lehrjungen grüßt sie vertraut, mustert kurz ihr neues Outfit, stutzt und nickt dann anerkennend: »Guten Morgen, Mademoiselle, Sie sind aber mal wieder früh auf.«

Sorgfältig striegelt sie den muskulösen Pferdekörper ihrer Schimmelstute, klopft liebevoll den glänzenden Hals und ist stolz. So viel Schönheit, Würde und Anmut. Ein unglaubliches Gefühl von Geborgenheit durchströmt sie. Dieses bedingungslose Vertrauen, diese sofortige Verbundenheit zu einem anderen Wesen ist ein ganz ungewohntes Gefühl für Gabrielle. Sie kann sich nicht erinnern, das jemals für einen Menschen empfunden zu haben. Mein Leben lang werde ich Étienne dankbar sein, dass er mir das Reiten beigebracht hat, denkt sie. Er hat in den letzten Monaten begeistert und großzügig bis ins letzte Detail all sein Wissen über die eleganten Vierbeiner mit ihr geteilt. Hat ihr beigebracht, wie man korrekt sattelt und aufzäumt, wie man die Zügel richtig hält, aufrecht im Sattel sitzt, das Pferd antreibt, zügelt und auch im gestreckten Galopp unter Kontrolle hält. Es bereitet ihm größtes Vergnügen, Gabrielles endlosen Wissensdurst mit seiner Sachkenntnis zu stillen. Endlich eine Frau, mit der er seine größte Leidenschaft teilen kann! Nichts bedeutet Balsan mehr als diese Pferde. Er hat nicht viele Ambitionen im Leben, aber beim Reiten entwickelte er schon als junger Mann einen überraschenden Ehrgeiz. Er gilt als einer der besten Hindernisreiter Frankreichs und besitzt einen Rennstall, der sich sehen lassen kann. Diese ihr neue Welt liebt Gabrielle. Die disziplinierten und drahtigen Jockeys, die kantigen Pferdetrainer, die Aufregung vor jedem Rennen, das Gefühl von Freiheit. Sie hat das Leben im Stall in den letzten Wochen aufgesogen wie ein Schwamm Flüssigkeit.

Sie schwingt sich auf den Rücken ihres Pferdes, trabt über den Hof, drückt ihre Schenkel fest zusammen und lässt ihrer zufrieden schnaubenden Stute freien Lauf. Schneller, schneller, schneller! Dieses Glück des ersten Galopps, sich dem rhythmischen Tempo und der Kraft des Tieres hingeben. Davon kann sie nicht genug bekommen. Sie spürt den eisigen Morgenwind auf ihrer Haut, fühlt, wie sich ihr Herzschlag mit der Geschwindigkeit erhöht. Diese geballte Energie eines 500Kilo schweren Tieres, das sie als zierliche Frau mit zwei Zügeln in der Hand vollkommen unter Kontrolle hat. Das ist Freiheit, denkt sie. In den letzten Wochen hat sie extrem schnelle und große Fortschritte gemacht. Ausdauernd und unermüdlich hat sie sich Tag für den Tag in den Sattel geschwungen. Bei Wind und Wetter. Ihr ist nicht entgangen, wie stolz Étienne auf seine kleine disziplinierte Schülerin ist. Hat sie ihn doch vor ein paar Tagen überhört, wie er mit seiner Zigarre im Mund in seiner Männerrunde geprahlt hat, wie außergewöhnlich begabt sie sei. Und dieser kompromisslose Ehrgeiz! Auf Begabung alleine verlässt sich ein willensstarker Mensch wie Gabrielle nämlich nicht. Mit einem Ziel vor Augen grenzte ihre Ausdauer im Sattel an Verbissenheit. Balsan war also nicht weiter verwundert, als Gabrielle sich schon nach wenigen Tagen weigerte, wie alle anderen Frauen schicklich im Damensitz über die Felder zu galoppieren.

»Wie soll ich bitte in dieser lächerlichen Position mit euch Männern Schritt halten?«, hat sie vorwurfsvoll festgestellt.

Deshalb ist er auch nicht weiter überrascht, als er nach seiner Morgenlektüre auf die Stallgasse tritt und auf Gabrielle in ihrem neuen Outfit stößt.

»Coco, ein nettes Kostüm, das du da trägst, steht dir wirklich blendend«, sagt er schmunzelnd und fügt entschlossen hinzu: »Aber das passt doch alles gar nicht richtig! Nächste Woche geht’s zum Schneider. Keine Widerrede!«

So sorglos und unbeschwert hat sie noch nie gelebt. Eine eigene Badewanne, immer frische Blumen auf ihrem Nachtisch und diese feudalen Möbel! Und dann in aller Herrgottsfrühe durch den Wald galoppieren oder bis nachmittags faul im Bett liegen. So richtig fassen kann sie ihr Glück noch immer nicht. Auch wenn sie sich gerade gewaltig ärgert, dass da oben mal wieder die feine Gesellschaft ohne sie speist, während sie hier unten in der hektischen, heißen Küche neben den großen Kochherden mit dem Personal hockt. In Gedanken versunken löffelt sie still ihre Suppe. Ihr Leben in Moulins vermisst sie kein bisschen. Dieser beschauliche Ort mit der verwinkelten Altstadt und den vielen kleinen Konditoreien, in denen sie oft mit einer seltsamen Mischung aus Neugier und Ablehnung diese aufgescheuchten Mütter, Schwestern und Bräute beäugt hat, die sich dort mit den Soldaten und vermeintlichen Ehemännern auf einen Kakao und ein Stück Kuchen trafen. Alles in der Garnisonsstadt Moulins dreht sich um das 10. Jägerregiment zu Pferde. Die dort stationierten Offiziere, Soldaten und Leutnants sind die Auslese des französischen Landadels. Mit ihren Schnurrbärten, bauschigen scharlachroten Hosen, den kecken Käppis und den mit Schnüren besetzten Husarenjacken bevölkern sie den ganzen Ort. Und ganz besonders die vielen Vergnügungslokale. All das vermisst sie nicht eine Sekunde. Vor allem nicht das schäbige Zimmer in der Rue du Pont-Ginguet, dem billigsten und verwahrlostesten Viertel der Stadt. Auch nicht die langen Tage in dem Konfektionsgeschäft für Damen A Sainte-Marie in der Rue de l’Horloge, wo sie stundenlang die Garderobe der vornehmen Damen aus den umliegenden Schlössern verbessern und verschönern musste. Und schon gar nicht fehlt ihr der kleingeistige Klatsch und Tratsch ihrer Arbeitgeber, die sich vermutlich noch immer mit Hingabe an ihrer wohlhabenden Kundschaft ergötzen. Ebenso wenig vermisst sie die gehetzten Stunden beim Schneider Modern’ Tailleur, wo sie in der Rennsaison nebenbei noch pausenlos und in letzter Minute Reparaturen und Änderungen an den Uniformen der Kavalleristen vornehmen musste.

Die schlichte Kleidung der Ordensschwestern im Kloster Obazine prägt Cocos Kreationen ein Leben lang.

Lediglich ihre Tante Adrienne, nach ihr sehnt sie sich. Sehr sogar. Das überrascht sie manchmal selbst ein wenig. Denn eigentlich hat Gabrielle schon vor langer Zeit beschlossen, dass sie ihrer Familie gegenüber nichts als Gleichgültigkeit empfindet. Schon als Kind hat sie gelernt, sich selbst genug zu sein. Selbst bei ihrer nur unerheblich älteren Schwester Julia und der vier Jahre jüngeren Antoinette, mit denen sie ihre komplette Kindheit und die Jahre im Waisenhaus verbracht hat, geht die Verbundenheit nicht sehr tief. Julia ist ihr schon immer viel zu brav, angepasst und ängstlich gewesen. Und Antoinette war ihr damals einfach zu jung. Aber mit Adrienne ist es anders. Zu ihr hat sie sich gleich nach Ankunft im Pensionat Notre-Dame in Moulins hingezogen gefühlt. Sie hat augenblicklich eine Nähe gespürt, der sie sich nicht entziehen konnte.

Adrienne ist die jüngste Schwester ihres Vaters Albert und nur ein Jahr älter als Gabrielle. Seit ihrem zehnten Lebensjahr besuchte Adrienne das Pensionat Notre-Dame, verehrte die Stiftsdamen und hieß ihre Nichte und Neuankömmling Gabrielle dort herzlich willkommen. Nach den einsamen Jahren im abgelegenen Waisenhaus Obazine war Notre-Dame für die fast 18-jährige Gabrielle anfangs ein verheißungsvoller Szenenwechsel. Und nun hatte sie endlich eine Verbündete! Tante und Nichte Chanel werden ein unzertrennliches Duo.

Seite an Seite verbrachten die beiden über zwei Jahre im Pensionat, lernten dort gemeinsam die Finessen häuslicher Pflichten, saßen stundenlang in der klösterliche Nähstube, schwelgten im Schlafsaal nächtelang und bis zum Morgengrauen in Zukunftswünschen, vertrauten sich jedes Geheimnis und ihre Träume von der großen Liebe an. Seite an Seite hatten sie danach fleißig bei A Sainte-Marie und bei Modern’ Tailleur geschneidert und genäht. Seite an Seite ließen sie sich von den jungen Leutnants zu erfrischendem Sorbet ins Café La Tentation einladen. Seite an Seite standen sie schließlich als singende Pausenfüller auf der Bühne im La Rotonde. Ein Abenteuer, zu dem Gabrielle ihre junge Tante mit Engelszungen überreden musste. Denn auch wenn sich die beiden Chanel-Mädchen zum Verwechseln ähnlich sehen, gibt es kaum charakterliche Gemeinsamkeiten. Adrienne ist die Liebenswürdigkeit in Person. Ruhig, ausgeglichen, warm und zurückhaltend. Sie ist spürbar mit sich und der Welt im Reinen. Sie sehnte sich schon damals ganz bescheiden nach einem ruhigen, häuslichen und ehrbaren Leben. Vielleicht würde einer der eleganten Offiziere im La Rotonde ihr diesen Traum erfüllen? Der großen Liebe wäre ihre bescheidene Herkunft ja hoffentlich vollkommen egal. Vielleicht würde er sie ja sogar irgendwann, über alle Standesdünkel und den Protest der entsetzten Eltern hinweg, heiraten!

»Ach Adrienne, wovon du wieder träumst! Das passiert doch nur in kitschigen Schundromanen«, erwiderte Gabrielle damals nüchtern bei einem ihrer vielen Nachtgespräche in dem winzigen Zimmer, das sie sich in der Rue du Pont-Ginguet teilten. Sie selbst hatte sowieso weitaus Größeres im Sinn, als sich mit einer vielversprechenden Heirat zu begnügen. Ganz im Gegensatz zu Adrienne brodelt in ihr schon seit Jahren das Gefühl, irgendwie vom Leben betrogen worden zu sein.

So wie in diesem Augenblick, hier unten in der Küche von Royallieu. Von oben schallt durchs ganze Treppenhaus Musik, vergnügtes Gelächter und das fröhliche Knallen der Champagnerkorken.

»Ihr werdet schon noch sehen«, denkt sie, macht sich auf den Weg zu ihrem Schlafzimmer und schleicht am Salon vorbei. Da stehen sie, diese Damen in pompösen Abendkleidern, von oben bis unten mit Schmuck behangen. Und dazu diese unmöglichen Halskrausen aus Spitze und die langen Schleppen, die wunderbar den Staub vom Boden wischen. Auf dem Kopf überladene Hutgebilde mit Federvieh und anderer Zier, groß wie Wagenräder, mit denen man sich auf diesen engen Absatzschuhen wie ein steifer Vogel fortbewegen muss. Wie beruhigend für die Männer, dass ihre Frauen kaum ohne ihre Unterstützung den Raum durchqueren können, denkt Coco gereizt, das bestätigt sie schön in ihrer Gewissheit, dem weiblichen Geschlecht überlegen zu sein.

MINIMALISMUS IST DER SCHLÜSSEL ZU WAHRER ELEGANZ

Ein Fünkchen Neid und eine gewisse Unsicherheit flackern beim Anblick der vornehmen Gesellschaft trotzdem noch immer in Gabrielle auf. Aber sie hat gelernt, es gekonnt zu überspielen. Dennoch wundert sie sich manchmal, mit was für einer angeborenen Selbstverständlichkeit und Anspruchshaltung sich diese Damen und Herren auf der privilegierten Bühne der Hautevolee bewegen. Sie haben nicht die geringste Ahnung, was vor den mächtigen Mauern ihrer Schlösser und Landhäuser wirklich vor sich geht. Dass dort etliche Landwirte, Tagelöhner, Holzfäller, Hutmacher, Wachszieher und andere abgemagerte und vom Wetter gegerbte Gestalten Tag für Tag mit harter physischer Arbeit ums Überleben kämpfen. Dass ganze Großfamilien auf engstem Raum zusammengepfercht in verwahrlosten, zugigen und feuchten Unterkünften hausen. Dass Menschen arm an Luft, Raum, Nahrung und Liebe sterben, noch bevor ihre eigenen Kinder annähernd erwachsen sind.

So wie Gabrielles eigene Mutter. Die Armut hat sie 1895 im jungen Alter von 33 Jahren nach einem jämmerlichen Dasein und unerbittlichen Winter dahingerafft. Jeanne hatte all ihre Lebensenergie verbraucht, einen Taugenichts zu lieben, der sie als billige Arbeitskraft auf den Jahrmärkten ausnutzte. Entgegen aller Proteste ihrer Familie folgte sie ihm quer durchs ganze Land und richtete sich bei dem verzweifelten Versuch zugrunde, ihren sechs kleinen Kindern trotz des erbärmlichen Nomadendaseins ein Zuhause zu bieten. Und der Vater? Albert ließ sich nicht beirren und genoss dieses Hausiererleben, in das er hineingeboren wurde, in vollen Zügen und ohne Rücksicht auf Verluste. Wie schon sein eigener Vater hoffte er immer und immer wieder, im nächsten Dorf auf den großen Coup zu stoßen. Albert hatte dichtes pechschwarzes Haar, eine ausdrucksvolle Stirn, Charme, ein mitreißendes Temperament und konnte die wildesten Geschichten erzählen. Aber er war auch ein aufbrausender Aufschneider, Luftikus und Schürzenjäger. Verantwortung war ihm ein Graus. Seine angeborene Abenteuerlust konnten auch die sechs Kinder nicht bremsen. Auch nicht die Tatsache, dass seine Frau wochenlang mit einer vermuteten, schweren Bronchitis ans Bett gefesselt war und todkrank ums Überleben kämpfte. Als Jeanne das letzte Mal verzweifelt nach Luft schnappte, war ihr Mann wie immer unterwegs und viele Kilometer weit entfernt. Da wunderte es niemanden, dass er kurz nach dem Tod seiner Frau die Töchter in die Kutsche packte, ein paar Kilometer nach Nordosten fuhr und die jungen Mädchen im erstbesten Waisenhaus absetzte, um sie dort hinter den dicken Klostermauern von Obazine ihrem Schicksal zu überlassen. Die Brüder traf es noch härter. Sie landeten als unbezahlte Arbeitskräfte auf dem nächstgelegenen Bauernhof. Der Vater selbst machte sich klammheimlich aus dem Staub. Vermutlich für immer. Da war Gabrielle gerade mal elf Jahre alt.

Von diesen bedauernswerten Kindheitserlebnissen hat auf Royallieu niemand die geringste Ahnung. Gabrielle hat alles Jämmerliche schon vor Jahren aus ihrer Erinnerung verbannt und alles daran gesetzt, jede noch so zarte Spur in die Vergangenheit auf alle Ewigkeit zu verwischen. Für derartige bemitleidenswerte Lebenstragödien und Schwächen ist in ihrem Selbstbildnis kein Platz. Schon gar nicht hier, auf dem feudalen Landsitz Royallieu. Vor allem nicht an einem Abend wie diesem, an dem ein paar Aristokraten und ihre sittsamen Gattinnen zu Gast sind und ihre sonst so unterhaltsame Gegenwart in diesem erlauchten Kreise nicht erwünscht ist. Denn auch wenn Balsan normalerweise auf Konventionen pfeift, weiß selbst er tunlichst zu vermeiden, dass sich die Wege der vornehmen Ehefrauen und der Mätressen jemals kreuzen. Das hätte selbst hier, an einem Ort, an dem Snobismus und Status-Getue die meiste Zeit verpönt sind, eine ungemütliche Skandallawine ausgelöst. Lieber nicht! Deshalb gelten selbst auf Royallieu ein paar hierarchische Spielregeln. Denn auch unter Mätressen gibt es eine gewisse Rangordnung. Und die kleine Gabrielle gehört nun mal nicht zu den Vorzeigegeliebten. Das lässt Balsan sie trotz aller Zuneigung gelegentlich spüren.

Umso größer ist Gabrielles Widerwillen, als es nach Mitternacht an ihrer Tür klopft. Sie hat gelauscht, wie Balsan im Flur die letzten Gäste verabschiedete, die Treppe raufpolterte, und schon auf das Klopfen gewartet.

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gähnend langweilig dieser Abend mal wieder war, ma chérie«, behauptet er seufzend, kriecht unter ihre Bettdecke, will sich ankuscheln und stutzt. »Coco, du hast ja schon wieder meinen Pyjama an! Du siehst darin aus wie ein Junge! Wie auch immer, diese wohlhabenden Schnösel haben einfach keinen Sinn für Humor«, fährt er fort.

Ja, richtig, denkt Gabrielle und würde ihn am liebsten aus dem Bett schmeißen. Sie ist mürrisch und in Streitlaune, aber bevor sie so richtig loslegen kann, hört sie Balsan schon schnarchen. Ach was soll’s, morgen früh geht’s zum Pferderennen aufs Hippodrom de Longchamp. Darauf hat sie sich schon die ganze Woche gefreut.

Die Pferderennbahn liegt im 16. Arrondissement, ein Randbezirk von Paris. Paris! Wie gerne würde sie danach noch das Stadtzentrum erkunden, durch das meisterhafte Kaufhaus Printemps schlendern, stundenlang in einem der vielen Cafés sitzen, Kakao trinken und diese eleganten Pariser beäugen. Diese verheißungsvolle Stadt, der Ort, an dem Träume Wirklichkeit werden. Träume, die auch Gabrielle noch nicht aufgegeben hat. Leider reizt Balsan die Hauptstadt überhaupt nicht. Er besitzt dort zwar ein Junggesellenapartment, hält sich aber in Paris nie länger auf als nötig. Deshalb wird es wohl auch morgen sofort nach dem Pferderennen wieder nach Royallieu zurückgehen. Schade, denkt sie enttäuscht, seufzt und schläft kurz darauf selbst ein.

»Wirklich, mein Hut? Selbst zum Pferderennen? Muss das sein?«, fragt Balsan ungläubig, als Gabrielle am nächsten Morgen in die Kutsche steigt. Sie hatte sich einen kleinen simplen Strohhut mit kurzer Krempe aus seinem Zimmer gefischt.

»Was spricht dagegen?«, will sie wissen und lächelt ihn an. Einen dieser unsäglich pompös verzierten Hüte trägt sie heute ganz bestimmt nicht. Hippodrom de Longchamp ist der Schauplatz aller menschlichen Eitelkeiten – klassenübergreifend. Hier versammeln sich alle Schichten der Gesellschaft, von den Aristokraten und Großgrundbesitzern bis zu den Buchhaltern und Prostituierten. Die vornehmen Damen führen hier die neueste Mode aus Paris vor und selbst die gewöhnlichen Mädchen werfen sich mit ihren allerbesten Kleidern in Schale, während die Männer angespannt dem Rennergebnis entgegenfiebern.

Statt mit Balsan und den glamourös herausgeputzten Damen mit ihren perlmuttfarbenen Feldstechern, Federhüten und langen Schleppenkleidern auf den reservierten Plätzen der Tribüne Platz zu nehmen, wird sie sich wohl wieder unter die Krämersfrauen, Schlachter, Buchhalter, leichten Mädchen und Taschendiebe mischen müssen, denkt Gabrielle etwas widerwillig und hat Recht. Balsan drückt ihr noch schnell ein paar Franc in die Hand. »Viel Glück, du weißt ja, auf wen du setzten musst«, verabschiedet er sich kurzerhand und ist schon in der Menge verschwunden. Irgendwann, irgendwann, ihr werdet noch alle sehen, schluckt sie lächelnd ihren Stolz hinunter. Aber nicht mal in ihren kühnsten Träumen hätten weder Gabrielle noch Balsan es zu diesem Zeitpunkt für möglich gehalten, dass sie ein paar Jahrzehnte später nicht nur als gern gesehener Dauergast auf dieser Tribüne sitzen wird, sondern auch als stolze Besitzerin eines Rennpferdes, das als Sieger über die Ziellinie schießen wird. Doch soweit sind wir längst noch nicht.

Jemand tippt ihr sachte auf die Schulter. »Coco, also irgendwie gefallen mir deine niedlichen Strohhüte. Ich würde so was natürlich nie tragen. Für mich sind sie einfach nicht elegant und feminin genug«, begrüßt Émilienne d’Alençon sie mit einem schnippischen Lächeln in ihrem schönen Gesicht. An ihrer Seite ist Alec Carter, der derzeitige Star der Rennwelt und Émiliennes neueste Trophäe. Carter ist Teil einer berühmten Dynastie an Pferdetrainern und brach seinem Vater das Herz, als er entschied, Jockey zu werden, statt das Erbe seiner Familie anzutreten. Aber er konnte seinen Vater überreden, ihn trotzdem zu trainieren, und macht seiner Familie als einer der berühmtesten und erfolgreichsten Jockeys Frankreichs alle Ehre. Im Schlepptau von d’Alençon ist er mit seinen zahlreichen Siegen und Trophäen auf Royallieu ebenfalls ein gern gesehener Gast.

»Dir stehen diese schlichten Kreationen allerdings ganz ausgezeichnet. So was passt einfach fabelhaft zu dir, Coco«, fährt Émilienne fort. An ihre Sticheleien hat sich Gabrielle längst gewöhnt, an den kurzen Spitznamen auch. Sie mag ihn mittlerweile sogar ganz gerne. Auf Royallieu nannte sie sowieso kaum noch jemand Gabrielle.

»Du bist herzlich eingeladen, bei mir vorbeizuschauen. Vielleicht steht dir am Ende ja doch noch einer meiner niedlichen Hüte«, erwidert Gabrielle mit einem zuckersüßen Lächeln.

»Ja, stehen würden sie mir sicher, aber wer da oben auf der Tribüne sitzt, braucht schon etwas Beeindruckenderes als deine simplen Hütchen«, verabschiedet sie sich und genießt triumphierend ihren kleinen Seitenhieb. Gabrielle und Émilienne sind einerseits Rivalinnen, dabei aber so grundverschieden, dass es andererseits keinerlei Anlass gibt, sich von der anderen bedroht zu fühlen. Ganz im Gegenteil. Sie mögen sich auf ihre Art sogar und respektieren einander trotz oder gerade wegen aller Unterschiedlichkeiten. Émilienne ist fasziniert von dieser jungen eigensinnigen Coco. Vielleicht kann sie ihr sogar ein wenig unter die Arme greifen, ein bisschen Orientierung bieten, in einer Welt, in der man die erstaunlichsten Dinge erreichen kann, wenn man nur weiß, wie man als Frau intelligent durch das von Männern dominierte Minenfeld navigiert. Coco würde es sich niemals anmerken lassen, aber sie nimmt die wohlwollende Hilfestellung dieser professionellen Schönheit dankend an, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Sie schaut sich still von ihr ab, wie man die Hand kokett zum Kuss reicht, das Besteck anmutig wie eine Dame hält und sich ganz selbstverständlich in den Kreisen der feinen Gesellschaft bewegt. Émilienne weiß haargenau, mit welchen Mitteln man sich als Frau in dem Universum wohlhabender Männer unersetzlich macht. Wovon sie noch nicht die geringste Ahnung hat, ist, dass sie als eine der ersten Chanel-Kundinnen der Welt in die Geschichte der Mode eingehen wird.

Gabrielle beginnt, ihre eigenen Hutkreationen zu entwerfen. Das hat sie sich vor ein paar Jahren von ihrer Tante Julia abgeschaut. Diese Tante heißt eigentlich Louisa und kein Mensch weiß, warum sie von allen Julia genannt wird. Louisa, beziehungsweise Tante Julia, ist eine weitere Schwester von Gabrielles Vater Albert, der insgesamt 18 Geschwister hat. Als Kinder waren Albert und Julia unzertrennlich, mussten Gabrielles Großeltern helfen, die Familie zu ernähren. Sie schleppten Körbe, priesen Waren an, halfen zusammen auf den Jahrmärkten und bei der Getreideernte und schufteten als Tagelöhner auf umliegenden Bauernhöfen. Im Gegensatz zu Vater Albert war Tante Julia den erbärmlichen Verhältnissen dank ihres Geschicks und ihres Pflichtbewusstseins allerdings schon vor Jahren entkommen. Mit 24 Jahren heiratete sie den Eisenbahnangestellten Paul Costier, eine gute Partie mit einem zuverlässigen Monatseinkommen, die ihr ein bescheidenes, aber zufriedenes und kleinbürgerliches Leben in der Kleinstadt Varennes-sur-Allier ermöglichte. Für die 19 Jahre jüngere Schwester Adrienne war der gediegene Steinbau mit rotem Ziegeldach, den gepflegten Blumenbeeten und den mit Liebe zubereiteten Mahlzeiten schon von klein auf ein zweites Zuhause. Das Haus wurde zum Treffpunkt für die Familie Chanel. Zumindest für einen Teil!

Denn Gabrielle hatte von diesen fröhlichen Familienzusammenkünften als einsames kleines Mädchen im Waisenhaus Obazine