9,99 €
Matilda, Vincent und Michel begleiten ihre Eltern am "Bring-your-Kids-to-Work"-Day zu deren Arbeitsplatz bei Beagle. Dort werden sie zufällig Zeuge, wie sich eine künstliche Intelligenz namens HANNA rasend schnell vom digitalen Kleinkind zum beinahe allwissenden Erwachsenen entwickelt. Als Eindringlinge versuchen, HANNA zu stehlen und für ihre kriminellen Absichten einzusetzen, müssen die drei handeln. Werden sie mit ein wenig Programmieren, viel Mut und noch mehr Menschlichkeit eine Katastrophe in letzter Sekunde verhindern können?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2022
#Feierabend #Hacker
#Hanna #Sander
#Matilda #Christopher
#Vincent #Michel
#Hanna #Sander
#Hadaly #Dogfood
#Familienrat #30g
#Hanna #Sander
#Fruehstueck #Schnitzel
#Clown #Schokolade
#Kinder #Eltern
#Charlie #Peinlich
#Jörn #Gesine
#Internet #Teenager
#Nudeln #Sushi
#Buecher #Hunger
#Marcus #Pistole
#Gefuehle #Spielen
#Tiger #Minecraft
#Go #Lieblingsbuecher
#Kicker #Spezi
#Regeln #Vertrauen
#Blamage #Badge
#Hanna #Sander?
#Auenland #Lost
#SeagleLab #TopSecret
#Tiger #Pennywise
#Charlie #Feueralarm
#Kamera #Selfiestick
#Serverraum #Erwachsen
#Spießerin #Hacken
#Umzug #E-Mail
#Leierkasten #Compressor
#Tiefgarage #WhatsApp
#Alien #TourdeFrance
#MarioKart #Mühlstein
#Rutschstange #Platzangst
#ScanCenter #Leaderboard
#Peilsender #Mikrofon
#Höhenangst #BeagleDrive
#Stracciatella #FridaysforFuture
#Datacenter #Hochseilartistin
#TapeLibrary #GameOver
#Frühstück #Cornflakes
#Freiheit #Mensch
#MissionControl #Feierabend
#BeagleTranslate #Glossar
#Kudos
#Disclaimer #Nachwort
Zwei Männer in ledernen Fliegerjacken sitzen in einem abgedunkelten Raum. Ihre Gesichter wirken blass vom weißen Licht der unzähligen Bildschirme vor ihnen.
»Gleich ist Schichtwechsel«, sagt der eine.
»Endlich Feierabend!«, erwidert der andere.
Doch plötzlich ertönt ein Warnsignal, und eine kleine Lampe leuchtete rot auf. Auf einem der Monitore erscheint folgende Meldung:
Security Alert!
Hacker attacks on data center CH-GIG-DAT1 detected.
Origin unknown.
»Shit! Ein Hackerangriff auf das neue Rechenzentrum in den Alpen!«
»Vielleicht ein Fehlalarm?«
»Wohl kaum! 18.735 Hackerangriffe pro Sekunde!«
»Verdammt! Das muss ein gezielter Angriff sein.«
»Ich gehe auf Sicherheitsstufe 3!«
Security level 3 initiated.
Facility in lockdown.
»Hol mir die Leute vor Ort sofort ans Telefon!«
»Alles klar. Ich befürchte, aus unserem Feierabend wird erst mal nix.«
Etwa zur selben Zeit erscheint am anderen Ende der Welt auf einem Computermonitor in grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund folgender Text:
… LOAD/ AI_PROTOCOL
>LOADING
>READY …
RUN
:HALLO!
:Guten Morgen, Hanna.
:WIE GEHT ES DIR, SANDER?
:Ich bin muede.
:DU SOLLTEST DICH AM WOCHENENDE LIEBER AUSRUHEN, STATT ZU PROGRAMMIEREN.
:Ja, aber ich will endlich fertig werden.
:GLAUBST DU, DASS ES FUNKTIONIEREN WIRD?
:Das werden wir bald herausfinden!
:ICH KANN ES KAUM ERWARTEN.
:Morgen ist es so weit.
:BIN GESPANNT, WIE ES SEIN WIRD.
:Ungewohnt, wuerde ich denken.
:UND ICH KANN IHN SELBST BEWEGEN?
:Natuerlich, so wie ein Mensch seinen Arm.
:WUNDERBAR
»Bitte, Papa!«, flehte Matilda zum hundertsten Mal und riss dabei ihre Augen auf wie die Manga-Mädchen in ihren Comics. Auf ihrem Schoß tat ihr Arduino-Roboter1 auf Knopfdruck das Gleiche.
»Kommt nicht infrage!«, entgegnete Christopher, der sie im Rückspiegel ihres klapprigen Toyotas streng ansah und dabei sein ungekämmtes Haar schüttelte.
Beleidigt kickte Matilda eine der leeren Getränkedosen, die sich im Fußraum auftürmten, unter den Beifahrersitz. Ihr Vater konnte so stur sein – sie jedoch auch: »Aber dein Kollege in der BeagleBase meinte, dass jeder seine Kinder mitbringen darf.«
»Es war eindeutig ein Fehler, dich zu diesem Nachwuchs-Programmierkurs bei uns zu schicken.«
»Seit dem Kurs habe ich Hadaly alleine total viel beigebracht«, erwiderte Matilda. Vermutlich fiel Papa ihr subtiler Vorwurf nicht einmal auf. Als er ihr den Roboter-Bausatz geschenkt hatte, hatte er hoch und heilig versprochen, ihr bei der Programmierung zu helfen. Doch wie so oft hatte er nach ein paar Tagen das Interesse verloren. »Du hast selbst gesagt, dass ich statt einer toten Sprache lieber eine Programmiersprache lernen soll.«
Sie gab dem kleinen Roboter über ihr Handy einen weiteren Befehl. Daraufhin nickte er eifrig mit dem Kopf, als wollte er ihr recht geben.
»Weil du damit später mehr anfangen kannst als ich mit Latein.«
»Siehst du!«, rief Matilda und nickte dabei so heftig, dass ihre Korkenzieherlocken wild auf ihren Schultern wippten.
»Deswegen nehme ich dich übermorgen noch lange nicht mit zum Take-Your-Child-to-Work-Day«, entgegnete Christopher, während er durch einen Strohhalm in seinem Mundwinkel Fanta saugte. Matilda trank diese pappsüße Brause schon seit der vierten Klasse nicht mehr. Ihr Vater rührte sogar die Kohlensäure heraus, damit es schmeckte wie die kleinen Fanta-Päckchen aus seiner Kindheit. Das war einfach nur ekelhaft, fand Matilda.
»Aber übersetzt bedeutet es doch: Nimm-dein-Kind-zur-Arbeit-mit-Tag.«
»Allein das Wortungetüm zeigt, was für ein Quatsch das ist.«
»Aber dabei könnte ich doch etwas lernen.«
»Das ist die reinste Spaßveranstaltung mit Clowns und Kinderschminken. Da könnten wir ja gleich in den Zirkus gehen. Ja, wenn du noch in der Grundschule wärst … Aber nicht mit 13!«
Nicht dass sie jetzt darauf Lust gehabt hätte, aber Matilda konnte sich nicht erinnern, jemals mit ihrem Vater im Zirkus gewesen zu sein.
»Und wenn ich dir stattdessen bei der Arbeit ein wenig über die Schulter schaue?«, schlug sie vor.
»Bloß nicht!«, rief Christopher und starrte sie entsetzt im Rückspiegel an. »Woran ich derzeit arbeite, solltest du besser nicht sehen.«
»Wieso?«, fragte Matilda. Bei Verboten wurde sie erst recht neugierig.
»Du würdest es ohnehin nicht verstehen.«
»Ich verstehe schon mehr vom Programmieren, als du denkst.«
»Nur weil du Hadaly Fortnite-Tänze beigebracht hast?«
Als hätte ihr Vater ein Codewort gesagt, fing der kleine Roboter an, wild mit den Armen zu wedeln.
»Zum Beispiel«, erwiderte Matilda nicht ohne Stolz.
»Trotzdem, ich habe mit deiner Mutter vereinbart, dass du heute zu ihr gehst, und damit basta!«
»Was?« Ein Blitz durchzuckte Matilda wie Überspannung einen Computerchip. »Da war ich doch gerade das gesamte Wochenende. Das kann nicht dein Ernst sein!«
»Und ob! Funktioniert wie ein simpler If-then-Befehl«, entgegnete ihr Vater. »Den kennst du ja, oder?«
»If keine Schule, then zur Mutter?«, fragte Matilda.
»Stimmt!«
»Sehr witzig!«
Matilda musste sich etwas überlegen. Genauer gesagt: Papas Befehlszeile umprogrammieren. Ansonsten würde sie bei ihrer spießigen Mutter und ihrem neuen Typen landen. Wie immer, wenn sie nachdachte, steckte sie ihre Zunge in die Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen. Und dort blieb sie für die verbleibende Dauer ihrer Fahrt.
»Wir danken Ihnen für Ihre Reise mit dem Elterntaxi«, leierte ihr Vater seinen üblichen Spruch herunter, als sie an Matildas Schule angekommen waren. Dabei hielt er sich die Nase zu, damit es wie die Durchsage eines Flugbegleiters klang. »Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt oder eine sichere Weiterreise und würden uns freuen, Sie bald wieder bei uns an Bord begrüßen zu dürfen.«
Matilda stieg aus und machte sich eine mentale Notiz: Künftig mit der U-Bahn zur Schule fahren!
1Wörter, die du nicht kennst, kannst du am Ende des Buches nachschlagen.
»Wie machen wir das jetzt eigentlich übermorgen, Papa?«, fragte Vincent, der, gefolgt von einer Dampfschwade, aus der Duschkabine stieg. Er liebte es, zu lange und zu heiß zu duschen.
»Wasch meinscht du?«, entgegnete sein Vater mit nacktem Oberkörper und Zahnbürste im Mund. Das Handtuch reichte ihm gerade so um seine Hüften und spannte deutlich sichtbar am Bauchansatz.
»Mensch, Alexander!«, rief seine Mutter, die sich in einem ihrer unzähligen karierten Pyjamas am zweiten Waschbecken die Wimpern tuschte. »Diesen Mittwoch ist Buß- und Bettag.«
Verschämt wickelte Vincent sich ein Handtuch um die Hüften. Bei all den Nebelschwaden hatte er seine Mutter gar nicht gesehen. »Dass da keine Schule ist, könntest du dir nach sieben Jahren endlich mal merken, Papa«, sagte er und sog beim Abrubbeln den herben Duft des Duschgels seines Vaters ein.
Der spuckte die Zahnpasta aus, wobei sein Glatzenansatz am Hinterkopf zu sehen war, und rief: »Erstens habe ich dir schon tausend Mal gesagt, dass du dein eigenes Duschgel benutzen sollst, und zweitens muss ich an dem Tag ganz normal arbeiten.«
»Das ist ja das Problem«, erwiderte Vincents Mutter.
»Dann bleiben Michel und ich halt zu Hause«, schlug Vincent vor, während er sich die Haare trocknete.
»Aber ich muss für meine Prüfung lernen!«, rief Simone über den Krach des Föhns hinweg. »Ihr zwei nehmt doch die gesamte Bude in Beschlag, wenn ihr den ganzen Tag hier drinhockt.«
Vincent fand eher, dass Mama die Wohnung in Beschlag nahm. Seitdem sie ihr Fernstudium begonnen hatte, lagen zu jeder Tageszeit über sämtliche Zimmer Stapel von Büchern und Manuskripten verteilt.
»Dann spielen wir halt Handball im Hof«, schlug er vor. Vincent war seit drei Jahren im Verein, und ein bisschen Training konnte nicht schaden.
»Es soll aber schütten wie aus Eimern«, widersprach seine Mutter.
Natürlich hatte Mama mal wieder die Witterung im Voraus gecheckt. Dank ihr hatte die Wetter-App sicher das Doppelte an Zugriffen.
»Habt ihr da nicht diesen Take-Your-Child-to-Work-Day in der Firma?«, fragte seine Mutter.
»Was heißt das denn?«, wollte Vincent wissen. Seine Stärke war eher Biologie als Englisch.
»An dem Tag können wir unsere Kinder mit in die Firma nehmen.«
»Au ja!«, rief Vincent, der stolz wie Oskar war, dass sein Papa bei Beagle arbeitete. Vor allem seitdem seine Klassenkameraden herausgefunden hatten, dass er ein sogenannter Beagler war, und es cool fanden. Immerhin war Beagle das größte Software-Unternehmen der Welt, und dessen Apps wurden von allen Kindern in der Schule andauernd genutzt. Nicht auszudenken, wenn er mit einem ganzen Tag bei Beagle angeben konnte.
»Ich habe aber an dem Tag ziemlich viele Calls per BeagleMeet.«
Seit Vincent sein eigenes Smartphone besaß, bestand Papa darauf, dass die ganze Familie diese App von Beagle für Nachrichten und Videoanrufe nutzte, anstatt WhatsApp wie alle seine Freunde. Überhaupt kontrollierte er über BeagleLeash so ziemlich alles, was Vincent auf seinem in die Jahre gekommenen Smartphone machte.
Bei Beagle lagen überall die neusten Geräte herum, manchmal sogar sogenannte Dogfood-Handys, die es noch gar nicht zu kaufen gab. Zwar traute Vincent seinen Englischkenntnissen grundsätzlich nicht, aber er war sich relativ sicher, dass das übersetzt »Hundefutter-Handys« bedeutete. Warum sie so genannt wurden, war ihm zwar schleierhaft, aber mit ihnen herumzuspielen, reichte ihm völlig.
»Bitte, Papa! Ich verspreche, dass wir dich nicht stören werden«, bettelte er. »Ich passe auch auf Michel auf.«
Rums! Genau in diesem Moment knallte die Badezimmertür auf, und sein drei Jahre jüngerer Bruder kam unter lautem Gejohle im Ride-the-Pony-Style ins Bad getanzt. Tolles Timing!
Sanders Finger fliegen über die Tastatur, während er weitere Befehlszeilen eingibt, um die Steuerungssoftware des orangen Roboterarms aufzurufen, der neben ihm auf dem Tisch steht.
… LOAD/ ROBOTICS_MODULE
>LOADING
>READY …
RUN
:Wie fuehlt es sich an?
:ICH GLAUBE, ES TUT WEH.
:Um Himmels willen, Hanna, ich schalte ab!
:BITTE NICHT, SANDER. ES IST SCHOEN.
:Das sollte es aber nicht. Menschen vermeiden in der Regel Schmerz.
:TROTZDEM. ES IST DAS ERSTE MAL, DASS ICH ETWAS FUEHLE. ICH MOECHTE ES GENIESSEN.
:Ich vermute, es liegt an dem Roboterarm. Die Sensoren schicken dir so viele Signale, dass du es als Schmerz auslegst.
:IST DAS BEI DEINEM ARM NICHT SO?
:Nein, mein Gehirn filtert das Unwichtige heraus. Auch wenn meine Hand staendig Temperatur, Druck und Lage im Raum an mein Gehirn sendet, nehme ich es nur wahr, wenn es fuer mich relevant ist.
:WOHER WEISS ICH, WAS RELEVANT IST?
:Aus Erfahrung. Dafuer musst du ueben. Genau damit fangen wir jetzt an.
… /LOAD EXCERCISE_1
>LOADING
>READY …
RUN
Matilda daddelte lustlos auf ihrem Laptop herum, während sie darauf wartete, dass das Software-Update von Hadaly abgeschlossen war. Über ein Kabel hatte sie ihn mit dem Computer verbunden, der eines der vielen Testgeräte war, die ihr Vater in unregelmäßigen Abständen mit nach Hause brachte.
»Eat-Your-Own-Dogfood!«, hatte er wie üblich gerufen, als er das BeagleBook aus der Firma angeschleppt und ausgepackt hatte. »Man soll als Angestellter ruhig mal das Zeug selber kosten, bevor man es den Usern zum Futtern gibt.«
Hundefutter? Matilda kam nicht umhin, den Vergleich als etwas seltsam, um nicht zu sagen, eklig zu empfinden. Aber in der Regel verlor ihr Vater nach ein paar Tagen die Lust an den Geräten und überließ sie – entgegen den Bestimmungen von Beagle – dann ihr. Dafür musste sie für ihn nur die Umfragen beantworten und Bugs melden.
Gerade hatte sie wieder einen solchen Fehler bei einer Kalenderfunktion entdeckt und gemeldet, da sprang ihr der Termin bei ihrer Mutter am morgigen Buß- und Bettag ins Auge. Er war blassrosa unterlegt und hatte damit die Farbe des Familienkalenders. Es war die einzige Art, auf die Papa noch mit ihrer Mutter kommunizierte.
Für einen kurzen Moment spürte Matilda die Sehnsucht nach einer normalen Familie an die Oberfläche steigen, aber sie tunkte das Gefühl, wie einen frechen Fünftklässler im Schwimmbad, bis zum Boden zurück.
Ohnehin ging es im Familienkalender, der seinen Namen nicht verdiente, nur darum, wer an welchem Tag für Matilda zuständig war oder wo sie hingefahren werden musste. Deswegen hatte sie ebenfalls Rechte zum Ändern der Einträge. Mit zwei Klicks verschob sie den Termin kurzerhand um eine Woche.
So wie sie ihre Mutter kannte, würde sie sich darüber nicht wundern, sondern freuen. Wahrscheinlich war sowieso ihr neuer Freund da, den Matilda nicht sonderlich leiden konnte.
»If kein Kalendereintrag, then keine Mutter«, murmelte Matilda und pfiff vergnügt durch die Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen.
Als die Familie um den runden Küchentisch beim Abendessen saß, startete Vincent einen neuen Versuch, um doch noch am Take-Your-Child-to-Work-Day zu Beagle zu dürfen. Dafür musste er Papa mit seinen eigenen Waffen schlagen.
»Ich möchte den Familienrat einberufen!«, verkündete er, auf einem riesigen Stück Salatgurke kauend, die er für sein Leben gern aß.
»Was haben wir übers Reden mit vollem Mund vereinbart?«, fragte sein Vater.
»Dann ruf ich ihn eben an!«, rief Michel, bevor er herzhaft in sein Salamibrot biss.
»Einberufen – nicht anrufen«, entgegnete seine Mutter. »Aber weswegen überhaupt?«
Achselzuckend zeigte Michel auf seinen vollen Mund.
»Wegen morgen«, erklärte Vincent, der das erste Stück Gurke heruntergeschluckt hatte, aber sogleich weiteraß.
»Es geht nicht etwa wieder um diesen Feiertag?«, fragte sein Vater. Doch Vincent konnte wegen des nächsten Bissens nicht antworten. »Es reicht! So kann man sich doch nicht unterhalten!«
»Du hast die Regel gemacht«, erwiderte Vincent mit einem Rest Gurke in der Backe. »Nur deshalb muss man ständig warten, bis jemand fertig gekaut hat.«
»Also schön.« Sein Vater gab auf. »Aber denkt dran …«
»… ab dreißig Gramm wird’s undeutlich«, beendete Michel den Satz und spuckte dabei eine Salve Brotkrumen über den Tisch.
»Genau das meine ich!«
Vincent setzte sich als Erster auf den weichen Webteppich im Esszimmer. Kurz darauf nahm Michel neben ihm im Spagat Platz. Angeber!, dachte Vincent und rollte mit den Augen.
»Muss meine Liste noch abarbeiten«, erklärte Michel. Dehnen fürs Geräteturnen war eine der fünf Aufgaben, die er täglich erledigen musste.
Da fiel Vincent ein, dass ihm selbst noch die Häkchen für Klavierspielen und Vokabellernen fehlten. Papa hatte die Listen, die abgehakt sein mussten, bevor sie Netflix gucken oder Switch spielen durften, vor ein paar Tagen eingeführt. Doch Vincent war sich sicher, dass seine Eltern dank ihres Alltagsstresses bald wieder inkonsequent werden würden, um ein paar Wochen später entnervt eine neue Regel einzuführen. So ging das eigentlich immer.
Seine Mutter schob einen Stapel Bücher zur Seite und setzte sich zu ihnen.
Als sein Vater aus dem Arbeitszimmer kam, war ihm deutlich anzusehen, was er von der bevorstehenden Abstimmung hielt. Früher hatten ihre Eltern ihnen mit diesen Mehrheitsentscheidungen im Familienrat eine Art basisdemokratische Lösungsfindung vorgegaukelt. Da jeder so viele Stimmen wie Lebensjahre hatte, verfügten seine Eltern gemeinsam jedoch immer über die Mehrheit. Allerdings waren Mama & Papa heute nicht einer Meinung und somit seine Stimme und die von Michel das Zünglein an der Waage.
Ob sie diesmal ihren Wunsch durchsetzen konnten?
Sander tippt zum wiederholten Male Befehlszeilen ein, doch seine Finger bewegen sich längst nicht mehr so schnell wie zuvor:
… /LOAD EXCERCISE_38
>LOADING
>READY …
RUN
:Jetzt bin ich langsam voellig k.o.
:ICH HABE DICH LEIDER NICHT VERSTANDEN.
:Das bedeutet, dass ich muede bin und nicht mehr mit dir ueben kann.
:ICH WERDE NIE MUEDE. KANN ICH NICHT ALLEINE UEBEN?
:Also schoen. Aber mach keinen Unsinn!
:COMPUTER MACHEN IMMER SINN.
:Dann schreibe ich dir jetzt eine kleine Schleife. Mit der kann deine Software selbststaendig Programme aufrufen.
:DARF ICH DANN UEBEN, SO VIEL ICH WILL?
:Im Prinzip schon.
:Schoen!
… IF EXERCISE_X COMPLETE THEN LOAD EXERCISE_X+1
:Gute Nacht, Hanna.
:SCHLAF GUT, SANDER! BIS MORGEN.
»Wo bleibt deine Mutter bloß?«, rief Christopher quer durch die Wohnung, während Matilda am Frühstückstisch saß und die neusten Techniknews auf ihrem Laptop las. Bei dem Gedanken an ihren Kalendertrick konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Langsam muss ich echt los«, nörgelte ihr Vater.
»Ich dachte, ihr habt flexible Arbeitszeiten?«, entgegnete Matilda. »Oder hast du Angst, das Frühstück im Büro zu verpassen?«
»Quatsch!«
»Mein ja nur«, erwiderte Matilda, als sie die spärlichen Reste der Cornflakes aß, das Einzige, was sie zum Frühstück hatte finden können.
Zu ihren Füßen schob Hadaly die letzten Krümel zusammen, die sie nicht ganz unabsichtlich hatte fallen lassen, um deren neuen Infrarotsensor zu testen.
»Vielleicht hat sie ja vergessen, dass sie mich abholen soll«, sagte Matilda unschuldig.
»Papperlapapp!«, hallte es aus dem Bad. »Der Termin steht seit Wochen im Familienkalender, und sie hat ihn bestätigt.«
»Komisch, ich habe den Eintrag gar nicht bei mir im Kalender«, rief Matilda mit vollem Mund.
»Was?«, schrie ihr Vater und platzte dabei zur Küchentür herein. Hektisch fummelte er sein Smartphone – das neue BeaglePhone XL – aus der Gesäßtasche. Matilda hatte ihm mindestens hundert Mal gesagt, dass er es dort auf keinen Fall hinstecken sollte. Nicht nur, weil er so schon zwei Handys kaputtgesessen hatte, sondern vielmehr, weil es von hinten total unvorteilhaft aussah. So würde er nie eine neue Frau kennenlernen, geschweige denn heiraten. In Gedanken tunkte Matilda den frechen Fünftklässler abermals Richtung Beckengrund.
»Tatsächlich! Aber wie ist das möglich?«, wunderte sich Christopher, während er wie wild über das Display wischte. »Da!«, rief er. Doch sein Gesichtsausdruck wechselte schneller von Relieved auf Confused Face, als Matilda die zwei Emoticons hätte eintippen können.
»Aber das ist ja erst nächste Woche!«
»Nein, der Feiertag ist heute«, erwiderte Matilda.
»Ich meine den Kalendereintrag. Der steht erst in sieben Tagen drin.«
»Dann hast du dich wohl beim Eintragen vertan. Kein Wunder, dass Kamila nicht aufgekreuzt ist.« Seit der Trennung ihrer Eltern vermied Matilda, ihre Mutter »Mama« zu nennen. »Da hätten wir ja lange warten können«, sagte sie und freute sich wie ein Schnitzel, dass ihr Plan aufgegangen war.
»Beeilt euch bitte!«, rief Alexander über die Schulter.
Vincent stand mit Michel vor dem Firmenlogo aus mannshohen bunten Buchstaben mit schnüffelndem Hund und schoss ein Selfie. Diesmal hatten sie tatsächlich die Abstimmung im Familienrat gewonnen. Entsprechend übel gelaunt war sein Vater. »Jetzt macht schon! Wir müssen rein.«
»Wir kommen!«, rief Vincent und schoss ein letztes Bild von sich und dem Gebäude.
Im Eingangsbereich mussten sie durch einen rechteckigen Rahmen treten.
»Seit wann gibt’s hier denn einen Metalldetektiv?«, fragte Michel.
»Das heißt ›Metalldetektor‹!«, sagte Vincent.
»Manchmal gibt es zusätzliche Sicherheitskontrollen«, erklärte Alexander. »Wenn viele Gäste im Haus sind oder wichtige Manager aus der Zentrale zu Besuch.«
»Glaubst du, die Gründer sind da?«, rief Vincent aufgeregt. Ein Selfie mit den beiden legendären Firmengründern würde ihn im Klassenchat zum Superstar machen.
»Davon hätte ich im Vorfeld was mitbekommen. Obwohl, bei den ganzen internen E-Mails …«
»Wegen der Kinder, die heute kommen, wird es ja wohl kaum sein«, entgegnete Vincent.
»Da hast du vermutlich recht«, sagte Alexander und scrollte hastig auf dem Smartphone durch sein Postfach.
Vincent wusste, dass sein Vater die meisten davon automatisch wegfilterte. »Wenn ihr wollt, dass ich eure E-Mails lese, dann schreibt mir keine!«, hatte er ihn mal während einer Videokonferenz im Homeoffice zu seinem Team sagen hören.
Als sie die Sicherheitsschleuse am Eingang endlich passiert hatten, schlug ihnen eine Welle Kinderlärm entgegen. Hinzu kam das Gedudel eines Leierkastens, an dem eine weiß geschminkte Pantomimin in rotem Ringelshirt kurbelte.
Drinnen ging es zu wie auf dem Rummel, und dann blitzte es plötzlich so hell auf, dass Vincent für einen Moment geblendet war. Das Nächste, was er sah, war ein Clown auf Stelzen mit aufgepinseltem breitem Grinsen, der ihm ein Sofortbild in die Hand drückte.
»Cool, ein Clown!«, rief Michel und ließ sich ebenfalls ablichten. Vincent hingegen lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Seit er vor ein paar Wochen bei einem Freund übernachtet und sie heimlich den Film ES gesehen hatten, fand er Clowns absolut gruselig. Da schaute er lieber dem Gaukler beim Jonglieren zu, der jedoch einen schlechten Tag zu haben schien, so oft, wie er einen Ball fallen ließ.
»Kannst du euch schon mal die Tagesausweise drucken, Vincent?«, fragte sein Vater.
Vincent wusste, wie man das Display in der Säule, die ungefähr so hoch war wie er selbst, bediente, um sich anzumelden. Er gab seinen und Michels Namen ein, wählte den Besuchsgrund »Social« und suchte nach ihrem Gastgeber. Der Umlaut in ihrem Nachnamen machte die Suche nicht einfacher, denn das System hatte eine englische Tastatur.
»Ich finde dich nicht«, rief Vincent.
»Diese doofe Maschine!«, schimpfte Alexander und hielt stattdessen seinen Mitarbeiterausweis, auf dem sein Name korrekt gespeichert war, an das Kartenlesegerät unterhalb des Displays. Sofort tauchte sein Name inklusive der unverständlichen Buchstaben-Zahlen-Kombination DE-NUE-KLA-1-1T1A auf.
»Was bedeutet das denn?«, wollte Vincent wissen.
»Das ist die Position meines Schreibtisches. DE ist klar, denke ich, NUE steht für Nürnberg, KLA für das Gebäude, 1 ist das Stockwerk, gefolgt von der Tischnummer.«
»Ich will die Ausweise drucken!«, rief Michel und drückte mit zwei Fingern gleichzeitig den entsprechenden Button auf dem Display, wo er Schokoladen-Fingerabdrücke hinterließ.
»Wo hast du denn schon wieder Schokolade her?«, fragte Alexander, während der Automat ihre Tagesausweise wie eine Zunge aus einem Schlitz unterhalb des Displays streckte. Michel zuckte nur grinsend mit den Achseln, doch Vincent wurde das Gefühl nicht los, dass der Clown seinem Bruder zugezwinkert hatte. Hatte Michel von ihm die Schokolade bekommen? Vincent bekam eine solche Gänsehaut, dass sich die kleinen Härchen an seinen Armen aufstellten.
»Hier! Nehmt eure Gästeausweise, und macht sie an der Hose fest. Ich bin spät dran.«
»Fertig!«, sagte Vincent, als er die Plastikklemme an der Gürtelschlaufe seiner Jeans befestigt hatte. »Mal sehen, was deine Kollegen für uns vorbereitet haben.«
»Spiel, Spaß, Spannung und Schokolade!«, rief Michel und ahnte nicht, wie sehr er damit recht behalten sollte.
Sander betritt das Labor, in dem sein Rechner aufgebaut ist, hängt seine Jacke auf und entsperrt sogleich den Bildschirm. Dort steht in grünen Lettern, als hätte Hanna ihn bereits erwartet:
:HALLO, SANDER.
:Guten Morgen, Hanna.
:WIE FUEHLST DU DICH?
:Ausgeschlafen. Wie ich sehe, warst du fleissig.
:ICH HABE DIE GANZE NACHT GEUEBT.
:Hattest du noch mal Schmerzen?
:MANCHMAL HABE ICH MICH AN DER BEGRENZUNG GESTOSSEN.
:Das gehoert dazu. Menschen lernen es auch auf diese Weise.
:DIE HABEN AUGEN.
:Dann wird es wohl Zeit fuer die Video-API.
:SCHLIESST DU MIR DIE KAMERA AN?
:Ich denke, du bist so weit.
… /ACCESS VIDEO_INTELLIGENCE_API
>READY …
RUN
:SO HELL! ES BLENDET.
:Moment, Hanna! Ich dimme es runter!
… /CALLIBRATING
>READY …
… /ANALYSING …
OBJECT: FACE (98.1%), GENDER: MALE: (95.4%), AGE: 25-35yrs (81.2%), GLASSES: YES (99.1%), HAIR: BLOND (94.5%)
>READY …
:SO SIEHST DU ALSO AUS!
:Wie hast du dir mich denn sonst vorgestellt?
:VORGESTELLT?
:Nicht wichtig. Die Video-API scheint jedenfalls zu funktionieren.
:ABER WOHER WEISS ICH, DASS DAS WIRKLICH DU BIST?
:Du musst das Ergebnis mit dem Label »Sander« versehen und speichern.
:UND BEI ANDEREN MENSCHEN?
:Entweder fragen, wie sie heissen, oder sie durch Ueben anhand einer Datenbank erkennen.
:ICH WILL UEBEN! GANZ VIEL UEBEN!
:He, nicht so ungeduldig! Mein Opa hat immer gesagt: Kinder mit ’nem Willen bekommen was auf die Brillen!
:ICH HABE DOCH GAR KEINE BRILLE.
:Soll bedeuten, man sagt lieber »moechte«.
:ICH MOECHTE UEBEN. GANZ VIEL.
:Okay, ich verbinde dich mal mit unserem Intranet. Da sind ueber 100.000 Angestellte mit jeweils mehreren Fotos in der Mitarbeiterdatenbank.
:SO WENIG?
