6,99 €
Ein Roman über Cybermobbing Virtuell sterben ... das findet der 13-jährige Sam nicht weiter dramatisch, schließlich verbringt er viel Zeit mit Computerspielen im Internet. Aber seine Mörder scheinen ihn auch im richtigen Leben zu kennen. Wenig später erhält Sam Drohungen per Mail und SMS. Und einen Link zu einer Website, auf der er öffentlich bloßgestellt wird. Wie Sam bald feststellen muss, kennt seine ganze Klasse diese Hassseite. Die Drohungen gegen ihn werden immer konkreter und Sam weiß nicht mehr, wem er noch trauen kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2012
Virtuell zu sterben findet Sam nicht weiter dramatisch, schließlich verbringt er viel Zeit mit Computerspielen im Internet. Aber seine »Mörder« scheinen ihn auch im richtigen Leben zu kennen, denn wenig später erhält er Drohungen per Mail und SMS.Sam hat keine Ahnung, wer dahinterstecken könnte, doch plötzlich scheinen seine Verfolger überall zu sein. Und bald weiß er nicht mehr, wem er überhaupt noch trauen kann...
Aus dem Englischen von Katja Frixe
Für Mum und Dad
21.05Uhr
Ich war gerade mal zwei Stunden in Welt 67 unterwegs, als mir klar wurde, dass sie mich töten würden. Vor meinem inneren Auge zog mein ganzes Leben an mir vorbei und ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich mich in so ein Drecksloch hatte locken lassen.
Lasst uns zurückgehen, bat ich, aber ihr Schweigen konnte nur bedeuten, dass Duke77 (also ich, Sam Tennant) bald Geschichte sein würde.
Nicht, dass jemand denkt, ich wäre ein blutiger Anfänger. Seit Wochen hatte ich daran gearbeitet, höhere Levels zu erreichen. Eigentlich hätte ich das Betrügerpaar schon längst bemerken müssen. Warum war ich zwei völlig Fremden in die Wildnis gefolgt? Ich wollte die beiden gerade um Gnade anflehen, als die Unterhaltung plötzlich ziemlich mies wurde:
Ollyg78: U r so dead
Der Imperator: kill ihn nicht lass ihn mir
Ollyg78: kk
Ich schwitzte Blut und Wasser, als wir feurig-gelbe Seen aus flüssiger Lava passierten und dann den Weg durch einen Wald aus sterbenden Bäumen einschlugen– die Äste knorrig und gebogen wie Großvaters arthritische Finger.
Duke77: bitte… ich gebe euch mein amulett… voll aufgeladen
Der Imperator: lol chickenboy
Ollyg78: anfängerbirne
Duke77: was soll das
Ollyg78: das ist eine falle
Der Imperator: weil wir dich hassen
Innerhalb einer Nanosekunde war alles vorbei. Ich war noch nie zuvor gestorben, aber genau wie Alex gesagt hatte, wirkte das Ganze von den Grafiken her ziemlich primitiv. Der Imperator schlitzte mich mit seinem Drachensäbel auf und es spritzte ein bisschen Blut, bevor ich auf die Knie sank und verreckte.
Doch was mich wirklich umhaute, war das, was als Nächstes kam:
Ollyg78: cu l8r sam
Der Imperator: sehen uns morgen in sozi
Sie wussten, wer ich war.
Aber das war unmöglich. Wenn sie in meiner Klasse waren, hätte ich ihre Profile wiedererkannt.
Der Imperator: wir beobachten dich
Ollyg78: wir wissen wo du wohnst
Der Imperator: were comin 2 getu
Duke77: wer seid ihr was wollt ihr
Es können keine Nachrichten gesendet werden. Der Spieler ist ausgeloggt.
Und als ich das Spiel neu startete, hatte ich alles verloren– all die coolen Dinge, für die ich so hart gearbeitet hatte: volle Drachenkraft, mein Amulett, eine Million Hummer, hundert geschliffene Diamanten, fünftausend Krieger, zehntausend Bündel Flachs und, was am allerschlimmsten war, meine kristallene Kobold-Rüstung. Ich fühlte mich, als hätte jemand einfach mein Leben genommen und es die Toilette hinuntergespült.
»Samuel! Zeit, den Computer auszumachen.«
Wenn ich für jedes Mal, das Mum unten an der Treppe stand und diesen Satz rief, Geld bekommen hätte, wären keine kostbaren Computerspielstunden für einen stinkenden Hühnerstall draufgegangen, den ich ausmisten musste, um ihr meinen iPod nano zurückzuzahlen.
»Ja, alles klar, hab mich sowieso gerade ausgeloggt.«
»Dann beeil dich. Kein Wunder, dass du nie Zeit hast, Klarinette zu üben.«
Wenn man Mum reden hört, verbringe ich die eine Hälfte meines Lebens im Internet und die andere Hälfte damit, »meine Serienkiller-Fähigkeiten« an der Xbox auszubauen. Hat irgendjemand ein Problem damit?
»Los, Sam. Du solltest schon vor zwanzig Minuten im Bett sein.«
Seit Dad vor ein paar Wochen in die Staaten geflogen war, um »seinen Traum zu leben«, war sie viel strenger geworden. Eigentlich ging es immer ziemlich entspannt bei uns zu Hause zu, aber jetzt kam ich mir schon fast vor wie beim Militär. Wenn ich zwei Sekunden zu spät zum Abendessen kam oder irgend so was, flippte Mum total aus.
»Kann ich noch–«
»Nein, kannst du nicht. Ich habe dich kaum gesehen, seit du nach Hause gekommen bist. Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie es in der Schule war.«
Sie war dieser verrückten Auffassung, dass Eltern alles über das Leben ihrer Kinder wissen sollten. Nur weil sie Kinderpsychiaterin war, glaubte sie, Expertin in Sachen Kinder zu sein. Immer wieder fing sie damit an, dass ich versuchen müsse, mich mehr für andere Leute zu interessieren. Also ging ich nach unten, um an meinen sozialen Fähigkeiten zu arbeiten. »Hi Mum, wie war dein Tag?«
»Ach, das Übliche: einmal Verdacht auf Asperger und ein paarmal ADHS.« Jetzt, wo ich bei ihr unten war, schien sie sich mehr fürs Fernsehen zu interessieren. »Aber was ist mit dir, Sam? Du siehst ein bisschen niedergeschlagen aus. Alles in Ordnung?«
»Mir ist gerade etwas total Merkwürdiges passiert.«
»Was meinst du mit merkwürdig? Du warst doch nicht in einem dieser Chatrooms, oder?«
Immer wenn ich ins Internet ging, hielt sie mir einen Vortrag darüber, ja nicht irgendwo meinen Namen und meine Adresse zu verraten.
»Nein, Mum, nichts in der Art– ich wurde gerade von jemandem getötet.«
»Ich dachte, dass es genau darum geht.«
»Ja, aber–«
»Es ist doch nur ein Spiel, Sam. Ich wünschte, du würdest dein restliches Leben genauso ernst nehmen. Komm schon, was war in der Schule los?«
Ich persönlich finde eigentlich, dass das nur bestimmte Leute etwas angeht, aber ich wusste, dass Mum mich– genau wie eines dieser armen Kinder, die sie Klienten nannte– in Grund und Boden reden würde, wenn ich ihr nicht zumindest ein paar Kleinigkeiten vom St Thomas’s Community College berichtete.
»Alex hat diesen supercoolen neuen MP4-Player bekommen.«
»Alex, der alte Glückspilz.«
»Callum Corcoran und sein Kumpel Animal haben aufgeschraubte Mayonnaise-Tuben auf die Stufen im neusprachlichen Trakt gelegt.«
»Callum ist doch das Kind, das keine Wutbewältigungsstrategien besitzt, oder?
»Könnte man so sagen.« Obwohl es ›totaler Psychopath‹ besser treffen würde.
»Und wie war der Unterricht?«
»Es ging mal wieder um die globale Erderwärmung. Ich hab all die lustigen Sachen zum Besten gegeben, die du mir über dumme Blondinen mit aufgeklebten Fingernägeln erzählt hast, die ihre Kinder mit dem Geländewagen in die Schule fahren. Sogar Miss Stanley hat gelächelt.«
»Ich hoffe, du entwickelst dich nicht zum Klassenclown, Samuel.«
»Ich arbeite daran. Ach, da fällt mir ein, dass ›Ich-sorge-hier-für-die-Unterhaltung‹ bis Montagmorgen das Geld für die HMS Belfast will. Sonst können wir nicht fahren.«
Mum warf mir einen Blick zu, mit dem sie normalerweise nur Dad bedachte, wenn er sich mal wieder handwerklich betätigt hatte. »Es liegt seit letzter Woche auf dem Klavier. Steck es sofort in deinen Rucksack, damit du es nicht vergisst.«
»Cool.«
Sie drückte mich sanft und presste ihre Lippen auf meinen Hinterkopf. Vielleicht war ich langsam zu alt für Gutenachtküsse, doch ich mochte den Geruch ihres Parfüms.
»Schlaf gut, mein Schatz. Aber du vergisst nicht, dir die Zähne zu putzen, ja? Dein Atem ist ein bisschen…«
»Ja, Mum.«
»Und es wäre eine gute Zeit, um deinen Vater anzurufen. Du weißt doch, wie sehr er sich freut, wenn du dich bei ihm meldest. Was meinst du, warum er dir dieses Telefon gekauft hat?«
»Nacht, Mum.«
»Ich hab dich lieb.«
Und ich hatte sie lieb– mehr als alles andere auf der Welt, aber das, und derselben Meinung ist auch Dad, bedeutete nicht, dass ich das alle fünf Sekunden kundtun musste.
»Ich dich auch«, murmelte ich und wollte mich wieder auf den Weg nach oben machen. »Äh… Mum?«
»Was ist denn noch?«, sagte sie und zappte gerade Desperate Housewives weg. »Du hast doch nicht etwa noch Fragen zu deinen Hausaufgaben, oder?«
»Nein, das ist es nicht. Es ist wegen Großvater.«
»Verstehe.«
Ich hatte mir angewöhnt, ihn so gut wie jeden Tag zu besuchen. Dad wollte, dass ich ein wenig nach dem Rechten sah, während er selbst in den USA war, und außerdem hatte Mum es nicht gern, wenn ich nach Hause kam und niemand da war. Es machte auch Spaß, mit ihm zusammen zu sein– trotz seiner über achtzig Jahre.
»Wie geht’s dem alten Teufel?«
»Er meint, dass er dieses riesengroße Geheimnis hat. Seine einzige Sorge ist, dass er noch nicht weiß, wie er es mir erzählen soll.«
»Typisch Ray. Er hat schon immer jede Menge Seemannsgarn gesponnen. Sag ihm liebe Grüße, wenn du ihn morgen siehst.«
Mum ließ Großvater des Öfteren Grüße ausrichten, aber sie überbrachte sie niemals selbst. »Ja… alles klar. Nacht, Mum.«
»Und pass auf, dass du nicht mit deinen Kopfhörern im Ohr einschläfst.«
Selbst ich musste zugeben, dass das ein Wahnsinnsteil war: Das Handy hatte eine Kamera mit 3.2Megapixel, Videomessaging, Bluetooth und Touchscreen. Mir hätte klar sein müssen, dass es eine Falle war, als Dad es mir gab. »Ich werde dafür sorgen, dass du immer genügend Guthaben hast«, sagte er. »Dann kannst du mich jederzeit kontaktieren, wenn du mich brauchst. Wir können es das ›Dadphone‹ nennen, so wie das ›Batphone‹ bei Batman.«
Und dann erzählte er mir, dass er abhauen würde, um bei den Hardmen mitzumachen. »Das ist etwas, von dem ich schon immer geträumt habe. Zu Hause zu arbeiten ist natürlich sehr bequem, aber ehrlich gesagt hat mich dieser ganze IT-Kram noch nie so furchtbar brennend interessiert. Also haben deine Mutter und ich beschlossen, dass ich sechs Wochen unbezahlten Urlaub nehme und mein Glück bei der Veteranen-Welt-Tour versuche. Wenn ich es nicht jetzt tue, dann wahrscheinlich nie mehr.«
Losgegangen war das alles mit dem London-Marathon. Mum hatte ihn zum Mitmachen überredet und von diesem Moment an war Dad infiziert. An den Wochenenden schleppte er uns nach Luton oder Leicester oder sonst irgendwohin und wir standen im strömenden Regen, während er ganz entspannt 42Kilometer in etwas mehr als vier Stunden lief. Aber mit der Zeit war ihm ein einfacher Marathon nicht mehr genug. Es folgten Triathlon, Quadrathlon, und als wir dachten, es könnte nicht mehr schlimmer werden, entdeckte er die Hardman-Tour. »Der Rest ist doch Pipikram«, sagte er. »Wenn ein Mann wirklich herausfinden will, was er draufhat, sind fünf Kilometer Schwimmen, 212Kilometer Radfahren, eine 48-Stunden-Wanderung in voller Montur und ein Doppelmarathon der einzige Weg, das zu tun.«
Mum meinte, das sei besser, als wenn er sich die Haare färben und mit der Frau von der Sainsbury-Käsetheke durchbrennen würde. Doch selbst Kinder, deren Eltern geschieden waren, gingen mit ihren Vätern jedes zweite Wochenende zum Pizza-Express.
Eigentlich sollte ich Dad jeden Tag anrufen. Das Lustige war, dass ich jetzt, wo er woanders war, nie wusste, was ich ihm erzählen sollte.
»Hi Dad.«
»Hi Sam«, gähnte er. »Was gibt’s Neues?«
»Nicht viel.«
»Gut, gut… das ist… gut.«
»Wie läuft das Training?«
»Alles bestens. Heute Morgen bin ich zehn Kilometer gelaufen, einfach nur, um locker zu bleiben. Jetzt versuche ich, ein kleines Nickerchen zu machen.«
»Warst du schon auf dem Empire State Building?«
»Das soll wohl ein Witz sein! Ich bin doch nicht zum Vergnügen hier!«
»Nein… natürlich nicht.«
»Was ist mit dir, Sam? Hältst du dich noch an den Plan, den ich dir gegeben habe?«
Dad glaubte, dass ich für einen Junior Hardman in Milton Keynes trainierte. Ich hatte es nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, dass ich lieber mit der Nase einen Tischtennisball über die Autobahn geschoben hätte.
»Klar, Dad.«
»Guter Junge. Finde heraus, was deine wahre Leidenschaft ist, und halte dein Leben lang daran fest. Das ist der beste Ratschlag, der mir jemals gegeben wurde.«
»Ich habe Großvater heute gesehen.«
Ich wusste, dass er ihm gegenüber immer noch ein schlechtes Gewissen hatte, das hörte ich an seiner Stimme. »Glaubst du, dass er inzwischen etwas glücklicher ist? Hat er die CD bekommen, die ich ihm geschickt habe? Isst er richtig?«
»Letzte Woche sollte ich ihm Fish & Chips mitbringen.«
»Ah, dann bin ich beruhigt. Dein Großvater hat sein Essen immer geliebt.«
»Aber du solltest mal hören, was er für Zeug erzählt. Wieso sprichst du nicht mit ihm, Dad?«
»Er kennt meine Nummer. Ich habe ihm genau so ein Telefon gegeben wie dir.«
»Er kann es noch nicht mal anschalten.«
»Na ja, gut… ich bin allerdings überzeugt davon, dass er es schaffen würde, wenn er wollte.«
»Ja, aber–«
»Wie geht es deiner Mutter? Versucht sie immer noch bei der Kommune durchzusetzen, dass Tetrapaks endlich recycelt werden? Bestell ihr schöne Grüße, okay?«
»Ich kann sie dir auch geben, wenn du–«
»Nein, nein, ist schon in Ordnung. Ich ruf sie morgen an… Mach’s gut, Sam.«
Ich wollte ihm jedes Mal sagen, wie sehr wir ihn vermissten, dass das Leben einfach nicht mehr dasselbe war, wenn es niemanden gab, mit dem man Top Gear gucken und Homer Simpson nachmachen konnte. Aber Dad war jetzt ein Hardman und er wollte nicht, dass ich mich wie ein kleines Kind benahm. Er wollte, dass ich damit zurechtkam.
»Gute Nacht, Dad.«
Es gab noch etwas, das ich Dad nicht sagen konnte. Er hätte sich totgelacht, wenn ich ihm erzählt hätte, was meine wahre Leidenschaft war. Das war nicht etwa mein brandneuer iPod nano– auch wenn Mum meinte, dass ich sie zurücklassen und meinen iPod zuerst retten würde, wenn es bei uns mal brennen sollte– und es war nicht das Chunky-Monkey-Eis von Ben & Jerrys. Nein, meine wahre Leidenschaft und meine absolute Nummer eins in puncto Vor-dem-Einschlafen-Hören war der unvergleichliche Mr Duke Ellington.
Nicht dass ich Leuten wie Callum Corcoran meine Leidenschaft für Jazz der 30er-Jahre auf die Nase binden würde; er war eher der R’n’B-Typ und praktisch der gesamte achte Jahrgang durfte miterleben, auf welche Art und Weise Corky eine Auseinandersetzung über künstlerische Fragen beendete, als Ben W. behauptete, Spiderman 2 sei besser als der erste. Darauf hatte ich keine Lust.
Doch ich glaube, dass Corky die Musik wahrscheinlich sogar gefallen häte, wenn er jetzt hier gewesen wäre.
Und Großvater hatte recht; die frühen Sachen waren die besten. Sie nannten es damals Dschungelmusik; die großartigen Klänge des Cotton Clubs, mit Duke am Klavier und dem herausragenden Bubber Miley an der Trompete. Großvater beschrieb das Ganze als »drei Minuten reine musikalische Glückseligkeit«. Ich wusste zwar immer noch nicht so genau, was er damit meinte, aber jedes Mal, wenn ich »Rockin’ in Rhythm« hörte, breitete sich ganz von selbst dieses Grinsen in meinem Gesicht aus.
Außer in dieser Nacht, da nicht. Jedes Mal, wenn mein Mund versuchte, sich zu einem Lächeln zu verziehen, überkam mich dieses schreckliche Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Meine Gedanken wanderten immer wieder zu den blutigen Einzelheiten meines Todes und jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich einen Drachensäbel über meinem Kopf schweben.
Ich warf einen Blick auf meinen Stundenplan und versuchte mich davon zu überzeugen, dass das alles einfach nur ein saublöder Scherz war. Unser Zwei-Wochen-Plan wirkte immer etwas verwirrend, doch ich war mir ziemlich sicher, dass wir auf das Ende von Woche eins zugingen, was bedeutete, dass ich Sozialkunde hatte – Freitagmorgen in der zweiten Stunde. Das konnte Zufall sein, oder? Aber was, wenn der Imperator und Ollyg78 mich wirklich kannten? Wer waren die beiden? Und wieso schienen sie mich so sehr zu hassen?
Ich spähte raus auf die verlassene Straße und hielt Ausschau nach Mördern, die sich hinter Mülltonnen versteckten, oder Spionen an der Bushaltestelle. Mum sagt immer, dass ich eine blühende Fantasie habe, doch es hätte mich nicht gewundert, wenn sie da draußen gestanden und mich beobachtet hätten.
8.30Uhr
Als ich am St Thomas’s angefangen habe, hatte Mum darauf bestanden, mich immer am Haupttor rauszulassen. Im Laufe der achten Klasse hatte ich sie dann endlich davon überzeugt, dass es ihre Fahrt zur Arbeit um einiges erleichtern würde, wenn ich unten am Hügel ausstieg.
»Tschüss, mein Schatz. Viel Spaß in der Schule!«
»Ciao, Mum! Viel Glück mit deinem Schulphobiker.« Und bevor sie noch auf die Idee kam, sich zu mir rüberzubeugen und mir einen Kuss zu geben, sprang ich auf den Gehweg und reihte mich in den Haufen blauer Sweatshirts ein, deren Träger nicht nur ihr Körpergewicht, sondern auch ihre Rucksäcke hoch zur Schule schleppen mussten.
Ich hatte mich seit gestern Abend wieder etwas beruhigt. Mir war klar, dass ich nicht so beliebt war wie Gaz Lulham oder Pete Hughes, aber wenigstens lachten die anderen Leute über meine dummen Witze.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mich jemand aus der achten Klasse wirklich hasste.
Trotzdem war ich froh, als ich meinen besten Freund entdeckte, der vor mir hertrödelte– das Handy in der einen, seine neue E-Gitarre in der anderen Hand.
»He… Lex… warte!
Alex und ich kannten uns eigentlich schon ewig. Im Kindergarten haben wir zusammen im Sandkasten rumgehangen und unsere Eltern haben sich ständig zum Grillen getroffen– bis Mr Pitts Facebook entdeckt hatte.
»Hey Lex, warum warst du gestern Abend nicht online?«
»Dad wollte, dass wir seine neue Freundin kennenlernen.«
»Und, wie ist sie?«
»Besser als die letzte, immerhin hat sie nicht versucht, gleich auf beste Freundin zu machen.«
»Hat sie Kinder?«
Er starrte ziemlich bedrückt auf sein Handy. »Zwei Mädchen.«
Kein Wunder, dass er deprimiert aussah. »Tut mir echt leid.«
»Molly hatte einen Riesenspaß. Die Jüngere war in ihrem Alter. Sie haben die ganze Zeit irgendwelche Stofftiere angezogen und sie in einem Plastikboot hin und her geschoben.«
»Und die andere?«
Lex hörte einen Moment auf, seine Nachricht zu tippen. »Die war ganz in Ordnung, glaub ich.« Aber ich wusste, dass er nur gute Miene zum bösen Spiel machte; seine Ohren wurden immer knallrot, wenn er sich über irgendetwas aufregte.
»Und was hast du dann den ganzen Abend getrieben?«
»Das willst du nicht wissen.«
»So schlimm?«
Er nickte finster. Ich stellte mir vor, wie der arme Lex mit müden Augen vor den neuen Sims hockte oder zu SingStar rumhüpfen musste. »Mach dir nicht so viele Gedanken; wahrscheinlich hat dein Vater nächste Woche schon wieder eine neue Facebook-Freundin gefunden.
»Ha, ha.«
Leider verstand Alex nicht allzu viel Spaß, wenn es um die Freundinnen seines Vaters ging.
»Hey Lex, wie nennt man einen intelligenten Toilettenbesucher?«
»Hä?«
»Klugscheißer!«
Nicht das kleinste Grinsen. Es musste schlimmer sein, als ich gedacht hatte– er sah den ganzen Weg bis zum Haupttor nicht ein Mal von seiner Nachricht auf. Da Handys und MP3-Player in der Schule streng verboten waren, kam es vor dem Tor immer zum Stau, weil jeder sein Telefon auf Vibration stellte und in die Tasche steckte.
Was nun folgte, hasste ich am meisten: der irre Ansturm auf die Eingänge, die beiläufigen Tritte, die älteren Schüler, die rumpöbelten, und der dicke Kloß von der Größe eines Tennisballs in meinem Hals. Ich hatte kein Problem damit zuzugeben, dass ich in den ersten Wochen nur einen Hauch davon entfernt war, das zu tun, vor dem Dad mich gewarnt hatte. »Um Himmels willen, du wirst doch wohl nicht heulen«, hatte er gesagt und noch ein Foto von mir in meiner neuen Schuluniform gemacht. »Ein Junge aus meiner Schule hat an seinem ersten Tag geheult– den haben sie noch bis zum letzten Tag der Oberstufe ›der Typ, der geheult hat‹ genannt.«
Jetzt, wo ich in der achten Klasse war, hatte ich es ganz gut im Griff. Dad sagte immer, St Thomas’s erinnere ihn an ein hochmodernes Gefängnis, aber solange man seinen Kopf unten behielt, war es gar nicht mal so schlecht.
»Oh, sieh mal einer an«, brüllte eine vertraute Stimme. »Wenn das nicht Kasper und Riesenohr sind.«
Callum Corcoran und sein Kumpel Animal tauchten vor dem Informatikraum auf und ließen ihre Rucksäcke wie Helikopterblätter um ihre Köpfe kreisen. Ich versuchte, möglichst unbeteiligt zu tun, aber Alex’ Ohren hatten schon wieder mit ihrer Verwandlung begonnen.
»Sorry, Kumpel«, sagte Animal, als sein Rucksack gegen Alex’ Kopf schlug, »hab dich nicht gesehen.«
Callum Corcoran kreischte wie ein wild gewordener Affe. »Was? Bei diesen Löffeln? Bist du blind oder was?«
»Ey Leute«, sagte ich und bemerkte trotz der neuen Designerbrille die Angst in Alex’ Augen. »Ich habe einen neuen Witz für euch.«
»Oh, cool, erzähl!«, sagte Callum und klang so begeistert wie einer der Juroren bei X-Factor.
Also erzählte ich ihn. Und zum Glück fand er ihn viel lustiger als Alex. Animal brach schon zusammen, als er nur das Wort »Toilette« hörte, und Callum bewegte seine Arme wie ein Rapper. »Ey, Gazzer, das musst du hören.«
Die Ohren meines besten Freundes nahmen langsam wieder ihre normale Farbe an. »Alles okay bei dir, Lex?«
»Was soll mit mir sein?«
»Du wirkst ein bisschen… ich weiß nicht.«
»Alles in Ordnung, klar? Er rückte seine Brille zurecht und bewegte sich langsam Richtung Foyer.
»Wohin gehst du?«
»Muss meine Gitarre in den Musiktrakt bringen.« Er drehte sich zu mir um, als die Türen vor ihm aufglitten. »Sam…?«
»Ja.« Es war, als wollte er mir irgendwas sagen.
»…nichts.«
»Was ist los? Ist irgendwas…« Aber die automatischen Türen hatten ihn schon geschluckt. Armer, alter Lex– er war kurze Zeit nicht er selbst gewesen. Mum sagt immer, dass es für viele Kinder schwierig ist, sich an neue familiäre Situationen zu gewöhnen. Ich musste mir nur irgendeinen cleveren Plan überlegen, mit dem ich ihn wieder aufheitern konnte.
Doch das musste warten. Der nagende Gedanke, den ich für ein paar Stunden erfolgreich verbannt hatte, machte sich wieder bemerkbar. Es waren noch genau 75Minuten bis Sozialkunde. Was, wenn meine Internetmörder sich mir persönlich vorstellen würden? Was, wenn sie kamen, um mich zu holen?
9.55Uhr
Ich wandte mich zum Rest der Klasse um und erwartete schon fast, dass irgendetwas passieren würde. Aber niemand schien mir Böses zu wollen, und als Mr Catchpole sich an der Tafel zu schaffen machte, hatte ich das Gefühl, dass alles in Ordnung war.
»Cooles Jackett, Sir. Haben Sie das vom Cancer Shop?«
»Ja, danke, Chelsea. Ich sorge hier für die Unterhaltung.«
Catchpoles Standardspruch sorgte für großes Gejohle.
»Jetzt beeil dich und verteil diese Arbeitsblätter. Ich würde gerne fortfahren.«
»Was machen wir heute, Sir?«, fragte Callum Corcoran, knüllte sein Arbeitsblatt zusammen und warf es in Alex’ Richtung. »Nicht wieder Pubertät, oder?«
Animal brach bei der bloßen Erwähnung des Wortes »Pubertät« beinahe vor Lachen zusammen.
»Und keine globale Erderwärmung«, sagte Chelsea. »Ich hasse globale Erderwärmung!«
»Das ist genau der Punkt«, sagte Pete Hughes und fuhr sich mit der Hand durch sein sorgfältig gegeltes Haar.
Mr Catchpole schlug mit der Faust auf den Tisch. »Könntet ihr jetzt bitte einfach mal still sein! Bevor wir loslegen– wer hat an sein Geld für die HMS Belfast gedacht?«
Ich war der Einzige, der die Hand hob.
»Man könnte meinen, ihr anderen wollt nicht mit.«
»Ich freue mich wirklich riesig drauf, Sir«, sagte ich und kramte in meinem Rucksack nach dem Umschlag. »Mein Großvater war bei der Marine. Er hat eine Kriegsverletzung und all so was.«
»Vielen Dank für diesen reizenden Einblick in deine Familiengeschichte, Samuel, aber ich versuche hier gerade, euch etwas beizubringen.«
»Keine Sorge, Sir«, kicherte Callum Corcoran. »Das werden sie irgendwann auch noch lernen.«
»Genau, und so stelle ich mir die Stunde vor: Zuerst sprechen wir das Arbeitsblatt durch und dann machen wir ein Rollenspiel«, (großes Gestöhne), »und abschließend zeige ich euch noch ein paar Videos.« (Ironisches Gekicher) »Also, wer kann mir sagen, was man unter Mobbing versteht? Irgendwer? Okay, Tristram, dann fangen wir mit dir an.«
Animal legte seinen kleinen Finger an den Mund wie Doctor Evil. »Mobbing ist, wenn dich irgendwelche Leute total nerven und du ihnen irgendwie, aus Versehen, eine klatschst.«
»Ja, schön, wenn ihr denkt, dass das eine so lustige Angelegenheit ist, denn Mobbing ist eigentlich ein sehr ernstes Thema.«
»Ich dachte, Sie wären der Einzige, der für die Unterhaltung sorgt, Mr Catchpole«, kam eine Stimme von hinten.
»Okay, dann jemand anders. Ja, du!«
Offensichtlich wusste er ihren Namen nicht, was allerdings auch nicht weiter verwunderlich war– niemand hatte Abby das ganze Jahr über mehr als ein paar einzelne Sätze sprechen hören. Sie verbrachte die meiste Zeit mit Lesen oder Klarinetteüben. Ich kannte sie nur, weil sie neben mir im Schulorchester saß. Einmal hatte ich versucht, sie zum Lachen zu bringen, indem ich meinte, dass sie mich an eine dieser Nonnen erinnere, die ein Schweigegelübde abgelegt haben. Sie hat mich nur angeguckt, als wäre ich verrückt oder so was.
»Na los, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«
Die Röte breitete sich auf Abbys Gesicht aus wie eine Landkarte von Russland. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und starrte auf den Tisch. »Mobbing ist, wenn jemand…«
»Herrgott noch mal, sprich bitte lauter. Das ist ein Klassenzimmer und kein Flüstergewölbe.«
Das russische Reich dehnte sich weiter über ihren Nacken aus.
»Es ist, wenn jemand Macht über einen anderen haben will und fast alles dafür tun würde, um das zu erreichen.«
Mr Catchpole nickte widerwillig. »Als Arbeitsgrundlage ist diese Definition gar nicht mal so schlecht. Also, Mobbing.« Er schrieb das Wort an die Tafel.
»Als ich zur Schule ging, war das oft eine Frage des Einschüchterns– einem anderen Schüler das Mittagsgeld abknöpfen, so was in der Art. Aber das hat sich inzwischen alles geändert…«
»Bei uns gibt es kein Mittagsgeld mehr«, sagte Chelsea. »Wir müssen Karten durchziehen.«
»Und Queen Victoria ist tot, Sir.«
»Ja, danke, Callum. Ich sorge hier für die Unterhaltung.«
Erneutes Gejohle.
»Mobbing im 21.Jahrhundert hat ganz andere Dimensionen erreicht. Nehmt nur mal das Internet…«
Mr Catchpole ging eine lange Liste von Mobbingtechniken mit uns durch– an einige hatte wahrscheinlich selbst Callum Corcoran im Traum noch nicht gedacht. Abgesehen von seinem Standardspruch war der
