Corpus Maleficus - Die verbotenen Verse - Mario Reading - E-Book

Corpus Maleficus - Die verbotenen Verse E-Book

Mario Reading

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Beschreibung

Ein Blick in die Zukunft hat seinen Preis … Der packende Thriller »Corpus Maleficus – Die verbotenen Verse« von Mario Reading als eBook bei dotbooks. Wenn ein einzigartiges Fundstück eine Jagd auf Leben und Tod auslöst … Orléans, 1566. Die junge Madeleine versteckt die letzten Prophezeiungen ihres Vaters Nostradamus beim fahrenden Volk der Manouche, um sie vor Missbrauch zu schützen. Fast 500 Jahre später stößt der amerikanische Schriftsteller und Sammler Adam Sabir bei einem Händler in Paris auf die geheime Schrift – und fühlt sich seltsam angezogen vom Inhalt der rätselhaften Verse. Als der Verkäufer kurz darauf tot aufgefunden wird, hält die Polizei Sabir für den Täter. Eine atemlose Hetzjagd beginnt, bei der Sabir nicht nur vor dem Gesetz fliehen muss – sondern auch vor einem fanatischen Killer, hinter dem eine mächtige, jahrhundertealte Sekte steht … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der temporeiche Thriller »Corpus Maleficus – Die verbotenen Verse« von Mario Reading ist der erste Band seiner fesselnden Antichrist-Trilogie. Fans von Dan Brown werden begeistert sein! Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 548

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über dieses Buch:

Wenn ein einzigartiges Fundstück eine Jagd auf Leben und Tod auslöst … Orléans, 1566. Die junge Madeleine versteckt die letzten Prophezeiungen ihres Vaters Nostradamus beim fahrenden Volk der Manouche, um sie vor Missbrauch zu schützen. Fast 500 Jahre später stößt der amerikanische Schriftsteller und Sammler Adam Sabir bei einem Händler in Paris auf die geheime Schrift – und fühlt sich seltsam angezogen vom Inhalt der rätselhaften Verse. Als der Verkäufer kurz darauf tot aufgefunden wird, hält die Polizei Sabir für den Täter. Eine atemlose Hetzjagd beginnt, bei der Sabir nicht nur vor dem Gesetz fliehen muss – sondern auch vor einem fanatischen Killer, hinter dem eine mächtige, jahrhundertealte Sekte steht …

Über den Autor:

Mario Reading (1953-2017) war ein britischer Autor. Er wuchs in England, Deutschland und Frankreich auf und hatte bereits in zahlreichen Berufen gearbeitet – darunter als Reitlehrer in Afrika und Verwalter einer Kaffeeplantage in Mexiko –, bevor er sich dem Schreiben widmete. Gleich mit seinem Debütroman gelang ihm der große internationale Durchbruch »Corpus Maleficus – Die verbotenen Verse«.

Mario Reading veröffentlichte bei dotbooks bereits »Corpus Maleficus – Die unheilvolle Bruderschaft« und »Corpus Maleficus – Der dritte Antichrist«.

***

eBook-Neuausgabe März 2021

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2008 unter dem Originaltitel »The Nostradamus Prophecies« bei Atlantic Books, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Die 52« bei Blanvalet.

Copyright © der englischen Originalausgabe 2008 by The Estate of Mario Reading

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/javarman, Robin.ph, Bernukius und AdobeStock/eyetronic

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-96655-984-3

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sie werden in diesem Roman möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen begegnen, die wir heute als unzeitgemäß und diskriminierend empfinden, unter anderem dem Begriff »Zigeuner«.

»Zigeuner« ist die direkte Übersetzung des im englischen Originaltext verwendeten Begriffs »Gypsy«, und es ist nicht möglich, dieses Wort in Titel und Text durch die heute gebräuchlichen Eigenbezeichnungen »Sinti und/oder Roma« zu ersetzen, die inhaltlich nicht passen würden, da der Autor damit eine Vielzahl nicht sesshafter Völker zusammenfasst, die unterschiedliche Eigenbezeichnungen haben.

Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt und von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Keinesfalls geht es in diesem fiktionalen Text aber um rassistische Zuschreibungen oder die Verdichtung eines aggressiven Feindbildes.

Es ist dotbooks wichtig, zu betonen, dass wir uns gegen die Verwendung des Begriffes »Zigeuner« im aktuellen Sprachgebrauch und gegen Diskriminierung jedweder Art aussprechen.

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Mario Reading

Corpus Maleficus – Die verbotenen Verse

Thriller

Aus dem Englischen von Fred Kinzel

dotbooks.

PROLOG

La Place de L’Etape, Orleans, 16. Juni 1566

De Bale nickte, und der bourreau begann an der Zugvorrichtung zu kurbeln. Der Chevalier de la Roche Allie war in voller Rüstung, weshalb die Apparatur ächzte und sich bis zum Äußersten dehnte, ehe die Ratsche griff und der Chevalier vom Boden gehoben wurde. Der bourreau hatte de Bale wegen der Belastung und der möglichen Folgen gewarnt, aber der Graf wollte nichts davon hören.

»Ich kenne diesen Mann seit meiner Kindheit, Maitre. Seine Familie zählt zu den ältesten Frankreichs. Wenn er in seiner Rüstung zu sterben wünscht, dann ist dies sein Recht.«

Der bourreau hütete sich zu widersprechen – wer de Bale widersprach, endete für gewöhnlich auf dem Rad oder wurde mit siedendem Öl übergossen. De Bale fand Gehör beim König und besaß das Siegel der Kirche. Mit anderen Worten, der Bastard war unangreifbar. Irdischer Vollkommenheit so nahe, wie es ein Sterblicher nur sein konnte.

De Bale blickte nach oben. Aufgrund der lese majeste seiner Verbrechen hatte man de la Roche Allie dazu verurteilt, fünfzig Fuß hoch gehängt zu werden. De Bale fragte sich, ob die Bänder im Hals des Mannes der Zugkraft des Seils einerseits und den hundert Pfund Stahlplatten andererseits widerstehen konnten, die ihm seine Knappen um den Leib gegürtet hatten. Es würde nicht gut aufgenommen werden, wenn der Mann in zwei Stücke zerbrach, ehe man ihm die Gedärme herausriss und ihn vierteilte. Konnte es sein, dass de la Roche Allie diese Möglichkeit einkalkuliert hatte, als er seine Bitte vortrug? Dass er alles geplant hatte? De Bale glaubte es nicht. Der Mann war ein Unschuldiger – einer vom alten Schlag.

»Er hat die fünfzig Fuß erreicht, Herr.«

»Lasst ihn herunter.«

De Bale sah die gepanzerte Gestalt zu sich herabsinken. Der Mann war tot. Es war eindeutig. Die meisten seiner Opfer strampelten an diesem Punkt des Verfahrens und schlugen um sich. Sie wussten, was als Nächstes kommen würde.

»Der Chevalier ist tot, Herr. Was soll ich nun tun?«

»Zunächst einmal sprecht leise.« De Bale warf einen Blick auf die Menge. Diese Leute wollten Blut sehen. Hugenottenblut. Wenn sie keines bekamen, würden sie sich auf ihn und den Scharfrichter stürzen und sie in Stücke reißen. »Reißt ihm trotzdem die Gedärme heraus.«

»Verzeihung, Herr?«

»Ihr habt mich schon richtig verstanden. Reißt ihm trotzdem die Gedärme heraus. Und tut, als würde er sich winden, Mann. Kreischt durch die Nase, wenn es sein muss. Macht es wie ein Bauchredner. Veranstaltet ein großes Theater mit den Eingeweiden. Die Leute müssen glauben, dass sie ihn leiden sehen.«

Die beiden jungen Knappen traten vor, um dem Chevalier die Rüstung abzunehmen.

De Bale scheuchte sie zurück. »Das wird der Maitre machen. Kehrt nach Hause zurück, ihr beiden. Ihr habt eure Pflicht gegenüber eurem Herrn getan. Jetzt gehört er uns.«

Die Knappen zogen sich zurück, sie waren kreidebleich im Gesicht.

»Nehmt ihm nur die Halsberge, den Brustpanzer und die Bauchplatten ab, Maitre. Lasst die Beinschienen, den Helm und die Panzerhandschuhe dran. Die Pferde werden den Rest erledigen.«

Der Henker beeilte sich mit seinem Geschäft. »Wir sind fertig, Herr.«

De Bale nickte, und der bourreau setzte den ersten Schnitt.

Im Haus von Michel de Nostredame, Salon-de-Provence, 17. Juni 1566

»De Bale kommt, Herr.«

»Ich weiß.«

»Wie könnt Ihr das wissen? Das ist unmöglich. Die Nachricht traf erst vor zehn Minuten per Brieftaube ein.«

Der alte Mann zuckte die Achseln und verlagerte sein von Wasser geplagtes Bein, bis es bequemer auf dem Fußschemel ruhte. »Wo ist er jetzt?«

»In Orleans. In drei Wochen wird er hier sein.«

»Erst in drei Wochen?«

Der Diener trat näher. Er rang die Hände. »Was werdet Ihr tun, Herr? Der Corpus Maleficus vernimmt alle, deren Familien einst jüdischen Glaubens waren. Marranos. Conversos. Auch Zigeuner. Mauren. Hugenotten. Jeden, der kein Katholik von Geburt ist. Selbst die Königin kann Euch hier unten nicht schützen.«

Der alte Mann machte eine verächtliche Handbewegung. »Das spielt wohl kaum noch eine Rolle. Ich werde tot sein, ehe das Ungeheuer eintrifft.«

»Nein, Herr. Gewiss nicht.«

»Und du, Ficelle? Wärst du lieber fort, wenn der Corpus zu Besuch kommt?«

»Ich werde an Eurer Seite bleiben, Herr.«

Der alte Mann lächelte. »Du wirst mir besser dienen, wenn du tust, worum ich dich bitte. Du musst eine Reise für mich unternehmen. Eine lange Reise, voller Hindernisse. Wirst du tun, worum ich dich bitte?«

Der Diener senkte den Kopf. »Ich tue alles, was Ihr mir auftragt.«

Der alte Mann betrachtete ihn eine Weile und wog ihn augenscheinlich ab. »Wenn du scheitern solltest, Ficelle, werden die Folgen schrecklicher sein als alles, was de Bale – oder der Teufel, dem er so unwissentlich dient – je ersinnen könnte.« Er zögerte, seine Hand lag auf dem grotesk aufgeblähten Bein. »Ich hatte eine Vision. Eine von solcher Klarheit, dass sie das Werk, dem ich mein Leben bisher geweiht habe, gering erscheinen lässt. Ich habe achtundfünfzig meiner Vierzeiler nicht veröffentlicht, aus Gründen, die ich nicht verraten werde – sie betreffen nur mich. Sechs dieser Vierzeiler dienen einem geheimen Zweck – ich werde dir erklären, wie man sie verwendet. Niemand darf dich sehen. Niemand darf etwas ahnen. Die übrigen zweiundfünfzig Texte müssen an einem besonderen Ort verborgen werden, von dem nur du und ich wissen dürfen. Ich habe sie in diese Bambuskapsel eingeschlossen.« Der alte Mann langte neben seinen Stuhl und zog das gefüllte und zugestopfte Bambusrohr hervor. »Du wirst diese Kapsel dort hinterlegen, wo ich es dir sage, und in genau der Weise, die ich festlege. Du wirst nicht von meinen Anweisungen abweichen, sondern sie buchstabengetreu ausführen. Sind wir uns so weit einig?«

»Ja, Herr.«

Der alte Mann lehnte sich in seinem Sessel zurück, erschöpft von der Eindringlichkeit, mit der er sich verständlich zu machen suchte. »Wenn du hierher zurückkehrst, nach meinem Tod, wirst du meinen Freund und Liegenschaftsverwalter Palamede Marc aufsuchen. Du wirst ihm von deinem Botengang erzählen und ihn davon überzeugen, dass du ihn erfolgreich abgeschlossen hast. Er wird dir dann etwas geben. Etwas, das deine Zukunft und die deiner Familie auf Generationen sichert. Hast du mich verstanden?«

»Ja, Herr.«

»Wirst du meinem Urteil in dieser Angelegenheit trauen und meine Anweisungen genauestens befolgen?«

»Das werde ich.«

»Dann wirst du gesegnet sein, Ficelle. Von einem Volk, dem du nie begegnen wirst, und von einer Geschichte, die weder du noch ich uns auch nur entfernt vorstellen können.«

»Aber Ihr kennt die Zukunft, Meister. Ihr seid der größte Seher aller Zeiten. Selbst die Königin hat Euch Ehre erwiesen. Ganz Frankreich weiß von Eurer Gabe.«

»Ich weiß nichts, Ficelle. Ich bin wie dieses Bambusrohr. Dazu bestimmt, Dinge zu übermitteln, ohne sie aber je zu verstehen. Ich kann nichts weiter tun als beten, dass andere nach mir kommen werden, die mehr vermögen.«

ERSTER TEIL

KAPITEL 1

Paris, Quartier St. Denis, Gegenwart

Achor Bale hatte keine echte Freude am Töten. Die war ihm längst abhandengekommen. Er betrachtete den Zigeuner beinahe liebevoll, wie man vielleicht eine Zufallsbekanntschaft betrachten mochte, die man aus einem Flugzeug steigen sieht.

Der Mann hatte sich natürlich verspätet. Ein Blick auf ihn genügte, und man sah die Eitelkeit aus allen Poren dringen. Der Fünfzigerjahre-Schnauzbart a la Zorro. Die für fünfzig Euro auf dem Flohmarkt von Clignancourt gekaufte glänzende Lederjacke. Die scharlachroten, hauchdünnen Socken. Das gelbe Hemd mit den Prince-of-Wales-Federn und dem übergroßen, spitzen Kragen. Das falsche Goldmedaillon mit dem Bild der heiligen Sara. Der Mann war ein Dandy ohne Geschmack – für seinesgleichen so leicht erkennbar wie ein Hund für den anderen.

»Haben Sie das Manuskript dabei?«

»Wofür halten Sie mich? Für einen Idioten?«

Nun, das wohl kaum, dachte Bale. Narren sind selten befangen. Dieser Mann trägt seine Käuflichkeit wie eine Dienstmarke vor sich her. Bale bemerkte die geweiteten Pupillen. Den Schweißfilm auf den hübschen, scharf geschnittenen Zügen. Das Trommeln der Finger auf dem Tisch. Das Klopfen der Füße. Ein Drogensüchtiger also. Ungewöhnlich für einen Zigeuner. Offenbar brauchte er das Geld deshalb so dringend. »Sind Sie ein Manouche oder Roma? Gitan, vielleicht?«

»Was kümmert Sie das?«

»Angesichts Ihres Schnauzers würde ich auf Manouche tippen. Ein Nachfahre von Django Reinhardt vielleicht?«

»Ich heiße Samana. Babel Samana.«

»Und Ihr Zigeunername?«

»Der ist geheim.«

»Ich heiße Bale. Ohne jedes Geheimnis.«

Der Zigeuner trommelte immer schneller auf den Tisch. Seine Augen waren jetzt überall – sie huschten über die anderen Gäste, überprüften die Tür, ergründeten die Ausmaße der Decke.

»Wie viel wollen Sie dafür?« Direkt zur Sache kommen, so hielt man es mit Leuten wie ihm. Bale sah die Zunge des Zigeuners aus dem Mund schießen und den schmalen, künstlich vermännlichten Mund befeuchten.

»Ich will eine halbe Million Euro.«

»Aha.« Bale fühlte, wie eine tiefe Ruhe über ihn kam. Gut. Der Zigeuner hatte tatsächlich etwas zu verkaufen. Die ganze Sache war nicht nur ein Lockvogelangebot. »Bei einer solchen Summe müssten wir das Manuskript vor dem Kauf prüfen. Uns von seinem Zustand überzeugen.«

»Und es auswendig lernen! Ja. Ich habe von solchen Dingen gehört. So viel weiß ich immerhin. Sobald sein Inhalt bekannt ist, ist es wertlos. Es ist das Geheimnis, das seinen Wert ausmacht.«

»Sie haben ja so recht. Ich bin sehr froh, dass Sie diese Position einnehmen.«

»Ich habe noch einen anderen Interessenten. Glauben Sie nicht, dass Sie der einzige Bewerber sind.«

Bales Augen schlossen sich. Ach. Er würde den Zigeuner doch töten müssen. Foltern und töten. Er nahm das verräterische Zucken über seinem rechten Auge wahr. »Sollen wir jetzt gehen und uns das Manuskript ansehen?«

»Ich rede zuerst mit dem anderen Mann. Vielleicht werdet ihr euch noch gegenseitig überbieten.«

Bale zuckte mit den Achseln. »Wo treffen Sie ihn?«

»Das sage ich nicht.«

»Wie soll sich das Ganze dann abspielen?«

»Sie bleiben hier. Ich gehe und rede mit dem anderen Mann. Schaue, ob er es ernst meint. Dann komme ich hierher zurück.«

»Und wenn er es nicht ernst meint? Gehen sie dann mit dem Preis herunter?«

»Natürlich nicht. Eine halbe Million.«

»Ich bleibe also hier.«

»Tun Sie das.«

Der Zigeuner sprang auf. Er keuchte inzwischen heftig, sein Hemd war am Hals und in der Brustmitte feucht vom Schweiß. Als er sich umdrehte, bemerkte Bale den Abdruck des Stuhls auf der billigen Lederjacke.

»Wenn Sie mir folgen, werde ich es bemerken. Bilden Sie sich bloß nicht ein, dass ich es nicht merken würde.«

Bale nahm seine Sonnenbrille ab und legte sie auf den Tisch. Er blickte lächelnd auf. Die Wirkung seiner unheimlich geronnenen Augen auf Menschen, die dafür empfänglich waren, war ihm seit Langem bekannt. »Ich werde Ihnen nicht folgen.«

Dem Zigeuner blieb vor Schreck der Mund offen. Er blickte entsetzt in Bales Gesicht. Dieser Mann hatte das ia chalou – das böse Auge. Seine Mutter hatte Babel vor solchen Leuten gewarnt. Wenn man einen sah – wenn sie einen mit ihrem Basiliskenblick fixierten –, war man dem Untergang geweiht. Irgendwo tief im Unterbewusstsein begriff Babel Samana seinen Fehler – verstand, dass er den falschen Mann in sein Leben gelassen hatte.

»Sie bleiben hier?«

»Seien Sie unbesorgt. Ich werde warten.«

Babel begann zu laufen, sobald er das Café verlassen hatte. Er würde in der Menge untertauchen. Die ganze Sache vergessen. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er hatte das Manuskript ja nicht einmal. Nur eine vage Idee, wo es sein könnte. Als sich die drei Ursitory auf Babels Kinderbett niedergelassen hatten, um über sein Schicksal zu entscheiden – wieso mussten sie da Rauschgift als seine Schwäche wählen? Warum nicht Alkohol? Oder Frauen? Jetzt war O Beng in ihn gefahren und hatte ihm diese Schlange als Strafe geschickt.

Babel verlangsamte zu Schritttempo. Von dem Gadje war nichts zu sehen. Hatte er sich alles nur eingebildet? Die Bösartigkeit des Mannes? Diese schrecklichen Augen? Vielleicht hatte er halluziniert. Es wäre nicht das erste Mal, dass er durch schlecht verschnittene Drogen auf einen Horrortrip geraten war.

Er sah auf einem Parkscheinautomaten nach, wie spät es war. Okay. Gut möglich, dass der zweite Mann immer noch auf ihn wartete. Vielleicht erwies er sich ja als weniger bösartig.

Auf der anderen Straßenseite fingen zwei Prostituierte einen hitzigen Streit über ihren jeweiligen Standplatz an. Es war Samstagnachmittag, Zuhältertag in St. Denis. Babel fing sein Spiegelbild in einem Schaufenster auf. Er lächelte sich unsicher zu. Wenn er dieses Geschäft zustande brächte, könnte er vielleicht selbst ein paar Mädchen anschaffen gehen lassen. Und sich einen Mercedes gönnen. Er würde sich einen cremefarbenen Mercedes mit roten Ledersitzen, Dosenhaltern und stufenlos regulierbarer Klimaanlage kaufen. Und sich die Nägel in einem dieser Läden maniküren lassen, wo einen blonde Pajo’-Mädchen in weißen Schürzen sehnsuchtsvoll über den Tisch hinweg ansahen.

Bis zu Chez Minette war es nur ein Fußmarsch von zwei Minuten. Er würde kurz hineinschauen und sich den anderen Mann einmal ansehen. Ihm eine kleine Anzahlung abknöpfen – als Beweis für sein Interesse.

Dann würde er mit Geld in der Tasche und unter einem Berg von Geschenken ächzend ins Lager zurückgehen und seine Hexi von Schwester besänftigen.

KAPITEL 2

Adam Sabir war längst zu dem Schluss gekommen, dass man ihn nur zum Narren gehalten hatte. Samana war bereits seit fünfzehn Minuten überfällig. Er blieb nur sitzen, weil ihn das schäbige Milieu der Bar so faszinierte. Nun beobachtete er, wie der Barkeeper die Läden zur Straße herunterließ.

»Was ist hier los? Schließen Sie?«

»Schließen? Nein. Ich sperre nur alle ein. Es ist Samstag. Die ganzen Zuhälter kommen mit dem Zug in die Stadt. Machen Ärger auf der Straße. Vor drei Wochen sind die vorderen Fenster zu Bruch gegangen. Wenn sie hinauswollen, müssen Sie den Hinterausgang nehmen.«

Sabir zog eine Augenbraue in die Höhe. Nun gut. Ohne Frage eine innovative Art, sich seinen Kundenstamm zu erhalten. Er trank seine dritte Tasse Kaffee aus. Schon spürte er, wie das Koffein seinen Puls auf Touren brachte. Zehn Minuten. Er würde Samana noch einmal zehn Minuten geben. Dann würde er, obwohl er theoretisch noch freihatte, ins Kino gehen und sich John Hustons Die Nacht des Leguan ansehen – den Rest des Nachmittags mit Ava Gardner und Deborah Kerr verbringen. Seinem mit Sicherheit unverkäuflichen Buch über die hundert besten Filme aller Zeiten ein neues Kapitel anfügen.

»Une pression, s’il vous platt. Rien ne presse.«

Der Barkeeper zeigte mit einer Handbewegung an, dass er verstanden hatte und fuhr fort zu kurbeln. Im letztmöglichen Augenblick schlüpfte eine schlanke Gestalt unter dem Rolladen durch und richtete sich auf, an einem Tisch Halt suchend.

»Ho! Tu veux quoi, toi?«

Babel ignorierte den Barkeeper und sah sich mit wildem Blick im Raum um. Sein Hemd war durchnässt unter der Jacke, und Schweiß lief ihm über das scharfkantige Kinn. Zielstrebig richtete er seine Aufmerksamkeit der Reihe nach auf die einzelnen Tische.

Sabir hielt wie vereinbart eine Ausgabe seines Buchs über Nostradamus in die Höhe, auf dem sein Bild an prominenter Stelle prangte. So. Der Zigeuner war endlich gekommen. Und nun zur Enttäuschung. »Ich bin hier drüben, Monsieur Samana. Setzen Sie sich zu mir.«

Babel stolperte über einen Stuhl in seinem Eifer, zu ihm zu gelangen. Er fing sich, hinkte und sah mit verzerrtem Gesicht zum Eingang der Bar. Aber er war für den Augenblick sicher. Der Rollladen war jetzt vollständig heruntergelassen. Der verlogene Gadje mit den verrückten Augen kam nicht an ihn heran. Der Gadje, der geschworen hatte, ihm nicht zu folgen. Und der ihm dann den ganzen Weg bis zu Chez Minette gefolgt war, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, in der Menge Deckung zu suchen. Babel hatte immer noch eine Chance.

Sabir stand auf, einen spöttischen Ausdruck im Gesicht. »Was ist los? Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.« Aus der Nähe betrachtet, hatte sich alle Wildheit, die er im Blick des Zigeuners entdeckt hatte, in eine starre Maske der Angst verwandelt.

»Sind Sie der Schriftsteller?«

»Ja. Sehen Sie, das bin ich auf der Umschlagklappe des Buches.«

Babel langte über den Tisch und ergriff ein leeres Bierglas. Er schlug es auf die Tischoberfläche zwischen ihnen und grub seine Hand in die Scherben. Dann ergriff er mit seiner blutenden Klaue Sabirs Hand. »Verzeihen Sie mir.« Ehe Sabir reagieren konnte, hatte der Zigeuner seine Hand gewaltsam auf die Scherben hinuntergedrückt.

»Himmel! Sie kleiner Scheißkerl …« Sabir versuchte, seine Hand zurückzuziehen.

Der Zigeuner hielt sie gepackt und drückte sie an seine eigene, bis die beiden Hände in einem blutigen Schaum vereint waren. Dann klatschte er sich Sabirs blutende Handfläche an die eigene Stirn, wo sie einen verschmierten Abdruck hinterließ. »So. Hören Sie zu! Hören Sie mir zu.«

Sabir entwand seine Hand dem Griff des Zigeuners. Der Barkeeper kam hinter der Theke hervor und schwang einen verkürzten Billardqueue.

»Zwei Worte. Behalten Sie sie im Gedächtnis. Samois. Chris.« Babel wich vor dem sich nähernden Barkeeper zurück. Er hielt die blutige Handfläche in die Höhe, als würde er ihn segnen. »Samois. Chris. Sie merken es sich?« Er warf einen Stuhl nach dem Barkeeper und nutzte die Ablenkung, um sich in Richtung Ausgang zu orientieren. »Samois. Chris.« Er zeigte auf Sabir, sein Blick war wild vor Angst. »Vergessen Sie es nicht.«

KAPITEL 3

Babel wusste, dass er um sein Leben lief. Nichts hatte sich je so gewiss angefühlt. So absolut. Der Schmerz in seiner Hand war ein heftiges Pochen. Seine Lunge brannte, jeder Atemzug war wie mit Nägeln gespickt.

Bale blieb fünfzig Meter zurück und beobachtete ihn. Er hatte Zeit. Der Zigeuner konnte nirgendwohin. Er konnte sich an niemanden wenden. Die Surete würde einen Blick auf ihn werfen und ihn in eine Zwangsjacke stecken – die Pariser Polizei verhielt sich nicht besonders nachsichtig gegenüber Zigeunern, schon gar nicht, wenn sie vor Blut trieften. Was war in dieser Bar geschehen? Wen hatte er getroffen? Nun, er würde nicht lange brauchen, um es herauszufinden.

Er entdeckte den weißen Peugeot Kombi fast sofort. Der Fahrer fragte einen Fensterputzer nach dem Weg. Der Fensterputzer zeigte zurück in Richtung St. Denis und zog die Schultern in gallischem Unverständnis in die Höhe.

Bale stieß den Fahrer zur Seite und schwang sich auf den Fahrersitz. Der Motor lief noch. Bale legte den Gang ein und beschleunigte. Er machte sich nicht die Mühe, in den Rückspiegel zu blicken.

Babel hatte den Gadje aus den Augen verloren. Er drehte sich suchend um und trabte dabei rückwärts. Passanten wichen ihm aus, abgeschreckt von dem Blut in seinem Gesicht und an den Händen. Babel blieb stehen. Er stand auf der Straße und sog die Luft ein wie ein in die Enge getriebener Hirsch.

Der weiße Peugeot fuhr über den Randstein, krachte in Babels rechten Oberschenkel und zertrümmerte den Knochen. Babel prallte von der Kühlerhaube zurück und stürzte hart aufs Pflaster. Beinahe unmittelbar danach spürte er, wie er angehoben wurde – starke Hände packten ihn an der Jacke und am Hosenboden. Eine Tür ging auf, und er wurde in ein Auto geworfen. Er hörte ein schreckliches, schrilles Heulen und erkannte mit einiger Verspätung, dass er selbst es ausstieß. Er blickte genau in dem Moment auf, in dem der Gadje ihm den Handballen unter das Kinn rammte.

KAPITEL 4

Babel erwachte mit grässlichen Schmerzen in seinen Beinen und Schultern. Er hob den Kopf, um sich umzublicken, sah aber nichts. Erst dann erkannte er, dass seine Augen verbunden waren, und dass er aufrecht an eine Art leicht geneigten Metallrahmen gefesselt war, von dem er nach vorn weghing, Beine und Arme in Kreuzigungshaltung, sein Körper unfreiwillig in einer Weise gebogen, als würde er die Hüften bei einem sexuell besonders eindeutigen Tanz vorschieben. Er war nackt.

Bale zog noch einmal an Babels Penis. »So. Habe ich jetzt endlich Ihre Aufmerksamkeit? Gut. Hören Sie zu, Samana. Zwei Dinge müssen Sie wissen: Erstens, Sie werden auf jeden Fall sterben – Sie können sich aus dieser Sache weder herausreden noch ihr Leben mit Informationen erkaufen. Zweitens, die Art Ihres Todes hängt ganz von Ihnen ab. Wenn ich mit Ihnen zufrieden bin, werde ich Ihnen die Kehle durchschneiden. Sie werden nichts spüren. Und so wie ich es mache, werden Sie in weniger als einer Minute verbluten. Wenn ich nicht mit Ihnen zufrieden bin, werde ich Ihnen wehtun – noch viel mehr, als ich es jetzt tue. Um zu beweisen, dass ich beabsichtige, Sie zu töten – und dass es aus Ihrer jetzigen Lage kein Zurück gibt –, werde ich Ihnen den Penis abschneiden. Dann werde ich die Wunde mit einem heißen Bügeleisen kauterisieren, damit sie nicht vor der Zeit verbluten.«

»Nein! Tun Sie es nicht! Ich sage Ihnen alles, was Sie wissen wollen. Alles.«

Bale stand da und hielt das Messer flach an die gedehnte Haut von Babels Glied. »Alles? Ihr Penis gegen die Information, hinter der ich her bin?« Er zuckte die Achseln. »Das verstehe ich nicht. Sie wissen, dass Sie ihn nie mehr benutzen werden. Das habe ich doch wohl ganz klargemacht. Warum sollten Sie ihn behalten wollen? Erzählen Sie mir nicht, dass Sie immer noch unter dem Wahn leiden, es gäbe Hoffnung.«

Ein Speichelfaden lief aus Babels Mundwinkel. »Was wollen Sie wissen?«

»Erstens: Den Namen der Bar.«

»Chez Minette.«

»Gut. Das stimmt. Ich habe Sie selbst hineingehen sehen. Wen haben Sie getroffen?«

»Einen Amerikaner. Einen Schriftsteller. Adam Sabir.«

»Warum?«

»Um ihm das Manuskript zu verkaufen. Ich wollte Geld.«

»Haben Sie ihm das Manuskript gezeigt?«

Babel lachte abgebrochen. »Ich habe es ja gar nicht. Ich habe es nie gesehen. Ich weiß nicht einmal, ob es existiert.«

»Ach, mein Lieber.« Bale ließ Babels Penis los und begann ihm das Gesicht zu streicheln. »Sie sind ein gut aussehender Mann. Die Frauen mögen Sie. Die größte Schwäche eines Mannes ist immer seine Eitelkeit.« Bale setzte einen Kreuzschnitt auf Babels rechte Wange. »Jetzt sind Sie schon nicht mehr so hübsch. Von einer Seite geht es noch. Von der anderen – Armageddon. Schauen Sie, ich kann den Finger durch dieses Loch stecken.«

Babel begann zu schreien.

»Stopp. Oder ich mache dasselbe auf der anderen Seite.«

Babel hörte auf zu schreien. Luft strömte durch die Hautlappen seiner aufgerissenen Wange.

»Sie haben das Manuskript angeboten. Zwei interessierte Parteien haben sich gemeldet. Ich bin eine. Sabir die andere. Was beabsichtigten Sie, uns für eine halbe Million Euro zu verkaufen? Heiße Luft?«

»Ich habe gelogen. Ich weiß, wo es zu finden ist. Ich werde Sie hinführen.«

»Und wo ist das?«

»Es ist aufgeschrieben.«

»Wiederholen Sie es mir.«

Babel schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht.«

»Drehen Sie die andere Wange zu mir.«

»Nein! Nein! Ich kann es nicht. Ich kann nicht lesen.«

»Woher wissen Sie dann, dass es aufgeschrieben ist?«

»Weil man es mir gesagt hat.«

»Wer hat dieses Schriftstück? Wo ist es zu finden?« Bale legte den Kopf zur Seite. »Versteckt es ein Mitglied Ihrer Familie? Oder jemand anders?« Er hielt inne. »Ja. Ich dachte es mir. Ich sehe es Ihrem Gesicht an. Es ist ein Mitglied Ihrer Familie, nicht wahr? Ich will wissen, wer. Und wo.« Bale packte Babels Penis. »Einen Namen, los.«

Babel ließ den Kopf hängen. Blut und Speichel tropften aus dem Loch, das Bales Messer geschnitten hatte. Was hatte er getan? Was hatten seine Angst und seine Verwirrung ihn preisgeben lassen? Jetzt würde der Gadje Yola aufspüren. Sie ebenfalls foltern. Seine toten Eltern würden ihn verfluchen, weil er seine Schwester nicht beschützt hatte. Sein Name würde unrein werden – mahrime. Man würde ihn in einem namenlosen Grab verscharren. Und das alles, weil seine Eitelkeit stärker gewesen war als seine Angst vor dem Tod.

Hatte Sabir die beiden Worte verstanden, die er ihm in der Bar gesagt hatte? Würde sich sein Instinkt in Bezug auf den Mann als zutreffend erweisen?

Babel wusste, dass er am Ende seines Wegs angekommen war. Nach einem Leben, das er mit dem Bau von Luftschlössern verbracht hatte, verstand er seine eigenen Schwächen nur zu gut. Noch eine halbe Minute und seine Seele würde der Hölle überantwortet werden. Er würde nur eine Chance haben zu tun, was er tun wollte. Eine Chance.

Unter Ausnutzung des ganzen, nach unten hängenden Gewichts seines Kopfs warf Babel das Kinn so weit nach links oben, wie es nur ging, und riss es dann in einem brutalen Halbkreis wieder nach rechts unten.

Bale trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann streckte er die Hand aus und langte in das dichte Haar des Zigeuners. Der Kopf hing lose in seinem Griff, als wäre er aus seiner Verankerung gesprungen. »Nicht doch!« Bale ließ den Kopf nach vorn fallen. »Das gibt’s doch nicht.«

Bale entfernte sich ein paar Schritte, betrachtete die Leiche einen Moment und kehrte anschließend zu ihr zurück. Er zerschnippelte das Ohr des Zigeuners mit seinem Messer. Dann nahm er ihm die Augenbinde ab und schob die Lider des Mannes zurück. Die Augen waren erloschen – kein Funke Leben.

Bale säuberte sein Messer mit der Augenbinde und ging kopfschüttelnd fort.

KAPITEL 5

Hauptmann Joris Calque von der Police Nationale führte die nicht angezündete Zigarette unter seiner Nase entlang und steckte sie dann widerwillig in das Etui aus Kanonenmetall zurück. Er ließ das Etui in seine Jackentasche gleiten. »Wenigstens ist diese Leiche schön frisch. Es wundert mich, dass da nicht noch Blut vom Ohr tropft.« Calque drückte den Daumen an Babels Brust, nahm ihn dann weg und beugte sich vor, um nach Verfärbungen Ausschau zu halten. »Kaum Leichenflecke. Der Mann ist höchstens seit einer Stunde tot. Wie haben wir ihn so schnell gefunden, Macron?«

»Ein gestohlener Kombi. Steht draußen. Sein Besitzer hat den Diebstahl gemeldet, und ein pandore auf Streife ist vierzig Minuten später darüber gestolpert. Ich wünschte, alle Verbrechen wären so leicht aufzudecken.«

Calque streifte seine Schutzhandschuhe ab. »Ich verstehe das nicht. Unser Mörder entführt den Zigeuner auf offener Straße, vor den Augen der Leute, in einem gestohlenen Kombi. Dann fährt er hierher, bindet ihn an ein Bettgestell, das er praktischerweise zuvor an der Wand festgeschraubt hat, foltert ihn ein wenig, bricht ihm das Genick und lässt den Kombi wie ein Hinweisschild draußen stehen. Ergibt das einen Sinn für Sie?«

»Wir haben außerdem eine Nichtübereinstimmung beim Blut.«

»Was soll das heißen?«

»Hier. An der Hand des Opfers. Diese Schnitte sind älter als die anderen Wunden. Und es findet sich fremdes Blut mit seinem eigenen vermischt. Es zeigt sich eindeutig auf dem tragbaren Spektrometer.«

»Ach so. Der Mörder gibt sich also nicht mit dem Kombi als Hinweisschild zufrieden, sondern hinterlässt uns auch noch eins in Form von Blut.« Calque zuckte die Achseln. »Der Mann ist entweder ein Vollidiot oder ein Genie.«

KAPITEL 6

Die Apothekerin verband Sabirs Hand zu Ende. »Es muss billiges Glas gewesen sein – Sie haben Glück, dass es nicht genäht zu werden braucht. Sie sind nicht zufällig Pianist?«

»Nein, Schriftsteller.«

»Na, dann werden ja keine Fertigkeiten beeinträchtigt.«

Sabir brach in Lachen aus. »So könnte man sagen. Ich habe ein Buch über Nostradamus geschrieben. Und jetzt schreibe ich Filmkritiken für eine Kette von Regionalzeitungen. Aber das war’s auch schon. Der Ertrag eines vergeudeten Lebens.«

Die Apothekerin schlug die Hand vor den Mund. »Nein, entschuldigen Sie. So habe ich es nicht gemeint. Natürlich verfügen Schriftsteller über Fertigkeiten. Ich hatte an Berufe gedacht, bei denen es auf Fingerfertigkeit ankommt.«

»Ist schon gut.« Sabir stand auf und zog vorsichtig seine Jacke an. »Wir Lohnschreiber sind Kränkungen gewöhnt. Wir stehen entschlossen ganz unten in der Hackordnung. Es sei denn, natürlich, wir schreiben Bestsellerliteratur oder bringen es fertig, prominent zu werden, indem wir wie durch Zauberhand mit einem Buch ganz nach oben kommen. Wenn wir dann nichts hinterherschicken, sinken wir wieder auf den Boden. Es ist ein berauschender Beruf, finden Sie nicht?« Er verbarg seine Bitterkeit hinter einem breiten Lächeln. »Wie viel schulde ich Ihnen?«

»Fünfzig Euro. Natürlich nur, wenn Sie so viel aufbringen können.«

»Aha. Touché!« Sabir holte seine Brieftasche hervor und blätterte sie nach Banknoten durch. Seine Gedanken waren zum Teil immer noch bei dem Verhalten des Zigeuners. Warum griff jemand einen vollkommen Fremden an? Einer, von dem er hoffte, er würde ihm etwas Wertvolles abkaufen? Es war mit dem gesunden Menschenverstand nicht zu fassen. Irgendetwas hielt Sabir jedoch davon ab, zur Polizei zu gehen, trotz der Ermunterung durch den Barkeeper und die drei, vier Gäste, die Zeugen des Angriffs geworden waren. An der Geschichte war mehr dran, als man auf den ersten Blick sah. Und wer oder was waren Samois und Chris? Er gab der Apothekerin das Geld. »Sagt ihnen das Wort Samois etwas?«

»Samois?« Die Frau schüttelte den Kopf. »Von dem Ort abgesehen, meinen Sie?«

»Ort? Welcher Ort?«

»Samois-sur-Seine. Er liegt etwa sechzig Kilometer südöstlich von hier. Direkt oberhalb von Fontainebleau. In der Jazzszene ist er sehr bekannt. Die Zigeuner veranstalten dort jeden Sommer ein Festival zu Ehren von Django Reinhardt. Sie wissen schon, der Manouche-Gitarrist.«

»Manouche?«

»Das ist ein Zigeunerstamm. Mit den Sinti verbunden. Sie kommen aus Deutschland und Nordfrankreich. Das weiß doch jeder.«

Sabir verbeugte sich spöttisch. »Sie vergessen, Madame, ich bin nicht jeder. Ich bin nur ein Schriftsteller.«

KAPITEL 7

Bale mochte Barkeeper nicht. Sie waren ein unangenehmer Menschenschlag, der von der Schwäche anderer lebte. Dennoch. Im Interesse der Informationsbeschaffung war er zu Zugeständnissen bereit. Er ließ den gestohlenen Dienstausweis in seine Tasche gleiten. »Der Zigeuner hat ihn also mit einem Glas angegriffen?«

»Ja. So etwas habe ich noch nie gesehen. Er kam einfach herein, patschnass geschwitzt, und steuerte schnurstracks auf den Amerikaner zu. Zertrümmerte das Glas und rieb seine Hand in die Scherben.«

»Die Hand des Amerikaners?«

»Nein. Das war ja das Merkwürdige. Der Zigeuner rieb seine eigene Hand in den Scherben. Erst dann hat er den Amerikaner attackiert.«

»Mit dem Glas?«

»Nein, nein. Er nahm die Hand des Amerikaners und machte dasselbe damit wie zuvor mit seiner eigenen. Dann führte er die Hand des Amerikaners gewaltsam an seine Stirn. Alles war voll Blut.«

»Und das war’s.«

»Ja.«

»Er hat nichts gesagt?«

»Na ja, er hat die ganze Zeit geschrien: ›Merken Sie sich diese Worte! Vergessen Sie sie nicht!‹«

»Welche Worte?«

»Tja, jetzt haben Sie mich. Es hörte sich an wie: ›Sam, moi et Chris.‹ Vielleicht sind es Brüder.«

Bale unterdrückte ein triumphierendes Lächeln. Er nickte wissend. »Brüder. Ja.«

KAPITEL 8

Der Barkeeper warf die Hände melodramatisch in die Höhe. »Aber ich habe doch eben mit einem Ihrer Beamten gesprochen und ihm alles gesagt, was ich weiß. Soll ich euch vielleicht auch noch die Windeln wechseln, oder was?«

»Und wie hat dieser Beamte ausgesehen?«

»Wie ihr alle ausseht.« Der Barkeeper zuckte mit den Achseln. »Sie wissen schon.«

Hauptmann Calque sah über die Schulter zu Leutnant Macron. »So wie er?«

»Nein. Ganz anders.«

»Wie ich dann?«

»Nein, nicht wie Sie.«

Calque seufzte. »Wie George Clooney? Woody Allen? Johnny Halliday? Oder trug er vielleicht eine Perücke?«

»Nein, nein. Er trug keine Perücke.«

»Was haben Sie diesem Unsichtbaren sonst noch erzählt?«

»Sie brauchen nicht gleich sarkastisch zu werden. Ich tue meine Pflicht als Bürger. Ich habe versucht, den Amerikaner zu beschützen.«

»Womit?«

»Na … mit meinem Billardqueue.«

»Wo bewahren Sie diese Angriffswaffe auf?«

»Wo ich sie aufbewahre? Was glauben Sie denn? Hinter der Theke natürlich. Das ist St. Denis hier, nicht Sacre Creur.«

»Zeigen Sie ihn mir.«

»Hören Sie. Ich habe niemanden damit geschlagen. Ich habe dem Zigeuner nur damit gewunken.«

»Und hat er zurückgewunken?«

»Ah, merde.«

Der Barkeeper schlitzte eine Packung Gitanes mit dem Eis-Crusher auf. »Wahrscheinlich werden Sie mich jetzt als Nächstes hochnehmen, weil ich an einem öffentlichen Ort rauche, oder? Ihr seid mir schon die Richtigen.« Er blies den Rauch der Zigarette über den Tresen.

Calque erleichterte den Barkeeper um eine seiner Zigaretten. Er klopfte sie auf die Rückseite der Packung und führte sie sehnsuchtsvoll unter seiner Nase entlang.

»Wollen Sie sie nicht anzünden?«

»Nein.«

»Putain. Erzählen Sie mir nicht, Sie haben es aufgegeben.«

»Ich habe einen Herzfehler. Jede Zigarette kostet mich einen Tag meines Lebens.«

»Das ist es wert.«

Calque seufzte. »Sie haben recht. Geben Sie mir Feuer.«

Der Barkeeper bot Calque das brennende Ende seiner Zigarette an. »Hören Sie. Jetzt fällt es mir wieder ein. Wegen Ihres anderen Beamten.«

»Was ist Ihnen eingefallen.«

»Etwas war merkwürdig an ihm. Sehr merkwürdig.«

»Und was?«

»Na, ja. Sie werden es mir nicht glauben, wenn ich es sage.«

Calque zog eine Augenbraue hoch »Probieren Sie’s aus.«

Der Barkeeper zuckte die Schultern. »Seine Augen. Das Weiße darin hat gefehlt.«

KAPITEL 9

»Der Mann heißt Sabir. S-A-B-i-R. Adam Sabir. Ein Amerikaner. Nein, ich habe zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Informationen für Sie. Schauen Sie in Ihrem Computer nach. Das sollte genügen. Glauben Sie mir.«

Achor Bale legte das Telefon beiseite. Er gestattete sich ein kurzes Lächeln. Damit würden sie Sabir finden. Bis die französische Polizei mit dessen Vernehmung fertig war, würde er selbst längst verschwunden sein. Chaos zu erzeugen war immer eine gute Maßnahme. Chaos und Anarchie. Wenn man beides schürte, zwang man die etablierten Kräfte von Recht und Ordnung dazu, sich auf die Hinterbeine zu stellen.

Polizei und öffentliche Verwaltung waren darauf dressiert, linear zu denken – in Regeln und Vorschriften. Auf Computer bezogen war »hyper« das Gegenteil von linear. Nun denn. Bale war stolz auf seine Fähigkeit zum Hyper-Denken-Sprünge und Brüche zu machen, wie und wann es ihm gefiel.

Er griff nach einer Karte von Frankreich und breitete sie auf dem Tisch vor sich aus.

KAPITEL 10

Adam Sabir erfuhr vom Interesse der Surete an seiner Person, als er den Fernseher in seiner gemieteten Wohnung auf der Ile St. Louis einschaltete und ihm sein eigenes Gesicht in voller Größe aus dem Plasmabildschirm entgegenstarrte.

Als Schriftsteller und Gelegenheitsjournalist musste er auf den Laufenden sein, was die Nachrichten anging. Dort lauerten Geschichten und köchelten Ideen. Der Zustand der Welt spiegelte sich im Zustand seines potenziellen Markts wider, und das bereitete ihm Sorge. Dank eines irren, einmaligen Bestsellers namens Das geheime Leben des Nostradamus hatte er sich in den letzten Jahren an einen wirklich sehr komfortablen Lebensstil gewöhnt. Der originäre Inhalt war gegen null gegangen – aber der Titel war ein Geniestreich. Jetzt brauchte er dringend einen Folgeband, sonst würde die Geldquelle versiegen, er würde sein Publikum verlieren, und mit dem Luxusleben wäre es vorbei.

Samanas Annonce in diesem lächerlichen kostenlosen Werbeblatt vor zwei Tagen hatte deshalb seine Aufmerksamkeit erregt, weil sie so fehl am Platz und so gänzlich unerwartet gewesen war:

»Brauche Geld. Habe etwas zu verkaufen. Notre Dames [sic] verschollene Verse. Alles aufgeschrieben. Barverkauf an ersten Käufer. Echt.«

Sabir hatte laut gelacht, als er die Annonce gesehen hatte – sie war so offensichtlich von einem Analphabeten diktiert worden. Aber wie sollte ein Analphabet von Nostradamus’ verschollenen Versen wissen?

Es war allgemein bekannt, dass der im 16. Jahrhundert lebende Seher eintausend nummerierte Vierzeiler geschrieben hatte, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurden und in denen er zukünftige Ereignisse in der Welt mit einer fast übernatürlichen Genauigkeit vorwegnahm. Weniger bekannt jedoch war die Tatsache, dass er achtundfünfzig dieser vierzeiligen Verse im allerletzten Moment zurückgehalten hatte, sodass sie nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt waren. Wer diese Verse entdeckte, wäre auf einen Schlag Millionär – die potenziellen Verkaufszahlen würden astronomische Größenordnungen erreichen.

Sabir wusste, dass sein Verleger bedenkenlos jede Summe auf den Tisch legen würde, um so einen Kauf zu besiegeln. Die Geschichte des Fundes an sich würde bereits Hunderttausende Dollar an Abdruckhonoraren einbringen und rund um die Welt eine Berichterstattung auf der Titelseite garantieren. Und was würden die Leute in diesen unsicheren Zeiten nicht geben, um die Verse zu lesen und ihre Enthüllungen zu verstehen? Bei dem bloßen Gedanken wurde einem schwindlig.

Bis zu den Ereignissen des heutigen Tages hatte Sabir fröhlich davon fantasiert, dass man sein Originalmanuskript wie vor ihm die Harry-Potter-Bücher in der literarischen Entsprechung eines Fort Knox einschließen würde, um sie erst am Erscheinungstag den ungeduldig geifernden Käufermassen zu präsentieren. Ich bin ohnehin in Paris, hatte er gedacht. Was würde es mich schon kosten, die Geschichte zu überprüfen? Was hätte ich zu verlieren?

»Im Zusammenhang mit der brutalen Folterung und Ermordung eines unbekannten Mannes sucht die Polizei nach dem amerikanischen Schriftsteller Adam Sabir. Sabir weilt allem Anschein nach zu Besuch in Paris. Die Öffentlichkeit wird jedoch davor gewarnt, sich ihm zu nähern, da er eventuell gefährlich ist. Wegen der Schwere des Verbrechens hat die Identifizierung des Mörders, der erneut zuschlagen könnte, wie man stark befürchtet, für die Police Nationale oberste Priorität.«

»Ach du lieber Himmel.« Sabir stand in der Mitte seines Wohnzimmers und starrte auf das Fernsehgerät, als könnte es plötzlich beschließen, sich von seinen Kabeln loszureißen und auf ihn zuzukriechen. Ein altes PR-Foto von ihm füllte den gesamten Bildschirm aus und übertrieb jedes Gesichtsmerkmal, bis er selbst fast glauben konnte, dass es einen gesuchten Verbrecher darstellte.

Ein Foto des toten Samana folgte, mit der Unterzeile Kennen Sie diesen Mann? Wange und Ohr waren zerschnitten, die Augen trüb geöffnet, als würde der Mann, zu dem sie gehörten, über die Millionen von voyeuristischen Sofafurzern zu Gericht sitzen, die einen flüchtigen Trost aus dem Umstand zogen, dass nicht sie selbst es waren, die man auf dem Bildschirm sah.

»Das darf doch nicht wahr sein. Der Kerl ist von oben bis unten voll Blut von mir.«

Sabir setzte sich in einen Lehnstuhl, der Mund stand ihm offen, und das schmerzhafte Pochen in seiner Hand war ein unheimlicher Widerhall der elektronischen Musik, die den Abspann der Abendnachrichten begleitete.

KAPITEL 11

Er brauchte zehn hektische Minuten, um seine Habseligkeiten zusammenzusuchen – Pass, Geld, Straßenkarten, Kleidung und Kreditkarten. Im allerletzten Augenblick durchwühlte er den Schreibtisch, um zu sehen, ob er etwas enthielt, das er gebrauchen könnte.

Er hatte die Wohnung von seinem englischen Agenten John Tone geborgt, der auf Urlaub in der Karibik war. Der Wagen gehörte ebenfalls seinem Agenten und war deshalb nicht mit ihm in Verbindung zu bringen. Er sollte es also schaffen, unerkannt aus Paris hinauszukommen, um in Ruhe nachzudenken.

Er steckte hastig einen veralteten britischen Führerschein ein, der auf Tone ausgestellt war, und ein paar Euro, die er in einer leeren Filmdose fand. Der Führerschein enthielt kein Foto. Das konnte sich als nützlich erweisen. Er steckte außerdem eine alte Stromrechnung und die Wagenpapiere ein.

Falls ihn die Polizei ergriff, würde er sich einfach unwissend stellen – er war zur Recherche unterwegs nach St.-Remy-de-Provence, Nostradamus’ Geburtsort. Er hatte weder Radio gehört noch ferngesehen und wusste nicht, dass die Polizei nach ihm suchte.

Mit ein bisschen Glück würde er es bis zur Schweizer Grenze schaffen und dort einfach durchbrausen. Es gab nicht immer Ausweiskontrollen. Und die Schweiz gehörte nach wie vor nicht zur Europäischen Union. Wenn er sich bis zur amerikanischen Botschaft in Bern durchschlug, wäre er gerettet. Falls ihn die Schweiz irgendwohin auslieferte, dann an die Vereinigten Staaten und nicht an Frankreich.

Denn Sabir hatte von Journalistenkollegen so manche Geschichte über die französische Polizei gehört. War man ihr erst einmal in die Hände gefallen, war man geliefert. Es konnte Monate oder gar Jahre dauern, bis es dein Fall durch den bürokratischen Albtraum des französischen Justizapparats geschafft haben würde.

Er hielt am ersten Geldautomaten, den er entdeckte, und ließ den Motor des Wagens laufen. Er würde das Risiko einfach eingehen müssen und sich Geld besorgen. Er steckte die erste Karte in den Schlitz und begann zu beten. So weit, so gut. Er würde es mit tausend Euro versuchen. Falls die zweite Karte ihn dann im Stich ließ, konnte er wenigstens die Mautgebühren für die Autobahn mit nicht verfolgbarem Bargeld bezahlen und sich etwas zu essen kaufen.

Auf der anderen Straßenseite beobachtete ihn ein Jugendlicher im Kapuzenshirt. Großer Gott! Das war nun wirklich nicht der passende Augenblick für einen Überfall. Und in dem nagelneuen Audi Kombi steckte der Schlüssel, und der Motor lief.

Er steckte das Geld ein und probierte die zweite Karte. Der Jugendliche kam auf ihn zu und blickte sich dabei in dieser besonderen Weise um, wie junge Kriminelle es tun. Fünfzig Meter. Dreißig. Sabir hämmerte die Zahlen in die Tastatur.

Der Automat schluckte die Karte. Sie sperrten seine Konten.

Sabir sauste zum Wagen zurück. Der Jugendliche hatte zu laufen begonnen und war nur mehr fünf Meter entfernt.

Sabir sprang in das Auto, und erst in diesem Moment fiel ihm ein, dass es ein britisches Fabrikat war und das Lenkrad auf der rechten Seite hatte. Er warf sich über die Mittelkonsole und vergeudete drei wertvolle Sekunden mit der Suche nach dem Knopf für die Zentralverriegelung.

Der Jugendliche hatte die Hand an der Tür.

Sabir rammte den Automatikhebel in den Rückwärtsgang, und der Wagen machte einen Satz zurück, was den Jugendlichen vorübergehend aus dem Gleichgewicht brachte. Sabir fuhr weiter rückwärts die Straße entlang, mit einem Fuß verdreht auf dem Beifahrersitz, während er mit der freien Hand das Lenkrad umklammert hielt.

Seltsamerweise dachte er nicht an den Räuber – bei dem es sich garantiert um einen Anfänger handelte – sondern an die Tatsache, dass die Polizei dank der unfreiwillig aufgegeben Bankkarte nun seine Fingerabdrücke hatte und genau wusste, wo er um Punkt 22.42 Uhr an diesem sternenklaren Samstagabend mitten in Paris gewesen war.

KAPITEL 12

Zwanzig Minuten nachdem er das Stadtgebiet von Paris verlassen hatte und fünf Minuten vor dem Autobahnkreuz Evry stach Sabir ein Wegweiser ins Auge – dreißig Kilometer bis Fontainebleau. Und Fontainebleau lag nur kurze zehn Kilometer flussabwärts von Samois, wie ihm die Apothekerin erzählt hatte. Sie hatten sich sogar kurz und in leicht flirtendem Ton über Heinrich II., Katharina de Medici und Napoleon unterhalten, der sich dort anscheinend von seiner Alten Garde verabschiedet hatte, ehe er ins Exil nach Elba aufbrach.

Er war verrückt, wenn er auch nur daran dachte, nach Samois zu fahren. Am besten sähe er zu, dass er auf die Autobahn kam und so viele Kilometer wie möglich zurücklegte, solange es noch dunkel war. Aber wurden die Fahrzeugkennzeichen nicht auf der Autobahn erfasst? Hatte er das nicht irgendwo gehört? Was, wenn sie seine Spur bereits bis zu Tones Wohnung verfolgt hatten? Dann würde es nicht mehr lange dauern, bis sie ihn auch mit Tones Audi in Verbindung brachten. Und dann hätten sie ihn todsicher. Sie würden einfach ein paar Streifenwagen mehr an den Mautstellen aufstellen und ihn wie einen Lachs aus dem Verkehrsstrom fischen.

Wenn er nur die Vierzeiler von diesem Chris bekäme, dann könnte er die Polizei vielleicht davon überzeugen, dass er tatsächlich nur ein gutgläubiger Schriftsteller war und nicht ein mordend durch die Lande ziehender Psychopath. Und warum sollte der Tod des Zigeuners überhaupt etwas mit den Versen zu tun gehabt haben? Solche Leute waren doch immer in irgendwelche Fehden verwickelt, oder? Es hatte sich wahrscheinlich nur um einen Streit um Geld oder Frauen gehandelt, in den er, Sabir, eben zufällig geraten war. Wenn man es so betrachtete, nahm die ganze Sache einen sehr viel weniger bedrohlichen Charakter an.

Überhaupt hatte er ein Alibi. Die Apothekerin würde sich doch wohl an ihn erinnern. Er hatte ihr alles über das Verhalten des Zigeuners erzählt. Es war einfach nicht plausibel, dass er den Mann mit seinen zerschnittenen Händen gefoltert und getötet haben sollte. Das würde die Polizei doch sehen, oder etwa nicht? Oder würden sie denken, er wäre dem Zigeuner gefolgt und hätte nach dem Streit in der Bar Rache geübt?

Sabir schüttelte den Kopf. Eins war sicher: Er brauchte Schlaf. Wenn er so weitermachte, würde er bald zu halluzinieren beginnen.

Und so zwang er sich, mit dem Grübeln aufzuhören und zu handeln anzufangen, und steuerte den Wagen von der Straße herunter in einen Waldweg.

KAPITEL 13

»Er ist uns durch die Maschen geschlüpft.«

»Was soll das heißen? Woher wissen Sie das?«

Calque runzelte die Stirn. Macron machte zweifellos Fortschritte, keine Frage. Aber Vorstellungskraft? Na ja, was konnte man von einem zwei Meter großen Mann aus Marseille erwarten? »Wir haben alle Hotels, Gästehäuser und privaten Wohnungsvermittlungen überprüft. Als er hier eintraf, hatte er keinen Grund, seinen Namen zu verheimlichen. Er wusste nicht, dass er einen Zigeuner töten würde. Wir haben es mit einem Amerikaner mit französischer Mutter zu tun, vergessen Sie das nicht. Er spricht unsere Sprache perfekt. Entweder er ist bei einem Freund untergetaucht oder er hat sich aus dem Staub gemacht. Ich tippe darauf, dass er abgehauen ist. Nach meiner Erfahrung sind Freunde rar, die einen Folterer bei sich aufnehmen.«

»Und der Mann, der seinetwegen angerufen hat?«

»Wenn wir Sabir finden, haben wir auch den.«

»Dann überwachen wir also Samois? Suchen nach diesem oder dieser Chris?«

Calque lächelte. »Mit einer Puppe als Geschenk für die Kleine.«

KAPITEL 14

Das Erste, was Sabir sah, war ein einsamer Jagdhund, der vor dem Wagen über den Weg lief. Unterhalb von ihm funkelte das Band der Seine, unterbrochen von Bäumen, in der Morgensonne.

Er kletterte aus dem Auto und streckte die Beine. Fünf Stunden Schlaf. Nicht schlecht unter diesen Umständen. Gestern Abend war er sehr nervös und angespannt gewesen. Jetzt war er ruhiger – nicht mehr so panisch wegen seiner misslichen Lage. Es war ein kluger Zug gewesen, die Abzweigung nach Fontainebleau zu nehmen, und noch klüger, in den Wald zu fahren und zu schlafen. Vielleicht würde ihn die französische Polizei doch nicht so leicht zur Strecke bringen. Dennoch. Es hatte keinen Sinn, unnötige Risiken einzugehen. Er würde die dumme Idee, nach Samois hinunterzufahren, fallenlassen und lieber direkt die Grenze ansteuern, über Landstraßen und mit dem morgendlichen Berufsverkehr als Deckung.

Als er fünfzig Meter weiter auf dem Waldweg gefahren war, roch er durch das offene Wagenfenster ein Holzfeuer und den unverkennbaren Duft von brutzelndem Schweinefett. Erst wollte er seine Fahrt einfach fortsetzen, aber dann überwog der Hunger. Was immer geschehen würde, er musste essen. Und warum nicht hier? Keine Kameras. Keine Polizei.

Er redete sich umgehend ein, dass es absolut vernünftig sei, den Leuten, die hier kochten, Geld für ein Frühstück zu bieten. Vielleicht konnten ihm die geheimnisvollen Camper sogar sagen, wie er diesen Chris fand.

Sabir ließ den Wagen stehen und marschierte zu Fuß durch den Wald, immer der Nase nach. Er spürte, wie sich sein Magen zum Geruch des gebratenen Specks hin ausdehnte. Verrückt, wenn man bedachte, dass er auf der Flucht vor der Polizei war. Vielleicht hatten diese Leute als Camper ja keinen Zugang zu Fernsehen oder Zeitungen.

Sabir blieb eine Weile am Rand der Lichtung stehen und beobachtete. Es war ein Zigeunerlager. Nun ja. Er war eigentlich durch reines Glück darauf gestoßen. Es hätte ihm klar sein müssen, dass niemand, der bei Verstand war, Anfang Mai in einem herrschaftlichen Wald des Nordens kampierte. Der August war die Campingzeit – ansonsten blieb man als Franzose mit seiner Familie in einem Hotel und speiste mit allem Komfort.

Eine der Frauen sah ihn und rief nach ihrem Mann. Eine Schar Kinder kam auf ihn zugelaufen und blieb dann schnatternd stehen. Zwei andere Männer unterbrachen ihre Tätigkeit und blickten in seine Richtung. Sabir hob eine Hand zum Gruß.

Die Hand wurde gewaltsam nach hinten gerissen und in seinen Nacken gedrückt. Dann fand sich Sabir von einer Person hinter ihm in die Knie gezwungen.

Das Letzte, was er wahrnahm, ehe er das Bewusstsein verlor, war die Fernsehantenne auf einem der Wohnwagen.

KAPITEL 15

»Du machst es, Yola. Es ist dein Recht.«

Die junge Frau stand vor ihm. Ein älterer Mann legte ihr ein Messer in die Hand und scheuchte sie vorwärts. Sabir wollte etwas sagen, stellte aber fest, dass sein Mund mit Klebeband verschlossen war.

»So. Schneid ihm die Eier ab.« – »Nein, mach zuerst die Augen.« Ein Chor älterer Frauen, die vor der Tür des Wohnwagens standen, rief aufmunternde Worte. Sabir blickte sich um. Von der Frau mit dem Messer abgesehen, war er nur von Männern umringt. Er versuchte die Arme zu bewegen, aber man hatte sie ihm fest auf den Rücken gefesselt. Seine Fußknöchel waren zusammengebunden, und zwischen seinen Knien steckte ein Zierkissen.

Einer der Männer richtete ihn auf und zog ihm die Hose über die Hüften. »Da. Jetzt siehst du dein Ziel.«

»Steck ihm das Ding in den Arsch, wenn du schon dabei bist.« Die alten Frauen drängten nach vorn, um besser sehen zu können.

Sabir bemühte sich vergeblich, das Klebeband zu lockern, indem er den Kopf schüttelte.

Die Frau kam mit dem Messer in der Hand langsam auf ihn zu.

»Weiter. Tu es. Denk dran, was er mit Babel gemacht hat.«

Sabir fing aus dem Innern seines verklebten Mundes eine Art Heulen an. Er hielt die Augen in unmenschlicher Konzentration auf die Frau gerichtet, als könnte er sie irgendwie mit Willenskraft von ihrem Vorhaben abbringen.

Einer der Männer packte Sabirs Hodensack und zog ihn vom Körper weg, sodass nur noch eine dünne Hautmembran zu durchtrennen blieb. Ein einziger Hieb mit dem Messer würde genügen.

Sabir beobachtete die Frau. Sein Instinkt sagte ihm, dass sie seine einzige Chance war. Wenn seine Konzentration abbrach und er wegblickte, würde er erledigt sein. Ohne seine eigenen Beweggründe völlig zu verstehen, blinzelte er ihr zu.

Es traf sie wie eine Ohrfeige. Sie streckte die Hand aus und riss ihm das Klebeband vom Mund. »Warum hast du das gemacht? Warum hast du meinen Bruder verstümmelt? Was hat er dir getan?«

Sabir atmete gierig durch die geschwollenen Lippen ein. »Chris. Chris. Er sagte, ich soll nach Chris fragen.«

Die Frau trat von ihm zurück. Der Mann, der Sabirs Hoden gehalten hatte, ließ sie los und beugte sich mit schiefgelegtem Kopf wie ein Hühnerhund zu ihm hin. »Was sagst du da?«

»Ihr Bruder hat ein Glas zertrümmert. Er hat seine Hand hineingedrückt. Dann meine. Dann hat er unsere beiden Hände aneinandergerieben und einen Abdruck meiner Hand auf seine Stirn gemacht. Danach hat er gesagt, ich soll nach Samois fahren und nach Chris fragen. Ich bin nicht der, der ihn getötet hat. Aber mir ist jetzt klar, dass er verfolgt wurde. Warum sollte ich sonst hierherkommen?«

»Aber die Polizei. Sie sucht nach dir. Wir haben es im Fernsehen gesehen. Wir haben dein Gesicht erkannt.«

»Mein Blut war an seiner Hand.«

Der Mann schleuderte Sabir zur Seite. Einen Moment lang war Sabir überzeugt, sie würden ihm die Kehle durchschneiden. Dann spürte er, wie sie den Verband von seiner Hand abnahmen – sie untersuchten die Schnittwunden. Er hörte sie untereinander in einer Sprache reden, die er nicht verstand.

»Steh auf. Zieh deine Hose an.«

Sie schnitten die Stricke auf seinem Rücken durch.

Einer der Männer stieß ihn an. »Sag – wer ist Chris?«

Sabir zuckte mit den Schultern. »Einer von euch, nehme ich an.«

Ein paar von den älteren Männern lachten.

Der Mann mit dem Messer blinzelte ihm zu, in unbewusster Nachahmung des Blinzelns, das zwei kurze Minuten zuvor Sabirs Hoden gerettet hatte. »Keine Angst, du wirst ihn bald kennenlernen. Ob mit oder ohne Eier. Du hast die Wahl.«

KAPITEL 16

Wenigstens geben sie mir zu essen, dachte Sabir. Es ist schwerer, einen Menschen zu töten, mit dem man das Brot gebrochen hat. Bestimmt.

Er löffelte den Rest des Eintopfs aus und langte dann mit den gefesselten Händen nach seinem Kaffee. »Das war gut, das Fleisch.«

Die alte Frau nickte. Sie wischte sich die Hände an den weit wallenden Röcken ab, aber Sabir bemerkte, dass sie nichts aß. »Sauber, ja. Sehr sauber.«

»Sauber?«

»Die Stacheln. Igel sind die saubersten Tiere von allen. Sie sind nicht mahrimé Nicht wie …« Sie spuckte über die Schulter. »… Hunde.«

»Ah. Ihr esst Hunde?« Sabir hatte schon mit der Vorstellung von Igeln Schwierigkeiten. Er spürte, wie Übelkeit in ihm aufzusteigen drohte.

»Nein, nein.« Die Frau brach in dröhnendes Gelächter aus. »Hunde, ha, ha.« Sie winkte einer ihrer Freundinnen. »He. Der Gadje glaubt, wir essen Hunde.«

Ein Mann kam auf die Lichtung gerannt. Er war sofort von Kindern umringt. Er redete mit ein paar von ihnen, und sie stoben davon, um das Lager zu alarmieren.

Sabir beobachtete, wie Kisten und andere Gegenstände hurtig in und unter Wohnwägen versteckt wurden. Zwei Männer unterbrachen ihre Tätigkeit und kamen auf ihn zu.

»Was ist los?«

Sie nahmen ihn in die Mitte und trugen ihn zu einer Holzkiste.

»Großer Gott, ihr wollt mich doch nicht etwa da hineinstecken? Ich leide unter Klaustrophobie, ehrlich. Ich schwöre es. Ich vertrage enge Räume nicht. Bitte. Versteckt mich in einem von euren Wohnwägen.«

Die Männer ließen ihn in die Kiste sinken. Einer zog ein schmutziges Taschentuch hervor und stopfte es in Sabirs Mund. Dann drückten sie seinen Kopf unter den Rand der Kiste und schlugen den Deckel zu.

KAPITEL 17

Hauptmann Calque ließ den Blick über die bunte Truppe vor ihm schweifen. Er würde Ärger mit diesem Haufen haben. Er wusste es einfach, er spürte es in seinem tiefsten Innern. Zigeuner machten immer dicht, wenn sie mit der Polizei sprachen – selbst wenn einer von ihnen, wie in diesem Fall, das Opfer eines Verbrechens geworden war. Sie bestanden auch dann noch darauf, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.

Er nickte Macron zu. Macron hielt Sabirs Foto in die Höhe.

»Hat jemand von euch diesen Mann gesehen?«

Nichts. Nicht einmal ein erkennendes Kopfnicken.

»Weiß jemand, wer dieser Mann ist?«

»Ein Mörder.«

Calque schloss die Augen. Nun gut. Wenigstens hatte jemand mit ihm gesprochen. Eine Bemerkung an ihn gerichtet. »Nicht unbedingt. Je mehr wir herausfinden, desto mehr scheint es, als könnte noch eine zweite Partei in das Verbrechen verwickelt sein. Eine Partei, die wir noch nicht identifizieren konnten.«

»Wann werden Sie den Leichnam meines Bruders freigeben, damit wir ihn beerdigen können?«

Die Männer machten einer jungen Frau Platz – sie schlängelte sich durch die geschlossenen Reihen der Frauen und Kinder und stellte sich vor die Gruppe.

»Ihres Bruders?«

»Babel Samana.«

Calque nickte Macron zu, der eifrig in ein kleines, schwarzes Notizbuch zu schreiben begann. »Und Ihr Name?«

»Yola. Yola Samana.«

»Und Ihre Eltern?«

»Die sind tot.«

»Irgendwelche anderen Verwandten?«

Yola zuckte mit den Schultern und wies auf das Meer von Gesichtern, das sie umgab.

»Alle?«

Sie nickte.

»Was hat er in Paris gemacht?«

Sie zuckte wieder mit den Schultern.

»Weiß es jemand?«

Kollektives Schulterzucken.

Calque war kurz versucht, in Lachen auszubrechen, aber die Tatsache, dass ihn die Versammlung wahrscheinlich lynchen würde, wenn er es täte, hielt ihn davon ab. »Kann mir jemand überhaupt etwas über Samana sagen? Wen er treffen wollte – außer diesem Sabir natürlich. Oder warum er in St. Denis war?«

Schweigen.

Calque wartete. Dreißig Jahre Erfahrung hatten ihn gelehrt, wann er Druck ausüben musste und wann nicht.

»Wann geben Sie ihn zurück?«

Calque rang sich ein Seufzen ab. »Das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht brauchen wir seinen Leichnam noch für weitere forensische Untersuchungen.«

Die junge Frau wandte sich zu einem der älteren männlichen Zigeuner um. »Wir müssen ihn innerhalb von drei Tagen beerdigen.«

Der Zigeuner stieß sein Kinn in Richtung Calque. »Können wir ihn haben?«

»Ich sagte doch, nein. Noch nicht.«

»Können wir dann ein paar Haare von ihm haben?«

»Wie bitte?«

»Wenn Sie uns etwas von seinem Haar geben, können wir ihn beerdigen. Zusammen mit seinen Besitztümern. Es muss innerhalb von drei Tagen geschehen. Dann können Sie mit der Leiche tun, was Sie wollen.«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein.«

»Werden Sie es tun?«

»Ihnen etwas von seinem Haar geben?«

»Ja.«

Calque spürte, wie sich Macrons Blicke in seinen Hinterkopf bohrten. »Ja. Wir können Ihnen etwas von seinem Haar geben. Schicken Sie einen Ihrer Leute an diese Adresse …« Calque gab dem Zigeuner eine Karte. »Morgen. Dann können Sie ihn offiziell identifizieren und bei der Gelegenheit ein paar Haare abschneiden.«

»Ich werde gehen.« Es war die junge Frau – Samanas Schwester.

»Wie Sie meinen.« Calque stand unsicher in der Mitte der Lichtung. Dieser Ort war ihm und seinem Verständnis davon, was eine normale Gesellschaft ausmachte, so vollkommen fremd, dass er ebenso gut in einem Regenwald hätte stehen und mit einer Gruppe südamerikanischer Indianer über Moral diskutieren können.

»Sie rufen mich an, falls dieser Amerikaner, Sabir, in irgendeiner Weise mit Ihnen Kontakt aufzunehmen versucht? Meine Nummer steht auf der Karte.«

Er ließ den Blick über die versammelte Gruppe schweifen.

»Dann fasse ich das als ein Ja auf.«

KAPITEL 18

Sabir war dem Delirium nahe, als sie ihn aus der Holzkiste hoben. Als er sich später seine Empfindungen in jenem Moment ins Gedächtnis zu rufen versuchte, in dem man ihn in die Kiste gezwungen hatte, musste er feststellen, dass sie vollkommen gelöscht waren. Aus Gründen des Selbstschutzes, nahm er an.

Denn er hatte nicht gelogen, als er behauptete, unter Klaustrophobie zu leiden. Jahre zuvor, in seiner Kindheit, hatten ihm ein paar Schulkameraden einen Streich gespielt, bei dem er in den Kofferraum eines Lehrers gesperrt wurde. Er war auch damals ohnmächtig geworden. Der Lehrer hatte ihn drei Stunden später halbtot gefunden und einen Mordswirbel wegen der Sache gemacht. Die Geschichte war in allen Zeitungen der Stadt erschienen.

Sabir hatte behauptet, sich an den Urheber des Streichs nicht zu erinnern, aber fast ein Jahrzehnt später hatte er sich gerächt. Inzwischen selbst Journalist, hatte er über beträchtliche Möglichkeiten verfügt, Gerüchte in Umlauf zu bringen, und vollen Gebrauch davon gemacht. Aber die Rache hatte ihn nicht von seiner Klaustrophobie geheilt – sie war in den letzten Jahren womöglich sogar schlimmer geworden.