Crazy for a Bad Boss - Tina Keller - E-Book

Crazy for a Bad Boss E-Book

Tina Keller

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Beschreibung

Marie im zweifelhaften Glück: Der Boss ihrer Werbefirma beordert sie in ein luxuriöses Wellnesshotel mitten in einer verschneiten Berglandschaft. Natürlich nicht zu einem erholsamen Urlaub, sondern, damit Marie ihm während einer mehrtägigen Konferenz als Assistentin zur Verfügung steht. Marie kann sich nicht erklären, warum Tom ausgerechnet sie abkommandiert hat. Tom hat Marie in der Agentur nie beachtet und ist jetzt grob und unhöflich zu ihr. Wie gut, dass ihre schräge Familie ihr beisteht, die sofort hilfsbereit angereist kommt. Doch Tom hat auch noch eine andere Seite - er ist nicht nur ein Bad Boss, sondern auch ein verdammt attraktiver Mann. Marie fühlt sich immer stärker zu ihm hingezogen. Aber Tom hat noch eine offene Rechnung mit ihr, von der Marie nichts ahnt …

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Kapitel 1 - Marie

„Dieser Mistkerl hält sich wohl für zu schön und zu wichtig, um eine kleine Sekretärin zu grüßen“, ärgerte ich mich und griff nach einem der köstlichen kleinen Kuchen, die meine Kollegin Nadine mitgebracht hatte. Jetzt half nur noch Zucker, um mich wieder abzuregen.

Natürlich grüßte Tom Behrendt, der arrogante und höllisch sexy Junior Chef, mich nicht. Das hatte er noch nie getan. Er blickte grundsätzlich durch mich hindurch, als sei ich Luft. Ich hatte keine Ahnung, warum er das tat.

„Nimm dir das nicht so zu Herzen“, versuchte Susan mich zu beruhigen.

„Vielleicht ist er einfach in Gedanken und es ist gar nicht böse gemeint.“

„Aber er macht das nur bei mir“, ereiferte ich mich. „Irgendwas hat der Kerl gegen mich. Aber was?“

Susan und ich arbeiteten in einer großen Werbeagentur, die von Michael Behrendt, dem Senior Chef, und Tom Behrendt, seinem Sohn, geführt wurde. Ich war zum Glück für den Vater zuständig, einem ausgesprochen netten, freundlichen Mann, während Susan für Tom arbeitete.

„Ich glaube, das bildest du dir ein“, erwiderte Susan. „Was sollte Tom denn gegen dich haben? Er kennt dich doch gar nicht.“

„Also, echt – wie der eben über den Flur gelaufen ist“, nuschelte ich mit dem Kuchen im Mund.

„Er hat nicht links und rechts geguckt, von einem Tagesgruß mal ganz zu schweigen. Seine Manieren hat er wohl an der Pforte abgegeben. Er tut immer so, als würde er mich gar nicht kennen, dabei arbeite ich schon seit einem Jahr für seinen Vater. Gott sei Dank ist der total anders. Tom ist einfach nur arrogant und total von sich eingebildet.“

„Die Weiber scheint das nicht zu stören“, grinste Susan. „Die stehen bei ihm Schlange. Jeden Tag rufen andere an, ich kann mir die Namen überhaupt nicht merken. Brauche ich aber auch nicht, denn sie wechseln sowieso ständig. Mein Boss scheint ein reges Sexleben zu führen.“

Sie kicherte albern, und ich spitzte die Ohren. Büroklatsch war etwas Herrliches – vor allem, wenn es um ein so pikantes Thema ging!

„Hast du schon mal eine von ihnen gesehen?“, wollte ich neugierig wissen. „Auf was für einen Typ Frau steht dein Boss denn so?“

Susan zuckte die Schultern.

„Nein, gesehen habe ich noch keine von ihnen. Sie rufen auch nur dann bei mir an, wenn er nicht an sein Handy geht. Dann jammern sie mir die Ohren voll, dass sie ihn schon seit Tagen nicht erreichen können und fragen mich, wo er denn steckt. Ihm ist es natürlich gar nicht recht, dass ich so viel davon mitkriege. Er scheint es faustdick hinter den Ohren zu haben.“

„Naja, gut aussehen tut er zweifellos“, gab ich zu. „Ich kann schon verstehen, dass ihm die Frauen scharenweise nachlaufen.“

Susan nickte.

„Klar, er ist eine echte Augenweide und hat eine unglaublich männliche Ausstrahlung. Wenn ich nicht so glücklich verheiratet wäre … Aber an meinen Tobi kommt niemand ran.“

Ich lächelte. Obwohl Susan schon seit fünfzehn Jahren verheiratet war, liebte sie ihren Tobias offenbar noch wie am ersten Tag. Auch drei lärmende, nicht ganz stressfreie Kinder hatten ihrer Beziehung nichts anhaben können, im Gegenteil. Susan meinte, sie seien als Paar daran sogar noch gewachsen und nun wisse sie, dass sie sich hundertprozentig auf Tobias verlassen könne. Das musste ein schönes Gefühl sein.

„Wahrscheinlich ist dein Mann wesentlich pflegeleichter als der arrogante Tom“, mutmaßte ich.

„Oder kannst du dir vorstellen, dass ein Mann wie Tom Behrendt freiwillig den Müll nach unten trägt oder einem Kind den Hintern abwischt?“

Susan lachte.

„Nein, wirklich nicht. Tom sieht immer wie aus dem Ei gepellt aus, das ist mir schon fast unheimlich. Ich kann mir nicht mal vorstellen, dass er regelmäßig aufs Klo geht, haha.“

Wir prusteten albern los und langten gleichzeitig nach den verlockenden Törtchen.

„Die habe ich heute Nacht gebacken“, gab Susan Auskunft. „Lecker, oder?“

„Traumhaft“, bestätigte ich.

Der Kuchen blieb mir fast im Hals stecken, als ein großer Mann mit markantem Gesicht und durchtrainiertem Body im Türrahmen erschien. Tom Behrendt höchstpersönlich. Oh mein Gott, was von unserem Gespräch hatte er gehört? Dass wir ihm nicht zutrauten, aufs Klo zu gehen oder den Müll rauszubringen? Wie peinlich!

Der tiefen Falte zwischen seinen Augenbrauen nach zu urteilen, hatte er beides gehört.

Unbefangen hielt Susan ihm den Teller mit dem Kuchen hin.

„Auch etwas Zucker gefällig, Chef? Oder müssen Sie auf Ihre Linie achten?“

Susan war frech, aber auf eine so charmante Art und Weise, dass es ihr niemand übelnahm. Entwaffnend lächelte sie ihren Vorgesetzten an, dessen Falte sich etwas glättete.

„Zucker ist Gift für den Körper“, belehrte er uns und ich wartete auf die Bemerkung, dass wir dieses Gift gefälligst in unserer Pause zu uns nehmen sollten und nicht während der Arbeitszeit.

„Das kann ich nicht gebrauchen. Aber ein Kaffee wäre hilfreich.“

Klar, das war natürlich die reinste Vitaminbombe und gar nicht schädlich.

Susan sprang pflichtbewusst auf.

„Kommt sofort, Boss.“

„Bleiben Sie ruhig sitzen“, erlaubte Tom mir, als ich Anstalten machte, mich von meinem Stuhl zu erheben und die Flucht zu ergreifen.

„Ich wollte ohnehin mit Ihnen reden, Frau Sander.“

Er kannte meinen Namen! Jetzt war ich aber doch sehr überrascht.

„Mit mir?“

Etwas Blöderes fiel mir nicht ein.

Tom seufzte auf.

„Nein, mit einer der zehn anderen Frau Sander, die hier herumsitzen.“

Ich starrte ihn an. Was zum Teufel wollte er ausgerechnet von mir?

Tom kam einen Schritt auf mich zu.

„Sie wissen, dass nächste Woche das große Meeting für das Event am 3. Oktober nächsten Jahres stattfindet.“

Ich nickte. Ja, natürlich. Die Bundesregierung plante wie üblich ein großes Fest zum Tag der Deutschen Einheit am Brandenburger Tor, und unsere Agentur war mit der Werbung und teilweise der Ausführung beauftragt worden. Das war ein ganz großes Ding, das viel Arbeit und Organisation erforderte.

„Es wird sogar größer als geplant, denn die Feierlichkeiten werden nicht nur hier in Berlin stattfinden, sondern auch in München und Hamburg“, fuhr Tom fort.

„Die Besprechungen mit allen Beteiligten werden von Montag bis einschließlich Donnerstag in einem Hotel in Österreich abgehalten.“

Ich spitzte die Ohren. Wieso Österreich? Was hatte Österreich damit zu tun?

„Österreich hat nichts damit zu tun“, beantwortete Tom meine unausgesprochene Frage und ich zuckte zusammen. Konnte er Gedanken lesen?

„Die Location ist einfach sehr ansprechend, und nach der Konferenz werden wir uns dort die restlichen drei Tage der Woche erholen“, erklärte der schöne Tom, der in seinem Anzug und dem offenen Hemd wirklich zum Anbeißen aussah.

Ich nickte. Schön für ihn, aber warum erzählte er mir das?

„Sie fragen sich jetzt sicher, warum ich Ihnen das erzähle“, las Tom erneut meine Gedanken. So langsam wurde er mir aber unheimlich.

„Ich wollte Sie fragen, ob Sie mich begleiten würden“, schoss er eine Frage ab, mit der ich nicht einmal in meinen kühnsten Träumen gerechnet hätte. Und ich konnte nicht sagen, ob das ein schöner Traum oder ein Albtraum gewesen wäre.

Alarmiert setzte ich mich auf. Wie bitte? Ich ihn begleiten? Wieso das denn?

„Susan kann wegen ihrer Kinder nicht von zu Hause weg“, fuhr Tom fort und versenkte seine Hände in den Hosentaschen.

„Ich brauche jemanden, der abends das abtippt, was ich tagsüber diktiere, manchmal auch zwischendurch. Das Diktierprogramm macht etliche Fehler. Wenn ich mir das abends durchlese, weiß ich kaum noch, was ich wirklich gesagt habe. Das funktioniert nicht. Des Weiteren brauche ich jemanden für die Recherchearbeit im Internet. Sie müssten auf Abruf bereit sein, quasi 24 Stunden am Tag. Dafür dürfen Sie die drei Tage nach der Konferenz auf Kosten der Firma in diesem sagenhaften Hotel verbringen. Na, ist das ein Angebot?“

Ich war starr vor Schreck. Bisher war ich immer froh gewesen, dass ich diesen Feldwebel meistens nur von hinten gesehen hatte. Und jetzt sollte ich vier Tage lang für ihn arbeiten und 24 Stunden für ihn abrufbereit sein? Ich konnte mir arbeitsmäßig ehrlich gesagt nichts Schlimmeres vorstellen.

„Ähm … naja“, stotterte ich und stellte meinen Teller mit zitternden Händen auf dem Tisch ab.

„Äh … also … Ist das eine Frage oder ein Befehl?“

Jetzt erschien wieder die steile Falte zwischen Toms Augenbrauen.

„Es ist eine höfliche Bitte“, knirschte er und ich merkte ihm an, dass er erwartet hatte, ich würde vor lauter Freude einen Indianertanz aufführen.

„Natürlich kann ich Sie nicht zwingen.“

Das war ja schon mal was.

„Allerdings hätte ich wenig Verständnis dafür, wenn Sie sich meiner Bitte ohne einen triftigen Grund widersetzen würden“, schob er verärgert nach.

Oh, einen triftigen Grund hatte ich: Er war ein Arsch. Aber das konnte ich ihm ja schlecht so ungefiltert an den Kopf werfen.

„Ich weiß nicht, ob ich die Richtige dafür bin“, versuchte ich mich zu drücken.

„Ich meine, es gibt genug andere Sekretärinnen hier.“

„Das ist mir durchaus bekannt.“ Tom grinste diabolisch. „Ich bin nicht erst seit heute in der Agentur. Ich habe mich aber für Sie entschieden, Frau Sander.“

„Und warum?“, wollte ich wissen, während mir leicht schwindlig wurde.

„Mein Vater ist sehr zufrieden mit Ihnen und findet Sie sehr kompetent“, warf mir der schöne Boss ein unerwartetes Kompliment an den Kopf.

„Und was mein alter Herr sagt, wird schon stimmen. Ich vertraue ihm da hundertprozentig.“

Das war zwar sehr erfreulich, aber ich wollte trotzdem nicht mit dem bösen Tom in eine verschneite Berglandschaft fahren. Niemals.

„Ich würde aber lieber hierbleiben“, gestand ich zögernd.

„Warum?“, wollte Tom wissen und kam noch einen Schritt näher. Jetzt konnte ich sein After Shave riechen. Er duftete verdammt gut. Aber damit würde er mich ganz bestimmt nicht rumkriegen.

„Haben Sie etwa Angst vor mir?“ Seine Augen funkelten belustigt.

„Sie sehen so verschreckt aus. Was ist denn los? Ich beiße doch nicht.“

„Ich würde lieber hierbleiben“, wiederholte ich störrisch. „Ich fahre nicht gerne weg. Ich bin am liebsten zu Hause.“

„Sie wollen nicht in einem Fünf-Sterne-Hotel mit einem riesigen Spa-Bereich ein paar nette Tage verbringen?“

„Schöne Tage? Das würde ich nicht, ich wäre ja mit Ihnen da“, rutschte mir heraus und ich biss mir auf die Lippe.

„Ich wollte sagen … ich müsste dort arbeiten, es wäre schließlich kein Urlaub“, verbesserte ich mich mit hochrotem Kopf.

„Wie ich schon sagte – Sie hätten danach ein paar freie Tage“, versuchte Tom mich erneut zu ködern.

„Wenn es Ihnen gefällt, können Sie von mir aus auch noch länger bleiben. Ich schenke Ihnen noch einen Tag, den Sie nicht mal als Urlaub anrechnen lassen müssen. Das ist doch nicht schlecht für vier Tage Arbeit, oder?“

Stumm sah ich ihn an. Ich würde mindestens drei Wochen brauchen, um mich von ihm zu erholen. Ich wollte nicht mit ihm irgendwohin fahren und für ihn herumspringen müssen.

„Was müsste ich denn noch dort tun?“, fragte ich argwöhnisch.

„Ich meine, außer Ihre Diktate tippen und Internetrecherche betreiben?“

Tom runzelte die Stirn.

„Was so anfällt. Sie müssen mir abends nicht die Füße massieren, keine Sorge.“

Ich schluckte und verbiss mir gerade noch den frechen Kommentar, dass ich auch nicht andere Körperteile von ihm massieren würde.

„Also, das wäre geklärt: Sie begleiten mich als meine Assistentin“, herrschte er mich an.

„Ich bin hier der Boss und muss nicht darum betteln. Wo kommen wir denn da hin? Vier Tage Arbeit, vier Tage Freizeit. Okay?“

Oh. Mein. Gott!!!

Nein!!!!

„Aber es ist doch toll, mit einem gutaussehenden Chef ein paar Tage zu verbringen“, lachte Margit am Telefon.

„So hat es mit Maja und Thorsten auf der Kreuzfahrt auch angefangen. Was haben die sich am Anfang gefetzt, du liebe Güte! Und dann haben sie sich total ineinander verliebt und sind jetzt schon seit einem Jahr glücklich zusammen.“

„Genauso stelle ich mir das vor“, sagte ich düster. „Thorsten war bestimmt nicht so ein Arsch wie Tom.“

„Doch“, widersprach Margit, die neue Frau an der Seite meines Onkels.

„Maja wollte sogar schon kündigen, so sehr hat er sie getriezt. Dabei hat er nur versucht, seine wahren Gefühle für sie zu verbergen.“

Ich lachte kurz und bitter auf.

„Das vermute ich in diesem Fall weniger. Tom kennt mich ja gar nicht, er weiß kaum meinen Namen. Warum soll ausgerechnet ich ihn begleiten? Ich will das nicht.“

„Hallo mein Mädchen“, begrüßte mich nun mein Onkel Burkhard, den ich immer schon heiß und innig geliebt hatte. Als Kind hatte er mir das Fahrradfahren beigebracht und mit mir Fangen und Verstecken gespielt. Er war immer zu jedem Schabernack bereit gewesen – und war es auch heute, mit 73, noch. Er war herrlich verrückt.

„Was steht an? Ich habe über Lautsprecher alles mitgehört. Du fährst in ein Luxushotel in Österreich auf Firmenkosten? Das ist doch toll. Das hatten wir auch gerade vor. Wir wollen endlich mal wieder Schnee sehen und die schönen Berge.“

„Onkel Burkhard“, freute ich mich. „Wie schön, deine Stimme zu hören. Wie geht es dir?“

„Gut, mein Kind, immer gut“, lachte Burkhard. „Alles paletti, null Problemo. Alles roger hier. Aber sag mal, wenn wir auch nach Österreich wollen … Margit, warum besuchen wir unser Goldmariechen nicht einfach? Wir könnten ihr seelisch beistehen bei diesem Chef. Was meinst du? Das ist doch eine Super Idee, oder?“

Ich konnte Burkhards Begeisterung förmlich durch das Telefon spüren.

„Ihr wollt mitkommen?“, rief ich wie elektrisiert. „Meint ihr das im Ernst? Wow, das wäre einfach mega! Ich wäre völlig geflashed.“

„Mega sagt man nicht allein“, belehrte mich Margit. „Das bedeutet sowas wie ‚sehr‘. Du sagst doch auch nicht: ‚Das ist sehr‘, sondern ‚Das ist sehr schön.‘ Lernt ihr denn alle kein Deutsch mehr? Und was bedeutet, du bist gefletscht?“

Ich prustete laut heraus. Margit liebte ich auch. Sie war lange Zeit eine gute Bekannte der Familie gewesen, die ewig hinter Burkhard hergerannt war. Auf der Kreuzfahrt waren sie sich endlich nähergekommen und zu aller Überraschung seitdem ein Paar.

„Flash bedeutet Blitz“, erklärte ich. „Geflashed sein heißt, der Blitz hat eingeschlagen. Man ist begeistert.“

„Kann man das nicht auf Deutsch sagen?“, murrte Margit, aber dann lachte sie.

„Ja, natürlich“, erwiderte ich. „Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr auch kommen würdet.“

„Na, geht doch“, lobte Margit mich. „Ja, warum nicht?“

„Vielleicht kommt die ganze Mischpoke mit“, schaltete sich mein Onkel wieder vergnügt ein.

„Das war sehr lustig auf der Kreuzfahrt gewesen, sag ich dir. Immer action, immer ging alles durcheinander. Aber wir hatten viel Spaß. Wir könnten die anderen fragen – Barbara und Steve, Maja und Thorsten und den dicken Dieter.“

„Der ist gar nicht mehr dick“, informierte Margit uns. „Der hat mächtig abgenommen. Monatelang hat er sich nur von Eiweiß Shakes ernährt, der Arme. Aber jetzt ist er ganz dünn. Ein bisschen krank sieht er ja aus, das muss man zugeben. Aber sein Übergewicht ist er los.“

„Au ja, fragt die ruhig alle“, freute ich mich. Meine Verwandten waren ziemlich schrill, aber genau das liebte ich an ihnen.

„Je mehr mitkommen, desto besser.“

„Machen wir“, versprach Margit. „Jetzt sag du uns mal genau, wann du wo sein sollst – und wenn es geht, bitte auf Deutsch.“

***

Okay, wenn meine durchgeknallten Verwandten mitkamen, konnte es nicht so schlimm werden, tröstete ich mich. Mit Tom hatte ich seit seiner Ansprache nicht mehr geredet, und wenn ich ihm zufällig begegnete, war ich für ihn genauso unsichtbar wie vorher.

Ich würde die vier Tage schon irgendwie überstehen. Danach würde ich mir eine lustige Zeit mit meinen Verwandten machen, und später im Büro würde ich Tom sowieso nicht mehr sehen. Ja, so würde ich es machen.

Kapitel 2 - Marie

Ich war froh, dass Tom uns die Peinlichkeit einer gemeinsamen Anreise ersparte. Nichts hätte ich schlimmer gefunden, als stundenlang verkrampft neben ihm zu sitzen und nach einem unverfänglichen Thema für einen Smalltalk zu suchen. Er hatte erklärt, dass er bereits Samstag anreisen würde und ich Sonntag nachkommen solle. Damit war alles gesagt.

„Lass dich nur nicht von ihm ins Bockshorn jagen“, schärfte Susan mir ein.

„Du kannst ruhig ein bisschen frech sein. Ich glaube, das hat er ganz gern. Er mag Frauen, die ihm Paroli bieten.“

„Um Gottes willen“, rief ich erschrocken. „Das würde ich mich nie trauen. Ich bin froh, wenn die vier Tage vorbei sind. Hoffentlich mache ich alles richtig. Und hoffentlich stellt er mir nicht irgendwelche Aufgaben, die ich nicht erfüllen kann.“

„Ach was“, winkte Susan ab. „Der kocht auch nur mit Wasser, du wirst schon sehen. Im Diktieren ist er ziemlich gut. Er verhaspelt sich nie und spricht wirklich druckreif. Ich hatte vorher einen Chef, bei dem musste ich mir alles mindestens fünfmal anhören, weil er am Ende eines Satzes schon gar nicht mehr wusste, was er am Anfang gesagt hatte. So ist Tom überhaupt nicht. Er weiß, was er sagt und ist sehr strukturiert. Das machst du mit links.“

„Hm“, brummte ich unbestimmt. „Irgendwie flößt mir der Typ Angst ein. Er hat so ein herrisches Auftreten. Ich habe immer den Eindruck, man muss automatisch stramm stehen, wenn er des Weges kommt. Hast du nie dieses Gefühl?“

Susan schüttelte lachend den Kopf.

„Ich habe zwei Söhne im Teenager Alter. Die haben auch oft ein herrisches Auftreten, aber in Wirklichkeit wirkt es nur albern. So sehe ich Tom auch manchmal. Wie ein kleiner Junge, der mit dem Fuß aufstampft und den Chef spielen will. Ich nehme ihn oft einfach nicht ernst.“

„Aber er spielt nicht den Chef, er ist es“, erinnerte ich Susan.

„Und in dieser Position hat er ziemlich viel Macht. Wenn er will, stehst du morgen auf der Straße. Das kannst du doch nicht einfach ausblenden.“

„Doch, kann ich“, erwiderte Susan vergnügt. „Ich habe keine Angst vor ihm, und das weiß er auch. Ich leiste gute Arbeit, und er ist zufrieden mit mir. Er soll erst mal eine andere finden, die mit seiner Art umgehen kann.“

„Na, ich käme da ganz bestimmt nicht infrage“, seufzte ich und wünschte mir zum tausendsten Mal, mein Arbeitseinsatz wäre schon vorbei.

„Jetzt hör mal zu.“

Susan packte mich bei den Schultern und sah mir fest in die Augen.

„Du arbeitest seit einem Jahr für seinen Vater, der ausgesprochen zufrieden mit dir ist. Jetzt musst du gerade mal vier lächerliche Tage für seinen Sohn arbeiten. Das ist doch nicht weiter schlimm. Du reißt diese vier Tage einfach runter, und das war’s. Mach dir nicht immer so einen Kopf, Marie.“

„Du hast ja recht“, sagte ich unglücklich.

Ich machte mir wirklich immer viel zu viele Gedanken. Meine Cousinen zum Beispiel waren alle vorlaut und frech, nur ich war schon immer diejenige gewesen, die schüchtern in einer Ecke gesessen hatte. Daran hatte sich bis heute im Wesentlichen nichts geändert, so schlimm das auch war.

„Außerdem bist du nicht allein“, sagte Susan. „Deine Verwandten sind bei dir, und wie du sie geschildert hast, werden sie Tom schon Hörner aufsetzen, wenn er sich nicht benimmt. Vor allem deine Cousine Barbara scheint Haare auf den Zähnen zu haben. Ich würde es wirklich gern erleben, wenn sie auf Tom losgeht.“

„Bloß nicht!“

Erschrocken schüttelte ich den Kopf und hoffte, dass sich sowohl meine Cousine als auch der Rest der Familie zurückhalten würde.

Aber ehrlich gesagt wäre es das erste Mal.

***

Am Sonntagmorgen stieg ich um 8:00 Uhr in einen Intercity, der mich in nur vier Stunden nach München brachte. Nach einer halben Stunde Aufenthalt ging es mit der Regionalbahn zwei Stunden weiter in eine kleine Stadt in Österreich.

Als ich mit meinem Koffer ausstieg, war ich schlicht überwältigt. In Berlin hatte keine einzige Schneeflocke auf den Straßen gelegen, aber hier war alles völlig eingeschneit. So etwas hatte ich seit Jahren nicht mehr erlebt.

Die Luft war klirrend kalt und ganz klar. Alles war weiß, alles war ruhig. Ich kam mir vor wie in einer ganz anderen Welt. Schon der Bahnhof strahlte eine Gemütlichkeit und Behaglichkeit aus, die ich seit langem nicht mehr wahrgenommen hatte. Nun war dieser Bahnhof natürlich nicht mit dem Berliner Hauptbahnhof zu vergleichen, sondern hatte gerade mal zwei Gleise und ein schnuckeliges Bahnhofshäuschen. Es war einfach kuschelig und ich fühlte mich sofort wohl.

Glücklicherweise war ich keine von diesen Tussen, die auch im höchsten Schnee mit zwanzig Zentimeter hohen Absätzen herum stöckeln mussten und sich fast beide Beine brachen, aber Hauptsache, sie sahen sexy aus. Ich fand mich auch in meinem derben Stiefeln sexy und überhaupt war es mir wichtiger, dass meine Füße warm waren und ich gefahrlos durch Schnee und Eis stapfen konnte, ohne mich auf die Nase zu legen.

Vor mir sah das jedoch jemand völlig anders. Eine überschlanke, blonde Frau mit eindeutig zu viel Botox im Gesicht wackelte tatsächlich auf schwindelerregend hohen Pfennigabsätzen durch den Schnee. Dabei klammerte sie sich an einem Mann in einem teuer aussehenden Mantel fest.

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte nie verstanden, warum sich Frauen in unbequeme Schuhe zwängten, nur um darin vermeintlich sexy auszusehen. Ich fand blaugefrorene Füße nicht sehr attraktiv und Frauen, denen ihr Aussehen wichtiger war als ihre Gesundheit, einfach nur bescheuert.

Ich zuckte zusammen, als ich aus dem Bahnhofsgebäude stiefelte und das Paar auf einen Wagen zuging, auf dem der Name meines Hotels stand. Mir fiel ein, dass Tom erwähnt hatte, es sei ein Fünf-Sterne-Hotel. Ob da nur überkandidelte Leute herumliefen? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Von solchen Leuten hielt ich überhaupt nichts und wollte auch nichts mit ihnen zu tun haben. Ich kicherte in mich hinein. Meine Cousine Barbara würde ihnen schon die Leviten lesen, da war ich ganz sicher. Barbara nahm nie ein Blatt vor den Mund. Ich war gespannt auf ihren neuen Freund Steve, der ein verrückter Musiker sein sollte. Schnell lief ich ein paar Schritte und überholte mühelos das Paar.

„Hilfe, ist das glatt!“

Ich hörte einen gellenden Schrei. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie der Mann seine Frau gerade noch auffing, bevor sie in den Schnee stürzen konnte.

„Damit konnte man im Winter in den Bergen natürlich überhaupt nicht rechnen“, hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme hinter mir, die in schallendes Gelächter ausbrach. Ich erblickte eine vergnügt aussehende Barbara, neben ihr einen wild aussehenden Typen mit langen Haaren im Rockeroutfit.

„Barbara!“, schrie ich und fiel ihr ungestüm um den Hals.

„Wieso reist ihr schon heute an? Ich dachte, ihr kommt erst morgen? Da hätten wir doch auch zusammen fahren können.“

„Ach, wir haben uns ganz spontan entschieden, schon etwas früher zu fahren“, erklärte meine Cousine.

„Zum Glück war noch ein Zimmer frei. Jetzt im Januar fährt ja kaum jemand in den Urlaub; höchstens die Leute, die wenig Geld haben.“

Sie warf dem Paar einen gehässigen Blick zu.

„Das ist übrigens Steve“, stellte sie mir den langmähnigen Rocker vor.

„Und das ist meine Cousine Marie.“

„Wie viele Cousinen hast du eigentlich?“, erkundigte Steve sich und streckte mir seine Hand entgegen

„Dutzende“, behauptete Barbara. „Wir sind eine große Familie. Naja, nach und nach wirst du die schon noch kennenlernen.“

„Davon bin ich überzeugt“, grinste Steve.

„Hey, das ist ja ein Wagen von unserem Hotel“, stellte Barbara fest.

„Das ist aber toll, dass wir abgeholt werden.“

Sie blieb stehen und wandte sich dann direkt an die blonde Frau.

„War das eine Überraschungsreise? Wussten Sie nicht, wohin Sie fahren?“, erkundigte sie sich scheinheilig.

„War Ihnen nicht bewusst, dass hier Schnee liegt oder warum eiern Sie auf völlig unpassenden Schuhen durch die Gegend? Sie hätten sich den Hals brechen können. Ist das nicht ein hoher Preis dafür, immer vermeintlich sexy auszusehen? Wobei ich das gar nicht sexy finde, sondern einfach nur höchst dämlich.“

So war meine Cousine Barbara. Sie sprach stets das aus, was andere nur dachten, sich aber nicht zu sagen trauten. Ich bewunderte sie dafür, denn ich war ganz anders.

Die blonde Frau blickte Barbara pikiert an, erwiderte jedoch keinen Ton.

„Macht sie das für Sie?“, sprach Barbara nun ihren Begleiter in dem teuren Mantel an.

„Finden Sie hohe Absätze so geil, dass Ihre Frau auch im tiefsten Schnee darin herumlaufen muss?“

Der Mann schaute Barbara perplex an.

„Ich wüsste nicht, was Sie unser Kleidungsstil angeht“, erwiderte er schroff.

„Komm, Jenny.“

Damit packte er die zierliche Frau und schob sie in den Wagen. Barbara zuckte mit den Achseln und folgte dem Paar.

„Meine Frage war nicht böse gemeint“, plapperte Barbara ungerührt weiter. „Es interessiert mich, warum Leute so ticken, wie sie nun mal ticken. Ich habe nie verstanden, warum Frauen in Schuhen herumlaufen, in denen sie kaum stehen können. Warum tun sie das? Wenn mir jemand darauf eine Antwort geben kann, dann Sie.“

„Mann, das ist doch völlig klar, Baby.“

Steve verdrehte die Augen.

„Die Frauen wollen, dass man auf ihre Füße guckt. Wenn ein Mann auf die Füße einer Frau schaut, denkt er automatisch daran, was sich zwischen diesen Füßen befindet. Und das macht ihn an. Darum tragen Frauen solche Schuhe. Sie wollen die Männer aufgeilen.“

„Ich muss doch sehr bitten!“

Das Gesicht des Mannes in dem teuren Mantel nahm eine ungesunde Farbe an.

„Ich glaube, die Frauen wollen die Blicke fremder Männer auf sich ziehen, quasi als Selbstbestätigung“, vermutete Barbara.

„Sie sind abhängig von der Anerkennung und Bewunderung fremder Menschen. Eigentlich ganz schön armselig, oder?“

„So ein Schwachsinn“, piepste die blonde Frau los und ihre Augen blitzten böse.

„Ich will keine fremden Männer anmachen.“

„Was wollen Sie dann?“, fragte Barbara stoisch weiter. „Auf die Fresse fliegen oder was?“

„Ich will gut aussehen“, beharrte die Blonde und verdrehte die Augen. „Was ist falsch daran?“

„Glauben Sie nicht, dass man auch in passenden Schuhen hübsch aussehen kann?“, warf Barbara ein.

„Und für wen wollen Sie denn überhaupt hübsch aussehen? Laufen Sie etwa auch mit diesen Stöckelschuhen herum, wenn Sie ganz allein zu Hause sind? Ganz sicher nicht. Also muss es etwas damit zu tun haben, dass Sie die Aufmerksamkeit anderer Menschen auf sich ziehen wollen. Das zeugt von einem geringen Selbstbewusstsein, wenn Sie mich fragen.“

Die blonde Jenny lachte schrill auf.

„Ich frage Sie aber nicht. Sie wollen mir unterstellen, dass ich ein geringes Selbstbewusstsein habe?“, quiekte sie empört.

„Das geht aber nun wirklich zu weit.“

Himmel, ich hatte es ja gewusst. Wir waren noch nicht mal im Hotel angekommen, und schon stritt sich meine Cousine mit anderen Hotelgästen herum.

---ENDE DER LESEPROBE---