Cupido - Jilliane Hoffman - E-Book
Beschreibung

Der Albtraum jeder Frau: Du kommst abends in dein Apartment. Du bist allein. Alles scheint wie immer, nur ein paar Kleinigkeiten lassen dich stutzen. Du kümmerst dich nicht darum. Du gehst schlafen. Und auf diesen Moment hat der Mann, der unter deinem Fenster lauert, nur gewartet.
«Vergessen Sie Hannibal Lecter.» (Maxi)
«Knallhart gut. Ein gnadenloser Thriller.» (Stern)
«Spannend bis zur letzten Seite.» (Bild)
«Erst ab dem zweiten Stock zu empfehlen.» (Saarbrücker Zeitung)
«Dieses Buch ist ein Schocker!» (Bild am Sonntag)
«Ein Klasse-Thriller.» (Madame)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:612


Jilliane Hoffman

Cupido

Die C.-J.-Townsend-Reihe

Thriller

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Der Albtraum jeder Frau: Du kommst abends in dein Apartment. Du bist allein. Alles scheint wie immer, nur ein paar Kleinigkeiten lassen dich stutzen. Du kümmerst dich nicht darum. Du gehst schlafen. Und auf diesen Moment hat der Mann, der unter deinem Fenster lauert, nur gewartet.

 

«Vergessen Sie Hannibal Lecter.» (Maxi)

 

«Knallhart gut. Ein gnadenloser Thriller.» (Stern)

 

«Spannend bis zur letzten Seite.» (Bild)

 

«Erst ab dem zweiten Stock zu empfehlen.» (Saarbrücker Zeitung)

 

«Dieses Buch ist ein Schocker!» (Bild am Sonntag)

 

«Ein Klasse-Thriller.» (Madame)

Über Jilliane Hoffman

Jilliane Hoffman war Staatsanwältin in Florida und unterrichtete jahrelang im Auftrag des Bundesstaates die Spezialeinheiten der Polizei – von Drogenfahndern bis zur Abteilung für Organisiertes Verbrechen – in allen juristischen Belangen. Mit ihren Romanen «Cupido», «Morpheus», «Vater unser», «Mädchenfänger» und «Argus» gelang ihr auf Anhieb der Durchbruch an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten.

Für meine große Liebe Rich,

der nie gezweifelt hat,

und für Amanda und Katarina,

die immer geglaubt haben.

Erster Teil

1.

Juni 1988, New York City

 

Wie immer war Chloe Larson in fürchterlicher Hetze. Sie hatte nur noch zehn Minuten, um sich für Das Phantom der Oper umzuziehen und zu schminken – derzeit der Renner am Broadway und ein Jahr im Voraus ausverkauft –, und der Zug von Bayside in die Stadt fuhr um 18:52 Uhr. Drei Minuten brauchte Chloe allein mit dem Auto von ihrer Wohnung zur Bahnstation. Sie hatte also eigentlich nur noch sieben Minuten. Sie wühlte sich durch den voll gestopften Kleiderschrank, den sie schon letzten Winter hatte ausmisten wollen, und entschied sich schnell für einen schwarzen Seidenrock mit passendem Jackett und ein pinkfarbenes Top. Mit dem einen Schuh in der Hand fischte sie, Michaels Namen vor sich hin murmelnd, aus einem großen Haufen auf dem Boden hektisch einen Schuh nach dem anderen heraus, bis sie ihn endlich gefunden hatte: den dazugehörigen zweiten Lackpump.

Sie hastete ins Bad, schlüpfte unterwegs in die Schuhe. So hatte es eigentlich nicht sein sollen, dachte sie, während sie sich mit einer Hand die blonde Mähne über den Kopf bürstete und mit der anderen die Zähne putzte. Sie hätte entspannt und sorglos sein sollen, aufgeregt und voll Vorfreude, sie hätte den Kopf frei haben sollen von allen Ablenkungen, wenn er die Frage aller Fragen endlich stellte. Kein übernächtigtes Hin und Her, kein Gehetze vom Intensivkurs zur AG mit ihren nervösen Kommilitonen, kein bevorstehendes Anwaltsexamen, das alles andere überschattete. Sie spuckte die Zahnpasta aus, besprühte sich mit Chanel No. 5, rannte zur Tür. Nur noch vier Minuten, die nächste Bahn käme erst um 19:22 Uhr, und dann verpassten sie wahrscheinlich den ersten Akt. Vor ihrem geistigen Auge tauchte das Bild eines genervten Michael auf, der vor dem Majestic Theater auf sie wartete, eine Rose in der Hand, ein Schächtelchen in der Tasche, und dabei ständig auf die Uhr sah.

So hatte es eigentlich nicht sein sollen. Sie hätte vorbereitet sein sollen.

Sie lief durch den Innenhof zu ihrem Wagen. Fahrig steckte sie sich auf dem Weg die Ohrringe an, die sie sich eben noch vom Nachttisch geschnappt hatte, und spürte dabei im Rücken den Blick ihres sonderlichen Nachbarn aus dem ersten Stock, der wie jeden Tag oben an seinem Wohnzimmerfenster stand. Er beobachtete sie, als sie den Innenhof überquerte, hinaus in die Welt, in ihr Leben. Doch so schnell, wie es gekommen war, schüttelte Chloe das kalte, unangenehme Gefühl wieder ab und stieg ins Auto. Das war der falsche Moment, über Marvin nachzudenken. Oder ans Examen oder ans Repetitorium oder an die AG. Nein – im Moment wollte sie nur über ihre Antwort auf die Frage aller Fragen nachdenken, die Michael ihr heute Abend mit Sicherheit stellen würde.

Drei Minuten. Sie hatte nur noch drei Minuten, dachte sie, als sie das Stoppschild an der Ecke ignorierte und am Northern Boulevard bei Dunkelgelb über die Ampel fuhr.

Das ohrenbetäubende Schrillen der Trillerpfeife drang ihr in die Ohren, als sie mit Riesenschritten die Treppe zum Bahnsteig hinaufrannte. Die Türen schlossen sich genau in dem Augenblick, als sie dem Zugführer, der gewartet hatte, dankbar zuwinkte und in den Waggon sprang. Sie lehnte sich in den roten Plastiksitz zurück und versuchte, nach diesem Spurt wieder zu Atem zu kommen. Die Bahn fuhr an, Richtung Manhattan. Beinahe hätte sie den Zug verpasst.

Ganz ruhig, entspann dich, Chloe, ermahnte sie sich, während Queens in der Dämmerung am Fenster vorüberglitt. Denn heute war ein ganz besonderer Abend: Das hatte sie im Gefühl.

2.

Der Wind hatte aufgefrischt, und die dichten immergrünen Büsche, die seinen reglosen Körper verbargen, raschelten und schwankten. Ein Blitz zerriss den Himmel im Westen: Weiße und violette Zickzackstreifen flammten hinter der glitzernden Skyline von Manhattan auf. Jetzt würde es auch noch anfangen zu schütten, und zwar bald. Er kauerte sich ins Unterholz und knirschte mit den Zähnen, während sein Nacken sich beim Grollen des Donners versteifte. Das hatte gerade noch gefehlt! Ein Wolkenbruch, während er hier draußen hockte und wartete, dass die Schlampe endlich heimkam.

In seinem Versteck im Dickicht der Büsche, die das Apartmenthaus umgaben, regte sich kein Hauch; die Hitze unter der dicken Clownmaske war so unerträglich, dass er das Gefühl hatte, ihm würde das Gesicht zerfließen. Hier unten war der Geruch von modernden Blättern und feuchter Erde stärker als das Immergrün, und er zwang sich, durch den Mund zu atmen. Etwas krabbelte an seinem Ohr vorbei. Er versuchte, sich das Ungeziefer nicht vorzustellen, das vermutlich gerade über seinen Körper kletterte, die Ärmel hinauf, in die Stiefel hinein. Nervös spielte er mit der scharf gezahnten Klinge, die er zwischen den behandschuhten Fingern hielt.

Der Innenhof war menschenleer. Alles war ruhig, bis auf den Wind, der durch die Äste der gewaltigen Eichen rauschte, und das beständige Rattern der Klimaanlagen, die über ihm gefährlich weit aus der Hauswand hervorragten. Gebüsch überwucherte praktisch die ganze Seite des Gebäudes, sodass er selbst aus den Apartments direkt über seinem Kopf nicht gesehen werden konnte. Der Teppich aus Unkraut und vermodernden Blättern knisterte leise, als er sich aufrichtete und sich durch das Gestrüpp langsam in Richtung ihres Fensters vorarbeitete.

Sie hatte die Jalousien nicht geschlossen. Das Licht der Straßenlaterne sickerte durch die Hecken und fiel in messerscharfen Streifen in ihr Schlafzimmer. Drinnen war alles still und dunkel. Ihr Bett war ungemacht, die Schranktür stand weit offen. Schuhe – Pumps, Sandalen, Turnschuhe – lagen in einem Haufen vor dem Schrank. Auf einer Kommode neben dem Fernseher saß eine Sammlung Teddybären: Dutzende von schwarzen Glasaugen starrten ihn durch das Dämmerlicht an. Der rote Schein des Weckers zeigte 00:33.

Er wusste genau, wo er hinsehen musste. Er richtete den Blick auf die Kommode und leckte sich die trockenen Lippen. Aus der offenen Schublade quollen farbige BHs und passende Spitzenslips.

Wie automatisch legte er sich die Hand an die Jeans und spürte, wie sein Schwanz hart wurde. Schnell glitt sein Blick zum Schaukelstuhl hinüber, an dem ihr weißes Spitzennachthemd hing. Er schloss die Augen und rieb sich schneller; im Geist tauchte mit allen Einzelheiten die Szene vor ihm auf, die er letzte Nacht beobachtet hatte: Ihre großen, festen Titten hüpften unter dem durchsichtigen weißen Stoff auf und nieder, während sie auf ihrem Freund saß und ihn fickte. Den Kopf in Ekstase zurückgeworfen, die vollen, geschwungenen Lippen vor Lust weit geöffnet; sie war ein böses Mädchen, hatte die Jalousien offen gelassen. Böses, böses Mädchen. Seine Hand bewegte sich noch schneller. Jetzt stellte er sich vor, wie sie aussah, wenn sie nichts als halterlose Nylonstrümpfe trug und die hochhackigen Schuhe aus ihrem Schrank. Und wie er sie an den schwarzen Stöckeln packte, ihr die Beine hoch, hoch, hochriss und weit auseinander spreizte, während sie schrie. Zuerst vor Angst, doch dann vor Lust. Ihre blonde Mähne breitete sich um ihren Kopf aus wie ein Fächer, die Hände waren ans Kopfende des Betts gefesselt. Die spitzenbesetzte Mitte des hübschen rosa Slips und ihr dichter blonder Busch lagen genau vor seinem Mund. Mmmmh! Im Innern stöhnte er auf, und sein Atem zischte, als er durch das winzige Luftloch in dem verzerrten Grinsen der Maske entwich. Er bremste sich, bevor er kam, und öffnete die Augen. Die Schlafzimmertür war angelehnt und der Rest des Apartments dunkel und leer. Er kroch zurück in das Immergrün. Schweiß lief ihm über das Gesicht, der Latex saugte sich an seiner Haut fest. Wieder rollte ein Donner. Er fühlte, wie sein Schwanz in der Hose zusammenschrumpfte.

Sie hätte seit Stunden zu Hause sein sollen. Mittwochabends kam sie nie nach 22:45 Uhr. Und heute, ausgerechnet heute war sie zu spät! Er kaute auf der Unterlippe, bis die Wunde, die er sich vor einer Stunde aufgebissen hatte, wieder blutete; er konnte es salzig im Mund schmecken und musste gegen den fast unwiderstehlichen Drang zu schreien ankämpfen.

Gottverdammte beschissene Schlampe! Was für eine Enttäuschung! Wie aufgeregt er gewesen war, richtig ekstatisch, hatte die Minuten gezählt. Er hatte sich vorgestellt, wie sie um 22:45 Uhr in ihrer engen Gymnastikhose direkt an ihm vorbeigehen würde, nur ein paar Schritte entfernt. Über ihm würden die Lichter angehen, und er würde sich langsam vor ihrem Fenster aufrichten. Wieder hätte sie die Jalousien offen gelassen, absichtlich, und er würde ihr zusehen. Zusehen, wie sie sich das verschwitzte T-Shirt über den Kopf zog, die engen Shorts über die nackten Schenkel gleiten ließ. Zusehen, wie sie sich fürs Bett fertig machte. Für ihn fertig machte!

Aufgeregt wie ein Schuljunge vor dem ersten Date hatte er im Gestrüpp vor Freude in sich hineingekichert. Wie weit gehen wir heute Abend, meine Süße? Zungenkuss? Petting? Oder das ganze Programm? Doch die Minuten waren verstrichen, und zwei Stunden später hockte er immer noch wie ein Penner hier in diesem Gebüsch mit all dem unsäglichen Ungeziefer, das ihm in sämtliche Ritzen kroch und wahrscheinlich in seinen Ohren Eier legte. Die Vorfreude, die ihn angetrieben, seine Fantasien gefüttert hatte, war verflogen. Und langsam hatte sich die Enttäuschung in Wut gewandelt, eine Wut, die mit jeder verstreichenden Minute eisiger wurde. Seine Kiefer mahlten, und sein Atem zischte. Nein, Sir: Er war nicht mehr aufgeregt. Er war nicht ekstatisch. Er war überaus verärgert!

Er kaute auf seiner Lippe herum. In der Dunkelheit schienen die Minuten wie Stunden. Blitze zuckten auf, der Donner rollte lauter, und er beschloss, dass es Zeit war zu gehen. Grimmig zog er die Maske ab, nahm die Tasche mit dem Spielzeug und schälte sich aus dem Gestrüpp. Dann eben beim nächsten Mal.

In diesem Moment glitt ein Scheinwerferpaar über die dunkle Straße, und hastig sprang er von der asphaltierten Auffahrt zurück ins Gebüsch. Ein silberner BMW hielt in zweiter Reihe vor dem Apartmentkomplex, keine zehn Meter von seinem Versteck entfernt.

Nach einer Ewigkeit öffnete sich die Beifahrertür, und zwei lange Beine, die schönen Füße in schwarzen, lackledernen Stöckelschuhen, schwangen heraus. Er wusste sofort, dass sie es war, und eine unendliche Ruhe durchströmte ihn.

Wenn das nicht Schicksal ist …

Dann zog sich der Clown ins Immergrün zurück. Und wartete.

3.

Der Times Square und die 42. Street leuchteten grell im Neonlicht, und selbst an einem gewöhnlichen Mittwochabend herrschte hier nach Mitternacht noch geschäftiges Treiben. Chloe kaute nervös an ihrem Daumennagel und sah aus dem Fenster, während sich der BMW in Richtung 34. Street und Midtown-Tunnel durch die Straßen von Manhattan schlängelte.

Eigentlich hätte sie heute Abend gar nicht ausgehen dürfen. Die lästige kleine Stimme in ihrem Kopf hatte es ihr den ganzen Tag vorgebetet, aber sie hatte nicht auf sie gehört. Obwohl es nur noch vier Wochen bis zum New York State Bar Exam waren, hatte sie für dieses Rendezvous die AG geschwänzt.

Wenn es sich wenigstens gelohnt hätte! Aber der Abend war alles andere als romantisch geworden – mit dem Erfolg, dass Chloe jetzt nicht nur unglücklich, sondern auch noch panisch war, denn sie litt unter fürchterlicher Prüfungsangst. Michael schwafelte endlos über seinen Tag in der Business-Hölle, und weder ihr Kummer noch ihre Panik schienen ihm aufzufallen, geschweige denn ihr Desinteresse. Oder falls doch, kümmerte es ihn vielleicht nicht.

Michael Decker war Chloes Freund. Möglicherweise ihr zukünftiger Exfreund. Als vielversprechender Anwalt bemühte er sich um die Partnerschaft bei der renommierten Wall-Street-Kanzlei White, Hughey & Lombard. Chloe hatte Michael im Sommer vor zwei Jahren kennen gelernt, als sie als Praktikantin für ihn arbeitete. Sie hatte schnell begriffen, dass Michael ein Nein nicht als Antwort gelten ließ, wenn er ein Ja hören wollte. Am ersten Tag hatte er sie noch angeschrien, sie solle sich die Präzedenzfälle besser durchlesen; am zweiten hatte er sie dann leidenschaftlich im Kopierraum geküsst. Er sah gut aus, war intelligent und hatte so eine romantische Aura, die Chloe unerklärlich, aber auch unwiderstehlich fand. Also hatte sie sich ein neues Praktikum gesucht, sie hatten eine Beziehung angefangen, und heute Abend jährte sich ihr erstes Date zum zweiten Mal.

Seit zwei Wochen hatte Chloe Michael gebeten, ja geradezu angefleht, ob sie die Feier dieses Jahrestags verschieben und nach ihrem Examen begehen könnten. Trotzdem hatte er am Nachmittag angerufen und sie mit Theaterkarten für die heutige Vorstellung von Das Phantom der Oper überrascht. Michael kannte die Schwächen seiner Mitmenschen, und wenn nicht, dann fand er sie heraus. Als Chloe nein gesagt hatte, nutzte er einfach ihren tief im Unterbewusstsein verwurzelten irisch-katholischen Schuldkomplex aus. Wir sehen uns kaum noch, Chloe. Du lernst viel zu viel. Wir brauchen das, dass wir ab und zu Zeit miteinander verbringen. Es ist wichtig, Baby. Du bist mir wichtig. Und so weiter und so fort. Dann hatte er noch erwähnt, dass er die Theaterkarten einem von ihm abhängigen Klienten praktisch gestohlen hatte. Schließlich war sie weich geworden und hatte eingewilligt, sich mit ihm zu treffen. Sie hatte die AG abgesagt, hatte sich nach dem Repetitorium hektisch umgezogen und den Pendlerzug in die Innenstadt genommen. Es war ihr sogar fast gelungen, die mahnende kleine Stimme ihres Gewissens zu ignorieren, die immer lauter geworden war.

Und nach alledem war sie nicht einmal sonderlich überrascht gewesen, als ein freundlicher alter Platzanweiser ihr zehn Minuten nach dem letzten Klingeln die Nachricht überbracht hatte, dass Michael in einem dringenden Meeting festsaß und sich verspäten würde. Gleich in diesem Moment hätte sie gehen sollen, aber … sie tat es nicht. Jetzt starrte sie aus dem Fenster, als der BMW durch den Tunnel unter dem East River glitt und draußen verschwommen gelb die Lichter vorüberflogen.

Zum letzten Akt war Michael mit einer Rose in der Hand erschienen und hatte die altbekannten Entschuldigungen heruntergeleiert, ehe Chloe ihm eine knallen konnte. Eine Milliarde Erklärungen später hatte er es dann irgendwie geschafft, sie zu überreden, doch noch Essen zu gehen. Während sie auf dem Weg quer durch die Stadt zu Carmine’s waren, hatte Chloe sich gefragt, wann genau ihr eigentlich das Rückgrat abhanden gekommen war. Wie sie ihre irisch-katholische Erziehung hasste. Das hier grenzte ja schon an Selbstverachtung!

Wenn der Abend da geendet hätte, wäre alles noch im grünen Bereich gewesen. Doch über einem Kalbsschnitzel mit Marsalasauce und einer Flasche Cristal hatte Michael dann den Vogel abgeschossen. Chloe hatte gerade angefangen, sich ein wenig zu entspannen und den Sekt und die Atmosphäre zu genießen, da hatte Michael ein Schächtelchen hervorgezogen, dem sie auf einen Blick angesehen hatte, dass es zu groß war.

«Alles Gute zum Jahrestag.» Er hatte sanft gelächelt, dieses perfekte Lächeln, seine sinnlichen braunen Augen hatten im Kerzenschein geflackert. Ein Geigentrio hatte angefangen, sie einzukreisen – wie Haie auf der Jagd. «Ich liebe dich, Baby.»

Aber du willst mich offensichtlich nicht heiraten, hatte sie gedacht, als sie das in Silberfolie eingewickelte Kästchen mit der übergroßen weißen Schleife gemustert und sich gescheut hatte, es zu öffnen. Sich gescheut hatte, entdecken zu müssen, was nicht darin war.

«Mach schon, pack es aus.» Er hatte Sekt nachgeschenkt, und sein Lächeln war noch selbstgefälliger geworden. Er hatte wohl gedacht, ein bisschen Alkohol und irgendein Klunker könnten wieder geradebiegen, was er durch seine Verspätung verbockt hatte. Er hatte ja keine Ahnung, wie sehr er sich da schon verirrt hatte – er bräuchte einen Kompass, um zurückzufinden. Oder täuschte sie sich doch? Wollte er sie mit der großen Schachtel nur aufziehen?

Aber nein. In der Schachtel hatte eine zarte Goldkette gelegen, mit einem Anhänger aus zwei ineinander verschlungenen Herzen, die durch einen strahlenden Diamanten verbunden waren. Das Schmuckstück war schön, aber es war nicht rund, und es passte auch nicht auf ihren Finger; und vor lauter Wut auf sich selbst und ihre Erwartungen waren Chloe heiße Tränen in die Augen geschossen. Noch bevor sie ein Wort herausgebracht hatte, war er aufgestanden, um sie herumgegangen, hatte ihr blondes Haar hochgehoben und ihr die Kette umgelegt. Dann hatte er sie auf den Hals geküsst. Anscheinend hielt er ihre Tränen für Freudentränen. Oder sie waren ihm gar nicht aufgefallen. Er hatte ihr ins Ohr geflüstert: «Du siehst hinreißend damit aus.»

Michael hatte sich wieder hingesetzt und Tiramisu bestellt, das fünf Minuten später gekommen war, mit einer brennenden Kerze und drei singenden Italienern. Nach kurzer Zeit hatten auch die Geiger von der Party Wind bekommen, sich dazugesellt, und dann hatten alle aus vollem Hals «Tanti Auguri» geschmettert. Aber Chloe hatte nur gedacht: Wäre ich bloß zu Hause geblieben.

Jetzt waren sie auf dem Long Island Expressway in Richtung Queens, und noch immer schien Michael ihr Schweigen nicht zu registrieren. Draußen fing es zu nieseln an, und am Himmel zuckten Blitze. Im Rückspiegel sah Chloe, wie nach Lefrak City und Rego Park die Skyline von Manhattan immer kleiner wurde, bis sie fast ganz aus dem Blickfeld verschwand. Nach zwei Jahren musste Michael doch wissen, was sie wollte – auf jeden Fall keine Halskette. Zum Teufel mit ihm. Sie hatte genug Stress mit dem Anwaltsexamen; diese emotionale Krise kam ihr ungefähr so gelegen wie ein Loch im Kopf.

Kurz vor ihrer Ausfahrt auf dem Clearview Expressway hatte Chloe fürs Erste beschlossen, das Thema ihrer gemeinsamen Zukunft – oder der nicht vorhandenen gemeinsamen Zukunft – zu verschieben. Nach dem Examen! Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war herzzerreißender Liebeskummer. Immer schön ein Stressfaktor nach dem anderen. Aber hoffentlich vermittelte ihr eisiges Schweigen dem Herrn schon einmal einen Vorgeschmack.

«Es sind nicht nur die Anhörungen», fuhr Michael offensichtlich ahnungslos fort. «Wenn ich jedes Mal zum Richter rennen muss, weil ich den Geburtstag oder die Sozialversicherungsnummer brauche, dann geht dieser Fall in dem Berg von Genehmigungen unter, die ich einholen muss.»

Er bog auf den Northern Boulevard. An einer Ampel musste er anhalten. Sie schienen zu dieser späten Stunde die Letzten auf der Straße zu sein. Endlich unterbrach Michael sich. Er sah Chloe vorsichtig an. «Was hast du denn? Seit wir von Carmine’s weg sind, hast du aber nicht mehr viel gesagt. Du bist doch nicht immer noch sauer wegen vorhin, oder? Ich habe dir doch erklärt, dass es mir Leid tut.» Mit beiden Händen packte er das Lederlenkrad, als wollte er sich für den Streit, der in der Luft hing, rüsten. Seine Stimme klang kühl und abwehrend. «Du weißt doch, wie es in der Kanzlei zugeht. Ich kann nicht einfach gehen, so ist das eben. Der Deal hing davon ab, dass ich dabei war.»

Die Stille in dem kleinen Wagen war ohrenbetäubend. Aber ehe sie antworten konnte, hatte er den Tonfall und das Thema gewechselt. Jetzt berührte er den Herzanhänger auf ihrem Dekolleté. «Ich habe ihn extra für dich anfertigen lassen. Gefällt er dir?» Es war ein sinnliches, lockendes Flüstern.

Nein, nein, nein. Da würde sie nicht mitmachen. Heute Nacht nicht. Euer Ehren, ich verweigere die Aussage, weil ich mich damit selbst belasten würde.

«Ich bin mit den Gedanken woanders, das ist alles.» Dann fasste sie sich an den Hals und sagte ausdruckslos: «Es ist sehr hübsch.» Verdammt, sie würde ihm nicht den Gefallen tun, beleidigt und am Boden zerstört zu wirken, weil sie nicht den Verlobungsring bekommen hatte, den sie erwartet hatte – und all ihre Freundinnen und ihre gesamte Familie auch. Michael musste sich mit dieser Antwort begnügen; sollte er ruhig ein paar Tage darauf herumkauen. Die Ampel schaltete auf Grün, und sie fuhren schweigend weiter.

«Ich weiß, was los ist. Ich weiß, was du denkst.» Er stieß einen theatralischen Seufzer aus, lehnte sich in den Fahrersitz zurück und schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. «Es geht um dein Examen, nicht wahr? Himmel, Chloe, du lernst seit fast zwei Monaten quasi ununterbrochen, und ich hatte die ganze Zeit Verständnis. Aber diesen einen Abend wollte ich mit dir verbringen, nur diesen einen. Ich habe einen extrem harten Tag hinter mir, und dann herrscht während des ganzen Abendessens diese … diese Missstimmung zwischen uns. Entspann dich endlich mal! Das würde ich wirklich sehr begrüßen!» Er klang genervt, dass er diese Diskussion überhaupt führen musste, und schon wieder hätte Chloe ihm am liebsten eine geknallt. «Vertrau einem, der es hinter sich hat, und hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen. Du gehörst zu den Besten deines Semesters, auf dich wartet eine fantastische Stelle – natürlich wirst du bestehen.»

«Tut mir Leid, wenn dir meine Gesellschaft beim Abendessen den schweren Tag nicht versüßen konnte, Michael, aber ich glaube, dein Kurzzeitgedächtnis versagt. Erinnerst du dich an gestern Nacht? Da waren wir auch zusammen, und ich würde nicht sagen, ich hätte dich vernachlässigt. Darf ich dich auch daran erinnern, dass ich heute Abend gar nicht feiern wollte? Was ich dir auch gesagt habe, aber du hast es vorgezogen, meine Wünsche zu ignorieren. Und was den schönen Abend angeht, hätte ich vielleicht bessere Laune gehabt, wenn du nicht zwei Stunden zu spät gekommen wärst.» Wunderbar. Zusätzlich zu dem schlechten Gewissen, das sie als Dessert zu verdauen hatte, begann es jetzt in ihrem Kopf zu hämmern. Sie rieb sich die Schläfen.

Vor dem Eingang ihres Apartmenthauses angekommen, sah er sich nach einem Parkplatz um.

«Du kannst mich hier rauslassen», sagte sie scharf.

Er sah sie verwirrt an und hielt in zweiter Reihe vor dem Eingang an.

«Was? Du möchtest nicht, dass ich heute Abend mit reinkomme?» Er klang überrascht. Verletzt. Gut. Da hatten sie ja etwas gemeinsam.

«Ich bin todmüde, Michael, und diese Diskussion führt doch zu nichts. Außerdem konnte ich heute nicht zum Aerobic und gehe stattdessen morgen früh, vor dem Repetitorium.»

Wieder herrschte Schweigen. Michael starrte durch die Scheibe, während sie Jacke und Handtasche zusammenraffte. «Chloe, es tut mir echt Leid wegen heute Abend. Wirklich. Ich wollte, dass es etwas Besonderes wird; das ist offenbar in die Hose gegangen, und dafür entschuldige ich mich. Und ich verstehe doch auch, dass du dir wegen des Examens Sorgen machst. Ich hätte dich eben nicht so anfahren dürfen.» Seine Stimme klang jetzt aufrichtig und viel sanfter. Dass er plötzlich den Einfühlsamen spielte, brachte Chloe durcheinander.

 

Er lehnte sich zu ihr hinüber und ließ einen Finger über ihr Dekolleté den Hals hinaufgleiten. Während er ihr über die Wange strich, kramte sie in der Tasche auf ihrem Schoß nach dem Schlüssel und versuchte, seine Berührung zu ignorieren. Jetzt vergrub er die Hand in ihrem honigblonden Haar, zog ihren Kopf zu sich heran und berührte ihr Ohr mit den Lippen. Er flüsterte: «Und wegen dem Sport – da könnte ich dir ein paar Übungen zeigen …»

Michael machte sie schwach. Seit jenem Tag im Kopierraum. Und nur selten schaffte sie es, ihm zu widerstehen. Chloe roch die Süße seines warmen Atems und spürte seine kräftigen Hände in ihrem Kreuz. Der Kopf sagte ihr, dass sie sich diesen Schmus nicht anhören durfte, doch ihr Herz … Aus irgendeinem verrückten Grund liebte sie ihn. Aber heute Nacht – heute Nacht würde er sie nicht rumkriegen. Auch die schlimmste Rückgratlosigkeit hatte Grenzen. Schnell öffnete sie die Wagentür, stieg aus und holte tief Luft. Als sie sich noch einmal hineinlehnte, klang ihre Stimme beherrscht.

«Heute nicht, Michael. Die Versuchung ist groß, aber es ist schon fast eins. Marie holt mich um Viertel vor neun ab, und ich kann nicht schon wieder zu spät dran sein.» Sie knallte die Beifahrertür zu.

Jetzt stellte er den Motor ab und stieg ebenfalls aus. «Schon gut, schon gut, ich habe verstanden. Verdammt toller Abend», sagte er finster und donnerte auch seine Tür zu. Sie warf ihm einen bösen Blick zu, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte über den Hof zu ihrem Eingang.

«Verdammt», murmelte er und lief ihr hinterher. Noch auf dem Bürgersteig holte er sie ein und packte sie am Arm. «Warte, bitte warte. Schau mal, ich bin frustriert. Außerdem bin ich ein unsensibler Klotz. Ich gebe es ja zu.» In ihren Augen forschte er nach einem Hinweis, ob es klug war, weiterzumachen. Die signalisierten immer noch Vorsicht, aber immerhin machte sie sich nicht von ihm los, und das nahm er als gutes Zeichen. «So, jetzt ist es heraus. Ich bin ein Ekel, der Abend war eine Katastrophe, und es ist alles meine Schuld. Komm schon, bitte, vergib mir», flüsterte er. «Lass uns nicht so auseinander gehen.» Er legte ihr die Hand in den Nacken und zog sie an sich. Ihre vollen Lippen schmeckten süß.

Einen Moment später machte sie einen Schritt zurück und legte sich zögernd eine Hand an den Mund. «Schön. Vergeben. Aber du schläfst heute Nacht trotzdem nicht hier.» Es klang kühl.

Heute Abend musste sie allein sein. Nachdenken. Wohin das alles überhaupt führte, außer ins Bett? Die Straßenlaternen warfen dunkle Schatten auf den Gehweg. Der Wind hatte aufgefrischt, und die Bäume und Büsche raschelten und wiegten sich. In der Ferne bellte ein Hund, und am Himmel rumorte es.

Michael sah auf. «Ich glaube, es gießt gleich», sagte er abwesend, und nahm ihre schlaffe Hand. Schweigend gingen sie nebeneinander her zum Hauseingang. An der Schwelle lächelte er und schlug einen leichten Ton an: «Verdammt. Und ich dachte, ich wäre unwiderstehlich. Sensibilität soll bei euch Frauen doch ankommen. Ein Kerl, der Gefühle zeigt, sich nicht schämt, zu weinen.» Er lachte und hoffte auf ein Lächeln ihrerseits, dann knetete er ihre Hand, küsste sie sanft auf die Wange und ließ die Lippen zu ihrem Mund wandern. Ihre Augen waren geschlossen, die vollen Lippen leicht geöffnet. «Du bist heute Abend so wunderschön, dass ich bestimmt weinen muss, wenn ich dich nicht haben kann.» Was beim ersten Versuchnicht klappt … Seine Hände wanderten über ihr Kreuz zu ihrem Rock hinunter. Sie bewegte sich nicht. «Noch ist es nicht zu spät, du kannst deine Meinung noch ändern», murmelte er. «Ich muss nur schnell parken.»

Seine Berührung war elektrisierend. Doch schließlich schob sie ihn weg und öffnete die Tür. Verdammt, sie würde heute Nacht ein Zeichen setzen, und nicht einmal ihre Libido würde sie davon abbringen können.

«Gute Nacht, Michael. Lass uns morgen telefonieren.»

Er machte ein Gesicht, als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen. Oder woanders hin.

«Alles Gute zum Jahrestag», sagte er leise, als sie in der Halle verschwand. Quietschend schloss sich die Glastür hinter ihr.

Mit dem Schlüssel in der Hand ging Michael langsam zum Wagen zurück. Verdammt. Heute hatte er es wirklich versaut. Auf ganzer Linie. Er wartete, bis Chloe im Wohnzimmerfenster erschien und ihm zuwinkte, das Zeichen, dass alles in Ordnung war. Sie sah immer noch sauer aus. Dann zog sie den Vorhang zu und war verschwunden. Michael stieg in den BMW, und auf dem Weg nach Manhattan überlegte er, wie er Chloe wieder versöhnen konnte. Vielleicht sollte er ihr morgen Blumen schicken. Das war es. Langstielige rote Rosen mit einer Entschuldigung und einem «Ich liebe dich». Das sollte ihm den Weg zurück in ihr Bett ebnen. Während das Gewitter näher kam und der Donner immer heftiger wurde, bog Michael auf den Clearview Expressway und ließ Bayside hinter sich.

4.

Der Clown beobachtete gierig durch die Zweige, wie ihre knackigen Beine aus der Beifahrertür des BMW schwangen. Sie waren lang, und die Bräune stammte wahrscheinlich aus irgendeinem schicken Solarium. Sie hatte einen kurzen, engen, sehr engen schwarzen Rock an und ein pinkfarbenes Seidentop, das viel von ihren Titten zeigte. Über einem Arm trug sie das dazugehörige schwarze Jackett. Pink war ihre Lieblingsfarbe – und seine auch. Er freute sich, dass sie mit ihrem heutigen Outfit seinen Geschmack getroffen hatte. Pretty in pink! Ein genüssliches Grinsen zog sich über sein Gesicht, und er hatte das Gefühl, dass dieser Abend doch noch gut ausgehen würde. Die Dinge begannen Gestalt anzunehmen. Er presste die Hand auf den Mund, um ein Kichern zu unterdrücken.

Die lange blonde Mähne fiel ihr in zarten Locken auf den Rücken, und er konnte ihr süßes, sexy Parfüm riechen, wie es schwer in der feuchten Luft hing. Ihr Lieblingsparfüm, er erkannte es sofort – Chanel No. 5. Er begann zu schwitzen, der Rücken und die Achseln seines T-Shirts wurden feucht.

Wollte sie sich denn noch ewig mit diesem unsympathischen kleinen Popper, der ihr Freund war, unterhalten? Sie sah nicht einmal glücklich dabei aus. Bla, bla, bla. Wussten sie nicht, wie spät es war? Zeit nach Hause zu gehen. Zeit ins Bett zu gehen. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf die schwarze Nylontasche. Die Tasche mit dem Spielzeug.

Jetzt schlug sie die Wagentür zu. Doch auf einmal stieg der Popper ebenfalls aus dem Auto und knallte mit der Tür. Irgendwo auf der Straße fing ein Hund an zu bellen. Der Clown bekam zittrige Knie. Wenn bloß kein neugieriger Nachbar aufwacht!

Aber kein Nachbar kam heraus, um mitzuspielen, und der Popper holte sie jetzt auf dem Bürgersteig ein. Er packte sie am Arm, und sie wechselten Worte, die der Clown nicht verstehen konnte. Dann küsste er sie auf den Mund. Hand in Hand liefen sie zum Eingang des Gebäudes. Ihre hohen Absätze klapperten auf dem Betonweg so nah an ihm vorüber, er hätte nur die Hand nach ihr ausstrecken müssen. Wieder überkam ihn Panik. Kam ihr Freund etwa mit rein? Der Popper hatte doch gestern schon seinen Spaß mit ihr gehabt. Heute Nacht war er an der Reihe.

Vor der Haustür küssten sie sich noch einmal, dann betrat sie das Haus allein. Kein Glück heute Abend, was, Popper? Der Clown kicherte stumm.

Mit hängendem Kopf drehte sich der Popper um und ging langsam zu seinem Wagen zurück. Brav wartete er, bis in ihrem Apartment das Licht anging und sie aus dem Wohnzimmerfenster winkte, dann fuhr er in die Nacht hinaus.

Der Clown lächelte. Wie putzig! Der Popper bringt sie zur Tür und gibt ihr einen Gutenachtkuss. Träum was Schönes! Und dann wartet er sogar, bis sie sicher und wohlbehalten in der Wohnung ist; nicht dass der schwarze Mann da drinnen lauert. Wirklich zum Totlachen!

Fünf Minuten später ging im Schlafzimmer das Licht an und erleuchtete die Büsche hell. Er zog sich tiefer ins Dickicht zurück. Die Klimaanlage über ihm setzte sich ratternd in Gang, und Kondenswasser tropfte ihm durch das Immergrün auf den Kopf. Er sah ihren Schatten über die Büsche hüpfen, während sie im Schlafzimmer umherging, aber dann schloss sie die Jalousien, und das Licht wurde schwächer.

Nachdem es schließlich ganz dunkel geworden war, wartete er zwanzig Minuten vollkommen reglos ab. Der Donner wurde jetzt lauter. Es hatte angefangen zu nieseln. Zuerst leicht, aber der Regen würde stärker werden. Die Windböen wurden immer heftiger; die Büsche schwankten hin und her, im Licht der Straßenlaternen sah es aus, als tanzten sie einen seltsamen Tanz. Das Gewitter war jetzt fast genau über ihnen. Sie war gerade noch rechtzeitig nach Hause gekommen.

Er nahm die Tasche mit dem Spielzeug und schob sich an der Mauer entlang, bis er sich genau unter ihrem Wohnzimmer befand, unter dem Fenster mit dem kaputten Riegel. Um genau 1:32 Uhr zog sich der Clown die Maske über das Gesicht. Er wischte sich die Hände an der inzwischen sehr engen Jeans ab. Dann öffnete er lautlos das Fenster und glitt aus dem Regen in das dunkle Zimmer.

5.

Chloe beobachtete durchs Fenster, wie Michael langsam zu seinem Wagen ging, abgewiesen, mit hängendem Kopf. Sie winkte ihm halbherzig zu, und als er zurückwinkte, zog sie absichtlich die Vorhänge zu. Noch eine Botschaft.

Allein stand sie in ihrem Wohnzimmer und sah sich um. Das Apartment war still, einsam und unerträglich heiß. Das kleine Triumphgefühl verflüchtigte sich so schnell, wie es gekommen war. Jetzt bereute Chloe fast, dass sie ihn weggeschickt hatte.

Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Natürlich würde sie morgen früh nicht um sechs Uhr aufstehen, um zum Aerobic zu gehen. Das war wirklich die fadenscheinigste Ausrede der Welt. Und da sie sich der Frage, was aus ihr und Michael werden sollte, in den nächsten zwei Wochen sowieso nicht stellen wollte – was hätte es schon geschadet, wenn er bei ihr übernachtete?

Du warst wütend, dass du zu diesem wunderbaren Jahrestag nicht das bekommen hast, was du wolltest, und deshalb sollte er auch nicht bekommen, was er wollte.

Großartig, sogar ihr schizophrenes Gewissen fand jetzt, dass sie eine Zicke war. Doch selbst wenn Michael heute die Nacht bei ihr verbracht hätte: dann hätte sie die Diskussion mit ihrem Gewissen eben um drei Uhr früh gehabt, in diesem Fall, weil sie sich verhielt wie eine rückgratlose Marionette. Egal, was sie tat, sie zog immer den Kürzeren. Das Ganze war einfach nur noch anstrengend und deprimierend, und sie hoffte, ein Aspirin würde wenigstens das Pochen in ihrem Kopf besänftigen.

In ihrer Wohnung war es heiß wie in einem Backofen. Die Fenster waren den ganzen Tag geschlossen gewesen, und sogar die Möbel strahlten noch immer Wärme ab. Sie nahm sich die Post, die im Schlitz in der Wohnungstür steckte, und ging in die Küche.

Als sie das Licht in der Küche anknipste, blendete sie die gleißende Helligkeit. Chloe seufzte, als sie die Unordnung auf dem Esstisch sah, die Frühstücksteller von heute Morgen, das Geschirr vom Vorabend, Federn und Wellensittichkörner. Auch Pete, den Wellensittich, blendete das Licht, und er fiel mit einem Plumps von seiner Stange auf den Käfigboden.

Chloe räumte die Teller in das bereits überfüllte Abwaschbecken, spritzte grünes Spülmittel darüber und ließ Wasser über den Geschirrberg laufen. Pete hatte sich mittlerweile würdevoll aufgeplustert und hockte wieder auf seiner Stange. Er beschimpfte Chloe wütend und wirbelte winzige grüne und weiße Federn durch die Käfigstäbe auf den Tisch. Chloe knirschte mit den Zähnen und warf ein Handtuch über seinen Käfig. Sie betrachtete das Küchenchaos noch einmal und beschloss, das Licht zu löschen und am nächsten Morgen einfach beim Merry-Maids-Notfallraumpflegeservice anzurufen. Sie nahm zwei Aspirin und spülte sie mit einem Schluck Maaloxan herunter, dann zog sie sich endlich in die klimatisierte Oase ihres Schlafzimmers zurück.

Sie warf die Post aufs Bett, stellte die Klimaanlage auf volle Kraft und suchte in der Kommode nach ihrem Lieblingsschlafanzug aus rosa Flanell; die spitzenbesetzten dünnen Nachthemdchen, die Michael ihr über die letzten zwei Jahre geschenkt hatte, schob sie beiseite. In der untersten Schublade wurde sie fündig: Baumwolle, Übergröße und kein bisschen sexy. Draußen schabten die Zweige der Büsche mit einem hoffnungslos wimmernden Geräusch an ihrem Fenster entlang, und der Regen trommelte gegen die Scheibe. Die Wettervorhersage hatte für heute Nacht schwere Gewitter angekündigt. Chloe stand einen Moment am Fenster und sah zu, wie sich die Bäume im Wind wie Strohhalme bogen, dann ließ sie die Jalousien herunter und schaltete den Fernseher an. Es lief eine alte Folge von Brady Bunch.

Chloe machte es sich auf dem Bett bequem, nahm sich die Post vor und drückte auf die Taste des Anrufbeantworters. Rechnungen, Rechnungen, Reklame, das neue People-Heft, noch mehr Rechnungen. Es nahm gar kein Ende.

Die weibliche Computerstimme des Anrufbeantworters ertönte: Sie haben keine neuen Nachrichten.

Seltsam. Auf dem Display leuchtete die Zahl 3, das hieß, dass drei neue Nachrichten eingegangen waren. Und bevor sie aus dem Haus gegangen war, hatte sie alle alten Nachrichten gelöscht. Sie drückte auf Wiedergabe.

Sie haben drei gespeicherte Nachrichten.

Erste gespeicherte Nachricht: Heute, neunzehn Uhr neunzehn. Die müde Stimme ihrer Mutter. «Chloe, ich bin’s, Mum. Wahrscheinlich bist gerade bei der AG.» Prompt drehte das schlechte Gewissen Chloe den Magen um. «Ruf mich an, wenn du heimkommst. Ich möchte mit dir über unseren Besuch nächsten Monat sprechen. Dein Dad und ich finden, dass wir lieber im Hotel übernachten sollten, deine Wohnung ist einfach zu klein. Ich bräuchte die Adressen von ein paar netten Hotels in Manhattan, die nicht zu teuer sind und in einer guten Gegend liegen. Ruf mich an.»

Na, super. Das war in der teuersten Stadt der USA natürlich gar kein Problem!

Sie widmete sich wieder der Post. Wo hatte sie nur die Zeit hergenommen, das ganze Zeug zu kaufen, für das sie jetzt die Rechnungen bekam?

Werbung für eine Kreditkarte. Wunderbar, die brauchte sie dringend, damit noch mehr Rechnungen ins Haus flatterten.

Schließlich, unter dem Berg Rechnungen, ein cremefarbener Umschlag mit der vertrauten Handschrift ihres Vaters. Chloe lächelte. Seit sie aus Kalifornien nach New York gezogen war, um Jura zu studieren, schrieb Dad ihr zuverlässig mindestens einmal die Woche, und seine lieben lustigen Briefe waren immer eine willkommene Atempause. Manchmal schrieb er seitenweise, dann wieder nur ein paar Zeilen, doch jeder Brief begann mit der gleichen Anrede: «Hallo, Beany! Wie geht es meinem großen Mädchen in der großen Stadt?» Beany war der Spitzname, den er ihr mit fünf Jahren gegeben hatte, eine zärtliche Anspielung auf ihre Vorliebe für Jelly Beans. Auch heute, mit vierundzwanzig, war sie noch sein kleines Mädchen. Sie hob sich den Brief für später auf und blätterte durch das People-Heft.

Zweite gespeicherte Nachricht: Heute, zwanzig Uhr zehn. Es war Marie. «Danke, dass du uns heute Abend versetzt hast, Chloe. Es war echt ein Mordsspaß. Du hast unsere heiße Diskussion über das Gesetz gegen Unveräußerlichkeiten verpasst. Mit Sicherheit viel spannender als Das Phantom der Oper. Ach, und vergiss nicht, dass wir morgen den Test in Bundesrecht haben, ich komme schon um halb neun bei dir vorbei. Nicht verschlafen! Hm … vielleicht hätte ich lieber acht sagen sollen. Na ja, bis morgen.»

Verdammt. Den Test hatte sie total vergessen. Noch ein Grund, sauer auf Michael zu sein.

Dritte gespeicherte Nachricht: Heute, dreiundzwanzig Uhr zweiunddreißig. Ein langes Schweigen. Im Hintergrund hörte Chloe ein Rascheln, wie das gedämpfte Geräusch von Papier, das zerrissen wurde. Dann flüsterte eine männliche Stimme in höhnischem Singsang: «Chloe. Chloe. Wo bist du, Chloe?» Wieder Rascheln. Für einen kurzen Moment hörte Chloe schweres Atmen, dann legte der Anrufer auf.

Unheimlich. Sie starrte das Gerät an.

Keine weiteren Nachrichten.

Das musste einer der Typen aus ihrer AG gewesen sein. Sie paukten immer bis spät in die Nacht. Wahrscheinlich Rob oder Jim, die ihr einfach einen Streich spielen wollten. Sie dachten wahrscheinlich, dass Chloe schon zu Hause war und sich amüsierte, während die anderen arbeiteten, und wollten es ihr heimzahlen, indem sie Chloe mit so einer Nachricht nervten, während sie sich womöglich in einer kompromittierenden Lage befand. Das musste es sein. Chloe drückte auf den Knopf.

Nachrichten gelöscht.

Dann schlüpfte sie unter das Laken und stopfte sich ein Kissen in den Rücken, um den Brief ihres Vaters zu lesen. Sie war ein Einzelkind, und für ihre Eltern war es schwer gewesen, als sie von daheim wegging, um an der St. John’s Law School in New York City zu studieren. Noch schwerer war es, als Chloe ihnen kürzlich mitteilte, dass sie nicht zurückkommen würde. Sie mochten New York beide nicht und waren voller Sorge. Chloe war in einer Kleinstadt im nördlichen Kalifornien aufgewachsen. Für ihre Eltern war es ebenso exotisch, einen Hund auf einer asphaltierten Straße auszuführen und fünfzig Stockwerke über dem Boden zu leben, wie in einem Iglu zu wohnen. Und vor die Wahl gestellt, hätten sie sich wahrscheinlich für das Iglu entschieden. Ihre Mutter rief zwei- bis dreimal die Woche an, nur um sich zu versichern, dass Chloe noch nicht beraubt, vergewaltigt, überfallen oder ausgeplündert worden war, denn sie hielt die große Stadt für eine Räuberhöhle mit drei Millionen Dieben, Vergewaltigern, Einbrechern und Plünderern. Und Chloes Vater schrieb natürlich seine Briefe.

Sie warf die restliche Post zu den Lernheften auf dem Nachttisch und griff nach der Brille. Als sie den Brief umdrehte, runzelte sie die Stirn.

Der Umschlag war sorgfältig geöffnet worden. Der Brief fehlte.

6.

Chloe setzte sich im Bett auf, ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Gänsehaut kroch ihr die Arme hinauf, und Marvin fiel ihr ein. Sie starrte nervös an die Decke, als hätten die Wände Augen, und zog das Laken enger um sich.

Marvin war der sonderbare Nachbar, der in der Wohnung genau über ihr wohnte. Der arbeitslose Außenseiter lebte schon ewig hier, lange bevor Chloe vor ein paar Jahren eingezogen war, und Chloe wusste, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Alle wussten das. Jeden Morgen stand er an seinem Wohnzimmerfenster und überwachte den Hof. Aus seinem offenen karierten Bademantel ragte sein großer, nackter, haariger, alternder Bauch hervor und weiß Gott was noch. Aber das verdeckte gnädigerweise die Fensterbank. Dem Himmel sei Dank. Marvins dickes, wulstiges Gesicht war immer von grauen und braunen Stoppeln überzogen, und über den eng zusammenstehenden Augen trug er eine schwarze Plastikbrille. In einer Hand hielt er einen schwarzen Kaffeebecher. Was er in der anderen hatte, wollte Chloe lieber nicht wissen.

Im Waschkeller ging das Gerücht, dass Marvin emotional gestört war und von der Sozialhilfe seiner alten Mutter lebte. Hinter seinem Rücken hatten ihn die Hausbewohner Norman getauft und spekulierten, was mit seiner Mutter geschehen war, die man seit einer Weile nicht mehr gesehen hatte. Chloe hatte ihn immer für seltsam, aber harmlos gehalten. Ab und zu traf sie ihn im Treppenhaus oder auf dem Flur. Er lächelte nie, sondern machte nur ein grunzendes Geräusch, wenn er an ihr vorbeiging.

Vor zwei Monaten hatte Chloe den dummen Fehler begangen, Marvin bei seiner morgendlichen Wache am Fenster vom Hof aus zuzuwinken. Am gleichen Abend hatte er dann mit ihrer Post vor der Tür auf sie gewartet. Er lächelte sie schief an, entblößte die kurzen gelben Zähne und nuschelte irgendetwas von wegen der Postbote habe die Briefkästen verwechselt. Dann war er wieder die Treppe hoch zu seinem Wohnzimmerausguck geschlurft, von dem aus er sein Reich bewachte.

Seitdem verwechselte der unfähige Postbote die Briefkästen anscheinend mindestens drei Mal pro Woche, und Marvin hatte ein neues Hobby, er goss die Pflanzen in der Eingangshalle, praktischerweise immer dann, wenn Chloe von der Uni kam. Wenn sie morgens zu ihrem Auto lief, spürte sie seinen starr auf sie gehefteten Blick, genau wie abends, wenn sie ihn bei den Briefkästen traf. Dann fing sein Eierkopf zu schwitzen und zu wippen an wie die Wackelfigur auf einem Armaturenbrett, und Chloe spürte, wie sein Blick über ihren Körper wanderte. In letzter Zeit hatte sie den Hinterausgang im Waschkeller benutzt, um das Haus zu betreten und zu verlassen.

Vor zwei Wochen fingen dann die seltsamen Anrufe an, das Telefon klingelte, und sobald sie abnahm, hängte der Anrufer ein. Wenn sie auflegte, hörte sie jedes Mal, wie die Decke über ihr knarrte – Marvin, der in seiner Wohnung auf- und abging. Vielleicht war es Marvin gewesen, der heute Abend auf dem Anrufbeantworter war – vielleicht hatte er endlich den Mut gefunden, etwas zu sagen.

Und erst gestern Abend hatte sie einen Moment lang die Wäsche im Trockner gelassen, um aus ihrer Wohnung noch ein paar Münzen zu holen. Im Treppenhaus begegnete sie Marvin, der so tat, als gösse er die Blumen. Als sie die Wäsche dann später in ihrer Wohnung zusammenfaltete, merkte sie, dass zwei Höschen fehlten.

Und jetzt hatte jemand ihre Post geöffnet und den Brief herausgenommen. Bei der Vorstellung, dass Marvin an ihren Höschen herumfingerte und ihre Briefe las, während er im Bett über ihrem Kopf seinen fetten Leib befriedigte, wurde ihr schlecht. Nach dem Examen würde sie sich nach einer neuen Wohnung umsehen müssen – in New York nicht gerade ein Kinderspiel. Jedenfalls konnte sie nicht länger im gleichen Haus wie dieser Spanner leben. Bis heute Abend hatte sie noch darüber nachgedacht, mit Michael zusammenzuziehen, aber jetzt …

Zu viele Gedanken schossen ihr durch den schmerzenden Kopf. Wie lange musste sie warten, bis sie noch ein Aspirin nehmen durfte? Sie stand auf und ging durchs Wohnzimmer zur Wohnungstür, um nachzusehen, ob sie verriegelt war. Als sie einen Blick durch den Spion warf, rechnete sie fast damit, den fetten Marvin nackt vor ihrer Tür hocken zu sehen, in der einen Hand einen Kaffeebecher, in der anderen eine Topfpflanze. Doch draußen stand niemand, und im Gang war es dunkel.

Chloe versicherte sich, dass die Tür zweimal abgeschlossen war, dann klebte sie einen Streifen Paketband von innen über den Postschlitz, damit Marvins Wurstfinger ja keinen Spalt aufdrücken könnten, durch die sein gieriger Blick in ihre Wohnung fände. Gleich morgen früh würde sie ein Brett darüber nageln und ein Postfach beantragen.

Sie beeilte sich, um in die Kühle ihres Schlafzimmers zurückzugelangen. Dort angekommen, schloss sie die Tür. Dann suchte sie noch einmal die Decke ab, um sicherzugehen, dass Marvin kein neues Hobby hatte – Heimwerken zum Beispiel. Doch nachdem sie keine Löcher in der Decke und auch sonst nichts Ungewöhnliches entdecken konnte, zappte sie noch ein bisschen durch die Kanäle, bis sich das Pochen in ihrem Kopf legte. Draußen grollte ein Donner, und die Lichter flackerten. Das Gewitter hörte sich heftig an – vielleicht gab es heute Nacht noch einen Stromausfall. Sie schaltete den Fernseher und das Licht aus, rollte sich in ihrem Bett zusammen und lauschte den Tropfen, die gegen ihr Fenster klatschten. Noch trommelte der Regen sanft, beruhigend, doch Chloe ahnte, dass in kurzer Zeit Sturzbäche herunterpladdern würden. Umso besser. Vielleicht würde ein Wolkenbruch die Dinge ein bisschen abkühlen – diese Hitzewelle war unerträglich gewesen.

Körperlich und seelisch erschöpft, fiel sie endlich in tiefen Schlaf. Sie war gerade mitten in einem seltsamen und komplizierten Traum über ihr Examen, als sie über sich die heisere, gedämpfte Stimme hörte:

«Hallo, Beany. Wie geht es meinem großen Mädchen in der großen Stadt? Wollen wir ein bisschen Spaß haben?»

7.

Es war so leicht gewesen, durch das Wohnzimmerfenster mit dem kaputten Riegel in ihr Apartment zu steigen. Mittlerweile regnete es in Strömen, und er war klatschnass geworden. In dem stockdunklen Zimmer mit den zugezogenen Vorhängen sah man die Hand vor Augen nicht. Kein Problem: Er kannte sich bestens in der Wohnung aus. Die Küchenuhr zwei Zimmer weiter tickte laut. Vorsichtig tastete er sich an dem scharfkantigen Sideboard aus Holz und Glas und dem niedrigen Couchtisch vorbei, auf dem die Zeitungen der letzten drei Tage lagen.

Er war schon oft hier gewesen. Hatte in ihrem Wohnzimmer gestanden, ihre Zeitungen und Magazine gelesen, ihre Jurabücher in die Hand genommen. Er war ihre Post durchgegangen, hatte ihre Rechnungen angesehen und wusste sogar, dass das Sideboard von Pier One Imports noch nicht bezahlt war. Er wusste auch, dass sie Größe 34 trug, hatte ihre Kleider berührt, ihre Seidenblusen angefasst, an ihrer Wäsche gerochen, die zart nach Weichspüler duftete. Er hatte heimlich an einem Pizzarest aus dem Kühlschrank geknabbert – ihr Lieblingsbelag: Würstchen und Fleischbällchen mit extra viel Käse. Er wusste, dass sie Pantene-Shampoo benutzte und dass Chanel No. 5 ihr Lieblingsparfüm war. Er hatte in ihrem blassgrünen und gelben Bad vor dem Spiegel gestanden, nackt, hatte sich genüsslich mit ihrer nach Freesien duftenden Bodylotion eingeschmiert und sich dabei vorgestellt, wie es sich anfühlen würde, wenn es endlich ihre Hände an seinem Schwanz wären. Tagelang hatte er diesen Duft nicht abgewaschen; eine berauschende ständige Erinnerung an sie. Er wusste auch, dass der Mädchenname ihrer Mutter Marlene Townsend war und dass ihr Vater bei einer kleinen Lokalzeitung arbeitete. Er wusste alles, was es über Chloe Joanna Larson zu wissen gab.

Jetzt stand er still in ihrem Wohnzimmer und atmete ihren Geruch ein. Er ließ die Finger über die Couch gleiten, berührte ihre Sofakissen. Er nahm das Jackett in die Hand, das sie heute Abend getragen und danach auf die Couch geworfen hatte, befühlte es, roch daran, durch die winzigen Luftlöcher seiner Maske. Ganz langsam machte er sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer am Ende des kurzen Flurs.

Plötzlich flatterte Pete in seinem Käfig in der Küche mit den Flügeln und erzeugte ein hohles Echo, das von den Metallstangen des Käfigs durch das stille Apartment hallte. Er erstarrte mitten in der Bewegung und lauschte, Schweißtropfen sammelten sich auf seinem Gesicht unter der Maske. Sein Atem war jetzt schnell und gepresst, aber er hatte sich unter Kontrolle. Der Überraschungseffekt war wichtig. Es würde nicht funktionieren, wenn sie jetzt herauskäme. Das entspräche nicht dem Plan. Der große Zeiger der billigen grauen Uhr an der Küchenwand tickte hörbar jede Sekunde ab, und er verharrte regungslos. Nach etwa zehn Minuten war in der Wohnung immer noch alles ruhig.

Dann stand er endlich vor der Schlafzimmertür. Er konnte jetzt kaum noch an sich halten – endlich war er da, der große Moment. Er hörte die Klimaanlage im Schlafzimmer brummen, das Summen wurde tiefer, wenn sie zurückschaltete. Er griff nach dem runden gläsernen Türknopf und hielt ihn kurz fest, während er spürte, wie die Energie dieses Augenblicks ihm einen Stromstoß durch die Adern jagte.

Horch, was kommt von draußen rein!

Unter der Maske lächelte der Clown, dann öffnete er einfach mit einem Quietschen die Tür und betrat sachte das Zimmer.

8.

Panik durchfuhr Chloes Körper. Sie hatte einen Angsttraum gehabt, in dem sie fünf Minuten zu spät zum Examen kam und die Aufsicht anbetteln musste, sie noch hineinzulassen. Den Bruchteil einer Sekunde wollten ihre Augen sich nicht öffnen, während ihr Hirn hektisch versuchte, das Flüstern, das sie gerade gehört hatte, mit der Handlung des Traums zu vereinbaren.

Dann, einen Augenblick später, spürte sie die glatte Kühle von Gummi auf ihrem Gesicht und schmeckte den kalkig-bitteren Geschmack von Latex auf den Lippen. Ein unglaubliches Gewicht drückte plötzlich auf ihre Brust, presste ihr die Lungen zusammen und raubte ihr den Atem. Sie versuchte zu schreien, bekam aber keinen Ton heraus. In diesem Moment wurde ihr etwas Glattes, Weiches in den Mund gedrückt, immer tiefer in die Kehle, bis sie würgen musste. Jetzt riss sie die Augen weit auf und versuchte die Schwärze des Zimmers zu durchdringen. Sie fuhr mit den Händen zum Gesicht, doch etwas packte sie an den Handgelenken, riss ihre Arme nach oben und fesselte sie mit einer Schnur an das metallene Kopfende des Bettes. Im nächsten Moment wurden ihre Beine festgehalten und, weit auseinander gespreizt, an die metallenen Bettpfosten rechts und links vom Fußende ihres Bettes gebunden.

Das kann nicht sein. Es muss ein Albtraum sein. Bitte, lieber Gott, lass mich aufwachen! Lass mich sofort aufwachen!

Das alles hatte keine Minute gedauert, und nun war sie völlig wehrlos. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Finsternis, panisch warf sie den Kopf von einer Seite zur anderen und suchte den Raum nach ihrem Angreifer ab.

Am Fuß des Bettes kauerte eine Gestalt mit gesenktem Kopf und schnürte gerade ihren linken Knöchel endgültig fest. Chloes Magen krampfte sich zusammen. Gesicht und Kopf der Gestalt leuchteten fahl im Schein ihres Weckers. Zwei rote Haarbüschel standen auf beiden Seiten des Kopfes ab. In diesem Moment sah die Gestalt zu ihr herüber, und jetzt erkannte Chloe das breite rote Grinsen, die dicke Nase. Es war das Gesicht eines Clowns, eine Maske. Und in der rechten Hand hielt der Clown ein großes Messer.

Vielleicht will er nur Geld. Bitte, bitte, nimm den Fernseher, nimm die Stereoanlage. Meine Handtasche liegt auf dem Couchtisch im Wohnzimmer. Sie wollte ihn anflehen, aber der Knebel machte das unmöglich.

Mit behandschuhten Fingern strich er über die gezahnte Klinge seines Messers, während er um das Fußende des Bettes kam. Die Augen starr auf sie gerichtet, beobachtete er sie aus den leeren schwarzen Löchern der Maske. Sie spürte seinen Blick, hörte sein Atmen, roch seinen Schweiß. Panisch zerrte Chloe mit Armen und Beinen an den Fesseln an ihren Füßen und Handgelenken, aber sie kam nicht los. Die Schnur grub sich tiefer ein und ihre Fingerkuppen wurden taub. Sie versuchte den Knebel auszuspucken und zu schreien, aber sie konnte die Zunge nicht bewegen. Ihr Körper wand sich hilflos auf dem Bett, während er immer näher kroch. Am rechten Pfosten der Fußseite blieb er stehen.

Mit dem Finger berührte er ihre Zehenspitze und dann ließ er ihn langsam, ganz langsam ihre Wade hinaufgleiten, über das Knie und den Schenkel hinauf, bis er den Saum ihres Pyjama-Oberteils erreichte. Chloe wand sich unter der Berührung. Doch sie konnte ihm nicht ausweichen. Sie hörte ihr eigenes Herz wild gegen den Brustkorb hämmern.

Die Klimaanlage schaltete herunter und summte tiefer. Draußen trommelten jetzt schwere Regentropfen gegen das Fenster. Das Gewitter war angekommen. Das Krachen des Donners zerriss die Luft, ein Blitz zuckte auf, und in dem Licht, das durch die Ritzen der Jalousien drang, flackerte die Gestalt momentlang auf. Sie sah die struppigen roten Augenbrauen, die schwarze Kontur seines Grinsens. Strähnen weißblonden Haars klebten an seinem bloßen Nacken.

Plötzlich wandte er sich von ihr ab und legte das Messer auf den Nachttisch. Er öffnete die Schublade und nahm zwei Duftkerzen und ein Päckchen Streichhölzer heraus. Sie beobachtete, wie er sie anzündete, die Flammen verströmten weiches Licht und erfüllten das Zimmer mit süßlichem Kokosgeruch. Minutenlang starrte er sie schweigend an, sein Atem unter dem winzigen Loch im Gummi ging schnell. Im Kerzenlicht war sein Schatten an der Wand riesig und verzerrt.

«Hallo, Chloe.» Das Gummigesicht mit dem klaffenden Lächeln sah auf sie nieder. Seine Worte pfiffen durch das schmale Loch der Maske. Sie meinte, durch die Gucklöcher in eisblaue Augen zu sehen.

«Ich habe dich vermisst, Chloe. Ich hatte schon gedacht, du kommst gar nicht mehr heute Nacht.» Er drehte sich um, nahm das Messer vom Nachttisch und wandte sich ihr wieder zu. «Hast du etwa deine Aerobicstunde geschwänzt, nur um den Abend mit deinem Freund zu verbringen? Böses Mädchen, na, na, na.» Er kicherte heiser.

Chloes Haut wurde kalt und feucht. Er kannte ihren Namen. Er wusste, dass sie Aerobic machte. Arbeitete er im Fitnessstudio? Sie versuchte verzweifelt, seine Stimme irgendwo einzuordnen. Sie war von der Gummimaske tief und gedämpft. Hörte sie da den Hauch eines Lispelns heraus und vielleicht einen Akzent, den er zu verbergen versuchte? Einen britischen Akzent?

Er beugte sich herunter und kniete neben ihr nieder. Das Gummigesicht war jetzt auf der Höhe ihres Ohrs. Er strich ihr eine Haarsträhne von der Wange. Sie konnte den Latex riechen und einen Hauch von Quorum, dem Eau de Toilette, das sie Michael einmal zu Weihnachten geschenkt hatte. Sein Atem roch nach kaltem Kaffee.

«Du hättest ihn lieber hier übernachten lassen sollen, findest du nicht?» Der Clown flüsterte ihr direkt ins Ohr. Noch ein Blitz erhellte das Schlafzimmer, und sie sah, wie das Messer aufblinkte, das plötzlich über ihr schwebte, nur wenige Zentimeter über ihrem Bauch. Ihre Augen weiteten sich.

Er lachte und stand auf. Mit einem Finger fuhr er über ihren Körper, ihren Arm, die Schulter und die vom Pyjama bedeckte Brust. Und über seinem Finger schwebte, nur wenige Zentimeter darüber, die ganze Zeit das Messer. «So ein hübsches Mädchen wie meine Chloe sollte man nicht alleine lassen.» Plötzlich senkte er die Klinge und schnitt mit einer schnellen Bewegung den untersten Knopf ihres Pyjamaoberteils ab.

«Weil man nie weiß, was einem Mädchen in der großen Stadt alles passieren kann.» Das Messer köpfte den nächsten Knopf. Fast gleichzeitig mit dem Blitz erschütterte ein krachender Donner die Luft. Irgendwo ging die Alarmanlage eines Autos los.

«Aber keine Angst, Beany. Ich werde mich gut um mein großes Mädchen kümmern. Ach, wie werde ich dich verwöhnen!» Ein weiterer Knopf fiel ab.

Sie erschauerte. Um Himmels willen, woher kannte er ihren Spitznamen?

Er schnüffelte übertrieben durch die Löcher in seiner Maske. «Mmmmh, Chanel No. 5. Wunderbar. Ich hoffe, du trägst es nur für mich. Es ist nämlich nicht nur dein Lieblingsparfüm.» O Gott, er kannte sogar ihr Lieblingsparfüm.

«Was hast du heute Abend sonst noch für mich?» Der letzte Knopf wurde abgeschnitten und rutschte seitlich über ihre Brust, bevor er zu Boden fiel. Mit einem leisen Geräusch kam er auf dem Teppich auf. Jetzt öffnete der Clown mit der Spitze des Messers das Pyjamaoberteil. Langsam, bedächtig schob die Klinge erst die eine Seite weg, die seitlich aufs Bett rutschte. Dann fuhr das Messer über den bloßen Bauch und den Bauchnabel zur anderen Seite hinüber, sodass ihr Busen freigelegt war. Er starrte sie an. Sein Atem wurde heftiger.

Er fuhr mit dem Messer langsam über beide Brüste, die angststarren Brustwarzen, dann ihren Nacken hinauf. Chloe fühlte die kalte, scharfe Spitze, die sich tief in ihre weiche Haut drückte, ohne sie einzuschneiden. Er stoppte an dem Herzanhänger, der auf ihrer Kehle lag, und zögerte. Dann schob er die Klinge unter die Kette und riss sie hoch. Der Anhänger glitt über ihren Hals auf die Kissen. Er wartete. Chloe spürte seine durchbohrenden Blicke, wie sie über ihren Körper wanderten.

O Gott, o Gott, bitte tu es nicht.

Das Messer ratschte wütend an ihrem Bein hinunter und zerfetzte, was von ihrem liebsten Pyjama übrig war. Ihre nackten Beine strampelten, rissen an der Schnur um die Knöchel. Er strich mit dem Messer über ihre nackte Haut aufwärts, von den Zehen die Wade hinauf, den Knöchel, die Innenseite ihres Schenkels. Die Klinge drückte fester und tiefer zu, aber die Haut verletzte sie noch nicht. Dann schob er sie unter die Schnürchen ihres Tangas und schnitt sie durch. Jetzt lag Chloe vollkommen nackt da.

«Du bist so lecker, so richtig zum Anbeißen», kicherte er.

O Gott, nein, nein, nein. Das muss ein Albtraum sein. Bitte mach, dass das ein Albtraum ist. Sie hörte die Stimme ihres Vaters. Pass auf dich auf, Chloe. New York ist eine riesige Stadt mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen, und längst nicht alle meinen es gut mit dir.

Chloe kämpfte mit dem Knebel in ihrem Mund. Sie hatte das Gefühl, dass ihr das Herz in der Brust explodierte. Ihre Arme rissen verzweifelt an der Schnur, sie merkte, wie sie sich die Handgelenke aufschürfte.

Er sah zu, wie sie sich vor ihm auf dem Bett aufbäumte. Dann legte er das Messer auf den Nachttisch und zog sich das schwarze T-Shirt aus. Er war braun gebrannt und seine Brust war glatt und muskulös, der Bauch stramm und hart. Er öffnete den Reißverschluss seiner Jeans, stieg vorsichtig erst aus einem Bein, dann aus dem anderen, und legte die Hose ordentlich gefaltet über eine Stuhllehne. Auf dem Handrücken seiner linken Hand entdeckte Chloe genau über dem Handgelenk eine hässliche geschwollene S-förmige Narbe, die sie aus irgendeinem Grund an das Warnschild für «gefährliche Kurven» erinnerte.

«Du hast Glück gehabt, Chloe, dass du nicht zu spät nach Hause gekommen bist», sagte er. «Jetzt haben wir immer noch eine Menge Zeit füreinander.» Als Letztes schlüpfte er aus seiner Unterhose, und sie sah seine Erektion.

Details. Merk dir Details, Chloe. Merk dir seine Stimme. Merk dir seine Kleidung. Narben, Kennzeichen, Tätowierungen. Irgendwas. Egal was.

«Ach, fast hätte ich es vergessen. Ich habe hier eine ganze Tasche voller Spielzeug für dich! Ich kenne ein paar lustige Spiele, die wir miteinander spielen können.» Er griff nach einem schwarzen Nylonsack, der auf dem Boden lag, und öffnete ihn. Dann nahm er etwas heraus, das aussah wie ein verbogener Kleiderbügel, eine schwarze Glasflasche und Isolierband. Er sah sich im Zimmer um. «Ich brauche nur noch eine Steckdose.»

Innerlich schrie sie auf, ihr Körper wand sich auf dem Bett.

«Schau, liebe Chloe, gib fein Acht, ich hab dir etwas mitgebracht», flüsterte er heiser und kicherte. Und dann stieg der Clown auf sie und vergewaltigte sie, bis der Morgen graute.

9.

Er pfiff vor sich hin, als er über dem weißen sauberen Waschbecken das Blut vom Messer spülte. Auf dem Beckenrand stand ein lindgrüner Porzellanbecher mit zwei Zahnbürsten, seine und ihre, auf der anderen Seite ihre Freesien-Bodylotion. Das Wasser floss rot von der Klinge in den Abfluss. Wie hypnotisiert beobachtete er, wie der Strudel in dem weißen Becken langsam hellrot, dann rosa und schließlich klar wurde.

Er fühlte sich stark. Die Nacht war gut gelaufen, und sie hatten sich beide ziemlich gut amüsiert. Das hatte sogar sie zugeben müssen. Na ja, es gab da den Moment, als er ihr den rosa Seidenslip aus dem großen roten runden Mund genommen hatte, und statt dankbar zu sein, hatte die Schlampe geheult und gejammert und ihn angefleht, aufzuhören. Das hatte ihn geärgert. Sehr sogar. Aber kaum war das Messer wieder zum Spielen draußen, hatte sie Ruhe gegeben, ja, ihn sogar brav um mehr gebeten. Als sie nach einer Weile dann von neuem zu winseln anfing, hatte er es satt gehabt und ihr den Slip einfach wieder in den Mund gestopft.