Vater unser - Jilliane Hoffman - E-Book
Beschreibung

Vater, Mutter, Kind
Mord in Miami. Der Täter: der angesehene Chirurg Dr. David Marquette. Die Opfer: seine Frau und die drei kleinen Kinder. Ist der Familienvater psychisch krank – oder hat er kaltblütig gemordet? Verbirgt sich in ihm womöglich ein lang gesuchter Serienkiller, wie Detective John Latarrino glaubt? Staatsanwältin Julia Valenciano will die Wahrheit herausfinden, gegen alle Widerstände. Die lauern auch in ihrer eigenen Vergangenheit, die sie seit fünfzehn Jahren erfolgreich verdrängt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:675


Jilliane Hoffman

Vater unser

Thriller

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Vater, Mutter, Kind

 

Mord in Miami. Der Täter: der angesehene Chirurg Dr. David Marquette. Die Opfer: seine Frau und die drei kleinen Kinder. Ist der Familienvater psychisch krank – oder hat er kaltblütig gemordet? Verbirgt sich in ihm womöglich ein lang gesuchter Serienkiller, wie Detective John Latarrino glaubt? Staatsanwältin Julia Valenciano will die Wahrheit herausfinden, gegen alle Widerstände. Die lauern auch in ihrer eigenen Vergangenheit, die sie seit fünfzehn Jahren erfolgreich verdrängt.

Über Jilliane Hoffman

Jilliane Hoffman war Staatsanwältin in Florida und unterrichtete jahrelang im Auftrag des Bundesstaates die Spezialeinheiten der Polizei – von Drogenfahndern bis zur Abteilung für Organisiertes Verbrechen – in allen juristischen Belangen. Mit ihren Romanen «Cupido», «Morpheus», «Vater unser», «Mädchenfänger» und «Argus» gelang ihr auf Anhieb der Durchbruch an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten.

Prolog

Georgia Adams leerte den letzten Schluck Kaffee aus dem großen Becher mit der Aufschrift «Some Bunny Loves You». Dann lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen. Um Viertel vor fünf Uhr morgens schafften es nicht mal vier dampfende Tassen flüssiges Koffein, sie wach zu halten, und eine Sekunde später war sie wieder in einen verrückten Traum versunken. Seit einer knappen Woche hatte sie Nachtschicht, doch ihr Biorhythmus wollte sich einfach nicht auf die Geisterstunde umstellen. Georgia hasste es, nachts zu arbeiten, aber mit dem Baby hatte sie keine Wahl. Randy war Dachdecker, und Dächer wurden am Tag gedeckt. Sie brauchten das Geld, und Kinderbetreuung war keine Option für sie – nie und nimmer. Selbst wenn ihre ehrgeizige, arbeitssüchtige Schwiegermutter sich auf den Kopf stellte.

Das Klingeln der Telefonanlage schrillte plötzlich in Georgias Ohr und verpasste ihr den vertrauten Adrenalinstoß. Sie setzte sich auf und drückte die Taste, mit der sie den Anruf entgegennahm. «Notrufzentrale», sagte sie monoton, mit der unbeteiligten Stimme, die man ihr auf dem Amt beigebracht hatte, während sie sich den Schlaf aus den Augen rieb. «Um was für einen Notfall handelt es sich?»

Bis auf das tote Rauschen blieb es in der Leitung still.

«Hier ist der Notruf, neun-eins-eins», sagte Georgia. «Haben Sie einen Notfall zu melden?»

Wieder Schweigen.

«Hören Sie, Sie haben neun-eins-eins gewählt. Möchten Sie einen Notfall melden?», wiederholte Georgia. Langsam ging der Anrufer ihr auf die Nerven. Sie hätte nicht einschlafen dürfen, das war klar, aber von irgendeinem Scherzkeks oder Betrunkenen geweckt zu werden, machte ihre Laune auch nicht besser.

«Helfen Sie uns», flüsterte auf einmal eine Stimme, dünn und irgendwie weit entfernt.

Georgia rollte ihren Stuhl näher an die Konsole mit den drei Monitoren. «Natürlich helfen wir», sagte sie beruhigend. Ihre Finger glitten über die Tasten. Wenn sie einen bestimmten Code eintippte, verschickte der Computer automatisch eine Nachricht an die Feuerwehr oder die Polizei, je nachdem, um welche Art von Notfall es sich handelte. Doch bis jetzt wusste sie nicht, worum es ging. «Wie heißen Sie? Können Sie lauter sprechen?», fragte Georgia und drehte die Lautstärke an ihrem Headset auf. «Ich kann Sie kaum verstehen.» Aus irgendeinem Grund lief ihr plötzlich ein Schauer über den Rücken, und die kleinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Dabei arbeitete sie schon lange in der Notrufzentrale – zu lange vielleicht – und ließ normalerweise nichts an sich ran. Sie hatte mit angehört, wie Frauen von ihren Männern geschlagen wurden, wie bei einem Streit im Straßenverkehr auf einmal Schüsse fielen und wie Frauen auf dem Küchenfußboden ihr Baby zur Welt brachten. Aber diesmal – da war etwas in dieser Stimme. Etwas, das nicht in Ordnung war. Etwas, das ihr aus unerfindlichen Gründen naheging.

«Helfen Sie uns … bitte.»

So dünn, so weit weg, so unsicher. Wie ein Kind.

Auf einem der Monitore vor ihr leuchtete die zu der Telefonnummer gehörige Adresse auf, die das System automatisch ermittelt hatte. Ein anderer Monitor zeigte eine Straßenkarte, und in einem Wohngebiet blinkte das Symbol für ein Einfamilienhaus auf. Der Anruf kam über das Festnetz rein.

«Ich helfe dir, Kleines», sagte Georgia voller Wärme. «Aber du musst mir genau sagen, was passiert ist.»

«Ich glaube, er kommt zurück», flüsterte die Mädchenstimme zwischen kurzen, heftigen Schluchzern.

«Wer kommt zurück? Bist du verletzt? Wie heißt du?» Versetz dich in den Anrufer hinein, Georgia. Halte ihn in der Leitung, egal, was passiert. Wenn möglich, frage nach Details.

«Er kommt zurück …», wiederholte die Kleine mit erstickter Stimme, dann fing sie zu weinen an.

«Wer kommt zurück? Ist jemand verletzt? Braucht ihr einen Arzt?» Das monotone Sprechen war ihr noch nie so schwergefallen. Georgia starrte das Häuschen an, das hilflos auf ihrem Monitor blinkte. Was zum Teufel war da draußen los?

Und dann hörten die Tränen unvermittelt auf. «O nein, nein … Schsch, schsch …» Und es wurde wieder still in der Leitung.

Vielleicht war es nur ein dummer Streich, versuchte Georgia sich einzureden. Eine Göre, die dich auf den Arm nehmen will. In ihrer Laufbahn hatte sie Dutzende von Telefonstreichen erlebt – beliebter Zeitvertreib bei Pyjama-Partys unter kichernden Teenagern, deren Eltern ihnen nie beigebracht hatten, dass man mit dem Notruf nicht spielte. Erst vor ein paar Wochen hatte eine Kollegin ein paar Kabinen weiter einen Anruf von zwei Zwölfjährigen angenommen, die es für einen Mordsspaß gehalten hatten zu behaupten, dass sie entführt worden wären. Stunde um Stunde waren Polizeiteams draußen im Einsatz gewesen, Tausende Dollar Steuergelder wurden verschwendet.

Im Hintergrund hörte sie plötzlich einen dumpfen Schlag. Georgia zögerte einen Moment, dann versuchte sie es noch einmal. «Hallo? Hallo? Bist du noch da?» Sie stand auf, um dem Leiter der Zentrale ein Zeichen zu geben, damit er das Gespräch mit anhörte, doch seine Kabine war leer wie viele Kabinen auf der Etage um diese Zeit. Die Rushhour in der Notrufzentrale war zwischen drei Uhr nachmittags und Mitternacht. Unfälle im Berufsverkehr, gestresste Angestellte, die ihren Frust nach Feierabend an Familie und Freunden ausließen. Dagegen war es zur Friedhofsschicht für gewöhnlich vergleichsweise ruhig.

«Hallo? Ist da jemand am Telefon?», fragte Georgia wieder. «Hallo? Hier ist die Notrufzentrale.»

Die Leitung war tot.

Georgia starrte den Monitor an. Ihr Herz klopfte schnell. Das Häuschen blinkte immer noch und warf ein gespenstisches Licht in die Dunkelheit ihrer Kabine.

Sie würde nie wieder die Nachtschicht übernehmen.

Kapitel 1

«Vater, die Welt wird dunkel um mich herum.

Ich spüre es mehr und mehr …»

David «Son of Sam» Berkowitz in einem Brief an seinen Vater, datiert einen Monat vor seinem ersten Mord

November 1975

Das alte spanische Haus stand ein Stück abseits der Straße und war von üppigen tropischen Pflanzen und hoch aufragenden Palmen umgeben. Halloween-Dekorationen schmückten den gepflegten Rasen, und in einem Beet voller Fleißiger Lieschen wartete ein zwei Meter großer Sensenmann in schwarzer Kutte darauf, Kinder zu erschrecken. Selbstgebastelte Gespenster mit schwarzen Augenhöhlen baumelten von den Ästen einer Eiche. Im schwachen Mondlicht leuchteten sie in einem unwirklichen Weiß und drehten sich im Wind, der über Nacht aufgekommen war; Vorbote einer vorzeitigen Kaltfront. Irgendwo bellte ein Hund, und die Nacht ging allmählich in den Tag über.

Plötzlich wurde die schläfrige, frühmorgendliche Stille vom kurzen Aufheulen einer Sirene durchbrochen, und ein Streifenwagen fuhr langsam die Sorolla Avenue herauf. Police Officer Pete Colonna parkte auf dem Bordstein vor dem Haus und stieg aus. Er betrachtete einen Augenblick lang das dunkle Gebäude und ging dann über den gewundenen Gehweg auf die Haustür zu. Als sein Blick auf die verstreut herumliegende Straßenkreide und ein Dreirad mit silbernen Rennstreifen fiel, beschleunigte er seine Schritte. Er klingelte, pochte gleichzeitig gegen die eindrucksvolle Eichentür, doch niemand öffnete.

«8362, Gables», sagte Pete in das Mikrophon an seiner Schulter.

«Sprechen Sie, 8362.»

«Stehe vor dem Haus 985 Sorolla. Niemand öffnet.»

«Warten Sie, 8362.» Kurz darauf meldete sich die Leitstelle wieder. «Die Telefongesellschaft hat die Leitung gecheckt. Sie ist frei, aber niemand nimmt ab.»

«Ich höre im Haus kein Klingeln.»

In dem Moment ertönte aus dem Sprechfunkgerät die Stimme seines Sergeants. «8362, hier ist 998. Gehen Sie auf Kanal zwei.» Auf Kanal zwei konnte man ohne Vermittlung der Zentrale direkt miteinander reden. Pete drehte an seinem Funkgerät. «Legen Sie los, Sarge.»

«Was gibt’s bei Ihnen?»

«Ich sehe mir gerade das Haus an», erwiderte Pete und schritt langsam über den Rasen vor dem Haus. «Keine eingeschlagenen Fenster oder anderen Zeichen für einen Einbruch, aber …» Er zögerte.

«Ja?»

«Irgendwas stimmt nicht, Sarge.»

Nach einer kurzen Pause sagte der Sergeant: «Okay, ich komme vorbei.»

«Ich breche die Tür auf.»

«Den Teufel werden Sie tun! Warten Sie, bis ich da bin», befahl der Sergeant streng.

Pete schaltete seine Taschenlampe ein und spähte durch ein Gebüsch, hinter dem ein schwarzer Eisenzaun und ein Gartentor verborgen waren. Vergessene Spielsachen trieben langsam über die Wasseroberfläche eines Swimmingpools. «Hier leben Kinder», sagte er. Petes Frau war schwanger. In ein paar Wochen würde er selbst zwei Kinder haben.

«Warten Sie, bis ich da bin. Gehen Sie nicht allein rein, Colonna. Sonst haben Sie vielleicht plötzlich ’nen verwirrten Typen mit ’ner Schrotflinte vor sich, der die Klingel nicht gehört hat. Bleiben Sie auf Empfang. Ich bin in fünf Minuten da.»

Pete schaltete sein Funkgerät zurück auf den Leitstellen-Kanal und ging wieder zur Vorderseite des Hauses. Ihm fiel das handgeschnitzte Schild mit der Aufschrift «Willkommen» auf, das neben der Haustür angebracht war. In seinem Magen breitete sich langsam ein unbehagliches Gefühl aus.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern – mit Sicherheit länger als fünf Minuten –, bis der Streifenwagen seines Sergeants die Wohnstraße heraufkroch und auf dem Bordstein parkte. Sergeant Demos stand kurz vor der Pensionierung und hatte sich über die Jahre eine gewisse Gelassenheit angewöhnt. Er brauchte eine ganze Weile, bis er aus dem Auto gestiegen war und den Gehweg hinauftrottete.

«Immer noch nichts, Colonna?», fragte er.

«Nein, Sarge. Kein Lebenszeichen.»

«Der Anrufer war ein Kind, richtig? Könnte ein Streich gewesen sein», sagte Demos und kratzte sich nachdenklich den knubbeligen, kahlen Kopf. «Großartig. Alle im Bett, außer Junior. Und der hockt hinter seinen Bugs-Bunny-Vorhängen, beobachtet uns und macht sich vor Lachen in die Hose», fügte er hinzu und schaute zu den dunklen Fenstern hinauf.

Pete schüttelte den Kopf. «Die Telefonleitung ist in Ordnung, aber das Telefon klingelt nicht. Und niemand geht an die Tür. Ich hab ein ganz dummes Gefühl bei der Sache.»

«Du und deine Gefühle! Ich habe eher das Gefühl, dass du Überstunden machen wirst, um all die Berichte zu schreiben.» Der Sergeant hämmerte mit seinem Schlagstock gegen die Tür. «Polizei! Ist jemand zu Hause?» Einen Augenblick später sah er Pete an. «Haben wir zu der Adresse was in den Akten?»

«Nicht dass ich wüsste. Die Zentrale hat nichts gesagt. Ich bin jedenfalls noch nie hier gewesen», sagte er und ließ den Blick über die herrschaftlichen Anwesen der Nachbarschaft gleiten. «Schickes Viertel.»

«Lass dich nicht täuschen, Kleiner. O.J. Simpson hat in Beverly Hills gewohnt.»

«Ich glaube, das war Brentwood.»

«Ist doch das Gleiche. Ich meine, häusliche Gewalt kann überall vorkommen. Das musst du dir merken.» Demos seufzte. «Ein kleines Kind? Na schön. Schlag die Scheibe neben der Tür ein. Die Stadt muss dafür aufkommen, also sei vorsichtig.»

Mit der Taschenlampe zerschlug Pete eine der Milchglasscheiben, griff durch das Loch und entriegelte das Türschloss. Als er die Haustür öffnete, ertönte das gellende Heulen einer Alarmanlage.

«Tja, falls die Bewohner geschlafen haben, sind sie spätestens jetzt wach!», rief der Sergeant. «Warte kurz.» Sie blieben auf der Veranda vor der weitgeöffneten Tür stehen, doch niemand erschien.

Die Zentrale meldete sich wieder über das Funkgerät. «8362, 998. Seid vorsichtig, wir haben eine Meldung vom Sicherheitsdienst. Es gibt einen Alarm an eurem Einsatzort.»

«Verstanden», sagte Demos, «998 und 8362 haben sich Zutritt durch die Vordertür verschafft. Hat der Besitzer den Notruf alarmiert?»

«Negativ, 998. Es geht immer noch niemand ans Telefon.»

Der Sergeant nickte Pete zu. «In Ordnung. Gehen wir rein.»

«Hier spricht die Polizei von Coral Gables! Ist alles in Ordnung hier drin?», rief Pete mit lauter Stimme in die Dunkelheit hinein, um die Alarmanlage zu übertönen. Er zog seine Waffe, leuchtete mit der Taschenlampe voran und betrat das Haus. Der Sergeant folgte ihm, schwer atmend. Die Glassplitter der Fensterscheibe knirschten unter ihren Füßen.

Sie standen in einer majestätischen Eingangshalle mit einer an die sechs Meter hohen Decke. An einer Seite wand sich eine Treppe nach oben und endete auf einer Galerie, die von einem kunstvollen, schmiedeeisernen Geländer umrahmt wurde. Hinter der Galerie lag ein Flur, und Pete sah, dass dort irgendwo ein Licht brannte. «Polizei!», rief er wieder.

Schnell durchsuchten sie die Räume im Erdgeschoss. Auf der Waschmaschine türmte sich Wäsche, im Wohnzimmer lagen Spielsachen verstreut. Neben dem Spülbecken in der Küche standen ordentlich aufgereiht saubere Babyflaschen. Das unbehagliche Gefühl in Petes Magen wurde stärker.

Der Alarm verstummte. Wahrscheinlich hatte die Zentrale dem Sicherheitsdienst mitgeteilt, dass Polizeibeamte vor Ort waren. Auf einmal schien es in dem großen Haus viel zu leise zu sein. Pete dachte an die Babyflaschen und wurde plötzlich von Panik ergriffen.

«Hier ist die Polizei von Coral Gables!», rief nun Demos. Immer noch keine Antwort.

Pete lief auf die Treppe zu. Hinter sich hörte er den Sergeant schnaufen. Demos’ Ausrüstungsgürtel klirrte, die Absätze seiner schweren Stiefel knallten auf dem Steinfußboden.

Im oberen Stockwerk war der Boden von einem weichen Teppich bedeckt. Ein Lichtstreifen fiel in den Flur. Er drang aus einer halb offen stehenden Tür am Ende des Ganges. Alle anderen Türen waren geschlossen. An den Wänden hingen Familienfotos.

«Irgendwas gefunden?», rief Demos, der immer noch auf der Treppe war.

Pete ging den Flur entlang auf die offene Tür zu. Wie bei einer raffinierten Kamerafahrt kamen langsam immer mehr Einzelheiten des Zimmers in Sicht. Farbenprächtige Schmetterlinge, die über eine hellviolette Wand tanzten. Ein Hello-Kitty-Spiegel. Ein großes Namensschild an der Wand, auf dem EMMA stand. Eine Steppdecke mit dem Motiv einer Disney-Prinzessin. «Kinderzimmer!», rief er laut.

«Wo zum Teufel sind Sie denn reingetreten?», fragte Demos hinter ihm.

Pete schaute zu Boden. Hinter sich, wo er gerade gegangen war, sah er dunkle Fußabdrücke im dämmrigen Licht. Rote Spritzer sprenkelten den rosa Teppich vor ihm, und offensichtlich führten sie ins Kinderzimmer.

«O mein Gott!», murmelte Demos entsetzt.

Pete wollte nicht weitergehen. Er wollte nicht wissen, was ihn in dem Raum erwartete. Übelkeit zerrte an seinen Eingeweiden, und Schweiß tropfte von seiner Stirn. Er ahnte, dass er das, was nur wenige Schritte entfernt auf ihn wartete, zeitlebens nicht mehr vergessen würde. Er atmete tief ein, die Waffe schussbereit, und dachte an seine Frau und die Zwillinge, die bald zur Welt kommen würden. Zwei Mädchen. Madison und McKenzie sollten sie heißen. «Polizei!», rief er noch einmal und versuchte, das leichte Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken.

Dann betrat er das Zimmer und brach zusammen.

Kapitel 2

Sirenen heulten auf, und ihr ohrenbetäubendes, schrilles Kreischen wurde immer lauter – Streifenwagen und Zivilfahrzeuge rasten über verschlafene Straßen in Richtung Sorolla Avenue. Innerhalb von Minuten war der gesamte Block von Blaulichtern erhellt. Uniformierte Beamte der Police Departments von Coral Gables und Miami-Dade verteilten sich in den Vorgärten und auf den Bürgersteigen und sprachen dabei unablässig in ihre Funkgeräte. Anwohner traten aus ihren Häusern, sammelten sich in kleinen Gruppen auf dem Gehweg und beobachteten die Ereignisse aus sicherer Entfernung. Die Morgenmäntel zum Schutz vor dem kalten Wind eng um sich geschlungen, unterhielten sie sich aufgeregt und reckten die Hälse, um das hektische Treiben vor dem Haus von Dr. David Marquette und seiner hübschen Frau Jennifer besser sehen zu können. Einige trauten sich schließlich näher an den Ort des Geschehens heran, doch Absperrgitter und gelbes Absperrband verwehrten ihnen den Zutritt. Ein Übertragungswagen von Channel 10 bog in die Straße ein, gefolgt von einem von Channel 7. Und immer mehr Fahrzeuge der Polizei.

Sergeant Ralph Demos saß in der Eingangshalle auf einer Couch mit Blumenmuster, über ihm wand sich eine herrschaftliche Freitreppe nach oben. Er wischte sich mit einem Papiertaschentuch den Schweiß aus dem Gesicht, doch er hörte einfach nicht auf zu schwitzen. In diesem Augenblick wünschte er sich, nicht vor zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört zu haben. Oder mit dem Trinken.

Die Polizisten schienen überall zu sein, und es kamen immer noch mehr. Ein Stockwerk höher hielt ein halbes Dutzend Uniformierter vor den Türen zu den Schlafzimmern Wache, während die Techniker von der Spurensicherung des Miami-Dade Police Departments ihre Fotos schossen. Die grellen Blitzlichter durchzuckten den Flur.

«Sieht so aus, als würden sie den ganzen Bezirk zusammentrommeln», sagte Carlos Sanchez, ein Streifenpolizist aus Coral Gables, während ein weiterer Techniker von der Spurensicherung in einer MDPD-Windjacke an ihnen vorbei die Treppe hinaufeilte. «Ich habe vorhin Steve Brill in die Küche gehen sehen. Er ist von der Persons Crime Squad», fuhr Sanchez fort und blickte den Flur hinunter, der zur Küche führte. Dort waren gerade einige Detectives dabei, Pete Colonna zu befragen. «Aber ich wette, dass Miami-Dade welche von der Mordkommission schickt.» Coral Gables hatte kein eigenes Morddezernat, sondern nur eine Persons Crime Squad, die sich mit Verbrechen an Personen beschäftigte. «Ich habe gehört, dass Brill ein ganz schönes Arschloch sein kann – aber nur, wenn man mit ihm schläft», sagte Sanchez grinsend.

«Den kenn ich nicht», murmelte Demos, unfähig, seinen Blick von der Treppe zu lösen. Jedes Mal, wenn ein Blitzlicht aufflammte, lud sich die Kamera danach mit einem lauten, hohen Summton wieder auf. In der Eingangshalle hatte die Spurensicherung damit begonnen, nach Fingerabdrücken zu suchen, und bald war alles von einem feinen schwarzen Puder bedeckt. Ein bitterer Geschmack legte sich auf Demos’ Zunge. Aus der Küche hörte er, wie die Detectives Pete Colonna befragten, der immer noch heulte.

«Alles okay, Ralph?», fragte Sanchez stirnrunzelnd. «Soll ich einen von den Sanitätern holen?»

«Armer Junge», sagte Ralph abwesend, fuhr sich mit zitternder Hand über den schweißnassen Kopf und warf einen Blick zur Küche. «Als ich das viele Blut sah, wusste ich, dass es schrecklich werden würde, aber Pete ist doch erst seit – wie lange? –, seit einem Jahr dabei …»

«Seine Frau kriegt bald ihr Erstes», sagte Sanchez kopfschüttelnd. «Deswegen nimmt es ihn wohl so mit.»

«Zwillinge. Ich weiß. Ich habe es eben gehört.»

«Pete schafft das schon. Er kann zum Therapeuten gehen, wenn er Hilfe braucht.»

«Die wird er garantiert brauchen. Er wollte gleich die Haustür aufbrechen, als er hier ankam. Ich habe ihm gesagt, er soll warten. Vielleicht wäre alles anders gekommen …» Demos verstummte, und Sanchez schwieg ebenfalls.

Zwei Männer in blauen Windjacken mit der leuchtend weißen Aufschrift MIAMI-DADE COUNTY MEDICAL EXAMINER’S OFFICE traten durch die Eingangstür. Mit einem ernsten Nicken gingen sie an Sanchez und Demos vorbei und die Treppe hinauf. Der Leiter der Gerichtsmedizin war schon vor Ort. Ralph blickte ihnen gedankenverloren hinterher.

«Wer hat den Vater gefunden?», fragte Sanchez und schob seinen Freund zurück ins Wohnzimmer.

«Ich», antwortete Ralph leise. «Wird er durchkommen?»

«Keine Ahnung. War ziemlich schlimm zugerichtet. Sie bringen ihn ins Ryder.» Das Ryder-Unfallkrankenhaus gehörte zum Jackson Memorial Hospital in der Innenstadt von Miami, das Teil der Universitätsklinik war.

«Verdammt», murmelte Ralph und schüttelte den Kopf. «Und die anderen?»

Sanchez starrte schweigend auf den Boden.

Ralph kämpfte mit den Tränen. «Eine ganze Familie», stieß er hervor. «Was für ein Schwein ist zu so was fähig? In was für einer Welt leben wir bloß?»

Sanchez sah Ralph an, der sich Ströme von Schweiß aus der Stirn wischte. Er wirkte, als würde er jeden Moment umfallen. «Packst du das, Ralph?»

«Ich? Ich bin in ein paar Wochen hier weg. Aber Colonna hat gerade erst angefangen, verstehst du, Carlos? Er hat die Scheiße noch vierundzwanzig Jahre am Arsch, wenn er Rente kassieren will.» Wieder explodierte ein Blitzlicht im Flur über ihnen, gefolgt von dem vertrauten Summton. Dann hörten sie Schritte auf den Steinstufen der Treppe.

«Manchmal ist dieser Job echt beschissen.» Das war alles, was Carlos Sanchez herausbrachte, als Ralph zu weinen begann. Er beobachtete schweigend, wie die beiden Männer in den blauen Windjacken den ersten der kleinen schwarzen Leichensäcke die Treppe heruntertrugen.

Kapitel 3

«Aber ich möchte nicht unter Verrückte

kommen», meinte Alice.

«Oh, das kannst du wohl kaum verhindern»,

sagte die Katze: «Wir sind hier nämlich alle

verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt.»

«Woher willst du wissen, dass ich verrückt

bin?», erkundigte sich Alice.

«Wenn du es nicht wärest», stellte die Katze

fest, «dann wärest du nicht hier.»

Lewis Carroll, Alice im Wunderland, Kapitel 6

Staasanwältin Julia Valenciano stand an ihrem Pult im Gerichtssaal 4.10, eine 74 Seiten lange Prozessliste vor sich und vier Kartons voller Prozessakten zu ihren Füßen, und geriet in Panik. Sie kaute auf den Innenseiten ihrer Wangen, während sie ungläubig auf das gelbe Formular in ihrer Hand starrte, das darüber Auskunft gab, ob sich ein Opfer dazu bereiterklärte, vor Gericht auszusagen. Mario, der sich für sie um die Koordination von Zeugen und Opfern kümmerte, hatte es letzten Freitag für sie vorbereitet.

«Staatsanwaltschaft?», knurrte der Richter ungeduldig von der Richterbank herüber. Ihre Antwort würde ihm gar nicht gefallen. Der Ehrenwerte Leonard Farley hatte heute noch üblere Laune als sonst. Julia schloss eine Sekunde lang die Augen und wünschte sich weit weg, nach Hawaii zum Beispiel. Nur fort aus diesem überfüllten, hektischen Gerichtssaal.

Ein Montagmorgen in Richter Farleys Gerichtssaal war die Hölle, vor allem während ihrer Prozesswoche. 4.10, der größte Gerichtssaal im Richard Gerstein Criminal Justice Building, war gerammelt voll, und die Prozessliste quoll über vor Anklagevernehmungen, Anträgen und natürlich Verhandlungsterminen. Trotz der Schilder, die überall hingen – «Reden, Kinder, Handys verboten» –, füllte das gedämpfte Flüstern der Opfer, Zeugen, Familienangehörigen und Angeklagten auf den Bänken hinter ihr den Raum. Zu ihrer Rechten wand sich eine Schlange von gereizten, ungeduldigen Anwälten vom Pult der Verteidigung bis in den schmalen Gang, der zur Galerie führte. Die meisten vertraten mehrere Mandanten, deren Anhörungen zum Teil gleichzeitig in verschiedenen Gerichtssälen stattfanden, aber da keiner der Anwälte es wagte, Richter Farley warten zu lassen, kamen sie alle zuerst zu ihm. Hinter Julia hatte sich eine Schlange aus Anklagevertretern gebildet. Während sie fahrig durch die Akten mit der Aufschrift Der Staat gegen Powers blätterte, hörte sie auf beiden Seiten entnervtes Seufzen.

In diesem Moment öffnete sich eine Tür, und eine Reihe etwas verwahrlost wirkender Häftlinge – frisch aus dem Dade County Jail auf der anderen Straßenseite – wurde auf die Geschworenenbank geführt, an den Händen aneinandergekettet wie eine surreale Girlande von Papiermännchen.

«Darf ich jetzt?», fragte der Richter verärgert und ließ den Blick durch den Gerichtssaal schweifen, während die Vollzugsbeamten zusahen, dass die Angeklagten sich setzten. Er wartete immer noch auf Julias Antwort. Nun wandte er sich an Jefferson, den Gerichtsdiener. «Sind hier eigentlich alle taub? Verstehen Sie mich wenigstens?» Jefferson nickte, sichtlich nervös.

«Richter», begann Julia langsam, «es sieht so aus, als hätten wir ein Problem.» Auf das gelbe Formular hatte Mario in beinahe unleserlicher Handschrift «Opfer unkooperativ. Weigert sich auszusagen – MG» gekritzelt. Julia hätte wetten können, dass diese Worte am Freitag, als sie die Verhandlungen für Montagmorgen vorbereitet hatte, noch nicht dort gestanden hatten.

«Ich habe kein Problem, Frau Staatsanwältin», entgegnete Richter Farley, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Er witterte Blut, und das machte ihn glücklich.

Jedem der 20 Strafrichter, die am Gericht in Miami arbeiteten, waren drei Staatsanwälte, drei Pflichtverteidiger, ein Oberstaatsanwalt sowie ein leitender Strafverteidiger zugeteilt. Die sogenannten A-Staatsanwälte und A-Pflichtverteidiger verhandelten die schweren Verbrechen, die B-Anwälte die minderschweren Verbrechen, und die C-Anwälte schlugen sich mit Vergehen wie Einbruch und Diebstahl herum. Die tatsächlich spektakulären Fälle landeten in der Regel immer bei den Kollegen der Spezialabteilungen «Major Crimes», «Organisiertes Verbrechen», «Drogendelikte» oder «Berufsverbrechen». Es war reines Pech, dass Julia Valenciano als B-Staatsanwältin ausgerechnet Richter Leonard Farleys Gerichtssaal zugeteilt worden war – unter Kollegen besser bekannt als «Sibirien».

Julia war seit fast drei Jahren Staatsanwältin, und bisher hatte sie eine Menge Glück mit ihren Richtern und Oberstaatsanwälten gehabt. Selbst am Amtsgericht, wo sie mit Ordnungswidrigkeiten und Verkehrsdelikten begonnen hatte, waren die Richter immer höflich und respektvoll gewesen. Vielleicht waren es keine Koryphäen, aber damals kam sie selbst frisch von der Uni und hatte noch eine Menge über die Regeln der Beweisführung zu lernen. Doch dann wechselte sie zum Bezirksgericht auf der anderen Straßenseite, und die Flitterwochen waren zu Ende. Der Ernst des Lebens hatte begonnen, und jetzt saß sie schon seit vier langen Monaten im Saal 4.10 fest – Sibirien, kein Ende in Sicht.

Ihr Richter war nicht bloß schwierig – er war einfach unmöglich. Selbst an guten Tagen konnten sie einander nicht ausstehen, was nicht verwunderlich war. Farley mochte niemanden, vor allem keine Frauen, und das war auf Dauer ziemlich anstrengend. Vermutlich hätte Julias Leben sehr viel einfacher sein können, wenn sie das getan hätte, was die meisten anderen der ihm unterstellten Ankläger taten: nichts. Sie warteten einfach ab, bis Farleys Wutanfälle vorüber waren, und erhoben, wenn der Richter wieder einmal ein haarsträubendes oder schlichtweg falsches Urteil gefällt hatte, gerade so laut Einwand, dass es der Gerichtsreporter hören konnte. Sollte doch die Rechtsabteilung der Staatsanwaltschaft entscheiden, welchen Murks sie in der Berufung wieder geradebiegen wollten. Unglücklicherweise war Julia nicht der Typ, der den Mund halten konnte. Und somit wurde jeder Tag zu einem Kampf. Farley würde seinen Posten so schnell nicht räumen. Er gehörte hier genauso zum Inventar wie die stählernen Lampen an der Decke des Gerichtssaals, die er im Jahr 1974 selbst hatte aufhängen lassen. Als amtierender Richter konnte Farley weder von einem ehrgeizigen Gegner noch von einer empörten Öffentlichkeit aus dem Amt befördert werden. Lediglich der Oberste Richter – sein Schwager – hatte die Befugnis, ihn zu versetzen. Und bis er starb, konnte Julia nur hoffen, dass sie sich schnellstmöglich zur A-Staatsanwältin bei einem anderen Richter hocharbeiten würde oder gar bei einer der Spezialabteilungen. Leider war mit nichts von beidem in nächster Zeit zu rechnen.

Farley tippte mit seinem Stift deutlich hörbar auf den Tisch. Die Menschen im Gerichtssaal spürten, dass Ärger in der Luft lag, und das leise Gemurmel erstarb. Plötzlich waren sie alle sehr daran interessiert, was der Richter zu sagen hatte. Wahrscheinlich deswegen, weil sich sein Ärger nicht gegen sie richten würde.

«Ich habe ein Problem, Euer Ehren», sagte Julia und räusperte sich. Dann sah sie zum Richter auf. «Meine Zeugin im Fall Powers ist leider nicht mehr zu einer Aussage bereit.»

«Sie hatten am Donnerstag erklärt, in dieser Sache verhandeln zu können.» Eine tiefe Falte grub sich in Richter Farleys runzlige Stirn, und die weißen Einstein-Brauen zogen sich zusammen.

«Ja, das habe ich, Euer Ehren. Da wollte meine Zeugin laut den Unterlagen auch aussagen, aber offensichtlich hat sie ihre Meinung geändert. Ich werde sie noch einmal persönlich vorladen müssen.»

«Und warum haben Sie das nicht schon längst getan?»

«Euer Ehren, wir haben Powers heute an zwölfter Stelle zur Verhandlung festgesetzt. Wenn Sie den Termin auf Ende der Woche verschieben, könnten wir heute Morgen mit Ivaroni oder Singer weitermachen, auf die ich bestens vorbereitet bin. Ich –»

«Sie haben erklärt, dass Sie verhandeln können, Frau Staatsanwältin. Ich verschiebe diesen Fall nicht. Entweder sind Sie bereit oder nicht. Wenn nicht, dann weise ich die Klage ab.»

Scott Andrews, der Pflichtverteidiger, lächelte. Ein Fall weniger auf seiner Tagesordnung, und die Chancen der Staatsanwaltschaft, ohne ein Opfer erneut Klage wegen schwerer Körperverletzung einzureichen, waren praktisch gleich null.

Julia spürte, dass jeder im Saal sie beobachtete. Im Augenwinkel entdeckte sie Letray Powers, den Angeklagten, mit einem breiten Goldzahngrinsen auf dem pockennarbigen Gesicht. Er hob eine angekettete Hand und klatschte seinen Sitznachbarn ab. Powers war einen Meter neunzig groß und wog hunderzehn Kilo, und sogar unter dem unförmigen orangefarbenen Gefängnis-Overall waren die Muskelpakete zu sehen. Julia warf einen Blick auf ihr rosa Verhaftungsprotokoll und rief sich die Einzelheiten in Erinnerung. Letray war mit einer Rasierklinge auf seine schwangere Freundin losgegangen. Sie biss sich auf die Zähne. Auf ein Neues!, dachte sie und sah dem Richter fest in die Augen. «Die Staatsanwaltschaft ist zur Verhandlung bereit, Euer Ehren», verkündete sie trotzig.

«Habe ich Sie gerade richtig verstanden?», fragte der Richter und richtete sich in seinem überdimensionierten Lederthron auf. «Kein Opfer, und Sie wollen trotzdem verhandeln?»

«Euer Ehren, Mr. Powers hat eine lange Vorgeschichte als Gewalttäter, einschließlich Vorstrafen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, schwerer Körperverletzung und Bedrohung mit einer Waffe, ganz zu schweigen von den drei Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt. Er griff seine Freundin mit einer Rasierklinge an, nur weil sie in die Richtung eines anderen Mannes blickte. Seine im fünften Monat schwangere Freundin, wie ich hinzufügen darf. Ihr Gesicht musste mit zweiundsechzig Stichen genäht werden.»

«Offenbar hält sie es trotzdem nicht für nötig, hier zu erscheinen.»

«Sie ist ein Opfer häuslicher Gewalt, Euer Ehren.»

«Sie ist in erster Linie ein Opfer, das nicht anwesend ist, Ms. Valenciano. Und ich habe keine Zeit, auf so etwas Rücksicht zu nehmen. Meine Prozessliste ist lang.»

«Wenn Euer Ehren der Staatsanwaltschaft keinen Aufschub bewilligt, sodass ich Ms. Johnson noch einmal persönlich vorladen kann, bleibt mir keine andere Wahl, als ohne ihre Aussage fortzufahren. Lieber so, als dass die Anklage abgewiesen wird.»

«Und wie wollen Sie das bewerkstelligen, Frau Staatsanwältin?» Richter Farley bemühte sich, seine Wut zu zügeln. Häusliche Gewalt war ein heikles Thema. In einem überfüllten Gerichtssaal bedeutete es schlechte Presse, wenn er unsensibel war.

Julia schluckte. «Ich brauche das Opfer nicht, Euer Ehren.»

«Das habe ich ja noch nie gehört. Ms. Valenciano, hat man es an der Universität versäumt, Ihnen das Thema Corpus Delicti nahezubringen? Und die einzig Geschädigte Ihres Verbrechens will offenbar nicht aussagen.»

«Es gibt Zeugen, die ihre Verletzungen bestätigen können.»

«Und wer sagt darüber aus, wie diese Verletzungen zustande gekommen sind? Hat jemand gesehen, wie das Opfer angegriffen wurde?»

«Ihre Aussage bei der Polizei –»

«Hörensagen», warf der Verteidiger ein. Jetzt starrte der Richter auch ihn wütend an.

«– ist zulässig als eine Äußerung unter Stress», fuhr Julia fort.

Im Rechtswesen galt die Annahme, dass Aussagen, die während oder kurz nach einer Stresssituation gemacht wurden, mit hoher Wahrscheinlichkeit der Wahrheit entsprachen. Äußerungen unter Stress waren daher vor Gericht zulässig, auch wenn Aussagen vom Hörensagen normalerweise unzulässig waren. Mit anderen Worten, wenn Billy zusah, wie Suzy den ungedeckten Scheck unterschrieb, reichte es nicht, dass er es dem netten Polizisten erzählte, sondern er musste im Gerichtssaal erscheinen und es dem netten Richter persönlich erzählen, damit seine Aussage der Staatsanwaltschaft nutzte. Ansonsten galt seine Aussage als Hörensagen und hatte vor Gericht keinen Bestand. Von einem Irren mit einer Rasierklinge verunstaltet zu werden, sollte wohl als Stresssituation durchgehen, dachte Julia. Mit Sicherheit würde es ziemlich kompliziert werden, einen Prozess ohne Opfer zu führen und sich nur auf eine Äußerung unter Stress zu berufen, aber sie würde keinesfalls zusehen, wie dieser Mistkerl Letray grinsend hier rausmarschierte und der Richter ihm auch noch einen schönen Tag wünschte.

«Machen Sie keine Mätzchen, Ms. Valenciano. In meinem Gerichtssaal werden keine hypothetischen Fälle verhandelt», bellte Farley.

«Das habe ich auch nicht vor, Euer Ehren.»

«Sind Sie bereit, die Geschworenen auszuwählen?»

«Das bin ich, Euer Ehren.»

Der Richter starrte sie lange an. Im Gerichtssaal blieb es ungewöhnlich still. «Sie wollen also eine Verhandlung? Na schön. Dann morgen früh, neun Uhr.» Der Verteidiger öffnete den Mund, doch Richter Farley kam ihm zuvor. «Keine Aufregung, Mr. Andrews. Wenn Ms. Valenciano sagt, dass wir auch ohne ihr Opfer verhandeln können, dann verhandeln wir eben ohne ihr Opfer. Morgen früh werden wir ja sehen, was sie vorhat.» Farley sah Julia ohne zu blinzeln an. «Ivonne», wandte er sich dann an die Gerichtsschreiberin, die an einem Schreibtisch unterhalb der Richterbank saß, «verschieben Sie Ms. Valencianos übrige Verhandlungen auf Mittwoch. Powers wird uns nicht viel Zeit kosten. Wir machen da weiter, wo wir aufgehört haben, und Ms. Valenciano kann die Geschworenen für Ivaroni danach auswählen. Und falls sie auf Ivaroni auch so gut vorbereitet ist wie auf Powers, kommen wir vielleicht sogar noch zu Singer und den anderen zehn Fällen, die sie heute Morgen fertig gehabt haben sollte.» Er drohte Julia mit seinem Stift. «Wenn Sie mit dem Fall Powers meine Zeit vergeuden, Frau Staatsanwältin», kläffte er mit lauter Stimme, «dann werden Sie sich nicht nur mit dem Doppelbestrafungsverbot herumschlagen müssen. Ich rate Ihnen dringend, die nächsten dreiundzwanzig Stunden dafür zu nutzen, Ihr Opfer zu finden.»

Julia trat vom Pult zurück, bückte sich und schleifte die Kisten mit den Prozessakten beiseite, während der Staatsanwalt für Wirtschaftsverbrechen seinen ersten Fall aufrief. Ihr Puls raste, in ihren Ohren pochte es, und ihre Hände zitterten. Ein Murmeln erhob sich in der Menge, und Julia spürte die Blicke ihrer Kollegen. Sie wollte nur noch raus aus diesem Gerichtssaal und laut schreien.

«Lass dich von ihm nicht auf die Palme bringen», flüsterte Karyn Seminara, ihre Oberstaatsanwältin, als sie ihr half, die Aktenkisten auf den Klappwagen zu laden. Julia sah auf und holte tief Luft, bevor sie etwas sagen konnte, das sie später bereuen würde. Karyn brachte keiner auf die Palme. Sie blieb immer gelassen, war nie an Konfrontation interessiert, und Farley hätte sie wahrscheinlich für die ideale Frau gehalten, wenn sie nicht dann und wann den Mund aufgemacht hätte. Seit über einem Jahr leitete sie seine Abteilung – sei es, weil jemand von oben meinte, dass sie mit ihrer besonnenen Art am besten mit dem Richter und seinen Wutanfällen zurechtkam, oder, was Julia eher für wahrscheinlich hielt, weil sie irgendwann mal jemandem ans Bein gepinkelt hatte. Die Freundschaft, die Julia und Karyn in den letzten vier Monaten geschlossen hatten, war eher oberflächlich und beruhte hauptsächlich auf einem gelegentlichen, halb obligatorischen Afterwork-Drink am Freitagnachmittag oder einem Café con leche nach Gericht. Oberflächlich, weil Karyn Wert darauf legte, mit jedem gut Freund zu sein, vor allem mit jedem in der Abteilung, was sie nicht unbedingt zur idealen Chefin machte. Wie Onkel Jimmy Julia am ersten Tag ihres ersten Jobs bei Dunkin’ Doughnuts beigebracht hatte: «Freunde sind keine guten Chefs, und Chefs sind keine guten Freunde.» Und Jimmy musste es wissen. Sein eigener Onkel war angeblich Kapo in einer der New Yorker Mafiafamilien gewesen, bis ihm zwei seiner «Freunde» eines Sonntagnachmittags in einer Brooklyner Muschelbar von hinten ein paar Kugeln in den Kopf gejagt hatten. Julia atmete tief aus und schaute ihre Abteilungsleiterin an. Sie sah die Enttäuschung in Karyns schiefem Lächeln. «Wenn ich jetzt sage, was ich denke, Karyn», antwortete sie leise, «setzt Farley mich morgen zu den Angeklagten auf die Bank.»

«Farley ist, wie er ist, Julia, daran wirst auch du nichts ändern. Aber wenn man bedenkt, wie rot sein Kopf gerade geworden ist, wird er die Richterbank wahrscheinlich eines Tages auf einer Trage verlassen», erwiderte Karyn lächelnd, dann fuhr sie nach einer kurzen Pause fort: «Du bist eine gute Anwältin, Schätzchen, aber willst du diesen Fall wirklich ohne das Opfer durchziehen?»

«Ich habe keine Wahl.»

«Aber die Geschädigte hatte die Wahl – und sie ist nicht hier.»

«Wenn ich es ohne sie machen muss, bitte schön.»

«Und welchen Sinn hat das?»

Julia warf einen Blick auf Letray Powers, der schadenfroh grinste. «Wenn er rauskommt, geht er wieder auf sie los. Nur zielt er beim nächsten Mal vielleicht auf ihre Kehle.»

«Im Grunde weißt du doch, dass der Richter recht hat», sagte Karyn seufzend und zuckte die Schultern. «Wenn ein Opfer die Aussage verweigert, wird es auch auf eine erneute Vorladung hin nicht vor Gericht erscheinen. Und wenn deine Geschädigte nicht gefunden werden will, wirst du sie nicht finden. Alles, was du erreichst, ist, dass Farley noch wütender wird. Warum lässt du ihn die Klage nicht einfach abweisen und reichst den Fall rüber an die Abteilung für häusliche Gewalt? Dann können die versuchen, den Fall ohne Opfer wieder vor Gericht zu bringen.»

In den vier Monaten, seit Julia in der Abteilung war, hatte sie Karyn nicht einmal vor Gericht gesehen. Selbst eine bloße Anhörung kam selten vor. Karyn fand bei jedem Fall einen Haken, bei jedem Opfer ein Problem, bei jedem Angeklagten eine Ausrede. So war alles verhandelbar für sie, sogar Mord, und ihre Deals lagen bisweilen weit unter den gesetzlichen Richtlinien. Natürlich sah Karyn keinen Sinn darin, einen Fall von häuslicher Gewalt ohne Opfer weiterverfolgen zu wollen und das großzügige Angebot des Richters, den Fall abzuweisen, auszuschlagen. Ein Fall weniger auf dem engen Terminplan der Abteilung, und das ganz ohne eigene Schuld.

«Drüben hätten sie das gleiche Problem, nur schlimmer», sagte Julia schließlich, als sie den Wagen vollgeladen hatte. «Schau dir den Typen an, Karyn. Wenn der hier rauskommt, marschiert er auf direktem Weg nach Hause.»

Karyn verdrehte die Augen. «Du kannst nicht alle Probleme dieser Welt lösen, Julia. Wie ich solche Fälle hasse. Man sollte sie alle gleich rüberschieben. Du hast wirklich ganz schön viel Mumm, Kleine.»

«Danke», sagte Julia und schnallte die Aktenkisten mit einem Riemen am Wagen fest.

«Und ich bin anscheinend nicht die Einzige, die das bemerkt hat.» Karyn senkte wieder die Stimme und machte ein ernstes Gesicht. «Während deines Schlagabtausches mit Farley ist Charley Rifkin hier aufgetaucht.»

Rifkin war der leitende Staatsanwalt von Major Crimes, der Abteilung für Kapitalverbrechen, und die rechte Hand des Generalstaatsanwalts.

Julias Hände wurden feucht. Oje. «Und?», fragte sie und versuchte, zuversichtlich dabei zu klingen.

«Er will dich in zehn Minuten in seinem Büro sehen. Ach, und, Julia», Karyn schwang ihren blonden Bubikopf herum und sah Julia wieder mit ihrem halben, enttäuschten Lächeln an, «er wirkte nicht gerade glücklich.»

Kapitel 4

Verdammt. Montag war einfach nicht ihr Tag. Julia zerrte den wackligen Wagen durch den Hinterausgang des Gerichtsgebäudes die Rollstuhlrampe hinunter und überquerte eilig die 13th Street. Die Büros der Staatsanwaltschaft befanden sich im Graham Building auf der anderen Straßenseite. Fast hätte ihr eine tropische Windböe den Rock hochgewirbelt – direkt vor den vergitterten Fenstern des Gefängnisses –, und sie ärgerte sich, dass sie heute Morgen ausgerechnet nach dem einzigen Kostüm gegriffen hatte, dessen Saum nicht verstärkt war.

Karyn hielt sie wahrscheinlich für überehrgeizig und streitlustig. Farley war sauer auf sie, mal wieder. Sie hatte nur einen Tag, um sich auf eine Verhandlung vorzubereiten, für die sich offenbar weder der Richter noch die Abteilungsleiterin, noch das Opfer selbst interessierte. Eigentlich hatte sie gedacht, es könne nicht mehr schlimmer kommen – und nun wurde sie ausgerechnet in das Büro des Abteilungsleiters von Major Crimes zitiert.

In der Hierarchie der Staatsanwaltschaft war die Abteilung Major Crimes ganz oben bei der Verwaltung, und ihr Leiter Charley Rifkin besaß nicht nur das Wohlwollen des Generalstaatsanwaltes, sondern spielte auch mit ihm Golf, seit er vor über zehn Jahren sein Wahlkampfmanager gewesen war. In sein Büro bestellt zu werden, gehörte nicht zum Alltagsgeschäft, vor allem nicht für eine kleine B-Anwältin, es sei denn natürlich, er hatte im Gerichtssaal etwas gesehen, das ihm nicht gefiel. Oder, dachte Julia, während sie an einem Fingernagel nagte und zusah, wie der Klappwagen den Metalldetektor des Graham Building passierte, ein Richter oder Staatsanwalt hatte sich bei ihm beschwert.

In der Major Crimes Unit wurden sämtliche Fälle bearbeitet, bei denen auf Todesstrafe plädiert wurde und die ein großes Medieninteresse weckten. Jeder der zehn herausragenden Staatsanwälte der Abteilung konnte auf mehr als zwölf Jahre Berufserfahrung zurückblicken, hatte also trotz niedriger Löhne und des hohen Burn-out-Faktors praktisch sein ganzes Berufsleben bei der Staatsanwaltschaft verbracht, wo die reguläre Halbwertszeit bei etwa drei Jahren lag. Sie waren alle absolute Profis, und das wussten sie auch und trugen die Nase entsprechend hoch. Ihre Anwesenheit im Gerichtssaal wurde vom Richter mit Respekt, von den Geschworenen mit Neugier und von der Verteidigung mit Neid quittiert. Und sie konnten den kleinen Anklägern auf dem Parkett einen Riesenschrecken einjagen, vor allem, wenn ein reißerischer Fall ein Kamerateam und eine Meute übereifriger Journalisten anlockte. Und das ging nicht nur den Anfängern so, die als C-Kläger frisch vom Jugend- oder irgendeinem Provinzgericht kamen. Julia hatte gestandene A-Anwälte und Oberstaatsanwälte gesehen, die plötzlich zu stammeln anfingen, wenn einer der Veteranen der Major Crimes über die Galerie spazierte und bat, einen bestimmten Fall aufzurufen.

Überflüssigerweise drückte sie noch einmal auf den Fahrstuhlknopf, dann reihte sie sich in die wartende Menge von Uniformierten, Anwälten und anderen Zeitgenossen, die nach oben wollten, ein. Auch wenn es ihren Kampfgeist von heute Morgen wahrscheinlich nicht hätte bremsen können, wurmte es sie doch, dass sie nichts von Rifkins Anwesenheit bemerkt hatte.

Bis auf eine Begegnung im Fahrstuhl und einen Vortrag zum Thema Geschworenenauswahl hatte Julia den leitenden Staatsanwalt der Major Crimes nie offiziell kennengelernt. Und auch wenn sie in ihren zwei Jahren als Anklägerin Tausende von Malen in der ersten Etage gewesen war, um mit der Abteilung für Berufsverbrechen um Deals für Gewohnheitstäter zu schachern oder Kollegen anderer Abteilungen zu besuchen, hatte sie nie die Sicherheitsschleuse passiert, die zur Major Crimes Unit führte. Das Allerheiligste. Nicht dass ihre Plastikkarte ihr den Zugang dorthin verwehrt hätte, doch es hatte einfach keinen Grund gegeben. Keiner ihrer Fälle hatte Details beinhaltet, für die sich irgendjemand bei Major Crimes interessierte – weder hatte es einen prominenten Angeklagten, noch ein berühmtes Opfer gegeben, einen brutalen Serienmörder oder ein verruchtes Lacrosse-Team. Und was die gesellschaftlichen Anlässe anging, so mischte sich die High Society der Spezialbereiche nicht mit den jungen Klägern unten vom Parkett. Wie in jedem Betrieb gab es auch bei der Staatsanwaltschaft ein unausgesprochenes Kastensystem unter den Kollegen: Die Abteilungsleiter speisten mit den Abteilungsleitern, Prozessanwälte lunchten mit Prozessanwälten, Aushilfskräfte futterten mit Aushilfskräften. Und in den fünf Minuten ihrer freien Zeit stopften sich die jungen Kläger vom Parkett ein paar Kroketten und Erdnussbuttersandwichs mit ihren jungen Kollegen rein, entweder direkt am Tisch im Gerichtssaal oder in der Cafeteria gegenüber.

Im ersten Stock stieg sie mit einem Kerl aus dem Fahrstuhl, der entweder Drogendealer war oder Zivilfahnder beim Drogendepartment, der es noch nicht unter die Dusche geschafft hatte. Der tätowierte Kopf einer Königskobra zuckte böse grinsend aus dem Kragen seines T-Shirts hervor, die gebleckten Giftzähne auf seine Schlagader gerichtet. Ihr Träger lächelte Julia zu, als würden sie einander kennen, dann verschwand er den Flur hinunter in Richtung Berufsverbrechen. Zögernd lächelte sie zurück und hoffte, dass er ein Drogenfahnder war.

Ihr eigenes Büro befand sich oben im zweiten Stock, doch sie wollte das Treffen mit Rifkin lieber gleich hinter sich bringen. Wenn Rifkin den Klappwagen mit den Kisten voller Gerichtsunterlagen sah, erinnerte er sich vielleicht, wie es war, 102 kleine Fälle mit sich herumzuschleifen, und hatte ein bisschen Mitleid mit ihr, bevor er sie zusammenstauchte, weil sie einem Richter mit einem aussichtslosen Fall das Leben schwermachte. Vor der Tür mit der Aufschrift Major Crimes blieb sie stehen. Sie wischte sich die Hände am Rock ab, holte tief Luft und zog ihre ID-Card am Sicherheitscheck durch den Schlitz. Die Tür öffnete sich mit einem Klicken, und sie betrat einen langen, spärlich beleuchteten leeren Flur, der genau wie der Rest des Gebäudes in einem deprimierenden Grauton gestrichen war.

Kaum hatte sie die Schwelle übertreten, spürte sie den kollektiven Blick von acht Sekretärinnen, in deren Höhle sie unvermittelt gelandet war. Vor ihr eröffnete sich ein neonbeleuchteter Irrgarten aus Resopal- und Plexiglaskabinen, und sie fühlte sich wie ein Kind, das über die Wasserrutsche plötzlich am tiefen Ende des Beckens gelandet war. Jegliche Unterhaltung im Raum verstummte.

«Guten Tag», sagte Julia und versuchte zu lächeln. «Ich möchte zu Charley Rifkin.»

«Erwartet er Sie?», fragte eine ältere Frau mit verbissenem Gesicht und teigigen Hängewangen. Irgendwo ließ jemand eine Kaugummiblase knallen. Auf dem Schreibtisch vor ihr stand ein roter Plastikzeigefinger, der auf einer Feder hin- und herschwang. Die Aufschrift auf dem Sockel lautete: Leg dich nicht mit Oma an.

«Ich glaube schon», antwortete Julia langsam. «Meine Abteilungsleiterin sagte mir, Mr. Rifkin wolle mich sprechen.»

«Ach», erwiderte die ältere Frau, und ihre Wangen schienen noch weiter abzusacken. «Sie sind die aus Richter Farleys Abteilung.»

Das klang nicht gut. «Ja, die bin ich.» Julia lächelte und wischte sich noch einmal so unauffällig wie möglich die Hände am Rock ab. Unglücklicherweise hatte sie die feuchten Hände ihrer Mutter geerbt – ein Fluch für die Karriere. Ihr Lächeln wurde immer angestrengter.

Oma griff zum Telefonhörer, wählte eine Nummer und wandte sich ab. «Sie ist da.» Dann bedachte sie Julia mit einem verächtlichen Blick und machte eine Kopfbewegung den Gang hinunter. Die Haut unter ihrem Kinn wabbelte wie der Kropf eines Truthahns. «Zwei-null-sieben. Auf dem zweiten Flur nach rechts. Das letzte Büro auf der linken Seite.»

Kapitel 5

Als Julia an den Arbeitskabinen vorbeiging, folgten ihr die Blicke der Sekretärinnen stumm wie die Augenpaare auf den Gemälden eines Spukhauses. Der Flur zog sich endlos, und sie war mehr als erleichtert, als sie endlich aus dem Blickfeld der Hyänen war. Hinter der Ecke eröffnete sich ein weiterer langer Flur. An den geschlossenen Türen rechts und links hingen bronzene Plaketten mit den Namen der Anwälte, die dahinter arbeiteten – die meisten kannte sie nicht, wie sie feststellte, von manchen hatte sie noch nicht einmal gehört. Offensichtlich war man bei Major Crimes nicht sehr gesellig. Nicht dass oben auf dem zweiten Stock ständig gefeiert wurde, aber dort standen wenigstens die Türen offen, und die Kollegen konnten einander jederzeit in ihren klaustrophobischen Büros besuchen, um sich Rat zu holen, über einen Pflichtverteidiger zu lästern oder einen schnellen Café cubano hinunterzustürzen – heißes, flüssiges kubanisches Adrenalin –, das ihre beste Freundin Dayanara Vega, B-Anwältin in Richter Stalders Abteilung, jeden Nachmittag Punkt drei frisch aufbrühte. Es herrschte ein Gemeinschaftsgefühl auf den matten grauen Fluren von Julias Stockwerk. Hier dagegen, auf der «Macht-Etage», fühlte man sich abgeschnitten vom Rest der Welt.

«Charles August Rifkin, Division Chief» stand auf dem Namensschild neben der Tür Nummer 207. Die drei Tassen Kaffee und die Cornflakes, die sie gefrühstückt hatte, machten sich plötzlich unangenehm bemerkbar, und sie betete, ihr Magen würde keine Geräusche von sich geben. Gedämpft war Chief Rifkins Stimme durch die Tür zu hören, doch Julia verstand nicht, was er sagte. Sie hoffte, er sprach am Telefon, denn Publikum war das Letzte, was sie heute Morgen brauchte. Ein letztes Mal trocknete sie die Handflächen an ihrem Rock, dann klopfte sie an. Nach einer kurzen Pause sagte jemand: «Herein.»

«Guten Tag», sagte sie beim Eintreten tapfer. Sie versuchte, den Klappwagen hinter sich herzuziehen, doch er blieb am Türrahmen hängen.

«Den können Sie draußen lassen», sagte eine zweite Stimme aus dem toten Winkel hinter der Tür. Eine Stimme, die ihr überaus bekannt vorkam.

Sie zuckte zusammen, nickte und schob den Wagen auf dem Flur an die Wand. Dann atmete sie tief ein und kehrte in Rifkins Büro zurück. Hinter ihr wurde leise die Tür geschlossen, aber es war nicht Rifkin, der vor ihr hinter seinem überdimensionierten Schreibtisch in seinem Ledersessel saß und sie mit finsterer Miene ansah. Der andere Mann ließ sich in einem der roten Ledersessel vor dem Schreibtisch nieder und bedeutete ihr, ebenfalls Platz zu nehmen.

Es hatte also doch noch schlimmer kommen können.

«Guten Morgen, Julia», sagte Ricardo Bellido kühl, der stellvertretende Leiter von Major Crimes. «Rick» trug einen konservativen schwarzen Anzug von Hugo Boss, ein blütenweißes Hemd und eine Seidenkrawatte. Das Grau der Krawatte betonte die silbernen Schläfen seiner ansonsten rabenschwarzen, dichten Locken, was ihm durchaus schmeichelte. Einen viel zu langen Augenblick starrte sie ihn an, doch er lächelte nicht. Er blinzelte nicht einmal. Kein Hellseher hätte erraten können, dass wir vor drei Tagen zum ersten Mal miteinander geschlafen haben, ging es Julia durch den Kopf. Sie fragte sich fast, ob sie sich alles nur eingebildet hatte.

«Ich habe Sie vorhin im Gerichtssaal beobachtet», begann Charles Rifkin verdrießlich. «Sie legen sich wohl gern mit Farley an?» Bevor Julia etwas erwidern konnte, wandte er sich an Rick und sagte ausdruckslos: «Sie will einen Fall von häuslicher Gewalt verhandeln – ohne Opfer. Lenny hat getobt.»

«Ist ja nichts Neues», entgegnete Rick schulterzuckend.

«Wie lange sind Sie bereits in seiner Abteilung?», fragte der Chief und tippte ungeduldig mit dem Finger gegen seinen Kaffeebecher.

«Vier Monate», antwortete Julia. Vier Monate, eine Woche und einen Tag, um genau zu sein. Vier Monate zu lang. Sie straffte die Schultern und setzte zu ihrer Verteidigung an. «Farley wollte die Verhandlung –»

Doch Rifkin schnitt ihr das Wort ab. «Darum geht es hier nicht.»

Sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder beunruhigt sein sollte. Mit einer fast feierlichen Geste zeigte Rifkin auf Rick Bellido, und seine Miene schien noch finsterer zu werden. Julia spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss – ein weiteres Erbe ihrer Mutter, die die helle Haut ihrer irischen Vorfahren an sie weitergegeben hatte. Bitte lass es nichts mit Rick und mir und der Firmenpolitik zu tun haben …

«Gestern ist in Coral Gables eine Familie ermordet worden», sagte Rick. «Wahrscheinlich haben Sie davon gehört.»

Julia hatte den Atem angehalten, und als sie nun Luft holte, klang es wie ein Seufzer. «Ja, natürlich habe ich davon gehört. Es ist überall in den Nachrichten», antwortete sie schnell. Sie hoffte, dass ihr die Erleichterung nicht anzuhören war. «Eine Mutter mit ihren Kindern, richtig?» Die grauenhafte Geschichte war ausführlich in den Abendnachrichten ausgewalzt worden und heute Morgen auf den Titelseiten von Miami Herald und Sun Sentinel gelandet. Eine ganze Familie im schicken Coral Gables, anscheinend einem wahnsinnigen Schlächter zum Opfer gefallen. Doch bis auf die Namen hatten die Reporter nicht viel zu berichten gehabt. Die Einzigen, die sich interviewen ließen, waren die Nachbarn, und jeder, der wirklich etwas hätte sagen können, hielt offensichtlich den Mund. Dafür schürte die Presse unter der Bevölkerung die Angst vor einem nächtlichen Serienmörder und warnte, Türen und Fenster zu schließen und sofort die Polizei zu rufen, falls jemand irgendetwas Auffälliges beobachte. Julia konnte sich denken, dass auf eine solche Warnung hin in Miami die Notrufleitungen heißlaufen würden.

«Jennifer Marquette und ihre drei Kinder Emma, Danny und Sophie, keins älter als sieben Jahre, ermordet in ihren Betten. Das kleinste, Sophie, war noch ein Baby, gerade mal ein paar Wochen alt», sagte Rick kopfschüttelnd, während er mit seinem Montblanc nachdenklich auf den Spiralblock tippte, den er auf dem Schoß hatte. «Schlimme Sache.»

«Nur der Vater hat überlebt. Er liegt drüben im Ryder auf der Intensivstation», bemerkte Rifkin.

«Das haben sie in den Nachrichten gebracht», sagte Julia. «Er ist Arzt, oder? Schafft er es?»

In diesem Moment öffnete die Sekretärin die Tür. Sie hielt es noch nicht mal für nötig, vorher anzuklopfen – anscheinend legte sich mit Oma wirklich keiner an. «Ruth Solly ist auf dem Weg zum Gericht, Charley. Sie braucht die Akten.»

«Okay, okay. Ich will mit ihr reden, bevor sie geht», sagte Rifkin, stand auf und griff nach seiner Kaffeetasse. «Entschuldige, ich bin gleich wieder da, Rick.» Als die Sekretärin ihm aus dem Büro folgte, fiel Julias Blick auf ihren kurzen Rock und die schwarzen Stöckelschuhe, die so gar nicht zu ihrem Bild einer «Oma» passten.

Also gut. Jetzt war sie vollkommen verwirrt. Offenbar ging es hier weder um Farley und ihre Streitlust im Fall Powers, noch um irgendeinen anderen Kollegen, dem sie auf die Füße getreten war. Den Namen Marquette hatte sie vorher noch nie gehört, und ihr fiel auch sonst keine Verbindung ein, die sie mit dem Massaker in Coral Gables haben könnte, es sei denn, es wurde gegen einen ihrer 102 Angeklagten als möglichem Verdächtigen ermittelt. Glücklicherweise war es wohl auch nicht der Verhaltenskodex, was Sex mit Vorgesetzten betraf, weswegen sie hier war.

«Weißt du, warum ich herkommen sollte?», fragte sie Rick ein wenig verlegen, als Rifkin und seine Sekretärin außer Hörweite waren.

Rick nickte. «Ich hatte gestern Nacht Bereitschaft», sagte er.

«Oh», erwiderte Julia. Sie wusste nicht, ob das die Frage beantworten sollte oder erklären, warum er sich seit Freitagabend nicht gemeldet hatte. Plötzlich musste sie an ihren Kuss unter der Dusche denken und wandte den Blick ab. Wieder schoss ihr das Blut in die Wangen, und sie konzentrierte sich auf einen grauen Fleck auf dem grauen Teppich. «Wo in Coral Gables ist es passiert?», fragte sie und hoffte, dass ihre Stimme sie nicht verriet.

«Sorolla Avenue, in der Nähe der Uni. Ach, ich vergaß», fügte er lächelnd hinzu, als sie schließlich aufsah und den Blick seiner dunkelbraunen Augen erwiderte, «du bist nicht aus der Gegend.»

Es war nichts zu machen. Sie wurde rot wie eine Tomate. Die Dusche, unter der sie sich geküsst hatten, befand sich in ihrer Wohnung in Broward County, in einem Ort namens Hollywood, zwanzig Meilen nördlich von Miami.

«Ecke Sorolla und Granada, um genau zu sein», fuhr er fort, als sie schwieg. «Das ist der alte Teil von Coral Gables. Ein Haufen teurer alter Villen steht dort. Aber heutzutage, wo schon ein Wohnwagen in Leisure City eine sechsstellige Summe kostet, ist teuer wohl ein relativer Begriff.»

«Ist es dein Fall?»

«O ja. Gestern war ich den ganzen Tag am Tatort.»

«Welche Dienststelle ermittelt?», fragte sie.

«John Latarrino vom Morddezernat Metro-Dade und Steve Brill vom Coral Gables Police Department. Kennst du die beiden?»

Die Polizeidienststelle Miami-Dade hieß früher Metro-Dade, bis vor ein paar Jahren, als sowohl das County als auch das Police Department umbenannt wurden. Doch auch wenn der Briefkopf sich geändert hatte, war der neue Name bei den Oldies nicht hängengeblieben. Und nach zwanzig Jahren bei der Staatsanwaltschaft gehörte Ricardo Bellido eindeutig dazu, obwohl er erst 45 Jahre alt war.

Julia schüttelte den Kopf. «Nein, ich glaube nicht.» Natürlich kannte sie die beiden Detectives nicht. Auf einmal kam sie sich furchtbar jung und unerfahren vor. Die alten Hasen unter den Anwälten kannten die Detectives aus den Morddezernaten fast alle mit Namen, da sie so gut wie ständig mit ihnen zusammenarbeiteten. Es war ein exklusiver, eingeschworener Club. Und die oft harten und aufwühlenden Fälle, an denen sie gemeinsam arbeiteten, schweißten sie zusammen, sodass sich aus beruflichen Beziehungen oft Freundschaften entwickelten, die sogar Jobwechsel und Pensionierungen überdauerten. Fröhliche Grillabende, Familienfeste, die Hochzeiten der Kinder wurden gemeinsam begangen. Doch Julia hatte noch keinen Fuß in diese Welt gesetzt. Oft kannte sie nicht einmal den Namen, der unten auf dem Verhaftungsprotokoll stand.

«Mit Lat habe ich schon einmal zusammengearbeitet», erklärte Rick. «Ein guter Mann. Und Brill ist ein echtes Original.»

«Und warum braucht die Polizei von Coral Gables die Hilfe von Miami-Dade?»

«Mord kommt in den Gables nicht häufig vor. In den Gables gibt es nicht einmal ein eigenes Morddezernat. Metro-Dade hat die nötige Erfahrung und genug Leute. Und die Ausrüstung.»

Erstes Fettnäpfchen. Sie hätte wissen müssen, dass es in Coral Gables kein Morddezernat gab. Sie räusperte sich. «Was genau ist denn passiert?»

«Das versuchen wir rauszufinden.» Ungeduldig warf er einen Blick auf die Tür.

«Gibt es einen Verdächtigen?»

In diesem Moment kehrte Rifkin zurück, mit einem frischgefüllten, dampfenden Kaffeebecher.

«Letzten Monat haben Sie einen Fall von fahrlässiger Tötung verhandelt – Trunkenheit am Steuer», sagte er zu Julia, als er sich setzte. «Haben Sie noch mehr Erfahrungen mit Totschlag, Unfällen mit Todesfolge und so weiter?»

«Nein», antwortete Julia. «Ellie Roussos, unsere A-Anwältin, hat mir den Fall übertragen, weil ich Trunkenheit am Steuer bereits am Amtsgericht verhandelt hatte.»

«Als Verkehrsdelikt?», fragte Rifkin ungläubig.

Nervös rutschte Julia auf ihrem Stuhl herum. «Ja, dafür ist das Amtsgericht zuständig.»

«Verkehrsdelikt», wiederholte er. «Wie ist die Verhandlung letzten Monat ausgegangen?»

«Schuldig im Sinne der Anklage.»

«Und was hat Farley dem Unfallverursacher gegeben?»

Julia räusperte sich wieder. «Zwei Jahre und eine Strafpredigt.»

Rifkin warf Rick einen Blick zu, dann lehnte er sich zurück und begann, wieder auf seiner Kaffeetasse herumzutrommeln.

«Es war die erste Straftat des Angeklagten», erklärte Julia. Auf einmal fühlte sie sich wie ein Insekt unter dem Brennglas. Egal, wo sie hinlief, sie fand keine Deckung.

Das Schweigen schien ewig zu dauern. Dann endlich, als sie schon daran dachte, dass sie gern einen zweiten Anwalt auf ihrer Seite gehabt hätte, lehnte Rick sich vor, die Ellbogen auf den Knien, mit verschränkten Händen wie ein Baseballtrainer. «Um Ihre Frage von vorhin zu beantworten – ja, wir haben einen Verdächtigen.»

«Ich habe übrigens gerade mit Marchionne in Miami-Dade telefoniert. Unser Verdächtiger ist aus dem OP», warf Rifkin verächtlich ein. «Sieht tatsächlich aus, als würde er durchkommen.»

Rick schüttelte den Kopf, doch seine dunkelbraunen Augen ruhten immer noch auf Julia. «Deswegen haben wir Sie hierhergebeten, Julia», sagte er. «Ich will, dass Sie mir helfen, den kranken Mistkerl festzunageln, der am Sonntagmorgen seine Frau und seine drei Kinder getötet hat.»

Kapitel 6

Julia war sprachlos. Wenn sie richtig verstanden hatte, bot man ihr gerade an, als zweite Anwältin in einem Mordfall zu assistieren. Einem Mordfall der Abteilung Major Crimes.

«Richter Farley ist vielleicht nicht Ihr größter Fan», fuhr Rick fort, «aber Ihre Statistik ist beeindruckend. Bei sechsunddreißig Geschworenengerichten in den letzten vier Monaten haben Sie vierunddreißig Schuldsprüche erreicht. Ihre Abteilungsleiterin lobt Sie in den höchsten Tönen. Sie scheuen sich nicht vor der Arbeit, und obwohl Ihre Abteilung bekanntermaßen den vollsten Kalender von allen hat, sind Sie mehrmals bei anderen Verhandlungen eingesprungen. Sie haben Teamgeist. Und mir gefällt der Mut, mit dem Sie schwierige Fälle zur Verhandlung bringen – wie heute zum Beispiel, häusliche Gewalt ohne Opfer. Außerdem haben Sie einen Draht zu den Geschworenen, was ehrlich gesagt den wenigsten Staatsanwälten gegeben ist. Und Ihre vielleicht bemerkenswerteste Leistung», schloss Rick mit einem Lächeln, «Sie gehen Farley dermaßen auf die Nerven, dass es Gerüchte gibt, Ihretwegen hängt er den Job bald an den Nagel. Sie haben dafür gesorgt, dass er in den letzten vier Monaten mehr zu tun hatte als in den gesamten zwei Jahrzehnten, die er auf seinem Posten sitzt.»

Rick schwieg einen Moment.

«Ich will offen sein, Julia», sagte er dann. «Ich habe hier einen wirklich brutalen Mord, vier Leichen und einen jungen, prominenten Chirurgen in der Rolle des Vaters, Ehemanns und Hauptverdächtigen. Ich weiß, das hier wird ein aufwendiger, zeitraubender und komplizierter Fall, und er wird die Schlagzeilen beherrschen. Deshalb will ich, dass derjenige, der mir in diesem Fall zur Seite steht, von Anfang an dabei ist – bevor die Spurenermittlung die letzten Blutflecken aufgewischt und die Putzkolonne die Fingerabdrücke beseitigt hat. Charley und ich haben heute Morgen über die Kandidaten gesprochen.» Er warf Rifkin einen Blick über den Tisch zu. «Aber in dieser Abteilung hat jeder genug mit seinen eigenen Fällen zu tun. Und deshalb», sagte er schließlich und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, «habe ich an Sie gedacht. Ich glaube, Sie sind die Richtige für den Job.»

Julia konnte ein einfältiges Grinsen nicht unterdrücken. «Danke», sagte sie leise.

«Was meinst du, Charley?», fragte Rick.

Charley Rifkin lehnte sich in seinem Ledersessel vor und stellte bedächtig die Kaffeetasse auf den Tisch. Mit dünnen, knochigen Fingern spielte er mit einer Büroklammer. «Rick Bellido traut Ihnen anscheinend einiges zu», bemerkte er schließlich, doch er sah nicht glücklich aus. «Es ist dein Fall, Rick, also ist es deine Entscheidung. Aber», jetzt legte er die Büroklammer zurück auf den Tisch und sah Julia an, «lassen Sie mich Klartext reden, Ms. Valenciano. Ich will nicht, dass Sie mit Ihren eigenen Fällen in Verzug geraten, wenn Sie hier mit von der Partie sind, aber das versteht sich von selbst. Sonst hätte ich Ihre Abteilungsleiterin und Ihren Richter gleichzeitig am Hals, denn Ihre Abteilung untersteht letztlich auch meiner Leitung, wie Sie wissen. Die Fälle hier oben werden von mir vergeben, und auch wenn Rick seinen Beisitzer selbst aussucht – die Entscheidung muss letztlich von mir verantwortet werden. Und während ich volles Vertrauen habe, dass Ricardo Bellido mit zwanzig Jahren Berufserfahrung und siebzehn Todesurteilen mehr als qualifiziert ist, einen vierfachen Mord mit der Presse im Nacken und einer Meute hochbezahlter Verteidiger am Hals zu verhandeln, bin ich mir bei Ihnen nicht so sicher, ob Sie sich an diesem Fall nicht die Milchzähne ausbeißen.»

Autsch. Julia fühlte sich, als hätte sie einen Schlag in die Magengrube bekommen, und ihr Lächeln erstarb. Sie wusste, dass nichts, was sie jetzt sagte, Charley Rifkins Meinung ändern würde. Es würde nur verzweifelt klingen. Also schwieg sie, starrte auf das Stanford-Diplom hinter Rifkin an der Wand und wünschte sich zum zweiten Mal an diesem Morgen nach Hawaii.

«Ach, komm schon, Charley», protestierte Rick gereizt. «Das ist doch Blödsinn. Es kommt ständig vor, dass Anwälte aus anderen Abteilungen an Fällen von Major Crimes mitarbeiten, und es hat noch nie ein Hahn danach gekräht, du eingeschlossen. Ich mag es nicht, wenn du mein Urteilsvermögen in Frage stellst.»

«Dieser Fall ist eine große Nummer, Rick. Wir reden von drei kleinen Kindern, die von ihrem eigenen Vater im Schlaf erschlagen und erstochen wurden. Angenommen, nach Abschluss der Ermittlungen sieht immer noch alles nach vorsätzlichem Mord aus, dann gibt es einen gewaltigen Medienrummel. Wenn Dr. David Marquette der nächste Bill Bantling ist, zeltet die Presse so lange in euer beider Vorgärten, bis die Todesspritze in seinem Arm steckt.» Mit sichtlicher Enttäuschung deutete Rifkin auf Julia. «Sie hat noch nie einen Mord verhandelt, und du glaubst wirklich, sie kann zwölf Geschworene von der Todesstrafe überzeugen?»

Rifkins Worte hingen wie Blei in der Luft. Rick stand auf und stützte beide Hände auf den Schreibtisch. Seine Stimme war eiskalt. «Ich glaube, es wäre klug, eine Frau dabeizuhaben, Charley. Die Geschworenen wollen jemand Junges, Hübsches sehen, jemand, der die junge, hübsche tote Mutter und ihre Kinder repräsentiert.»

«Du willst eine Frau?», sagte Rifkin. «Dann nimm doch Karyn Seminara. Sie hat zumindest ein bisschen Erfahrung zu bieten. Lisa Valentine? Priscilla Stroze? Ich kann dir noch etliche andere nennen.»