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Ein Mörder geht um in Paderborn. Mordet er um des Mordens willen? Willkürlich, weil er einen Rekord aufstellen will? Was treibt den Mörder an? Es scheint, als ob die Opfer wahllos abgeschlachtet würden. Auf den ersten Blick gibt es nichts, was sie miteinander verbinden könnte. Also gibt es auch keine plausiblen Motive für die Morde. Max Berger muss einen ersten Mord lösen, zu dem es viele Zeugen, aber keine Spuren oder Motive gibt. Professor Liedvogel ist während einer Vorlesung erschossen worden. Ein zweiter Mord liefert fast poetische, jedenfalls hochsymbolische Spuren, aber der Ermordete passt nicht zum ersten Fall. Das dritte Opfer ist eine Politikerin, also wieder eine prominente Person. Obwohl Liedvogel vor versammelter Studentenschar erschossen wird, kann der Täter gelassenen Schritts davonspazieren. Die Befragung der Studenten bringt nichts, denn die zweihundert Augen und Ohren haben Unterschiedliches gesehen und gehört. Die Beobachtungen sind auf absurde Weise widersprüchlich. Dass es am Tatort keine Spuren gibt, die dem Täter zugeordnet werden könnten, erleichtert die Aufklärung nicht gerade. Weder das Aufspüren von Gegnern oder Feinden des Professors bringt handfeste Ergebnisse noch die Suche nach Motiven. Wohl gibt es Neider etc., aber nichts spricht dafür, ihnen Hass bis zum Mord zu unterstellen. In einem zweiten Strang werden tagebuchartige Aufzeichnungen des Mörders eingestreut, in denen seine Motive angedeutet, aber nicht deutlich werden. Der erste Mord ist nur der Anfang für eine Art von Feldzug. Wenn es Kommissar Berger zu dicke kommt, besucht er einen Buchladen, hinter dessen Türschwelle sich eine absurde Welt verbirgt mit einem Buchhändler, der Kunden hasst und ihnen Bücher entgegenschleudert, damit sie seine Bücherhöhle verlassen. Dass er den Mörder kenne, ist eine schrullige Äußerung, die Max nicht ernst nimmt, weil es keinen Grund gibt, irgendetwas an Bernhard Schwarz (Buchhändler) ernst zu nehmen.
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Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Friedrich Wulf
Curry, Senf und Ketchup
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Autor
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Siebenunddreißig
Achtunddreißig
Neununddreißig
Vierzig
Einundvierzig
Zweiundvierzig
Dreiundvierzig
Vierundvierzig
Fünfundvierzig
Sechsundvierzig
Siebenundvierzig
Achtundvierzig
Neunundvierzig
Fünfzig
Einundfünfzig
Zweiundfünfzig
Dreiundfünfzig
Vierundfünfzig
Fünfundfünfzig
Sechsundfünfzig
Siebenundfünfzig
Achtundfünfzig
Neunundfünfzig
Sechzig
Einundsechzig
Zweiundsechzig
Dreiundsechzig
Vierundsechzig
Fünfundsechzig
Sechsundsechzig
Siebenundsechzig
Achtundsechzig
Neunundsechzig
Dank fürs Lesen
Impressum neobooks
„Taten ohne Täter“, „Senf, Curry und Ketchup“, „Die letzte Lektion“ - es gibt noch zu viele Leser, die keinen der Krimis gelesen haben.
Nach Schule und Universität arbeitet Wulf als Englischlehrer.
Er hofft darauf, den Satz bald so abwandeln zu können: Nach Schule und Universität arbeitete Wulf als Englischlehrer, bis ihm der Erfolg der Kriminalromane erlaubte, als Schriftsteller zu leben.
Sein Leben ging dann so weiter: Jeden Morgen um acht setzt er sich an den Schreibtisch. Mittags läuft er zehn Kilometer, in Gedanken immer noch bei seinen Figuren, um am Nachmittag weiterzuschreiben.
Drei weitere E-Books erschienen bei Amazon und bei den großen Anbietern von E-Books im epub-Format.
„Die letzte Lektion“ (Krimi)
„Nacktes Entsetzen“ (Neun Erzählungen)
„Taten ohne Täter“ (Thriller)
Weitere Information gibt es regelmäßig auf seiner Homepage:
https://sites.google.com/site/frwulf/
Auf der Google+ Plattform veröffentlicht er Menschliches, Allzumenschliches aus dem menschlichen Zoo.
https://plus.google.com/u/0/114571594070901332794/posts
Zum dritten Male krampfte sich sein Magen zusammen. Robert Zimmermann verzog sein Gesicht, als wäre ihm Zwiebelsaft in die Augen gespritzt worden. Dabei hatte der letzte Schluck Kaffee sich am Bestimmungsort nur unwohl gefühlt. Der Kaffee hatte den ätzenden Rückweg durch die Speiseröhre angetreten und füllte seinen Mund nun als saure und beißende Brühe.
Er spuckte die heiße Säure ins Spülbecken und wusste, dass sein Magen keinen Spaß mehr verstand. War immer ein übles Zeichen, wenn der Körper sich meldete, wenn der Magen meinte sich eigenwillig aufspielen zu müssen, weil drogistische Hilfen nicht länger geschätzt wurden.
Wenn der Körper Kaffee also zum Kotzen fand, dann mussten andere Mittel her, um seine Schaffenskraft auf Trab zu halten, denn Professor Liedvogel war noch humorloser als sein Magen. Was nicht perfekt war, wurde von Liedvogel so verrissen, dass man sich wünschte, niemals ein Seminar bei ihm besucht, ja, niemals eine Uni von innen gesehen zu haben.
Aber das Ende war in Sicht. Nach drei durchwachten Tagen und Nächten konnte Robert manch Gutes, wenn nicht Großes abliefern, um dem Liedvogelschen Fallbeil zu entgehen. War keine Kleinigkeit Liedvogels Schnabel zu schließen, war ungefähr so wahrscheinlich wie ein funktionierender Computer über mehr als drei Tage. Liedvogels Gnadenlosigkeit hatte volkswirtschaftlich äußerst positive Wirkungen. Seine Studenten, häufig Ex-Studenten, sorgten für volle Sprechstunden bei Quacksalbern jeder Couleur und sie unterstützten neben der Pillenindustrie ungefähr die Hälfte der Paderborner Kneipen.
Erst im letzten Semester konferierte der gesamte Psycho-Fachbereich sechs Stunden, um einen Sprungbereiten vom Turm zu locken. Scheußlich spannende Szene. Bis er endlich sprang. (Alternative für Zartbesaitete: Bis er dann doch nicht sprang.)
Zimmermann rieb sich mit seinen Zeigefingerknöcheln beinahe die Augen aus dem Kopf. Eine Nasevoll und dann noch einmal totale Konzentration, damit die Endversion und nicht etwa eine Zwischenarbeit durchs Kabel rauschte. Wäre ein Desaster! Ich piss mir in die Hose, wenn Liedvogel den Kopf zur linken Schulter senkt.
Eine Woche Komatrinken hatte Zimmermann über die letzte Katastrophe gerettet. Dieses Mal gab es nur zwei Möglichkeiten - Taxifahrer oder Sprung vom Turm. Was ungefähr das Gleiche war.
Jetzt nur nicht vergessen, die Datei an die Mail zu hängen. Selbst solche Lappalien reizten Liedvogel zu enormen Aufschwüngen seiner Lust an sarkastischer Erniedrigung. So, jetzt noch ein Mausklick auf den Sendeknopf. Ab die Post!
Die Kiste aus und in die Kiste rein waren kaum getrennte Vorgänge, reines Fließen. Nichts als tiefer, tiefer Schlaf!!
Um 16.30 Uhr wachte Robert auf, blickte auf den Wecker und hatte noch eine halbe Stunde. Neben dem Bett die Hose. Er sprang hinein, bückte sich, warf Arme und Hemd in die Luft und rieb sich durch die Augen. Fertig! In einem Pappschälchen vergammelten zwei altersgraue Stückchen Currywurst. Auf Ekelgefühle nahm Roberts Hunger keine Rücksicht. Zu den kalten Hochfettinnereienrollen schlürfte er Kaffe und eilte zur Uni.
Um 16 Uhr öffnete Professor Liedvogel die E-Mail und grinste, als er die Sendezeit las: 03:23. Er ließ den Drucker schnurren, nahm aus einem Hängeordner die Arbeit von Ole Nieljung, blätterte hinein, neigte den Kopf zur linken Schulter und mit verkniffenen Mundwinkeln warf er Nieljungs Arbeit auf den Schreibtisch.
An einer Pinnwand hing ein Poster mit einer Rakete, die das Universum durchquerte und im Schlepp ein Banner zog mit den Worten: „Make big plans!“ Natürlich wusste Liedvogel, dass seine Kollegen das für großmäulig hielten. Wer nicht mithalten konnte, war eben zu neidischem Schielen verdammt. Mickrige Gefühle, mickriger Köpfe! Hauptsache, seine Mitarbeiter wussten, was ihr Chef bewegte: 30 Stellen hatte Liedvogel an seinem Paderborner „Medien Center“ geschaffen. Ganze drei davon bezahlte die Uni selbst, alle anderen wurden durch Drittmittel finanziert.
Er blickte auf seine Uhr, rupfte den Aufsatz von Zimmermann aus dem Schacht des Druckers, überflog das Vorwort und las die erste echte Seite. Er nickte hier, neigte dort den Kopf zur gefährlichen Schulter und schob sein starkes Kinn vor.
Liedvogel blickte abermals auf seine Uhr, schaute dann zur Tür, schloss eine Schreibtischschublade auf und nahm ein Fläschchen heraus. Eine violette Pille kullerte in seine Handfläche, er führte sie zum Mund und warf den Kopf schluckend in die Luft wie ein Reiher, der einen Fisch durch den Schlund würgt. Es ist ein Wunder, dachte Liedvogel und summte eine Melodie. Ein Lächeln, im Husch da, im Husch vorüber. Die Melodie, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Robert Zimmermann hätte den Song als „Mother’s Little Helper“ identifiziert, weil er sich mit so was auskannte. Wahrlich kein Wunder bei seinemNamen. Aber Robert Zimmermann war zu spät.
Zur Besprechung mit Liedvogel federte er den Korridor hinunter, als käme er gerade aus einem Seminar über die glückbringende Wirkung von Mimik und Bewegung. Und was verriet sein Gesicht mit der messerscharfen Nase? Grinse außen, dann grinst du auch innen. Seminarziel erreicht!
Die Faust von Liedvogel reichte bis in Roberts Eingeweide. Sein Magen eine zusammengepresste Blechdose. Alle verwünschten Liedvogel, aber alle hingen auch an seinen Lippen und lechzten nach seinem Lob und nichts weniger als das erwartete Zimmermann für seinen Aufsatz.
Ganz außerordentliche Ergebnisse hatte er zutage gefördert. Sah sich schon in der „Kulturzeit“, hörte die einführenden Worte von Zobel: „Eben erschien in Paderborn eine sensationelle Untersuchung. Zu Gast heute Abend im Studio der Medienwissenschaftler Robert Zimmermann. Bevor wir über Einzelheiten sprechen, möchte ich Sie bitten, die Ergebnisse Ihrer Studie kurz vorzutragen. Schon der Titel ist ein Knaller.“
„Ja gern, Herr Zobel. Mein Aufsatz heißt: Das Fernsehen als lebensförderndes Palliativum für Senioren.“
„Sehr schön, ganz famos, sensationell!“, sagte Zobel.
Vor der Tür zum Liedvogelschen Büro zögerte Robert einen Wimpernschlag lang und seine Haare gaben preis, welche Unwetter sich in seiner Kuppel entluden. Sie standen zu Berge und flirrten wie Kolibriflügel. Doch, doch der Aufsatz war ein kolossaler Wurf! Die Sprache kernig und männlich wie bei Schopenhauer. Und dann erst die Ergebnisse, so überraschend wie neu; der Durchbruch war da! Gedanken wie Axthiebe! Sein Anklopfen entsprach dem anschwellenden Sturm in seinem Hirn.
„Zimmermann, na endlich!“ Liedvogel blickte auf seine Uhr. „Wegen der zehn Minuten brauchen Sie die Tür nicht gleich einzuhämmern. Hier Zimmermann!“
Liedvogel warf ihm einen Aufsatz zu. „Mist! Überarbeiten!“ Zimmermanns käsiges und hagerknochiges Gesicht verfärbte sich, wurde nicht gerade puterrot, aber immerhin bekamen seine Wangen etwas Rosiges.
„Wie bitte?“
„Setzen Sie sich mit Nieljung zusammen, so geht das nicht. Er lieferte schon gestern und ist uneinsichtig, sieht nicht, welche Plattitüden er da aneinanderreiht. Und die Sprache, sie müssen da mit dem Hobel ran Zimmermann. Nieljung ist ein Schwachkopf. Selbst bei Orkan fällt der Apfel eben nicht weit vom Stamm. Ich habe ihn rausgeworfen. Aber das hier erledigen Sie noch zusammen mit ihm.“
„Nieljung rausgeworfen?“
„Wollen Sie ihn weiterhin mit durchziehen, Zimmermann?“
„Hat der Stamm schon angerufen?“
„Nein!“
„Macht er denn noch mit, nach dem Rauswurf. An dem Aufsatz meine ich?“
„Er glaubt noch nicht so richtig dran, machen Sie mal. Und nun zu ihren Geistesblitzen. Nachtarbeiter wie?“
An einem Dutzend Stellen pappten Zettel zwischen den Seiten seines Aufsatzes. Ein gutes Zeichen, ein bedrohliches Zeichen? Waren das die Stellen mit den kräftigen Thesen oder den noch kühneren Folgerungen?
„Setzen Sie sich. Kommen Sie her!“ So nah, so nah war Zimmermann unheimlich, und schon hatte er sich gestochen an der Liedvogelschen Au, Au, Aura.
Gemeinsam schauten sie in den Aufsatz. Pluszeichen hielten den Fragezeichen die Waage. Auf den ersten beiden Seiten.
„Zimmermann, das hier“, Liedvogel tippte auf unterschlängelte Stellen, „das ist gut, wirklich stark.“
Wie bitte? Zimmermanns Geist machte dicht. Was? Wie? Wo ist das Aber? Kommt kein Aber? Das sei gut, sei gar stark?
„Aber“, fuhr Liedvogel fort, „um Himmels willen, erfinden Sie eine authentische Quelle. Zum Beispiel eine Umfrage unter Senioren, nehmen Sie meinetwegen Ihre Großmutter, aber verweisen Sie doch nicht auf einen Roman als Belegmaterial für ihre Thesen.“
Eine Großmutter wollte Robert wohl erfinden, eine Kleinigkeit. Die Rettung aus der stachligen Aura trat ins Büro. Chrissi Hains überreichte Zimmermann eine Kopie seines Aufsatzes und so konnte er Reißaus nehmen aus der Liedvogelschen Stachelaura.
Liedvogel nahm den Seiteneingang zum Hörsaal, denn schon eine Viertelstunde vor dem Beginn der Vorlesung waren auch die Treppenstufen des Saals besetzt. „Durch die Katakomben“, wie er es nannte. Zimmermann hörte etwas anderes hindurch, Liedvogels Eitelkeit, seine Enttäuschung darüber keinen Auftritt zu haben, nicht die Treppe hinuntertänzeln zu können.
Chrissi und Robert warfen die Maschinerie in Gang. Robert fuhr die Leinwand hinunter, Chrissi legte die DVD ein, positionierte den Beamer und drehte am Objektiv, bis das Bild scharf war. Liedvogel war ein Liebhaber des Details, das Große und Grobe bekamen auch die Doofen mit, aufs Feine und Kleine kam es ihm an und auf den Subtext, besonders den Subtext und den ironischen Blick.
Und was wurde gegeben? Hier wurde nichts gegeben! Liedvogel hielt eine Vorlesung mit dem Titel: „Paradoxie und Selbstreferenz im modernen Film.“
Nach der ersten Szene, ein hysterisches Pärchen überfällt ein Restaurant, stoppte Chrissi den Computer und Liedvogel erklärte, was alle gesehen, aber im feinen Detail eben doch nicht gesehen hatten. Denn Studenten sahen nun mal nichts, dazu brauchten sie die Augen eines großen Gelehrten. Erst der setzte ihnen Augen ein. Und wer sähe mehr und tiefer als ein deutscher Denker?
Zimmermann sah allerdings kaum etwas, dazu war ihm viel zu warm, zu wohlig, so dämmersüchtig zumute, so zum Gähnen gemütlich!
Vier Schüsse reißen seinen Kopf hoch. Aus tiefem Traum erwacht, kann er noch gerade sein letztes Traumbild mit in den Hörsaal herüberzerren: Charles Bronson mit Mundharmonika. Doch kein Mundharmonikaspiel-mir-das-Lied-vom-Tod im Hörsaal. Es ist ruhig im Saal und auf den Stufen. Eine entsetzliche Stille! So still wie nach den vier Schüssen in seinem Traum. Das Bild läuft nicht mehr, Liedvogel spricht nicht mehr. Einer liegt vor der Leinwand.
Ein Pistolenschuss zurück! Zimmermann träumte noch von Cowboys im Staube von Arizona oder Utah und Chrissi, ihre Hand noch auf der Maus, wartete noch auf den Wink von Liedvogel, als ihr Harry auf die Schulter tippte. „Was machst du danach?“ „Gleich, gleich, sei still!“
Sie drehte sich wieder um und blickte zu Liedvogel hinunter. Er winkte und dann knallte es aus der erhobenen Hand und der Mann ging zur Seitentür hinaus, durch die sie vor einer halben Stunde gekommen waren. Aber es war nicht Liedvogel, der gewinkt hatte und nun hinausging. Liedvogel lag vor der Leinwand.
Die Beschleunigung seines Weges aus dem Bad zum Frühstückstisch, hopp aufs Treppengeländer und dann auf dem Hosenboden runtergerutscht, hatte Max schon als Kind nicht wirklich geholfen, seinen Kampf mit der Zeit zu gewinnen. Das Ei war so zerbrechlich, dass es ihm zwischen den Fingern zerplatzte und auf die Fliesen platschte. Eine verfluchte Sauerei! Jetzt sparten sie sogar an der Schale!
Je nachdem was Max Berger vom Tag erwartete, schlug er zwei oder drei Eier in die Pfanne. An diesem Montag nahm er vier, ließ reichlich Speck aus und stand mit geblähten Nüstern über dem Rührei. Ab heute war Kraft vonnöten und Umsicht und Gelassenheit, aggressive Gelassenheit. Es kam darauf an der neuen Assistentin den Job madigzumachen, ganz schnell zu vermiesen, allerdings ohne Hollerkoop vor den Kopf zu stoßen.
„Kann ich nicht gebrauchen“, hatte Max den Chef vor einem Monat angeblafft. Die Kollegen lagen über ihren Schreibtischen. „Wie alt, sagen Sie? Das ist Wahnsinn! Sie sind verantwortlich für die Folgen! Man lässt keinen Zug in einen Tunnel fahren, hinter dem ein Abgrund wartet.“
„Berger, nun kommen Sie mir nicht wieder poetisch. Bei wem sonst könnte unser Nachwuchs mehr lernen als bei Ihnen?“, fragte Hollerkoop.
Nur Fritz Zippel lag nicht über einer dringenden Scheinarbeit, sondern saß kerzengerade und lauschte mit Spaß in den Backen der Vorstellung seiner Vorgesetzten.
„Was denn, wie denn, heiße ich denn Humbert Humbert? Die ist mir zu jung! Wie soll das denn enden? Oh, ich weiß das, alle wissen das. Schauen Sie, wie sie grinsen!“
Die Kollegen blickten stumm auf ihren Tischen herum, ein humorloses Bulldoggengesicht war auch darunter. „Wie das endet, ist doch wohl klar! Ich bin ganz tief im Süden aufgewachsen. Wissen Sie, was das bedeutet, wenn die heiligeBiene von Ephesoszum Bestäuben fliegt? Ich zieh die Hosen gar nicht mehr an. Ihre Verantwortung!“
„Berger, Sie sind der richtige Mann, den Nachwuchs zu...“
„...einzuführen, wie? Soll ich auch noch ermitteln, was meint ihr?“, rief Max den Kollegen zu, „was werde ich wohl ermitteln, na? Jeden Quadratzentimeter werde ich untersuchen, von der Stirn bis zu den Zehen. Jeden Quadratzentimeter Haut genauestens befingern und, und ...“
Max beugte sich vor, drückte die Brust vors Lenkrad. Wenn der Einbeinige schon am Kiosk lehnte, dann lag am Ende seiner Pünktlichkeit noch viel zu viel Weg vor ihm. Näher als sonst musste Max heute heranfahren, bevor die Kanten und Konturen des Kiosks aus dem Wasser auftauchten. Ihre Schultern an den Kiosk gedrückt versuchten Wind und Regen die Bude wegzuschieben, war aber bis jetzt gescheitert. Dass er so nah ran musste, schob Max auf die Wassergüsse gegen die Windschutzscheibe, nicht auf seine Augen. Er war zu spät. Ein einbeiniges Regencape an der Theke schwenkte eine Bierflasche und prostete ihm zu.
Max beschleunigte den Takt der Scheibenwischer und fuhr langsamer. Ihm lag nichts daran möglichst schnell in die Wilhelmstraße zu kommen. Eine Verkehrsstockung hier im platschenden Regen, wäre ihm jetzt willkommen, um seine Ankunft zu verzögern.
Vergewaltiger kotzten ihn an. Hollerkoop hatte ihm nicht nur das feuchte Früchtchen, sondern auch noch diesen unappetitlichen Fall angehängt. Der Beschuldigte ein aaliges Arschloch der ärgsten Art. Ein Rechtsanwalt. Einfach ein geiler Rohling. Dem die Eier abzureißen, wäre eine Wonne, selbst wenn er als Vergewaltiger unschuldig wäre. Dieses Gör, diese Clarissa, würde er gleich mit dem Kerl konfrontieren.
Wenn Hollerkoop sich so dafür einsetzte, ihm die Frau an die Füße und den freien Flug der Gedanken zu hängen, dann gab es dafür nur eine Erklärung. Max musste also herausfinden, in wessen Schuld Hollerkoop stand, dass er ihm diese feuchte Frucht an den Hals hängte. Wenn er das hatte, war es leichter sie wieder loszuwerden.
Max liebte, was die Täter hassten: Spuren und Zeugen, aber Opfer von Vergewaltigungen taugten als Zeugen noch weniger als unbeteiligte Zeugen. Ein vorbildlich exekutierter Mord, die Leiche nicht zu sehr zerstückelt, war ganz okay, aber Vergewaltigungen. Überhaupt waren ihm diese Wischiwaschifälle ein Gräuel. Entsetzlich die Gespräche mit dem Opfer. Die Aussagen sahen objektiv aus, waren es aber nicht. Die Opfer hatten ihr Wissen im Leib, wie sollten sie es mitteilen?
Keine enge Zusammenarbeit auf tagtäglicher Basis mit einer Frau war sein Leitsatz gewesen, aber gegen Hollerkoop hatte er sich nicht durchsetzen können. Wenn die auch noch attraktiv war! Die Zeiten eine Frau ablehnen zu können, hatten sich verschlechtert und seine Argumente waren auch nicht besser geworden. Politisch korrekt waren sie nie gewesen. Von seinem Augenhintergrund her stand er dem Playboy eigentlich doch etwas näher als den Zielen der Frauenbewegung (Phosphoreszierende Strumpfbänder – Arschzeigehosen – Tittenspitzen steif wie Radiergummis).
Clarissa war so jung, dass sie fast noch unter den Jugendschutz fiel. Eine Zumutung und Versuchung. Hollerkoop setzte seine Karriere leichtfertig aufs Spiel. Ihn würden sie am Ende verantwortlich machen, sexuelle Belästigung oder so. Hatte er sich etwa seine Testosteronschübe ausgesucht? Er war auch ein Opfer, alle Täter waren auch Opfer.
Dass in jedem Manne ein potenzieller Vergewaltiger stecke, war natürlich ein emanzipationsideologischer Trick, um den Kerlen permanent ein schlechtes Gewissen zu machen. So arbeiteten alle Religionsstifter um Macht zu erlangen. Und was war dabei herausgekommen am Ende? Der Belauerungskrampf zwischen Männlein und Weiblein. Wo nichts mehr selbstverständlich war, fanden Krankheit und Frustration ihre Brutstätten.
„Wo lässt man die Hände, wenn man neben einer Frau im Wagen sitzt? Raucht ihr beidhändig oder was?“ Aber die Kollegen hatten nur gelacht. „Legt ihr euch Handschellen an? Was habt ihr es doch weit gebracht! Mit einer Frau observieren!? Wie soll das gehen? Ich wüsste, was ich sehr, sehr exakt observieren würde. In diesen tropfnassen Oktobernächten, wenn hohle Winde um die Häuser johlen.“
Sie hatten ihn nicht ernst genommen als potenziellen Lusttäter. Ein guter Bulle aber muss etwas ahnen, wenn nicht wissen von der Lust am Laster - sämtlicher Laster. Wie sonst soll er sich in die Knallköpfe versetzen können? Sonst würde das nichts. Gelacht hatten sie. Gleiche fallen unter Gleichen eben nicht auf: der Lustmolch kaum unter den Machos. Sein Pech!
Als Max in sein Büro trat, war eine Sturmböe gerade dabei mithilfe des klatschenden Regens das Fenster einzudrücken, scheiterte aber. Von einem Stapel glitt ein Blatt Papier hinter Max her und flog von ihm unbemerkt gegen seinen Unterschenkel. Eine Dienstanweisung, die aufgeschlagen bei Kapitel fünf auf einem Aktenschrank lag, blätterte mehrere Seiten weiter. Dass Dinge sich nicht bewegen, wüssten Kinder schon in allerzartestem Alter, hatte Max gelesen. Dass jedes Ding seinen Platz hatte, hatte er den Sachen beigebracht und nach anfänglichem Protest hielten sie sich nun daran. Mit einem Wort, im Büro von Max herrschte Ordnung, vielleicht nicht für jeden unmittelbar sichtbar, doch für ihn schon.
Ein Schrei des Kollegen Fritz Zippel: „Du sollst 365 anrufen“, rief Fritz Zippel.
Ein Blick nur in Zippels Büro und schon war klar, wer dort das Sagen hatte, eindeutig die Dinge. Wo keine besudelten Kaffeebecher standen, stanken volle Aschenbecher. Wo keine Aschenbecher stanken, türmte sich Papier. Der Turm da hatte eines Tages keine Lust mehr am Balancieren gehabt und es sich bequem gemacht. Faxe und Fetzen mit Notizen, Tatmotive auf rote Schnipsel gekritzelt, Unausgegorenes auf grüne Zettel. Die grünen Zettel machten das Rennen. Anders als Max ließ Zippel den Dingen ihren Willen und so konnte es geschehen, dass eine Mappe mit Bildern vom Tatort heute links auf seinem Schreibtisch lag und morgen verschwunden war und übermorgen im Aktenschrank steckte. Ganz von allein.
„Was wollte er?“, fragte Max.
„Eh, Max, hast du den schon gehört, Fritz erzähl noch mal, wie ging er noch?“, sagte August Aulbur.
„Den versteht doch keiner“, sagte Fritz.
„Sogar August hat ihn verstanden“, sagte Max.
„Vielen Dank!“, sagte August
„Neinnein“, sagte Fritz, „nicht den Witz, ich meine Hubert versteht keiner. Immer nur Andeutungen.“
„Nun erzähl ihn schon!“, sagte August.
„Gleich, gleich“, sagte Fritz, „das Wichtigste zuerst.“ Er war dabei Kaffee zu kochen, der zwar magenkrank machte, aber wach hielt.
„Ohne Kaffee könnten wir die Bunzrepublik gleich an so einen Bastonadenstaat, Saudi Arabien oder so, verscheuern. Neunzig Prozent aller Fälle wären doch ohne Kaffee niemals aufgeklärt worden, aus den Krankenhäusern käme überhaupt keiner mehr lebend ohne Kaffee“, sagte Fritz und füllte pro Tasse drei gehäufte Löffel in die Brühmulde.
Neben dem Tisch mit der Kaffeemaschine stand ein sich selbst bemitleidender Gummibaum, für Max immer häufiger nur ein grüner Klecks. Die Farben und Formen von Menschen und Dingen verflüssigten sich immer häufiger in seinen Augen, verliefen wie Wasserfarbe im Regen.
Alles, was war, war geworden und konnte in einem rückwärts laufenden Film lebendig werden, wie in Max’ Film „Der melancholische Gummibaum“.
Tiefe Nacht. Licht und nervöse Schatten in den Büros und Gängen. Ein einsamer Kopierer seufzt eine letzte Kopie aus, eine Festplatte summt sich in den Schlaf und ein später Kollege wässert den Gummibaum auf eine Weise, die mehr über den gesunden Durst des Kollegen als über seine Pflanzenkenntnisse aussagt. Der Strahl spottet der Schwerkraft und fließt in den schlaffen Zipfel zurück und bläht die Blase wieder. Der Kollege blickt über die linke, blickt über die rechte Schulter, kratzt mit dem Daumen am Hinterkopf, hebt ein schlaffes Blatt, geht mit schleifender Hand rückwärts an der Wand entlang, verlässt das Gebäude und verschwindet endlich im Blauen Bären.
Alles konnte Max als Ausgangspunkt dienen, die fix und fertige Welt rückwärts fließen zu lassen. Das Schiffchen auf dem Bach schwamm flussaufwärts zur Hand zurück, die es vorsichtig reinsetzte, auf einem Tisch faltete und das Papier (ein paar Zwischenschritte waren nötig) wurde schließlich in den Wäldern Finnlands gefällt. Immerzu versuchte Max die bewegten Bilder zu sehen, die zu einem Ergebnis geführt hatten. Ein umgekippter Mülleimer (McDonald-Styropor, Currywurstpappschälchen). Und schon sieht Max in seinem Hirnkino, wie ein besoffener Kahlkopf den Mülleimer mit einem „Ausländer“ verwechselt oder was sonst so ein Kerl zu treten liebt. In einem anderen Film ist es eine Schar von findigen Waschbären, die den Müllbehälter kippen, um sich leichter mästen zu können. Auf die Idee ein wutentbrannter Intellektueller hätte sich dort ausgetobt, auf den Film kam Max nicht.
Während die Maschine Kaffee in die Kanne röchelte, hatte Fritz einige Male über die Schulter geschaut, sofort aber wieder den Fortgang des Kaffeebrühens beobachtet. Endlich riss er die Kanne aus der Maschine. Max trat einen Schritt zurück und Fritz schleuderte einen Liter in seinen Krug. Fritz war ein äußerst geübter Kleckerkünstler. Und das Zeug war klebrig. Im Sommer benutzte Fritz die Kleckse als Fliegenfänger.
„Dein Vergewaltiger wartet“, sagte Fritz.
„Was ist das für einer?“, fragte Max.
„Nun erzähl ihm endlich den Witz“, sagte August. Fritz Zippel mochte einen halben Liter Kaffee intus haben, als er endlich seinen Witz erzählte, wozu man ihn normalerweise nicht bitten musste.
„Ein Mann kommt in eine Baguetterie und sagt: ‚Ich hätte gern ein Putenbaguette.’ Der Verkäufer darauf: ‚Wir haben keine Pute.’ ‚OK’, sagt der Mann, ‚dann nehme ich Hühnchen.’ Der Verkäufer: ‚Hören Sie zu Mann, wenn wir Hühnchen hätten, dann hätten Sie jetzt Ihr Putenbaguette.’”
„Dein Vergewaltiger wartet“, sagte Fritz.
„Was ist das für einer?“, fragte Max.
„Bereitwillig zur Aussage, ein Rechtsanwalt. Du wirst deinen Spaß haben!“
„Rechtsanwalt, weiß ich auch, aber hat er, was meinst du?“
„Klar, ist ein..., nein nein, bin ich denn Hellseher?“
Bevor du zum Verhör gehst, vergiss die Meditation nicht, war Maxens Motto. Wer sich aus der Reserve locken ließ, hatte schon verloren. Kälte und Geistesgegenwart waren vonnöten und dazu brauchte er eine Droge von anderem Kaliber als Kaffee.
Das „Herein“ klang eigentümlich gequetscht. Gehst du zu Vorgesetzten und ähnlichen Bestien, stelle sie dir in langen Unterhosen vor, dachte Clarissa, riss die Tür auf und stürzte in das Büro von Max, der nicht hinter dem Schreibtisch saß, nicht darauf und auch nicht auf dem Boden. Er lag auch nicht auf dem Schreibtisch. Sie machte noch ein Schrittchen und stand still. Die Augen aufgerissen wie eine nachtaktive Giraffe, blickte sie zu seinen Füßen hinauf, fand seinen Kopf auf dem Boden und drehte ihren so weit zur Seite, wie Max es nur bei Gummimenschen gesehen hatte. Schon in diesem Augenblick wusste Clarissa, dass sie diesen Augenblick niemals vergessen würde und sie wusste auch, dass die Erinnerung daran immer mit dem Gedanken verknüpft sein würde, wie blöd ihr erster Eindruck gewesen sein mochte, als ihr das Maul aufgeklappt war und sie Max Berger angegafft hatte. Sie musste ausgesehen haben wie jener Dorftrottel in den tiefen Sechzigern, als er vor Staunen fast in den Fernseher gekrabbelt wäre. Hatte auf den Namen Heinrich gehört und war beim Anblick der Flimmerkiste beinahe hineingekrochen. Auf den Zuruf aus etwas größerem Abstand könne er viel besser sehen, sei er zwei Schritte zurückgegangen, um im nächsten Moment wieder drei vorzugehen. Ihr Vater liebte die Geschichte und meinte, wir hätten das Staunen vergessen. Aber das stimmte nicht, denn Clarissa staunte und lächelte endlich. Denn Max Berger stand Kopf.
Lächerlich haarlose Unterschenkel reckten sich aus den auf die Knie gerutschten Hosenbeinen. Keine langen Unterhosen. Zwanzig Zentimeter über ihrer Augenhöhe hingen makellose Mokassins in der Luft. Seine Socken so rostbraun wie die Schuhe. Die Unterhosen waren nicht nötig, ihr Chef sorgte selbst dafür sich lächerlich zu machen, wie er da auf dem Kopf stand und die käsigen Unterschenkel zur Schau stellte. Wann würde sie wieder Gelegenheit bekommen auf ihn runterzuschauen? Es war so schön sich überlegen zu fühlen.
Max sah das anders. An der Schuhspitze ihres linken Fußes konnte Schuhcreme eine klaffende Schramme nicht kaschieren. Von den Schuhen, die Beine hinauf glitt Maxens Blick über Clarissas Bauch zu ihren Brüsten. Donnerwetter! Wohl fünf Sekunden lang lag sein Blick mit interesselosem Wohlgefallen auf Clarissas Brüsten. Dann blickte er in putzige Nasenlöcher.
Langsam verlor sich die Blödheit ihres Mundes im immer weiter werdenden Lächeln, als würde sie ihn in langen Unterhosen sehen. „Noch fünfzehn Sekunden“, quetschte Max heraus.
Er schloss die Augen und schien etwas zu murmeln. Clarissa zählte bis fünfzehn. Max klappte zusammen. Zwei drei eckige Bewegungen und seine Knie knallten auf den Boden. Er rappelte sich hoch, wie einer der Yoga nötig hatte, irgendwie winklig wie das Sony-Hündchen Männchen machte. Er streckte beide Arme in die Luft, sein rechter Arm wurde teleskopartig immer länger, als wollte er Kokosnüsse pflücken.
Seine Strahleaugen passten nicht zu seinen Mundwinkeln, die den ausgestreckten Arm kommentierten: Keep your distance!
„Clarissa Klabund.“
„Mit dem Schriftsteller verwandt?“
„Nein, ich heiße wirklich Klabund.“
„Wie?“
„Klabund war der Künstlername von Alfred Henschke.“
„So, so“, sagte Max und zählte die Ringe in ihrem linken Ohr.
„Und Sie? Verwandt mit Senta?“, fragte Clarissa.
„Können Sie schweigen?“
„Klar!“
„Nein!“
„Doch, kann ich!“
„Nein, bin nicht mit ihr verwandt.“
„Warum soll ich dann schweigen?“
„Sind Sie Polizistin?“
„Ja!“
„Finden Sie es heraus.“
Clarissa nahm sich vor, seinen Mund zu beobachten, wenn sie wissen wollte, was er meinte. Die Zuckungen seiner Mundwinkel verrieten ihn.
Am rechten Ohrläppchen von Clarissa baumelte eine Art Mobile. Elf immer größer werdende Ringe liefen ihren linken Ohrrand hinauf. Das war sie. Diese durchlöcherte Libelle sollte seine neue Mitarbeiterin sein. Na Prost! Zu jung! Alles noch schön symmetrisch im Gesicht, keine einseitige Verzerrung der Schnute. Auch keine durch einseitiges Hochziehen auf die Stirn gerutschte Augenbraue. Allein zum Abküssen des Halses brauchst du 33 Minuten, dachte Max.
Wenn sie unsicher war, stellte Clarissa sich die Leute unter der Dusche vor mit ihren Faxen und albernen Ritualen oder beim Scheißen und Abwischen. Machte die Menschen verletzlich und lächerlich. Berger gehörte wohl nicht zu den Leuten, die aus dem Duschen ein Gesamtkunstwerk machten. Und trällerte auch keine Lieder von Albers oder den Beatles. Exaktes Einseifen und dann mit dem Strahl den Dreck runter. Basta! Effizient und ohne Brimborium.
„Kommen Sie mit“, sagte Max, „ein Verhör, Anklage wegen Vergewaltigung.“ Er hoffte, der Kerl würde ein übler Rohling, ein aus einem Kadaverkopf gezerrter Aal sein. Glitschiger Schrecken sollte ihr ins Gebein fahren. Er würde schon herausfinden, warum Hollerkoop unbedingt wollte, dass er mit diesem perforierten Früchtchen zusammenarbeiten sollte.
Clarissa war glücklich, dass sie sofort ernst genommen wurde, gleich mitmachen durfte, wenn es heikel wurde. Gleich ein Vergewaltiger, so ein Testosteron-Opfer, das war nach ihrem Geschmack. War ein bisschen schroff und kurz angebunden, dieser Berger, aber hinter der ersten Wirklichkeit gab es mindestens noch eine zweite oder dritte; sie war katholisch genug aufgewachsen um das zu wissen. Mit einem Wort, sie fühlte sich tief willkommen.
„Basketball oder Rugby“, fragte Max, als er links rechts, rechts links nicht an ihr vorbeikam.
Fritz stand in der Bürotür. „Max es wird Zeit, der Kerl wird unruhig. Und Sie, wer sind Sie?“, fragte Fritz, der natürlich wusste, wer sie war.
„Ja aber, Sie sind doch informiert, dass ich heute anfangen würde.“
„Junge Frau“, sagte Fritz, „wenn ich noch alles wüsste, was ich mal gewusst habe, dann könnte ich im Zirkus auftreten oder bei Jauch eine Million machen.“
„Clarissa Klabund“, sagte sie.
„Fritz Zippel“, er reichte ihr seine Hand, die ihn in ihre Kindheit zog. Ein Kinderbuch. Der erste Satz: „Zippel und Zappel waren zwei Zwerge.“
„Wo ist Josephs?“, rief Frauke dazwischen.
„Musste weg.“
„Weshalb?“
„Seine Tochter stand in Flammen.“
„Was, schon wieder? Glaubt ihm doch sowieso keiner mehr.“
„Wer vertritt ihn?“
„Die Miller.“
„Scheibenhonig!“
„Aber du warst doch auch zu dem Seminar.“
„Eben.“
„Was? War die Miller auch dort?“
„Jaja, ich meine, nein nein, so ein Typus wie die Miller halt.“
„Auch zu gescheit für die Ruhe der Leute?“
„Ja.“
Clarissa erinnerte Max an seine Schwester. Es waren nicht die Augen, auch nicht die schnuppernde Kräuselung der Nase, es war ihr Ballerinen-Hals.
Clarissa versteckte ihn in Rollis, so gut es ging. „Giraffenhals“, hatte ihre Mutter sie gerufen. Niemand hatte besser verletzt als ihre Mutter, niemand hatte sie stärker gemacht.
„Warten Sie, bevor wir zum Vergewaltiger gehen, ich muss mal eben, einen Moment. Warte mal.“
„Ist er schon überführt?“
„Nein, wieso?“
„Wegen Vergewaltiger“, sagte Clarissa.
„Ja, ich bin sofort zurück.“
Clarissa hatte sich den Kommissar anders vorgestellt, älter oder nicht so in Schale. Seine Augen waren ihr sofort aufgefallen oder die Mundwinkel? Da war etwas mit seinen Augen, die vor ihr anhielten, als würden sie sich entzünden, wenn er sie mit seinen Augen berührte. In den Mundwinkeln zuckten immerzu diese Spitzbubenfältchen. Und seine Schuhe, erstaunlich! Ein Kommissar mit handgemachten Schuhen, wahrscheinlich aus England.
„August, ist der zweite Wagen fertig?“, fragte Max seinen Kollegen vorm Bildschirm.
Wenn August an einem Bericht arbeitete, verfasste er einen Bericht und knabberte Erdnüsse dazu. Solange er nicht fertig war, wanderte sein Blick vom Blatt auf seinem Schreibtisch zum Monitor und wieder zurück. Ohne Unterlass. Lasst mich in Frieden!
„Ist der zweite Wagen wieder fertig?“, rief Max.
Die Meinungen im Büro waren gespalten. Die eine Fraktion meinte, August sei so konzentriert bei der Arbeit, dass er die erste Frage niemals hörte, weshalb jede zweimal gestellt werden müsste, dagegen war die Mehrzahl der Kollegen der Meinung, er wäre nur etwas langsamer. Freundlichere Zeitgenossen nannten es „gründlicher“.
„August, ist der zweite Wagen wieder fertig?“
Ohne vom Bildschirm aufzusehen, fragte er: „Was für ein Wagen?“
„Das Sternbild.“
Unbeirrt klackerte die Tastatur.
„Der zweite Wagen, ist er fertig?“, fragte Max. „Fertig, der Wagen, meine ich.“
Schon wieder dieser Baum, dachte Max Berger, als er mit Clarissa den Befragungsraum verließ. Überall hingen jetzt diese Plakate mit so einem Prachtbaum, der für sich selbst Reklame zu machen schien. Bäumen war nicht zu trauen, sie hatten eine Tendenz sich nachts zu verstecken.
Clarissa blickte sich schnell um, ihrem Gespür folgend alle Blätter hätten ihr hinterher gestarrt und nachgezwitschert. Jetzt taten sie, vollkommen unschuldig. „Und“, fragte Max, „was halten Sie von seiner Geschichte?“ Ich würde ihn sofort kastrieren, dachte Clarissa, sagte aber: „Ist ein arroganter Gorilla.“
„Und hat er sich widersprochen?“
„Ich glaub ihm nicht, aber widersprochen, nein. Das nicht. Aber die Motive, die er der Frau unterstellt, weshalb sie ihn angezeigt hat, das ist doch erbärmlich“, sagte Clarissa.
„Halten Sie nicht für plausibel?“, fragte Max.
„Könnte schon sein, ja schon, aber das ist einer, der so was erfindet.“
„Und erfinden Sie nicht gerade einen Vergewaltiger?“, fragte Max.
„Sie meinen, er war es nicht?“
„Wir brauchen die Version des Opfers. Wir müssen Erzähllogik und Handlungslogik vergleichen“.
„Ja natürlich“, sagte sie. „Erzähllogik und Handlungslogik“, was er damit meinte, war ihr ein Rätsel. Und so waren es die letzten Worte, die Clarissa nach dem ersten Tag mit in den Schlaf nahm, während sich seine zwitschernden Mundwinkel auflösten.
Max schloss die Augen. Wieder hatte er es nicht geschafft. Die Wasserstrahlen prasselten in sein Gesicht, doch den Moment der perfekt gerundeten Perlen hatten seine blöden Augen nicht mitbekommen. Seit er die Filmszene gesehen hatte, trainierte er das Kunststück. Ein Kommissar stand unter der Dusche, hob den Blick und aus dem Duschkopf quollen Wasserperlen, dann die Kamerafahrt ins Gesicht, die geschlossenen Augen, das rinnende Wasser.
So sehr Max sich bemühte, seinen Augen die extreme Zeitlupe beizubringen, ein paar Jahre würde er dazu wohl noch benötigen. Nicht allein des ästhetischen Reizes wegen, auch in seinem Job wäre der genaue Blick von Vorteil. Doch der hübsche Perlenspuk war natürlich nur ein technischer Zauber und gehörte eben zum Privileg der Medien mit Bildern zu lügen.
Die Augen noch immer geschlossen, hielt Max sein Gesicht in die Brause, bis die gespannte Stirn weich und geschmeidig wurde, herabtropfte und im Abfluss davon gurgelte. Ohne Dusche wäre das Leben ein Irrtum, dachte er mit ironischen Fältchen in den Mundwinkeln.
Mit einem Ruck drehte Max seinen Rücken ins Wassergeprassel. Er wollte das Bild nicht mehr sehen, aber es hatte die Drehung mitgemacht: Blut und Fleischfetzen in der zerbombten Pizzeria. Am Abend nach dem Attentat hatte seine Schwester am Telefon gelacht: „So schlimm ist es nicht, wirklich nicht. Das sind nur deine Vorstellungen und die Medien, die blähen alles auf. Das weißt du doch, die Medien lügen. Ich fühle mich sicher.“ Max rieb den Schrecken aus seinen Augen. Die Medien ja, die logen, aber nicht die Bomben.
Das Hirn ist immer nur fähig eine Vorstellung zu halten, sagte er sich und hörte den kehligen Gebetsruf auf dem Basar in Damaskus. Doch wohin er seine Fantasie auch schickte, die Schreckvisionen verfolgten ihn, ungebeten, ungerufen, überraschend. Auch in seine Nachtstunden blitzten die blutigen Bilder. Er wunderte sich aber auch über sich selbst, das Vergessen nicht lernen zu können. Und immerfort am Vergangenen zu hängen: Mochte er noch so weit, noch so schnell laufen, die Kette lief mit. Es war ein Wunder: der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kamen die Gedanken doch noch als Gespenster wieder und störten die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwährend fielen Bilder aus den Alben der Zeit, flatterten fort - und flatterten plötzlich wieder zurück, ihm in den Schoß. Beneidenswert das Tier, es frisst, es weiß nicht was gestern, was heute war, läuft umher, ruht, verdaut, frisst wieder und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tag zu Tag, kurz angebunden mit seiner Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig.
Mit geradezu teuflischer Heimtücke ergriff sein Hirn jeden beliebigen Eindruck, um ihn mir nichts dir nichts mit den Gefahren für seine Schwester in Israel zu verbinden. Vom herbstlichen Regen sprang seine Angst zu Monika in die noch immer sommerwarmen Gassen, durch die Menschen sich drängten. Nicht mehr so viele, aber noch immer viel zu viele. Am harmlosen Bus konnte Max nicht vorbeigehen. Seine Fantasie ließ sofort Scherbenwolken vor seine Füße klirren. Ein Lieblingssong im Radio und schon war er schweißnass. „The room was humming harder as the ceiling flew away…” Die Angst um seine Schwester war kreativ, lag immerzu auf der Lauer, um aus harmlosen Situationen entsetzliche für seine Schwester zu machen.
Eingehüllt in dampfende Wärme, rollte Max seine knochigen Schultern im trommelnden Wasser, nahm den Brausekopf aus der Halterung und richtete den Strahl in seinen Süden, behutsam, um den Schlafenden nicht zu wecken.
Wie das gut gehen sollte mit dem jungen Ding, war ihm ein komplettes Rätsel. Ihre Brüste, Donnerwetter! Ganz ruhig! Das Handgelenk wird nicht strapaziert. Einmal gesehen und schon waren die Vorstellungen und ganz handfeste Reaktionen da. Mein lieber Scholli! So schnell wie möglich musste er sie wieder loswerden, bevor es ernst wurde, bevor ein langwieriger Mordfall sie aneinander kettete. Sollte Hollerkoop doch kollern.
Die einfachen Bösen, die verrückten Bösen und die zufällig Bösen würden in naher Zukunft nicht aussterben, sinnierte Max. Wenn die Welt aus den Fugen geraten ist, muss ich sie wieder einrenken. Kein übler Job. Eigentlich konnte er es an Glückseligkeit mit den Göttern aufnehmen.
Und was machen Sie so? Nun ja, ich bin Welteneinrenker, von Beruf Welteneinrenker. Wenn ich sie wieder eingerenkt habe, sind die Ermordeten noch immer tot, aber die Täter sind hinter Gittern.
Dass die Opfer nicht heulten und klagten, war ein Vorteil, anders als die Angehörigen, gegen deren Schmerz er sich versteinern musste.
Die Menschen mochten den Gedanken an die Sterblichkeit partout nicht. Wie er die Flachköpfe liebte, die ihnen das vorwarfen: Verdrängt werde der Tod in unserer Gesellschaft. Beim nächsten Mal würde er die Pistole ziehen, wenn einer die Leier drehte.
„Halten Sie die dumme Schnauze! Das ist die große Gesundheit, nicht an den Tod denken zu wollen. Ich will Ihnen mal sagen, worauf es ankommt. Nehmen Sie das Leben ernst! Wie schauerlich achtlos gelebt wird, das ist eine Schande! Es kommt darauf an, die Gedanken an das gute Leben hundertmal bedenkenswerter zu machen als ans blödsinnige Ende. Und hier noch eine Zugabe vom klugen Rühmkorf: Und am Ende sehnst du dich dann nach den Tagen, die du jetzt so lieblos verabschiedest. Lernen Sie den Satz auswendig und handeln Sie danach!“
Mindestens einmal in der Woche nahm Max sich vor, bewusster zu leben, achtsamer wahrzunehmen, sich im Genießen höherer Genüsse zu üben. Er wollte Feinschmecker werden und Musikkenner und Weinschmecker, ja, es kam darauf an seine Sinne so fein zu schleifen, dass sie noch dort wahrnahmen, wo nur spezialisierte Fledermaus- oder Hundesinne wahrnehmen konnten. Es galt die physikalischen Grenzen der Sinne zu überschreiten, dazu gehörte auch, das Gras wachsen zu hören.
Telefongezeter stoppte das Fließen seiner Fantasien.
„Wo?“, fragte Max.
„Ach was? Jetzt also auch dort?“
Max trat noch einmal unter die Dusche: heiß, kalt, heiß, kalt. Als er sich bückte, um einen ergrauten Blütenkorb aus der Abflussöffnung zu entfernen, war es eine nahezu farblose, der Kanalisation entstiegene Riesenspinne.
Von Herkunft und Bildung aufs Beste darauf vorbereitet, könnte ich aus dem Mord eine Kunstform machen, aber daran denke ich nicht, ja, nichts liegt mir ferner, als den Medienfuzzis auch noch die Arbeit zu erleichtern. Von mir wird es keine billigen Überschriften geben, die mich feiern als Magier des Mordes oder so.
Wie viele Morde es am Ende sein werden, ist noch ganz ungewiss. Wenn es nur sieben sein müssten, soll mir das auch recht sein, ist aber eher unwahrscheinlich. Wenn es ernst wird, merken die so schnell nichts und wenn ich sieben mal sieben Menschen verabschieden muss, dann werden es eben 49 sein.
Den Ersten werde ich in den Kopf schießen. Das ist sicher und geht schnell. Das Zentrum der Verblendungen und Verblödungen sitzt im Kopf, das Ärgernis hat seinen Kern im Hirn.
Mein erster Auftritt wird kurz sein, ich werde die Bühne betreten und hoffe auf ein geistesgegenwärtiges Handy, das die Szene mitfilmt. Ein Schuss, kein Schrei! Dann der Rückzug ohne Hast. Verblüfft wird das Publikum eine ganze Weile lang still und starr verharren. Ein Gag vom Meister, eine seiner Überraschungen, werden sie denken. Den Spaß mich anschließend unter die Leute zu mischen, werde ich mir verkneifen müssen. Wäre sicherlich äußerst erheiternd, ihren Spekulationen übers Weshalb und Warum zu lauschen, aber ich würde unter den Schnatternden auffallen. Und was würde ich schon hören? Sie schwatzen nur nach, was ihnen eingetrichtert wird.
Aus meiner Wohl-Tat werden sie das übliche Verbrechen machen. Und das Böse, das ewig Böse wird die blöden Seiten und Sendezeiten füllen. So wie sie es gelernt haben, werden sie die Motive an den Fingern einer Hand herunterzählen. Und je nach Seelenneigung bevorzugen sie Habsucht, Rache oder Eifersucht. Oder das Böse, wenn sie nicht weiterkommen, dann stammeln die Hammel immer noch mystisch: das Böse, hahaha!
Sie glauben an die Worte, an die lächerlichen Leichen der Abstraktion. Auch wo sie nichts zu sagen haben, schweigen sie nicht, sondern erfinden sich tausend Nebelwörter, mit denen sie die Köpfe und Unmittelbarkeit der Wahrnehmung verderben. Die ganze neuere französische Philosophie nichts als Nebel. Professor Liedvogel sowieso. Sie sind taub für die Gefahren der Worte; ich weiß, was die leeren Worte anrichten und wie krank sie machen können. Ich will nicht länger zuschauen. Sind ja keine banalen Morde, sondern Hinrichtungen und weiß Gott (Nebel) nicht böse gemeint, hahaha!
Gut, soviel gebe ich zu, meine Exekutionen können sich nicht auf staatliche oder religiöse Absegnungen berufen, aber meine Reinigungsarbeit wird einen bedeutenden Teil meines Lebenswerkes ausmachen, Grund genug, um der Sache ihren angemessenen Namen zu geben.
Zig mal im Kopf durchgespielt, werde ich hineingehen, wenn er die neue Szene ankündigt und darum bittet, das Licht möge gelöscht werden. Dann beginnt mein kurzer Auftritt zu seinem langen Ende.
Da staunst du nun mein Lieber. Eine echte Pistole. Sagst doch gern, die Macht stecke heute viel mehr in den Symbolen als..., von den Medien gehe alle Macht aus. Nun sei mal kein Spielverderber, nicht ich bin schuldig an deinem Tod, sondern die Kugel, die sich jetzt in dein Hirn bohrt, nicht durch mich stirbst du, du krepierst durch die Kugel. Ha, ha! Durchs Medium!
Max frottierte sich sorgfältig ab, der Mörder würde nicht auf ihn warten und dem Toten konnte es egal sein, wann er sich über ihn beugte.
Ein Mord in den Elfenbeintürmen also, unter den Eierköpfen oben auf dem Berg. Spitzenmilieu, aber miese Charaktere. Max bewunderte die Unerschütterlichkeit der Gerichtsmediziner. Sein Magen schrie nach einer Pizza oder einem Döner, aber sein Verstand sagte: nein! Jeder Bissen würde sich später rächen. Seine spezielle Diät: Morde.
Max zog sich an, ging zum Kühlschrank und überlegte, was sich anbot auf die Schnelle. Ein kaltes Stück Pizza oder Käse. Eine Gurke? Für solche Zwecke trug er in der linken Hosentasche ein Fünfmarkstück, eine 68er Fehlprägung. Auf beiden Seiten Kiesinger. Die Münze wirbelte durch die Luft: Ohr oder Nase. Dem einen Kiesinger fehlte die Nase dem anderen das Ohr. Die Nase entschied, was seinen Magen beruhigen sollte. Ein Fitzelchen vom zerfließenden Camembert ließ Max so sorgfältig auf der Zunge zergehen, als fürchtete er im Leben nichts mehr zu bekommen.
Der Ort bestimmte immer mit, wie gemordet und was aus den Leichen wurde. An der Uni war nicht mit aufgedunsenen Wasserleichen zu rechnen, immerhin. Gift oder Pillen waren ihm am liebsten. Eine saubere Angelegenheit. Die Hausmorde gingen auch noch, man nahm, was man zur Hand hatte: Messer, Axt oder Hammer.
Der Anfang seiner Arbeit war langweilig: Spurensuche, Zeugensuche, Motivsuche. Ihn trieb etwas anderes, der Augenblick nämlich, wenn er dem Mörder in die Fresse lächeln konnte. Die Morde mussten für ihn sichtbar werden, wie ein Film musste eine Folge von Bildern abrollen. Aus dem Wirbel des Werdens heraus mussten die Bilder sich sondern und lösen, die zeigten, wie etwas das wurde, was vorher nicht war. Sein Film begann am Ende, beim letzten Bild, beim Ermordeten auf dem Boden.
Mord auf leerem Magen, das war eine verfluchte Rücksichtslosigkeit. Andererseits war er froh noch kein volles Mahl im Magen zu haben. Spaghetti Bolognese oder Lasagne wären besonders übel.
Er musste achtgeben, dass das feuchte Früchtchen nicht zusammensackte, mit Blut und Hirn war zu rechen. Unzumutbar eigentlich für jeden Anfänger. Er war aufgewachsen mit verblutenden Menschen. Aber den Ekel, die Abscheu vor dem schmierigen Tod hatte er kaum mindern können. Andererseits wäre das eine Gelegenheit sie abzuschrecken, vielleicht kam sie zur Einsicht, dass die Mordkommission nichts für sie war. Problem gelöst, andererseits war da dieses dralle Donnerwetter.
Sie wolle unbedingt mit, deswegen habe sie sich ja schließlich für diesen Job entschieden, um Morde aufzuklären, hatte sie am Telefon gesagt. Und wenn sie Morde aufklären wolle, dann ginge das irgendwie nicht ohne Leichen ab. „Oder?“, hatte sie gekontert. Die Logik war auf ihrer, seine Stellung als Vorgesetzter auf seiner Seite.
Aber das hält die nicht aus, die bricht mir zusammen, dachte Max. Er kannte sie erst seit drei Tagen. Gut, wenn sie unbedingt wollte, sollte sie doch mitkommen und umkippen. Erfahrung macht hart, ob auch klug, das war eine ganz andere Frage.
Vor drei Tagen das Verhör des möglichen Vergewaltigers. Das war kein schlechter Anfang gewesen und jetzt ging es schon zu ihrem ersten Mordfall.
Clarissa betrachtete Berger aus den Augenwinkeln und fragte sich, als sie bei den Schuhen angekommen war, wovon er mit den spiegelnden Tretern ablenken wollte. Überhaupt traute sie einem Mann eigentlich keinen Geschmack zu in diesen Dingen, schwule Modedesigner mal ausgenommen, und folgerte, dass hinter seiner Fassadengestaltung entweder eine Frau oder professionelle Beratung steckte. Sie würde schon dahinter kommen.
Es gab so Sätze und Fragen, die sie sich für ihre Arbeit bei der Mordkommission zurechtgelegt hatte: Wovon wollen die Leute ablenken mit dem, was sie von sich zeigen? Will er mit seinen schlabberigen Cordhosen vom Storchengang ablenken? Was soll das Sichtbare verbergen? Zwar flusenfreie Oberfläche, aber darunter ein chaotischer Geist?
Sie hatte Zeit und würde auch herausfinden, weshalb er so blass war und warum er jetzt Perlchen von seiner Oberlippe wischen musste. Er schwitzte.
Max konzentrierte sich ganz aufs Fahren, folgte den Lichtbalken der Scheinwerfer, als führe er auf Schienen.
Obgleich er ihr angespannt erschien, zuckten selbst jetzt Fältchen der Verschmitztheit in seinen Mundwinkeln, sozusagen um ihrer selbst willen, ganz ohne Wirkungsabsicht. Dass es so was noch gab. Berger tupfte seine Oberlippe trocken mit einem Stofftaschentuch. Clarissa machte einen kleinen Hüpfer in die Zukunft, in der sie sofort nach dem Taschentuch tauchen wird, sollte er es fallen lassen, um die Wette mit sich selbst zu gewinnen, dass in einer Ecke ein gesticktes MB zu finden war.
Clarissa war kalt vor Aufregung. Sie zitterte vor Anspannung und ein kalter Schweißtropfen rollte aus ihrer Achselhöhle. So lange hatte sie darauf gewartet, auf ihren ersten Mord.
„Sie halten sich zurück, bis die Leiche - ich möchte nicht, dass Sie umkippen“, sagte Max.
„Nur, wenn ich mitsehe, kann mir was auffallen“, sagte Clarissa.
„Stimmt“, sagte Max.
„Ich kann also mit?“
„Nein, Sie halten sich zurück.“
„Aber wenn ich nicht sehe, wie er ermordet wurde, dann kann ich nicht...“
„Was erwarten Sie?“
„Wo der Professor getroffen wurde.“
„Werde ich Ihnen sagen.“
„Was man sieht, ist tatsächlicher, vielfältiger, genauer...“
„Sie meinen blutiger...“
„Der Einschusswinkel, und so...“
„Kann man nicht sehen, müssen uns die Gerichtsmediziner liefern.“
„Wie er liegt und wo genau er getroffen wurde, wie er kuckt, vielleicht hat er den Täter noch erkannt.“
„Und das lesen Sie dann in seinen Augen?“
„Ja, schon möglich.“
Anders als seine Kollegen, die den Tod nur vom Hörensagen kannten, war Max mit dem Tod auf Du und Du aufgewachsen. Dennoch hatte er sich nicht an den Anblick von Toten gewöhnen können.
Blätter huschten über den Parkplatz wie tanzendes Getier. Max liebte den Herbst, wenn Regen gegen die Fenster pladderte, die Vögel verstummt waren und wenn an besonderen Tagen der Geruch von Kartoffelfeuern von der Egge herunter in die Stadt wehte.
„In welchem Zustand war der letzte Tote, den Sie gesehen haben?“, fragte Max.
„In gar keinem“, antwortet Clarissa.
„Hinweggeschlummert, ganz passabel anzugaffen?“
„Nein, ich habe noch nie einen Toten gesehen.“
„Dann bleiben Sie im Hintergrund. Sonst...“
„Ich möchte nicht geschont werden, bin ich bei der Mordkommission oder was? Ich werde es überleben.“
„Überleben, überleben! Sicher überleben, oder haben Sie einen Herzfehler?“
„Ich will keine schöne, sondern eine wirkliche Leiche“, sagte Clarissa.
„Bitte sehr“, sagte Max und Clarissa bemerkte, dass er schon wieder in die Innentasche seiner Jacke griff, zum dritten oder vierten Male.
Vor dem Hörsaal C2, gegenüber der Bibliothek, dröhnten Studenten im Pulk. „So was gibt es doch nur in drittklassigen Krimis, Mord in der Uni“, hörte Max eine Studentin sagen. Seine spitzen Ellbogen halfen ihm ganz ungemein, sich einen Weg durch die Meute zu bahnen. Max trat in den Hörsaal und fand sich am oberen Rand einer fensterlosen Betonschachtel. Über abfallende Stuhlreihen lief sein Blick zur Plattform hinunter. Eine Leinwand verdeckte einen Teil der graugrünen Tafel. Für diese Augenblicke hatten die Yogaübungen auch nicht geholfen, sich aber selbstständig gemacht als zweimalige, dreimalige tiefe Zwerchfellatmung.
Vor einer Stunde noch hatte der Kerl da unten seine Studenten mit Weisheiten gefüttert. Zumindest konnte Max sicher sein, dass noch keine Maden in den Augenhöhlen wimmelten, noch keine Schnecken am schleimigen Fleisch saugten. Er fasste in die Tasche, nein, er hatte sie nicht vergessen wie beim letzten Male. So peinlich, so verdammt peinlich.
Einmal hatten sich Mäuse in die Bauchhöhle einer Leiche eingenistet. Oder hatte Benn ihm das erzählt? Entsetzlich, wenn Fliegenschwärme vom Unterleib aufstiegen und sich im matschigen Gesicht wieder niederließen. Zum Kotzen, wenn sie nur noch Stücke fanden, hier eine Hand und aus dem Tümpelschlamm zog man den abgetrennten Kopf, glitschig und angenagt.
Eine Leiche, in einer Plastikplane eingewickelt, hatte im flachen Wasser gelegen und vermutlich an besseren Tagen zu viele Horrorfilme gesehen. Jedenfalls ließ sie es sich nicht nehmen selbst jetzt noch als mausetotes Skelett ein übles Horrorklischee nachzuäffen, indem der rechte Knochenarm aus der klaffenden Plane hoch in die Luft griff, um dann klappernd auf dem Plastikwickel zusammenzuklappen. Grässlich!
Aber wenigstens war das Blut verschwunden, das verfluchte Blut, wenn die Leichen schon länger gammelten. Max fasste in die Innentasche seines Jacketts. Zum sechsten Mal. Clarissa hatte mitgezählt.
Max blickte zur Seite, schaute ihr in die Augen, sah ihren Willen und ihre zusammengepressten Lippen und wusste, was zu tun war, wenn sie schlappmachte. Einfach hinklatschte. Er würde vorgehen und sich die Sache ansehen. Wenn sie dann unbedingt wollte, sollte sie doch. Zwerchfellatmung, zweimal, dreimal.
„Ich winke Sie runter, warten Sie hier oben einen Moment“, sagte Max und nahm jede Stufe, als würde er zur Hinrichtung geführt. Die ersten zehn Sekunden oder so musste er überstehen, dann hatte er gewonnen, dann konnte er sich um die Details kümmern, und wenn er die Details hatte, konnten die Spurensammler den Rest erledigen.
Wenn dies ein Film wäre, dann würde die Kamera jetzt den gekrümmten Mann zeigen neben der Leinwand im Kreidestaub auf grauem Linoleumboden. Der Schwenk zurück zu Max läuft über die Seitentür. Das Leuchtschild darüber hängt an Strippen aus der Wand, steht auf dem Kopf: gnagsuatoN. Max zögert, bleibt auf halber Höhe stehen. Großaufnahme aufs Gesicht: käsig und glänzend, nervöse Mundwinkel.
Wieder Schnitt zum Toten auf dem Boden, die Haare kurz und dicht, nicht mehr dunkel, aber noch nicht völlig weiß, schon älter, aber noch nicht wirklich alt. Sein Kopf im Blut.
Maxens Blick auf die Leiche ist ein erzwungener, kein kalter Blick, während er um den fötalgekrümmten Körper herumschleicht. Er muss hinschauen. Ist sein Job Spuren zu finden. Er muss ganz dicht ran, sich neben die Leiche knien, sich über den Kopf beugen. Was hochkommt, würgt er zurück.
Aus dem Einschussloch war das Blut nach rechts über die Stirn und dann über die Backe zum Boden geflossen, war nicht mehr blutrot, sondern bräunlich, verkrustet. In den aufgerissenen Augen der Schreck. Oder? Oder Überraschung?
Max stand auf und wusste, dass er es heute nicht schaffen würde, zog die Tüte aus der Jackentasche und eilte zur Seitentür mit dem Schild: gnagsuatoN.
„Was machst du da? Nicht!“, rief ihm Heugabel nach. „Die Klinke nicht anfassen!“ Max drehte sich nicht um, drückte die Klinke mit dem Ellbogen runter, verschwand in dem Gang hinter der Tür und kotzte im Rhythmus der hochkommenden Bilder in die Tüte: die schmerzkrumme Lage des Mannes, das Blutloch, die Glasaugen - sein Magen zog sich zusammen; Säure schoss hoch, verbrannte ihm die Speiseröhre; das Blut, das Blut - dann weitere harte Konvulsionen. Tomatenschalen, ein Apfelsinenkern, Camembert Schleim, ein Spritzer Kaffee und Schinkenfetzen im Wert von einem Eurozwanzig füllten die Tüte - alles in allem drei Euro und achtzig Cent an Nahrungsmitteln.
Als Max aus dem Gang wieder in den Hörsaal trat, hockte Clarissa neben der Leiche.
„Nichts berühren!“, rief er.
Sie schaute nicht auf, sondern schüttelte ihren Kopf sachte und lächelte nachsichtig.
„Interessant“, sagte sie, „schrecklich und interessant“.
„Hier“, sie stand auf und hielt ihm einen Kaugummi hin. Hatte sie etwa gesehen, dass er - oder gehört, vielleicht war es auch zu riechen, sicher es war zu riechen, Kotze süßsauer. Hatte er sie unterschätzt, sie schien ganz ruhig und gelassen neben dem Toten, aber die Wirkung konnte später einsetzen. Die Bilder fielen in den Schlaf ein, kamen zurück als wüste Traumgebilde.
„Hier, nehmen Sie schon, das beruhigt.“
„Nein, danke“, sagte Max.
Kauer kommen in den Himmel, Raucher in die Hölle, hatte ihre Mutter gesagt, sie aber sagte: „Kennen Sie die neusten Ergebnisse von Professor Linke aus Bonn? Sollten Sie ernst nehmen. Kluger Kopf, hat festgestellt, dass Kauen das Denkvermögen anregt“, sagte sie.
„Nein heißt nein“, sagte Max.
Dann eben nicht, dachte sie. Wahrscheinlich blieb Berger beim Nein, weil er nach seinem Kotzgang den bestimmt Auftretenden markieren wollte. Wo aber hatte er die Kotztüte gelassen? Vielleicht gab es im Gang eine Toilette oder einen Papierkorb, aber nein, dort würde die Spurensicherung darauf stoßen. War seine Jackentasche ausgebeult? Jedenfalls gab es keine Spritzer auf seinen blendenden Schuhen.
Hundert Leute oder so hatten gesehen, wie der Mord passiert war. Was blieb da noch für seine ausdichtende Phantasie, fragte sich Max. Der Hergang war also klar, jetzt noch die Motive und schon hatten sie den Täter. Die Schlauen waren die Dummen, wenn sie es ganz schlau anstellen wollten, das war eine eiserne Regel der kriminologischen Grunderfahrung. Ohne Ausnahme? Ja, ohne Ausnahme.
Was wusste Max über die Uni? Eine Ansammlung der besten Köpfe, allesamt den großen Ideen von Toleranz und Fairness verpflichtet, was sonst? Hier traf sich die Hirn-Elite des Landes, die kolossalen Geister auf ihren Gebieten, alle durch und durch beseelt von Forscherdrang und der Verwirklichung der großen Menschheitsideen. Nobelpreisaspiranten! Die Uni war der Tempel, in dem Verständnis und Redlichkeit florierten, wo man frei und friedlich diskutierte, beglückt darüber jeden Tag hundert neue Ideen kennenzulernen, weil man der eigenen überdrüssig war und es natürlich darum ging, sich gegenseitig mit argumentativem Elan zu begeistern und zu bereichern. Das war sein Ort! Warum war er kein Professor?
Max blickte auf die Leiche und dachte, jetzt aber mal zurück in die Wirklichkeit, zurück zur Erde, die Uni ist auch nur ein gigantisches Affenhaus. Vor ihm lag der Professor, gekrümmt, als hätte er Gift im Leib, ermordet von so einem Uniarsch.
In Wirklichkeit war das doch geistige Inzucht, was die hier trieben. Schreibst du gut über mich, schreibe ich gut über dich. Du, ich habe da einen Studenten, ein Kopf wie Adorno hieß es bei den Gesellschaftswissenschaftlern oder wie Einstein bei den Naturwissenschaftlern. Du hast doch da dieses Projekt, komm, komm, jetzt hab dich mal nicht so, da ist doch was zu machen. Sie arbeiten sich zu oder sie arbeiten gegeneinander. Wer sich durchsetzen will, muss sich absetzen, wer sich absetzen muss, braucht Gegner, wer keine hat, muss sich welche machen, damit seine Stimme gehört wird im hohen Geschwätz.
Fälscht sogar ihre Ergebnisse, die nobelgeile Brut. Ruhmekel ist ihnen ein Fremdwort, sind so scharf auf Publicity wie drittklassige Schauspieler im Dschungel, sind selbst auch so Schauspieler - eben nur auf einer anderen Bühne.
Obwohl Max wusste, was bei der Befragung der Zeugen herauskommen würde, musste er sie interviewen. Er hatte die Wahl, sich über die unnütze Notwendigkeit zu ärgern oder etwas daraus zu machen. Er entschied sich für die förderliche Vorstellung, dass Routinen nur noch stärker machten. Statt sich die gesammelten Märchen der Studenten anhören zu müssen, würde er seine künftige Beförderung für eine Kameraaufnahme des Mordes geben.
Doch das Spiel musste gespielt, Märchen wollten erzählt werden. Er war gespannt, ob die Elite besser fabulierte.
Links und rechts oben im Eingangsbereich des Hörsaals mussten die Beamten immer wieder neugierige Studenten und Professoren aus dem Hörsaal drängen. Die beiden Assistenten von Prof. Liedvogel hatten sich wie gebeten zurückgehalten, schauten sich die Arbeit der Spurenleser an und steckten ein paar Mal die Köpfe zusammen.
Die scharf hervorspringende Nase und das Kraushaar von Zimmermann erinnerten Max an jemanden, mit dem er mal zusammen gespielt hatte, damals in Damaskus. Als er die Stimme des Assistenten hörte, zuckte er zusammen, auch der näselnde Tonfall war ganz ähnlich. Unheimlich!
Kürzlich hatte Max sich Stings Konzert vom Elftenseptember angesehen und ganz nebenbei hatte er in den Tagebüchern von Thomas Mann geblättert und schließlich zum ersten Band gegriffen. Und auf welchen Tag fiel der erste Eintrag? Auf den 11. September, allerdings 1918. Unheimlich! Aber letztlich nur allzu menschlich, der Glaube an den unheimlichen Zufall.
„Sie sind also Assistenten bei Liedvogel und haben sich die Vorlesung angehört?“, fragte Max
„Nein!“ Chrissi Hains und Robert Zimmermann hatten gleichzeitig gesprochen.
„Ich bin studentische Hilfskraft“, sagte Chrissi.
„Und zusammen haben wir für Professor Liedvogel PC und Beamer bedient“, sagte Zimmermann.
„Gut, aber Sie wollten bei ihm promovieren, kennen ihn schon länger?“
„Ganz richtig“, antwortete Robert.
„Und Ihr Thema?“
„Über die Glorifizierung der Gewalt im Kino zwischen Katharsis und Mimesis“, sagte Zimmermann.
„Und worunter fällt das hier“, fragte Max und zeigte auf die Leiche. „Katharsis oder Mimesis?“
Zimmermann zog die Schultern hoch und Max hatte den Eindruck, dass Robert Zimmermann nicht nur wegen der fiesen Umstände kein Mann des Lächelns, geschweige des Lachens war. Zugleich zeigte sein Gesicht den quälenden Kampf mit dem Gedanken, das gibt’s doch nicht, dieser gelackte Bulle weiß doch wohl nicht, wovon ich rede. Machen die Medien denn nun alles gleich? Bildung für alle, selbst das gemeine Volk ist nicht mehr mit bloßen Wörtern zu blenden.
„Trotzdem ist die Realität längst nicht so hoffnungslos und finster, wie uns die Meinungsindustrie das vorgaukelt“, sagte Zimmermann.
„Was Sie nicht sagen“, sagte Max, „Schon mal was vom Elftenseptember gehört, schon mal im Krieg gewesen, in Israel?“
„Alles nur Beispiele für mediale Überhöhungen. Der Elfteseptember ist ein Ereignis, das man in einer Unfallstatistik des Landes gar nicht wahrnehmen würde. Zwei oder dreitausend Tote innerhalb eines Tages liegen innerhalb der natürlichen Varianz.“
Zimmermann sprach’s so unbeteiligt nüchtern, als ob er von einer zwanzig Zentimeter langen Pommes spräche, die eben durchaus noch innerhalb der natürlichen Varianz liegt der hundertzwanzig Millionen Fritten, die in Deutschland täglich verspeist werden.
Nur feministische Hardliner, dachte Clarissa, würden den ersten Stein nach Berger werfen, weil er nicht in Roberts Gesicht blickte. Stattdessen fummelten Bergers Augen an Chrissi Hains herum. Männer waren zu unempfindlich, um zu bemerken, wann es unerträglich wurde. Wahrscheinlich die Gene. Hier Zimmermanns Knautschgesicht, dort Chrissis Knutschmund. Sie konnte es den Genen nicht verdenken.
Von Robert Zimmermann erfuhren sie, dass Liedvogel seine Vorlesungen gern am Abend hielt, der Konzentration wegen. Die Aufmerksamkeit sei dann gebündelter, die Banalitäten des Tages lägen hinter den Studenten. Die Vorlesung habe den Titel. Ein scheuer Blick zur Leiche. Habe den Titel gehabt: „Die Form bestimmt den Inhalt. Untertitel: Alle Wirkung kommt aus dem Medium, was gesagt wird, ist gleichgültig.“
„Und das bedeutet auch was?“, fragte Max.
„Ist eine Verfeinerung und Ausarbeitung der Formel von McLuhan“, sagte Zimmermann.
„Dann ist ja alles klar“, sagte Max.
„The medium is the message?”, fragte Clarissa.
„Ja, was sonst?”
„Und was haben Sie gesehen?“, fragte Max.
„Also, ich denke der Mörder hat den Zeitpunkt genau abgepasst. Bevor Jules seine Opfer erschießt, trägt er ihnen einen Bibelspruch vor, erst dann schießt...“
„Jules, wer ist Jules?“, fragte Max.
„Ein Killer in Pulp Fiction“, sagte Clarissa.
„Richtig“, schnarrte Zimmermann, „es ging in der Vorlesung um die Dekonstruktion dieser Szene. Professor Liedvogel hatte gerade die Analyse beendet und wollte sie noch einmal vorführen, als die Tür“, Zimmermann nickte zum gnagsuatoN, „aufging und der Mann hereinmarschierte und den Professor erschoss.“
„Würden Sie ihn wiedererkennen?“
„Nein, der Saal war verdunkelt, nur Liedvogel stand im Scheinwerferlicht.“
„Hat er noch irgendwie reagiert?“
„Nein.“
„Aus welcher Entfernung ist er erschossen worden?“
„Zwei oder drei Meter würde ich sagen.“
„Konnten Sie sehen, was er trug?“
„Ich konnte nichts sehen, ich wusste gar nicht, wohin ich sehen sollte.“
„Er trug einen Trenchcoat und es waren zwei Schüsse“, sagte Chrissi Hains.
„Das hast du gesehen?“, fragte Zimmermann.
„Gesehen und gehört.“
„Haben Sie ihn im Licht gesehen?“, fragte Max.
„Nein, nur im Halbdunkel, das hat ja gedauert, bis das Licht anging“, sagte Chrissi.
„Wieso gedauert?“
„Wir haben doch alle angenommen, das gehöre mit zur Vorlesung, dass er damit was demonstrieren wollte, ein Zeichen setzen, etwas zum Dechiffrieren“, sagte Zimmermann.
„Wie bitte, Sie haben nicht sofort das Licht angemacht, es gab keinen Tumult sofort?“
