Die letzte Lektion - Friedrich Wulf - E-Book

Die letzte Lektion E-Book

Friedrich Wulf

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Beschreibung

Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden. Und wer hätte nicht einen Pauker im Keller seiner grausamsten Fantasien? Ist es da also verwunderlich, dass es auch einmal Lehrer trifft? Dass sie vom Leben befreit werden, sollte allerdings nicht allzu ernst genommen werden, denn ohne Humor wäre das Leben ein Irrtum. Wie schon im Krimi "Curry, Senf und Ketchup" versucht Kommissar Max Berger die Morde aufzuklären. Auch in diesem Kriminalroman gibt es groteske Szenen, obwohl Lehrer ermordet werden. Oder müsste es heißen, gerade deswegen gibt es viel Anlass zur Heiterkeit. Neben Berger spielt Horst Krock, Kriminalreporter des Paderborner-Rundfunks, eine entscheidende Rolle bei der Suche nach dem Mörder.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Friedrich Wulf

Die letzte Lektion

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Autor

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Fünfundsechzig

Sechsundsechzig

Siebenundsechzig

Achtundsechzig

Neunundsechzig

Siebzig

Einundsiebzig

Zweiundsiebzig

Dreiundsiebzig

Vierundsiebzig

Fünfundsiebzig

Sechsundsiebzig

Siebenundsiebzig

Achtundsiebzig

Neunundsiebzig

Achtzig

Einundachtzig

Zweiundachtzig

Dreiundachtzig

Vierundachtzig

Fünfundachtzig

Sechsundachtzig

Siebenundachtzig

Achtundachtzig

Neunundachtzig

Neunzig

Einundneunzig

Zweiundneunzig

Dreiundneunzig

Vierundneunzig

Fünfundneunzig

Sechsundneunzig

Siebenundneunzig

Achtundneunzig

Neunundneunzig

Einhundert

Einhundertundeins

Einhundertundzwei

Dank fürs Lesen

Impressum neobooks

Der Autor

„Taten ohne Täter“, „Senf, Curry und Ketchup“, „Die letzte Lektion“ - es gibt noch zu viele Leser, die keinen der Krimis gelesen haben.

Nach Schule und Universität arbeitet Wulf als Englischlehrer.

Er hofft darauf, den Satz bald so abwandeln zu können: Nach Schule und Universität arbeitete Wulf als Englischlehrer, bis ihm der Erfolg seiner Kriminalromane erlaubte, als Schriftsteller zu leben.

Sein Leben ging dann so weiter: Jeden Morgen um acht setzt er sich an den Schreibtisch. Mittags läuft er zehn Kilometer, in Gedanken immer noch bei seinen Figuren, um am Nachmittag weiterzuschreiben.

In diesem Krimi „Die letzte Lektion“ werden Lehrer ermordet. Wie in „Curry, Senf und Ketchup“ versucht Kommissar Max Berger die Morde aufzuklären. Auch dieser Kriminalroman ist in Teilen nicht bierernst, obwohl Lehrer ermordet werden, oder müsste es heißen, gerade deswegen gibt es viel Anlass zu grotesker Heiterkeit.

Drei weitere E-Books erschienen bei Amazon und bei den großen Anbietern von E-Books im epub-Format.

„Senf, Curry und Ketchup“(Krimi)

„Nacktes Entsetzen“(Neun Erzählungen)

„Taten ohne Täter“ (Thriller)

Weitere Information gibt es regelmäßig auf seiner Homepage:

https://sites.google.com/site/frwulf/

Eins

Sehr geehrter Herr Jonas,

in den letzten drei Wochen haben Sie den Unterricht unentschuldigt versäumt. Den Anwesenheitslisten ist zu entnehmen, dass Sie seit dem 1.4.2011 bis heute, dem 22.4.2011, nicht am Unterricht teilgenommen haben. Im Rahmen der Amtshilfe ist das BAföG-Amt über die Fehlzeiten unterrichtet worden.

Den Aufforderungen der Schule mitzuteilen, weshalb Sie den Unterricht versäumen, sind Sie nicht nachgekommen, weshalb Sie ausgeschult worden sind.

Bitte geben Sie bis zum 29.4.2011 die ausgeliehenen Bücher im Sekretariat ab.

Mit freundlichem Gruß

A. Laubfuß

Herr Jürgen Jonas, wohnhaft in der Ferdinandstraße 42, Paderborn, verbrannte die Briefsammlung aus seiner Schule. Er hatte eine Idee. Eigentlich wollte er die Briefe im Anhang seiner Biografie veröffentlichen als späte Rache. Ein besserer Einfall stellte sich just in dem Augenblick ein, als der Schuldeneintreiber, der ihm alle paar Tage auf die Pelle rückte, seinen geleasten Fernseher heraustrug.

Zwei

Horst Krock hatte Sorgen. Seine Sorgen waren gestaffelt wie Horizonte, die sich immerzu verschieben, sich mal in den Vordergrund drängen und dann wieder zurückziehen. Alle seine gestaffelten Sorgen wurden eingerahmt von den Befürchtungen um seinen Job. Akut in den Vordergrund drängten sich die roten Zahlen auf seinen Bankkonten. Noch akuter jedoch war das konvulsivische Jetzt: Er kotzte gerade über seinen Zahnarzt. Da wirst du alt wie eine Kuh und lernst jeden Tag noch was dazu. Es war offenbar ein Fehler, sich mit einem hemmungslosen Kater in die Folterkammer eines Zahnarztes zu begeben.

Zum Zahnarzt ging niemand gern, aber normalerweise betrachtete Krock die Tortur wie alles andere im Leben auch: als einen Witz. Er wusste, wie man sich vor allzu brutalen Bohrübungen des Zahnarztes schützte: mit einem schnellen Griff. In dem Augenblick, in dem die Marterliege gesenkt wurde, griff er dem Zahnarzt gewöhnlich zwischen die Beine und grinste: „Wir werden einander doch nicht wehtun, nicht wahr?“ Aber jetzt erbrach er Brocken, von denen er nicht wusste, was sie im Original gewesen sein mochten.

Den Griff hatte er heute vergessen, viel zu nachlässig war seine Stimmung. Horst hörte kaum das Knacken und Knirschen im Maul und verdrehte nur die Augen bei der zweiten Aufforderung: „Weiter öffnen!“ Sein Magen war eine servile Sau, er nahm den Befehl wörtlich und öffnete sich auf der Stelle. Seine Speiseröhre dehnte sich und schon strömten aus seinem Rachen acht Halbe, sechs doppelte Whiskys, Dönerklumpen, etwas Krautsalat, zwölf Erdnüsse, zwei Schinkenlappen - alles in allem 35 Euro und 25 Cent an Getränken und Fressalien. Oder um genau zu sein, davon die halb verdauten Reste. Nachdem sich Horsts Magen, dann sein Mund und schließlich die Tür weit geöffnet hatten, brauchte er einen neuen Zahnarzt.

Das hätte Horst Krock normalerweise nicht sonderlich gestört. War willkommenes Erzählmaterial für die nächste Kneipennacht. Zu diesem Zeitpunkt in seiner Karriere jedoch durfte die Eskapade unter keinen Umständen bei seinem Arbeitgeber ankommen. Krock war ein Experiment, ein Prototyp, der erste Vollzeit Kriminalreporter beim Paderborner-Rundfunk und nach den Erfahrungen mit ihm, standen die Sterne günstig, dass er auch der letzte sein würde. Er war ein verflucht guter Journalist; ausgefuchst, trinkfest und ohne Abitur.

Er hatte eine prächtige Journalistennase, knubblig und porös, die seinem geräumigen Gesicht stand. Krock war glücklich, wenn er mit jemandem reden konnte, und konnte es mit den meisten.

Horst Krock bildete sich nichts ein, bis auf den Umstand, mit Menschen jeder Art reden zu können und hielt es für das Zeichen großer geistiger Gesundheit. Gäbe es ein Verbrechen im Kreise der Honoratioren der Stadt Paderborn, für ihn wäre es eine leichte Übung, Fakten, Fuseln und Flusen zu finden vom Bürgermeister bis zur Putzfrau des Rathauses. Er kannte sämtliche Polizisten, auf die es ankam und auch die meisten Top-Ganoven der Stadt. Dass er zwischen den Ganoven und Top-Polizisten keinen wirklichen Unterschied machte, konnte jedermann hören, wenn er für 35 Euro und 25 Cent getrunken und gegessen hatte.

Drei

Horst läge mit der Zeit im Clinch, dachten die anderen. Sie wussten eben nicht, dass Horst Pünktlichkeit als völlig überbewertet ansah. Vieles war seiner Meinung nach überbewertet. Nüchternheit sowieso und Fußball und Zahnärzte, überhaupt alle Ärzte. Und Gesundheit, natürlich auch Gesundheit, war alles überbewertet. Und der Ernst, der große deutsche Über-Ernst. Völlig überbewertet!

Nein, die Zeit war es nicht, mit der er Probleme hatte, möglicherweise mit dem Raum, wenn am Ende seiner Zeit noch immer ein Stück des Weges vor ihm lag. Dass diese Nasenhaarzupfer ihm deswegen einen Disziplinarmühlstein um den Hals gehängt hatten, verriet ihre kleinbürgerliche Mickrigkeit.

Er war, in seinen Worten, ein schwielarschiger alter Profi in einem Beruf, in dem teiggesichtige Jüngelchen ihn überholten, direkt von der Uni. Feuchte Jungs und politisch korrekte grüngraue Gänse, die von Gartenpartys, Hochzeiten und zivilem Widerstand berichteten. Sie liebten ihre Regenmäntel, aber trocken - diese Rotznasen. Zugegeben, sein eigener hing im Moment knochentrocken am Haken im Barcelona, gleich um die Funkhausecke herum. Hätte er sofort in die Redaktion rennen sollen nach dem Arzttrauma? Wann war ein Antitraumatikum dringlicher als nach einem traumatischen Erlebnis beim Zahnarzt? Wann sonst waren ein doppelter Whisky und drei oder vier Pils rettendere Labsal? Prost!

Angemessen erfrischt und geistig aufgekratzt, kehrte er in die Redaktion im dritten Stock des Funkhauses zurück. Wie gewöhnlich sah das Nervenzentrum der Radionachrichten aus wie eine Müllhalde. Wo keine leeren Kaffeebecher standen, stanken volle Aschenbecher. Wo keine vollen Aschenbecher stanken, wucherte Papier. Haufenweise gestapelt oder immerfort dabei umzukippen, als hätte das Naturgesetz hier nichts zu sagen. Stapel waren ineinander gestürzt, abgestorbenes Nachrichtenmaterial von Associated Press oder Reuters längst zu knackiger Nachrichtenprosa verarbeitet.

Vier

Horst stand im anschwellenden Brummen der Nachrichtenredaktion des Paderborner-Rundfunks. Ressortleiter, Redakteure, Sprecher waren da, bevölkerten einen 10 Meter breiten Tischriegel, den sie den Balken nannten. Horst näherte sich dem Tisch, auf dem die Papiere mit den gewichtigen Themen lagen, wo das Ausgewalzte lag, die ins Tiefe gehenden Analysen der politischen Situation, die profunden Berichte und Reportagen zu den Bedeutsamkeiten der Zeit. Dem Zeitgeist auf der Spur hieß die Kolumne von Daunhill dieser kahlen Wühlmaus. Der Zeitgeist produzierte ständig Untergänge. In dieser Woche war Hollywood auch nicht mehr, was es einmal war. Alles ging bei Daunhill immerzu vor die Hunde, was weder die Hunde bemerkten noch die untergehende Wirklichkeit.

Die nächste in die Breite, vor allem aber Tiefe gehende Sendung kam um ein Uhr: Die Welt um eins. An der Verfassung der Redakteure konnte Horst die Uhrzeit ablesen. Noch lief die Maschinerie nicht auf hohen Touren, noch dämmerten Sprecher vor sich hin, komatös und klinisch halb tot. Noch war viel Zeit zum Dösen, jetzt um 11.20 Uhr. Beim Anblick der tranigen Tröpfe wurde ihm warm, Verachtung wallte hoch.

Sie merkten gar nicht, dass sie geboren waren, ja sie hatten nicht einmal bemerkt, dass sie schon gestorben waren, aus bevölkerungspolitischen Rücksichtnahmen hatte man es ihnen nur noch nicht mitgeteilt.

Hier gammelten sie vor sich hin; er hingegen war immer bei der Arbeit, erst recht in der Kneipe. Das würde er ihnen heute Nachmittag schon beibiegen, den Staub- und Fliegenfängern, die ihm Schlampigkeit vorwarfen und laxen Umgang mit der Disziplin. Parasiten waren das, Schmarotzer am Skrotum der Rundfunkanstalt, mit einem Wort: Sackratten.

Am Ende des Tisches fürs Breitgetretene stand ein sich selbst bemitleidender Gummibaum. Die Mitleidsmiene trug der Gummibaum zur Schau, seit jenem Tag, als Horst vom Mittagessen zurückgekommen war und beschlossen hatte, dass der Gummibaum Wasser brauchte, und ihn auf eine Weise wässerte, die mehr über Horsts gesunden Durst aussagte als über seine Pflanzenkenntnisse. Neben dem unglücklichen Gummibaum stand Beulenpapst, der Aufsicht führende Redakteur, Stellvertreter des Chefs. Weil er schon auf die falsche Seite von 50 gerutscht war und keine Uni besucht hatte, ließ Horst Gnade und Respekt walten, war gar kein schlechter Journalist, wenn er einen guten Tag hatte.

„Hallo, du alte Bartflechte.“

„Morgen Horst.“

„Irgendwas für mich?“

„Ja, hier.“ Beulenpapst nahm ein Blatt Papier von Associated Press.

„Es hat einen Neuen gegeben“, sagte er.

„Einen Neuen was?“

Fünf

„Mord. Am Michaelskloster wurde doch ein Lehrer ermordet. Schwerdtfeger oder Schwerdtegger oder so ähnlich. Jetzt ist ein weiterer Pauker - ist in die ewige Unterrichtsstunde geschickt worden“, sagte Janine.

„Hu, hu, hu“, sagte er. „Sieht ganz nach einem Schwärmer aus. Ein auf den Kopf gestellter Gutmensch. Gut, gut! Kuck ich mir an.“

Horst wurzelte in seinem Büro herum, um seinen Textfetzen zu präparieren, einen zweiminütigen Report für Die Welt um eins. Aber er langweilte sich so sehr dabei, dass er ein unerquickliches Telefonat vorzog.

„Tut mir leid, es gibt nichts hinzuzufügen zur offiziellen Erklärung“, sagte der Polizeisprecher.

„He Männeken, hier spricht Horst Krock, also nicht so vorlaut“.

Pressesprecher waren noch schlimmer als grüne Redakteure. Sie masturbierten auf unterstem journalistischen Niveau.

Wer, fragte sich Horst mit ehrlichem Ekel, als er den Hörer fallen ließ, würde Pressesprecher werden, wenn er das Zeug zum echten Journalisten hätte. Pressesprecher salbaderten über Instinkt und Spürnase und über gute Schreibe und dann ging ihr Leben auf in so großartigen Wiederholungen wie: „kein Kommentar.“ Elende Gartenzwergsammler und Sockenbügler.

Missmutig wandte Horst sich wieder der Meldung zu, die nur ein paar Einzelheiten enthielt. Ein Biolehrer war tot aufgefunden worden, aber nichts über sein Privatleben, kein Hinweis auf mögliche Verdächtige.

Horst rief noch einmal bei der Polizei an, ließ sich dieses Mal aber nicht mit dem Pressesprecher abspeisen. Anders als der Pressesprecher begrüßte ihn der Polizeipräsident herzlich.

„Horst, was machen die Zähne?“

Horst fragte nicht, woher er das wusste, das war schließlich der Polizeipräsident, weshalb er gleich zum Punkt kam.

„Schweigen ist Gold wie, oder warum kriegt man von Ihren Jungs nichts zu -, die Öffentlichkeit ist beunruhigt, sie haben ein Recht auf…

„Offiziell oder unter uns?“

„Offiziell, unter uns, wie es beliebt, Hauptsache Fleisch ist dran und nicht nur Knochen.“

„Also gut.“

Die Meinung des Polizeipräsidenten über Horst schwankte. Manchmal meinte er, er könne ihm vertrauen, meist aber war er skeptisch. Horst Krock war so vertrauenswürdig wie ein Kettenhund, der ausgebüxt war und sich jetzt als Straßenköter einen Namen machte.

„Tatsache ist, wir glauben ein Fanatiker, ein Verrückter ist da am Werk. Der letzte Mord ähnelt dem am Lehrer des Michaelsklosters. Er hinterlässt Briefe am Tatort.“

„Was steht drin?“

„Hier, hör zu.“ Der Polizeipräsident raschelte durch seine Papiere. „Diesen ließ er auf der Lehrerleiche des Michaelsklosters: „So soll es allen humorlosen Tafelfüllern und Rechenmaschinen gehen, die meinen auf diesem Wege die Welt zu erkennen. Wir aber wollen die Feinheit und Strenge der Mathematik in alle Wissenschaften hineintreiben, um damit unsere menschliche Relation zu den Dingen festzustellen. Die Mathematik ist nur das Mittel der allgemeinen und letzten Menschenkenntnis.“

„Und was soll das heißen?“, fragte Horst.

„Find’ es heraus und sag es mir. Und dies ist von heute morgen, lag auf dem Biolehrer: „Und so ergeht es den Lauten, den Schreihälsen, die durch die Macht ihrer formalen Autorität herrschen wollen. Was den berühmten Kampf ums Überleben angeht, er ist damit zu Ende. Auch in die Klasse geschrien, ist der Kampf ums Überleben einstweilen mehr behauptet als bewiesen. Wo gekämpft wird, kämpft man um Macht.“

„Leck mich am Arsch“, sagte Horst.

„Genau. Und wir wollen nicht, dass das rausgeht, weil…“

„Weil es genug Pavianärsche gibt, die fünf Minuten berühmt sein wollen und ihr dann nicht wisst, woran ihr seid“, endete Horst für ihn. Das war das übliche Verfahren, wenn sie es mit Mördern zu tun hatten, keine Details herauszugeben.

„Gut, steckt schon in meinem Tresor, klappe zu“, sagte Horst und bedankte sich beim Polizeipräsidenten.

Das war zum Sichbesaufen, weil Horst herzlich wenig der gelangweilten Welt um ein Uhr zu berichten hatte, aber zumindest kannte er jetzt den Grund fürs offizielle Schweigen. Er machte sich auf den Weg zum Studio und war dabei Sätze, ja ganze Absätze in seinem Kopf vorzuformulieren. Viel zu sagen, ohne etwas zu sagen, darin lag die ganze Kunst unter solchen Umständen. Er musste grinsen, als er an sein Vorbild dachte.

Es war erst 12.15 Uhr, als er im Studio ankam, aber es gab keinen Grund zu warten.

„Lass es uns aufnehmen“, sagte er zum Toningenieur, verantwortlich fürs Drehen und Schieben von Knöpfen und Reglern. Gerade bei Horst war seine Ingenieursgenialität gefragt, er musste dafür sorgen, dass seine Ansager und Reporter, dass insbesondere Janine und Horst nüchtern klangen.

Um diese Zeit war das meist noch kein Problem und so hatten sie beim ersten Anlauf eine passable Aufnahme.

Herr Bruchreich ist der zweite Paderborner Lehrer, der in diesem Monat ermordet aufgefunden wurde. Im Bioraum der Ludwig-Erhard-Schule fand ihn ein Kollege kurz nach acht Uhr. Wie er ermordet wurde, kann noch nicht mit Sicherheit gesagt werden. Seinem Kollegen war allerdings aufgefallen, dass Bruchreich seltsam aufgebläht ausgesehen habe. Knöpfe vom Hemd geplatzt, der Bauch über den Hosengürtel gewölbt, obwohl Bruchreich, eigentlich keinen Bauch gehabt habe. Über Motive der Tat gibt es bisher keine Hinweise, obgleich dieser Fall stark an den Mord im Michaelskloster erinnert. Weitere Einzelheiten wollte oder konnte die Polizei nicht herausgeben. Die Lehrerschaft ist beunruhigt und fordert von der Polizei besondere Schutzmaßnahmen.

„Nicht sonderlich sensationell“, grummelte der Chefredakteur, als er sich das Band anhörte.

„War nicht mehr rauszuholen, die Bullen sind stumm wie Maulwürfe“, erwiderte Horst. Man gab nicht alles preis, was man wusste, wenn man nicht viel hatte. Und das Bisschen, was er hatte, würde er eventuell noch gebrauchen müssen, je nachdem wie sein Auftritt vor dem Disziplinarausschuss endete.

„Schon gut. Ich schätze wir müssen das als Hauptgeschichte bringen.“

„Natürlich ist das die Hauptstory“, sagte Horst.

Ein gutes, wenn auch etwas frustrierendes Stück Morgenarbeit war getan. Ein Mann, auf den ein Disziplinarverfahren wartete, musste sich vorbereiten, sagte sich Horst und nahm Kurs auf die Kneipe.

Herr Jürgen Jonas, wohnhaft in der Ferdinandstraße zu Paderborn, ging durch die Imadstraße und fasste seine Zufriedenheit in dem Gedanken zusammen, wenn einem etwas wirklich Gutes gelingt, dann ist das schon ein Schlückchen wert.

Sechs

Die Reform-Partei residierte in der Rathenaustraße. Ohne sich sonderlich anstrengen zu müssen, strahlte das gelb-blaue Schild an der grau-schmuddeligen Fassade der Geschäftsstelle. Im Erdgeschoss übte eine aufstrebende - oder was sagt man? Sagen wir, eine vielversprechende Rockband übte dort ihre markerschütternden Beiträge zur Gegenwartskultur ein. Ohne Zweifel war das Zukunftskultur, wenn man sensibel genug war, die Qualität des verstärkten Lärms zu erkennen. Sie nannten sich Holterdiepolter. Ignoranten der Zukunftsmusik mochten meinen, ihr Ziel sei es, ihre Worte zu martern im elektronisch hochgedrehten Gebrüll. Wäre nicht das erste Mal, dass wahre Kunst in ihrer Zeit nicht erkannt wurde. Aber noch übten sie, noch waren sie guten Mutes und also sollten wir uns gedulden und abwarten, was daraus wird.

Im Obergeschoss lebte, wenn man der Postkarte über der Türschelle glauben schenkte, ein Modell. War der Glaube an Worte eine zu windige Sache und fühlte man sich eher dem Fühlen zugeneigt, dem was die Sinne boten, dann stieg man Stufen hinauf und erblickte an der Tür ein Schild mit den Lockworten: „Dominique gibt einsamen und ehrerbietigen Männern Zucker, bis sie die Wände der Ekstase erklimmen.“

Die Reform-Partei steckte im Stockwerk dazwischen. An diesem Morgen war das Hauptquartier der Partei mit dem Landesvorsitzenden gesegnet. Hätte man Gero Creme-Peierstorf, MdL, gefragt, warum er es bei der letzten Wahl zum MdL gebracht habe, dann hätte er die Augenbrauen erstaunt auf die Stirn gezogen und wahrscheinlich gesagt, in der reformbedürftigen Bundesrepublik sei es ja wohl kein Wunder, dass der Vorsitzende der Reform-Partei in den Landtag gewählt worden sei. Was denn so reformbedürftig sei? Alles hätte er gesagt: die Wirtschaftsordnung, das Finanzwesen, das Wurstwesen, das Rechtswesen, die Gastronomie, die Bundeswehr, die Bundesliga und natürlich das Bildungswesen, insbesondere das Bildungswesen sei reformbedürftig in Permanenz.

Vielleicht hätte er auch auf die Frage, wie er MdL geworden sei, so simpel beantwortet, wie sie zu beantworten war. Oder er hätte Howard Hughes zitieren können. Als der nämlich gefragt wurde, warum er als langnageliger Einsiedler in einem versiegelten Hotelzimmer auf den Schnitter mit der Sense warte, habe Hughes mit größter Offenheit gekräht: „I just sort of drifted into it.“ Im Übrigen war das fast immer die richtige Antwort auf alles, war also auch die angemessene Auskunft auf die Frage, wieso Creme-Peierstorf es zum MdL gebracht habe. „He sort of drifted into it.“ Zwei Faktoren hatten den Ausschlag gegeben: Seine Wähler hatten mit ihm Mitleid und außerdem komplett ihren Verstand verloren. Und lieber Leser, mal ehrlich, bist du nicht auch in ganz vieles einfach nur hineingeschlittert? Schlitterst du nicht gerade? Mal ehrlich! Schlittern wir nicht immerzu?

Jemand wie Creme-Peierstorf, der so unglaublich untauglich war für jeden anständigen Job außerhalb der Politik, hatte beim politischen Schieben und Schummeln ein weites Feld um seine Defizite zu kaschieren, nun da er es in den Landtag geschafft hatte. Creme-Peierstorf machte es wie die meisten Politiker heutzutage, er engagierte einen Reden- und Sprücheschreiber. Seiner hieß Guido und Creme-Peierstorf legte Wert darauf, niemals ein politisches Wort zu äußern, das Guido nicht für ihn erklügelt hatte. Es kam also darauf an, nur genau das vorzulesen, was Guido für ihn entworfen hatte, ohne auch nur ein Komma zu verändern.

Guidos Anheuerung war genauso ein Zufall gewesen wie die Wahl Creme-Peiersorfs. Ganz ohne Zweifel war Guido clever, aber zugleich erfüllte er das Klischee des intellektuellen Eierkopfes auf eine so idealtypische Weise, als hätte er für alle anderen das Vorbild abgegeben. Natürlich war er nicht in der Lage eine Sardinenbüchse zu öffnen und bevorzugte Slipper mit flachen Absätzen. Doch vermutlich waren es böse Zungen, die das Gerücht in die Welt gesetzt hatten, er könne sich nicht einmal selbst die Schuhe schnüren. Guido beizubringen eine Dose mit Schuhcreme zu öffnen, habe sein Vater schließlich aufgegeben. Vergebliche Liebesmüh.

Nein, ein motorisches Genie war Guido sicherlich nicht, aber klug sah er aus, was fast schon die halbe Miete war. Allerdings wirkte er auch ein wenig schluderig, nicht zu sehr, denn er soll uns ja sympathisch bleiben. Und Klugheit und Schludrigkeit, wer denkt da nicht sofort an Einstein? Damit soll natürlich auch nicht gesagt sein, dass Schlampigkeit der Genialität auf die Sprünge hilft, nein, das auch nicht.

Klein war Guido und klapperig, der mächtige Kopf auf hängenden Schultern und viel zu wuchtig die Brille auf seiner Nase. Seine welligen Borsten widerstanden jedem bändigenden Kämmversuch. Wie man einen Schlips band, würde ihm für immer ein Geheimnis bleiben und seine Bemühungen Hemden zu bügeln, waren so verheerend gewesen, dass er von dem heißen Bemühen inzwischen vollkommen Abstand genommen hatte. Kein halbwegs vernünftig denkender Mensch hätte Guido engagiert, weshalb er sich wahrscheinlich bei der Reform-Partei beworben hatte. Selbst dort wäre er vermutlich nicht erfolgreich gewesen, hätte er vor dem Gespräch nicht ein paar Gläser perlenden Mutes getrunken und wäre die Flüssigkeit nicht just in der Mitte der Befragung dort angekommen, wo alle Flüssigkeit früher oder später ankommt. Seine gut gefüllte Blase drückte ihren Wunsch nach Erleichterung mit solchem Druck aus, dass sein gesamter Kopf mit dem Gedanken ausgefüllt war: eine Toilette, ein Königreich für eine Toilettenschüssel. Von Creme-Peierstorf nach seiner Einschätzung gefragt, woran es liegen möge, dass die Unterstützung der Partei einem versiegenden Rinnsal gleiche, erklärte Guido, dass alles jeden Augenblick zu einem breiten Strom anschwellen könne. Die Worte äußerte er mit solch flüssiger Überzeugungskraft, dass er auf der Stelle engagiert wurde, aber noch beim Handschlag sich zur Tür drehte und für die Dauer einer Pinkellänge verschwand.

Bis auf einem Gebiet war Guido fast auf allen anderen ein ahnungsloser Esel, aber er konnte Reden schreiben, eingängig wie ölfarbige Harfenklänge. Und so wurde eine große Partnerschaft geboren zwischen Guido dem Hirn und Creme-Peierstorf dem Maul.

Eine Woche später war Creme-Peierstorf nicht konzentriert bei der Sache, wurde abgelenkt, nicht von seiner Blase, die so durchtrainiert war, dass er darin locker zehn Liter unterbringen konnte. Er vernahm Zischgeräusche von oben, wo ein jammernder Klient offenbar übermenschliche Kraft aufbot, um die Wände der Ekstase zu erklimmen. Von unten dröhnten die musikalischen Versuche von Holterdiepolter, dass Creme-Peiersdorf vibrierte und sein Fett Wellen warf.

Wie, ich nicht mehr saufen,

Das Dope nur noch verkaufen?

Hab’ Glück, nie versprochen,

Komm’ nicht wieder angekrochen.

Inmitten der kakofonen Orgie, grölende Gitarren von unten und wimmernder Wahn von oben, war eine politische Diskussion auf höchstem Niveau im Gange.

„Was?“

„Ich sagte Lehrer.“

„Ich verstehe kein Wort!“

„Ich meinte, wir könnten was aus den Lehrermorden machen.“

„Welche Lehrermorde?“

Creme-Peierstorf las niemals die Zeitungen - schließlich - wofür bezahlte er Guido? Eine kurze Flaute im entsetzlichen Lärm nutzte Guido, um Creme-Peierstorf übers Nötigste zu unterrichten.

„Schauen Sie“, erklärte er, „im letzten Monat wurden zwei Lehrer ermordet. Die Polizei lässt verlauten, dass die Taten zusammenhängen. Ich schätze, das könnte ein wichtiger politischer Ansatzpunkt sein.“

„Großer Gott, das können die Morde?“

Aus aktuellen Ereignissen politischen Gewinn zu schlagen, das war nicht die starke Seite Creme-Peierstorfs.

„Also, wie wirkt dies?“ Guido las ein Stück der Rede vor, die Creme-Peierstorf halten sollte.

„Jene Lehrer wurden nicht als Individuen ermordet, sondern als ahnungslose Vertreter des reformbedürftigen deutschen Bildungswesens. Es war nicht ihre Schuld; sie waren die unglückseligen, aber unmittelbarsten und sichtbarsten Symbole eines überholten Systems, das erneuert werden muss, das dringend überholt, ja, auf den Kopf gestellt werden muss, damit es nicht zu weiteren tragischen Opfern kommt. Und,“ fragte Guido, „kommt das an? Nun, kommt das an?“

Es kam an, endlich, denn Creme-Peierstorf war nicht von zügiger Auffassungsgabe, aber selbst er konnte einen politischen Dolch erkennen, wenn er einen sah.

„Das ist sehr gut Guido. Sehr gut. Gefällt mir, gefällt mir über die Maßen.“

„Davon gibt es noch eine ganze Menge. Wir können diese Morde benutzen, um die Regierung abzuschlachten. Natürlich verdammen wir die Morde an sich. Soll ja nicht so aussehen, als würden wir den Akt klammheimlich billigen.“

„Natürlich nicht! Auch wenn es Lehrer sind.“

„Aber sobald wir das gemacht haben, können wir diese Sache mit den ahnungslosen Vertretern des Bildungssystems lancieren. Das haut sie um.“

„Sehr vielversprechend“, sagte Creme-Peierstorf, „eine deiner besten Ideen. Ich bin zum Lunch im Balthasar verabredet. Oder war es bei Il Postino? Wie auch immer, ich muss zum Lunch. Lass es tippen für später - sagen wir so gegen halb fünf.“

Hochbefriedigt verließ Creme-Peierstorf das Hauptquartier der Reform-Partei. Sein Hirn dachte, dass er vielleicht gar keins hätte, aber zumindest besaß er Urteilskraft. Warum sonst hatte er Guido engagiert, der exzellent angelegtes Geld war, mal abgesehen davon, dass er für seine Arbeit einen Hungerlohn bekam. Während Creme-Peierstorf die Treppe hinabstampfte, schoss eine Figur an ihm vorbei mit hochrotem Kopf und kräftig sein Hinterteil reibenden Händen. Denn Dominique war ebenfalls exzellent angelegtes Geld.

Sieben

Wenn, dachte Horst Krock, es eine Tümpelkreatur gab, gemeiner noch und noch niedriger als etwa Pressesprecher, dann waren das Personalchefs und ein ganz besonderes Prachtbeispiel dafür war Gallenstein. Wo bei anderen Menschen das Gehirn vermutet werden konnte, dort steckte bei ihm ein Regelkatalog. Aber Gallenstein hatte auch Qualitäten. So besaß er ein außerordentliches Talent dafür, echte Talente an den Wahnsinnsrand zu treiben. Ein Disziplinarverfahren zu leiten - idealerweise mit einem Opfer von größeren Gaben und mit einem aufregenderen Job - war eines seiner Vergnügen in seinem Leben. Solche Gelegenheiten ließen ihn wachsen und ermöglichten es ihm, ein kleinwenig Gott zu spielen über wirkliche Menschen und Redakteure. Disziplinarverfahren boten ihm eine Möglichkeit für ein Weilchen zumindest, seine abgründige Bedeutungslosigkeit vergessen zu können.

Und so war Herr Gallenstein in seinem Element, als er sich Horst Krock vorknöpfen konnte. Ausgerechnet Krock den rotzfrechsten aller Selbstüberschätzer, von denen es bei ihnen nur so wimmelte.

Nichts war selbstverständlicher für Horst, als die drei Clowns nicht Ernst zu nehmen. Horst konnte sich nicht erinnern jemals in einer lächerlicheren Situation gewesen zu sein. Zwischen dem Chefredakteur und seinem Stellvertreter plusterte Gallensein sich auf und schob die Brille auf seiner Nasenkufe zurecht und hüstelte dünn.

„Herr Krock, ich denke, ich muss Sie daran erinnern, dass dies ein Disziplinarverfahren ist, gemäß Paragraph 1006 der Dienstordnung. Dieses Verfahren wird protokolliert, und sollten Sie das wünschen, sind Sie nach dem Bundespersonalvertretungsgesetz vom 15. 3. 1974 berechtigt, einen Vertreter des Personalrats hinzuzuziehen.

„Quark“, sagte Horst.

Das Mittagessen war gut gewesen. Nicht opulent, nur gut. Ganz offen gesagt, bei dem Gedanken an die Untersuchung war Horst richtig ein bisschen fickrig gewesen. Aber zum Mittagessen hatte er sich in die beste aller Welten begeben und nach dem ersten Bier und dem begleitenden Whisky lebte er schon wieder in der allerbesten aller möglichen Welten. Und so war alle Mulmigkeit von ihm abgefallen und gelassen harrte er der Dinge, die da kommen mochten. Es kam doch nur darauf an, einen Entschluss zu fassen und den hatte er gefasst nach dem dritten Bier in der besten aller Welten und der noch weit besseren Welt dank des dritten Whiskys. Wenn er schon untergehen sollte, dann sollte es ein Abgang werden mit Stil. Er versuchte sich auf Gallensteins Worte zu konzentrieren.

„Dieses Verfahren kann zu unterschiedlichen Resultaten führen. Eine Empfehlung sofortiger Kündigung ist möglich, auch eine offizielle verbale oder schriftliche Verwarnung gemäß dem Betriebsverfassungsgesetz. Alternativ dazu könnten wir zum Schluss kommen, Ihr Gehalt zu kürzen.“

„Quark“, sagte Horst, „Überquark!“

Armin Gallenstein war kein allzu heller Mann, sonst wäre er kaum Personalverwalter, aber selbst er begann sich zu fragen, ob er mit gebührendem Respekt behandelt wurde. Er rang sich dazu durch, die Rüpeleien überhört zu haben.

„Sie arbeiten seit fünf Jahren als Kriminalreporter für den Paderborner-Rundfunk. Seither sind Sie etliche Male darüber unterrichtet worden, dass ihr Verhalten unzumutbar ist, ja, zu höchster Besorgnis Anlass gibt.“

Hört, hört, dachte Horst, so sprechen sie, so quakt es aus ihnen heraus. Das war Quark.

„Was passt Ihnen nicht an meiner Arbeit?“, fragte Horst.

„Es geht nicht um Ihre Arbeit.“

„Wie viele Klagen haben Sie wegen meiner Arbeit bekommen?“

„Wir sind nicht hier, um die Qualität Ihrer Arbeit zu diskutieren. Der Paderborner-Rundfunk erwartet, dass gewisse Formen des Anstands, gewisse, wir wollen mal sagen, Umgangsformen, die unter den Bedingungen…

„Die unter allen denkbaren Bedingungen Quark sind“, sagte Horst.

„Weshalb wir hic und nunc...“

„Wie bitte? Sind Sie besoffen?“

„Ihr Verhalten auf der Sommerparty des Chefredakteurs war jenseits aller möglichen Zumutbarkeiten.“

Der Chefredakteur, ein sorgenstrenger Mann mit spärlichem Bartwuchs, zuckte zusammen, denn er erinnerte sich an die Ereignisse. Ja, schon als es passierte, wusste er, dass er sich noch häufig daran erinnern würde, auch gegen seinen Willen. Niemand würde das jemals vergessen.

„Das kulminierte“, sagte Gallenstein „in einem Vorfall, in dem Sie das Buffet umwarfen.“

Waren nüchterne Leute, diese Personalhüter. Umwerfen war nicht ganz falsch, traf das Tatsächliche aber auch nicht auf den Kopf.

Was war passiert? Die Sommerfete des Chefredakteurs - gewöhnlich im Juni - war ein piekfeines Kränzchen. Anwesend waren also der Intendant des Paderborner-Rundfunks, die Chefredakteure der Ressorts, der Bürgermeister und sogar die Frau Kultusministerin. Dazu kamen ein halbes Dutzend Schauspieler, zwei Theaterregisseure, ein Schulleiter und Bronski, Trainer des von Saison zu Saison aufstrebenden Fußballvereins. Erst nach der Feier kam heraus, dass niemand einen Lulatsch mit freundlicher Knubbelnase gekannt hatte, nicht einmal der Einladende.

Zu seinem Unglück hatte Horsts Chefredakteur, um seine Kosten abwälzen zu können, auch die Kollegen von der journalistischen Front einladen müssen, Horst nicht ausgenommen. Die Ansichten der Frontkollegen von einer aparten Party entsprachen nicht in jedem Detail denen des Intendanten und der Kultusministerin. Horst hatte erwartet, dass der Abend nervtötend fade sein würde. Vieles mochte man Horst vorwerfen können, nicht aber zur Langeweile bei öden Partys beizutragen. Zur Vorbeugung hatte er sich schon vor dem Ereignis flüssige Kurzweil verschrieben und im Lenz zu sich genommen. Um mögliche Qualen zu verkürzen, erschien er erst zu aufgeräumter Stunde.

Im dem Augenblick, als er durch die Tür trat, wurde ihm klar, dass es noch immer viel zu früh war. Die eine Hälfte der Gäste schien an langer Weile zu ersticken, während die andere Hälfte versuchte ein Blutbad anzurichten; sie missbrauchten ihre Besteckmesser, indem sie aus Verzweiflung unter dem Tisch versuchten, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Die Messer waren jedoch stumpf. Eine Beispiel gefällig für die Qualität der Unterhaltungen? Bitte sehr: „Ich denke eine Zitronenscheibe macht genau den Unterschied, liefert den präzisen Hauch von Geheimnis, ohne den eine Hähnchenkeule eine Hähnchenkeule bliebe.“

Noch ein Beispiel? Kommt augenblicklich: „Natürlich hat mein Sohn den Numerus clausus für sämtliche Unis geschafft, aber es gibt bei uns ja keine Unis für die geistige Elite, ich sage nur England. Aachen geht, wenn es ein Ingenieur werden soll, aber sonst…“

„Ich betone immer wieder, dass die Position des Journalisten unantastbar sein muss, weil so eminent wichtig, denkt man an den Dienst für die öffentliche…“

„Alle meine Filme haben natürlich eine Substory. Ohne Substory kein Film“, sagte einer der Regisseure.

Horst war kein kontemplativer Mensch, er handelte lieber, blieb ihm ja auch nichts anderes übrig. Da er nun mal kein Denker war, tat er das andere eben. Was diese Trantröpfe brauchten war Action. Am Kopfende des Raumes stand ein langer Tisch, auf dem das Büfett arrangiert war. Dahinter gab es eine Bühne etwas höher gelegen als der Tisch. Um die Stimmung anzuheben, sprang Horst auf die Bühne, stand ein paar Meter hinter dem Büfetttisch, wartete auf einen geeigneten Moment und rief:

„Doppelter Salto mit Schraube, Schwierigkeit - fünf Komma fünf auf der nach oben offenen Unterhaltungsskala.“

Horst nahm Anlauf, die Mäuler der Gäste klappten auf. Wie war es möglich, dass ein aus den Fugen geratener Vierziger sich mit augenscheinlicher Leichtigkeit in die Luft schrauben konnte, um die versprochene Akrobatik vorzuführen. Eine perfekte Performance. Jedenfalls beinahe, denn der zweite Salto gelang nur noch zur Hälfte, und da der Sprung ein wenig zu kurz geriet, erbebte das Büfett unter Horsts Arschbombe und verursachte ein völlig neues Arrangement des Nobelfutters über die Hälfte des Raums.

Die in der Nähe stehende Kultusministerin machte eine erstaunliche Erfahrung: Es gab in der Welt mehr Krabben, als ihr Dekolleté fassen konnte. Reizvoll hingegen, ausgesprochen schmückend machten sich die rosa Mollusken in der schwarzen Wolle des kraushaarigen Regisseurs.

Eine Punschschale funkelte vergnügt bei ihrem Flug durch die Luft und machte aus dem Chef der Unterhaltung einen Taucher, jedenfalls bis zum Hals. Den ersten Teil der Warnung hatte er noch gehört: „Achtung da kommt eine…“ Aber die restlichen Worte prallten schon an der Glasglocke ab, die sich perfekt über seinen Kopf gestülpt hatte. Das waren Erlebnisse!

Den Chefredakteur, dessen famose Feier das sein sollte, fand man später leise wimmernd in seinem Arbeitszimmer, wo er auf Rache sann. Dass seine Aussichten auf die Abteilungsleiterposition verpufft waren in einer Explosion aus Wachtelbrüstchen und Störrogen, das sollte dieser verfluchte Krock ihm büßen.

„Haben Sie etwas zu den Vorwürfen zu sagen, bevor wir entscheiden, welche Disziplinarmaßnahmen wir vorschlagen werden?“, fragte ihn Gallenstein.

Weil Horst über die beiden Morde an den Lehrern sinnierte, erwischte ihn die Frage unvorbereitet. Wie sollte er darauf vernünftigerweise antworten? Etwa mit einer kompromisslosen Angriffsverteidigung? Oder mit einem weinerlichen Eingeständnis seiner Schuld? Vielleicht ein explosives Plädoyer für mildernde Umstände? Ein Meisterstück silberzüngiger Eloquenz wäre nun vonnöten, doch heraus kam nur: „Quark!“

„Bitte sehr, ist Ihre Entscheidung…“

Arschgeigen! Die Entscheidung war doch längst gefallen, schon gefallen, bevor die Befragung begonnen hatte. Er machte sich auf das Schlimmste gefasst und überlegte, was auf Gallensteins hoher Oberlippe fehlte.

„Wir haben entschieden“, fuhr Gallenstein fort, „dass Sie eine offizielle und zugleich letzte Warnung erhalten in Übereinstimmung mit dem Arbeitsschutzgesetz. Sie werden darüber informiert, dass jede Wiederholung Ihres liederlichen Verhaltens die Empfehlung zur Folge haben wird, Sie auf der Stelle zu entlassen.“

War das schon alles?

„Außerdem ist entschieden worden, dass es zu Ihrem und dem Besten der Redaktion gereicht, wenn Sie ein paar Monate in einer anderen Abteilung tätig wären. Für die Dauer von zwölf Monaten stehen Sie in Verbindung (PR Jargon für Versetzung) mit der Klagen- und Korrespondenzabteilung.“

Ihr Götter, dachte Horst, diese Kröte! Das war es also. Sie schoben seinen Tod nicht aus Mitgefühl auf, sondern aus Sadismus. Der PR erhielt jedes Jahr Tausende und Abertausende von Beschwerdebriefen. Die Verfasser der Briefe beklagten sich hauptsächlich über zu viel Sex im Fernsehen. Vermutlich kamen die Sexbeschwerden von Leuten, die zu wenig davon bekamen und die Klagen über zu viel Gewalt kam wohl von Menschen, die aus einer ordentlichen Tracht Prügel erheblichen Nutzen ziehen würden. Diesen Leuten ein einlullendes Eiapopeia zu singen, das war die Aufgabe der Beschwerdeabteilung. Es war die abscheulichste Abteilung im ganzen Haus und hieß unter Insidern auch Sibirien, obgleich die Analogie mit sowjetischen Irrenhäusern angemessener gewesen wäre, in die sie normale Leute steckten, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Kernige Kraftkerle und Energiefrauen waren aus der Beschwerdeabteilung herausgetragen worden, weißhaarig und schreiend, nach nur drei Monaten. Und nun hatten sie vor, ihn dort für zwölf Monde hineinzustecken. Er konnte nicht einmal genug Energie oder Verachtung aufbringen, um Quark zu sagen.

Gallenstein gratulierte sich innerlich für seine Vorstellung. So etwas wie ein Lächeln verirrte sich in seinem Gesicht, als er zum Ende kam.

„Ihre Verbindung mit der Beschwerdeabteilung beginnt“, hob er an, „sof…“

Bevor er den Satz beenden konnte, klopfte es an der Tür.

„Tut mir leid, dass ich unterbrechen muss“, sagte der Volontär, „aber da ist jemand für Horst am Telefon und wir meinen, er sollte mit dem Anrufer reden.

„Verfluchter Idiot“, sagte der Chefredakteur, „nicht jetzt! Sagen Sie, Krock ruft zurück.“

„Entschuldigung bitte, aber ich denke,…“

Horst brauchte keine zweite Einladung. Bevor der schreckliche Gallenstein den Gulag über ihn verhängen konnte, eilte Horst den Korridor hinunter.

„Wer ist es“, fragte er seinen Retter.

„Wir sind uns nicht sicher, aber er wollte nur mit Ihnen reden.“

Der Anruf war über die Hotline des PR hereingekommen. Horst nahm den Hörer, erwartete einen Gläubiger oder eine ausrangierte Freundin, und versuchte scharf zu klingen.

„Krock!“

„Warum haben Sie den Hörern nicht von meinen Morden erzählt, Horst?“ Die Stimme klang männlich, wohltönend: Ein Student in den Zwanzigern hätte man Horst raten lassen.

„Welche Morde, Sie Clown?“

„Huhu, die Lehrerclowns Horst. Warum bringen Sie nichts darüber Horst?“ Das Nachbild von Gallenstein noch vor Augen haderte Horst mit der Ungerechtigkeit des Daseins. Warum er, warum hatten die Verrückten es auf immer ihn abgesehen?

„Die Lehrer also, und was wissen Sie darüber?“

„Eine Notiz lag beim ersten.“

Der Verrückte gab den Wortlaut wieder.

„Und eine zweite beim zweiten Toten.“

„Auch die kannte er offenbar auswendig.“

Horst bebte inzwischen vor Anspannung und Jagdlust. An der Strippe, das war keine Ente.

„Horst, ich rufe nur an, um Ihnen zu sagen,…“

„Warten Sie, wo sind Sie?“

„Ich rufe nur an, um Ihnen zu sagen, Horst, ich möchte, dass Sie alle Einzelheiten berichten. Ach ja - und Horst, es gibt einen neuen. Heute Nacht, noch vor Mitternacht.

Acht

Die Lehrermorde, mit denen Kommissar Max Berger sich herumplagen musste, waren nicht nach seinem Geschmack. Er hasste diese undurchsichtigen Fälle, wenn der Mörder nicht, wie sich das gehörte, ein naher Verwandter war oder sogar ein Familienmitglied. Die Ausnahmen waren schwieriger aufzuklären als die üblichen Morde, wo starke Gefühle zu groben Fehlern führten. Außerdem fehlte den meisten schauspielerisches Talent und so verrieten sie sich und zusammen mit den faustgroben Fehlern waren sie bald überführt.

Max tränkte den Zipfel seines Taschentuchs mit heißem Wasser und rubbelte auf seinem Hemd herum. Mindestens einmal am Tag wiederholte sich dieser Vorgang. Es gab allerdings auch Tage, an denen er dreimal rubbeln musste. Wenn Berger unter hohem Druck ermittelte, weil ein Mord den nächsten Mord ablöste, dann nahm die Rubbelrate erheblich zu, denn Max löffelte Joghurts, wenn er nicht weiterwusste. Solange der Joghurt auf das Hemd tropfte, war die Welt noch einigermaßen in Ordnung. Es gab jedoch Tage, an denen er im Zentrum seiner Männlichkeit rubbeln musste. Schlimm! Schlimmer jedoch waren die Tage, an denen er seine Wildlederschuhe mit dem Kleister befleckte.

Verwandet waren schnell überführt, intelligente Verrückte hingegen machten Max kirre, beschädigten sein hochtrainiertes Talent sofort zu spüren, wenn etwas an den Erzählungen der Verdächtigen nicht stimmte. Wie aber sollte er Erzählungen auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen, wenn es keine Erzählungen gab, weil es keine Verdächtigen gab, die etwas erzählten? Bisher gab keinen Hinweis, mit dem er etwas anfangen konnte. Von ihrem Beruf einmal abgesehen, hatten die Opfer nichts gemeinsam, keine gleichen Bekannten, ja, nicht einmal einen ähnlichen Werdegang. Wo sollte er anknüpfen? Der Mörder hatte möglicherweise einen pathologischen Hass auf Lehrer, aber wer hatte den nicht?

Max Berger war keine Existenz ohne Hintergedanken. Also hütete er seine Gedanken, denn er wollte sich nicht an der Vervielfältigung des Geschwätzes beteiligen. Er liebte lakonisches Sprechen, kurz ging vor lang. Bitte kein Wortgeklingel und belästigt mich bitte nicht mit metaphorischen Ungenauigkeiten. Bei hinkenden Vergleichen zog er die Pistole.

Alle Weltbilder waren ihm verdächtig, er hatte keines, brauchte keines, vielen Dank! Er konnte schroff sein, barsch, rau, ruppig, ja extrem rüde seine Kollegen anblaffen. Zum Clown ließ er sich nicht machen. Das war seine Einschätzung, durchaus anders war die seiner Kollegen. Aber von deren Meinungen war er unabhängig, nur ein weiteres Zeichen seiner überlegenen Geistesart. Er hatte etwas übrig für den Gedanken, die Welt sei nichts als Wille und Vorstellung.

Er glaubte nicht daran, ein Mensch könne sich jemals ändern, ein Gedanke, den er hegte und pflegte. Und als strenger Determinist hütete er auch den Gedanken, dass es keine Schuld gab, nicht geben konnte. Kriminelle musste man einfangen und verurteilen, nicht weil sie schuldig waren, sondern damit die Menschheit vor ihnen sicher war. Der ganze Rest war ideologischer Überbau und frommes Wünschen, nicht sein Zuständigkeitsbereich.

Schwierige Kindheit hin und her, er verachtete diese willensschwachen Kreaturen. Und wie passt das zur deterministischen Weltdeutung? Max würde die Achseln zucken und vielleicht sagen: „Habe ich denn behauptet ohne Widersprüche zu leben? Habe ich jemals behauptet, alles bis zum Ende durchdacht zu haben?“ Dabei zwinkerten seine Mundwinkel.

Im Gespräch mit Horst Krock war dem Polizeipräsidenten eine Idee gekommen. Und also sprach er zu Berger: „Alles, was wir haben, sind diese Zettel. Die Zettel sind ein Zeichen der Arroganz. Sie sind sein Verderben, glauben Sie es mir.“

„Aber was sagen sie uns?“

„Habe noch kein scharfes Bild, aber einen Gedanken. Sie kennen den Paderborner-Rundfunk?“

„Und ob, und ob. Eine Organisation von Neurotikern, Debilen und Neutönern, die Terroristen und Kriminelle interviewen.“

„Jaja, ich weiß, aber…“

„Ist eine Organisation höllisch versessen darauf, alles zu bewahren, was falsch ist in Deutschland, religiöse Mucker und Fanatiker. Haben Sie schon mal Das Wort zum Tag gehört, morgens um sechs? Verlogenes Jenseitsvertröstungsgift, furchtbar!“

„Zweifellos!“

„Und so denken eine ganze Menge Leute. Und was tun sie dagegen?“, fragte der Polizeipräsident.

„Schalten ihre Radios aus?“

„Ne, ne, das tun sie nicht. Sie schreiben Beschwerden.“

„Hier in Paderborn wegen der Vertröstungslügen? Glaub ich nicht.“

„Deswegen nicht, aber wegen zu viel Schweinskram. Die Beschwerdeabteilung im PR muss vermutlich jeden Tag mehr Briefe beantworten als sonst irgendwer im Land. So! Und was haben sie davon?“

Max dachte nach. „Schrei- und Schreibkrampf?“

„Es macht sie zu Experten für Briefe, richtig? Es gibt niemanden, der mehr übers Schreiben, über Rechtschreibung und Layout weiß als diese Leute in der Beschwerderedaktion. Die können den Charakter der Leute an ihrem Geschreibsel erkennen, sollten wir erwägen, die mal gucken zu lassen. Besonders weil unsere Leute nichts gefunden haben.

„Und Sie denken…“

„Genau! Das sind die Experten für die Zettel. Zufällig kenne ich den Knaben, der die Abteilung leitet, ehrlich gesagt, hatte ich Krach mit ihm vor einiger Zeit über ein PR-Progamm.

„Sie meinen, die alberne Geschichte über Korruption an der Spitze der Polizei, unerquicklich, blasierte Blutegel.“

„Ja! Also Berger gehen Sie hin und lassen Sie die Zettel analysieren.

Max verließ das Büro des Polizeipräsidenten mit dem Gefühl, dass das Gespräch nicht gut gelaufen war, sogar schlecht, nein, mies oder noch miserabler, in der Tat so bitter, dass er den Wahnsinnigen besser fing, wenn er Kommissar bleiben wollte.

Leo Ruckfang, Kopf der Beschwerdeabteilung, tat wenig, um Max’ Stimmung aufzuhellen. Ruckfang war ein Mann mit äffchenartiger Unruhe, das vorgereckte Köpfchen zuckte nach links, zuckte nach rechts und weit aufgerissen die furchtsamen Augen, besaß er die Gabe Überfreude aus winzigen Dingen zu ziehen.

„Faszinierend“, sagte er bei der Übergabe der Mörderzettel. „Ein Tintenstrahldrucker.“

„Und was sagt uns das?“

„Absolut nichts, davon gibt es Millionen von Flensburg bis Garmisch. Aber nur nicht verzweifeln. Auf den Text kommt’s an, es kommt immer auf den Text an. Also beide Briefe beginnen mit Lieber Lehrer.“

„Wer hätte das gedacht?“

„Ja, ja genau. Ich muss schon sagen, verdammt exquisites Papier.“