Damaskus Station (CIA-Agentin Artemis Procter, Bd. 1) - David McCloskey - E-Book

Damaskus Station (CIA-Agentin Artemis Procter, Bd. 1) E-Book

David McCloskey

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Beschreibung

Packender CIA-Thriller in Damaskus: Spannung, Liebe und Gefahr im Nahen Osten Ein CIA-Agent und seine Informantin jagen einen Killer in Damaskus – "Ein hervorragender, authentischer Thriller" (The Times). CIA-Agent Sam Joseph wird mit einer gefährlichen Mission beauftragt: In Paris soll er Mariam Haddad, eine hochrangige Mitarbeiterin im syrischen Präsidentenpalast, für den Geheimdienst rekrutieren. Doch während ihrer Zusammenarbeit entwickelt sich zwischen ihnen eine verbotene Beziehung, die sie beide in höchste Gefahr bringt. In Damaskus verfolgen sie die Spur eines Mörders, der eine amerikanische Agentin auf brutale Weise ermordet hat. Dieses Katz-und-Maus-Spiel führt Sam und Mariam tief in die Machenschaften der syrischen Regierung und enthüllt eine erschreckende Serie von Attentaten. Sie stoßen auf ein dunkles Geheimnis im Herzen des Assad-Regimes, während sie von Syriens mächtigsten Sicherheitsbeamten, Ali Hassan, dem Chef der Spionageabwehr, und dessen Bruder Rustum, dem Kommandeur der Republikanischen Garde, gnadenlos gejagt werden. Vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkriegs, geprägt von Angst und politischem Aufruhr, entfaltet sich ein packender Thriller, der tief in die Welt der Spionage eintaucht. Der Roman beleuchtet die Zerrissenheit zwischen Liebe und Loyalität in einem der gefährlichsten Länder der Welt. "Einfach herausragendes Storytelling. Essentielle Lektüre für alle Fans des Genres." Financial Times

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Ein CIA-Agent und seine Informantin jagen einen Killer in Damaskus

CIA-Agent Sam Joseph erhält den Auftrag, in Paris Mariam Haddad zu rekrutieren, die im syrischen Präsidentenpalast arbeitet. Zwischen ihnen entwickelt sich eine verbotene Beziehung. Sie bringt beide in große Gefahr, als sie in Damaskus versuchen, den Mörder einer amerikanischen Agentin zu finden. Das Katz-und-Maus-Spiel führt sie schnell auf die Spur einer Reihe von Attentaten – und zu einem dunklen Geheimnis im Herzen des syrischen Regimes. Dabei geraten sie selbst ins Visier von Assads Chef der Spionageabwehr, Ali Hassan, und dessen Bruder Rustum, der die gefürchtete Republikanische Garde leitet.

Vor dem Hintergrund eines von Angst und Aufruhr geprägten Syrien, liefert dieser fesselnde Thriller einen authentischen und vielschichtigen Einblick in die Welt der Spione, zerrissen zwischen Liebe und Loyalität in einem der gefährlichsten Länder der Erde.

Der Autor

David McCloskey ist ehemaliger CIA-Analyst und Berater für McKinsey. In seiner Zeit bei der CIA schrieb er regelmäßig an den Briefings für den US-Präsidenten mit, sagte als Zeuge in Kontrollgremien im Kongress aus und briefte Angestellte im Weißen Haus, Botschafter, Generäle und Mitglieder arabischer Königsfamilien. Er hatte mehrere Posten im Mittleren Osten an diversen Botschaften inne. David McCloskey erhielt einen MA der Johns Hopkins School for Advanced International Studies, mit Fokus auf Energiepolitik und den Mittleren Osten. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Texas.

Der Übersetzer

Michael Benthack übersetzt aus dem Englischen und übertrug unter anderem Werke von Douglas Preston und Lee Child ins Deutsche.

www.gutkind-verlag.de

Die Originalausgabe ist erstmals 2022 unter dem Titel Damascus Station bei W. W. Norton, New York erschienen.

ISBN 978-3-98941-089-3

Copyright © 2025: Gutkind Verlag GmbH, Berlin

Copyright der Originalausgabe: © 2021 by David McCloskey

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Covergestaltung: Favoritbüro, München

Coverabbildungen: Himmel: © Sabphoto/shutterstock; Gebäude: © Marko Stavric Photography/GettyImages; Mann: © Mark Owen/Trevillion Images; Vögel: © KRIT GONNGON/shutterstock; Hubschrauber: © mffoto/shutterstock

Autorenfoto: © Claire McCormack Hogan

Gutkind Verlag GmbH ∙ Friedrichstr. 126 ∙ 10117 Berlin

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

DAVID McCLOSKEY

DAMASKUS

STATION

Ein Spionage-Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Benthack

Inhalt

Über das Buch / Über den Autor

Impressum

Titel

Widmung

Zitat

Teil I

1

2

3

4

5

6

TEIL II

7

8

9

10

11

12

13

14

15

TEIL III

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

TEIL IV

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

Teil V

51

52

53

54

55

56

DANK

Orientierungsmarken

Cover

Inhalt

Textbeginn

Für Abby, meine Liebe und Mitverschwörerin

Und für Syrien und sein Volk, für eine Zukunft, die heller ist als die Vergangenheit

Damaskus hat alles gesehen, was je auf Erden geschehen ist, und die Stadt lebt immer noch. Sie hat auf die trockenen Gebeine tausender Weltreiche geschaut und wird die Gräber von tausend mehr sehen, bevor sie stirbt.

Mark Twain

Die Arglosen im Ausland, 1869

Teil I

– Morde –

1

Die frühen Jahre des syrischen Aufstands

Nach acht Stunden auf seiner Überwachungserkennungsroute (SDR) umfasste Sam das Lenkrad nicht mehr ganz so fest, und sein Puls beruhigte sich langsam. Er hatte in und um Damaskus drei Stopps eingelegt und die geplanten Wendemanöver absolviert, wobei er jedes Mal mit wechselnden Blicken in Rück- und Außenspiegel nach Spähern Ausschau gehalten hatte. Bei jedem Stopp war er langsamer gefahren, um so die gegnerische Überwachung aus der Reserve zu locken. Die Sonne knallte auf die Frontscheibe, und die Klimaanlage hatte Mühe, das Wageninnere zu kühlen. Sein Rücken schmerzte, seine Schultern fühlten sich an, als würde er sie nie mehr hochziehen können. An einer Kreuzung, die zum Glück im Schatten von Palmen und Kiefern lag, musste er anhalten. Während die Ampel weiter auf Rot stand, trommelte Sam mit den Fingern aufs Lenkrad. Dabei blickte er immer wieder in die Spiegel und glich jedes Fahrzeug mit der mentalen Liste jener Autos ab, die er an diesem Tag bereits gesehen hatte. Die Ampel sprang auf Grün. Ein mit einer Lederjacke bekleideter Offizier des Muchabarat trat mit erhobener Hand auf die Straße und bedeutete dem ersten Fahrzeug in der Reihe, stehen zu bleiben. Ein Wagen hinter dem Polizisten hupte. Jetzt zog ein anderer Muchabarat-Offizier einen Sägebock voller Aufkleber, die Präsident Baschar al-Assad zeigten, auf die Straße, und winkte das vorderste Auto zu sich heran. Irgendjemand rief: Das hier ist ein Checkpoint.

Es war zwar schon der sechste an diesem Tag, trotzdem schlug Sams Herz jetzt wieder schneller. Er operierte undercover, ohne offizielle Verbindung zur CIA, was bedeutete, dass alles auf dem Spiel stand. Sollte er auffliegen, würde er keine diplomatische Immunität genießen. Es würde auch keinen Gefangenenaustausch geben. Vielmehr würde er in einem Kellergefängnis verschwinden. Wer nicht nervös war, wenn er auf sich allein gestellt in einem feindlichen Land herumfuhr, war vermutlich ein Soziopath.

Er zog seinen Pass aus der Brusttasche und legte ihn aufs Armaturenbrett. Ein kanadisches Dokument, dunkelblau (Touristenausgabe), darin das Foto eines gewissen James Hansen. Dieses zeigte Sam, auch das Geburtsdatum entsprach seinem. Er hatte den Pass beim Kanadischen Sicherheitsnachrichtendienst abgeholt, an einem nasskalten Frühlingstag in Ottawa, nachdem er die Büroräume der kurz zuvor gegründeten, jedoch nicht bestehenden Orion Real Estate Investments, LLC, aufgesucht hatte. Die Tarnung war vollständig abgesichert – reale Personen gingen ans Telefon und beantworteten E-Mails; außerdem kooperierten die Kanadier liebend gern, wenn sie im Gegenzug dafür einen Platz am Nachbesprechungstisch bekamen, sobald KOMODO in Langley in Sicherheit war. Denn selbst befreundete Nachrichtendienste offerieren Hilfestellungen nicht gratis, sondern handeln damit.

KOMODO war einer der produktivsten Spione im Stall der Damaskus Station. Er war mittleren Alters, einsam, den Depeschen zufolge ein wenig gruselig, und arbeitete als Wissenschaftler beim syrischen Zentrum für Wissenschaftliche Studien und Forschung, (SSCR), der Einrichtung, die für Assads Chemiewaffen verantwortlich war. Weil die NSA glaubte, dass die Syrer KOMODOS verdecktes Kommunikationssystem geknackt hatten, hatte die CIA in Langley im Laufe eines hektischen Tages einen Plan zur Exfiltration ausgeheckt, zu dem unter anderem gehörte, dass Sam, als Geschäftsmann getarnt, nach Syrien fahren und den syrischen Agenten ausschleusen sollte. Darüber hinaus hatte Langley entschieden, auch Case Officer Val Owens, die als Handler KOMODO betreute, nach Hause zu holen. Sam und Val hatten gemeinsam im Irak gedient, ihr erster Auslandseinsatz, sein dritter. Dabei waren sie sich nähergekommen, wie Geschwister. Val war eine gute Freundin, und das Leben eines Agenten stand auf dem Spiel. Sobald Sam an diese beiden Dinge dachte, schlug sein Herz wieder schneller. Derweil winkte ihm ein Soldat, er solle ein Stück weiter vorfahren.

Ein junger Soldat mit entschlossenem Blick und fusseligem Oberlippenbart näherte sich dem Fahrerfenster und bat um die Ausweispapiere. Sam hielt eine respektvolle Sekunde lang Blickkontakt, dann reichte er ihm seinen Reisepass – bereits aufgeschlagen auf der Seite mit dem 90-Tage-Visum für Syrien – und starrte durch die Windschutzscheibe in Richtung Schnellstraße. Der Soldat blätterte in dem Pass, blickte um sich, als überlegte er, seinen Vorgesetzten hinzuziehen, dann sah er Sam prüfend an.

»Warum sind Sie in Syrien?«, fragte er auf Englisch, mit starkem Akzent.

»Geschäfte«, antwortete Sam auf Arabisch.

Der Soldat nickte einem seiner herankommenden Kameraden zu, die die geparkten Autos und umliegenden Gebäude nicht aus den Augen ließen. Das Regime kontrollierte zwar diesen Teil der Stadt, aber manchmal verübten Rebellen und Dschihadisten Anschläge auf Checkpoints. Selbstmordattentate, Granatwerfer, diese Im-Lauf-schießen-Taktiken hatte Sam bereits während seines Einsatzes in Bagdad erlebt – und immer häufiger gab es sie auch in Damaskus. Der Soldat presste die Zähne aufeinander und schlug den Reisepass mit Wucht auf seine Handfläche.

»Machen Sie den Kofferraum auf«, befahl er.

Sam drückte die entsprechende Taste, um die Hecktür zu entriegeln. Ein weiterer Soldat zog die Tür auf, schnappte sich Sams Koffer und stellte ihn reichlich unsanft auf die Straße.

»Ist der Koffer verschlossen?«, fragte der Soldat.

»Nein«, antwortete Sam. Er hörte, wie Reißverschlüsse aufgezogen wurden, und das dumpfe Geräusch, als Kleidungsstücke ins Auto zurückgeworfen wurden.

»Warum sind die Sachen nicht gefaltet?«, fragte der andere Soldat.

»Weil ich heute bereits an mehreren Checkpoints gestoppt worden bin«, erwiderte Sam.

»Mietwagen?«, fragte der erste Soldat und schlug mit dem Kolben seiner AK-47 gegen die Fahrertür.

Sam nickte.

»Papiere.«

Sam öffnete das Handschuhfach und reichte dem Soldaten eine Reihe von Dokumenten, die den Wagen als Eigentum von Rainbow Rentals in Amman, Jordanien, auswiesen. Während der Soldat die Versicherungsunterlagen prüfte, unterdrückte Sam die Erinnerung daran, wie ihm ein technischer Mitarbeiter in der Station von Amman an einer Gliederpuppe mit der gleichen Körpergröße und dem gleichen Gewicht (165 cm, 66 kg) wie KOMODO demonstriert hatte, wie man einen Menschen in den speziell präparierten Kofferraum hinein »faltete«.

Der Soldat reichte die Papiere zurück. »Was für Geschäfte, Mr. Hansen?«

»Immobilieninvestitionen. Villen hier draußen, vielleicht ein paar Häuser in der Altstadt.«

»Die Einfamilienhäuser sind zurzeit billig.«

»Ja.« Sam lächelte. »Ja, das sind sie.«

»Der Koffer ist in Ordnung«, sagte der Mann hinter dem Wagen.

Der Soldat reichte den Reisepass zurück und sagte unwirsch: »Weiterfahren.«

In sicherer Entfernung vom Kontrollpunkt lenkte Sam den Wagen langsam auf die Schnellstraße M1 und in Richtung historische Altstadt. Die Muezzins in den Moscheen riefen derweil zum Maghrib, dem Abendgebet. Es herrschte leichter abendlicher Berufsverkehr. Jetzt, in der Abenddämmerung, eilten die Syrer nach Hause, um nicht in den gegenseitigen Steilfeuerbeschuss der Vertreter des Regimes und der Rebellen zu geraten.

Die Sonne versank hinter dem Horizont. Inzwischen fühlte auch Sams Körper, was sein Geist bereits entschieden hatte: Er war »black«, also: frei von Überwachung. Einen Moment lang war er erleichtert. Dann aber startete er die nachträgliche Selbstbefragung, die routinemäßige SDR-Nachbereitung, so wie es jeder Case Officer der CIA seit den ersten Trainingseinheiten auf der Farm gelernt hatte. Das war das Schwierige an seinem Auftrag: Die nackte Tatsache, dass man sich nie sicher sein konnte, es stets leichter war, die Operation abzubrechen, wenn man undercover war, als sie zu Ende zu führen, wohlwissend, dass man sich geirrt haben könnte.

Also stellte er sich den Fragen.

War ihm in der Region Yafour der schwarze Lexus mit der verschrammten Beifahrertür hinterhergefahren? Hatte er das staubige gelbe Taxi, das ihm jetzt folgte, schon einmal gesehen, unmittelbar nach seinem zweiten Stopp, unweit der protzigen Villa mit dem Pool in Form einer Sanduhr? Hatte es beim letzten Checkpoint am Fenster eines Miethauses gefunkelt, weil dort ein fester Überwachungsposten installiert war? Sam schob sich einen Streifen Pfefferminzkaugummi in den Mund. Langsam kauend blickte er durch die schlierige Frontscheibe. Damaskus kam näher. Bei SDRs mit dem Auto war es wahnsinnig schwierig, Wiederholungssituationen zu erkennen. Am liebsten wäre Sam ausgestiegen, aber dafür gab es keinen Grund. Mittlerweile galten die Außenbezirke von Damaskus als Kriegsgebiet, und er war James Hansen, Immobilieninvestor. Und ein James Hansen würde in einer Kriegszone nicht einfach so anhalten und aus dem Auto ausstiegen. James Hansen würde sich beeilen, in seine Wohnung in der Altstadt zu kommen, sich schlafen legen und am Morgen nach Amman zurückkehren.

Zwei Häuserblocks entfernt vom Safe House parkte er den SUV. Legte einen vergilbten Straßenatlas aufs Dach und tat so, als suchte er die Fahrtroute in den gewundenen Gassen bis zum Ziel. Jetzt war die letzte Gelegenheit, die Operation abzubrechen. Sam holte tief Luft, spürte die kühle Abendluft auf der Haut. Er hatte nicht das Gefühl, beschattet zu werden. Er sah sich um und nahm den Straßenatlas zur Hand wie ein dummer Tourist: ein letzter Versuch, nach Spähern Ausschau zu halten. Nach einem Blick in die richtige Richtung legte er den Atlas auf den Beifahrersitz.

Er stellte den Mercedes vor einem Haus direkt außerhalb des Christenviertels Bab Touma ab. Die Kanadier hatten einen idealen Ort am Rande der Altstadt ausgewählt: Vom Safe House ARCHIMEDES hatte man leichten Zugang zu den gewundenen Gassen und schmalen Sträßchen im Stadtzentrum – ideal, um eine Beschattung aufzuspüren – wie auch zu den breiteren Straßen, die um die Altstadt herumführten. Bei dem Gebäude handelte es sich um einen dreistöckigen Palast aus osmanischer Zeit, der sich Sams Ansicht nach über einen halben Häuserblock erstreckte. Garagen waren unüblich in Damaskus und galten als unansehnlich in einem herrschaftlichen alten Gebäude wie diesem. Um die Funktionalität zu gewährleisten, ohne die Ästhetik zu opfern, hatte der Besitzer – ein befreundeter kanadischer Agent – ein aufwendiges Garagentor einbauen lassen, bei dem es sich augenscheinlich um eine der straßenseitigen Mauern handelte.

Sam drückte einen neben einer Gaslaterne in der nördlichen Mauer versteckten Knopf. Das Tor öffnete sich knarrend, und er fuhr den Wagen rückwärts in die Garage. Ungeachtet der Größe des Prachtbaus war der Flur dahinter schmal. An dessen Ende führte der Marmorboden bis zu einer doppelflügeligen, fünf Meter hohen Tür; das Gitterwerk bestand aus gusseisernen Koranversen, die kunstvoll Dutzende Glasscheiben einfassten. Sam öffnete die Tür zum Innenhof. In dessen Mitte plätscherte ein Springbrunnen, umstanden von Grüppchen von Orangen- und Zitronenbäumen. Unsichtbare Krähen krächzten Warnungen, als er den Hof betrat. Im Osten ertönte Mörserhagel. Instinktiv fuhr er zusammen, ehe er sich in den Flur zurückzog und die Tür schloss.

Die Kanadier hatten in ihren geheimdienstlichen Nachrichten einen Gebäudeplan beigefügt, sodass Sam ohne Mühe durch die verwinkelten Flure in die Küche kam. In einem muffig riechenden Schrank fand er die Dinge vor, die er angefordert hatte: eine Packung kalorienreicher Granola-Riegel, ein Tütchen mit zehn Xanax-Tabletten à zehn Milligramm, ein tragbarer Sauerstoffkonzentrator, ein Trinkrucksack sowie Erwachsenenwindeln. Er füllte den Trinkrucksack mit Wasser und zog eine Windel aus der Verpackung. Verstaute alles in einem schwarzen Rucksack und zog den Reißverschluss zu.

Nachdem er in die Garage zurückgegangen war, öffnete er die Heckklappe des Geländewagens. Er schob das in einer Mulde unter dem Kofferraum verborgene Fach auf, indem er mehrere verdeckte Nummernscheiben exakt in der ihm in Amman gezeigten Reihenfolge drehte. Dann strich er mit der Hand an der dünnen Auskleidung des Fachs entlang. Diese bestand aus schwarzem Silikon, war im Gepäck eines Diplomaten aus einem Keller in Langley zur Station in Amman befördert worden und dazu gedacht, Hitze zu absorbieren, damit Wärme abstrahlende Objekte im Fach für Infrarotsensoren unsichtbar waren. Er warf den Rucksack hinein und wünschte, die CIA würde Zyankalikapseln in diese Go-Bags stecken, so wie die Russen das für ihre Agenten taten. Ein CIA-Agent, der in Syrien erwischt wurde, hatte mit monatelangen Verhören und Folterungen zu rechnen. Wäre Sam anstelle von KOMODO, er würde die Kapseln haben wollen.

Um den Stress abzubauen, machte Sam eine halbe Stunde lang Push-ups und Sit-ups. Anschließend nahm er eine heiße Dusche. Val war seit einer Viertelstunde überfällig. Um das zu wissen, musste er nicht mehr auf eine Wand- oder Armbanduhr schauen: Dafür hatte die Ausbildung auf der Farm gesorgt.

Er zog ein frisches weißes Hemd und einen hellgrauen Anzug an und kehrte in die Küche zurück, um nachzusehen, ob es irgendwo Kaffee gab. Er machte eine alte French Press ausfindig, dazu einen elektrischen Teekessel und eine Dose mit gemahlenem Kaffee. Das Ablaufdatum interessierte ihn nicht. Er brauchte das Koffein.

Er ließ den Kaffee ziehen, wartete, bis er abgekühlt war, und leerte den Becher mit drei großen Schlucken. Er füllte den Becher nach und betrachtete den aufsteigenden Dampf. Dann wählte er eine auswendig gelernte Telefonnummer und bat um ein Update hinsichtlich des Ankaufs in Dubai. Die Stimme am anderen Ende, ein befreundeter syrischer Geheimdienstler, der die wahre Bedeutung der vereinbarten Codes nicht kannte, antwortete, dass die Transaktion auf Eis läge. Sam bat ihn, das zu bestätigen.

»Die Transaktion liegt auf Eis, Mr. Hansen.«

Mit zwei großen Schlucken trank Sam auch den zweiten Kaffee aus und schmiss den leeren Becher zu Boden, sodass er in tausend Stücke zersprang.

Dass KOMODOS Festnahme unmittelbar bevorstehen und die Sicherheitslage in Syrien sich verschlechtern könnte, bedeutete, dass die CIA das übliche Szenario zum Herausschleusen aufgeben musste, das heißt, den Agenten wochenlang zwischen Safe Houses hin- und herschicken, dafür sorgen, dass die Lage sich beruhigte, und ihn schließlich über die Grenze schmuggeln. KOMODO wurde seit Wochen überwacht. Alle drei, Sam, Val und KOMODO, würden Syrien direkt vom Safe House ausgehend verlassen müssen.

Sam lag im Anzug auf dem Bett, das Koffein und das Adrenalin sorgten dafür, dass sein Herz hämmerte. Sollte der Muchabarat KOMODO geschnappt haben, würden sie als Nächstes Val festnehmen. Und Sam blieb nur eins übrig: auf Val zu warten. Allerdings erzeugte dieses Warten eine solche Anspannung, dass er am liebsten eine halbe Flasche Whisky geleert oder ein paar von KOMODOS Xanax-Pillen eingeworfen hätte. Manche Agenten versuchten, die psychische Belastung mit Alkohol, Drogen oder Frauen zu bekämpfen. So etwas führte allerdings regelmäßig in die Gosse, zur Entlassung aus dem Dienst oder zu Schlimmerem. Einen Klassenkameraden von der Farm – ein Geheimagent, der in Belarus operierte – hatte man an einem freiliegenden Deckenbalken in seiner Minsker Wohnung baumelnd vorgefunden, Tabletten und Injektionsnadeln und leere Wodkaflaschen auf dem Boden.

Ein Auftrag wie dieser konnte einen ganz schön schlauchen.

Es war fast zwei Uhr morgens. Irgendwo im Haus hatte eine Tür geknarrt, danach hatte er von einem der Flure her Schritte gehört.

Er fand Val in der Küche vor; sie klopfte mit einem Fuß auf dem Fußboden und gab mit zitternder Hand Kaffee in die French Press. Als sie einen Löffel voll davon verschüttete, schlug sie mit der Hand auf den Küchentresen.

»Fuck, fuck, fuck«, schrie sie. »Drei Treffpunkte. Er ist zu drei Treffpunkten nicht aufgetaucht.«

Mehrmals holte sie tief Luft, um sich zu beruhigen. Schließlich schaltete sie den Wasserkessel ein und ließ sich, mit dem Rücken am Küchenschrank, zu Boden gleiten. Sam setzte sich neben sie. Sie schwiegen, während das Wasser im Kessel zu kochen begann. Val war rank und schlank, sie hatte sich seit Bagdad kaum verändert, allerdings trug sie das blonde Haar jetzt schulterlang. Er nahm sie in den Arm. Sie legte den Kopf auf seine Schulter.

Nach einigen Minuten stand er auf und holte einen kleinen roten Rucksack aus dem Geheimfach im Mercedes-SUV. Wieder zurück in der Küche, warf er Val den Rucksack zu. Er enthielt einen kanadischen Pass, der, so wie Sams, mit ihrem eigenen Foto und einem falschen Namen versehen war. Val musterte die Sachen für die Verkleidung – Perücke, Brille, Schaumstoffbauch, der die Trägerin fünfzehn Kilo schwerer aussehen ließ –, die dazu dienten, damit sie dem Foto entspräche. »Oje, ich seh ja schrecklich aus als übergewichtige Brünette.«

»Ich weiß. Darum habe ich das Kostüm ja auch ausgesucht.«

Sie lächelte, dann verdüsterten sich ihre Gesichtszüge. »Wir müssen ihm noch ein paar Stunden Zeit geben, damit er das Notfallsignal absetzen kann. Wenn er dann immer noch nicht auftaucht, verschwinden wir.«

Val und Sam saßen in der Küche auf dem Fußboden, warteten auf das Signal, dass KOMODO wieder aufgetaucht war, auf das Tageslicht, darauf, dass Leute vom Muchabarat die Tür eintraten. Sie hielten abwechselnd Wache, während der andere schlief, doch keiner fand Schlaf, sodass sich jetzt beide die müden Augen rieben, als von der Straße her ein metallisches Kreischen zu ihnen drang. Als der Demonstrant mit dem Megafon Selmiyyeh, selmiyyeh – Friedlich, friedlich – rief, war das Gemurmel der Menschenmenge bis ins Haus zu hören.

»Die Freitagsdemonstrationen beginnen«, sagte Sam.

»Der Abassin-Platz liegt nur ein paar Häuserblocks nördlich von hier«, erwiderte Val verschlafen. »Die großen Widerstandsorganisationen und Facebook-Seiten haben für heute zu einer Demo aufgerufen. Die Leute wollen bis zum Sturz des Regimes weitermachen. Aber sie fangen früh an. Wir sollten bald von hier verschwinden.«

Sam schaute aus einem der Fenster auf eine große Menschenansammlung, die durch die unter ihnen befindliche Straße zog.

»Scheint die größte Demonstration zu werden, die es bislang in Damaskus gegeben hat«, sagte Val. »Es könnte zu Blutvergießen kommen.« Sie setzte sich wieder an den Tisch und legte die Arme darauf. »Ich glaube, wir haben ihn verloren.«

»Vermutlich«, sagte Sam und stand auf. »Aber reden wir über alles Mögliche, nur nicht diesen vergeigten Einsatz. Wir sollten verschwinden.«

Val wollte gerade etwas darauf antworten, als draußen Krähen krächzten. Sams Nackenhaare sträubten sich. Val schloss den Mund, und Sam las in ihrem Blick, dass auch sie das Geräusch wahrgenommen hatte.

Selmiyyeh, selmiyyeh.

Sie standen auf. Sams Stuhl knarrte in der stickigen Stille.

Selmiyyeh, selmiyyeh. Plötzlich splitterte die uralte Tür des Gebäudes und wurde aus den Angeln gerissen.

2

Nur als kleines Mädchen hatte Mariam so große Menschenansammlungen in Syrien gesehen. Eingezwängt zwischen den Demonstranten näherte sie sich mit der skandierenden Menge dem Abassin-Platz. Die Menschen trugen selbst gemachte Plakate. Viele hatten sich das Gesicht grün-weiß-schwarz angemalt, einige trugen Kühltaschen, als ob sie zu einem Picknick aufbrächen. Links von ihr schleppte ein stämmiger Mann einen Klappstuhl und eine kleine grün-weiß-schwarze Flagge mit drei roten Sternen, dem Symbol der Rebellion. Jedes Mal, wenn einer der Protestanführer etwas durchs Megafon rief, reckte der Mann die Flagge hoch über seinen Kopf. Eine Frau rechts von Mariam hielt ein kleines Mädchen an der Hand, auf dessen rosafarbenem T-Shirt in großen Lettern das Wort FREEDOM prangte. Mariam erwiderte den Blick des Mädchens, während es raschen Schrittes mit der Mutter vorbeiging. Das Mädchen machte noch das Victory-Zeichen und verschwand dann in der Menge. Unter den Leuten herrschte eine pulsierende Spannung, Mariam dagegen spürte nichts als aufsteigende Angst. Weil sie im Präsidenten-Palast arbeitete, war ihr klar, dass die Regierung dies nicht lange dulden würde. Bis dahin hatte sie noch einiges zu tun.

Sie hörte, wie jemand auf dem Platz Selmiyyeh, selmiyyeh durch ein Megafonrief.

Am südlichen Rand stehend, sah Mariam, dass der Platz – streng genommen ein Kreisverkehr – unter der Menschenmenge nicht mehr zu erkennen war. Ein Meer von Köpfen, Schultern, Flaggen und Plakaten anstatt der Straßen und Gehsteige. Mariam war hier, um ihre geliebte Cousine Razan zu beschützen. Razan war sorglos, leichtsinnig. Mariam konnte ihr mühelos folgen. Die Flagge der Rebellion um die Schulter gelegt, marschierte Razan, vermutlich leicht high, zum Abassin, unter Pappschildern, die Freiheit, das Ende der Notstandsgesetze sowie Neuwahlen forderten. Alles vernünftige Forderungen. Alle bedeuteten, juristisch gesehen, Hochverrat. Mariam wusste das – und drängelte sich weiter vor. Dabei unterdrückte sie den Impuls, ihrer Cousine zuzurufen, sie solle nach Hause gehen. Geh nicht auf den Platz, verlass die Demo. Geh und betrink dich. Wie in alten Zeiten. Aber Razan lief weiter, bis in die Mitte des Platzes, auf eine Bühne zu, gezimmert aus den Brettern und Möbeln, die man aus den Wohnungen und Häusern derer ausgeliehen hatte, die der Opposition freundlich gesinnt waren. Mariam sah sich nach Muchabarat-Offizieren um und positionierte sich gerade so weit entfernt von der Bühne, dass sie sich als unschuldige Passantin ausgeben konnte. Ich wollte nur zum Bäcker, und da bin ich zufällig in diese landesverräterische Demonstration geraten, probte sie im Stillen ihre Antwort. Hab für die Esel vom Muchabarat immer irgendeine Geschichte parat, wie Razan gern sagte.

Mariam blieb vor einem Süßigkeitenladen stehen, der direkt an den Platz grenzte. Inzwischen herrschte dort ein ohrenbetäubender Lärm, eine Art Ausgelassenheit, wie Mariam sie in Syrien noch nie erlebt hatte. Große Menschenansammlungen waren bislang nur für jene inszenierten, verpflichtenden Kundgebungen zugelassen, die der alte Präsident, der Vater des derzeitigen Präsidenten, im unmittelbar neben dem Platz gelegenen Sportstadion abgehalten hatte. Mariam, damals noch ein kleines Mädchen, hatte, eingeschlossen in der Menge, den Präsidenten in ihrem Sprechgesang zum obersten Apotheker erklärt. »Syriens edler Ritter!« hatten Regierungsvertreter sie gedrängt zu skandieren. »Der Löwe von Damaskus!« Ist er, der Präsident, wirklich ein guter Apotheker?, hatte Mariam hinterher den Vater gefragt, denn sie war alt genug, um zu begreifen, dass man solche Fragen – wenn überhaupt – nur im privaten Kreis stellte. Er hatte nur gelächelt: Er ist ein guter Lügner, Habibti.

Zwei gut aussehende, drahtige Jungs betraten die Bühne. Sie forderten den Präsidenten zum Rücktritt auf, worauf die Menge ihnen zujubelte. Mariam erblickte einen Muchabarat-Mann in Lederjacke, der die Demonstranten filmte. Einer von vermutlich Hunderten solcher Männer. Inzwischen machte ihr die Größe der Versammlung, zunächst ein Trost, Angst. Wieder schweifte ihr Blick zu ihrer Cousine, die vor der Bühne stand. Ein gesichtsloser Protestler reichte Razan ein Megafon. Mariam setzte sich in Bewegung. Zeit, diese Bint Mbarih, dieses naive Weib, von der Bühne wegzureißen, bevor man sie umbrachte.

Während Mariam vortrat, tauchte vor ihr auf dem Boden ein Schatten auf; wie im Staub verschüttete Tinte.

Sie blieb stehen, schaute hoch und sah einen ganz in Schwarz gekleideten Mann auf dem Dach des Süßigkeitenladens. Er hatte sich einen Schal über Nase und Mund gebunden und hielt ein Gewehr in der Hand; legte eine Hand an den Kopf, als hörte er etwas über Funk; blickte über die Straße zu einem anderen Häuserdach, wo ein ähnlich gekleideter Mann ein Gewehr auf ein Dreibein montierte. Einer der jungen Männer hielt ein Megafon in der Hand und forderte Präsident Assad – streng genommen Mariams Chef – auf, neue politische Parteien zuzulassen. Doch Mariam blieb hinter dem Süßigkeitenladen stehen. Ein Plakat zog an ihr vorbei: FREIHEIT BEGINNT MIT DER GEBURT. IN SYRIEN BEGINNT SIE MIT DEM TOD. Sie sah, wie sich ein junges Paar in der Menge küsste, eine rundliche Frau mit ungemein großen Brüsten tanzte vor einem Schild mit der Aufschrift: WACH AUF, ASSAD, DEINE ZEIT IST GEKOMMEN.

Mariam beobachtete ihre Cousine, wie sie mit dem Megafon in der Hand die Bühne betrat. Die Menge jubelte. Mariam schaute hoch, konnte die Männer auf den Hausdächern aber nicht mehr sehen. Razan trug eine handbemalte Jeans und ein mit der Drei-Sterne-Flagge bedrucktes T-Shirt. Sie hob die Hand, verlangte Freiheit, erklärte, dass das Volk den Sturz des Regimes wolle. Dann sagte sie, Selmiyyeh, selmiyyeh, worauf die Menge die Forderung wiederholte.

»Er ist ein Schlächter, ein Tyrann«, schrie Razan. »Assad muss abtreten, er muss sein Amt niederlegen.«

Und nun wollte sich Mariam mit aller Macht zur Bühne vordrängeln – aber stattdessen wurde sie an die Wand des Süßigkeitenladens gedrückt. Kurz darauf spürte sie einen Windzug, als die Muchabarat-Mitarbeiter an ihr vorbeiliefen. Mariam begriff, welch eine irrsinnige Forderung Razan da eben lauthals gestellt hatte, und hatte das Gefühl, neben sich zu stehen und zu hören, wie sie selbst eine Reihe von Verwünschungen gegen ihre mutige, törichte Cousine ausstieß.

Sie sah, wie ein Muchabarat-Mann in der Menge etwas in sein Funkgerät flüsterte. Plötzlich ein Schuss. Noch einer. Noch einer. Einer der drahtigen Jungs auf der Bühne brach zusammen, um ihn herum rote und rosafarbene Wölkchen. Mariam drückte sich an die Hauswand, und obwohl die Wand extrem heiß war, fühlte sich ihr Rücken kalt an. Urplötzlich herrschte Stille, die Plakate wurden zu Boden geworfen, die Menschen flohen.

Dann schossen die Leute vom Muchabarat in die Menge, zunächst sporadisch und zögernd, dann aber, als die Schützen mutiger wurden, in regelmäßigen Abständen. Eine junge Frau im weißen Hidschab hob die Arme, um Schläge mit einem Knüppel abzuwehren. Ein Muchabarat-Mann schwang seinen Stock gegen den Kopf eines Mannes, einmal, zweimal, dreimal, bis dessen Schädel platzte. Der Mann versuchte, sich auf den Beinen zu halten, sackte jedoch zusammen, während der Muchabarat-Mann ihn zu Boden drücke und abermals zuschlug.

»Verschwinde, schnell!«, rief Mariam Razan zu. Aber ihre Cousine konnte sie nicht hören – und hätte sowieso nicht auf sie gehört.

»Freiheit«, rief Razan. »Freiheit! Freiheit!«

Jetzt feuerten auf den Hausdächern die Gewehre, die großkalibrigen Kugeln zerfetzten menschliche Leiber, die Plakate und Flaggen. Irgendetwas spritzte Mariam ins Gesicht, sie blickte nach unten, blinzelte und verfluchte ihre Cousine, während sie es sich aus den Augen wischte. Das war Blut, aber sie wusste nicht, woher es gekommen war. Sie tastete ihren Kopf ab, ihre Beine, ihre Brust. Alles unverletzt. Die Menge lief an ihr vorbei, die Gewehre ratterten. Razan blieb trotzig auf der Bühne stehen, das Megafon in der Hand, während die Demonstranten fluchtartig das Weite suchten.

Ein bulliger Muchabarat-Mann sprang auf die Bühne und wedelte mit seinem Knüppel herum.

»Freiheit!«, hörte Mariam ihre Cousine durchs Megafon rufen. »Wir wollen Freiheit.« Dann legte Razan das Megafon auf den Boden, der Mann näherte sich ihr. Razan schaute zum Himmel, zum Dschabal Quasyun, und schloss die Augen. Dann schlug ihr der Mann mit dem Knüppel auf den Kopf.

3

»Sam, ich pass da nicht rein«, hatte ihm Val zugezischt. »Das ist viel zu eng. KOMODO ist klein, aber ich bin über einen Meter achtzig groß, verdammt noch mal.« Sam hatte seine Hand auf eine von Vals Hüften gelegt und drückte, während sie ihre Beine in das Geheimfach des SUVs zu zwängen versuchte. Sie fluchte, zuckte vor Schmerzen zusammen, als er ihre Gliedmaßen »faltete«, als mache er Origami. Er hörte Rufe im Haus, die Schritte kamen näher. Die Männer riefen Vals Namen, blickten in die Zimmer. Sie suchten nach ihr.

Val stieß ein verzweifeltes Lachen aus, eines, das er aus Bagdad kannte und das bedeutete: Das hier läuft total schief. Sie schwang sich aus dem geheimen Raum. Sam hatte ein ganz schlechtes Gefühl, was die Sache anging, und fragte Val noch einmal, ob sie das Risiko eingehen wollte, obwohl er die Antwort bereits kannte. »Vielleicht setzt du dich einfach auf den Beifahrersitz?«

»Nein, auf gar keinen Fall – du hast doch gehört, was die da draußen rufen. Ich besitze einen Diplomatenpass. Und genieße Immunität. Mir wird nichts passieren. Du bist am Arsch, wenn wir erwischt werden.«

Er nickte. Er hatte es ihr anbieten müssen, aber sie waren Profis und wussten, was getan werden musste. Er küsste sie auf die Wange. Sie lächelte schwach und drückte den Knopf in der Wand. Das Garagentor öffnete sich, langsam und knarrend.

In ein paar Wochen trinken wir zu Hause was zusammen, sagte sie und ging zurück ins Safe House.

[Undeutliche Stimmen und Geraschel von Papier]

Ist das angeschaltet?[Leise Antwort, Geräusche]

Besser?Okay. Dies ist die zweite gemeinsame Spionageabwehr- und Sicherheitsbefragung von Samuel Joseph, Operations Officer der Gehaltsstufe 12, nach seiner Rückkehr aus Damaskus. Wir befinden uns zurzeit in der Amman Station. Es ist der 26. März, 13 Uhr Ortszeit. Für die erste Hälfte von Mr. Josephs Aussage, in der er die Operation zur Herausschleusung in Syrien schildert, siehe Kabel 2345.

Befragende Beamte Tim McManus von der Abteilung für Spionageabwehr und Lloyd -

[Gehuste] Reichen Sie mir bitte … danke [Unbekannte Geräusche]

Lloyd Craig von der Security. Wir werden ein paar Fragen durchgehen, auf Grundlage unseres Verständnisses der Operation.

F. Bitte nennen Sie Ihren Namen.

A. Samuel Joseph.

F. Valerie Owens hat Ihnen gesagt, dass der Agent, KOMODO, drei Treffpunkte verpasst habe?

A. Das sind wir doch schon mal durchgegangen, Tim. Ja. Sie hat mir gesagt, dass er alle drei verpasst hat.

F. Und die SDR wies in dieselbe Richtung? Miss Owens sollte zusammen mit Ihnen Syrien verlassen?

A. Tim, ich habe das Gefühl, wir drehen uns im Kreis.

[Raschelgeräusche von Papier, undeutliches Gespräch]

F. Sie hat nicht über die SDR gesprochen, nachdem sie im Safe House angekommen war?

A. Nein.

F. Ist das ungewöhnlich?

A. Nicht, wenn die SDR erfolgreich gewesen ist. Sollte Val geglaubt haben, dass sie beschattet wird, hätte sie die SDR nicht beendet. Sie hätte abgebrochen und wäre nach Hause gegangen.

F. Woher wissen Sie das?

A. Ich habe schon mal mit ihr zusammengearbeitet, in Bagdad. Verdammt, Lloyd, wir haben …

F. Sam, wir müssen die Fragen durchgehen, die Zentrale hat vor einer Stunde noch mehr geschickt.

A. Na gut. Okay. Val war ein herausragender Case Officer. Wir haben unsere Ausbildung für geheime Operationen in feindlichen Einsatzumgebungen gemeinsam absolviert. Nur wenn sie absolut sicher wäre, nicht beschattet zu werden, würde sie ein Safe House betreten; sie wurde nicht observiert.

F. Sie haben sie gut gekannt?

A. Ja, wir standen uns nahe.

[Leise Stimmen, Gehuste]

A. Fragen Sie doch einfach.

F. Es ist … ähm … [Gehuste]

A. Fragen Sie doch einfach, Tim.

F. Waren Sie zu irgendeinem Zeitpunkt mit Miss Owens liiert?

A. Nein.

F. Danke. Und Sie persönlich haben zu keiner Zeit, während Sie in Syrien waren, Überwachungsaktivitäten wahrgenommen?

A. Nein.

F. [Geraschel Papier]Das hier ist ein Grundriss des Safe House. Können Sie uns zeigen, wo die Männer den Eingang aufgebrochen haben?

A. Sie sind durch die Haustür gekommen. Hier. Dabei haben sie eine Ramme benutzt, glaube ich. Sie sind außerdem durch mindestens eines der Fenster zur Straße hin reingekommen. Hier. Danach zu urteilen, wie schnell sie bis zur Garage gelangt sind, würde ich sagen, dass ein paar von ihnen über eine der Mauern in den Innenhof gesprungen sind, aber da bin ich mir nicht ganz sicher. Sie sind ausgeschwärmt. Wir sind zum Auto gelaufen. Durch diesen Flur, dann in den Innenhof. Und da habe ich wohl gehört, dass einige von ihnen über die Mauern gestiegen sind. Wir gelangten in die Garage und …

F. Einen Moment mal, Sam, die Leute von der Zentrale haben hier eine spezielle Frage. [Rascheln von Papier] Warum sind Sie nicht einfach weggefahren, mit Miss Owens auf dem Beifahrersitz, und haben sie nach Hause zurückgebracht?

A. Val und ich sprechen beide fließend Arabisch. Wir haben gehört, wie die Muchabarat-Leute immer wieder denselben Satz gerufen haben, als sie die Zimmer durchsuchten: Sie ist nicht hier. Dabei haben sie Vals Namen benutzt. Sie waren hinter ihr her, nicht mir. Wir konnten es einfach nicht riskieren, zusammen gesehen zu werden.

F. Und darum haben Sie es dann mit dem geheimen Raum in dem SUV probiert?

A. Ja. Aber Miss Owens hat da nicht hineingepasst.

F. Was haben Sie danach unternommen?

A. Wir haben eine Entscheidung getroffen. Sie bleibt und stellt sich, weil sie diplomatische Immunität genießt. Man wird ihr Fragen stellen und sie zur Persona non grata erklären, anschließend kehrt sie nach Hause zurück.

F. Und wenn Sie erwischt werden?

A. Wenn ich erwischt werde, verschwinde ich für immer in einem syrischen Kerker, weil ich nur einen kanadischen Touristenpass besitze. Es war die richtige operative Entscheidung, jeder Untersuchungsausschuss wird das bestätigen.

F. Das bestreiten wir ja nicht, Sam. Also, Ihr Koffer befindet sich bereits im Wagen. Was ist anschließend passiert?

A. Miss Owens öffnet das Garagentor, und ich fahre los in Richtung Grenze.

F. Die Leute vom Muchabarat haben Sie nicht gesehen?

A. Die dürften weder gewusst haben, dass das Haus über eine Garage verfügt, noch, dass es an der Seite einen Ausgang gibt. Soweit ich weiß, haben sie nicht einmal den Wagen gesehen.

F. Sie haben dem Leiter des Büros in Amman gegenüber erwähnt, dass Sie etwas gehört hätten, als Sie wegfuhren.

A. Ja.

F. Können Sie uns sagen, was Sie gehört haben?

A. Vals gellende Schreie.

Sam klickte Stopp auf dem Tonsymbol des Computers. Als er merkte, dass er mit den Fingern auf den Tisch trommelte, faltete er die Hände im Schoß. Dann starrte er die Wand an, während Vals Schreie in seinem Kopf hallten. Anders als bei den meisten seiner Kollegen im Direktorium für geheimdienstliche Operationen war die »Ego-Wand« des Leiters der Abteilung für den Nahen Osten und Afrika, kurz C/NE, Ed Bradley, leer. Auf dem Bücherregal hinter dem Schreibtisch standen ein paar Geschenke von besonderen Freunden, darunter ein halb gefalteter australischer Cowboyhut und die AK-47 von Khalid Scheich Mohammed. Auf einem anderen Regal stand Bradleys Ein und Alles – ein funktionsunfähiger Lenkflugkörper, ein Geschenk, weil er das Stinger-Programm gegen die Sowjets in Afghanistan geleitet hatte. Es ging das Gerücht, dass die schultergestützte Flugabwehrrakete nicht regelgerecht ausgemustert worden war. Ein Besucher hatte einmal den Abzug betätigt, woraufhin die Rakete wie ein Weihnachtsbaum blinkte. In Schussrichtung vor Bradleys Bürotisch saß Procter, Station Chief in Damaskus, die nach Langley zurückgekehrt war, um sich der Folgen der Festnahme von Val Owens anzunehmen.

Sam sollte nach diesem ersten Treffen mit Artemis Aphrodite Procter, Tochter eines von der griechischen Mythologie förmlich besessenen Vaters, zu dem Schluss kommen, dass sie sich eher dem Geist ihres Vornamens als dem ihres Mittelnamens verpflichtet fühlte.

Procter war vieles – unter anderem war sie klein von Statur. Kaum größer als einen Meter fünfzig. Die schwarzen Haare, die ihr vom Kopf abstanden, als stünden sie unter Strom, kontrastierten mit ihrem blassen, sommersprossigen Gesicht. Alles an ihr war straff und gespannt. Unter der Bluse zeichneten sich die Umrisse ihrer muskulösen Arme und die ausgeprägte Schulterpartie ab. Sam fiel ein, was ihm einer ihrer Case Officer in Moskau erzählt hatte. »Die ist ein total geladenes Duracell-Häschen, Mann. Sie wird nicht umsonst die Proktologin genannt. Die geht zur Sache. Und wenn du langsamer machst, frisst sie dich bei lebendigem Leib.« Außerdem hatte der Kollege Sam von einem operativen Plan erzählt, den er entworfen hatte und den Procter in einer Depesche als »Hundekacke« bezeichnet hatte. »Und diese Depesche hat sie dann einfach zurück zum Sekretariat im Russia House geschickt«, hatte er gesagt. »Und weißt du was: Sie hatte recht gehabt. Ich habe viel von ihr gelernt.«

Procter stocherte in ihren Zähnen. Bradley packte Sam an der Schulter, nahm eine Thermoskanne mit Kaffee vom Schreibtisch und setzte sich an den Tisch. Bradley war einen Meter fünfundachtzig groß, ein ehemaliger Linebacker im Team der Universität von Texas, der sich viel Mühe gegeben hatte, den Texas-Akzent seiner Jugend abzuschütteln – bis er es schließlich aufgegeben hatte. Hinter der schieren physischen Präsenz verbargen sich ein feines Gespür für Menschen und die Cleverness im Operativen. Doch mittlerweile pendelte Bradley zwischen Krisen in Nahost, ungeduldigen politischen Vorgesetzten und wichtigtuerischen Aufpassern im Kongress. Er wirkte gestresst.

»Die Schreie«, durchbrach Procter die Stille. »Was haben die ausgedrückt?«

»Schmerz. Die haben sie grün und blau geschlagen.«

Sam wandte den Blick von der Wand ab und sah Procter an. »Haben wir irgendwelche Hinweise, wo sie sich befindet?«

»Einen«, sagte Procter. »Ist gestern Abend reingekommen. Wir haben ein Gespräch abgefangen, wonach ein Muchabarat-Geheimdienst namens ›Sicherheitsamt‹ kürzlich eine Amerikanerin festgenommen hat. Bislang nicht bestätigt, scheint aber glaubwürdig.«

»Von einem ›Sicherheitsamt‹ habe ich noch nie was gehört«, sagte Sam.

»Wir auch nicht, ehrlich gesagt«, antwortete Procter. »Aber wir haben ein bisschen recherchiert und ein paar Erwähnungen in gestohlenen Dokumenten aus dem vorigen Jahr gefunden. Assad wollte anscheinend, dass jemand den restlichen Muchabarat im Auge behält, er hat einen General, Ali Hassan, damit beauftragt und ihn mit extrem viel Macht innerhalb der Palastbürokratie ausgestattet. Der Mann ist ein wahrer Sohn des Regimes. Sein Bruder ist Rustum Hassan, der Kommandeur der Republikanischen Garde.«

»Es wäre eine gute Nachricht, wenn die Syrer sie in Gewahrsam hätten«, sagte Bradley. »Dann könnten wir wenigstens von Regierung zu Regierung Druck auf sie ausüben.«

»Wir haben Assad auf inoffiziellem Wege gewarnt, dass wir das Regime zur Rechenschaft ziehen, sollte Miss Owens etwas zustoßen«, sagte Procter. »Aber die bestreiten immer noch, dass sie sie haben. Kann sein, dass es für das Weiße Haus und diese Trottel im Kapitol okay ist, wenn unsere Leute wochenlang im Gefängnis sitzen, aber für mich ist es das nicht. Wenn ich Ali Hassans Telefonnummer herausfinde, rufe ich ihn direkt an, Ed. Sende ihm eine Botschaft.«

»Wir wollen denen nicht drohen?«, fragte Sam. Er befingerte seinen Krawattenknoten, lockerte ihn unbewusst. »Das ist doch Mist. Val wird widerrechtlich in Gewahrsam gehalten.«

Bradley blickte ihn wütend an. »Der Präsident muss eine breiter aufgestellte Syrienpolitik betreiben, die über die Interessenlage von einem von uns hinausgeht, Sam. Val besitzt einen Diplomatenpass. Wir bekommen sie bestimmt bald zurück.«

»Und bis dahin warnen wir die Syrer wieder aufs Neue, ohne Sanktionen zu verhängen?«, wandte Sam ein.

Bradley schenkte Kaffee aus der Thermoskanne nach. »Ich stimme dir ja zu, aber das ist aktuell nun mal die Politik des Weißen Hauses. Wir warten ab. Wir kriegen Val zurück, es braucht nur eben seine Zeit. Die Syrer wären verrückt, wenn sie irgendetwas anderes täten, als sie in eine Zelle zu stecken und höflich Fragen zu stellen. Am Ende werden die Val freilassen. Und ja, Artemis, wenn die NSA uns eine Telefonnummer geben kann, sollten wir uns mal mit General Hassan unterhalten.«

Bradley blickte zur Wanduhr. »Ich muss los, mein Fahrer wartet. Ein ganzer Nachmittag mit Gesprächen im Kapitol.«

»Im SSCI?«, fragte Sam Bradley und sprach das Akronym für den Sonderausschuss für Geheimdienste des US-Senats richtig, nämlich wie Sissy, Feigling, aus.

»Ja, bei den Feiglingen höchstpersönlich«, sagte Bradley und ballte die rechte Faust. »Die wollen mich dort wegen Val befragen.«

Sam gab Procter die Hand, die Leiterin der Damaskus Station verließ den Raum. Sam blieb noch sitzen, betrachtete die Stinger-Rakete, während Bradley seine Aktentasche mit Schloss für die Befragung im Kapitol packte.

»Ich habe gehört, sie ist ein bisschen durchgeknallt.«

»Procter?«

»Ja.«

»Sie ist ’ne echte Type. Übrigens – hast du schon Essenspläne für heute Abend?«

»Ich habe ein ganzes Grillhähnchen und ein Sixpack Bier in meinem ansonsten leeren Kühlschrank«, antwortete Sam.

»Gut. Bring das Bier mit. Kannst du heute Abend zu uns auf die Farm kommen und mit Angela und mir essen? Ich habe da was für dich.«

»Und zwar?«

»Etwas, das dich ablenkt.«

Im Rushhour-Verkehr auf der 267 und der Greenway Route benötigte Sam fast zwei Stunden bis zur Bradley-Farm, was ungefähr so anstrengend war wie seine Fahrt durch das vom Bürgerkrieg geprägte Damaskus.

Er bog auf die Kieszufahrt des Farmhauses. Am Horizont ragten die Ausläufer der Blue Ridge Mountains auf, der Sonnenuntergang dahinter glich einem orangefarbenen Band, das hinter den Bergen verschwand. Entlang der Natursteinmauer kauten drei Pferde Gras; als Sam aus dem Wagen stieg, fiel ihm ein, dass er das Bier vergessen hatte. Er überlegte noch, ob er noch welches besorgen sollte, als Angela Bradley die Haustür öffnete. »Hallo, Sam!« Sie umarmte ihn und ging mit ihm in die Küche. »Ed ist unten in der ›Box‹« – ihre Bezeichnung für die Sensitive Compartmented Information Facility (SCIF) im Kellerraum, die es Bradley ermöglichte, sensible berufliche Telefonate anzunehmen und diplomatische Depeschen von Zuhause aus zu lesen. Angela hasste die Box. Eine ihrer Bedingungen, als Ed die Stelle als Leiter der Nahost-Abteilung angenommen hatte, war die Pferdefarm am ländlichen Rand des städtischen Außenbezirks von Washington D. C. gewesen. Bradley musste deshalb eine Stunde länger pendeln, aber als er sich zunächst geweigert hatte, antwortete sie nur: »Das interessiert mich nicht, Ed.«

Ohne zu fragen, öffnete sie ein Coors Light und schob die Dose Sam auf der Küchentheke hin. Dann öffnete sie eine Dose für sich, setzte sich wie ein Schulmädchen auf der Theke und startete die Befragung.

»Wie geht’s der Familie?«

»Gut, alle wohlauf.«

»Freundinnen?«

»Im Moment keine.«

»Verstehe. Tut mir leid für dich. Wohin geht’s als Nächstes?«

»Das entscheiden die da oben.«

»Ed muss eine gottverdammte Entscheidung treffen, richtig?«

»Ja, so sieht’s aus.«

Nach beendeter Befragung nickte Angela – auch wenn Sam keine Ahnung hatte, wozu oder warum. Sie wischte sich die Hände an einem Küchenhandtuch ab und erklärte, dass es Steaks geben werde. Schon bald zischte die gusseiserne Pfanne, und zwei weitere Dosen Coors wurden geöffnet, als sie Eds Schritte auf der Treppe hörten.

Mit der einen Hand warf Angela Ed eine Bierdose hin, mit der anderen wendete sie die Steaks. Er wollte etwas sagen, aber Angela stoppte ihn.

»Hört zu, Jungs, ihr kennt die Regeln«, sagte Angela. »Ich bekomme eine halbe Stunde, ohne dass ihr euch über die Arbeit unterhaltet.«

»Jaaa«, ahmte Sam, so gut er konnte, ihre gedehnte Sprechweise nach.

Worauf sie ihm den Mittelfinger zeigte.

Wie sich herausstellte, bekam sie eine dreiviertel Stunde. Dann räumten Sam und Ed den Tisch ab, machten den Abwasch und begaben sich, wie es ihr Brauch war, mit sechs Bierdosen in einer Styropor-Kühltasche auf die hintere Terrasse. Stechmücken umschwirrten die Außenlampen.

Jeder trank schweigend eine halbe Dose. Dann erzählten sie sich Geschichten aus der gemeinsamen Zeit in Kairo, die Weißt-du-noch-Erzählungen langjähriger Freunde.

Angela öffnete die Fliegengittertür, gerade als Sam noch eine Bierdose leerte. »Ich geh jetzt zu Bett. Sam, schläfst du heute Nacht hier?«

»Würde es euch etwas ausmachen?«

»Natürlich nicht«, sagte Ed. »Wir können morgen früh in Kolonne in die Stadt fahren.«

»Ja«, sagte Angela. »Du kannst das Zimmer neben der Box haben. Bettzeug liegt im Schrank. Nacht, Lieber.« Sie küsste Bradley auf die Stirn und entschwand ins Haus.

Sam zog die Lasche von seiner leeren Bierdose und sah zu den schemenhaften Bergen. Holte die letzten beiden Dosen aus der Kühltasche und warf Ed eine hin.

»Du musst etwas für mich erledigen«, sagte Bradley schließlich. »Könnte dich ein bisschen aufmuntern nach der hässlichen Geschichte mit Val.«

»Worum geht’s?«

»Um eine Rekrutierung, in Paris. Eine Delegation hochrangiger Beamter der syrischen Regierung trifft mit einigen der Oppositionspolitikern im Exil zusammen. Weil syrische Regierungsvertreter Damaskus nicht mehr oft verlassen, lohnt ein Versuch. Du bist der ideale Kandidat: ein Top-Anwerber in der Nahostabteilung, du sprichst fließend Arabisch, und du hast schon einmal Syrer rekrutiert. In der Gruppe befinden sich mehrere syrische Regierungsbeamte; du musst den Richtigen für einen Anwerbungsversuch herausfinden.« Noch bevor Ed weitersprach, wusste Sam, dass er allem, was der ihm vorschlagen würde, zustimmen würde. Aber er wollte weiter das wohlig-warme Gefühl genießen, das sich in ihm ausgebreitet hatte, weshalb er unnötige Fragen stellte, deren Antworten er bereits ausnahmslos kannte.

»Ist das Büro in Paris nicht interessiert?«

»Wir versuchen, die Franzosen aus der Sache herauszuhalten, deshalb wollen wir keine lokalen Talente einsetzen, von denen sie vielleicht wissen.«

»Du schickst mich sonst nie an schöne Orte. Der Einsatz wird eine willkommene Abwechslung sein, nach den üblichen Dreckslöchern. Kann ich die BANDITOs mitnehmen? Sie kennen Paris, und wir werden Gegenüberwachung brauchen.«

BANDITOs, das war der Deckname für die Kassab-Drillinge: Elias, Yusuf und Rami. Alle waren CIA-Spitzel. Die Brüder besaßen die syrische sowie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und stammten aus einer reichen christlichen Familie, der Autohäuser überall in Syrien und im Libanon gehörten. Die Familie lebte größtenteils in Beirut und Istanbul, weil sie es vorzog, die Vertretungen aus der Ferne zu leiten. Sam hatte sich mit einem der Brüder angefreundet, was in seiner Zeit in Istanbul schließlich zur Anwerbung führte. Die Brüder beschafften Fahrzeuge, Safe Houses und führten einfache Überwachungsaufgaben für die Beirut Station durch. Gelegentlich las Sam die Kabelberichte und erfuhr dadurch, dass alle drei den Lügendetektortest bestanden hatten.

»Ja, nimm sie mit.« Bradley hielt inne, um eine Stechmücke zu verscheuchen. »Ich habe mir außerdem erlaubt, einige Analysten abzukommandieren, die du fragen kannst. Sie können dich auf den neuesten Stand bringen, was Syrien betrifft, und dir helfen, die Anwerbung vorzubereiten. Also, ich muss jetzt ins Bett – ich hatte eine Sechs-Tage-Woche und leide nach meiner Kairo-Reise immer noch unter Jetlag.« Bradley stand auf und wollte gerade die Tür zum Haus öffnen, als er stehen blieb und zu Sam zurückblickte.

»Überleg dir, ob du die Operation durchführen willst, okay? Ein Vertreter des Palasts wäre ein großer Fisch. Wir befinden uns zurzeit praktisch im Blindflug in Syrien.«

»Natürlich«, sagte Sam. »Und Ed, noch etwas.« Bradley wandte den Kopf, hielt die Tür einen Spaltbreit offen. »Mein nächster Einsatz … ich hätte da einen Vorschlag.«

»Ja?« Bradley schloss die Tür und drehte sich zu Sam um.

»Wie wär’s mit Damaskus?«

Bradley lächelte matt und schaute zu den Bergen.

»Du brauchst dort gute Leute«, fuhr Sam fort. »Das ist inzwischen ein Posten mit vielen Unannehmlichkeiten, familiärer Anhang unerwünscht. Bei mir gibt’s diese Komplikationen nicht. Ich kann da aushelfen. Ich kann dir und Procter helfen.«

»Ist das hier ein Art Rachefeldzug oder so was? Willst du es den Syrern heimzahlen – wegen Val?«

»Sag du mir, wo ich sinnvoller eingesetzt werden könnte. Du hast es selbst gesagt: Wir fliegen blind in Syrien. Mein levantinisches Arabisch ist ziemlich gut, du musst mich nicht für ein Jahr auf die Sprachschule in Rosslyn schicken, ich bin allzeit bereit. Außerdem: Wenn ich einen dieser Syrer einspanne, bevor er Paris verlässt und nach Damaskus zurückfliegt, kann ich die Operation dort fortführen.«

»Procter ist eine harte Nuss.«

»Und?«

Bradley zuckte die Achseln. »Und es könnte dich unglücklich machen, wenn ihr nicht miteinander auskommt.«

»In Syrien herrscht Bürgerkrieg«, sagte Sam. »Es wird kein leichter Einsatz sein, ganz abgesehen von Procter.«

Bradley grinste.

»Es ist mir ernst, Ed. Ich will die Versetzung. Und ich habe dich noch nie um etwas gebeten.«

»Gut. Abgemacht. Du fliegst nach Damaskus. Morgen veranlassen wir alles Nötige.« Bradley zog die knarrende Pendeltür auf und verschwand im Haus. Sam ging zum Kühlschrank, um sich noch ein Bier zu holen. Er öffnete die Dose auf der Terrasse, und schloss die Augen. Wieder kam ihm Vals gellender Schrei in den Sinn, ehe er in der warmen Abendluft verklang.

Tags darauf ging Sam zu Fuß zu den Arbeitsplätzen der Analysten im Neuen Gebäude der Zentrale in Langley – einem Kubus aus Stahl und Glas, der direkt gegenüber dem Ursprünglichen Hauptquartier aus Beton lag. In der Mitte des Konferenzzimmers des Sekretariats stand ein Tisch aus Holzimitat, umringt von regierungseigenen Drehstühlen: Manche waren neu und ergonomisch, das Knarren und Quietschen anderer dagegen wies darauf hin, dass sie zur Zeit der Carter-Regierung angeschafft worden waren. An der Wand hingen vier Uhren, sie zeigten die Uhrzeit in Washington, D. C., Rabat, Tel Aviv, Bagdad – ungefähr die Wirkungsorte der Analyse-Abteilung für den Nahen Osten und Nordafrika. Lustigerweise ging jede Wanduhr zwischen vier und sieben Minuten nach. An einer Wand wahllos gehängte Auszeichnungen und Gedenkurkunden, viele davon ziemlich veraltet (»Erwähnung als Ehrenvolle Einheit – Camp David-Abkommen«, »Teamleiter des Jahres – Erin Yazgall«), andere eher klein und für einen Besucher wenig aussagekräftig (»Übersichtsartikel des Monats zu den Nachrichtendiensten der Welt – James Debman«).

Drinnen saßen zwei Analysten und flachsten. Sie standen auf und begrüßten Sam, als er den Raum betrat.

Zelda Zaydan war mager und trug ihr pechschwarzes Haar schulterlang. Sie hatte eine römische Hakennase und war mit einem schlecht sitzenden Hosenanzug bekleidet, dazu einem rosafarbenen Halstuch.

James Debman war übergewichtig, er trug ein kurzärmeliges weißes Hemd und eine grellbunte Fliege. Er streckte seine feuchte Hand Sam entgegen, dem nichts anderes überblieb, als sie zu schütteln, und bat ihn, Platz zu nehmen. Zelda schob einen riesigen Packen Unterlagen und Mappen über den Tisch. »Das ist die Produktion unseres Teams im vergangenen halben Jahr, Sie sollten das lesen«, sagte Debman. Er setzte sich zurück und fummelte an der abblätternden Kunststoffhülle, die den blauen, an seinem Hals baumelnden Dienstausweis schützte. Zelda musterte Sam und sagte dann: »Wir wissen, dass Sie mehrfach im Nahen Osten im Einsatz waren, aber noch nie in Syrien. Was wäre für Sie am hilfreichsten zu wissen?«

»Das typische Briefing, die Sie einem Case Officer zukommen lassen«, erwiderte Sam. Er hatte einen hohen Kenntnisstand in Bezug auf Syrien, hauptsächlich wegen seiner Zeit im Irak, und den Analysen der CIA bislang noch nie große Beachtung geschenkt.

Debman war ganz aufgeregt. Er schob die Mappe mit den vorbereiteten Kernpunkten beiseite und murmelte übergenau und verwässert in Zeldas Richtung. Er räusperte sich, trank einen Schluck Wasser aus einer großen Flasche und knackte mit den Fingerknöcheln.

»Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1930.«

Zelda verdrehte die Augen.

Das war das Geburtsjahr von Hafez al-Assad, dem Vater des derzeitigen Präsidenten, und, wie Sam fand, ein wenig zu früh in der Chronologie.

Zelda pflichtete ihm bei. »Herrgott noch mal, Debman, das machst du immer.« Sie hatte ihre Stimme gehoben. »Fangen wir mit dem Krieg an. Den relevanten Sachen.«

»Also, darum geht’s.« Zelda strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »In der Zeit vor dem Krieg war Syrien instabil geworden. Es herrschten zwar einigermaßen geordnete Verhältnisse,« – diesen Worten fügte Debman Anführungszeichen mit den Händen hinzu – »aber der Staat selbst war ausgehöhlt. Syrien besitzt keine Ölvorkommen, weshalb Assad der Bevölkerung das Leben nicht erleichtern und mit Geldzuwendungen ruhigstellen kann. Die Unterstützung, die es gab, ging an eine kleine Gruppe von Personen, hauptsächlich Angehörige der Assad-Familie. Das stank den Leuten. So gehören zum Beispiel sämtliche Telekommunikationsgesellschaften den Cousins des Präsidenten. Wegen einer große Dürre im Norden und Osten zogen mehr als eine Million Menschen nach Westen, in Slums außerhalb der großen Städte. Das wirkte destabilisierend. Die Sicherheitsbehörden gehen brutal vor, sind allgegenwärtig: man benötigt ihre Zustimmung, um dem Eigenheim ein Stockwerk hinzufügen, um zu heiraten. Normale Sachen. Hat alle Leute total verärgert.«

»Alltägliche Brutalität«, sagte Debman. »Absolut banal.« Es schien, als wollte Zelda ihn mit dem Band, an dem seine Dienstmarke hing, erwürgen. Sam hätte sich mit der orangefarbenen Fliege zufriedengegeben.

Jemand öffnete die Tür zum Konferenzzimmer, schloss sie aber rasch wieder. »Wo war ich stehen geblieben?«, sagte Zelda. »Ach ja.« Sie trank einen Schluck Wasser. »In Tunesien und Ägypten gibt es Aufstände. Einige Syrer denken: Warum nicht auch bei uns? Der Zunder ist knochentrocken, wir brauchen einfach nur einen Funken. In Damaskus kommt es zu einigen kleineren Protesten. Nichts Besonderes. Eine Demonstration im Süden, in einer Stadt namens Daraa. Ich bin mal da gewesen. Keine besonders glückliche Stadt. Der Muchabarat foltert ein paar Jugendliche. Bumm! Proteste, Morde, Begräbnisse, Morde. Endlose Wiederholungen. Auch in anderen Städten kommt es zu Protesten. Eine landesweite Bewegung entsteht. Die Demonstrationen werden groß, wirklich groß. Zehntausende an einem Freitag in Hama. Die Satellitenbilder sind irre. Und das Regime hat keinen Schimmer, was es machen soll. Ich meine, denken Sie mal drüber nach. Assad hätte die Sicherheitskräfte einfach in die Menge feuern lassen, die Demonstranten niedermähen können. Wie es sein alter Herr 1982 getan hatte, der den Großteil der Stadt dem Erdboden gleichmachte, um die Rebellion zu unterdrücken.«

»Mehr als zehntausend Tote, aber die echte Zahl ist nicht bekannt«, fügte Debman hinzu und machte eine geschmacklose Geste quer über den Hals.

Zelda krauste die Stirn. »Was soll das, Debman? Benimm dich. Wie auch immer, das Regime hat nichts in der Art getan. Stattdessen zaudert es. Zu Beginn hat es sich in mancher Hinsicht zurückgehalten, auch wenn es in den Zeitungen ganz anders stand. Gelegentlich hat man einen Demonstranten absichtlich erschossen, dann wieder war’s ein Zufall, manchmal wurde gar nicht geschossen, und die Proteste wurden gestattet. Schließlich wechselte das Regime zu einer Politik der verbrannten Erde, weil ihm die Optionen ausgingen. Also: Alle umbringen.«

»Verwirrend, Sam, es war verwirrend«, sagte Debman und wischte sich die Brille am Hemd ab. »Am Ende hatte das Regime alle Brücken hinter sich abgebrochen. Kein Weg zurück, es musste weiterkämpfen.« Er trank noch einen Schluck und wischte sich den Mund mit der Hand ab.

»Was wurde also damit erreicht?«, fragte Zelda rhetorisch. Debman begann zu antworten, sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Erstens wurde die Opposition nicht unterdrückt. Sondern gestärkt, vor allem die radikaleren islamistischen und dschihadistischen Gruppierungen. Die Gewalttätigkeit half ihnen, zu begründen, dass sie Waffen brauchten, um sich gegen das Regime wehren zu können. Zweitens polarisierte die Gewalt das Land entlang der konfessionellen und ethnischen Grenzen. Im Großen und Ganzen neigten die Minderheiten – Christen, Alawiten, Drusen – dem Regime zu. Die sunnitische Mehrheit war gegen die Assads. Die Assads sind Alawiten, vergessen Sie das nicht. Syrien ist wirklich divers, Sam. Christen und Alawiten machen beispielsweise je zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Dem Regime ist es gelungen, die meisten Minderheiten – und ehrlich gesagt viele der wohlhabenden sunnitischen Araber – an sich zu binden. Es hat keine anderen Möglichkeiten. Drittens wurde der Regierungsapparat in eine einzige große, radikalisierte Miliz verwandelt.«

»Außer, dass diese Leute nicht mehr Allah anbeteten, sondern Baschar«, sagte Debman.

»Es besteht eine riesige Kluft zwischen den Gemeinschaften, die die Opposition unterstützen, und der regierungsfreundlichen Seite«, sagte Zelda.

Debman lachte. »Ja, zum Beispiel stehen der regimetreuen Seite Strom und Lebensmittel zur Verfügung, der Opposition nicht.«

»Die politischen Entscheidungsträger sind wirklich interessiert an einigen Institutionen Syriens«, sagte Zelda. »Zunächst ist da der Palast. Streng genommen ist er Baschars Büro, er umfasst seine leitenden Berater und die Verbindungsleute zu allen großen Regierungsbehörden. Zum Beispiel hat er erst kürzlich diesen Geheimdienst namens Sicherheitsamt gegründet, das seine heikelsten Aufträge des Muchabarat ausführt. Dessen Leiter ist Ali Hassan. Baschar führt das Land vom Palast aus. Zweitens ist da die Republikanische Garde. Syriens oberste militärische Macht, geleitet von General Rustum Hassan, Alis Bruder. Rustum ist die Spitze der militärischen Pyramide und fungiert als Baschars Stellvertreter innerhalb des Zentrums für Wissenschaftliche Studien und Forschung (SSRC). Konsolidiert und zentralisiert wurde Baschars Herrschaft dadurch, dass die staatlichen Institutionen immer schwächer werden. Fahnenflucht, Attentate der Rebellen. Das alles fordert seinen Tribut.«

»Nun … wohin führen aus Ihrer Sicht die gewalttätigen Auseinandersetzungen?«, fragte Sam.

Inzwischen stand Zelda. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, blickte sie aus dem Fenster.

»Das Regime sitzt fest im Sattel. Denn es reicht tiefer als die Assad-Familie, als die alawitische Gemeinde, ja selbst als der Repressionsapparat. Es hat die Nation und die Staatsorgane so sehr vereinnahmt, dass es stärker geworden ist, als wir alle glaubten. Es verfügt über die notwendigen Ressourcen, die Loyalität und die Skrupellosigkeit. Und was die Zukunft angeht: die Proteste, die Hoffnung, all das ist verschwunden. Zerschossen. Die Verhandlungen sind reine Fassade, denn es besteht keine Aussicht auf Verständigung. Beide Seiten glauben, dass sie siegen müssen.«

»Und beide Seiten glauben, dass sie es können«, fügte Debman an. »Die Dschihadisten, die die Rebellion vor Ort vorantreiben, und die Assad-Anhänger, die Miliz, die sich als Regierung ausgibt. Die Außenstehenden, die Leute, die versuchen, über die Runden zu kommen, die den Kopf unten halten, müssen sich entscheiden.«

Jemand steckte den Kopf durch die Tür und sagte mit piepsiger, insistierender Stimme, dass man den Raum reserviert habe, dass sie bereits fünf Minuten überzogen hätten.

»Es ist ein Kampf bis auf den Tod.« Zelda sammelte ihre Mappen zusammen. »Es ist der finale Fight.«

Am Nachmittag half Zelda Sam dabei, Biografien zu recherchieren und herauszufinden, wer zusammen mit der Palast-Delegation nach Paris reiste.

Die Ergebnisse der Nachforschungen des Mitarbeiters, der für die Operationen in Syrien zuständig war, kamen am späten Abend desselben Tages rein. Sam und Zelda aßen Hotdogs aus dem Verkaufsautomaten im Gebäude der alten Zentrale. Die CIA war der einzige Ort, an dem Sam jemals einen Hotdog-Automaten gesehen hatte. Er hatte immer ein Foto davon machen wollen, doch das Fotografieren war in dem Gebäude nicht gestattet.

Neben Zelda im Großraumbüro der Analysten sitzend, biss Sam vom Hotdog ab und las die Ergebnisse der Nachforschungen in Bezug auf die Staatsbeamtin, Mariam Haddad.

1. RECHERCHE-ERGEBNISSE (1 von 2) BETREFF PERSON: SYRISCHE STAATSANGEHÖRIGE IST POLITISCHE BERATERIN UND DER PRÄSIDENTENBERATERIN BOUTHAINA NAJJAR UNTERSTELLT. REFERENZ A ZUSÄTZLICH: PERSON IST VERMUTLICH 35 JAHRE ALTUND SYRISCHE CHRISTIN. REFERENZ B ZUSÄTZLICH: HAT VERMUTLICH REGELMÄSSIGEN KONTAKT MIT LEITENDEN BEAMTEN DES PALASTS, DARUNTER PRÄSIDENT ASSAD UND SEINEN BERATER JAMIL ATIYAH.

2. RECHERCHE-ERGEBNISSE (2 von 2) REFERENZ C: MUTTER DER GESUCHTEN PERSON WAR VOR DER PENSIONIERUNG VERMUTLICH DIPLOMATIN IN PARIS. VATER DER GESUCHTEN PERSON, GENERALMAJOR GEORGES HADDAD, BEFEHLIGT DAS III. CORPS DES SYRISCHEN HEERES; ZURZEIT IN ALEPPO. REFERENZ D: ONKEL VÄTERLICHERSEITS DER GESUCHTEN PERSON DAOUD HADDAD IST OBERST IN DER ABTEILUNG 450 DES SSRC.

3. ABTEILUNG SPIONAGEABWEHR UNTERSTÜTZT ANBAHNUNG VON KONTAKT MIT GESUCHTER PERSON UNTER VORAUSSETZUNG DER ZUSTIMMUNG DER NAHOSTABTEILUNG.

»Sie hat gute Verbindungen«, sagte Sam.

»Eine wahre Tochter des Regimes«, sagte Zelda und kaute auf ihrem Stift. »Man muss so eine Familie haben, um einen Job im Palast zu bekommen.«

Sam wandte sich auf seinem Stuhl um und blickte die Analystin an.

»Mariam könnte von Interesse sein.«

»Regierungsbeamte auf mittlerer Ebene verfügen in der Regel über einen ziemlich guten Zugang zum Regime, stehen diesem aber weniger nah. Und wenn sie ihrem Onkel beiläufig Informationen entlocken kann, könnten wir gleichzeitig etwas über das Chemiewaffenprogramm erfahren. Können Sie die REFERENZ-Berichte hochladen?«

Zelda nickte und begann damit, die unzähligen Datenbanken der CIA anzuzapfen. In allen fand sich eine Mischung von sich überlappenden und exklusiven Berichten. Ein Bild voller Venn-Diagramme, wie ein Schuss aus der Schrotflinte. Das Gesicht dicht am Bildschirm, tippte Zelda weiter.

»Ich habe da was gefunden«, sagte sie nach ein paar Minuten. Sam blickte ihr über die Schulter. Es handelte sich um einen gestohlenen Muchabarat-Bericht, der Bericht über eine Demonstration in Damaskus. Sam sah sich das Datum an. 25. März. Der Tag, an dem sie Val geschnappt hatten. In dem Bericht hieß es, der Muchabarat habe eine junge Frau namens Razan Haddad festgenommen. Er hörte auf zu lesen.

»Das ist ein verbreiteter Nachname«, sagte er. »Wie Smith.«

»Ich weiß, aber sehen Sie sich mal an, was ganz hinten in dem Bericht steht. Ein Kommentar des Autors.«

Sam las: »Gefangene wurde entlassen aufgrund eines Ersuchens, das auf einen Offizier der Geheimpolizei zurückverfolgt werden konnte, der mit dem III. Corps in Verbindung steht.«

»Der Einheit von Mariams Vater.«

»Ja. Ich kann mir keinen guten Grund vorstellen, warum jemand, der in Aleppo kämpft, eine Muchabarat-Einheit in Damaskus anrufen sollte und um jemandes Entlassung bittet.«

»Verhaftete Familienangehörige bieten gute Möglichkeiten für eine Rekrutierung«, sagte Sam. »Ich hatte einmal einen Informanten in Saudi-Arabien, dessen Bruder gefoltert worden war. Er hat geschwiegen, aber mehr als fünfzehn Jahre lang für uns spioniert. Stille Vergeltung.«

Er aß den Hotdog auf. »Wir haben unser Mädchen gefunden.«