Moskau X (CIA-Agentin Artemis Procter, Bd. 2) - David McCloskey - E-Book

Moskau X (CIA-Agentin Artemis Procter, Bd. 2) E-Book

David McCloskey

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Beschreibung

Eine gewagte CIA-Operation soll den Kreml ins Chaos stürzen. Doch die Person im Zentrum spielt ein gefährliches doppeltes Spiel. Die CIA-Agenten Sia und Max werden nach Russland geschickt, um Putins Privatbankier Vadim zu rekrutieren. Sia arbeitet für eine Londoner Firma, die Vermögen von Superreichen verschleiert, Max leitet die Ranch seiner Familie in Mexiko – eine Tarnfirma der CIA seit den 1960er-Jahren – auf der hochklassige Rennpferde gezüchtet werden. Die beiden geben sich als Paar aus und befreunden sich mit Vadim und dessen Frau Anna. Dabei tauchen sie tief ein in die von Luxus und Bandenkriminalität geprägte Welt. Ihre einzige Chance scheint Anna zu sein – doch die verfolgt ihren eigenen Plan. Nach dem internationalen Bestseller Damaskus Station erzählt Ex-CIA-Mitarbeiter David McCloskey in diesem packenden und authentischen Spionage-Thriller von Wahrheit, Loyalität und Rache im Schattenkrieg zwischen den USA und Russland. Bei Fragen zur Produktsicherheit, wenden Sie sich bitte an: [email protected]

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Eine gewagte CIA-Operation soll den Kreml ins Chaos stürzen. Doch die Person im Zentrum spielt ein gefährliches doppeltes Spiel.

Die CIA-Agenten Sia und Max werden nach Russland geschickt, um Putins Privatbankier Vadim zu rekrutieren. Sia arbeitet für eine Londoner Firma, die Vermögen von Superreichen verschleiert, Max leitet die Ranch seiner Familie in Mexiko – eine Tarnfirma der CIA seit den 1960er-Jahren –, auf der hochklassige Rennpferde gezüchtet werden. Die beiden geben sich als Paar aus und befreunden sich mit Vadim und dessen Frau Anna. Dabei tauchen sie tief ein in die von Luxus und Bandenkriminalität geprägte Welt. Ihre einzige Chance scheint Anna zu sein – doch die verfolgt ihren eigenen Plan.

Nach dem internationalen Bestseller Damaskus Station erzählt Ex-CIA-Mitarbeiter David McCloskey in diesem packenden und authentischen Spionage-Thriller von Wahrheit, Loyalität und Rache im Schattenkrieg zwischen den USA und Russland.

Der Autor

David McCloskey ist ehemaliger CIA-Analyst und Berater für McKinsey. In seiner Zeit bei der CIA schrieb er regelmäßig an den Briefings für den US-Präsidenten mit, sagte als Zeuge in Kontrollgremien im Kongress aus und briefte Angestellte im Weißen Haus, Botschafter, Generäle und Mitglieder arabischer Königsfamilien. Er hatte mehrere Posten im Mittleren Osten an diversen Botschaften inne. Bei McKinsey beriet er Kunden aus der Luftfahrt und dem Transportwesen zur nationalen Sicherheit. David McCloskey erhielt einen MA der Johns Hopkins School for Advanced International Studies, mit Fokus auf Energiepolitik und den Mittleren Osten. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Texas. Seine Bücher sind internationale Bestseller.

Der Übersetzer

Michael Benthack übersetzt aus dem Englischen und übertrug unter anderem Werke von Douglas Preston und Lee Child ins Deutsche.

Außerdem von David McCloskey im Programm

Damaskus Station

Seventh Floor

www.gutkind-verlag.de

Dies ist ein fiktives Werk. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse entspringen der Fantasie des Autors. Jegliche Ähnlichkeit zu tatsächlichen Örtlichkeiten oder Personen, lebendig oder tot, ist rein zufällig.

Die Originalausgabe ist erstmals 2023 unter dem Titel Moscow X bei W. W. Norton, New York erschienen.

ISBN 978-3-98941-091-6

Copyright der deutschen Erstausgabe: © 2025 Gutkind Verlag GmbH, Berlin

Copyright der Originalausgabe: © 2023 by David McCloskey

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Umschlaggestaltung: Favoritbüro, München

Umschlagabbildungen: Himmel: © Jolanta Mosakovska/Shutterstock; Roter Platz: © dimbar76/Shutterstock; Vögel: © Ihnatovich Maryia/Shutterstock; Mensch: © Mark Owen / Trevillion Images

Autorenfoto: © Claire McCormack Hogan

E-Book: Zeilenwert, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten.

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DAVID MCCLOSKEY

Moskau X

Ein Spionage-Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Benthack

Für Abby, abermals Mitverschwörerin und Muse

Sie liebt Blut, Blut,diese russische Erde

Anna Achmatowa, Anno Domini

Teil I

– Sagowor/​Verschwörung –

1

Duschanbe, Tadschikistan

Gegenwart

An jenem Tag landete Artemis Aphrodite Procter auf der Strafbank.

Sie erwachte im Dunkeln, ein seltsamer Geruch lag in der Luft, und ihre Zähne klapperten wie bei einem dieser Spielzeuge zum Aufziehen. Ihre Augenlider hingen schwer. Hartholz kühl an ihrer Haut. Procter blinzelte durch den Vorhang ihrer schwarzen Locken auf dem Fußboden eines Raumes, den sie nicht kannte.

Dann Schritte. Eine Hand mit haarigen Fingerknöcheln schob behutsam ein paar Locken aus ihrem Gesicht. Ein Mann ging in die Hocke und winkte.

»Guten Morgen, Artemis«, sagte er gut gelaunt auf Russisch.

In ihrem Kopf drehte sich alles, Gedanken, verloren im Dunkel. Sie sah sich im Raum um. Ein Tisch. Am Fenster zwei Stühle. Ihr Slip mit Ananas-Muster zerknüllt auf dem Boden. Eine leere Flasche Wodka, umgekippt, am Flaschenhals ein dunkelroter Lippenstiftabdruck.

Sie setzte sich auf, an ein Sofa gelehnt, splitternackt und fröstelnd. Der Russe ging zu einem Sessel am Fenster. Zündete sich eine Zigarette an. Sie zog die Knie an die Brust und schloss die Augen, weil der Raum sich drehte.

»Was für eine Nacht«, sagte der Russe. »Ich habe Dinge gesehen, die kein Mensch jemals sehen sollte.« Ein Schnalzen mit der Zunge. »Du abscheuliche kleine Frau.«

»Wer bist du?«, fragte Procter, ebenfalls auf Russisch. Sie hielt die Augen geschlossen – Helligkeit führte dazu, dass sich alles drehte, kippte.

»Anton«, antwortete er.

Nach einer Minute stand sie auf und schaute sich nach ihrer Kleidung um. Außer der Unterhose sah sie nur ihre Lederjacke und die schmutzigen Reeboks. Und plötzlich merkte sie, dass es da ein Loch in ihrer Erinnerung gab, ein schwarzes Loch, nachdem sie sich gestern Abend Drinks bestellt hatte. Sie war mit einem möglichen zukünftigen Informanten zusammen gewesen, einem Moskauer Partylöwen mit Zugang zu größeren Kalibern: dem Kreml, den Sicherheitsdiensten. Und er war entweder tot oder hing mit drin. Wahrscheinlich beides.

Ihr Sehvermögen wurde besser: Hinter dem Fenster war das morgendliche Treiben im Rudaki-Park zu sehen. Regentropfen prasselten gegen die Scheibe. Auf dem Tisch vor Anton standen Servierplatten mit Speisen, dazu Becher und Gläser für die morgendlichen 0,1 Liter Wodka, die sto gramm.

Procter zog ihren Slip und die Reeboks an, wobei sie zweimal fast das Gleichgewicht verlor, sie hielt kurz inne, bevor sie die Jacke überstreifte. Sie tastete die Vordertaschen ab und stellte fest, dass ihr Handy, die Schlüssel und das Klappmesser fehlten. Dann ließ sie sich auf den Stuhl gegenüber von dem Russen fallen.

Anton schmunzelte. »Artemis Aphrodite Procter. Station Chief. Unterbezahlte Staatsbeamtin. Und laut meinen Quellen abermals bei der Beförderung in die Führungsriege der CIA übergangen. Ziemlicher Abstieg von Amman zu einem Provinznest wie Duschanbe. Und das alles wegen unklaren Arbeitsanweisungen.«

»Meine Arbeitsanweisungen waren sehr präzise.«

Anton klatschte lachend in die haarigen Hände, die Zigarette im Mundwinkel. »Ja, die gute alte Procter. Die sexuelle Wanderlust. Eine Perverse mit gewissen …« Er sah sie ernst an. »Vorlieben.«

»Und Händen, die mit russischem Blut befleckt sind.«

Ein Schatten fiel auf sie. Anton drückte seine Zigarette in einem Messing-Aschenbecher aus und begann, von seinem Teller mit Seljodka, eingelegtem Hering mit Kartoffeln und Zwiebeln, zu essen.

In einer Glasflasche schwitzte ein Liter schaumige Stutenmilch. Die Russkies hatten Procters Vorlieben gut recherchiert. Auch wenn es sich eher um eine kasachische beziehungsweise kirgisische Spezialität handelte – wenn sich ihr diese seltene Gelegenheit im tadschikischen Duschanbe bot, trank sie gern Stutenmilch. Als Anton ihr einen Becher einschenkte, schmiss sie ihn jedoch zu Boden.

Der Russe schmunzelte, trat über die glitschige weiße Pfütze hinweg und nahm eine gelbbraune Aktenmappe vom Sofa. Er reichte sie Procter und widmete sich wieder dem Essen. »Wir haben natürlich noch viel mehr Fotos. Das hier ist nur ein Teaser. Es gibt zum Beispiel ein paar von dir mit dem Gesicht nach unten, aber ich glaube nicht, dass du die hier drin finden wirst. Allerdings muss ich sagen, dass ich neugierig bin, was die Tattoos angeht. Und warum neun davon? Die Geschichten dazu sind sicher spannend. Aber egal, nur zu, schau es dir an.« Er aß etwas von dem Fisch.

Procter blätterte durch den Stapel Nacktfotos, die gemacht worden waren, nachdem man sie unter Drogen gesetzt hatte. Einige waren ziemlich einfallsreich. Sogar künstlerisch. Zwei, drei waren fast perfekt: die Beleuchtung, die Energie, die intimen Blickwinkel, sie fingen angemessen ein, was Procter als die animalischen Lebensgeister ihrer sexuellen Identität ansah. Andere Fotos waren banal und bizarr: nicht einmal wert, am schäbigsten aller Fleischmärkte gehandelt zu werden. Procter, der Scham fremd war, fand kein einziges Foto peinlich. Ihre Brüste sahen ziemlich gut aus. Sie warf die Aktenmappe in die Pfütze Stutenmilch. »Leck mich am Arsch.«

Anton steckte sich eine weitere Zigarette an. »Artemis, bitte. Wenn du nicht kooperierst, nun ja, dann werden diese unseligen Fotos online gestellt. Und wir werden dich als CIA-Mitarbeiterin outen.«

»Das machst du doch sowieso, Anton. Oder? Also, wo ist meine verdammte Hose?« Inzwischen drehte sich nicht mehr alles in ihrem Kopf. Sie stand langsam auf und ging auf und ab.

»Man wird dich nach Hause schicken, Artemis. Ein weiterer Fleck auf deiner Weste, was die Karriere betrifft.«

»Dein Pitch ist Mist. Der Sinn der Sache hier ist doch, mich nach Hause zu schicken. Ihr seid hinter mir her, weil ich gerne Russen aufs Kreuz lege. Ich soll verschwinden. Aber egal: Du solltest in einen besseren Fotografen investieren, einige von denen hier …« – sie zeigte auf die von der Milch durchweichten Fotos – »sind nämlich furchtbar. Meine Antwort lautet: Leck mich am Arsch. Ich werde jetzt gehen und das hier Langley und dem Botschafter berichten. Oder, noch eine bessere Idee: Statt eine Depesche zu verfassen, die dich wie einen Trottel aussehen lässt, könntest du als Informant für mich arbeiten. Was sagst du dazu?«

Anton blies eine Rauchfahne über sein Essen. »Hau ab, Artemis.«

Procter lächelte. »Wir scheinen uns zu verstehen. Also, wo ist meine Hose?«

Sie warf ein paar Sofakissen auf den Boden, fand aber nichts. Sie war ziemlich sauer wegen der fehlenden Jeans. Ein Regelverstoß. Unprofessionell. Gemein. Ein paar Minuten suchte sie in allen Ecken und Winkeln, während Anton rauchte. Hatten die tatsächlich ihre Hose rausgeworfen?

»Komm schon, Anton. Es ist kalt, und ich bin eine anständige Frau. Ich kann doch nicht in Ananas-Slip und Lederjacke hier rausgehen.« Sie stellte sich mit verschränkten Armen neben ihn, während er seine Zigarette zu Ende rauchte. Als er bei dem Wort anständige kicherte, überschlugen sich die düsteren Fantasien in ihrem Kopf.

»Artemis, denk an deine Station. Wenn du nach Hause fliegst, ist sie ohne Führung. Und wie ich höre, ist einer deiner Kollegen vor Kurzem verstorben. Eine unglückliche medizinische Situation.«

Zwei Monate zuvor waren der stellvertretende Leiter der Station und seine Familie mit Schwindel und Kopfschmerzen in ihrer Wohnung aufgewacht. Die Frau erblindete auf einem Auge. Ein von den Russen geplanter Anschlag mit gerichteten Energiewaffen, vermutete Procter. Mikrowellen, die einem das Hirn verbrannten.

Anton musterte lächelnd ihre nackten Beine.

Procter betrachtete stirnrunzelnd Antons Hose. In ihrem Kopf heulte eine Sirene.

Dann nahm Procter die leere Wodkaflasche und schlug sie am Tisch kaputt, sodass ein hübscher gezackter Hals übrigblieb. Und bevor Anton ausweichen konnte, hatte sie ihm den Flaschenhals über die Wange gezogen und in die linke Schulter gebohrt, aus der er jetzt herausragte. Der dunkelrote Rand zeigte dabei senkrecht zur Decke.

Anton schrie auf, wollte aufstehen und die abgebrochene Flasche rausziehen, aber Procter versetzte ihm einen Fußtritt gegen die Brust, sodass er in den Sessel zurückfiel. Blut lief ihm die Wange hinunter. Sie schlug ihm mit der Faust auf die Nase, noch einmal, ein drittes Mal, bis sie ein hübsches feuchtes Knirschen hörte, und er laut aufstöhnte. Dann nahm sie die Milchflasche vom Tisch und schlug sie dem Russen über den Kopf. Er sackte zur Seite, die Milch und das Blut vermischten sich zu rosafarbenen Rinnsalen.

Procter stieß den Tisch um und schmiss ihn an die Wand, sie brach ein Bein ab und zertrümmerte damit Antons Kniescheibe. Nach mehreren Schlägen drang Licht durch Procters Blackout-Rage; sie warf das Tischbein beiseite und schlug Anton auf die Wange, um ihn aufzuwecken. Er wachte nicht auf.

»Anton«, sagte sie, »wach auf. Ich bin ein wenig ausgerastet. Anton, kannst du mich hören?« Einige Fingerschnipser vor seinem Gesicht. »Anton?«

Zwei Finger an seinem Hals. Sie fühlte einen Puls.

Sie hätte nie geglaubt, sich zu freuen, nur weil ein russischer Geheimdienstoffizier lebte – aber Gott sei Dank.

Dann blickte sie sich in dem verwüsteten Raum um und aus dem Fenster und fragte sich, ob Anton Partner hatte oder ein Team, das per Kameras zugeschaut hatte. Sie zog ihm die Hose herunter, streifte sie sich über und sagte zu dem bewusstlosen Russen: »Geschieht dir recht, weil du meine Jeans weggeschmissen hast.«

Er war viel größer und breiter, deshalb krempelte sie die Hosenbeine etwa dreißig Zentimeter um und schnallte den Gürtel so eng wie möglich. Die Mappe mit den Nacktfotos steckte sie in ihre Jacke. Dann zog sie die Mappe wieder heraus und blätterte darin, bis sie das gesuchte Foto fand: Eine hübsche Aufnahme, die ihre Geschmeidigkeit und wilde Weiblichkeit gut zur Geltung brachte. Ihre verdammte ruhige Kraft. Sie zerknüllte das Foto und steckte es Anton in die Unterhose. Dann verließ sie den Raum.

Der Tag setzte sich katastrophal fort. In der Station fand ein Machtkampf mit dem Arschloch von Botschafter statt. Procter verschickte eine Depesche, in der sie ihre Qualen schilderte, und erhielt einen gemeinen Dreizeiler vom Direktor und den Lakaien in Langley. Anschließend gab es ein kurzes Gespräch mit dem Stellvertretenden Direktor Bradley, dessen Worte und Tonfall an die Beschwichtigungen erinnerten, die man einem geliebten Hund Augenblicke vor dem Einschläfern zuflüstert.

Zum Dinner: Die Fotos tauchten auf mehreren Burner-Websites auf, die Links wurden durch russische Bot-Accounts auf etlichen Social-Media-Plattformen verbreitet. Auf diesen wurde Procter zudem als Leiterin des CIA-Büros in Duschanbe geoutet.

Die offizielle Depesche, die sie nach Langley zurückbeorderte, traf später am selben Abend ein. Ende des Auslandseinsatzes: Nehmen Sie den ersten Flug am Morgen. Die tadschikischen Mitarbeiter sollten ihre Wohnung verriegeln und Procters Sachen nach Virginia verschiffen. Die Körperverletzung hatte eine Vielzahl tadschikischer Gesetze verletzt und – was noch wichtiger war – das Schreckgespenst heraufbeschworen, die Russen könnten Vergeltung üben für die Krankenhauseinweisung der Person, bei der es sich, wie die CIA inzwischen erfahren hatte, um einen leitenden Geheimdienstoffizier handelte, der von Moskau entsandt worden war. Die Ärzte rechneten mit der Genesung des Russen, wie es in der Mitteilung eines tadschikischen Verbindungsoffiziers hieß, der gegen Cash Informationen an die CIA verkaufte. Anton würde allerdings bleibende Schäden davontragen – ein Patchwork an Narben, ein permanentes Humpeln aufgrund von Procters Schlägen auf sein Knie und, dank einer Flasche Stutenmilch, permanent geminderte Geisteskraft. Einige unerschrockene Mitarbeiter des CIA-Büros organisierten eine hastige Verabschiedung für ihre Vorgesetzte, samt Schreibfehler auf der Torte. Du wirst uns felen, Chief.

Als am Abend alle das Büro verlassen hatten, fuhr Procter den Rechner herunter und legte die Festplatte in den Safe. Sie hatte nicht viel zu packen: In ihrem sterilen Büro gab es keine Familienfotos, keine Ego-Wand mit Geschenken und Nippes, keine Kunstwerke. Keine Dekoration irgendeiner Art. Ihr einziger Luxus war ein Baseballschläger mit den Autogrammen der kompletten 1997er Mannschaft der Cleveland Indians World Series: Procters geheimes Managementrezept für gesteigerte Produktivität der Station. In Damaskus hatte sie eine Pumpgun im Büro gehabt, aber nachdem es in Amman diesbezüglich Beschwerden gegeben hatte, jetzt also der Baseballschläger. Sie ging mit ihm auf und ab. Blickte während morgendlicher Einsatzbesprechungen sehnsüchtig in seine Richtung. Er lehnte an der Wand, in einer Ecke, wo er während Videotelefonaten mit der Zentrale deutlich sichtbar war.

Procter schwang den Baseballschläger in lockerem Halbkreis durch die klimatisierte Luft. Sie würde nicht in Duschanbe bleiben, das wusste sie, aber sie verachtete den Bienenstock in der Zentrale, summend von Schmeißfliegen, die mehr nach Donuts gierten als nach den Früchten der Spionage. Was für ein beschissener Tag.

Sie knallte den Schläger auf den Mehrzwecktisch in ihrem Büro. Ein Riss klaffte. Dann noch einer; bis der Tisch Kleinholz war, und Procter schwitzte und sich gut fühlte. Sie schaltete das Licht aus. Den Baseballschläger über die Schulter gelegt, schloss sie die Metalltür.

Die Zentrale, Allmächtiger … Aber was sonst konnte man mit Procter anfangen, einer impulsiven gestrauchelten und gleichzeitig hoch angesehenen Station Chief und operativen Agentin mit jahrelanger Auslandserfahrung?

Sie saß auf der Strafbank. Eine zweijährige Arbeitsperiode unter strenger Überwachung in der Zentrale. Sobald sie diese Zeit zur Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten hinter sich gebracht hatte, könnte sie eines Tages wieder eine Station leiten. Weil sie kompetent war, keine Versagerin, die nicht mal eine Geheimoperation leiten konnte; der Stellvertretende Direktor Bradley hatte angedeutet, er werde schon etwas Wichtiges für sie finden. Procter vergewisserte sich, dass keine Akten auf den Schreibtischen herumlagen, und überprüfte, ob die Safes verschlossen waren. Dann drehte sie ein letztes Mal das Schloss an der dicken Metalltür zur Station in Duschanbe.

2

Langley

Am Morgen nach ihrer Ankunft in den Staaten, die Ohren vor Erschöpfung klingelnd und im Jetlag, wartete Procter auf das Treffen mit Ed Bradley, dem stellvertretenden Direktor der CIA. Procter saß auf einem der Sofas vor Bradleys Büro im sechsten Stock, dem sogenannten Seventh Floor der Führungsriege. Die Einrichtung des Wartezimmers stammte aus einem Katalog für den Öffentlichen Dienst: sämtliche Möbelstücke in dunklem Furnierholz, leicht angeschlagen, abblätternd oder rissig. Der etwas fleckige Couchtisch war mit Zeitschriften übersät. Wie in allen Warteräumen auf der ganzen Welt und für alle Zeit war der Lesestoff so veraltet wie das Mobiliar.

Als Procter schließlich zu Bradley hineingerufen wurde, saß dieser hinter seinem Schreibtisch, vor dem MLP, einem druckergroßen abhörsicheren Telefon, das ihn mit den Leitern der vierzehn sicherheitsrelevanten Nachrichtendienste und Ministerien verband. Ein Knopf jeweils für den CIA-Direktor, den Nationalen Sicherheitsberater, den Außenminister, den Verteidigungsminister und so weiter. Bradleys Büro hatte große Fenster mit Blick auf die Bäume am Potomac: jetzt leuchtend in Gold-, Rot- und Orangetönen. Bradley war einen Meter achtundachtzig groß, einst Linebacker an der Universität von Texas und ein legendärer Case Officer, der aus dem operativen Dienst ausgeschieden war, nachdem er die ehemalige Nahost-Abteilung geleitet hatte. Ein neuer Direktor hatte ihn gebeten, zurückzukehren und sein Stellvertreter zu werden. Er und Procter kannten sich seit Jahrzehnten.

Die Ego-Wand hinter Bradleys Schreibtisch war fast leer, so wie Procter sie in Erinnerung hatte. Doch auf der Anrichte standen Fotos von seiner Frau und den Töchtern, dazu einige Geschenke von besonderen Freunden. Procter erkannte ein verbogenes Metallstück aus längst vergangenen Tagen, als sie mitgeholfen hatte, im Zentrum von Damaskus die Tür eines Mitsubishi Pajero aufzusprengen. Außerdem waren Bradleys Favoriten an der Wand angebracht – ein neutralisiertes Raketensystem, ein Geschenk für die Leitung des Singer-Programms gegen die Sowjets in Afghanistan und, jüngeren Datums, eine Javelin-Panzerabwehrrakete für die verdeckten Operationen in der Ukraine gegen die Russen.

Procter ging zu einem Stuhl in Schussrichtung der Raketenwerfer, während Bradley die Karteikarte (3x5 Zoll) betrachtete, auf dem seine Termine für den heutigen Tag eingetragen waren. Sein angewiderter Blick schweifte von der Karteikarte zum MLP, als könne er die nächste Aufgabe nicht ertragen. Er steckte die Karteikarte ein, blickte auf und sah Procter an. Schenkte ihr ein dünnlippiges Lächeln.

»Noch ein Jahrhundert«, sagte sie wehmütig und schaute auf die Raketenwerfer. »Noch eine Rettungsaktion für die russische Zinksargindustrie. Was geschehen ist, ist geschehen und all das. Amen.«

Bradley sagte Amen und nahm sie dabei in die Arme. »Artemis, wie geht es dir?«

»Prächtig, Ed.«

Er verzog das Gesicht. »Tut mir leid. Diese gottverdammten Russen.«

»Das sollten wir hier im Haus auf unsere T-Shirts drucken lassen.«

»Hast du alles, was du brauchst? Die Ärzte und Psychologen sagen …«

Sie hob abwehrend die Hand. »Ich sitze auf der Strafbank, ich hab’s verstanden. Aber ich will nicht aus der Mannschaft fliegen. Mir geht’s gut, ich brauche bloß einen Job. Etwas zu tun.«

»Du solltest dir wirklich ein bisschen Ruhe gönnen.«

»Und was, genau, tun?«

»Dafür sorgen, dass es dir tatsächlich gut geht. Den Kopf frei bekommen.«

»Ed, komm schon. Wir kennen uns seit mehr als zwanzig Jahren. Der Zug ist abgefahren.«

»Ich mache mir Sorgen um dich, Artemis.«

Ein Anflug von Traurigkeit trat in Bradleys stoische Miene, der jedoch verschwand, als Procter schniefte.

»Du wirst noch sentimental auf deine alten Tage, Ed. Du liebe Güte! Ich habe dir doch gesagt, mir geht’s gut. Wenn du willst, dass sich das ändert, dann nur zu: Dann stell mich für vier Monate frei, damit ich mich im Reston Town Center zu Tode trinken kann. Ist es das, was du willst? Dass die Bullen dich zu Hause anrufen, weil ich meine Tequila-Shots nicht bezahlt habe und auf dem Parkplatz irgendwas über die CIA rumschreie?«

»Der Direktor wollte dich rauswerfen. Er hat gesagt, er hätte es getan, wenn die CIA eine normale Organisation wäre.«

»Eine normale Organisation hätte mich niemals eingestellt. Also, haben die Russkies Protest eingelegt?«

»Kein Pieps bislang.«

»Und wie soll unsere Reaktion aussehen?«

Bradley wandte den Kopf ab. Ballte die Faust.

»Herrgott, Ed. Wirklich? Nichts? Die Russen haben mich unter Drogen gesetzt. Haben einen Haufen Nacktfotos gemacht. Die haben meinen Vize mit gerichteten Energiewaffen angegriffen.«

»Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, Artemis.«

»Wir haben eine Analyse vorgenommen, die beweist, dass drei Tage vor diesen Ereignissen Teams für verdeckte Operationen in Duschanbe eingetroffen sind.«

»Ich stimme deiner Analyse zu. Ich sage ja nur, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind. Und dass das Weiße Haus sich bislang geweigert hat, aggressive Vergeltungsaktionen zu unterstützen.«

Procter stöhnte auf. »Wenn wir nichts unternehmen, schikanieren uns die Russen immer weiter. Das sind Barbaren, die kennen weder Grenzen noch Moral, Ed. Es geht dabei auch nicht um mich. In den vergangenen zehn Jahren haben wir alle zugesehen, wie Putin immer wieder völlig ungestraft die CIA und die Vereinigten Staaten drangsaliert hat. Er überschreitet Grenzen, wir tun nichts. Er fällt in Georgien ein. Er zerstückelt die Ukraine, stachelt zu einem kleinen Aufstand an, und anschließend marschiert er in dem Land ein und begeht einen Arsch voll Kriegsverbrechen. Er zerstört Stromnetze. Er hackt unser Stromnetz, um weiß Gott was zu planen …«

Bradley hob leicht die Hand – was Procter überhaupt nicht interessierte. »Er hat uns mit immer neuen Cyber- und Software-Angriffen überzogen. Seine Handlanger haben Menschen auf der ganzen Welt vergiftet und ermordet: Vereinigtes Königreich, Bulgarien, verdammt, selbst hier in Washington. Die Russen haben versucht, einen Putsch in Montenegro zu orchestrieren. Das verdammte Montenegro, Ed! Sie haben unsere Mitarbeiter in Moskau physisch angegriffen. Der scheiß Direktor des FSB hat uns mit der Faust ins Gesicht geschlagen! Ins Gesicht, Ed, nach seiner Inhaftierung. Die Milizen der Russkies haben über der Ukraine eine malaysische Passagiermaschine abgeschossen. Sie haben den Taliban Kopfgeld gezahlt, damit sie US-Soldaten töten. Die haben uns hier bei uns in den sozialen Medien verarscht. Die haben die Hirne von Dutzenden CIA-Mitarbeitern mit Energiewaffen zerstört. Und ja, sie haben mich unter Drogen gesetzt und Fotos von meinen Titten gemacht. Und für nichts davon …« – sie räusperte sich – »haben sie mehr als einen Klaps auf die Finger bekommen. Wir müssen anfangen, scheiß leuchtende rote Linien zu ziehen, die die Kakerlake im Kreml nicht überschreiten wird.«

»Ich stimme dir zu, Artemis, hundertprozentig«, sagte Bradley. »Ich bin auf deiner Seite.«

»Ich will mitspielen«, sagte Procter. »Und wie ich höre, gibt es eine freie Stelle, den neuen Hinterzimmer-Laden, der diese ganzen gruseligen Russland-Operationen leitet. Moskau X.«

»Der Moskau-X-Job? Artemis, der Direktor ist nicht gerade ein Fan von dir, nicht nach …«

»Den Unannehmlichkeiten in Amman. Und jetzt in Duschanbe.«

»Richtig. Und genau wegen dieser Unannehmlichkeiten ist es schwierig, dich auf einen solchen Posten zu versetzen.«

»Wohin sonst willst du mich denn versetzen?«

Bradley blickte auf zu seinen Raketenwerfern. »Ich möchte ja, dass du in Russland arbeitest.«

»Na bitte, dann sag das denen auch.«

Der Herbstmorgen war ungewöhnlich schwül, als Procter den Parkplatz des Gebäudes der Ursprünglichen Zentrale überquerte. Das Stechuhr-Volk strömte um sie herum. Eine zweijährige Haftstrafe in diesem Gefangenenlager, dachte sie, unglaublich. Der Vorteil war, dass sie, wenn Bradley den Direktor davon überzeugen könnte, ihr den Moskau X-Job zu geben, bessere Möglichkeiten hätte, die Russkies von Langley aus fertigzumachen als von irgendwo sonst. Und sie hatte so viele wundervolle Ideen, wie sie die Russen verarschen konnte. Sie lenkte den Prius vom Gelände in Richtung Vienna Inn, Schauplatz zahlloser Happy Hours, Feiern anlässlich gelungener Operationen, Beförderungen und sogar ein, zwei irischer Begräbnisfeiern nach der Beisetzung von Agency-Kameraden. Dort wollte sie sich für ein zwei-, vielleicht auch dreitägiges Besäufnis einquartieren.

Leicht erregt von der düsteren Vision des Chaos in Moskau, untermalt von den Klängen von Schwanensee, fuhr Procter in hohem Tempo durch Virginia. Wäre sie religiös, so hätte sie vielleicht geglaubt, dass die Hand Gottes ihr diese Vorstellung eingegeben hatte. Procter wusste zwar wirklich nicht, was sie von Gott halten sollte, aber sie nahm an, dass jede vernünftige Gottheit zu diesem Zeitpunkt ein Hühnchen mit dem Kreml zu rupfen hätte. Nach allem, was die getan hatten, konnte der liebe Gott sie, Artemis Procter, nicht davon abhalten, eine gewaltige nachrichtendienstliche Operation durchzuführen, um es den Russkies mal so richtig zu zeigen.

3

Sankt Petersburg

In den ersten Stunden eines regnerischen Abends in Sankt Petersburg stieg ein Mann im gut geschnittenen Anzug aus einem schwarzen Regierungs-Mercedes und betrat die Eingangshalle einer Bank. Obwohl sein Business an diesem Abend Bankraub war, hatte er weder Messer noch Schusswaffe dabei. Sondern einen Stapel amtlicher Dokumente, die es ihm gestatteten, aus dem Vorrat der Bank eine große Menge Goldbarren zu entfernen, die in einem Tresorraum vier Stockwerke unter der Straße lagerten und zu dieser Stunde von einem gut bewaffneten Team von Wachleuten und mehreren Angestellten beschützt wurden, von denen aktuell nur wenige schliefen.

Die Schriftstücke autorisierten den Mann im Anzug, Generalleutnant Konstantin Konstantinowitsch Tschernow vom Federalnaja sluschba besopasnosti Rossijskoi Federazii, dem FSB, dem Inlandsgeheimdienst Russlands, zweihunderteinundzwanzig Goldbarren aus der Bank zu einer strategischen Reserve im fernen Osten zu transferieren.

Tschernows schwarze Halbschuhe von Ferragamo klapperten auf dem Marmorboden der Lobby, seinen makellosen Absätzen folgte eine große Gruppe regulärer Polizisten, die Karren und Kisten hinter sich herzogen. Der FSB hatte die Polizei unglücklicherweise für einen Abend voll anstrengender körperlicher Arbeit zum Dienst verpflichtet. Schließlich war das Gold schwer: Jeder Barren wog etwas mehr als zwölf Kilo. Der Sicherheitschef der Bank Rossija begrüßte Tschernow in der Eingangshalle. Der Mann war Oberst in der sowjetischen Armee gewesen; er kannte das Spiel. Der FSB hatte Dutzende Spione in der Bank. Der FSB machte die Regeln. Tschernow konnte tun, was immer er wollte.

Sie tauschten eisige Begrüßungen aus. Der ausdruckslose Tschernow zeigte sich kühl, aber höflich, der Papierkram war schrecklich amtlich, und obwohl die Stimmung angespannt war, gab es weder Streit noch Gezänk, keiner der beiden Männer hob wutentbrannt die Stimme. Tschernow war mal Soldat und Priester gewesen und wusste daher, dass es nichts als das Gesetz Gottes gab und dass dieses einzig und allein durch Russland sprach. In vielen Gesellschaften hätte man seine Befehle an diesem Abend als willkürlich, ja illegal, betrachtet, aber für Tschernow hätten sie auch das Wort Gottes sein können, nicht anders als die Heilige Schrift oder ein Dekret des Kremls.

Tschernows Gesichtszüge waren unauffällig – doch er war sehr groß. Er war blass, kahlköpfig und hatte rosige Wangen. Sein Blick ruhig und nachdenklich. Der schwarze Anzug kam als Diplomatengepäck aus der Savile Row und passte maßgeschneidert auf den kräftigen Körper. Wenn er etwas sagte, hörte man ihm erste Anzeichen seines Wahnsinns an, wobei ihm an diesem Abend erst wenige Worte über die Lippen gekommen waren.

Aus der Lobby folgte Tschernow dem Sicherheitschef in ein geräumiges Büro mit Blick auf den Platz. Dort leistete man ihnen erstmals Widerstand: Sollte man Andrei Agapow, den größten Aktionär der Bank zu dieser späten Stunde anrufen, damit er von der staatlichen Beschlagnahmung eines Haufen Goldes im Wert von nahezu zweihundert Millionen Dollar erfuhr? »Er sollte zumindest wissen, was geschieht«, sagte der Sicherheitschef an Tschernow gewandt, das Schreibtischtelefon in den weißen Händen. Er war kurz davor, Agapows Nummer zu wählen, hielt aber inne, wartete auf Erlaubnis. Tschernow nickte.

Der Sicherheitschef sprach ein paar Minuten mit Agapow. Er las die wichtigsten Punkte aus den Unterlagen vor. Er nannte Tschernows Namen, dessen Rang und Abteilung. Er bat Agapow um Anweisungen. Dann legte er auf.

»Wollen Sie uns abweisen?«, fragte Tschernow neugierig.

»Nein, aber Sie werden es nicht leicht haben.«

»Finden Sie das klug?«

Sie kamen überein, dass es nicht klug sei. Dass der Sicherheitschef rein gar nichts tun würde, um den Transfer zu verzögern oder zu verkomplizieren, aber würde man Tschernow fragen, würde er darauf bestehen, dass der Widerstand lästig, ja beträchtlich gewesen sei. Dann stiegen sie in den Tresorraum hinab, dort ging Tschernow an den Reihen der Goldbarren vorbei und strich mit den Fingern über die Käfige. Dabei folgte ihm einer der Polizeibeamten und verglich die Seriennummern mit den Papieren, die sie bei sich hatten, um diesen Bankraub zu legalisieren. Sobald Tschernow zufriedengestellt war, fingen seine Leute an zu packen.

Sie füllten den Boden jeder Kiste und breiteten ein dickes Tuch über dem Gold aus. Dann stapelten sie zwei weitere Schichten darüber, bis sie fürchteten, die Kisten könnten auseinanderbrechen. Schließlich verschlossen sie die Deckel mittels Holzschrauben und brachten vorgefertigte Etiketten an, um die Seriennummer jeder Kiste zu dokumentieren. Die Sicherheitsleute der Bank zogen nicht ihre Waffen; niemand griff zu Funkgerät oder Handy. Sie standen nur still und stumm da, in Habachtstellung. Was sollte man denn auch tun, wenn man von der Polizei ausgeraubt wird?

Mit dem verlorenen Gesichtsausdruck eines Mannes, der dem Einbruch in das eigene Haus beiwohnt, sah der Sicherheitschef zu, wie die Kisten an ihm vorbeirollten.

Und dann murmelte er, besseren Wissens, dass Tschernow das Gold von Andrei Agapow stehle.

Tschernow wandte sich um. »Sie sagen, das Gold gehört Agapow?« Seine Stimme klang ruhig, beherrscht – auch wenn er spürte, wie es in ihm brodelte. An der Zungenspitze schmeckte er etwas Metallisches.

Den Blick auf seine Schuhe gerichtet, die Hände vor Wut in die Hüften gestemmt, senkte der Sicherheitschef den Kopf, aber er hielt den Mund.

»Ich habe gefragt«, sagte Tschernow, »ob Ihrer Meinung nach dieses Gold Andrei Agapow gehört?«

Der Sicherheitschef hob den Kopf, wich Tschernows Blick allerdings aus. »Die Unterlagen lassen diese Ansicht zu.«

»Dann frage ich Sie Folgendes: Wem gehört Andrei Agapow?«

Nervöses Nesteln an der Krawatte. Der Adamsapfel hüpfte.

Tschernow seufzte. Nur wenige begriffen es. »Die gesetzlose Macht Russlands erlöst Gott. Ein Gott, der gescheitert ist, wird durch dieses Erlösungswerk eins mit Russland. Daher ist es letztlich Gott, dem dieses Gold gehört. Verstehen Sie?«

Jetzt schluckte der Mann noch schwerer, er zog an seiner Krawatte. Aber er gab keine Antwort. Wich Tschernows Blick weiter aus.

Kisten rollten vorbei.

Tschernow legte dem Mann die Hand auf die Schulter und führte ihn zu einer leeren Kiste. Ein Polizist tackerte ein Etikett auf das Holz. Tschernow befahl ihm, damit aufzuhören – geben Sie uns einen Moment. Der Geschmack im Mund war jetzt ganz deutlich – er hatte sich auf die Zunge gebissen. Er tupfte sich den Mund mit einem Finger ab, aber es war kein Blut daran zu sehen.

»Ideen«, sagte Tschernow, »sind die einzigen Waffen, die imstande sind, die Geschichte, die Tatsachen und die Wahrheit auszulöschen. Als gute Russen verstehen Sie und ich ihre Macht. Im vergangenen Jahrhundert haben Millionen unserer Landsleute edelmütig unter dem Banner einst verrufener Ideen gelitten. Ich hoffe und glaube, dass ihnen im kommenden Jahrhundert noch viele weitere Landsleute folgen werden.«

Die Hand immer noch fest auf die Schulter des Mannes gelegt, zeigte Tschernow auf die leere Kiste. »Setzen Sie sich dort hinein.«

»Wie bitte?«

Tschernow packte fester zu. Er blickte in die Kiste – und weiter hinab, durch den Boden der Kiste in die dunkle Grube, in der er monatelang festgehalten worden war, in Syrien auf dem Land. Und da wusste er, dass der Banker die schwarze Ranke, die sich in ihm ausstreckte, jetzt, in diesem Moment spüren musste.

Tschernow kehrte aus Syrien zurück und sah zu, wie eine weitere Kiste zum Lastenaufzug des Tresorraums gerollt wurde. »Steigen Sie dort hinein.«

Am Haaransatz des Mannes bildete sich ein schmaler Schweißfilm. Tschernows große Hand streifte das Ohrläppchen des Mannes und glitt über dessen Hals.

»Bitte nicht.«

»Steigen Sie da rein.«

Tschernow drückte dem Mann den Daumen ins Ohr. Einen Augenblick lang sahen sie sich an.

Der Mann stieg in die Kiste.

»Setzen Sie sich.«

Er beugte die zitternden Beine und setzte sich.

Tschernow beugte sich über ihn. »In meiner Vorstellung ist Russland ein Körper. Ein vollkommener, von Gott geborener, jungfräulicher Körper. Bestehend aus Zellen, genauso wie unser eigener Körper. Und diese Zellen haben Funktionen. Jede hat ihre ordnungsgemäße Funktion. Und wenn eine Zelle nicht funktioniert, dann muss sie aus dem Körper herausgeschnitten werden.«

»Bitte«, sagte der Mann. »Nein.«

»Legen Sie sich hin«, sagte Tschernow, »damit Sie es bequem haben.«

Der Mann tat es. Dann schloss er die Augen.

Tschernow griff nach dem Deckel und stand da, einen Schatten auf die Kiste werfend. Er kaute auf seiner Wange, bis ihm endlich das Blut in den Mund spritzte. »Ich habe eine Botschaft für Agapow, von meinem Herrn: Wir machen uns Sorgen, dass deine Zelle nicht mehr funktioniert. Dass sie nach sündiger Freiheit strebt. Dass der dickköpfige ehemalige KGB-General, der rauflustige Industrielle, der stolze Landjunker zur Überzeugung gelangt ist, dass seine eigene Person, seine Familie und sein Geld vom russischen Staat zu trennen sind. Dass Agapow, als Individuum mit Rechten und Schutzvorkehrungen unter dem Gesetz … nun, der alte Trottel stellt sich jetzt vermutlich vor, dass er machen kann, was er will. Aber der Verlust dieses Goldes heute Abend sollte ihm beweisen, dass das Gesetz nichts weiter ist als ein Ritual, es ist die glorreiche Geste der Unterwerfung unter unseren Führer. Macht und Gewalt übertrumpfen das Gesetz, und es wird zu Gewalt kommen, wenn Agapow seine Interessen weiter über die Interessen Russlands stellt. Das Böse beginnt, wo der Mensch beginnt. Es gibt nur eine russische Nation, es gibt keine Menschen. Es gibt keinen Agapow.«

Dann schob Tschernow den Deckel auf die Kiste. Er nahm einen Bohrer, schaltete auf höchste Drehzahl und drückte die erste Schraube ins Holz.

»O Gott«, schrie der Mann. »O mein Gott.«

4

RusFarm, außerhalb von Sankt Petersburg

Anna Andreewna Agapowa hörte das Quietschen der Bremsen und fühlte das niederdrückende Gewicht der Villa. Sie sah aus dem Wagenfenster. Fast jedes Zimmer war dunkel. Sie waren immer dunkel. Vier der Angestellten schritten im Lichtschein der Laternen und unter den gruseligen Pferdekopf-Wasserspeiern vorsichtig die nasse Marmortreppe hinab. Es heiterte sie jedes Mal auf, die Folgen des furchtbaren Architekturgeschmacks ihres Ehemannes zu sehen, doch leider rutschte keiner der Bediensteten auf den glatten Natursteinen aus. Eine untersetzte Frau öffnete die Tür. Anna setzte ihre blutroten High Heels von Louboutin auf den Kies und steckte die Hände in die Jackentaschen.

Sie sah erneut am Haus hinauf, aber weil der Anblick sie wütend machte, wandte sie sich ab und schaute zum Flutlicht, das die Rennbahn und die Dächer der dahinter liegenden Pferdeställe erhellte. Wie viele Pferde befanden sich wohl dort draußen? Vermutlich über hundert. Der Schneeregen nahm zu, der Wind frischte auf. Dabei war es erst Oktober. Gott, wie sie den Winter in Sankt Petersburg hasste. Nass, kalt und grau. Inspiration für all die Suizide in der russischen Literatur. So wie alle anderen auch, nannte Anna die Stadt Piter. Den Blick immer noch auf die Stallungen gerichtet, fragte sie die Hausangestellte: »Wo ist er?«

»Im Büro … Aber er ist –«

»Liebes«, ertönte die Stimme ihres Vaters. Sie wandte sich um und sah Andrei Agapow aus der Eingangshalle treten. Das Personal stand stumm und steif da. Agapows weißes Haar lag ordentlich gekämmt. Er war gut gekleidet: legere Hose und Kaschmirpullover. Doch die Augen wirkten erschöpft. Das Gesicht war aschfahl. Anna kannte keine Details, aber die Dringlichkeit dieses Treffens und der Umzug ihres Vaters auf die RusFarm deuteten darauf hin, dass er ins Visier einer Verschwörung geraten war.

»Wie war die Fahrt?«, fragte er.

»Gut. Bequem.« Oben auf der Treppe, kurz vor der Haustür, blieb sie stehen.

»Ich würde gern mit dir sprechen, sofort.« Er gab den Bediensteten Zeichen, Annas Koffer zu nehmen. Die untersetzte Frau öffnete den Kofferraum und schaute hinein. Er war leer.

»Ich werde nicht hier übernachten.«

Mürrisch winkte er Anna in die Eingangshalle. Sie schüttelte den Kopf.

Er legte den Kopf schief. »Nur für einen Moment. Es ist kalt. Komm doch rein. Dann können wir reden, ohne dass wir in der Kälte herumstehen …« – er zeigte hinauf in den Schneeregen – »sonst müssen wir am Ende noch dieses verdammte Zeug im endlosen Sibirien schippen.« Ein Euphemismus für Lagerhaft. Anna blies ihren frostigen Atem lächelnd gen Himmel. Wieder winkte er – was hieß: Komm doch rein, kleines Mädchen. Sie wandte sich vom Haus ab. »Ich warte hier draußen, während du deinen Mantel holst. Wir können ja auf der Rennbahn oder im Pferdestall miteinander reden.«

Plötzlich hörte Anna ein leises Summen. Sie wandte sich um, horchte, das Geräusch wurde lauter. Rotorblätter. Das Geräusch kannte sie gut. »Die CIA?«

Er lachte, schüttelte den Kopf und ging ins Haus, um seinen Mantel zu holen.

Papas Lieblingshubschrauber hatte früher einmal der CIA gehört. Es handelte sich um einen sowjetischen, zweimotorigen Mil Mi-17, den Langleys Piloten in den ersten Tagen des Krieges gegen die Taliban im Jahr 2001 geflogen hatten. Als die Mullahs Kabul zurückeroberten, hatten sie diesen Militärhubschrauber erbeutet und als Geschenk nach Moskau geschickt. Annas Vater sagte, er habe ihn bei einer Wette mit dem Verteidigungsminister gewonnen. Sie hatte nie danach gefragt, was er gewettet hatte.

Im Hubschrauber tranken sie aus einem Flachmann Papas bevorzugten dagestanischen Weinbrand. Mehrere Waffenkoffer und Futterale waren zu sehen – manche davon recht groß. Auf dem Boden lag etwas, das aussah wie ein Raketenwerfer. Zwei stumme Piloten. Die beiden Agapows, Vater und Tochter.

Der Hubschrauber stieg mit seinen Insassen gen Himmel, das Ziel: die Schießanlage am südlichen Rand der RusFarm. Ein fahler Mond lugte durch die Wolken. Vater und Tochter versuchten nicht einmal, sich zu unterhalten, so laut waren die Rotoren. Der Hubschrauber verharrte einen Augenblick, bevor er eindrehte und zum Sinkflug ansetzte. Anna packte einen Haltegriff.

Im Lärm der Rotorblätter stiegen sie aus dem Hubschrauber und betraten den Schotterweg, der zum Schießplatz führte. Die Piloten luden die Waffen aus. Ihr Vater sah ihnen dabei zu und nippte an seinem Weinbrand. Aus dem Schneeregen war starkes Schneetreiben geworden. »Es ist schon lange her, seit wir gemeinsam ein wenig geschossen haben, Anja«, sagte er, seine Hand auf ihrer Schulter. »Ich dachte, es könnte Spaß machen.«

Er betätigte einen Schalter; Flutlichter tauchten den Schießplatz in helles Licht. Die Piloten legten die Waffen auf einem Holztisch hinter der Schusslinie ab und gingen zurück zum Hubschrauber, um sich zu wärmen.

Anna inspizierte das Waffenarsenal. Da war eine MP-443, eine halbautomatische Pistole, bekannt als PJa oder Pistolet Jarygina, die Dienstwaffe des russischen Militärs. Zu langweilig für Papas Sammlung – was machte die hier? Außerdem ein leichtes RPK-74-Maschinengewehr mit Zweibein, ein Kalaschnikow-Granatwerfer. Wo war ihre Lieblingswaffe? Hatte er die vergessen? Sie sah ein ADS-Amphibien-Sturmgewehr. Dann ein sehr altes AK-47, hergestellt für die ersten sowjetischen Militärprozesse im Jahr 1947. Es funktionierte nach wie vor.

Schließlich sah sie das Gesuchte: ein schwarzes Samtfutteral von der Länge eines Kugelschreibers. Sie ließ es aufschnappen und lächelte. Bei dem Stift handelte es sich um eine Lippenstift-Pistole. Der Kuss des Todes. Das ursprüngliche Design datierte auf die Zeit des KGB: einschüssig, 4,5-Millimeter, enorm ungenau, kein einziges Mal im Einsatz verwendet. In den Neunzigern hatten die Techniker Papas Modell verbessert. Der einzige operative Zweck war sein Amüsement gewesen. Mittlerweile feuerte der Stift ein einzelnes 9-Millimeter-Geschoss ab. Damit man die Waffe leichter schmuggeln konnte, war die Schussvorrichtung so konstruiert, dass man einen richtigen Lippenstift über die Spitze schieben konnte, unter der Kappe. Allerdings hatte Papas angestaubtes Modell die wächserne pinkfarbene Kappe längst verloren.

Er sah zu, wie sie den hohlen Stift in den Händen drehte. »Du und dieses verdammte Ding.«

Sie klappte den Stift zu und legte das Futteral zurück in den Waffenkoffer.

Papa entschied sich für das AK-47. In Schussrichtung hingen stählerne Zielscheiben vor einem Erdwall von der Höhe eines zweigeschossigen Gebäudes. Er feuerte, schoss sich ein, bis das anhaltende und zufriedenstellende »Klink« zu hören war: Kugeln, die auf Stahl prallten. Dann das Klicken eines leeren Magazins.

»Warum bist du auf hier auf RusFarm?«, fragte sie.

»Ich lasse oben in Repino von einigen Männern eine Durchsuchung durchführen«, sagte er. »Ich mache mir Gedanken, dass dort alles verwanzt ist. Bis dahin brauche ich einen Ort zum Arbeiten. Hier.« Er reichte ihr das AK-47.

Anna schob ein neues Magazin ein. Löste den Sicherungshebel. Sie setzte den Schaft an die Schulter und griff mit der Linken unter die Waffe, die Finger ausgestreckt, damit sie sich die Fingerknöchel nicht am Verschlussgehäuse aufschürfte. Schnell zog sie mit dem Daumen den Schnelllader zurück. Anna blickte in Schussrichtung. Sie beugte die Knie, straffte die Schultern und neigte sich ein wenig vor. Sie nahm die Schulter nach vorn, drückte gegen den Schaft, bis er am Schlüsselbein anlag. Umfasste das Magazin. Blickte durch das Visier auf die baumelnde Stahlplatte. Drückte ab. Ihr schmächtiger Körper federte den heftigen Rückschlag ab. Klink.

Zwanzig weitere Schüsse, achtzehn Treffer. Gar nicht schlecht – auch wenn von Papa kein Wort des Lobes kam. Sie gingen zum Schießen, wenn sie gut miteinander auskamen. Und das lag schon eine Weile zurück. Anna stellte den Sicherungshebel fest und legte die Waffe auf den Tisch. Er gesellte sich zu ihr, reichte ihr den Flachmann und holte eine Mappe aus der Innentasche seines Schaffellmantels. Er legte ihr die Mappe auf den Schoß.

»Wie ich sehe, hast du dein Büro in Repino im Mantel mitgenommen,«, sagte sie zwischen zwei Schlucken. »Was ist das?«

»Etwas, das ich nicht haben sollte. Aber zunächst will ich dir erklären, warum ich es habe.« Er nahm den Flachmann entgegen. »Gestern Abend ist ein FSB-Offizier von der Abteilung für Innere Sicherheit, ein Generalleutnant namens Tschernow, in die Bank gekommen, mit Papieren, die ihn autorisierten, mein Gold zu einer strategischen Reserve, angeblich ein Militärbunker weit im Osten, zu transferieren. Eine Lüge natürlich. Es war Raub, schlicht und ergreifend. Diese Leute haben sich mit mehr als zweihundert meiner Goldbarren davongemacht. Die haben meinen Sicherheitschef in eine verfluchte Kiste gesteckt und ihn mit der psychotischen Botschaft an mich geschickt, dass ich mich verdammt noch mal beugen soll. Die Finger des armen Kerls sind nur noch blutige Stummel. So sehr hat er an den Wänden der Kiste gekratzt. Es hat fast drei Stunden gedauert, bis er wieder bei Verstand war und die Nachricht überbringen konnte.«

Seine Augen blickten wölfisch, die Fäuste so fest geballt, dass ein Blutstropfen aus der Handfläche quoll, dort, wo er einen Fingernagel hineingebohrt hatte. Er saugte an der Wunde.

Anna nippte am Weinbrand, bis Papa seine Sprache wiedergefunden hatte. Dann flüsterte er: »Dieser Tschernow arbeitet für Goose, Anja. Die Nachricht kommt von Goose.«

Es kam Anna vor, als würde der Name ihren Mantel für den nahenden Winter in Piter öffnen. Wassili Platonowitsch Gusew. Goose. Ehemaliger Direktor des FSB, derzeit Sekretär des Sicherheitsrats, einer von Putins engsten Beratern. Über drei Jahrzehnte hatten ihr Vater und Goose einen regelrechten russischen Machtkampf ausgefochten – bei dem zwar viel Blut vergossen wurde, aber niemand gesiegt hatte. Doch die Hauptleute standen immer noch und beäugten einander argwöhnisch über das Schlachtfeld hinweg.

»Die haben gesagt, sie würden aufhören, nachdem sie meine Werft übernommen haben. Aber jetzt das. Ein Bankraub? Es gibt von allem weniger, und dennoch besteuern sie uns auf diese Art. Wollen die einen Krieg?«

»Kannst du denn nicht mit dem Chosjain reden?« Dem Herrn. Präsident Putin.

»Der Chosjain hat nach der Gaunerei mit der Werft nichts unternommen. Ich will’s noch einmal versuchen. Aber bis dahin haben wir eine Spur. Wir werden sie bekämpfen.« Er schlug mit der flachen Hand auf die Mappe.

Anna klappte sie auf, überflog die ersten Seiten, ob sie da vielleicht ein amtliches Siegel oder die blauen Streifen sah, die auf einen Bericht über eine nachrichtendienstliche Operation hindeuteten. Nichts. Sie klappte die Mappe zu.

»Woher hast du das?«

»Ich hab’s gerade gelesen.« Er griff zum Flachmann, trank einen Schluck. »Wir haben jemanden, der für uns zuhört. Und er hat etwas ziemlich Interessantes gehört. Neofitsialnije merij.«

Inoffizielle Maßnahmen. Kein Durchsuchungsbeschluss auf Papier, der die Abhöraktion autorisiert. Nicht einmal die Zusicherung, dass dies den Abhörgesetzen entsprang, den schattenhaften Anrufen aus dem Kreml mit ihren leisen Direktiven. Das hatte allein ihr Vater veranlasst. Eine leise innere Stimme riet ihr, aufzustehen und zu gehen, aber er hatte sie noch nie auf diese Art zu sich bestellt. Komm raus zum Gestüt, hatte er gesagt. Komm sofort, Anja. Dabei hatte sie die RusFarm seit über einem Jahr nicht mehr besucht. Außerdem war sie neugierig, wollte die Geheiminformationen kennen – ein Kind, dessen Finger über einer Geschenkdose schweben. Was sich wohl darin befand?

Sie klappte die Mappe auf, blätterte in den Seiten. Abschriften. Ein dicker Stapel.

»Hier sind die wichtigsten Punkte«, sagte ihr Vater. »Wir haben ein paar von den Geldgebern von Goose in Europa beschattet. London. Griechenland. Schweiz. Und in einer der Londoner Abschriften findet sich ein Juwel von einem Fauxpas, denn zwei von ihnen reden über die Aktien und wie sie die Anwälte dazu bringen können, die Sache so zu organisieren, dass alle ihren Anteil bekommen. Sie gehen die üblichen Namen durch und erwähnen, dass der Chosjain bei dieser Sache nicht mitmacht. Sondern die Sache für einen separaten, strategischen Fonds bestimmt ist.«

»Mist«, murmelte Anna.

Ihr Vater legte ihr die Hand auf die Schulter. »Goose hat mein Geld gestohlen – und versteckt es vor dem Präsidenten.«

Anna griff nach dem Flachmann und musterte ihn neugierig, als gehörte die Hand, die ihn hielt, nicht zu ihr. Sie lauschte ihrem Herzschlag, versuchte die verschiedenen Fäden zusammenzunähen. Vielleicht hatte Papa sich das alles nur ausgedacht. Sie sagte es ihm.

»Glaubst du das wirklich, Anja? Mein Gott.« Er lachte.

»Hast du die Aufnahme?«

»Ja.«

Sie streckte die Hand aus, drehte die Handfläche um, sodass sie nach oben zeigte.

»Ich habe sie nicht bei mir.«

Eine Schneeflocke fiel auf Annas Handfläche.

Er verdrehte die Augen, holte einen USB-Stick aus der Hosentasche und legte ihn in ihre Hand. »Stöpsel ihn nicht in einen Computer ein, der mit dem Internet verbunden ist.«

Anna steckte ihn ein, nahm die Lippenstift-Pistole aus dem Futteral. Lächelnd ließ sie die Waffe aufklappen und lud eine Kugel in den Stift. Als sie in Schussrichtung ging, achtete sie darauf, den Stift von sich weg zu halten. Eine Lippenstift-Pistole besaß keinen Sicherungshebel. Anna wollte nachdenken, deshalb schlenderte sie weiter, bis sie zu einer Zielscheibe aus Sperrholz in der Nähe des Erdwalls kam. Mit solchen Schusswaffen musste man nahe herangehen. Die trafen nur auf ein paar Meter genau – wenn überhaupt.

Ungefähr zwei Meter von der Zielscheibe entfernt blieb sie stehen. Sie zielte – und fand es ein wenig zu weit. Einen Schritt näher ran. Sie richtete den Stift auf das Ziel, drehte ihn, bis es klickte, und schoss. Daneben. Dieses blöde Ding. Anna kehrte zum Holztisch zurück und legte den Stift zurück in das Futteral.

»Was ist Vadims Meinung zum Rennen in Dubai?«, fragte sie. »Ist das Pferd bereit?«

»Frag ihn selber. Er ist dein Ehemann.«

»Welches schickt er ins Rennen?«

»Judo Master.«

Anna verzog das Gesicht. »Aussichtsloser Fall.«

»Vielleicht.« Ihr Vater wischte sich ein paar Tropfen Weinbrand vom Kinn. »Wir sollten über diesen völlig überraschenden Bericht, den ich dir da eben ausgehändigt habe, sprechen, statt über das Pferdegeschäft, das du unbedachterweise aufgegeben hast. Oder irgendeine andere Zerstreuung.«

Sie wandte sich von ihm ab, ernüchtert. Das Letzte, was sie brauchte, war eine Aufforderung, auf diese furchtbare Pferdefarm zu kommen.

In sanfterem Tonfall sagte er: »Anja, weißt du, was Goose uns antun könnte?«

Sie konnte es sich denken. Sie hatte ihr Leben lang beobachtet, wie sich mächtige Männer bekämpften. Sie war ein kleines Mädchen gewesen, da war es im Schatten des Zusammenbruchs der Sowjetunion zum blutigen Kampf um die Macht gekommen. Inmitten der Gewalttaten in der Unterwelt hatte Papa sie und ihre Mutter auf dieses Gut gebracht, damals eine heruntergekommene sowjetische Kolchose. Sie sah immer noch die Männer ihres Vaters vor sich wie sie den Unterboden des Wagens mit an langen Stangen befestigten Spiegeln nach Bomben absuchten.

In ihrer Jugend hatte ihr Vater den FSB verlassen und war in die Wirtschaft gegangen, gemeinsam mit ehemaligen Geheimdienstleuten, die Russland vor dem totalen Chaos bewahrten. Mittlerweile war er Vorstandschef von Rossija Industrial, einem Mischkonzern, dem einige der strategischsten Vermögenswerte gehörten: Waffenfabriken und Exportunternehmen, eine der großen Erdölfirmen, der zweitgrößte Pensionsfonds des Landes, sogar eine Bäckereikette.

Allerdings hatte ihr Vater einen hohen Preis für den wirtschaftlichen Aufstieg zahlen müssen. Er hatte sich Loyalität durch ein Bündnis mit der Familie Kowaltschuk erkauft: Bankiers, die einen Großteil von Putins Geld verwalteten.

Er hatte mit Anna bezahlt.

Anna griff sich an den leeren Ringfinger. »Ich weiß, was passieren wird, Papa.«

»Goose will uns zwingen, noch mehr von unseren Vermögenswerten zu verkaufen. Vielleicht versuchen sie, uns ins Exil zu schicken, zusammen mit diesen verdammten Künstlern, Balletttänzerinnen und Professoren, die ihre Sachen gepackt haben, als es im Krieg zur Sache ging. Vielleicht ein paar von unseren Pferden zerhacken, um Himmels willen.«

Er sprach ruhig, ins Dunkel hinein, er traf die Voraussage mit der Gewissheit eines Mannes, der das alles bereits anderen Menschen angetan hatte.

»Dich«, korrigierte sie ihn. »Er will dich ausnehmen, nicht mich.«

»Das ist kein Unterschied. Es gibt nur uns. Und wenn du das nicht begreifst, Anja, nun ja, dann gnade uns Gott.«

Sie schauderte und zog den Mantel enger um sich; sie war sich nicht sicher, ob er recht hatte. »Was willst du, Papa?«

»Wir brauchen mehr Beweise, bevor wir zum Chosjain gehen können. Ich möchte, dass du herausfindest, wo er das verdammte Geld versteckt hat.« Er tippte auf die Mappe. »Hier drin befinden sich Belege. Eine Londoner Rechtsanwaltskanzlei, Hynes Dawson, hat damit zu tun. Dort würde ich anfangen – die Anwälte da legen die Konten an. Die werden das ganze Konstrukt verstehen. Sie dürften auch Vollmachten für einige Konten haben. Das könnte uns dabei helfen, das Geld sofort zurückzubekommen. Du arbeitest dich da ein und entwickelst einen Plan, wie wir vorgehen. Es ist Zeit, dass wir uns wehren. Ihm zeigen, dass wir nicht vor ihm kuschen, verflucht noch mal.«

»Verstehe.« Annas Mundwinkel hoben sich zu einem sarkastischen Lächeln.

Seine Wangen röteten sich. »Was ist daran so komisch?«

»Seit sechs Jahren beschwerst du dich über meine Arbeit. Hast mich ermahnt, ich soll aufhören und Kinder kriegen.«

»Und?«

»Und jetzt willst du, dass ich meine Fähigkeiten anwende. Darum muss ich lachen, Papa.«

»Na ja, dann hör auf damit, Anna.«

»Ich leite andere Operationen. Beispielsweise eine in Genf. Was soll ich mit denen machen?«

»Willst du mir helfen – oder herumsitzen und dem ganzen Treiben tatenlos zuschauen?«

Sie stieß mit ihrem Knie gegen seines; er reichte ihr den Flachmann. Sie trank einen Schluck. »Kennst du jemanden, der mit Ressourcen helfen kann?«

»Du kannst mit Maximow in Moskau sprechen.«

Plötzlich raschelte der stille Birkenwald, in der Ferne erklang das Geräusch von Hubschrauberrotoren.

Sie blickte auf. »Vadims Helikopter?«

Ihr Vater nickte. »Dein Ehemann will sich vermutlich mit den Trainern unterhalten, bevor sie das Pferd ins Flugzeug nach Dubai verfrachten.«

Und dann ging sie, sagte, dass sie noch heute Abend nach Moskau zurückkehre.

»Warum willst du nicht hier übernachten, Anja?«, fragte er, immer noch sitzend. »Du kannst gleich morgen früh zurückfliegen. Ich organisiere einen anderen Hubschrauber.«

Das Wummern wurde lauter. Anna sah in den Himmel, der Schneeregen, der erneut eingesetzt hatte, stach ihr ins Gesicht. Vadims Helikopter flog über sie hinweg zum Hubschrauberlandeplatz in der Nähe der Villa. Mit einem Nicken wies sie auf den väterlichen Helikopter, der auf der Lichtung vor ihnen stand. »Deine Piloten müssen mich jetzt sofort zurück nach Moskau fliegen. Ist das ein Problem?«

»Anja, übernachte hier.«

»Soll ich dir nun helfen, oder nicht?«

Papa lächelte, seufzte und bedeutete ihr, mitzukommen.

5

London

So wie alle guten Geschichten hörte Sia Fox die über Gooses Gold erstmals von einem Trinker mit einem fabelhaften Akzent. Der Trinker war Mickey Liadow, der Akzent ein charmanter Mix aus Eton-Englisch und einem Russisch, wie es in einer sibirischen Betonfabrik gesprochen wird. Sie saßen im holzvertäfelten Sépareé im Berkeley, wo ihre Rechtsanwaltskanzlei, Hynes Dawson, russische Oligarchen bewirtete. Mickey hatte schon einiges an Champagner intus und fragte Sia, woher sie denn ihren Akzent habe.

»Na, meine Liebe, woher?«, sagte Mickey. »Ich wollte dich das schon immer mal fragen. Das gerollte r. Fabelhaft. Ganz reizend – wenn ich dir ein Kompliment machen darf.«

»Afrikaans«, sagte Sia. »Kapstadt.«

»Perfekt. Absolut perfekt.«

Der Abend neigte sich dem Ende zu. Sia hatte ihren Champagner-Konsum längst eingestellt. Doch sie hatte sich Mickey angenähert, wobei sie so tat, als würde sie auch trinken, um ihn über das Geld auszuquetschen. Die Partner von Hynes Dawson hatten während des erschöpfenden formellen Abendessens die üblichen Sätze zu hören bekommen: über Mickeys Mandanten, die – natürlich – ganz spontan beschlossen hätten, eine riesige Menge Geld – Herkunft unbekannt – in eine neue matrjoschkaartige Konstruktion von Konten zu übertragen, die von einer Briefkastenfirma kontrolliert wurde, die in weiteren Briefkastenfirmen verschachtelt war. Auf den Britischen Jungferninseln. Auf Nevis. In der Schweiz. Auf der Isle of Man. Orte, deren Ruf Diskretion und Verschwiegenheit versprach.

Sia wusste, dass Mickey Geld für Goose wusch. Das wussten auch alle Seniorpartner von Hynes Dawson, obwohl niemand darüber sprach. Was Sia wissen wollte: Woher stammte diese Tranche? Und Mickey, glaubte Sia, wollte es ihr mitteilen. Da steckte eine Geschichte drin, und Mickeys Blick verriet, dass es eine gute war. Sie füllte sein Champagnerglas nach.

»Die Summe ist ziemlich hoch, Micks – selbst für dich und deine Klienten. Hundertfünfzig Millionen Dollar kurzfristig? Eine beträchtliche Summe. Gibt’s irgendwelche pikanten Details, oder ist das alles furchtbar geheim und russisch?«

»Na ja, es ist furchtbar wichtig für meine Leute. Wirklich furchtbar wichtig.« Dann sagte er: »Sajebeese.« Sia runzelte die Stirn. Mickey lachte.

»Entschuldige. Ich will nur sagen, meine Arbeit ist so irrsinnig wichtig, dass mein Chef mich fertigmacht, wenn ich die Sache vergeige.« Michail Liadow lachte erneut, dann trank er wieder einen Schluck Champagner, winkte Sia zu sich heran und sagte – vielleicht, weil er zu aufgeregt oder zu betrunken war –, dass das Geld einst Gold gewesen war.

»Gold?« Sias Miene hellte sich auf. »Wow, Micks, das ist unglaublich. Und ich sage, du redest Unsinn.«

Er lachte, schließlich wurde er ernst. »Nein, ich schwör’s. Gold. Von einer russischen Bank.« Er hatte Gerüchte gehört, wonach das Gold geraubt worden war, doch das war vermutlich zu schön, um wahr zu sein. Zu verdammt sexy. Die Wahrheit ist vermutlich langweilig, sagte er mürrisch. Es ist Gold, das meine Klienten außer Landes bringen wollen, es wird durch Europa geschmuggelt, von ein paar freundlichen Schweizer Mittelsmännern in sauberes Geld verwandelt und von Hynes Dawson und den Bankern auf feuchtheißen Inseln ordnungsgemäß gelagert. Das übliche, mühsame Geschäft der Geldwäsche und all das. Wieder trank er einen Schluck. Aber der Ursprung sei Gold, beharrte er und legte die Hand aufs Herz. Und es stamme aus einem Tresorraum in Sankt Petersburg.

»Micks, wie hat man denn die Barren da rausgeschafft?«, fragte Sia. Sie saßen über einen langen Tisch gebeugt, sprachen in verschwörerischem Flüsterton.

»Wie ich höre, hat man das Gold in Kisten aus der Eremitage gepackt«, antwortete er mit einem Zwinkern. »Diese hat man dann nach Florenz versandt, natürlich an ein Partner-Museum, und anschließend mit dem Lkw Gott weiß wohin gebracht. Vermutlich in die Schweiz.« Sein Lächeln erstarb vor Enttäuschung. »Obwohl – ich glaube, dieses Detail ist auch zu schön, um wahr zu sein.«

Sie wollte fragen, was zum Teufel Goose mit dem Geld vorhatte, doch darüber würde Mickey nichts wissen. Außerdem würde die Frage nur dazu führen, dass er nervös wurde und wieder anfing, in diesem Akzent der Oberklasse daherzureden.

»Sprechen wir über ein anderes Thema.« Was sie keineswegs vorhatte. Sie beugte sich über den Tisch. »Wie ich höre, haben deine Freunde in Russland Schwierigkeiten mit einem der Geschäftsleute. Ist Oligarch das richtige Wort? Ihm gehört kein Fußballverein, keine Jacht, wie man mir sagt, aber er schwimmt förmlich im Geld. Wie heißt er noch gleich: Aga-irgendwas …«

»Agapow«, sagte Mickey. »General Andrei Borisowitsch Agapow. Allerdings ist er im Ruhestand.« Er drehte das Champagnerglas am Stiel.

»Agapow hat vor Kurzem seine Schiffswerft zu einem irrwitzig großen Rabatt verkauft«, fuhr Mickey fort. »Und jetzt diese Sache mit der Bank.« Vielsagendes Kopfschütteln, mehr Champagner.

»Die Bank gehört auch Agapow?«, fragte Sia.

»Agapow ist der größte Teilhaber der Bank. Natürlich hat er gewisse Feinde. Ziemlich schlaue sogar. Von der Sorte, die tief im Kreml ihre Netze spinnen.«

Grinsend drehte er das leere Champagnerglas. Sie (Mickey) hatten den Champagner ausgetrunken. Sia griff nach einer Flasche Brandy vom Servierwagen, um ihm nachzuschenken.

»Kein Cognacglas? Mein Gott, Sia, du bist eine Barbarin. Westgoten gießen Brandy in Champagnerflöten, Liebes. Westgoten und Vandalen.«

»Komm, ziehen wir vor die Tore Roms, Micks.« Sie schenkte sich ein Glas ein, trank einen kleinen Schluck. Ein Kellner betrat den Raum, sie wies ihn ab, faltete die Hände auf dem Tisch, beugte sich vor und flüsterte: »Du hast über Feinde gesprochen, Micks. Andrei Agapows Feinde.«

»In der Tat. Na ja, wir haben doch alle Feinde, oder, Sia? Sieh dir nur mal deinen alten Micks an. Derzeit schwer betrunken, zusammen mit einer Westgotin. Total umzingelt.« Er kicherte. Dann sah er auf die Uhr, als habe er noch etwas vor.

Er braucht einen Anstoß, dachte Sia. Ein wenig Hilfe.

»Ich kenne zwar nur die Gerüchte, die es aus Moskau bis ins triste London schaffen«, meinte sie, »aber ich habe gehört, dass Goose Agapow schaden will. In den schlechten alten Zeiten war Goose der Oberboss des FSB, glaube ich. Jetzt hat er ein Büro weiter hinten im Flur bei Putin. Verdammt, Micks, ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, wonach Goose hinter der Gaunerei mit der Schiffswerft steckt. Was ist da los? Schlängelt sich da irgendwas Hässliches unter den Laken im Kreml?«

Mickey verkniff sich die Antwort, warf einen imaginären Schlüssel ins Glas mit dem Cognac und trank aus.

Sie füllte es nach. »Also, Micks, der Schlüssel liegt in deinem Glas. Wenn du es austrinkst, könnten wir’s vielleicht schaffen, dass du mit der Sprache herausrückst.«

Er zuckte mit den Schultern. Nach einem langen, langsamen Schluck lächelte er etwas gequält. Trommelte aufs Tischtuch. Dann sprach er, wie es seine bevorzugte Methode zum Teilen von Geheimnissen geworden war, in einer gewählten Passivform. Das Aktiv hätte erfordert, dass er Goose für gewisse Dinge die Verantwortung hätte zuweisen müssen – was er besser unterließ.

»Agapows Gold wurde entwendet, könnte man sagen. Aus strategischen Gründen, die deinem bescheidenen alten Micks natürlich ein Rätsel sind. Aber das Gold wurde geraubt, wie auch die Schiffswerft, und meine kleinen Vögelchen in der Rodina singen, dass der alte Andrei bestraft wird, weil er sich nicht an die Regeln hält. Er muss seinen Tribut leisten, weißt du, aber er weigert sich, ziemlich starrköpfig. Du weißt ja, die Zeitungen hier sind voll von allen möglichen böswilligen Verleumdungen, was patriotische Russen betrifft. Aber ich höre von meinen Vögelchen, dass Goose und Agapow sich hassen. Beide stammen aus dem alten Leningrader KGB. Der Ursprung ihres gegenseitigen Hasses ist zeitlos: eine Frau. Was sonst, verdammt noch mal? In Troja gab es Helena – und in Sankt Petersburg Galina. Friede ihrer Seele. Galina war mit Goose zusammen, bevor sie Agapow geheiratet hat. Jetzt ist Goose im Aufstieg begriffen, er muss seine Gänschen füttern, und er macht, was jeder vernünftige Mann tun sollte, nicht wahr, Sia?«

»Und was sollte er tun, Micks? Einen alten Rivalen übers Ohr hauen?«

Mickey schüttelte den Kopf. »Ja, genau das, aber mehr. Agapow ist ein einflussreiches Bündnis mit der Familie Kowaltschuk eingegangen. Das sind dicke Freunde, Agapow und Kowaltschuk. Verdammt, es war Agapow, der die Mehrheitsbeteiligung an der Bank erwarb, als Kowaltschuk senior vor einigen Jahren starb. Agapow hat sogar seine Tochter Anna mit dessen Sohn Vadim Kowaltschuk verheiratet. Man könnte sich fragen, ob das Spiel hier süße Rache und gute Politik ist. Beseitige einen alten Rivalen, schmiede ein mächtiges politisches Bündnis. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und so.«

»Faszinierend, Micks. Deine Klienten sprudeln förmlich über von spannenden Geschichten.«

»Die haben Blut an den Händen.« Er lächelte und wischte sich die Handflächen. »Genau wie du.«

Zwei Küsschen auf die Wangen für Micks, ein kurzer Gang durch das mondbeschienene Mayfair, dann war Sia zurück in den Räumen von Hynes Dawson, wo eine Gruppe übermüdeter Anwälte in die siebzehnte Stunde ihres Arbeitstages startete. Mit langen Schritten lief sie die gewundene, knarrende Treppe hoch und in ihr Büro, wo sie die Tür schloss und aus dem schmutzigen Fenster auf die ungepflegten Büsche schaute, die den mit Kies bestreuten Innenhof säumten.

Der Springbrunnen war trocken; sie hatte noch nie gesehen, dass er funktionierte. Benny Hynes, der einzige noch lebende Gründer der Kanzlei und emeritierter geschäftsführender Partner, hatte auf die eklektische Kombination aus Premium-Immobilie und heruntergekommener Inneneinrichtung bestanden. Viele der großen Kanzleien in der Londoner City residierten in glänzenden, ultramodernen Räumlichkeiten voller Annehmlichkeiten, um das Personal für die Sklaventreiberei des Unternehmens zu entschädigen.