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Ein fesselndes Fantasy-Abenteuer über Mut, Freundschaft und eine verborgene Welt in der Dämmerung Dieses spannende und humorvolle Buch ist das ideale Geschenk für alle Mädchen und Jungen ab 10 Jahren, die gern in geheimnisvolle Welten eintauchen. Ein verborgenes Erbe Ein finsteres Geheimnis Ein Mädchen, das die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen muss Die 13-jährige Lilimott Förster will vor allem eins: bloß nicht auffallen. Als Einzige an ihrer schicken Schule stammt sie nicht aus dem Nobelstadtteil Schöngefeld, sondern aus dem sogenannten "Gebirge", einer Hochhaussiedlung am Stadtrand. Und ein Gebirgskind bleibt besser unsichtbar, wenn es Probleme vermeiden möchte … Doch dann kreuzt ein merkwürdiges, kleines, funkensprühendes Wesen Lilimotts Weg – und in ihrem Leben ist nichts mehr so, wie es war. Das Wesen behauptet, Lilimott sei die "Große Retterin", der es vorherbestimmt wäre, die verzauberten Lichtgeister zu erlösen. Und schon ist Lilimott mittendrin in einem Abenteuer, in dem sie über ihren Schatten springen muss, wenn sie nicht nur Tagholde und Nachtspinste, sondern auch ihre Familie und die ganze Stadt retten will … - Das perfekte Geschenk: Eine packende Geschichte voller Magie und Abenteuer, ideal für Mädchen und Jungen ab 10 Jahren - Ein einzigartiges Fantasy-Setting: Eine moderne Welt, in der Magie und Realität aufeinandertreffen – atmosphärisch und geheimnisvoll - Mitreißend erzählt: Überraschende Wendungen und eine mutige Heldin, die über sich hinauswächst - Inspirierende Botschaft: Ein Buch über Selbstvertrauen, Zusammenhalt und die Kraft, für das Richtige zu kämpfen Für alle, die magischen Realismus lieben! Ein episches Abenteuer voller Magie, das dich von der ersten Seite an in seinen Bann zieht.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Anne Ameling
Das Erbe der Lichtgeister
arsEdition
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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2025
© 2025 arsEdition GmbH,
Friedrichstraße 9, D-80801 München
arsedition.de/service
Alle Rechte vorbehalten
Text: Anne Ameling
Covergestaltung: Timo Grubing
Zitat aus Shakespeare Ein Sommernachtstraum in der Übersetzung
von Frank Günther mit freundlicher Genehmigung des
Hartmann & Stauffacher Verlags
Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
ISBN eBook 978-3-8458-6841-7
ISBN Printausgabe 978-3-8458-5968-2
www.arsedition.de
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Für Martina.
Und natürlich für Erik, Ole und Frank.
1 Hundert Jahre Stein
…
2 Der versteinerte Faun
…
3 Faranduns Geschichte
…
4 Die elektrische Maus
…
5 Der Auftrag
…
6 Der Wandenwald
…
7 Der Fuchs der Dämmerung
…
8 Das Erwachen des Fauns
…
9 Das Versprechen
…
10 Schatten und Monster
…
11 Seleina
…
12 Das Kind der Dämmerung
…
13 Verfinsterung
…
14 Der große Park
…
15 Wo ist Spix?
…
16 Der Junge
…
17 Seleinas Palast
…
18 Trümmerfelder
…
19 Träume
…
20 Die große Retterin
…
21 Der Wolkendrache
…
22 Freunde
…
Die Nacht hört weder Lied noch Dankgebet.
Drum wäscht der Mond, der Herrscher aller Fluten,
In bleichem Zorn die Nachtluft feucht und klamm,
Dass Fieberkrankheit sich verbreiten muss.
Durch die Zerrüttung weit und breit ändern
Sich Jahreszeiten: denn weißpelzig beißt
Der Frost sich in den Schoß der Purpurrose,
Und die kristallne, eisbereifte Krone
Des Winterkönigs schmücken Sommerknospen
Wie zum Gespött. Das Frühjahr und der Sommer,
Der Ernteherbst, der rauhe Winter tauschen
Die Kleider unter sich – die Welt wird irr
An ihren Früchten, weiß nicht, wer was ist.
Und diese ganze üble Brut des Bösen
Entspringt aus unserm Streit und Widerspruch.
Wir sind die Anstifter und die Erzeuger.
Titania aus Ein Sommernachtstraum von William Shakespeare
Hundert Jahre waren nicht lang, wenn man ein Taghold war. Die Tagholde waren älter als manche Sterne, vielleicht sogar älter als die Welt selbst. Was also waren hundert Jahre für den Herrn der Tagholde? Ein Meisenschiss. So wie der auf seiner Schulter, den er nicht wegwischen konnte.
Ha! Hundert Jahre waren verflixt, verteufelt und verflucht noch mal lang, wenn man als steinerne Faunstatue langsam mit Moos überwuchert wurde und an einem öden Ort wie diesem Park sein Dasein fristete, abgeschnitten von allen kleinen und großen Freuden und Späßen.
Der Herr der Tagholde hatte es satt. Er hatte es mehr als satt. Er hatte es übersatt. Er … Er musste sich beruhigen.
Denn der Tag nahte, an dem dieses Elend ein Ende finden sollte. Die hundert Jahre Versteinerung waren fast vorüber. Er konnte es kaum abwarten, seine Ziegenfüße zu strecken und seine geliebte Flöte Syruk wieder in seinen Fingern zu spüren. Überhaupt wieder etwas anderes zu spüren als juckendes Moos.
Wie jedes Mal hatte ihm der Neumond erlaubt, zumindest seine steifen Gesichtszüge und seine Stimmbänder ein wenig zu lockern. Was er ausgiebig getan hatte, bis sich selbst der Uhu aus dem verlassenen Gemäuer am Ende des Parks entsetzt abgewandt hatte. Doch dieses Mal war die Versteinerung nicht komplett wieder zurückgekehrt. Es war also wirklich so weit, hatte er zufrieden festgestellt. Der Mond hatte Wort gehalten, er hatte ihm seine Sprache endgültig zurückgeschenkt, in diesem Moment seine gefährlichste Waffe. Leider auch seine einzige … vorerst. Farandun, der Herr der Tagholde, Geister der Lichtzeiten und Hirten der Wildnis, war so was von bereit, diesen vermaledeiten Ort zu verlassen.
»Habixus!«
Seine Stimme klang rau und ungeübt. Nichts war übrig von dem verführerischen Klang, den sie gehabt hatte, bevor er in Stein verwandelt worden war. Selbst seine wunderbare Stimme war steinern geworden. Was hatten diese hundert Jahre ihm angetan? Ein Anflug von Selbstmitleid erfasste ihn.
»Habixus!«
Im Gebüsch gegenüber ging ein trockenes Zweiglein in Rauch auf, und kurz darauf wuselte ein mausgroßes, funkensprühendes Wesen zwischen den Blättern hervor, hopste auf das Rasenstück vor ihm und schaute ihn aus großen, runden Augen an.
»Hast du sie gefunden?«
Das Wesen pritzelte aufgeregt und wackelte dabei hin und her. Der Herr der Tagholde seufzte. Hundert Jahre, und sein einziger Gesprächspartner war dieses elektrifizierte Etwas gewesen. Nicht mal über das Wetter konnte man mit ihm reden, ohne dass es irgendwas in Brand setzte. Von allen Tagholden, die es gab, musste ausgerechnet dieser im richtigen Moment vom Blitz getroffen werden, der Versteinerung entgehen und ihre einzige Hoffnung auf Erlösung sein!
Ein Wesen ohne Worte.
Das hatte nun aufgehört zu pritzeln und seine Ohren angelegt.
»Ja, ich bin auch froh, dass es bald vorbei ist und die Tagholde wieder frei sein werden. Hast du das Mädchen gefunden?«
Das Gute an seiner tonlosen Stimmlage war, dass sie seine Ungeduld verbarg. Die Zeit drängte, nicht eine Stunde zu lang wollte er auf diesem Sockel dahindämmern. Er musste also unbedingt vermeiden, dass Habixus wieder schmollte und ihn tagelang unbeachtet stehen ließ, wie nach dem vorletzten Neumond, als Farandun ihn eine »Stinkfunzel« genannt hatte. Dabei war die kleine Funkenschleuder eingeschlafen, während Farandun ihm wichtige Dinge erklärt hatte. Gut, er hatte lange geredet, so war das, wenn man das nur einmal im Monat tun durfte und einem niemand richtig antwortete, da konnte man sich nicht mit drei Sätzen zufriedengeben. Aber einschlafen? Wenn der Herr der Tagholde zu einem sprach?
Hinter Habixus’ Ohren stieg eine kleine Rauchwolke auf, dann pritzelte er entschlossen. Ein Funke stob neben ihm ins Gras und brannte ein Loch in ein Löwenzahnblatt. Farandun brummte zufrieden. Diese elektrische Maus taugte also doch zu etwas.
»Gut! Hol sie her.«
Nervöses Pritzeln.
»Meine Güte, lass dir was einfallen! Du bist ein Taghold. Irgendwie musst du sie in diesen Park holen, egal, wie du das anstellst. Wir brauchen sie.«
Habixus knisterte ratlos vor sich hin und scharrte mit der Vorderpfote eine kleine Brandlinie in die Grasnarbe. Dann schien er aufzuleuchten und sprang mit allen vieren gleichzeitig in die Luft. Das kostete ein paar Gänseblümchen das Leben, deren Stängel nun wie verkokelte Fühler aus dem Gras schauten und traurig qualmten. Zum Glück bemerkte er das nicht. Es hätte ihn nur betrübt und von seiner Aufgabe abgelenkt. Der Herr der Tagholde lächelte, so spröde, wie es mit steinsteifen Lippen eben möglich war. Er barst innerlich vor Vorfreude. Bald wären sie wieder frei! Er und all seine Tagholde, die darauf warteten, dass er sie mit seinem Ruf erlöste.
»Mir scheint, du weißt, was zu tun ist. Ich erwarte euch hier.«
Nichts anderes blieb ihm übrig, er konnte sich schließlich nicht wegbewegen. Aber es tat gut, den Schein zu wahren, dass er Herr der Lage war und nicht Habixus.
Stolz pritzelte Habixus noch einmal auf, dann rannte er mit wehenden Funken davon, hinaus durch das schmiedeeiserne Tor und zu dem kleinen Unterstand unten an der Straße, der noch leer war. Das würde sich gleich ändern, wusste Habixus. Denn genau hier hatte er vor wenigen Monaten das Mädchen entdeckt, das sich vor den Augen der anderen Menschen verbergen konnte. Wie ein Taghold.
Farandun aber wartete. Hundert Jahre Stein. Hundert Jahre Zeit, um über Rache nachzusinnen. Das war selbst für einen Taghold viel Zeit, wenn man es genau bedachte.
Lilimott wollte nur noch nach Hause. Hoffentlich kam der Bus pünktlich, damit sie wegkam von ihrer Schule und diesem Stadtteil, in dem alle zu glauben schienen, dass sie besser wären als der Rest der Welt.
Ein wenig außer Atem erreichte sie die Bushaltestelle. Die Häuser in dieser Straße waren von einer beeindruckenden Vielfalt an Mauern und Zäunen umgeben, die ihre ausladenden, akkurat gepflegten Gärten vor Eindringlingen schützten. Ein Magnolienbaum lehnte seine blätterbeschwerten Äste lässig über die Mauerkante hinter der Haltestelle, wie ein Ausbrecher, der schon mal einen Blick auf seine Fluchtroute wirft. Eine Wolke gab die Frühlingssonne frei, und ein leichter Windstoß zog den Schatten der Zweige lang, sodass es aussah, als würde er nach Lilimotts Füßen greifen. Sie schaute auf ihre Uhr. In fünf Minuten kam der Bus. Sie war zu früh.
Später würde sie behaupten, dass diese fünf Minuten schuld waren an allem, was danach passierte. Im Moment jedoch wusste sie nicht, dass hinter dem Mülleimer der Bushaltestelle ein kleines, elektrisch aufgeladenes Wesen mit einem großen Plan saß. Und dass dieser Plan schon vorher Gestalt angenommen hatte, ja, dass er schon lange vor Lilimotts Geburt Wurzeln geschlagen und seine Finger nach ihr ausgestreckt hatte. Diese fünf Minuten bedeuteten darin gar nichts.
An Schicksal, Vorhersehung oder Bestimmung glaubte Lilimott sowieso nicht, und es war fragwürdig, ob sie irgendwann damit anfangen würde. Sie vertraute Fakten und dem, was sie sah. Und das waren erstens die drei Mädchen, die jetzt auf pastellfarbenen Hollandrädern direkt auf sie zugefahren kamen, und zweitens der Busfahrplan und ihr eigenes schlechtes Timing. Wenn sie jetzt weglief, verpasste sie den Bus. Also musste sie drittens den Ärger, der da auf sie zurollte, in Kauf nehmen. Fünf Minuten Ärger! Das würde sie schon aushalten, auch wenn sie keine Übung darin hatte.
Bis zu diesem Tag jedenfalls.
Der war von der ersten Minute an nicht auf ihrer Seite gewesen.
Sie hatte auf dieser schicken Schule in Schöngefeld bisher ohne Schwierigkeiten überlebt, weil sie die erstaunliche Gabe hatte, sich unsichtbar zu machen. Nicht im eigentlichen Sinne von »unsichtbar«. Es war einfach so: Wenn sie es nicht wollte, bemerkten die Leute sie nicht. Lange war sie davon ausgegangen, dass diese Fähigkeit eine war, die alle beherrschten. Das Außergewöhnliche und damit das außergewöhnlich Praktische daran wurden ihr erst nach und nach klar. Da, wo sie wohnte, war es oft vorteilhaft, nicht den falschen Leuten aufzufallen, aber seit sie die Schule gewechselt hatte, war sie noch dankbarer für ihre Gabe.
Zum einen führte sie dazu, dass sie in sämtlichen Fächern eine Eins als mündliche Note hatte, ohne sich jemals melden zu müssen – kein Lehrer und keine Lehrerin wollte zugeben, dass er oder sie nicht wusste, welches Gesicht zu dem Namen Lilimott Förster gehörte, die so einwandfreie Klassenarbeiten ablieferte.
Zum anderen bewahrte ihre Fähigkeit Lilimott davor, gegen die Vorurteile kämpfen zu müssen, die sämtliche Schöngefelder und Schöngefelderinnen hatten, weil sie aus dem sogenannten Gebirge kam, der Hochhaussiedlung am anderen Ende der Stadt. Die war in den Schöngefelder Köpfen etwa so weit weg und lebenswert wie das australische Outback. Undenkbar, dass eine ihrer Bewohnerinnen versuchen würde, in Schöngefeld das Abitur zu machen.
Aber Lilimott war da.
Ihrer Mutter war es mit großer Beharrlichkeit gelungen, den Schuldirektor zu überzeugen, sie in seine Schule aufzunehmen.
»Wenigstens ein Familienmitglied muss es rausschaffen aus dem Gebirge«, hatte sie zuvor zu Lilimott gesagt. »Und deine Grundschullehrerin ist der Meinung, du bist eine hervorragende Schülerin. Du hast die besten Chancen – aber nicht auf der Schule deiner Schwester.«
Also ließ es Lilimott über sich ergehen, dass der Schöngefelder Schuldirektor beim Vorstellungsgespräch stolz die »integrativen Fähigkeiten« seiner Schule lobte, in der »gleich zwei Rollstuhlfahrerinnen« in den vorangegangenen Jahren ihr Abitur gemacht hätten. Lilimott verkniff sich die Frage, ob man in Schöngefeld mit den Beinen denken würde. Sie wandte auch nicht ein, wie bescheuert sie es fand, dass er sie »integrieren« wollte und wie eine beliebige Zutat in seinen selbst gebastelten Problemkind-Topf warf. Denn was sagte das anderes über sie aus, als dass sie eigentlich nicht an diesen Ort gehörte? Sie fühlte sich wie eine Knetfigur, die in eine falsche Form gepresst werden sollte. Aber sie hielt den Mund und lächelte, bis ihre Mundwinkel wehtaten. Ihrer Mutter zuliebe.
Und ihrer Mutter zuliebe fuhr sie danach jeden Morgen eine Stunde lang mit dem Bus – und das war auch schon die beste Stunde des Tages. Denn an der zweiten Haltestelle stiegen Jemil und Ahmed auf ihrem Weg zum Autowerk zu, und die beiden versorgten sie zuverlässig mit Baklava, mittelmäßigen Witzen und guten Ratschlägen, bevor sie zehn Haltestellen weiter ausstiegen. Jemil hatte früher mit ihrer Mutter in einer Putzkolonne gearbeitet und sah es als seine Aufgabe an, Lilimott auf ihrem langen Schulweg bei Laune zu halten. Lilimott verdächtigte ihre Mutter sogar, dass sie Jemil heimlich damit beauftragt hatte – was beide vehement bestritten. Es war Lilimott egal, denn sie mochte Jemil und freute sich jeden Morgen, wenn sie sein rundes Gesicht sah, umrahmt mit nach allen Seiten abstehendem Haar, das sich an der Stirn zusehends lichtete.
»Eines Tages, wenn du deinen Abschluss gemacht hast und Managerin oder Anwältin oder Ärztin geworden bist, dann holst du mich mit deinem Sportwagen ab und wir fahren zusammen ans Meer«, sagte er am ersten Tag zu ihr.
»Und wenn du dann schon zu alt bist, Habibi«, schaltete sich sein Freund Ahmed ein, »dann fahre ich einfach mit ihr.«
Jemil nahm Ahmed daraufhin in den Schwitzkasten, und obwohl der sehr viel größer war und beeindruckende Oberarme hatte, röchelte er und flehte um Gnade, bis Lilimott lachend rief: »Stopp! Wir fahren alle zusammen. Ich kauf mir ein Auto, das groß genug für euch beide ist! Oder wir fahren mit dem Zug. Ich bin noch nie mit dem Zug gefahren.«
»Das Mädchen ist schwer in Ordnung, Wallah«, sagte Ahmed, nachdem Jemil ihn losgelassen und er seine Haare wieder sortiert hatte. »Wenn wir erst am Meer sind, spendiere ich ihr jeden Tag ein Eis!«
Von da an fuhren die drei täglich zusammen, quer durch die Stadt, das Meer in den Köpfen, auch wenn es noch eine Weile auf sie würde warten müssen.
Sobald die beiden Männer mit den anderen Arbeitern und Arbeiterinnen ausgestiegen waren, zog Lilimott die Kapuze ihres ausgeblichenen Hoodies über ihre kurzen, dunklen Haare und machte sich unsichtbar für den Rest der Welt.
Sie war sich sicher, dass die meisten Mitschüler und Mitschülerinnen nicht einmal wussten, dass sie in ihrer Klasse war.
Bis zu diesem Tag.
Plötzlich funktionierte ihre Gabe nicht mehr.
Wie jeden Morgen wollte sie unbemerkt an der Mädchengruppe vorbeischlendern, die sich wie immer lässig auf den Tischen direkt an der Eingangstür zum Klassenzimmer platziert hatte, um Kommentare zu den Ankommenden loszuwerden.
»Bist du in die Altkleidersammlung gefallen?«
Lilimott war nicht vorbereitet auf eine solche Bemerkung. Sie war ja nicht mal darauf vorbereitet, bemerkt zu werden. Sie blieb stehen, ihre abgetragenen Klamotten brannten auf ihrer Haut.
»Mann, was für ’n asozialer Look!«
Die Mädchen lachten, zu laut, als dass es echt geklungen hätte.
Das Blut stieg Lilimott heiß ins Gesicht. Wie sehr wünschte sie, dass ihre Schwester jetzt hier wäre! Der wäre eine Antwort eingefallen. Sie dagegen hatte keine Übung im Reagieren. Null. Wer nicht gesehen wurde, musste das nicht können. Genau das hatte ihr Leben an dieser schrecklichen Schule ja so entspannt gemacht. Stumm ging sie weiter zu ihrem Platz, das Gelächter schrill im Ohr.
»Hi und willkommen im Wahnsinn«, begrüßte Kasimir sie, wie immer voll mit sich selbst beschäftigt. »Hast du Mathe gemacht? Kann ich bei dir abschreiben?«
Tatsächlich war Kasimir der Einzige, bei dem die Unsichtbar-Nummer nie zuverlässig funktioniert hatte. Warum, war Lilimott ein Rätsel. Ausgerechnet Kasimir! Der Schüler, an dem die »integrativen Fähigkeiten« der Schule grandios gescheitert waren. Kasimir war das Gegenteil von integriert und nur noch nicht im hohen Bogen rausgeflogen, weil seine Mutter irgendein hohes Tier im Stadtrat war.
Er machte seine eigenen Regeln.
Aktuell war die lange Haarsträhne, die ihm vorne ins Gesicht fiel, weiß, aber das änderte sich immer mal wieder. Vor ein paar Tagen war er im pinken Frotteebademantel seiner Oma zur Schule gekommen. Heute war er ganz in Schwarz, sogar seine Fingernägel hatte er schwarz lackiert und die Augen schwarz umrandet. Manchmal dachte Lilimott, dass es einfach seine Art war, sich unsichtbar zu machen. Er machte so viel Theater, dass die Leute ihn, Kasimir, völlig übersahen. Das Theater wiederum war schwer zu ignorieren, und so nahmen zwar alle das Anstrengende, den Stress und die Unruhe, die ihn umgaben, wahr, aber selten ihn selbst.
Aber das war nicht ihr Problem. Ihr Problem war gerade, dass sie nicht verstand, was plötzlich anders war. Wieso versagte ihre Gabe, die sie von klein auf perfekt beherrscht und die sie immer vor allen Komplikationen bewahrt hatte, ausgerechnet heute? Als hätte jemand einen Vorhang weggezogen und sie auf eine Bühne geschubst. Sie konnte sehen, dass die anderen noch lange nicht mit ihr fertig waren.
»Gerettet!«, sagte Kasimir, als sie ihm ihre Mathehausaufgaben herüberreichte, wobei sie die Mädchen nicht aus den Augen ließ.
Lilimott versuchte sich zu erinnern, wie es ihr normalerweise gelang, vor den Blicken der anderen zu verschwinden. Aber sie wusste es nicht. Es war wie atmen, sie machte es einfach.
Kasimir schaffte es gerade rechtzeitig, fertig zu werden, bevor Herr Schneider, ihr chronisch schlecht gelaunter Mathelehrer, den Raum betrat.
»Was ist los mit dir?« Kasimir musterte sie erstaunt. Dann bemerkte selbst er das Tuscheln, das aus der hinteren Reihe zu ihnen herüberzog und sich wie eine unsichtbare Schlinge um Lilimotts Nacken legte. »He, ich hab mich immer gefragt, wie du denen bislang aus dem Weg gehen konntest. Dein Glück hat dich verlassen, was? Sophia hat dich auf dem Radar. Das war’s dann wohl für dich …«
»Ist heute irgendwas anders an mir als sonst?«, flüsterte Lilimott.
»Was meinst du mit ›anders‹?«
»Eben anders. Wirke ich anders als sonst?«
Kasimir überlegte und zuckte mit den Schultern. »Irgendwie … gestresster?«
»Der Herr und die Dame in der zweiten Reihe!« Herr Schneider baute sich vor ihrem Tisch auf. »Vielleicht lasst ihr uns teilhaben an eurem Liebesgeflüster?«
Einer seiner Lieblingssprüche. Haha. Lilimott starrte ihn an. Sie konnte sich nicht erinnern, dass Herr Schneider sie je direkt angesprochen hatte. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich auch nicht daran erinnern konnte, aber sehr willig war, das ausgiebig nachzuholen.
»Nach vorne. Rechnen. Du. Jetzt.«
Er zeigte mit dem Finger auf Lilimott und dann aufs Whiteboard. Lilimotts Gesicht brannte, als sie nach vorne ging. Sie nahm den blauen Marker und konzentrierte sich darauf, die Gleichung zu ergänzen, die dort angeschrieben war. Das Rechnen beruhigte sie ein wenig.
»Erkläre uns doch bitte mal deinen Lösungsweg.«
Lilimott drehte sich um, öffnete den Mund – und bekam keinen Ton heraus. Verdammt. Sie stand da wie eine Idiotin und alle konnten es sehen. Und was sahen sie? Das Gebirgskind, das es an einer ach-so-tollen Schule wie dieser niemals schaffen würde. In ihrem Gehirn spulte der Lösungsweg sich in Dauerschleife ab, klar, die Aufgabe war einfach gewesen, aber sie brachte nichts über ihre Lippen.
»Wir warten.«
Kasimir räusperte sich und schnipste energisch mit den Fingern.
»Was?«
»Soll ich es erklären? Arbeitsteilung, Sie wissen schon, Herr Schneider. Lilimott hat’s angeschrieben, ich erkläre es. Ist doch sonst unfair.«
»Lilimott kann selbst erklären, wie sie auf die Lösung gekommen ist, nicht wahr?«
Herr Schneiders Lächeln hatte etwas Sadistisches. Lilimott spürte Wut in sich aufsteigen. Ein seltsamer Ton kam aus ihrem Inneren, was die hintere Reihe zum Lachen brachte.
»Was ist mit dir? Bist du doof, oder was?«
»Sophia!«
»’tschuldigung, Herr Schneider!«
Wenn du Respekt willst, lass dich nicht ungestraft beleidigen, sagte Lilimotts Schwester immer. Das war eine der nervigen Regeln aus ihrer ellenlangen Liste »Wie man als Gebirgskind überlebt«. Genau genommen war es die Regel, die ihr sogar schon mal Ärger mit der Polizei eingebracht hatte, aber das war eine andere Geschichte. Lilimott ballte die Faust um den offenen Marker, den sie noch in der Hand hielt. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte – aber sie wusste, was sie tun wollte.
»Halt doch einfach mal die Fresse, Sophia«, stöhnte Kasimir und stand auf, um nach vorne zu gehen.
»Hinsetzen!«, kommandierte Herr Schneider.
Da hatte Lilimott den Marker schon quer durch das Klassenzimmer und auf Sophia geschleudert. Die heulte laut los, dabei hatte Lilimott sie nicht mal getroffen, wie der blau explodierte Markerfleck an der Wand bewies.
Sophias Geheul aber löste einen regelrechten Aufruhr aus, in dessen Verlauf eine Menge Beleidigungen ziellos durch die Klasse schwirrten. Jeder musste plötzlich irgendwas loswerden, nur wenig davon betraf Lilimott. Empörung funktionierte wie eine ansteckende Krankheit und blieb ungern lange am eigentlichen Geschehen hängen.
Herr Schneider sah sich den Tumult eine Weile ruhig an. Dann ließ er die flache Hand auf das Lehrerpult knallen. Totenstille. Die ganze Klasse wusste, dass sie gerade direkt vor seiner roten Linie stand und in einen Abgrund aus seitenlangen Strafaufgaben schaute.
Der Lehrer aber zeigte nur auf Lilimott und Kasimir. Irgendjemand musste geopfert werden, um Herrn Schneider für den Rest des Unterrichts gnädig zu stimmen.
»Heute siebte Stunde. Nachsitzen. Alle beide.«
Kasimir öffnete den Mund, um zu protestieren. Als ihn Herrn Schneiders eisiger Blick traf, überlegte er es sich anders.
Herr Schneider eilte nach hinten, um nach Sophia zu sehen, die sich theatralisch den Kopf hielt. Lilimott stand hilflos vor der Klasse, sie war wie erstarrt. Hatte sie das gerade wirklich getan? Was würde ihre Mutter dazu sagen?
»Lilimott! Los, setz dich wieder hin«, zischte Kasimir ihr zu.
Mechanisch ging sie zu ihrem Platz zurück und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie würde ihrer Mutter nichts davon erzählen. Nie wieder würde ihr so etwas Dummes passieren! Sie konnte nicht vergessen, wie glücklich ihre Mutter über den Aufnahmebescheid der Schule gewesen war. Sie durfte sie auf keinen Fall enttäuschen.
Herr Schneider ignorierte sie für den Rest der Stunde, aber er sah sie. Dessen war sie sich sicher, da konnte sie so tief in ihrem Stuhl versinken, wie sie wollte.
Der Morgen blieb für Lilimott so verwirrend, wie er begonnen hatte. Kasimir schien sich auf das Nachsitzen zu freuen. Klar, er machte das ja auch mindestens einmal die Woche und war froh, ausnahmsweise Gesellschaft zu haben.
Lilimott wand sich derweil unter den Blicken der anderen. Nie hatte sie sich Gedanken über ihr Aussehen oder ihre Klamotten gemacht. Warum auch, wenn sie ja sowieso keiner sah. Aber nun wurde ihr bewusst, wie sehr sie sich von den anderen unterschied. Den zu langen Hoodie hatte ihre Schwester bereits getragen und ihre billigen Stoffturnschuhe waren ausgelatscht. Sie fühlte sich wie Aschenputtel: arm und ein bisschen schmutzig. Der Gedanke ließ sie das Kinn ein wenig höher heben. Um nichts in der Welt würde sie hier das Opfer spielen! Was die Noten anging, steckte sie sowieso alle in die Tasche, selbst in Schöngefeld.
Sophia aber ließ nicht locker, den ganzen Morgen stichelte sie und übertraf sich selbst mit Kommentaren zu Lilimotts Aussehen. Stur gewöhnte Lilimott sich an das ungewollte Maß an Aufmerksamkeit. Das Spiel hatte sich für sie umgedreht: Sie blendete sich nicht mehr aus den Blicken der anderen aus – sie blendete die anderen aus ihren Gedanken aus. So einfach war das.
Oder auch nicht.
Die ganze Welt fühlte sich plötzlich anders an.
»Dass ausgerechnet du mal diese blöde Kuh mit ’nem Stift abwirfst, hätte ich nicht gedacht. Du bist immer so unerträglich brav«, sagte Kasimir, als er nach der sechsten Stunde zu ihr stieß, bereit, alle Strafarbeiten der Welt bei ihr abzuschreiben. »Schade, dass du nicht getroffen hast.«
»Herr Schneider ist noch nicht da.«
»Vielleicht hat er uns ja vergessen.«
Diese Hoffnung wurde schon im nächsten Augenblick enttäuscht. Mit Schwung schleuderte Herr Schneider seine Tasche auf den Tisch und verteilte ungewohnt gut gelaunt die Zettel mit den Aufgaben, die sie erledigen sollten.
»Sie finden Strafarbeiten total super, oder, Herr Schneider?«, fragte Kasimir und stöhnte beim Anblick der langen Liste. »Geben Sie’s zu, das ist das einzige Hobby, das Sie haben.«
»Den Eindruck habe ich von dir ebenfalls«, sagte Herr Schneider. Er wirkte deutlich entspannter als sonst. »Ich muss noch in ein Gespräch. Am Ende der Stunde komme ich zurück und sammle das ein. Was ihr nicht fertig kriegt, bekomme ich morgen.«
Und damit verschwand er wieder im Flur. Lilimott verlor keine Zeit und legte gleich mit den Aufgaben los. Kasimir hängte sich erst mal falsch herum über einen Stuhl und kippte fast damit um. »Kann ich …«
»Ja.«
»Du weißt doch gar nicht, was ich fragen will.«
»Du willst fragen, ob du bei mir abschreiben kannst. Ja. Sonst schaffst du die Aufgaben sowieso nicht, es sind zu viele für dich.«
»Cool.«
Kasimir beobachtete, wie Lilimott rechnete. »Wieso bist du so schnell?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich bin hochbegabt, sagte Frau Güler, meine Grundschullehrerin. Es hilft beim Schnellrechnen. Und bei allem anderen in der Schule. Sonst eher nicht.«
Lilimott mochte den Blick nicht, den Kasimir ihr zuwarf. Als wäre sie ein bisschen seltsam oder so.
»Was?«, fragte sie.
»Hilft nicht bei Leuten wie Sophia, was? Heute … also, was die anderen so reden … mach dir nichts draus. Ich hör mir so was jeden Tag an. Die haben keine Ahnung. Mein Bruder hat immer gesagt, man muss die Person sein, die man ist, egal, was die Leute quatschen.«
»Er hat das immer gesagt? Hat er seine Meinung geändert, weil es ihm doch nicht egal war?«
»Er ist tot.«
»Oh.«
Ein bleiernes Schweigen legte sich über den Raum. Lilimott klickerte verlegen mit ihrem Kugelschreiber.
»Möchtest du Baklava?«, fragte sie unvermittelt. Baklava helfen gegen alles, sagte Jemil immer. Bestimmt auch gegen peinliches Schweigen.
»Was ist das?«
»Türkische Süßigkeiten.«
Sie zog die Tüte mit den Resten des klebrigen Pistaziengebäcks von Jemils Frau aus ihrer Tasche und reichte sie Kasimir. Im Schulhof wurden Stimmen laut. Kasimir schob sich das Gebäck in den Mund und schaute aus dem Fenster.
»Schmeckt super, kann ich noch eins?«
Dann lachte er auf, rannte zu seiner Tasche und holte ein paar Luftballons heraus. Die schwenkte er vor Lilimotts Gesicht.
»Was hast du damit vor?«
»Wart’s ab!«
Er füllte die Ballons mit Wasser und knotete sie zu.
»Wasserbomben! Da unten versammeln sich gerade die Mädchen vom Chor. Sophia ist auch dabei.« Kasimir grinste breit und hielt Lilimott eine Wasserbombe hin. Lilimott wusste nicht, ob sie das nicht einfach nur kindisch finden sollte. »Willst du? Im Tausch gegen Baklava. Vielleicht triffst du ja dieses Mal. Verdient hat Sophia es.«
Kein Ärger mehr, flüsterte es in Lilimotts Hinterkopf. Denk an Mama.
»Sie werden gar nicht sehen, wer es war. Aber sie werden voll ausflippen, glaub mir. Das wollte ich schon ganz lange mal wieder tun.«
Lilimott schaute zögernd aus dem Fenster. Unten saßen Sophia und ihre beiden besten Freundinnen, Mila und Lea. Hier in Schöngefeld endeten fast alle Mädchennamen auf »a«.
Es war verlockend einfach, eine kleine Rache für die ganzen Gemeinheiten, aber war es das wert, dafür noch mehr Schwierigkeiten zu riskieren?
Es war so verlockend …
Und dann, plötzlich, hatte Lilimott eine der Wasserbomben in der Hand. Und dann, plötzlich, zählte Kasimir »Eins, zwei, drei!« – und dann, plötzlich, flogen die Wasserbomben, und ihre Werfer konnten gar nicht anders, als sich aus dem Fenster zu lehnen und zuzusehen, wie sie platzten und die getroffenen Mädchen pudelnass loskreischten. Als deren Blicke hochgingen, war nicht ganz klar, ob sie die beiden Angreifer wirklich gesehen hatten, die sich oben im Klassenzimmer vor Lachen kringelten.
Natürlich hatten sie das.
Es hatte gutgetan, diese Wasserbomben zu werfen, wirklich. Aber nun an der Bushaltestelle bereute Lilimott es. Sie wollte heim und allein sein. Sie war müde davon, mitten im Geschehen herumzutrudeln, ohne in den Schatten treten zu können. Sie war müde vom Ärger, mit dem sie nicht umzugehen wusste und der ihr einfach keine Atempause ließ. Kurz schloss sie die Augen, aber was half es? Sie konnte die Wirklichkeit nicht aufhalten.
In fünf Minuten kam der Bus.
Sophia, Mila und Lea stoppten ihre Fahrräder vor ihr auf dem grau gepflasterten Bürgersteig an der Haltestelle. Sophia stieg ab und machte einen Schritt auf sie zu. Ihr Hosenbein war noch ein bisschen nass, stellte Lilimott mit heimlicher Genugtuung fest.
»Du dreckiges Miststück, was hast du dir eben dabei gedacht? Dachtest du, du kommst einfach so davon?«
Wieder war Lilimotts Zunge schwer. Leuten wie ihrer Schwester – oder Kasimir – fiel immer irgendetwas ein als Erwiderung. Ihr schien, als würde bei ihr selbst das dafür zuständige Gehirnareal nutzlos im Kopf herumbaumeln. Kein Wunder, sie hatte es jahrelang nicht benutzen müssen. Scheiß drauf.
Sie sagte einfach, was ihre Schwester oft sagte: »Verpiss dich, Sophia.«
Es klang fremd und zahm aus ihrem Mund, zeigte aber Wirkung. Sophias Augen wurden zu Schlitzen, sie schnaubte wütend und ballte ihre Fäuste.
Und dann geschahen drei Dinge.
Erstens: Ein Lieferwagen näherte sich, und zwar schneller als auf dieser Straße erlaubt.
Zweitens: Irgendetwas Kleines, Pritzelndes sprang wie ein winziges Feuerwerk hinter dem Papierkorb hervor und auf Sophia zu.
Drittens: Sophia machte einen erschrockenen Satz zurück und stieß dabei ihr mintgrünes Hollandrad mit den cremefarbenen Griffen vom Bürgersteig auf die Straße.
Lilimott nahm diese Vorgänge wie eine Mathegleichung wahr, die nur ein Ergebnis haben konnte: Der Lieferwagen versuchte Sophias Fahrrad auszuweichen, rammte es leicht, kam ins Schlingern und fuhr gegen eine Laterne. Sophia schrie Lilimott an, irgendwas mit bescheuert sein, von der Schule fliegen und wegen ihr wäre ihr neues Fahrrad Schrott. Der Fahrer des Lieferwagens brüllte, er würde die Polizei rufen und ob sie komplett noch alle Tassen im Schrank hätten, einfach ein Fahrrad auf die Straße zu werfen. Lea heulte und Mila hielt Lilimott fest, Lilimott verpasste Mila einen Tritt vors Schienbein und rannte davon. Für diese Entscheidung brauchte sie nicht mal die Überlebensregeln ihrer Schwester.
Der Bus kam kurz darauf, pünktlich, aber er fuhr ohne sie ab. Fünf Minuten hatten gereicht, um einen Plan in Gang zu setzen, der bereits vor hundert Jahren geschmiedet worden war.
Im Laufen bemerkte Lilimott ein funkensprühendes Pritzeln vor ihren Füßen. Kurz dachte sie, eines der Mädchen hätte ihr einen Feuerwerkskörper hinterhergeworfen, aber der Gedanke schien ihr sofort völlig absurd. Außerdem folgte das Ding ihr, als sie ihm auswich, in eine Seitenstraße abbog und sich hinter einer Hecke versteckte, die einen kleinen Parkplatz begrenzte.
Bis zu diesem Moment hatte sie reagiert, ohne nachzudenken. Nun, als sie keuchend im Schatten der Buchsbaumhecke hockte, durchflutete Panik ihren Körper. Sie legte den Kopf auf ihre Arme. Was genau war da gerade geschehen? Und was hätte ihr, dem Gebirgskind, Schlimmeres passieren können, als dass in ihrem Beisein das Fahrrad einer Mitschülerin demoliert und dadurch ein Autounfall verursacht wurde? Niemand würde ihr glauben, dass sie damit gar nichts zu tun gehabt hatte. Vor allem, wenn Sophia allen erzählte, dass es Lilimotts Schuld gewesen wäre. Sie war doch das Problemkind, nicht wahr? Nicht integrierbar! Sie sah den Schuldirektor schon vor sich, wie er enttäuscht den Kopf schütteln, ihre Mutter, wie sie sich entschuldigen, niedergeschlagen mit Lilimott zurück ins Gebirge fahren und sie an der Schule ihrer Schwester anmelden würde …
Dann durchfuhr es Lilimott heiß: Sie müsste den Schaden bestimmt bezahlen! Dabei reichte das Geld, das ihre Mutter als Krankenschwester verdiente, schon kaum zum Leben für sie drei. Wie sollte das also gehen?
Am Auto neben ihr blinkten die Scheinwerfer kurz auf, bevor die Leuchten im Inneren mit einem »Ploff« explodierten, als hätten sie einen Kurzschluss. Lilimott zuckte zusammen und sah auf. Am anderen Ende der Hecke rauchte es und ein paar blasse Funken sprühten hinter den Blättern hervor. Als Nächstes schaute ein kleines, mausähnliches Wesen mit großen Ohren und runden Augen um die Ecke und pritzelte leise. Es schien ihr mit den Vorderpfoten zu winken. Lilimott war so verblüfft, dass sie einfach zurückwinkte. Das ermutigte das kleine Wesen, es kam näher und pritzelte etwas lauter und intensiver. Dabei wedelte es mit den Pfoten herum, als würde es mit ihr reden wollen.
»Du warst das!«, rief Lilimott aus. »Du hast Sophia so erschreckt, dass sie ihr Fahrrad auf die Straße gestoßen hat. Wegen dir ist dieser ganze blöde Mist passiert!«
Ich rede gerade mit einem lebendigen Feuerwerkskörper, schoss es Lilimott durch den Kopf. Das ist ganz und gar nicht normal.
Das Wesen aber trat von einem Füßchen auf das andere und schien sich ausgiebig zu schämen für das, was es getan hatte. Dann kam es ein bisschen näher an Lilimott heran und deutete mit seiner rechten Vorderpfote in eine bestimmte Richtung, wieder und wieder. Es wackelte mit dem Kopf, drehte sich im Kreis, schlug die Pfötchen zusammen, als wollte es sie um etwas bitten, zeigte, trippelte ein paar Schritte vorwärts, winkte ihr, zeigte wieder …
»Du willst, dass ich dir folge? Ausgerechnet dir?«
Lilimott wusste nicht, ob sie das kleine Wesen nicht einfach verscheuchen sollte, statt sich seine Pantomime weiter anzuschauen. Aber als es schließlich die Ohren anlegte und die Augen noch weiter aufriss, entschloss sie sich dagegen.
»Was bist du? Ein Roboter?«
Das Wesen pritzelte empört auf und schüttelte das kleine Köpfchen. Dann kam es vorsichtig heran und berührte sanft Lilimotts Fuß. Sie spürte ein elektrisches Prickeln, dort, wo seine Pfote lag. Und dann hörte sie eine Polizeisirene näher kommen und sprang erschrocken auf. Sie musste hier weg.
Eine ältere Dame mit Hündchen, die aus einer Einfahrt kam, stieß einen spitzen Schrei aus und rief: »Dies ist ein Privatgrundstück!«
Lilimott schaute unsicher auf das kleine Wesen, das nun umso heftiger mit den Pfoten wedelte und in eine bestimmte Richtung zeigte. Dann folgte sie dem aus dem Nichts aufgetauchten Minifeuerwerk, eine weitere Merkwürdigkeit an einem merkwürdigen Tag, der sowieso nicht mehr schlimmer werden konnte.
Das Wesen rannte zu einem schmiedeeisernen Tor am Ende der Straße und schlüpfte durch die Streben. Ratlos blieb Lilimott davor stehen. Als die pritzelnde Kugel sich auf der anderen Seite jedoch umdrehte und aufs Neue zu winken begann, kletterte sie einfach hinüber.
Wie dumm bin ich eigentlich?, dachte sie. Als wäre das alles nicht schon genug, breche ich jetzt auch noch irgendwo ein, weil – ja, warum überhaupt?
Lilimotts Verstand schien komplett aus den Angeln gehoben zu sein und irgendetwas anderem Platz gemacht zu haben. Der Punkt war: Nichts von dem hier hätte sie unter normalen Umständen getan. So war sie nicht. Sie warf nicht mit Sachen nach irgendwem. Sie kletterte nicht in fremde Gärten. Sie folgte keinen … sie hatte keine Ahnung, wem oder was sie da folgte.
Einer elektrisch aufgeladenen Maus?
Aber sie hatte auch keine Ahnung, was sie sonst tun sollte.
Was tat man, wenn man alles, aber auch alles vermasselt hatte und sich nicht mehr verstecken konnte? Das war ihr noch nie passiert. Sie war doch die, der immer alles gelang. Die sich anpasste.
Sie schaute auf die elektrische Maus. Sie hatte noch nie ein vergleichbares Wesen gesehen oder darüber gelesen, dennoch fühlte es sich an, als wäre sie ihr schon einmal begegnet. »Warum bin ich dir nur gefolgt?«
Genau genommen wusste Lilimott die Antwort. Weil sie froh war, dass ihr jemand die Entscheidung über das, was als Nächstes passierte, abgenommen hatte. Auch wenn dieser Jemand eine elektrische Maus war.
Sie stand in einem Park. Er schien verlassen, es gab keine Hunde, keine Kameras – wie sonst überall in Schöngefeld –, zumindest sah es nicht danach aus. Er sah überhaupt nicht aus wie irgendwas aus diesem Viertel. Ein gepflasterter Weg lag vor ihr, gemasert durch Unkraut, das sich in jeder Lücke breitmachte. Er war gesäumt von Bäumen, durch deren Kronen nur vereinzelt winzige Flecken von Sonnenlicht drangen. Die elektrische Maus deutete den Weg hinunter und lief los. Lilimott folgte ihr zögernd. Immer wieder schaute sie nach rechts und links zwischen den Baumstämmen hindurch. Der Park war heruntergekommen, das Gras auf der Wiese ungemäht, die Büsche unförmig wild gewachsen, wie man es in Schöngefeld absolut nicht mochte. Und noch etwas war seltsam. Das Licht. Es war anders. Die Schatten schienen dunkler, das Sonnenlicht flirrender.
»Das bildest du dir ein«, sagte Lilimott laut zu sich selbst. Und irgendwie beruhigte es sie, ihre eigene Stimme zu hören, während sie den grün überwölbten Weg entlangstolperte.
Er führte zu einem runden, ebenfalls von Bäumen gesäumten Platz, in dessen Mitte ein von Moos durchzogenes, verblichenes Mosaik im Boden eingelassen war. Es zeigte Mond und Sterne auf der einen und den Strahlenkranz der Sonne auf der anderen Seite.
Hier bog die elektrische Maus auf die Wiese ab, an deren hinterem Rand auf einem verwitterten Sockel eine moosüberzogene Statue stand, als hätte sie jemand dort vergessen. Eine Figur mit menschlichem Oberkörper, Ziegenfüßen und einer Flöte in den versteinerten Händen. Im Gras davor, das an vielen Stellen verkohlt war, winkte und pritzelte die elektrische Maus.
Lilimott trat näher und betrachtete die Statue.
Sie hatte das Gesicht eines alten, nicht besonders gut gelaunten Mannes, gleichwohl der Körper jung schien. Hörner wuchsen aus dem steinernen Haar, der gelockte Bart war grün vom Moos, die Ohren spitz zulaufend. Die Augen standen weit auseinander und wirkten wacher, als Lilimott es bei einer Steinfigur erwartet hätte.
Mit einem leisen Aufschrei wich sie zurück.
Die leeren Steinaugen lebten. Mit einem Mal rieselte Staub aus dem starren Gesicht, der Unterkiefer bewegte sich knirschend hin und her, so, als müsste er gelockert werden, dann öffnete sich der Mund weit, nur um sich gleich darauf mit einem bröselnden Geräusch zu einem breiten, beunruhigenden Lächeln zu verziehen. Ein Riss tat sich auf am Hals der Statue.
»Da bist du ja endlich«, sagte sie. »Ich habe auf dich gewartet.«
Eine sprechende Statue. Na klar. Der ganze Tag war ein einziger Albtraum, aus dem Lilimott hoffentlich bald erwachen würde. Sie schloss fest die Augen und hoffte, wenn sie sie wieder öffnen würde, wäre sie einfach woanders. An einem normalen Ort mit normalen Leuten. Bei Jemil und Ahmed im Bus. Zu Hause. Auf der verrosteten Schaukel vor dem Gebirge mit ihrer Schwester.
Ein Kribbeln an ihrem Fuß holte sie in die Wirklichkeit zurück. Es war die elektrische Maus, die ihre kleine Pfote vorsichtig auf Lilimotts Schuh gelegt hatte. Dort war nun ein dunkler Fleck.
Die Statue räusperte sich. Ihr Gesicht schien nun beweglicher, wenngleich es immer noch so graugrün war wie der Rest ihrer Erscheinung.
»Ich bin Farandun, Herrscher über die Tagholde, Geister der Lichtzeiten und Hirten der Wildnis. Ich bin hocherfreut, dass wir uns endlich begegnen«, sagte die Statue mit einer Stimme wie die eines Grippekranken, im Tonfall jedoch hochoffiziell und feierlich. Hätte es sich bei dem Sprecher nicht um eine Steinfigur gehandelt, hätte er vermutlich ausladende Gesten mit der Hand gemacht.
Die elektrische Maus tippte zweimal auf Lilimotts Schuh.
»Äh, ja …«, beeilte diese sich zu antworten, was scheinbar nicht reichte, denn die Maus tippte nun deutlich energischer auf ihrer Schuhspitze herum, was das elektrische Kribbeln unangenehm verstärkte.
»Ich … ich bin auch erfreut.«
Tipp, tipp, tipp, pritzel.
Meine Güte, was sollte sie denn sagen?
»Ich … ich bin Lilimott … Förster. Schülerin.«
Hilfe suchend sah Lilimott auf die aufgeregte elektrische Maus. Die zog ihre Pfote zurück und war zufrieden.
