Daniel & Kevin: Love and Protect - Andy D. Thomas - E-Book

Daniel & Kevin: Love and Protect E-Book

Andy D. Thomas

4,0

Beschreibung

Daniel Peters arbeitet bereits über zehn Jahre beim San Francisco Police Department, als er eines späten Freitagabends zufällig auf den achtzehnjährigen Kevin Sailor trifft, der niedergeschlagen und nur mit ein paar Habseligkeiten bepackt gerade ein Kontaktverbot gegen seine eigenen Eltern erwirkt hat. Da eine Kollegin von seiner privaten Stiftung, der "Jasper's Rainbow Foundation" für unschuldig in Not geratene homosexuelle Jugendliche weiß, informiert sie Daniel kurz vor Dienstschluss über Kevins Notlage. Spontan bietet Daniel Kevin ein Dach über dem Kopf an, nicht ahnend, dass er sich bereits nach kurzer Zeit Hals über Kopf in den jungen Kerl verlieben würde. Anfangs wehrt Daniel sich noch mit aller Macht gegen seine Gefühle. Doch sein Vorsatz, niemals etwas mit einem seiner Schützlinge anzufangen, gerät ins Wanken. Als Kevin schließlich den ersten Schritt macht, stürzen beide in eine turbulente Beziehung, die schon bald auf die Probe gestellt wird.

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Daniel & Kevin

Love and Protect

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2019

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: © Jeff Palmer

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-318-9

ISBN 978-3-96089-319-6 (epub)

Danksagung

Herzlichen Dank an Ines für ihren unermüdlichen Input und ihre Begeisterung bei diesem Projekt und natürlich wie immer an J.H., der mich bei allem mit seiner Liebe unterstützt.

Thank you, Jeff, for working with me again.

Inhalt:

Daniel Peters arbeitet bereits über zehn Jahre beim San Francisco Police Department, als er eines späten Freitagabends zufällig auf den achtzehnjährigen Kevin Sailor trifft, der niedergeschlagen und nur mit ein paar Habseligkeiten bepackt gerade ein Kontaktverbot gegen seine eigenen Eltern erwirkt hat. Da eine Kollegin von seiner privaten Stiftung, der Jasper’s Rainbow Foundation für unschuldig in Not geratene homosexuelle Jugendliche weiß, informiert sie Daniel kurz vor Dienstschluss über Kevins Notlage. Spontan bietet Daniel Kevin ein Dach über dem Kopf an, nicht ahnend, dass er sich bereits nach kurzer Zeit Hals über Kopf in den jungen Kerl verlieben würde.

Weihnachten im Frühling

Es war Freitag und bereits nach 22 Uhr, als Daniel Peters Feierabend machen wollte und ihn eine Kollegin gerade noch an der Tür des Police Departments erwischte.

„Daniel?“

Er drehte sich mit einer unguten Vorahnung um, als er Susans dringenden Unterton bemerkte. „Ja?“

„Ich weiß, du hast eigentlich Feierabend, aber hast du trotzdem kurz ’ne Minute für mich?“

„Klar.“ Er ließ die Tür los und kam zurück zu ihr.

Sie streckte den Kopf kurz in ihr Büro und sprach mit jemandem dort drinnen. „Einen Moment, ja? Bin gleich wieder da.“ Dann zog sie die Tür zu und ging mit ihm ein paar Schritte beiseite.

„Gibt’s Probleme da drin?“

„Nein, eigentlich nicht. Ein junger Mann, der gerade ein Kontaktverbot erwirkt hat, aber …“

„Gegen wen?“

„Gegen seine Eltern.“

Daniel zog die Augenbrauen hoch. „Wie alt?“

„Volljährig.“

„Volljährig?“

„Ja, aber er wohnt wohl noch daheim.“

„Ich versteh nicht ganz, wie ich helfen kann …“

Susan presste kurz die Lippen aufeinander. „Er hat gesagt, er hat Angst, dass sein Vater seine Aggressionen beim nächsten Mal gegen ihn richtet.“

„Beim nächsten Mal? Wie heißt er?“

„Kevin Sailor.“

Daniels Augen wurden schmal. „Sailor?“

„Mhmm … Du wirst es nicht glauben, aber Brad Sailor ist sein Vater.“

„Der, der regelmäßig seine Frau verprügelt? Die dann …“ Er seufzte und beendete den Satz nicht; doch das übernahm Susan für ihn.

„… Anzeige erstattet und sie kurz darauf wieder zurückzieht. Ja, genau der. Allein dieses Jahr satte drei Mal.“

„Scheiße.“

„Was mir Sorgen macht, ist, dass er mir vor der Unterzeichnung reichlich aufgelöst gestanden hat, dass er sich wohl am liebsten outen würde, seine Eltern davon aber nichts wissen und er offenbar keine Ahnung hat, wo er bleiben soll. Es gibt wohl keine Verwandten in der Stadt. Es steckt also auch noch ein wenig mehr dahinter als der ewige Zwist seiner Eltern.“ Sie sah ihn vielsagend an. „Du hast nicht zufällig ein Zimmer frei?“ Susan spielte auf seine kleine, aber sehr exquisite Stiftung an, die er zu Hause nebenbei leitete.

„Nein, ich bin voll. Ich könnte ihm nur ein Gästezimmer anbieten, bis wir eine bessere Lösung finden. Nicht ideal, aber ich hab viel Platz. Und er wäre erst einmal in Sicherheit.“

„Möchtest du mit ihm sprechen?“

Daniel nickte und zückte sein Telefon. Kurz darauf hatte er seinen Freund und Kollegen Mario Leonardo am anderen Ende.

„Soll ich schon was für dich bestellen?“, fragte der ohne Begrüßung.

Eigentlich hatten sie geplant, sich noch bei Sean’s zu treffen, auch wenn es schon spät war. Die Bar war bei den Cops sehr beliebt, vor allem, weil es dort auch rund um die Uhr etwas zu essen gab.

Daniel brachte Mario kurz auf den neuesten Stand. „Warte lieber nicht auf mich. Sollte dieser Kevin auf mein Angebot eingehen, fahr ich mit ihm nach Hause. Zur Not hol ich mir irgendwo noch einen Burger. Vermutlich hat der Junge eh noch nichts gegessen. Braucht ganz schön Eier, gegen seine eigenen Eltern ein Kontaktverbot zu erwirken, außerdem ist es todtraurig.“

„Klingt ziemlich übel. Hoffentlich kannst du ihn überzeugen, erstmal mitzukommen. Viel Glück.“

„Danke. Ich ruf dich an.“ Das Wochenende war endlich einmal frei, nachdem sie einen komplizierten Fall zu Ende gebracht hatten und den ganzen Tag über mit nichts anderem als Schreibkram beschäftigt gewesen waren.

„Bis dann.“

Daniel steckte das Handy weg. Mit seiner Lederjacke in der Hand klopfte er an und trat dann in Susans Büro. Sein Blick fiel auf den jungen Mann, der völlig entnervt auf dem Stuhl vor Susans Schreibtisch saß. Er war groß, schlank und wirkte sehr gepflegt, wenn seine schwarzen Haare auch so aussahen, als wäre er gerade aus dem Bett gekrochen. Wären da nicht die tiefen Ringe unter den Augen und die Sorgenfalten gewesen, hätte er vermutlich ziemlich attraktiv ausgesehen.

Es entging Daniel nicht, dass Kevin etwas besorgt dreinsah, da sein Schulterhalfter ihn deutlich als einen weiteren Polizisten auszeichnete, auch wenn er zivile Kleidung trug. Vermutlich dachte er: Zwei Bullen, nur weil ich nicht will, dass mich meine Eltern kontaktieren?

„Keine Sorge, Sie haben nichts zu befürchten“, sagte Susan sogleich beschwichtigend, als Kevin die Arme schützend vor der Brust verschränkte. Mit unsicherem Blick sah er zu Daniel auf.

„Hallo … Sir“, nuschelte er.

„Hi, Mr. Sailor. Officer Melrose hat mir kurz berichtet, dass Sie ein Kontaktverbot erwirkt haben und im Moment nicht wissen, wo Sie hinsollen.“

Kevin stand auf. „Is’ ja nicht Ihr Problem, ich komm schon irgendwo unter …“

„Kevin, hören Sie sich wenigstens an, was für einen Vorschlag Detective Peters hat, hm? Ich lass Sie beide mal kurz alleine.“ Mit diesen Worten ging sie zur Tür und verschwand.

Daniel hängte seine Jacke über Susans Bürostuhllehne und setzte sich dann. Es entging ihm nicht, dass Kevin ihn verstohlen musterte. Zumindest war er noch nicht getürmt.

„Bitte setzen Sie sich doch nochmal, Mr. Sailor. Was ich mit Ihnen besprechen will, hat rein gar nichts mit meiner Polizeiarbeit zu tun. Ich will Ihnen nur meine Hilfe anbieten.“

Der junge Mann schien augenblicklich etwas erleichtert, denn er sagte: „Kevin. Bitte sagen Sie Kevin. Der Nachname bringt mich nämlich zum Kotzen.“

„Gerne.“ Daniel sah ihn freundlich an und langsam sank Kevin wieder auf den Stuhl vorm Schreibtisch. „Officer Melrose meinte, Sie wissen nicht, wo Sie heute Nacht bleiben können, stimmt das?“

„Mhmm. Ich hab bislang immer bei Bekannten in ’ner WG übernachtet, weil einer der Bewohner ’n halbes Jahr in Australien war, aber der kam vor ein paar Tagen zurück und hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich mich verpissen soll. Also hab ich meine Sachen gepackt und bin raus.“

„Haben Sie da richtig gewohnt?“

Kevin schüttelte den Kopf. „Nein, eher mal gecrasht, wenn es zu Hause wieder schlimmer wurde.“

„Verstehe.“

„Officer Melrose hat angedeutet, Sie könnten mir vielleicht helfen, ein Zimmer für die Nacht zu finden. Ich glaube, sie irrt sich, denn ich hab nicht viel Geld. Grad mal 15 Dollar.“

„Ich hoffe, ich kann weiterhelfen, ja.“

„Um diese Uhrzeit?“

„Officer Melrose hat gehofft, dass bei mir noch ein WG-Zimmer frei ist, aber …“

„Sie wohnen auch in ’ner WG?“, platzte es aus Kevin heraus. „Sorry, ich wollte Sie nicht unterbrechen. Ich, äh, ich bin nur ziemlich durch den Wind. Es tut mir leid.“

„Schon gut. Und zu Ihrer Frage: Nein, ich wohne nicht in einer WG, aber ich besitze ein sehr großes Haus. Eine Hälfte wird von jungen Leuten bewohnt, die alle mal in einer ähnlichen Situation waren, wie Sie gerade sind. Ich leite nebenbei die Jasper’s Rainbow Foundation für, wie soll ich sagen, für unschuldig in Not geratene Jugendliche, vorzugsweise solange sie noch zur Schule gehen. Schon mal gehört?“

„Ah, okay. Cool. Nein, davon hab ich noch nix gehört. Und Sie haben ein Zimmer frei? Das is’n Ding“, murmelte er und ein kurzes Glimmen erschien in Kevins Augen, bis Daniel den Kopf schüttelte.

„Leider nein. Es ist im Moment nichts frei.“

„Wär auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.“ Kevin ließ den Kopf hängen.

„Aber wie gesagt, es ist ein großes Haus und ich kann Ihnen zumindest ein Dach über dem Kopf anbieten. Es ist nicht ideal, aber ich habe zusätzlich noch drei Gästezimmer mit eigenem Bad. Also wenn Sie wollen, können Sie fürs Erste gerne mitkommen.“

Kevin sah ihn entgeistert an. „Im Ernst?“

„Im Ernst. Auch wenn das wirklich eher eine Ausnahme ist.“

Kevin schluckte. „Wieso tun Sie das?“

„Was? Ihnen ein Dach über dem Kopf anbieten?“

Kevin nickte.

„Der Name Brad Sailor ist mir durchaus ein Begriff.“

Kevin biss sich auf die Lippe und nickte vage.

„Es war Zufall, dass Sie an Officer Melrose geraten sind, die von meiner Stiftung weiß.“

„Dann war’s wohl Schicksal.“

Daniel merkte, dass er mit den Tränen kämpfte. „Officer Melrose meinte, Sie hätten Angst vor Ihrem Vater?“

„Mhmm.“

„Hat Ihr Vater Sie jemals angegriffen?“

„Beim letzten Mal, als ich dazwischengehen wollte, als er …“ Er brach ab und hob ein paar Strähnen an seiner Stirn.

Daniel sah einen frischen Cut und zog die Augenbrauen hoch. „Wann war das?“

„Gestern.“ Er ließ wieder den Kopf hängen.

„Haben Sie Anzeige erstattet?“, fragte Daniel behutsam, doch er kannte die Antwort im Voraus.

Kevin schüttelte den Kopf. „Seitdem hab ich sie fast auf Knien angefleht, ihn zu verlassen. Wieder mal.“

„Wen? Ihre Mutter?“

„Mhmm.“ Eine kleine Pause, dann: „Ich kann nicht mehr.“ Kevins Stimme brach und eine Träne tropfte auf seine schwarze Jeans. Dann wischte er sich mit einer unwirschen Bewegung das Gesicht ab und sah auf. „Ich will nicht so enden wie sie! Ich pack das nicht mehr.“

„Kann ich gut verstehen und, so traurig es ist, ich zieh wirklich den Hut vor Ihnen.“

„Auch wenn ich mir immer noch nicht hundertprozentig sicher bin, ob es richtig ist, was ich grad gemacht hab.“

„Irgendwann ist immer mal der Punkt erreicht, wann man handeln muss. Ich denke, Sie haben richtig gehandelt“, erwiderte Daniel. „Heißt das, Sie wollen mitkommen?“

„Wenn das geht?“, nuschelte er.

Daniel lächelte erleichtert. „Na dann …“ Er stand auf und streckte Kevin die Hand hin. „… ich bin Daniel.“

Als sie sich die Hand gaben, trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment und Daniel tauchte ein in zwei dunkelgraue Augen, die schon viel Leid gesehen hatten. Aber er sah auch einen Kämpfer hinter all dem Leid. Es gefiel ihm.

„Ich bin Kev.“

„Hast du irgendwelche persönlichen Sachen dabei?“

Kevin nickte zu zwei großen Taschen, die weiter hinten standen. „Da ist alles drin, was mir auf die Schnelle einfiel.“

„Wenn du noch was brauchst, können wir einen Kollegen bitten, dich zu begleiten. Dann kannst du holen, was du noch brauchst.“

Kevin verzog das Gesicht. „Erstmal nicht. Danke. Ein Dach über dem Kopf ist mir jetzt tausendmal wichtiger.“ Er lächelte zum ersten Mal zaghaft.

Daniel öffnete die Tür und nickte Susan zu. „Wir sind fertig.“

„Haben Sie Detective Peters Angebot angenommen?“

Kevin nickte.

„Oh, wie schön!“ Man sah ihr die Erleichterung an. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und hob ein Blatt Papier auf. „Vergessen Sie das nicht.“ Es war sein Exemplar des Kontaktverbots. „Spätestens morgen Früh wissen Ihre Eltern Bescheid.“

Kevin nahm das Dokument, faltete es und steckte es ein.

„Für wie lange?“, fragte Daniel.

„Ein Jahr“, erwiderte Susan.

„Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommt“, murmelte Kevin. „Und es bricht mir trotzdem das Herz“, schickte er fast tonlos hinterher.

„Kevin, Sie haben alles getan, was sie konnten; haben Ihre Mutter allein dieses Jahr bereits dreimal hierher begleitet. Mehr kann man wirklich nicht erwarten“, sagte Susan.

Kevin seufzte. „Dreimal und wir haben gerade mal März. Letztes Jahr waren es bis Dezember dreimal.“

„Eltern sollten in erster Linie für ihre Kinder da sein, nicht umgekehrt. Vor allem, wenn sie noch jung sind.“ Sie streckte ihm die Hand hin und Kevin nahm sie. „Passen Sie auf sich auf.“

„Danke Ma’am.“

Daniel hatte eine der beiden Taschen genommen. „Geh’n wir. Schönen Abend, Susan. Ich hoff, der Rest der Nacht bleibt ruhig.“

„Träum weiter.“ Sie rollte mit den Augen, als draußen ein randalierender Betrunkener hereingebracht wurde.

Daniel wartete noch einen Moment, bis sie vorbei waren, dann ging er mit Kevin nach draußen.

„Mein Wagen steht da vorne.“

„Das heißt, ich darf jetzt mal, ohne was angestellt zu haben, in einem Streifenwagen mitfahren?“

„Sorry, Zivilfahrzeug. Bin ja Detective.“

„Ah, verstehe. Egal.“

Wenig später luden sie die Taschen in den Kofferraum von Daniels Wagen.

„Oh Mann, ist das ein Carbon 7?“

Daniel war froh, dass Kevin offenbar für den Moment an etwas anderes denken konnte. „Jep.“

Sie stiegen ein und Daniel fuhr los.

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich hab zuletzt heute Mittag was gegessen und hab einen Bärenhunger.“

„Ich hab nur ein paar Mäuse an mir.“

„Das war nicht die Frage.“

„Oh, hm, ich hab heute noch gar nichts gegessen“, gestand Kevin. „Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich was runterbekomme.“

„Ich mach dir einen Vorschlag: Ich bestell ein paar Burger, dann holen wir die ab und essen bei mir.“

„Okay.“

Daniel rief über seine Freisprechanlage bei Granny’s Diner an, der nicht weit von seinem Zuhause entfernt war, und gab eine Bestellung auf.

Zwanzig Minuten später parkte er vor dem Diner, sprang aus dem Wagen und kam kurz darauf mit einer großen Papiertüte wieder.

„Riechen tut’s saugut“, bemerkte Kevin.

„Und schmecken tut’s noch besser, glaub mir. Wir sind gleich da.“

Keine zwei Minuten später bog Daniel in eine Einfahrt, die nach wenigen Metern vor einem eisernen Gate endete. Er öffnete es mit einer Fernbedienung und während das Tor zur Seite glitt, fiel Kevins Blick auf das dezente Schild mit der Aufschrift „Jasper’s Rainbow Foundation“. Dann rollten sie hindurch und das Tor schloss sich wieder.

Kevin rieb sich die Augen, als sie durch einen fast parkähnlichen Garten fuhren. Viel konnte er zwar trotz vereinzelter Spots wegen der Dunkelheit nicht erkennen, aber das Haus befand sich gut hundert Meter weiter hinten. Was hieß schon Haus? Das hier war eine Villa im viktorianischen Stil. Hammer!

„Heilige Scheiße, hier wohnst du?“, platzte es wieder aus ihm heraus.

„Mhmm.“

Hundebellen ertönte und Kevin verstummte.

„Ja, ja, is’ ja schon gut“, murmelte Daniel und hielt vor der Garage, die sich ebenfalls in diesem Moment öffnete. „Hast du Angst vor Hunden?“

„Äh, normalerweise nicht, aber …“ Er reckte den Hals und versuchte, einen Blick zu erhaschen.

„Keine Sorge. Es sind zwar Wachhunde, aber solange du beim ersten Mal mit mir auftauchst, besteht keine Gefahr für dich. Bleib trotzdem kurz sitzen.“

„Mhmm.“

Daniel stieg aus und gab zwei kurze Kommandos, die wie Aus und Sitz klangen. Dann wurde seine Tür geöffnet.

„Was war denn das für ’ne Sprache?“

„Deutsch. Komm, ich möchte dich vorstellen.“

Kevin war trotz allem etwas mulmig zumute, als er aus dem Wagen stieg, aber er stellte sich der Herausforderung. Vor der Garage saßen zwei prachtvolle Deutsche Schäferhunde, die im Moment nur Augen für Daniel hatten.

„Das hier …“ Daniel zeigte auf den rechten. „… ist Elvis und das hier ist Max. Es sind unsere Wachhunde, aber für unsere Bewohner auch ganz normale Kumpel. Sie befolgen allerdings nur deutsche Befehle. Aus heißt so viel wie halt die Klappe oder gib den Ball her und Sitz heißt setz dich hin. Sie haben es verstanden, wie man sieht. Darf ich vorstellen? Das ist Kevin. Seid nett zu ihm. Kevin, lass Elvis an deiner Hand schnuppern. Vertrau mir.“

Kevin tat, wie ihm geheißen, und der Hund berührte sofort mit seiner kalten Nase seine Hand. Dann winselte er leise und leckte kurz darüber.

„Brav. Das heißt gutgemacht“, übersetzte Daniel für ihn. „Nun Max.“

Die Prozedur wiederholte sich.

„Sieht so aus, als wärest du okay“, witzelte Daniel. „Ab ihr zwei, macht euren Job!“

Und obwohl Daniel dieses Mal wieder Englisch gesprochen hatte, stoben die beiden wieder hinaus in den dunklen Garten.

„Puh“, machte Kevin. „Glück gehabt, was?“

„Sieht so aus.“

„Die verstehen aber nicht nur Deutsch?“

„Nein, natürlich nicht. Aber bei der Arbeit schon.“

Daniel fischte die Burger-Tüte vom Rücksitz und während sich das Garagentor schloss, ging er zu einer Verbindungstür, die von der Garage anscheinend direkt ins Haus führte.

Kurz darauf sperrte Daniel auf und ließ ihn ein.

Wenig später betraten sie Daniels Wohnräume.

„Mein kleiner sehr privater Zugang“, sagte Daniel und stellte Kevins Tasche ab.

Kevin tat es ihm gleich und ließ seinen Blick erstaunt durch die geräumige, moderne Küche mit der großen separaten Kochinsel gleiten. An der Insel, etwa mittig verbunden, befand sich ein erhöhter Tisch mit vier Barhockern.

„Wow!“

„Wollen wir erst essen? Danach zeig ich dir alles. Sonst wird es nur kalt und das wäre wirklich ein Jammer.“ Daniel stellte die Tüte auf den Tisch und begann sie auszupacken, während Kevin seine Jacke auszog und über seine Tasche legte. „Sieh mal im Kühlschrank nach, was du trinken möchtest. Nimm dir, was du magst. Ich räum nur meine Waffe weg.“

„Okay.“ Er sah Daniel nach, der in den Tiefen der Räume verschwand und kurz darauf ohne sein Schulterhalfter wiederkam.

Wenig später saßen sie sich auf zwei Barhockern gegenüber und auch, wenn Kevin bis vor ein paar Minuten davon überzeugt war, nichts hinunterzubekommen, so langte er nun doch zu. Der Burger war riesig und gut belegt mit viel Fleisch, Salat, Tomaten, Käse und knusprig gebratenem Speck. Und er duftete einfach zum Reinbeißen. Daniel hatte vier Stück bestellt, dazu Pommes und den besten Krautsalat, den Kevin je probiert hatte.

Nach dem ersten Burger fand er seine Sprache wieder. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Cop, äh, ein …“

„Schon gut.“

„… so wohnt. Wie um alles in der Welt kannst du dir das leisten? Mir ist grad ein wenig mulmig. Dachte immer Cops, äh, Polizeibeamte verdienen jetzt nicht gerade so toll …“

„Tun sie auch nicht.“

„Hast du im Lotto gewonnen?“

„Nein. Aber sowas Ähnliches. Keine Sorge, hier geht alles mit rechten Dingen zu. Ich habe das hier alles lediglich geerbt.“

„Ah“, machte Kevin und wurde ein wenig verlegen. „Geerbt heißt aber, dass, äh, dass … ach Scheiße …“ Er brach ab, da er das Gefühl hatte, keine einfühlsamen Worte für das zu finden, was er sagen wollte.

„Lass uns erst fertig essen, dann erzähl ich es dir, okay?“

Kevin befürchtete, dass Daniel vermutlich sonst vielleicht der Appetit vergehen könnte, und nickte hastig.

„Nur zu.“ Daniel deutete auf den vierten Burger, während er seinen zweiten bereits in Arbeit hatte und einen herzhaften Bissen nahm.

Kevin ließ sich das nicht zweimal sagen. Erst jetzt bemerkte er, was für einen Bärenhunger er eigentlich hatte. Während sie schweigend weiteraßen, musterte Kevin Daniel verstohlen. Er hatte wirklich schöne Hände, fiel ihm auf. Und der Rest, der dranhing, war auch nicht ohne. Blonde Haare, kurzer Cop-Haarschnitt, energisches Kinn, blaue Augen und die ersten Lachfältchen in einem ansonsten sonnengebräunten Gesicht, das davon zeugte, dass Daniel offenbar viel Zeit draußen verbrachte. Kevin schätzte ihn auf dreißig. Sie waren ungefähr gleich groß, Daniel war vielleicht ein paar Zentimeter größer, aber mehr auch nicht. Durchtrainiert. Und dieser gutaussehende Typ hatte ihm tatsächlich ein Dach über dem Kopf angeboten? Nicht zu fassen! Sollte er ab jetzt endlich mal Glück haben?

Schließlich hatten sie alles aufgegessen. Lediglich ein bisschen Krautsalat war noch da, den Daniel letztendlich, als keiner von ihnen mehr konnte, in den Kühlschrank stellte. Er räumte ab, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich wieder zu Kevin.

„Erst meine Story oder erst umschauen?“

Kevin hatte das Gefühl, als könnte er sich nach dieser Völlerei eh nicht mehr rühren und sagte daher: „Erst Story.“

„Okay.“ Sie stießen mit Bier und Cola an und nachdem jeder einen Schluck genommen hatte, räusperte sich Daniel.

Kevin sah, dass ein Schatten über sein Gesicht glitt.

„Das hier war eigentlich das Haus meiner Eltern.“

„Ich würd das eher Villa nennen …“, bemerkte Kevin und ärgerte sich sogleich, weil er Daniel schon wieder ins Wort fiel. Er musste dringend daran arbeiten, diese blöde Angewohnheit abzustellen. Dieser Typ hatte ihm gerade ein Dach über dem Kopf gegeben und er wollte ihn auf gar keinen Fall verärgern.

„Mhmm. Sie haben diese Stiftung vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen. Damals wurde mein Cousin Jasper so lange in der Schule gemobbt, weil man ihn dabei erwischte, wie er einen anderen Jungen küsste, bis er sich mit vierzehn das Leben nahm.“

„Oh mein Gott …“

„Daraufhin hat meine Mutter zusammen mit ihrer Schwester Stephanie, also Jaspers Mutter, diese Stiftung ins Leben gerufen.“

Kevin schwieg und war froh, dass sie schon gegessen hatten.

„Vor zwei Jahren kamen meine Eltern bei einem Autounfall auf Hawaii ums Leben. Ich hab fast ein Jahr gebraucht, bis ich mich von dem Schock erholt habe, aber nun führe ich die Stiftung weiter. Zusammen mit meiner Tante Stephanie, die im Westflügel der Villa wohnt und sowas wie die gute Seele hier ist.“

„Oh Mann“, murmelte Kevin. „Das ist echt harter Tobak.“

„Mhmm. War nicht leicht und anfangs dachte ich, ich kann das nicht. Aber inzwischen hab ich gemerkt, ich kann das sehr wohl. Und ich bin froh, dass ich die Stiftung weiterführe.“

Kevin sah sich um.

„Frag ruhig. Lieber raus damit, egal was es ist“, ermunterte ihn Daniel.

„Ich hab ja noch nicht so viel gesehen, aber wenn du das alles hier geerbt hast, dann musst du doch sicher nicht mehr als Cop arbeiten, oder?“

Jetzt war es Daniel, der einen Moment schwieg, bevor er antwortete. „Stimmt. Aber, um ehrlich zu sein, musste ich erst einmal so weitermachen wie bisher. Ich hab lange Zeit nur funktioniert, denn meine Eltern waren immer meine Stütze. Es kann allerdings gut sein, dass ich meinen Job in der Tat irgendwann an den Nagel hänge und etwas ganz anderes mache.“

„Du willst trotzdem weiter arbeiten gehen, obwohl du es vermutlich gar nicht müsstest?“

„Kommt immer drauf an. Wie du schon gesagt hast, verdient man als Cop nicht so besonders und nach geregelten Arbeitszeiten fragt auch kein Mensch. Ich mach das jetzt über zehn Jahre und würde es vielleicht auch noch weitermachen, wenn mich nicht ein Freund gefragt hätte, ob ich bei ihm einsteigen möchte. Und zwar als Trainer für Selbstverteidigungskurse und gleichzeitig Teilhaber eines ebensolchen Studios.“

„Cool.“

„Mhmm. Das wär wirklich mein Ding, da ich solche Sachen auch regelmäßig mit meinen Schützlingen hier mache. Das also beruflich zu tun, wäre für mich durchaus interessant.“

„Könntest du mir auch was zeigen? Ich bin da wirklich ’ne Niete drin.“

„Klar.“

„Hm. Abgefahren.“

„Aber bevor es dazu kommt und bevor ich dir überhaupt ein Gästezimmer zeigen kann, muss ich dich noch eine Sache fragen.“

Kevin sah auf.

„Aus besagtem Grund haben die Bewohner im ersten Stock des Ostflügels alle mehr oder weniger einen LGBT Background. Hast du ein Problem damit? Und bitte gib mir eine ehrliche Antwort. Eine Lüge kommt früher oder später raus. Solltest du also damit ein Problem haben, fahr ich dich lieber in ein Motel und zahle ein Zimmer für ein oder zwei Nächte. Danach überlegen wir uns eine andere Lösung für dich.“

„Verstehe. Nein, ich hab damit überhaupt kein Problem. Wirklich“, beteuerte er.

„Die Bewohner meiner WG genießen bei mir großen Schutz. Derzeit wohnen drei junge Männer und zwei junge Frauen hier. Genau darauf ist meine Stiftung ausgerichtet.“

Kevin schnaubte. Das war wirklich zu verrückt. „Hör zu.“ Er beugte sich vor und senkte die Stimme, obwohl außer ihm und Daniel niemand anwesend war. „Am liebsten hätte ich mich schon vor Jahren, äh, ich …“ Er stockte, sah in eine Ecke und dann zurück zu Daniel. „Ich hoffe, dass das, was ich jetzt sage, auch wirklich erstmal unter uns bleibt?“

„Selbstverständlich.“

„Ich, äh, hätte mich nie getraut, mich zu Hause zu outen, aber ich weiß es schon seit ich, was weiß ich, zwölf war … Genau deshalb hab ich ja zu Officer Melrose gesagt, dass ich langsam Schiss vor meinem Vater habe. Der weiß das bislang nicht, aber sollte er es rausfinden, dann …“ Er brach erneut ab. „Bis gestern hätte ich nie gedacht, dass ich auch was abbekäme. Nie“, fügte er dann hinzu. „Genau das hab ich auch zu Officer Melrose gesagt, und dass meine Eltern bislang keine Ahnung haben. Hat sie das nicht erwähnt?“, wollte er dann wissen.

„Doch, sie hat sowas erwähnt, aber ich wollte es gerne aus deinem Mund hören. Du wirst also genug Gelegenheiten haben, dich mit den anderen darüber auszutauschen.“

Kevin sah ihm direkt in die Augen und fragte geradeheraus: „Nur mit den anderen, oder auch mit dir?“

Daniel sah ihn mit einem verwirrten Blick an.

„Ich meine, äh, bist du, bist du … auch, äh, schwul? Oder machst du das hier nur, weil …“ Er beendete den Satz nicht.

Daniel sah ihn ein paar Sekunden schweigend an, bevor er antwortete. „Das ist zwar eine ganz schön private Frage und tut eigentlich nicht wirklich was zur Sache, aber ich bin immer dafür, mit offenen Karten zu spielen. Ich kann deine Frage mit einem Ja beantworten.“

Kevin riss die Augen auf. „Ein schwuler Cop?“

Daniel hob die Hände. „Meine sexuellen Präferenzen stehen jetzt nicht explizit in meiner Akte, aber ich bin mir sicher, ich bin nicht der Einzige.“

„Sorry, das war wieder völlig taktlos von mir“, murmelte Kevin und sah auf die Tischplatte.

„Schon gut. Mir ist nur wichtig, dass es hier keine Missverständnisse gibt.“

Er war erleichtert, dass Daniel es ihm offenbar nicht übelnahm, und war froh, als er das Thema wechselte.

„Wie lange musst du noch zur Schule?“

„Dieses und nächstes Jahr. Ich geh auf ein Privat-College. Aber mein Vater hat mir immer gedroht, er dreht mir den Geldhahn zu, sollte ich es wagen, das Haus vor meinem Abschluss zu verlassen. Er ist ein absoluter Kontrollfreak. Ich gehe davon aus, dass ich die Schule wechseln muss oder sie nicht beenden kann. Dieses Jahr ist bereits bezahlt, aber das nächste und letzte steht noch aus. Das ist richtiger Mist.“ Er seufzte tief. „Ich bezweifle, dass ich so viel Geld mit einem Nebenjob verdienen könnte, um das letzte Jahr zu bezahlen. Es ist richtig, richtig teuer dort. Was müsste ich zahlen, um hier zu wohnen?“, fragte er dann.

„Nichts.“

„Bitte?“

„Deshalb gibt es ja die Stiftung. Unsere Bewohner bleiben, bis sie die Schule beendet haben, und sobald sie einen Job oder eine Ausbildung in Aussicht haben, wobei wir gerne behilflich sind, verlassen sie uns wieder. Sie müssen nichts bezahlen, um hier zu wohnen, und für das Essen ist auch gesorgt. Die meisten haben irgendwo einen kleinen Nebenjob, um sich ein wenig Taschengeld zu verdienen. Sie kochen fast täglich zusammen. Bei Ta – so nennen alle meine Tante Stephanie – kann man lernen, wie man das macht.“ Daniel verschwieg, dass trotzdem so manche anfängliche Kochversuche schon mal mit kreischenden Rauchmeldern endeten. Aber die Bude hatte ihm Gott sei Dank noch nie jemand abgefackelt.

„Ich koch gern, aber man kann immer noch was lernen.“

„Meine Stiftung kann im Übrigen auch die Schulgebühren übernehmen.“

„Was?“ Kevin starrte ihn entgeistert an. „Das ist nicht dein Ernst! Weißt du, wie teuer das College ist? Das könnte ich nie zurückzahlen!“

„Du müsstest es nicht zurückzahlen“, beschwichtigte ihn Daniel. „Aber ein Versprechen, alles zu versuchen, das Schuljahr auch zu beenden und nicht vorzeitig abzubrechen, wäre schön. Ein bisschen Papierkram muss natürlich schon ausgefüllt werden und wir brauchen ein Gesundheitszeugnis von dir. Ta kann das mit dir zusammen erledigen.“

„Mann, das wäre der Hammer! Und ich könnte vielleicht auch für nächstes Jahr versuchen, ein Teil-Stipendium zu bekommen.“

„Wie das?“

„Ich bin ziemlich gut in Informatik. Das ist neben Sport mein zweiter Schwerpunkt auf dem College. Und dieses Jahr hat es sogar zu einem Teil-Stipendium gereicht.“

„Respekt. Weißt du schon, ob du das später mal beruflich machen willst?“

„Mhmm. Ich würde gerne zur Polizei gehen und dort im Bereich Internetkriminalität arbeiten oder sowas in der Art. Vielleicht gibt’s da ja ’nen Platz für ’nen Computer-Nerd wie mich.“

„Find ich klasse.“

„Und ich sag das nicht, weil du ein Cop bist.“ Er schluckte. „Verdammt …“

„Schon gut, das ist ja kein Schimpfwort.“ Daniel sah auf die Uhr. Es ging auf halb zwei Uhr morgens zu. „Soll ich dir mal das Zimmer zeigen? Rumführen kann ich dich morgen auch noch. Es ist schon ziemlich spät.“

Kevin sah erschrocken zur Uhr. „Wann musst du morgen raus?“

„Ich hab das Wochenende endlich mal frei.“

„Oh, okay. Cool. – Ja gerne.“

„Dann komm.“ Daniel trank sein Bier aus und glitt vom Barhocker. Kurz darauf öffnete er eine Tür zu einem großen Gästezimmer. Die hohen viktorianischen Fenster waren mit elektronischen Rollläden verschlossen. Die Möblierung war allerdings modern und bestand aus einem großen Kingsize-Bett, einer Kommode und einem Einbauschrank sowie einem kleinen Schreibtisch. Dazu zwei Sessel und ein kleiner Tisch.

„Meine Fresse, ich hatte immer nur ein verdammt schmales Bett.“

„Denkst du, das passt für den Anfang, oder willst du die anderen Zimmer erst noch sehen, bevor du dich entscheidest?“

„Das ist völlig in Ordnung. Das ist ja fast ein Ein-Zimmer-Appartement.“

„Es hat in der Tat fast vierzig Quadratmeter. Bad nicht eingerechnet.“

„Das ist dort hinten?“ Kevin zeigte auf eine Tür.

Daniel nickte. „Komm, wir holen deine Sachen. Ich hoffe, du findest ein wenig Schlaf.“

„Mhmm.“ Kevin sah sehnsüchtig zum riesigen Bett mit den vielen dunkelblauen, einladenden Kissen. Noch dazu seine Lieblingsfarbe. Dann beeilte er sich, Daniel zu folgen, um seine Taschen zu holen.

„Hast du auch so Dinge wie Handtücher und Zahnbürste mitgenommen?“, wollte Daniel von ihm wissen.

Er schüttelte den Kopf.

„Kein Problem. Bin gleich wieder da.“

Während Kevin seine Taschen ins Zimmer trug, hörte er, wie Daniel am Ende des Gangs einen Schrank öffnete. Kurz darauf kam er mit zwei Handtüchern, Zahnpasta, Duschgel, einer Zahnbürste und Toilettenpapier wieder.

„Morgen sehen wir weiter, was du noch so brauchst, okay?“

„Tausend Dank.“

„Versuch ein wenig zu schlafen, hm?“

Kevin nickte. „Ich bin todmüde. Letzte Nacht hab ich kein Auge zugetan.“

„Glaub ich gern. Wir sehen uns beim Frühstück.“

„Hört sich gut an. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Daniel stand lange unter der heißen Dusche, die er trotz der vorgerückten Stunde unbedingt noch brauchte. Danach schlüpfte er in bequeme Shorts und T-Shirt und ließ sich auf sein Bett fallen. Obwohl es ein sehr turbulenter Tag gewesen war, schlief er fast augenblicklich ein.

Doch irgendwann mitten in der Nacht schrak er hoch, weil er glaubte, etwas gehört zu haben. Ihm fiel ein, dass er nicht alleine war und lauschte. Da war es wieder, ein unterdrückter Ausruf, etwas wie Nein!, dann wieder Stille, bis es erneut begann, als Daniel sich gerade wieder hatte zurücksinken lassen. Hör auf! Lass sie in Ruhe! Nicht!

Er sprang aus dem Bett, nahm seine Waffe und eine kleine Taschenlampe aus der Schublade seines Nachttischs und ging zur Tür. Alles war ruhig auf dem Gang. Die Geräusche kamen von Kevins Zimmer. War jemand eingestiegen? Das war eigentlich völlig ausgeschlossen. Wieder undeutliche Worte, dann ein Wimmern.

Lautlos öffnete er Kevins Tür und ließ den Strahl übers Bett gleiten.

Mit einem Ruck saß Kevin senkrecht im Bett und starrte geblendet ins Licht. Daniel sah, dass sein Gesicht tränennass war.

„Hey, alles okay bei dir?“, fragte er besorgt und legte die Waffe auf ein Sideboard im Gang, sodass Kevin sie nicht sehen konnte. Er wollte ihn nicht verängstigen. „Ich mach Licht, okay?“

Kevin gab nur einen unverständlichen Laut von sich, während Daniel den Lichtschalter betätigte. Gleichzeitig schaltete er die Taschenlampe aus.

„Ich hab lautes Rufen gehört, dachte schon, es wäre jemand eingebrochen. Sorry, wenn ich dich geweckt habe“, entschuldigte sich Daniel, kam näher und setzte sich auf die Bettkante.

Kevin fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und versuchte anscheinend verzweifelt, seine Tränen zu verbergen.

„Ich glaub, das war ich …“, murmelte er. „Ich, äh, hatte einen Albtraum.“ Er starrte auf die Bettdecke und Daniel sah, dass er immer noch schwer atmete.

Er stand auf. „Bin gleich wieder da.“ Draußen räumte er eilig die Taschenlampe und seine Waffe zurück in sein Schlafzimmer und holte ein Glas Wasser, nicht zuletzt auch, um Kevin einen Moment zu geben, sich wieder zu fangen.

„Hier.“

„Es tut mir leid.“

„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Trink einen Schluck.“ Daniel merkte, dass er im Moment nicht drüber reden wollte. „Denk dran, du bist hier sicher.“

Kevin nickte nur und schwieg.

Eine Stunde später schreckte Daniel wieder hoch. Doch dieses Mal verstummten die Schreie schneller. Er vermutete, dass Kevin selbst davon aufgewacht war.

Bis zum Morgen hörte er Kevin ganze vier Mal und nun war es kein Wunder mehr, warum der junge Mann tiefe Augenringe hatte. Offenbar ging das schon eine ganze Weile so in Kevins Leben. Kevin tat ihm einfach nur leid und er war heilfroh, dass das Schicksal sie zusammengebracht hatte.

Gegen halb acht stand Daniel auf, da er nicht mehr einschlafen konnte, und duschte erneut. Während er im warmen Regen stand, überlegte er, was er tun sollte. Selbst wenn oben ein Zimmer frei gewesen wäre, könnte er Kevin nicht dort einquartieren. Er würde gleich fünf Leute mit seinen Albträumen um die wohlverdiente Nachtruhe bringen. Er dachte an Nele, der es nach ihrem Einzug genauso gegangen war. Auch bei ihr hatten sie es geschafft, dass die Albträume irgendwann aufhörten.

Als er sich anzog, hörte Daniel, dass auch Kevin duschte.

Er ging in die Küche und schaltete den Kaffeevollautomaten an.

Während er Eier und Speck in der Pfanne brutzelte und die ersten fertigen Toastscheiben aus dem Toaster hüpften, kam Kevin um die Ecke.

„Morgen“, rief ihm Daniel über die Brutzelgeräusche hinweg zu.

Den erwiderten Gruß konnte er Kevin gerade noch von den Lippen ablesen, mehr aber auch nicht.

„Lust auf Frühstück?“

Der zuckte mit den Achseln, aber Daniel ließ sich nicht beirren und machte einfach weiter. Nachdem er Speck und Eier auf zwei Teller geladen hatte, drehte er sich zu Kevin um, der unschlüssig neben den Stühlen stehen geblieben war.

„Was ist los?“, fragte Daniel nun direkt.

Kevin sah ihn scheu an. „Konntest du überhaupt schlafen?“

„Mach dir darüber mal keine Gedanken. Ich kann schnell wieder einschlafen. Gott sei Dank. Ich kenn genug Leute, die das nicht können.“

„Es tut mir echt leid …“, begann Kevin erneut, doch Daniel kam zu ihm und nahm ihn beschwichtigend an den Schultern.

„Hör auf! Bitte.“

Kevin biss sich auf die Lippe.

„Mir tut es leid, dass du sowas durchmachen musst. Aber wir bekommen das hin, wäre nicht das erste Mal, okay?“

Ein schwaches Glimmen erschien in Kevins Augen. „Meinst du?“

Daniel nickte. „Eine Entschuldigung ist wirklich unnötig. Ich will das nicht mehr hören.“

„Na gut.“

„Kaffee?“

„Mhmm. Gern.“

Daniel nickte zum Automaten. „Komm mit, ich zeig’s dir.“

Nach einer kurzen Einweisung machte sich Kevin einen Kaffee, während Daniel einen Cappuccino wählte.

Wenig später aßen sie schweigend zusammen am erhöhten Tisch. Daniel hatte zwar auch einen separaten Essbereich, aber den nutzte er – im Gegensatz zu seinen Eltern früher – so gut wie nie.

„Vor zwei Monaten hat mir mein … hat er mein Zimmer ans andere Ende der Wohnung verlegt, weil … weil ich zu viele Albträume hatte“, sagte Kevin nach einer Weile mit leiser Stimme.

„Nett“, knurrte Daniel.

„Danach wurde es noch schlimmer.“

„Wir kriegen das hin, okay?“

„Ich weiß nicht …“

„Nicht von heute auf morgen, das geb ich zu, aber wir kriegen das hin.“

Sie schwiegen eine Weile.

„Musst du weg?“, fragte Kevin und in seiner Stimme lag ein wenig Besorgnis.

Daniel sah an sich herab. Er trug Jeans und feste Schuhe, dazu T-Shirt und Flanellhemd. „Du meinst, weil ich schon komplett angezogen bin?“

Kevin nickte.

„Wenn ich frei habe, was heute endlich mal der Fall ist, fahr ich gerne nach dem Frühstück runter an den Strand und mach mit Max und Elvis einen ausgedehnten Strandspaziergang.“

„Ah.“

„Lust, mitzukommen?“

Jetzt leuchtete es in Kevins Augen zum ersten Mal richtig auf. „Im Ernst? Gern! Ich zieh mich kurz um.“ Er zeigte auf seine Sporthosen und T-Shirt.

„Lass dir Zeit, alles gut.“

Auf halbem Weg zu seinem Zimmer drehte sich Kevin nochmal um. „Äh, und wer passt derweilen aufs Haus auf?“, wollte er wissen.

Daniel lächelte. „Das sind nicht die einzigen beiden Hunde. Es gibt noch mehr. Außerdem ist das Haus noch anders gesichert und steht ja nicht leer. Im Moment sind sowieso alle da.“

„Alles klar.“

Das Wochenende mit ausgedehnten Spaziergängen, bei denen sie auch viel redeten, tat Kevin sichtlich gut, obwohl seine Albträume auch in der nächsten Nacht wiederkehrten und Daniel aus dem Schlaf rissen.

Bis zum Sonntagabend, als sie zusammen in Daniels Küche ein einfaches Abendessen aus Pasta und Tomatensoße kochten, hatte Kevin alle anderen Bewohner kennengelernt.

Da gab es Davante, der kurz vor seinem Abschluss am College stand. Er spielte mit Julio gern Basketball, der zwei Jahre auf der Straße gelebt hatte, bevor Daniel ihm ein Dach über dem Kopf gab. Julio holte gerade seine verlorenen Schuljahre nach. Beide wohnten schon ein knappes Jahr hier. Dann gab es noch Nele, die erst vor drei Monaten eingezogen war und Krankenschwester werden wollte, sobald sie ihren Schulabschluss hatte. Eve wohnte schon drei Jahre hier und büffelte ebenfalls gerade für ihren Abschluss. Sie und Davante würden vermutlich die Nächsten sein, die wieder auszogen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Der Fünfte im Bunde war der stille Benny, der mit eins sechzig eindeutig der kleinste von allen Bewohnern war und sich am liebsten in Bücher vergrub.

Daniel führte ein langes Gespräch mit seiner Tante, bevor er ihr Kevin vorstellte. Sie hieß es gut, dass er eine Ausnahme gemacht und Kevin ein Dach über dem Kopf angeboten hatte, auch wenn Daniel sich für eine gewisse Zeit wohl etwas einschränken musste, da kein Zimmer frei war. Aufgrund der Albträume stimmte sie Daniel zu, dass es vorerst besser war, nichts an der Wohnsituation zu ändern.

Sie waren fast mit Essen fertig, als Kevins Handy klingelte, doch er machte keine Anstalten abzuheben.

„Willst du nicht rangehen?“, fragte Daniel, als es bereits zum fünften Mal klingelte.

Kevin zog es aus der Hosentasche und legte es auf den Tisch. Er schüttelte den Kopf und schob es von sich weg.

Daniel warf einen Blick aufs Display. Dort stand nur ein Wort: Mum. Er sah auf. „Das ist gegen das Kontaktverbot!“

„Es ist heute schon das zehnte Mal.“

„Bist du rangegangen?“

Kevin schüttelte stumm den Kopf.

„Soll ich rangehen?“, fragte Daniel.

Kevin zuckte nur mit den Achseln.

Daniel nahm das Handy, das die ganze Zeit über stoisch weitergeklingelt hatte.

„Detective Peters hier, wer spricht bitte?“

Er lauschte.

„Nein, das können Sie nicht.“

Wieder hörte er zu.

„Nein! Da es ein Kontaktverbot gibt, sprechen Sie jetzt mit mir.“

Daniel sah dabei Kevin an, der ihn mit großen Augen beobachtete.

„Erzählen Sie mir bitte keinen Mist, Ma’am. Ich weiß, dass Sie und Ihr Mann über das Kontaktverbot von Kevin in Kenntnis gesetzt wurden. Und zwar von Officer Melrose persönlich. Also verkaufen Sie mich bitte nicht für dumm!“

Wieder Schweigen, als Daniel zuhörte und dann schnaubte.

„Hören Sie, wenn Sie Ihrem Sohn wirklich helfen wollen, dann trennen Sie sich von ihrem gewalttätigen Mann. – Was? Ihr Mann ist nicht gewalttätig? Wieder gelogen. Mir ist die Akte bestens bekannt. Sie verkaufen mich immer noch für dumm, Ma’am. – Nein, ich höre Ihnen nicht länger zu. Sie werden mir jetzt ganz genau zuhören. Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal anrufen oder anders versuchen zu kontaktieren, dann erwartet Sie eine Anzeige und im schlimmsten Fall sogar Gefängnis. – Ja, das Gefängnis. Ein Kontaktverbot zu missachten, ist eine Straftat. Überlegen Sie sich lieber mal, wie viel Kraft es Ihren Sohn gekostet hat, diesen Schritt zu gehen. Traurig. Wirklich traurig, dass Sie das nicht einsehen wollen. Ihr Sohn ist wesentlich stärker als Sie, auch wenn er darunter leidet, wie ein Hund, Ma’am. Denken Sie mal drüber nach! Und wagen Sie es nicht, diese Nummer noch einmal anzurufen oder an der Schule aufzutauchen. – Mein Name? Detective Peters. – Ja, schönen Tag noch.“

Daniel legte das Handy zurück auf den Tisch.

Kevin fühlte sich unglaublich geschmeichelt, dass Daniel Partei für ihn ergriffen hatte, auch wenn er sich gleichzeitig schlecht fühlte, nicht selber mit seiner Mutter gesprochen zu haben. Aber er hatte sich diesen Schritt lange überlegt. Sehr lange. Fast ein halbes Jahr lang, und zwar täglich. Und ja, Daniel hatte völlig recht. Trotzdem litt er unter der Entscheidung wie ein Hund, den man schlug.

„Danke“, murmelte er.

„Gerne. Schon mal überlegt, dir ’ne neue Handynummer zuzulegen?“

Er horchte auf, doch gleich sank sein Mut wieder. „Ich kann mir den jetzigen Vertrag sowieso nicht selber leisten. Bald werd ich also gar keins mehr haben.“

„Vielleicht doch“, widersprach ihm Daniel. „Wir können dir eine neue Nummer besorgen, allerdings eine ohne großen Schnickschnack, will heißen: kein endloses Datenvolumen. Eins für den Notfall. Überleg dir, ob du das machen willst.“

„Brauch ich nicht überlegen. Ich sag sofort ja. Was muss ich dafür tun?“

Daniel zuckte mit den Achseln. „Vielleicht einen Hund von Ta übernehmen? Die Welpen sind jetzt vier Monate alt und man sollte langsam mal anfangen, was mit ihnen zu tun. Nele und Benny haben schon signalisiert, dass sie helfen wollen, einer ist noch frei. Was meinst du?“

„Du meinst, ein bisschen mit ihnen trainieren?“

„Erstmal spielerisch, ja, aber es sollen ja mal Polizeihunde werden. Ta kann dir alles Weitere erklären. Aber wenn das nichts für dich ist, finden wir schon was anderes.“

„Nein. Das wär total super! Auch wenn sich das eher nach Spaß als Arbeit anhört.“

„Na, Davante würde dir da gehörig widersprechen“, erwiderte Daniel augenzwinkernd.

Auch über die nächsten Tage wurden Kevins Albträume keinen Deut besser und rissen Daniel immer wieder aus dem Schlaf. Als ihm klar wurde, dass er mit Mitleid alleine nicht weiterkam, nahm er sich am Mittwoch ein Herz und sprach Nele an.

Er hatte ein paar Tage hin und her überlegt, ob sie schon bereit war, Buddha aufzugeben, der ihr seit ihrem Einzug zur Seite stand. Buddha war ein weiterer Deutscher Schäferhund, der hier in seinem Haus nach dem Polizeidienst seinen Lebensabend verbringen durfte. Im Dienst angeschossen, fehlte ihm nach einer Not-OP das rechte Vorderbein, aber ansonsten war er kerngesund und hatte gelernt, dieses Handicap auszugleichen. Die K9-Staffel hatte ihm einen guten Platz gesucht und Buddha hatte es toll getroffen.

Seitdem kümmerte sich Buddha um traumatisierte Menschen. In diesem Fall Nele, die, wie Kevin, nach ihrem Einzug von massiven Albträumen geplagt worden war. Anfangs hatte Nele überhaupt nichts mit Buddha anzufangen gewusst und sogar Angst vor dem großen Hund mit den bernsteinfarbenen Augen gehabt, der immer wieder stoisch ihre Nähe gesucht hatte, aber das war Schnee von gestern.

Jetzt saßen sie oben im Gemeinschaftsraum im ersten Stock und Nele hatte ihm aufmerksam zugehört.

„Buddha ist die letzten drei Tage immer nach unten gelaufen und hat dort vor deiner Tür gelegen. Ich hab mich total gewundert, denn das hat er noch nie gemacht. Ich dachte, er müsste raus … Aber das kann ja auch nicht der Grund gewesen sein.“ Im Haus gab es mehrere hermetische Hundeklappen; die meisten führten nur hinaus, aber nicht mehr hinein. Fürs Wiederhereinlassen waren die Bewohner zuständig.

Daniel runzelte die Stirn. „Wirklich?“

Sie nickte. „Irgendwann in der Nacht ist er dann wieder zurückgekommen. Aber nach dem, was du jetzt erzählst, wird mir so einiges klar. Vielleicht kann er ja auch Kevin helfen?“

„Vielleicht. Denkst du, du schaffst es schon ohne Buddha?“

Sie blies die Backen auf. „Weiß nicht. Das kommt grad ein wenig überraschend, ich hab mich total an den Kerl gewöhnt, auch wenn ich mir anfangs fast in die Hosen gemacht hab.“

Daniel lächelte. „Und wie wär’s mit einem Tausch?“

Sie horchte auf. „Tausch?“

„Du könntest einen der Welpen mit hochnehmen. Vorzugsweise den, mit dem du später auch arbeiten möchtest.“

„Au ja! Das wäre toll.“

„Ist natürlich viel mehr Arbeit als Buddha. Zumindest anfangs.“

„Egal. Aber wenn wir das im Tausch machen könnten, dann hab ich da überhaupt nichts dagegen.“

„Wir sollten Buddha entscheiden lassen, was meinst du? Wenn er wirklich zu Kevin will, dann wird er ihn früher oder später abpassen. Genau, wie er es mit dir gemacht hat.“

„Stimmt und ich bin jetzt dann ’ne Woche nicht da.“

„Wieso?“

„Wir fahren doch mit der Klasse nach San Diego runter.“

„Ach stimmt, hast du ja erzählt. Dann würde das ja ganz gut passen, oder?“

Nele nickte. „Wär schön, wenn Kevin aufhören würde, schlecht zu träumen. Er sieht echt scheiße aus.“

„Es geht ihm auch echt scheiße, obwohl er das nie zugeben würde. Er will auch unbedingt weiter zur Schule gehen, statt mal ein paar Tage zuhause zu bleiben.“

„Lenkt ihn ab, denke ich.“

„Möglich.“

Sie schwiegen kurz.

„Wann fahrt ihr los?“, fragte Daniel dann.

„Morgen.“

„Dann schauen wir mal, was passiert, während du weg bist, hm?“

Am nächsten Tag sah Daniel, wie Kevin von der Schule nach Hause kam und den Weg vom Tor hochlief. Buddha lag im Gang und spitzte die Ohren, als sich Kevin dem Haus näherte. Lauschend legte er den Kopf schief.

Kurz darauf ließ Daniel Kevin ein. Buddha klopfte augenblicklich mit seinem Schwanz auf den Boden und stand schließlich auf.

„Hey, Buddha, du bist ja gar nicht bei Nele, was ist los?“, fragte Kevin erstaunt und strich Buddha über sein angegrautes Haupt.

„Nele ist für ’ne Woche in San Diego. Schulausflug.“

„Ah, stimmt. Vielleicht mag er derweilen ja bei mir bleiben?“

„Klar, mal sehen, ob er Lust hat.“ Daniel öffnete die Tür, doch bevor sie eintreten konnten, überholte sie Buddha.

„Yeah!“, jubelte Kevin und Daniel grinste in sich hinein.

Buddha sah sich sogleich um und blieb wedelnd vor Kevins Zimmertür stehen.

„Woher weiß der das?“

„Schlauer Kerl, was?“, erwiderte Daniel. „Vielleicht will er sich erst mal umsehen, bevor er sich entscheidet, ob er bleibt?“

Kevin öffnete seine Zimmertür und ließ Buddha ein, der sogleich überall herumschnupperte. Dann setzte er sich vors Bett und sah Kevin erwartungsvoll an.

„Sieht gut aus, hm?“

„Ich glaub schon.“

„Soll ich seine Sachen holen? Napf, Wasser, Bett?“

Kevin nickte. „Soll ich dir helfen?“

„Ich mach das schon.“

Als Daniel am nächsten Morgen aufwachte, wusste er im ersten Moment nicht genau, was anders war. Dann setzte er sich ruckartig auf. Er war nicht aus dem Schlaf gerissen worden! Konnte das sein? In der ersten Nacht, in der Buddha bei Kevin schlief? Er erinnerte sich dumpf, dass er sehr wohl aufgewacht war, in der Annahme, etwas gehört zu haben, aber dann war er sofort wieder eingeschlafen. Interessant. Mal sehen, was Kevin erzählte.

Der tauchte eine halbe Stunde später geduscht und fertig angezogen in der Küche auf und holte zwei Kaffeebecher aus dem Schrank. Als er sich schließlich zu Daniel setzte, kratzte er sich etwas verlegen am Kopf.

„Was’n los?“, fragte Daniel und lächelte ihn aufmunternd an.

„Gibt’s ein Problem, wenn Buddha im Bett geschlafen hat?“, fragte er zögernd.

„Buddha?“ Daniel stellte sich dumm. „Der hat doch sein eigenes Bett?“

„Da hat er aber nicht geschlafen.“

„Sondern?“

„In meinem.“

„Komisch.“

„Er, äh, du wirst das jetzt vielleicht nicht glauben, aber er hat mich, glaub ich, angestupst, wenn ich angefangen hab, äh, schlecht zu träumen. Kann das sein, dass der das merkt?“

Daniel zuckte mit den Achseln. „Schon möglich.“

„Hast du mich heut Nacht gehört?“, wollte Kevin dann wissen.

„Nein, jetzt wo du’s sagst.“

„Jedenfalls lag er heute Morgen neben mir im Bett. Seine Schnauze auf meiner Brust. Ich glaub, der vermisst Nele.“

„Vielleicht freundet er sich ja auch nur grade mit dir an? Buddha wandert oft von einem zum anderen. Er ist sehr freundlich.“

„Das hab ich gemerkt. Ich krieg keinen Ärger?“

„Weil er im Bett geschlafen hat?“

Kevin nickte.

„Unsinn.“

Jetzt breitete sich ein strahlendes Lächeln auf Kevins Gesicht aus. „Cool!“

Eine Woche später kam Nele wieder und als sie endlich Daniel alleine erwischte, sah sie ihn gespannt wie ein Flitzebogen an. „Und?“

„Was und?“

„Hat es geklappt mit Buddha? Ich hab Kevin gesehen. Seine Augenringe sind weg! Der ist nicht geschminkt, oder?“

Daniel musste lachen. „Nein, is’ er nicht. Ja, es hat tatsächlich funktioniert.“

Nele sprang auf und ab und klatschte in die Hände. „Buddha ist der Beste! Er hat mich ganz lieb begrüßt und ist dann sofort wieder zu Kevin gelaufen. Ich glaub, du brauchst keine Sorge haben, dass er jetzt wieder bei mir schlafen will.“

„Kevin träumt immer noch, aber es ist weniger geworden und ja, Buddha weckt ihn rechtzeitig. Genauso wie er es bei dir gemacht hat.“

Sie machte die Siegerfaust.

„Aber ich hab Kevin nicht verraten, dass das Buddhas Spezialgebiet ist. Also: psst!“

„Ich halte die Klappe, Ehrenwort. So und jetzt muss ich auspacken.“

Die nächsten Wochen über normalisierte sich alles ein wenig. Kevin wohnte weiterhin in seinem Zimmer bei Daniel und genoss sichtlich Buddhas Zuwendung. Er blühte auf und unternahm auch etwas mit den anderen.

Spielerisch machten sie sich an den Nachmittagen im riesigen Garten an kleine Übungen mit den Welpen. Selbst Benny merkte man bei diesen Aktivitäten eine Verwandlung an, denn er redete oft noch Stunden später darüber, dass sein kleiner Welpe am schnellsten von allen bei Fuß gehen konnte oder Ähnliches.

Auch im Haus merkte Daniel kleine Veränderungen. Kevin hatte ein Talent dafür, ihm nach einem langen Arbeitstag ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Das, was er bei Ta an kleinen Kochtipps gelernt hatte, setzte er gerne um und nicht selten erwartete Daniel schon ein fertiggekochtes Abendessen.

Meist stand Kevin morgens auch vor ihm auf und übernahm den Küchendienst, sodass er sich oft nur an einen gedeckten Frühstückstisch setzen musste. Inzwischen war auch der richtig attraktive Kevin zum Vorschein gekommen, dessen Augenringe und Sorgenfalten zusehends verschwanden. Daniel war zufrieden.

Daher stutzte er auch, als ihn eines Abends nur ein schwanzwedelnder Buddha begrüßte, der danach gleich wieder in Kevins Zimmer lief.

Nichts deutete darauf hin, dass Kevin sich in der Küche zu schaffen gemacht hatte, und auch wenn es kein Muss war, so vermisste es Daniel sogleich. Vielleicht war Kevin auch gerade erst heimgekommen? Für seine Mühen konnte er ruhig mal drüben beim Italiener eine Pizza springen lassen und er nahm sich vor, Kevin heute Abend einmal einzuladen.

Doch erst duschte er, wie er es immer tat, wenn er heimkam, und zog sich um. Er lauschte. Immer noch kein fröhliches Hallo.

Stirnrunzelnd ging er zu Kevins Zimmer und klopfte an die halb offen stehende Tür.

„Bist du daheim?“

„Mhmm. Hi.“

An Kevins Ton hörte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Er streckte den Kopf ins Zimmer und sah Kevin auf dem Bett sitzen und lesen.

„Hi, alles klar bei dir?“

„Mhmm.“

„Hast du schon gegessen?“

„Keinen Hunger.“

„Schade, ich schon. Dachte, wir beide gehen vielleicht rüber zu Luigi. Ich lad dich ein. Was meinst du?“

Er bemerkte ein erfreutes Glimmen in Kevins Augen, das sofort wieder verschwand.

„Das ist total nett von dir. Vielleicht ein andermal? Irgendwie, äh, fühl ich mich nicht so gut heute.“

Da Buddha auf der Vorderseite saß und seinen Kopf aufs Bett gelegt hatte, ging Daniel tiefer ins Zimmer und blieb am Fußende des Bettes stehen. Fast augenblicklich fiel sein Blick auf Kevins Oberarm, der deutliche Blutergüsse aufwies. Schwarze Blutergüsse.

Kevin bemerkte seinen Blick und zuckte zusammen. Er wollte sich noch wegdrehen, doch es war zu spät, um es zu verdecken. Er ließ sein Buch sinken.

„Hab mich nur gestoßen …“

Wut stieg in Daniel auf, aber nicht auf Kevin, sondern auf dessen Mutter; denn das waren hundertprozentig ihre Worte. Er wartete, und die Stille schien Kevin mehr zuzusetzen, als würde er ihm Kontra geben.

„Schlecht gelogen … es tut mir leid“, murmelte er schließlich mit bebenden Lippen.

Daniel blieb ruhig, ignorierte es erst einmal und setzte sich stattdessen. „Hattest du Streit mit jemandem?“

Kevin schüttelte den Kopf.

Sein Ton wurde einen Deut schärfer. „Hast du etwa deinen Vater getroffen?“

„Nein!“, stieß Kevin hervor. „Gott bewahre. Dann würd ich vermutlich schlimmer aussehen!“

„Kein Streit? Was dann?“ Er wagte es, den Ärmel seines T-Shirts höher zu schieben, und zählte vier Fingerabdrücke. Er hob Kevins Arm und sah den fünften. Sie sahen aus wie von einer großen Männerhand und Daniel war sich sicher, dass diese Hämatome gestern noch nicht dagewesen waren. Jetzt bemerkte er auch, dass Kevin kurzatmig war, wenn er sprach. „Was noch?“

Kevin schluckte.

„Was noch, Kevin?“ Sein Ton wurde noch eindringlicher und nun wurden Kevins Augen feucht. „Hey … schsch … schon gut. Hast du irgendwas angestellt? Wir können über alles reden, hörst du?“

„Ich hab nichts gemacht!“, stieß Kevin sichtlich entsetzt hervor und holte Luft.

Daniel ließ ihm Zeit, doch als Kevin nicht mit der Sprache herausrückte, fragte er: „Wieso erzählst du’s mir dann nicht einfach?“

„Weil er gesagt hat, wenn ich jemandem was sage, wird’s nur noch schlimmer“, kam es tonlos.

„Wer?“

Er schwieg, doch Daniel saß es aus.

Schließlich schien Kevin einzubrechen und murmelte: „So’n Arschloch.“

„Geht’s auch genauer?“

„So’n Arschloch, das mich ab und zu nach der Schule abpasst.“

„Einer aus der Schule?“

Kevin zuckte mit den Achseln. „Glaub nicht. Es passiert meist in der Nähe der Bushaltestelle“, rückte er schließlich langsam mit der Sprache raus. „Er will immer Geld. Nur kleine Beträge, aber … ich hatte nichts.“

„Wieso macht er das?“

Wieder zuckte er mit den Achseln.

„Und dann ist er handgreiflich geworden?“

„Mhmm.“ Kevins Hand landete auf seinem Bauch. „Voll in den Magen. Tut scheißweh.“

„Er hat zugeschlagen?“

„Hat mich am Arm festgehalten und gezischt, das nächste Mal hätte ich besser was für ihn und dann zugeschlagen. Ich hab noch versucht, mich wegzudrehen, hat aber nix genützt.“

„Kann ich mal sehen?“

Wortlos zog Kevin sein T-Shirt höher und Daniels Blick fiel auf seinen Bauch. „Hier hat er dich erwischt, was?“ Er zeigte auf die Region kurz unterm Brustbein.

„Mhmm.“

„Und hier hat er deine Rippen gestreift, als du dich weggedreht hast. Es ist nur nicht so blau, weil im Bauchraum mehr Platz ist.“

„Ich krieg immer noch schlecht Luft.“

„Kein Wunder, dass du keinen Hunger hast“, brummte Daniel mitfühlend. „Das hier ist Körperverletzung. Du solltest Anzeige erstatten.“

Hastig schüttelte Kevin den Kopf.

Daniel knirschte mit den Zähnen. Wieder so eine ähnliche Reaktion, die allerdings nicht verwunderlich war. „Wie sieht der Kerl aus? Kannst du ihn beschreiben?“

„So’n schmieriger Fettkloß. Immer Jeansweste mit Stickern, Totenkopf-Tattoos, gepiercte Lippe, dünne Haare, Pferdeschwanz.“

„Wie alt?“

„Älter als ich.“

„Wie viel?“

„Keine Ahnung. Paar Jahre? Er macht das auch mit anderen.“

„Und nie schreitet jemand ein?“

Kevin schüttelte den Kopf.

Er ließ sich die Adresse geben, an der die Übergriffe in der Regel passierten, und machte sich eine gedankliche Notiz. Dann stand er auf.

„Is’ es okay, wenn ich Ta bitte, sich das mal anzusehen? Sie war früher Krankenschwester. Die Alternative wäre, wir fahren rüber ins Krankenhaus, damit sich das dort jemand anschaut.“

„Erstmal Ta.“

Daniel nickte und verschwand.

Wenig später kam er mit Ta zurück, die Kevin besorgt durch ihre runden Brillengläser ansah.

„Was machst du denn für Sachen?“

„Bin ’nem Arschloch begegnet.“

„Na, na …“, tadelte sie Kevin und sah ihn in ihrer unnachahmlichen Art streng an, wobei ihre rechte Augenbraue steil nach oben zeigte.

„Sorry, Ta, ich weiß, du hasst Schimpfwörter“, entschuldigte er sich sogleich. „Aber er war wirklich eins!“, platzte es dann aus ihm heraus.

„Ta, bitte. Kannst du deine Erziehungsmethoden mal für eine Sekunde lassen?“, fragte Daniel leicht genervt. „Hier geht’s schließlich um Körperverletzung und ich will deine Meinung, ob wir rüber ins Krankenhaus müssen oder nicht.“

Ta seufzte und begann mit ihrer kurzen Untersuchung. Dann sah sie zu Daniel auf. „Nein, ich glaube, Kevin ist nur völlig verkrampft nach diesem heftigen Schlag. Und wie brutal er war, sieht man ja hier am Rippenbogen.“

„Dagegen kannst du aber was tun, oder?“, fragte er.

„Nun, ich finde, du könntest das genauso gut, aber wenn Kevin es zulässt, dann würde ich es gerne versuchen, ja.“

Kevin sah mit einem verwirrten Blick von einem zum anderen und hatte offenbar keine Ahnung, von was sie beide sprachen.

„Leg dich mal flach hin. Genau so.“ Dann platzierte sie ihre linke Hand auf seinem Bauch. „Mach die Augen zu und versuch mal, einen Moment nicht an … Mr. A. zu denken.“

Daniel musste hinter ihrem Rücken schmunzeln. „Ich lass euch mal.“

In der Küche machte er sich einen Cappuccino und überflog seine Post.

Zwanzig Minuten später kam Ta um die Ecke und er sah von seiner Zeitung auf.

„Und?“

„Ich bring dir gleich noch ein paar Schmerztabletten rüber. Mal sehen, wie es morgen ist. Ich hab ihm gesagt, er soll einen Tag zuhause bleiben und er hat noch nicht mal gemeckert.“

„Danke, Ta.“

Sie kam näher und blieb kopfschüttelnd vor ihm stehen. „Du hättest das auch gekonnt.“

Er schluckte.

„Schon gut.“ Sie lächelte und tätschelte seine Wange. „Vielleicht beim nächsten Mal.“ Sie wandte sich ab und Daniel hörte noch, wie sie leise murmelte: „Und verpass diesem Mistkerl, der ihm das angetan hat, eine Lektion.“

Kurz darauf schloss sich die Tür hinter ihr.

Er grinste in sich hinein, faltete die Zeitung zusammen und räumte seine leere Tasse in die Spülmaschine. Als er sich umdrehte, sah er Kevin langsam um die Ecke kommen.

„Wie geht’s dir?“

„Besser. Uhm, ich … bin grad etwas fassungslos.“

„Wieso?“

„Weil sie mir nur die Hand auf den Bauch gelegt hat und dann, uhm, dann wurde es plötzlich ganz warm und … ich weiß auch nicht. Es war ein unglaubliches Gefühl. Es hat ein bisschen gedauert, aber dann konnte ich auch wieder besser atmen. Ich kapier’s nicht.“

„Ta beherrscht Reiki.“

„Ist das irgendwas Spirituelles?“

„Wenn du so willst. Sie hatte immer schon heilende Hände.“

Kevin schnaubte. „Das unterschreib ich sofort!“

„Schön, dass du dich besser fühlst.“

Kevin sah ihn direkt an. „Was hat sie gemeint, als sie sagte, du könntest das auch?“

„Sie hat maßlos übertrieben. Ich bin kein Reiki-Meister. Manchmal kommen unsere Hunde zu mir, wenn es irgendwo zwickt. Vor allem Buddha.“ Er zuckte mit den Achseln. „Vermutlich hat sie das gemeint.“

Es klopfte und Daniel ging zur Tür. „Gib die Kevin“, bat Ta und hielt ihm eine Schachtel hin. „Ah, da bist du ja. Besser?“

Kevin nickte und stammelte: „Danke, Ta.“

„Gern geschehen.“ Dann verschwand sie wieder.

Kevin schluckte zwei Tabletten mit Wasser.

„Sollen wir jetzt nicht vielleicht doch ’ne Pizza essen gehen?“, fragte Daniel ablenkend.

„Gern. Auch wenn ich mich total scheiße fühl …“

„Hast du nicht grad gesagt, dir geht’s besser? Warte, bis das Schmerzmittel wirkt, hm?“

„Nicht deswegen.“

„Sondern?“

„Weil ich allen Ernstes gesagt hab: Ich hab mich nur gestoßen. Und das zu einem erfahrenen Cop wie dir.“ Er schluckte schwer. „Es … es tut mir total leid.“

„Hey“, sagte Daniel sanft.

Kevin blickte auf.

„Du hast den verdammten Satz jahrelang gehört. Sei nicht so hart zu dir, hm?“

Kevin brachte nur ein Nicken zustande.

Wenig später verließen sie in Daniels Wagen das Grundstück.

„Vielleicht sollte ich mir jetzt doch endlich mal von dir zeigen lassen, wie ich mich verteidigen kann“, murmelte Kevin schließlich an einer Ampel.

„Nun, das Angebot steht noch, auch wenn du es schon zweimal ausgeschlagen hast.“ Daniel war auch diese Eigenheit aufgefallen. Immerhin hatte Kevin ihn am ersten Abend selber darum gebeten und dann jedes Mal einen Rückzieher gemacht, wenn Daniel ihn darauf angesprochen hatte. Auch das war vermutlich eine jahrelang erlernte Konditionierung durch seine Mutter.

Kevin merkte auf. „Du bist nicht sauer, weil ich dir schon zweimal einen Korb gegeben habe?“

„Unsinn. Das Angebot steht. Sobald es dir besser geht, machen wir das. Versprochen. So ein bisschen Selbstverteidigung hat noch niemandem geschadet.“

„Kannst du mir heut noch was zeigen?“, platzte Kevin heraus.

Daniel musste schmunzeln. „Nein, sorry, ich will jetzt nur ’ne Pizza. Vielleicht morgen, okay?“

„Okay.“

„Ich nagel dich fest!“

Ein paar Tage später trommelte Daniel vier seiner sechs Schützlinge zusammen und fuhr mit ihnen am Nachmittag auf ein Übungsgelände der Polizei, das er für diese Zwecke benutzen durfte. Nur Eve und Davante waren nicht mit von der Partie, da beide, was sein Trainingsziel betraf, schon Profis waren und dies alles bereits mehrfach absolviert hatten.

Aus einem Schrank holte Daniel eine Schachtel und brachte sie dann mit zu einem Bereich, an dem vier Figuren aus schwarzem Holz standen.

„Das hier ist Übungspfefferspray. Damit mal geübt zu haben, ist sicher von Vorteil, denn es wird euch wenig nutzen, wenn ihr im Notfall nicht einmal wisst, wie man die Dinger handhabt. Oder weiß das jemand von euch?“

Nele hob die Hand, was nicht verwunderlich war, denn Daniel wusste, dass sie schon einmal eines benutzt hatte.

„Weiß es außer Nele noch jemand?“

„Man muss irgendeinen Knopf drücken“, schlug Benny vor.

„Nä, erst diesen Sicherheitshebel kaputtmachen“, widersprach ihm Julio.

Daniel sah zu Kevin. „Ich dachte auch, man drückt einfach nur drauf?“, meinte der.

Daniel demonstrierte es ihnen an der ersten Dose, die schließlich einen dichten Sprühnebel verteilte. Da kein Pfefferspray drin war, kam niemand zu Schaden.