Dann bin ich seelenruhig - Angela S. - E-Book

Dann bin ich seelenruhig E-Book

Angela S.

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Beschreibung

Warum Angela sich zum ersten Mal verletzt hat, weiß sie heute nicht mehr. Sie war zwölf und da waren so viel Wut und Schmerz in ihrem Inneren, die nach draußen mussten. Nach drei Klinikaufenthalten kämpft sie heute jeden Tag aufs Neue: für sich, für ihre Zukunft und gegen diese Krankheit, die - noch - ein Teil von ihr ist.

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EPUB
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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Angela S.

In Zusammenarbeit mit Kerstin Dombrowski

Dann bin ich seelenruhig

Mein Leben als Ritzerin

In dieser Reihe außerdem erschienen:

Christina Helmis: Mein Lollimädchen-Ich.Mein Leben mit der Magersucht (Band 50254) Mihrali Simsek: Mit 18 mein Sturz.Mein Leben im Gefängnis (Band 50253) Sabrina Tophofen: So lange bin ich vogelfrei.Mein Leben als Straßenkind (Band 50343) Josephine Opitz: Auf dem Laufsteg bin ich schwerelos.Mein Leben als Model im Rollstuhl (Band 6549) Ela Aslan: Plötzlich war ich im Schatten.Mein Leben als Illegale in Deutschland (Band 6584) Julia Kristin: Online fühle ich mich frei.Mein Leben im Netz (Band 6724)

 

 

 

Auslöser dafür, dass Angela S., Jahrgang 1992, mit dem Ritzen begann, waren Mobbing in der Schule, Probleme zu Hause, totale Überforderung. Heute macht sie das Abitur und möchte danach Psychologie studieren.

Kerstin Dombrowski, Jahrgang 1973 arbeitet als freie Fernsehjournalistin für WDR, ZDF und MDR. Sie hat bereits zwei Sachbücher veröffentlicht und lebt mit ihrer Tochter in Köln. „Dann bin ich seelenruhig. Mein Leben als Ritzerin“ ist ihr zweiter Roman in der Reihe „Mein Leben“.

 

 

 

 

 

 

Das Zitat auf Seite 54 stammt aus: Steven Levenkron, Der Schmerz sitzt tiefer © 2001 Kösel Verlag GmbH & Co., München, S. 27/28

1. Auflage als Arena-Taschenbuch 2013 © 2011 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Einbandgestaltung: Frauke Schneider unter Verwendung eines Fotos von © ONOKY; Pascal Broze; gettyimages Umschlagtypografie: knaus. büro für konzeptionelle und visuelle identitäten, Würzburg ISSN 0518-4002 ISBN 978-3-401-80377-7

www.arena-verlag.de Mitreden unter forum.arena-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Kapitel: Frankfurter WG, 21. April 2010

2. Kapitel: Intensivstation, 22. April 2010

3. Kapitel: Kindheit, etwa 1996 bis 2000

4. Kapitel: Intensivstation, 22. April 2010

5. Kapitel: Jugend, etwa 2004

6. Kapitel: Intensivstation, 23. April 2010

7. Kapitel: Psychiatrie, 24. April 2010

8. Kapitel: Jugend, etwa 2005 bis 2007

9. Kapitel: Psychiatrie, 26. April 2010

10. Kapitel: Psychiatrie, 27. April 2010

11. Kapitel: Jugend, 2005

12. Kapitel: Psychiatrie, 27. April 2010

13. Kapitel: Station Herzberg 1, Januar 2010

14. Kapitel: Psychiatrie, 27. April 2010

15. Kapitel: Stationärer Aufenthalt, Januar 2010

16. Kapitel: Psychiatrie, Mai 2010

17. Kapitel: Stationärer Aufenthalt, März 2010

18. Kapitel: Frankfurter WG, Mai 2010

19. Kapitel: Frankfurter WG, Mai 2010

20. Kapitel: Umzug nach Mannheim, Juli 2010

Nachwort

 

Liste positiver Aktivitäten:

Baden

Lesen

Spazieren gehen

Mit Wärmflasche und Kuscheldecke ins Bett

Musik hören

Mit Freunden telefonieren

Ins Kino gehen

Parfum benutzen

Reiten

Massage

Zum Friseur gehen

Gedichte schreiben

Kerzen anzünden

Am See/Meer sein

Lagerfeuer im Sommer

Eincremen

Sich mit einem Tee und einem Buch entspannen

Mit anderen gemeinsam lachen

Spontane, verrückte, lustige Aktionen

Sterne gucken

Gewitter anschauen

Von Angela erstellt im Januar 2010

Vorwort

Dieses Buch ist an all jene gerichtet, die bereit sind, diese Welt einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. An diejenigen, die verstehen wollen, was Menschen wie mich im Leben gezeichnet hat, und an die, die sich auf der gleichen Reise befinden, auf der ich mich befinde: auf der Reise zu sich selbst.

Ich möchte Angehörigen und Fachleuten Mut machen, sich dem emotionalen Chaos eines Betroffenen unerschrocken zu stellen. Und ich möchte einen Einblick in die zerrissene, geschundene Seele eines kleinen unschuldigen Kindes geben, das auf der Suche nach bedingungsloser Liebe war und nur Ablehnung bekam.

Ich habe meine Welt in Scherben zerfallen sehen und ich möchte sie wieder aufbauen. Und nicht nur das: Mein ganzes Leben lang habe ich immer nur funktioniert – jetzt möchte ich wirklich leben.

Es ist ein langer Weg, der noch vor mir liegt, mit vielen Hürden und Rückschlägen. Dieses Buch ist ein wichtiger Bestandteil meiner Reise und ein Zeichen dafür, dass ich bereit bin, aus einem Teufelskreis auszubrechen, der bereits vor mir in meiner Familie über Generationen hinweg existiert hat: bei meiner Mutter, meiner Oma und wahrscheinlich auch bei ihrer Mutter und ihrer Oma . . .

Allen Betroffenen möchte ich zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass unsere Vergangenheit nicht unser Schicksal ist. Jeder von uns besitzt die Stärke, einen anderen Weg zu gehen als den, der uns von Eltern, Verwandten und Bekannten vorgegeben wurde. Ich lade euch ein, mich auf diesem Weg ein Stück zu begleiten . . .

Angela im Dezember 2010

1. Kapitel: Frankfurter WG, 21. April 2010

»Laut Sanitäter war es der Patientin noch möglich gewesen, selbst zum Rettungswagen zu laufen. Während des Transports sei sie dann zunehmend eingetrübt . . . Der Rettungsdienst wurde durch einen Mitbewohner der Patientin gerufen, da sie 80 Tabletten um ca. 19 Uhr eingenommen habe. Eine Borderline-Störung ist bekannt, letzter stationärer Aufenthalt vor ca. sechs Wochen.«

Aus dem Klinikbericht der Intensivstation vom 21.04.2010

Ich sterbe. Mit gerade mal 18 Jahren an einem langweiligen Mittwochabend auf dem Fußboden meines Frankfurter WG-Zimmers.

Kein schöner Gedanke! Das mit dem Sterben nicht. Und das mit dem Alleinsein auch nicht. Beides macht mir Angst – trotz meiner Anti-Angst-Pillen, die ich gerade geschluckt habe. Deshalb rappele ich mich müde auf und wanke auf wackeligen Beinen aus meinem Zimmer in den Flur, dorthin, wo unsere WG-Couch steht, sozusagen in den allgemeinen Bereich unserer Wohngemeinschaft. Hier kommt jeder vorbei, der in die Küche oder zur Toilette möchte. Hier wird auch meine Lieblingsmitbewohnerin Katrin gleich auftauchen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt. Oder Fabi, wenn er in seinem Zimmer aufhört zu telefonieren. Klopfen möchte ich lieber nicht bei ihm – so eng sind wir nicht miteinander. Am besten setze ich mich aufs Sofa und warte.

Doch bis zu unserem gemütlichen Sofa komme ich gar nicht. Ich sacke davor zusammen, schlage hart mit dem Körper auf dem Fliesenboden auf. Dort bleibe ich liegen. So fühlt sich also Sterben an, denke ich und weine. Eigentlich weinen nur meine Augen, denn ich fühle mich gar nicht traurig. Genau genommen fühle ich mich gar nicht. Mein Körper führt ein Eigenleben: Er weint, atmet, lauscht, aber bewegt sich nicht, spricht nicht, liegt bloß da. Ein merkwürdiger Zustand. Da sein und weg sein gleichzeitig. Sogar der Gedanke an meine Freundin Lara tut gar nicht mehr weh. Selbst dieser Gedanke ist einfach nur da. Aber solange Gedanken da sind und Tränen kullern, bin ich wenigstens noch nicht gestorben. Oder?

Lara. Es ist schon komisch, wie nahe einem Menschen kommen, die man eigentlich nur übers Internet kennt. Ich meine Menschen, die man noch nie in seinem Leben getroffen hat, mit denen man aber trotzdem alles bespricht und die genau verstehen, was man meint oder wie es einem geht.

Lara ist so eine Freundin. Eigentlich würde ich sogar sagen, sie ist eine meiner engsten Freundinnen. Obwohl ich weder weiß, wo sie wohnt, noch, wie ihre Eltern aussehen oder auf welche Schule sie geht. Das interessiert mich alles nicht, weil es nicht wichtig ist. Nicht für uns.

Wir haben uns vor ungefähr zwei Jahren in einem Forum für Selbstverletzer kennengelernt, oder »Ritzer«, wie manche sagen. Damals war ich 16, Lara war ziemlich genau ein Jahr jünger. Sie hat mich einfach über ICQ angeschrieben, weil ihr mein Profil gefallen hat, und ich habe ihr geantwortet. Innerhalb kürzester Zeit wussten wir mehr voneinander als die Menschen, mit denen wir seit Jahren fast jeden Tag zu tun haben.

Seitdem schicken wir regelmäßig ausführliche, intensive Mails hin und her oder telefonieren stundenlang. Wir kennen unsere schlimmsten Geheimnisse. Lara hat mir von ihrer Kindheit erzählt. Von dem Stiefvater, der sie missbraucht und später auf den Strich geschickt hat. Von ihrer trinkenden, prügelnden Mutter, die ihr nicht helfen konnte. Von ihrem Drogenproblem, in das sie gerutscht ist, um die vielen Männer zu ertragen, die mit ihr Sex hatten, als sie noch ein Kind war.

Alles haben wir in den vergangenen Jahren miteinander geteilt. Jeden Höhe-, aber auch jeden Tiefpunkt des anderen. Immer wieder habe ich sie ermutigt, zur Polizei zu gehen und ihren Stiefvater anzuzeigen. Regelmäßig habe ich mit ihr darüber gesprochen – bis sie es endlich getan hat. Sie hat ihn angezeigt und lebt seitdem in einem Heim.

Damit war sie zwar ihre Familie los, aber wirklich besser ging es ihr nicht. Denn ihr Stiefvater fing an, sie massiv unter Druck zu setzen, damit sie vor Gericht den Mund hielt und nicht gegen ihn aussagte.

Ich weiß genau, wie Lara sich gefühlt hat: hin- und hergerissen zwischen zwei Gefühlen, die in einem toben. Da ist auf der einen Seite diese enorme Wut auf die Familie, die einen so schlecht behandelt. Und auf der anderen Seite die tiefe Verbundenheit, die einfach in einem steckt und die man kaum loswird. Es ist immerhin die eigene Familie.

Laras einziger Lichtblick wurde Lars. Sie hat ihn erst vor wenigen Monaten kennengelernt und war ziemlich verliebt. Er hat sie darin bestärkt, nicht wieder einzuknicken und der Familie all die schlimmen Dinge zu verzeihen, die sie Lara im Laufe der Jahre angetan haben. Er hat ihr die Kraft gegeben, gegen das Gefühl der Verbundenheit in ihrem Inneren anzukämpfen. Mit ihm hat Lara von einem besseren Leben geträumt. Sogar das mit dem Ritzen hatte sie durch ihn einigermaßen im Griff, wofür ich sie wirklich bewundert habe.

Bis der Unfall passierte. Vor wenigen Wochen ist Lars von einem Auto überfahren worden. Lara hat mir nie erzählt, wie es genau geschehen ist oder wer daran schuld war. Lars Tod hat etwas in Lara zerbrochen, glaube ich. »Mein Leben ist eben so, daran wird sich nichts ändern. Für mich ist kein Glück vorgesehen«, hat sie seitdem immer wieder gesagt. Und manchmal habe ich gedacht, dass es vielleicht stimmt, dass es Laras Schicksal ist, ständig in ein neues Unglück zu schlittern.

Ich konnte nichts tun, um meine Freundin aufzumuntern. Lara fing wieder an, sich zu schneiden. In den letzten Tagen sprach sie dann immer häufiger davon, sich umzubringen.

Das letzte Mal haben wir gestern Abend telefoniert. Sie war so kraftlos und deprimiert wie noch nie zuvor. »Ich kann nicht mehr!« Sie hörte gar nicht mehr auf zu weinen. Sie tat mir so leid. Aber wie soll man jemanden aufmuntern, der einen Albtraum nach dem anderen erlebt? »Ich will nicht mehr«, flüsterte sie. Das hatte ich von Lara schon öfter gehört. Aber diesmal klang es anders als sonst, ernster irgendwie, bestimmter. Ich spürte, dass es keine Möglichkeit mehr für sie war, sondern ein Entschluss. Deshalb bekam ich Panik und flehte sie an, mir etwas zu versprechen: »Tu dir bitte nichts an! Ruf mich an, wenn du meinst, du schaffst es nicht mehr. Ja? Versprichst du es mir? Ich lege das Telefon neben mein Bett. Du kannst mich jederzeit erreichen. Versprochen?« Sie hat es mir versprochen. Dass sie im Notfall anrufen würde. Dann haben wir aufgelegt.

Und heute meldet sich bei ihr nur die Mailbox. Seit heute Nachmittag, seit ich das Handy wieder anhabe, versuche ich schon, sie zu erreichen. Tagsüber war ich in der Tagesklinik in Behandlung, um mich psychisch zu stabilisieren. Dort bin ich jeden Tag und muss das Gerät wie in jeder anderen Klinik ausschalten.

Aber sobald ich in die Kliniklobby getreten bin, habe ich mein Handy aktiviert. Und seitdem wähle ich permanent Laras Nummer. In der Bahn. Im Bus. Im Hausflur. Ständig. Und jedes Mal kommt nur dieser Spruch: »Hallo, hier ist Lara. Hinterlasst mir eine Nachricht und ich rufe zurück.« Von wegen. Ich habe längst mehrere Nachrichten hinterlassen. Lara meldet sich nicht.

Ich bin mir sicher: Da stimmt was nicht!

Sobald ich das denke, ist es, als würde mein Magen einen Stromschlag bekommen. Außerdem fühlt es sich an, als setzte sich jemand auf meinen Brustkorb. Das Atmen wird anstrengend, ich schnaufe bloß noch, als ich die letzten Stufen zu unserer Wohnung nehme. Diese Scheiß-Angst! Dabei will ich sie gar nicht in meinem Körper haben.

Ich versuche, sie wegzuatmen. Lächerlich. Versuche, mit den Augen zu blinzeln, um die Tränen zurück in den Kopf zu drängen.

Vor lauter Aufregung treffe ich mit meinem Schlüssel kaum das Schlüsselloch, als ich endlich zu Hause ankomme. Eilig stürze ich durch den Flur in mein Zimmer, werfe Jacke und Tasche einfach auf den Boden. »Bleib doch ruhig!«, ermahne ich mich, während ich hektisch meinen Computer einschalte. Schnell einloggen! Vielleicht erwische ich Lara im Netz. Zuerst schaue ich bei studiVZ. Aber da gibt es keine Lara mehr. Was? Nicht unter meinen Freunden und auch nicht, wenn ich sonst nach ihr suche. Mein Herz rast. Schnell: wer-kennt-wen.de. Erst gestern haben wir uns noch geschrieben, doch auch hier sind heute alle Spuren von ihr getilgt. Lara ist verschwunden, nicht mehr zu erreichen – weder übers Telefon noch im Netz. Sie muss in der Nacht oder heute früh ihre Daten gelöscht haben! Was soll das?

Vor lauter Angst bekomme ich keine Luft mehr. Normalerweise schaltet Lara nicht mal in der Nacht ihr Handy ab, um keinen Anruf zu verpassen. Wieso ist es ausgeschaltet? Ich stehe wieder auf, rufe sie noch einmal an: »Hallo, hier ist Lara . . .«

Ich bekomme meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle, ebenso wenig meine Gedanken und meine Gefühle. Ich werde zu einem Luftdruckkessel kurz vor dem Platzen. Mein Inneres ist eindeutig zu klein für all die Kräfte, die jetzt durch mich hindurchjagen. »Atmen! Ich muss ruhig atmen!«, befehle ich mir. »Und ich muss mich bewegen.«

Schnaufen! Bewegen!

Rastlos laufe ich in meinem Zimmer auf und ab. Dann greife ich nach dem blauen Massageigel-Ball auf meinem Schreibtisch und drücke so fest zu, dass es wehtut. Das soll von meinen inneren Schmerzen ablenken, sagen die Therapeuten. Aber heute hilft es nicht. Gar nichts hilft.

Mittlerweile kann ich auch die Tränen nicht länger zurückhalten. Ich kann nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Meine Umgebung wird ganz unscharf, watteweich, unwirklich.

»Atmen!«, befehle ich mir. »Ruhig atmen!« Gerade am Vormittag haben wir in der Tagesklinik Atemübungen gemacht, die gegen Stress wirken sollen. Jetzt stelle ich fest: Im Notfall helfen sie mir nicht. Noch versuche ich, meine Fassung zurückzuerkämpfen. Vielleicht hat sie sich ja gar nichts angetan? Vielleicht mache ich mir ganz umsonst Sorgen und sie braucht einfach nur mal Zeit für sich?

Schon während ich das denke, weiß ich, dass es nicht stimmt. Ich fühle es. Und ich verstehe es. Ich verstehe, dass das Leben manchmal zu anstrengend ist und dass es irgendwann nicht mehr reicht, den Druck abzulassen. Zum Beispiel, indem man sich in den Arm schneidet. Natürlich verstehe ich es. Schließlich haben Lara und ich dieselbe Störung.

Lara kannte das Bedürfnis, sich schneiden zu müssen, und wusste, wie man sich fühlt, wenn Fremde die Verletzungen sahen. Sie war die Einzige, die all das wirklich mitfühlen konnte. Weil es ihr genauso ging wie mir. Nun erreiche ich sie nicht. Und weil ich sie nun nicht mehr erreiche, weil sie nicht mehr bei mir zu sein scheint und ich nichts dagegen machen kann, ist es, als wäre ich plötzlich alleine auf der Welt. Diese Vorstellung erwischt mich wie ein Paukenschlag. ICH BIN ALLEINE AUF DER WELT! Klar, es gibt meine Mutter, aber die ist nicht wirklich für mich da, auch wenn sie sich in letzter Zeit zunehmend darum bemüht. Und ich habe meine besten Freundinnen Elina und Lisa. Aber Lisa und Elina sind nicht Lara! Nur Lara versteht wirklich, wie verwüstet sich mein Inneres oft anfühlt. Dieser Gedanke zieht alle Energie aus meinem Körper. Ich bin plötzlich wie tot. Außen und innen. Kraftlos lasse ich mich auf mein großes weiches Bett fallen. Es ist frisch mit meiner schönen neuen Blumenbettwäsche bezogen. Einen kurzen Moment sehe ich nur noch Blumen um mich herum – helle bunte Blumen, die meine Tränen aufsaugen.

Ich mag meine Bettwäsche. Normalerweise mag ich mein ganzes Zimmer. Immerhin ist meine Frankfurter WG mein erstes eigenes Zuhause. Es ist gemütlich. Mit rosa Wänden und hellen Möbeln – ganz freundlich. Ich bin stolz darauf, mir eine eigene kleine Wohlfühl-Oase, weit weg von meinem engen Heimatdorf und meiner Mutter, geschaffen zu haben. Ein richtiges Prinzessinnen-Zimmer, obwohl ich gar nicht so ein Prinzessinnen-Typ bin. Rein optisch vielleicht ein bisschen wegen meiner langen blonden Haare.

Aber ich bin nicht zimperlich oder so. Ich mache allen Quatsch mit. Reiten ist mein liebstes Hobby. Überhaupt liebe ich Tiere. Allerdings lese ich auch gerne oder schreibe Gedichte. Und ich gehe gerne shoppen. Aber nie so, dass ich auf meinem Konto ins Minus gehe, da habe ich mich im Griff. Oft kommen Lisa und Elina mit. Ich habe sie vor drei Jahren auf der Realschule kennengelernt. Meine ersten echten Freundinnen! Sie sind Engel! Vor ihnen – auf der Grund- und Hauptschule – wurde ich nämlich nur gemobbt und hatte kaum Freundinnen. Mit Lisa und Elina wurde alles anders.

Wenn ich an sie denke, erscheint mir mein Leben plötzlich gar nicht mehr so trostlos. Schnell versuche ich, mir weitere Dinge ins Gedächtnis zu rufen, über die ich mich freuen sollte. Zum Beispiel habe ich im Sommer vergangenen Jahres einen ziemlich guten Realschulabschluss geschafft, mit dem ich problemlos einen Ausbildungsplatz in einer großen deutschen Bank bekommen habe. Das ist zwar nicht unbedingt mein Traumjob, aber immerhin der Traumjob meiner Mutter. Ihr war es wichtig, dass ich etwas »Vernünftiges« lerne. Und sie war zum ersten Mal so stolz auf mich, dass ich es spüren konnte. Das hat mich gefreut. Und für mich war es die Gelegenheit, zu Hause auszuziehen. Raus aus dem kleinen, piefigen Dorf in die spannende Großstadt Frankfurt.

Ich krame nach noch mehr positiven Dingen in meinem Gedächtnis, so wie es meine Therapeuten für solche Situationen empfohlen haben. Aber je mehr ich danach suche, desto weniger fällt mir ein. Stattdessen denke ich daran, dass ich seit fünf Monaten bei der Bank krankgeschrieben bin. Meine Mutter war natürlich enttäuscht, als ich es ihr erzählt habe. Aber es ging wirklich nicht mehr. In den Kundengesprächen musste ich mir ständig das Heulen verkneifen, weil ich so fertig war. Die schlimmen Erlebnisse von früher, die wieder hochkamen, die neue Stadt, der Bankjob, der eigentlich gar nichts für mich war – das alles hat mich dermaßen überfordert, dass ich immer antriebsloser wurde. Sogar essen wollte ich nicht mehr. Nur manchmal hatte ich richtige Fressattacken. Ich war total durcheinander und wurde trauriger und trauriger. Mein Leben erschien mir überhaupt nicht mehr lebenswert. Es war nur noch anstrengend und belastend. Ungefähr im November 2009 – der Torwart Robert Enke hatte sich gerade wegen schwerer Depressionen das Leben genommen – beschloss ich, mir psychologische Hilfe zu suchen. Weil ich mich so traurig fühlte und weil ich nicht mehr essen konnte.

Im Internet fand ich eine Klinik für Essstörungen, nicht weit von Frankfurt entfernt. Sie lag gemütlich in einem riesigen Park und sah sehr freundlich aus. Ich meldete mich, ohne lange darüber nachzudenken, an. Etwa einen Monat später sollte ich dort aufgenommen werden.

Sobald ich das wusste, kümmerte ich mich um ein offenes Gespräch mit meinem Filialleiter, der sehr verständnisvoll und freundlich reagierte. Vielleicht auch, weil durch Robert Enkes Selbstmord Depressionen gerade das Hauptthema in Deutschland waren. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich ließ mich krankschreiben und am 22. Dezember 2009 begann ich dann meine erste Therapie.

Das habe ich alles alleine geschafft! Darauf kann ich stolz sein. Und meine Therapeuten sagen, dass man daran sehen könne, wie viel Kraft in mir steckt. Aber jetzt spüre ich nichts von dieser Kraft.

Ich liege alleine in meinem Zimmer, den Kopf in der Blumenbettwäsche vergraben. Und plötzlich fühlt sich das Zimmer auch nicht mehr freundlich an. Sondern einsam. Wenn wenigstens Katrin endlich von der Arbeit nach Hause käme! Mittlerweile bestehe ich nur noch aus Angst zu platzen, den Druck nicht mehr auszuhalten, keine Luft mehr zu bekommen.

Die schrecklichen Gedanken überrennen mich: Lara hat sich das Leben genommen! Lara hat sich das Leben genommen! Sie hat so oft davon gesprochen. Nun hat sie es getan. Warum sonst sollte sie sich bei studiVZ und wer-kennt-wen abgemeldet und ihr Handy ausgeschaltet haben? Dabei hat sie mir versprochen, sich zu melden, wenn es ihr noch schlechter geht! Sie hat es versprochen! Und ich weiß nicht mal, wo ich anrufen und mich nach ihr erkundigen könnte. Ich habe sie nie nach ihrer Adresse gefragt. Ich weiß nur, dass sie in einem Heim lebt – irgendwo in Deutschland.

Mein Schmerz wird immer stärker. Ich halte ihn kaum mehr aus. Auch der Druck wird zu Schmerz. Schmerz. Leere. Druck. Es ist ein Gefühlsdurcheinander, das mich irgendwie aus mir herauskatapultiert. Ich gleite langsam in einen tranceartigen Zustand, in dem sich mein Körper wie eine Hülle anfühlt. Denken kann ich nun nicht mehr. Ich bin eine bewegliche, handelnde Hülle. Meist greift diese Hülle irgendwann ganz von allein zu dem Teppich-Messer, das, in ein Handtuch eingewickelt, versteckt in meinem Schrank liegt. Neben einem Desinfektionsmittel und einer Heilsalbe. Aber diesmal nimmt sich die Hülle ganz automatisch die schwarzrote Pappschachtel aus dem Schrank. Meine private Notapotheke mit Aspirin, Halstabletten, manchmal Hustensaft und unzähligen weißen Tablettchen, minimal größer als die Süßstoff-Tabletten, die meine Mutter früher in ihren Kaffee geworfen hat, um schlank zu bleiben.

Meine kleinen weißen Tabletten sollen dafür sorgen, dass ich mich besser fühle und mich nicht ständig selbst verletze. Vorsichtig streichele ich über meinen linken Arm – er ist übersät mit Narben. Jede ist etwa vier Zentimeter lang. Und sie liegen so dicht beieinander, als wären sie meine natürliche Musterung – wie die Streifen bei einem Tiger. Streifen an Streifen an Streifen. 182 habe ich neulich mal gezählt – zusammen mit den Narben auf den Beinen. Die feinen Linien auf der Haut sind 182 Zeugen von Momenten, in denen der Druck zu groß wurde und ich mir Entspannung verschaffen musste. Wie jetzt. Aber diesmal brauche ich eine andere Form der Entspannung. Diesmal müssen die weißen Pillen helfen. Das hat meine Körperhülle beschlossen, die einfach handelt und gar nicht fragt, ob mein Kopf das will.

Ich drücke die erste Tablette aus der Packung. Sie klackert auf meinen Schreibtisch. Die nächste. Klacker-di-klacker. Noch eine. Klacker-klacker. Bis etwa zehn kleine Pillchen vor mir liegen.

Auf dem Beipackzettel steht: »Der Inhaltsstoff besetzt im Gehirn verschiedene Bindungsstellen für Botenstoffe und verändert damit den Einfluss dieser Botenstoffe auf den Gehirnstoffwechsel. Das Medikament wirkt ausgleichend, beruhigend und angstlösend.« Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Beruhigung und Angstlösung. Kurz überfliege ich auch die Nebenwirkungen: »Mundtrockenheit, Schwindel, Müdigkeit, Blutdruckabfall, Herzrasen.« Mein Herz rast ohnehin schon. Die Nebenwirkungen sind mir egal. Außer Druck spüre ich eh nichts. Und der treibt mich voran.

Ich schlucke die zehn Tabletten mit einem Mal herunter. Das kann ich gut, Pillen schlucken. Ich weiß, manche haben damit Probleme. Ich nicht. Klacker-di-klacker. Und wieder. Klacker-di-klacker. Gleich muss das wohlige Gefühl kommen. Gleich müssen der Schmerz, der Druck und die Angst nachlassen. Klacker-klacker. Mir wird allmählich schwummerig, aber das bedrückende Gefühl lässt nicht nach. Plötzlich fühlen sich die Pillen so trocken in meinem Mund an. Wie kleine Kieselsteinchen. Ich beschließe, mir etwas zu trinken aus der Küche zu holen. Vorsichtig taumele ich über den Flur. Ganz schön wackelig bin ich unterwegs! Warum wirken die kleinen Pillen denn nur in den Beinen? Sie sollen mir den Druck nehmen! Nichts anderes, nur bitte schnell diesen unerträglichen Druck nehmen.

Vor der Hausbar meines Mitbewohners Fabian bleibe ich stehen. Vielleicht helfen die Pillen schneller, wenn ich Alkohol dazu trinke. Das weiß man ja: Alkohol betäubt die Sinne. Fabi hat ein ganzes Regal voller Alkohol. Für irgendwelche Partys. Auf unseren Feiern bin ich immer die Vernünftige. Ich trinke nie! Und ich passe sogar auf, dass die anderen nicht zu viel trinken.

Aber nun suche ich mir eine weiße Glasflasche aus. Wodka. Na bitte! Fabian hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich mir etwas davon nehme. Und ich nehme gleich einen kräftigen Schluck. Ganz schön ekelhaft. Und es brennt! Ich keuche, ringe einen Moment lang nach Luft. Aber es hilft, die weißen Pillchen besser zu schlucken. Also kommt die Flasche mit ins Zimmer – und weiter geht’s: klacker-di-klacker-di-klacker . . . insgesamt 80 Tabletten landen vom Tisch in meinem Mund, in meinem Bauch.