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Naevis Halberg wird durch unglückliche Umstände in eine Geschichte des Verrats, der Systemgläubigkeit hineingezogen. Dabei wird offenbar, das in der Solaren Union nichts so scheint, wie es ist. Oder noch schlimmer? Wer oder was regiert die Menschheit?
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2026
Impressum neobooks
DARK ANGEL - Der wiedererwachte Feind
Andreas Meckel
Buchbeschreibung
Titel: DARK ANGEL – Der wiedererwachte Feind
Zeitraum: 2360–70, vereinte Erde
Genre: Science-Fiction / Thriller
Handlungskern:
Nævis Halberg, alias DARK ANGEL, operiert als verdeckte Agentin gegen die Neo-Utopists, eine hochentwickelte, geheime Organisation. Jede Mission ist lokal begrenzt, da zwischen Städten wie Kuala Lumpur, Santiago de Chile und Tokio keine schnellen Ortswechsel möglich sind. Die Gegner sind menschlich, intelligent und gefährlich, was die Konflikte greifbar und taktisch anspruchsvoll macht. DARK ANGEL nutzt technologische Modifikationen, darunter einen modifizierten Kampfanzug mit Notluftversorgung und Filtersystemen, die allerdings offiziell bei der MEGA registriert sein müssen.
Ton & Atmosphäre:
Urban-dystopisch, spannend, moralisch ambivalent. Die Geschichte legt den Fokus auf strategische Planung, urbane Action, psychologische Spannung und die subtilen Machtspiele zwischen Heldin und Gegner.
Schlüsselthemen:
Macht, Kontrolle, Isolation der Städte, technologische Überlegenheit versus menschliche List, Wiederkehr alter Bedrohungen, taktische Planung und persönliche Verantwortung in einer futuristischen Gesellschaft.
Über den Autor
Andreas Meckel wurde 1968 in Seeheim-Jugenheim geboren, aufgewachsen ist er im Saarland und hat dort seinen größten Teil der Jugend verbracht. Meckel hat einige Jahre in Paraguay gelebt, dort wurde er von Einheimischen in die Scharmanismuslehre aufgenommen.
Angefangen mit seiner Schreiberei hat er mit 16 Jahren. Sein erstes Buch war ein Fantasyroman und trug den Titel Savarenna. Seine Werke sind facettenreich und umfassen meist 400 Seiten.
Der Autor wird nicht ohne Grund als Wanderer zwischen den Genres bezeichnet. Es gelingt ihm mühelos mit seinem eigenen Erzähl- und Schreibstil die Leserschaft zu begeistern. Geschichten wollen erzählt und somit erlebt werden, dies gelingt ihm durch alte Legenden und realen Spielstätten. Zu seinen literarischen Leidenschaften zählen Horror, Fantasy, Mystery Horror und ganz besonders Science Fiction. Das Monster im Schatten und MEGA: Aufbruch zu neuen Ufern sind seine aktuellen Meisterwerke. Inspiration holt er sich bei seinen Reisen, sowie seinen Erfahrungen in über 30 Berufen. Japanische und koreanische Klänge sind für Ihn beim Schreiben wie Medizin.
Er ist Ratgeber für die Entstehung von Charaktere, gibt Tipps in Tutorials und ist Mitglied im Spielekreis Darmstadt. Seine Motivation zu schreiben ist den Kultstatus unter Science-Fiction-Fans zu erlangen.
DARK ANGEL - Der wiedererwachte Feind
Der neue Bestseller
Andreas Meckel
Phantastic Arts, Seeheim
1. Auflage, veröffentlicht 2026.
© 2025 Andreas Meckel – alle Rechte vorbehalten.
Phantastic Arts, Seeheim
Sandstraße 63
64342 Seeheim-Jugenheim
Ein herzliches Hallo an den ehrenwerten Leser. Ja, eigentlich sollte man als Schriftsteller seine Fans nicht mit solch geöffneten Armen begrüßen, aber wenn sie sich dieses Buch gekauft haben, sind sie entweder schon ein Anhänger meiner Form der Literatur, oder sind gerade dabei einer zu werden.
Dieser Roman hier richtet sich vornehmlich an die Liebhaber guter Literatur. Obwohl ich zugeben muß, in der Zeit, in der dieses Buch entstanden ist, habe ich noch keinen einzigen Literaturpreis für meine Arbeit erhalten. Was ich für mich persönlich nicht weiter schlimm empfinde, denn ich schreibe für die Kunst, nicht für den eigenen Ruhm.
Dieses Buch ist das erste Buch einer Subserie zur bekannten Space Opera COSMIC DUST, die gleichfalls aus meiner Feder stammt. Dies hier ist auch nicht die erste Subserie dieser fantastischen Opera, sondern eine von vielen. Wie lang sie genau wird, kann ich jetzt noch nicht sagen, da ich mit dieser, fast gleichzeitig zur Hauptserie ablaufenden Geschichte dem werten Leser ein wenig die Welt näher bringen möchte, in der die oben genannte Space Opera spielt.
Ich möchte sie mit diesem Buch auch nicht dazu verführen, meine anderen Bücher zu kaufen, doch möchte ich darauf hinweisen, daß man nicht unbedingt die anderen Bände der Space Opera gelesen haben muß, um mit diesen Abenteuern hier zurechtzukommen.
Inwieweit hat sich die Menschheit verändert? Diese Frage stellt man sich mehrmals täglich, wenn man sich einmal überlegt, wie andere Science-Fiction-Autoren die Zukunft sehen. Da muß ich noch nicht einmal auf Deutschland schlechteste Science-Fiction zurückgreifen, um einige Beispiele zu liefern. Doch mir geht es an dieser Stelle nicht um den Vergleich, sondern darum, aufzuzeigen, weshalb die Welt nun einmal so ist, wie sie ist. Die Zukunft ist die Zukunft, werden sie sagen.
Doch ist dem wirklich so? Ist es nicht eher so, das wir die Zukunft mit jeder Handlung, die wir tun, mit jedem Wort, welches wir sagen oder nichtsagen, in den historischen Ablauf der Zeit eingreifen? Die Zukunft der Menschheit kann ein rosiges Paradies sein, ein Schlaraffenland, eine Welt, in der man gerne leben möchte. Oder ein tiefschwarzer, dystopischer Abgrund, in dem ein Menschenleben nicht einmal den Fingerzeig Gottes Wert ist.
Unsere Welt hat eine Zukunft, wenn wir diese zulassen. Wenn wir die Leute Entscheidungen treffen lassen, die am ehesten dazu prädistiniert sind. Auch in der Zukunft, die ich beschreibe, gibt es Berufspolitiker. Vielleicht sind diese sogar schlimmer als jene, die wir aktuell, heute, haben. Vielleicht sind sie aber auch besser, ehrlicher, ehrenvoller, vertrauenswürdiger! Wer kann das schon sagen?
Ich jedenfalls maße mir nicht an, über die Menschheit der Zukunft zu richten. Ich will eher über sie berichten. Über ihr Leben, ihre Lebensweise, ihren Lebensstil, und ob diese Zukunft wirklich ein himmlisches Paradies oder den Vorhof zur Hölle darstellt.
Diese Entscheidung, ehrenwerter Leser, überlasse ich ihnen. Ich möchte, das sie für sich selbst die Möglichkeit nutzen, und sich einmal überlegen, ob sie in einer solchen Welt, wie ich sie beschreibe, gerne leben möchten. Und ob sie bereit sind, dafür genauso einzustehen, wie es meine Heldin dieser Geschichte tut.
An dieser Stelle muß ich vorausschicken, das es eine autorenliterarische Marotte meinerseits ist, weshalb in meinen wirklich wichtigen Romanen eher Frauen die Hauptrolle spielen. Von meiner Seite her sollte man dies als kleine Verbeugung vor all dem sehen, was Frauen für die Welt tagtäglich tun und für unsere Zivilisation ertragen. Ich ehre die Frauen meiner Welt, die genauso gut die Ihrige ist, dadurch, in dem ich meine Heldinnen in nahezu unlösbare Abenteuer werfe.
Deshalb möchte ich auch darauf hinweisen, das diese Zukunft, so rosig sie auch erscheinen mag, auch ihre dunklen Seiten hat. Doch darauf werde ich im Verlauf des Romans noch Bezug nehmen. Denn wie jedes Paradies hat auch diese Welt ihre Schattenseiten.
Diese Geschichte spielt nicht an einem fernen Ort in irgendeiner Galaxis, sondern auf dem Planeten Erde. In unserem Solsystem. In einem Sonnensystem, das nach wie vor seine acht Planeten, und seinen Zwergplaneten, hat. Einem Sonnensystem, in dem es aber mittlerweile zur Normalität geworden ist, mal eben mit einem Shuttle auf den Mars oder dem Mond zu fliegen. Die Technologie ist der unserer Jetztzeit gegenüber weit fortgeschritten, aber nicht auf einem Niveau, wie man es von Star Trek oder vielleicht Star Wars her kennt. Diese Welt ist fortschrittlich, auch im Sozialen. Es gibt keine Diskriminierung mehr, und Arbeiten muß nur derjenige, der dies wirklich will. Aber auch dazu werde ich im Verlauf des Romans entsprechende Anmerkungen machen.
Ich habe nicht vor, dem Leser jetzt schon einige Überraschungen zu verderben, deshalb deute ich nur an, und spreche noch nicht aus, was im Verlauf dieser Geschichte bestimmt ausgesprochen wird. Denn auch eine Welt, die keine soziale, gesellschaftliche, oder sonstige Diskriminierung und Mißachtung kennt, kann ihre Fehler haben. Auch eine solche Welt kann in sich das Böse beherbergen. Auch eine solche Welt kann sich als Albtraum entpuppen, wenn nur die Würfel ein einziges Mal falsch fallen.
In diesem Sinne wünsche ich ihnen, ehrenwerter Leser, ehrenwerter Anhänger, ehrenwerter Bewunderer, sehr viel Spaß mit nachfolgendem Roman. Sie werden alles darin finden, was sie auch in Sachen Thriller so begeistert. Mord, Todschlag, Verrat, Korruption, Betrug. Was sie sich nur vorstellen können ist möglich. Dieser Roman soll eine Brücke zwischen herkömmlicher Science-Fiction und dem althergebrachten Thriller sein. Jedoch nicht im Sinne eines Phillip K. Dick.
Warum ich dies an dieser Stelle erwähne? Nun, lieber Leser, es ist der Erwähnung leider notwendig, damit diese Geschichte nicht mißverstanden wird. Phillip K. Dick schrieb seine Geschichten teilweise im Wahn, in einer Phase der seelischen Unausgeglichenheit, in der er Dinge wahrnahm, die normale Menschen nicht einmal im Traum fühlen würden. Und ich habe es Phillip K. Dick zu verdanken, das ich mich an eine solche Geschichte überhaupt getraue. Ich sehe seine Werke als Wegweiser für die moderne Science-Fiction-Literatur. Und hoffe mit diesem Buch hier eine erste Brücke zwischen seinen wirklich schwarzen Dystopien und einem etwas hellerem Universum zu schlagen.
03. Dezember 2025
Andreas Meckel
Das Shuttle schien aus dem blauen Himmel steil herunterzufallen. Nichts schien seine brennende Fahrt bremsen zu können. Der Schiffskörper war um vielleicht zehn Grad nach oben geneigt, damit die Hitzekacheln auf der Unterseite die aufkommende Hitze durch die atmosphärische Reibung aufnehmen und kompensieren konnten. Das kleine Raumschiff bot vielleicht für zwei Dutzend Passagiere Platz, und es kam auch noch nicht einmal von sonderlich weit her. Gestartet war es auf dem Mond, in Armstrong, der selenitischen Hauptstadt. Die Piloten des Shuttles waren Vollprofis.
Das Shuttle kam noch ein wenig tiefer in die Atmosphäre, und nun wallte das rote Plasma um die Front des schmalen, sehr schnellen Geschosses, auf, verdichtete sich und wurde von einfachem rot zu einem fast weißglühendem Nebel, der das gesamte Raumschiff zu umspielen schien.
Die Piloten lösten die Automatik aus, die die Stummelflügel entfalteten. Damit wurde der Schiffskörper in seinem Bremsmanöver noch mehr verzögert, und das weiß glühende Plasma begann seine Farbe und Temperatur zu verändern. Jetzt war man kurz davor, die oberste Wolkenschicht des Planeten zu durchstoßen.
Die Wolken waren dicht und schwer, sie wirkten wie die Vorboten eines schweren Sturmes. Doch dies war nur die graue Farbe an ihrer Oberseite. Das flinke Shuttle durchstieß diese Wolkendecke nun nicht mehr so stark angewinkelt, sondern schon fast wieder in einer Fluglage, die mehr der eines Flugzeuges glich. Wenn sich auch dieses Flugzeug mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit zu bewegen schien.
Kaum das das kleine Raumschiff die Wolken hinter sich gelassen hatte, konnte man unter ihm das dunkle Blau des Atlantiks erkennen. Noch immer bewegte sich das Shuttle mit einer scheinbar ungebremsten Macht dem Boden entgegen. Hier wohl eher der Wasseroberfläche. Doch die Piloten wußten sehr genau, was sie taten. Scheinbar ungebremst hielt das kleine Raumschiff seine Höhe, bevor es dann seine Flügel noch ein wenig weiter ausfuhr.
Nun war die bremsende Wirkung der Flügel deutlich zu spüren. Das Plasma, welches vorher noch die Nase des Shuttle umspielt hatte, verlor von einem Moment zum anderem seine Farbe und verging einfach zu einem weißen Rauch, der spurlos unterging. Die Piloten hoben erneut die Nase des kleinen Raumschiffes wieder ein wenig an, während sie gleichzeitig die vorderen Düsen zündeten. Die gleiche Front, die vorher vom Plasma gerötet worden war, verwandelte sich nun in eine rote Flammenzunge, die fast die ganze Shuttlelänge voraus leckte, und dem aus dem Himmel fallenden Objekt endlich eine etwas andere Art von Bremswirkung bescherte.
In Sichtweite kam nun ein Objekt mitten auf dem atlantischen Rücken. Das Gebilde war gewaltig. Seine Außenmaße mochten mehrere Dutzend Kilometer sein, und dies auf allen Seiten. Dieses Objekt schien auf dem Wasser zu schwimmen, doch dies tat es nicht.
Das Objekt war Atlantia, die vor über zweihundert Jahren gebaute Hauptstadt der solaren Union. Ein Wahrzeichen der technischen Meisterleistung, zu dem die MEGA im Allgemeinen befähigt war. Doch vielmehr war diese gewaltige Metropole ein Zeichen für den menschlichen Geist, der sich nicht einmal von den schrecklichen Stürmen des Atlantiks in seinem Tun aufhalten ließ.
Die Bremstriebwerke hatten ihren Dienst erfüllt. Die Flammen verloschen. Die Piloten gingen nun in eine sanfte Kurve über backbord, um dadurch weitere Fahrt aus ihrem Flugobjekt zu nehmen. Hierbei bekam man ein sehr gutes Bild der nun unter dem Raumschiff erscheinenden Stadt.
Atlantia war gewaltig. Der Süden wurde von einem nicht gerade klein zu nennenden Hafen dominiert, neben dem sich eines der Logistikzentren anschloß. Direkt daneben gab es eines jener Viertel, die man wohl eher als reinen Lagergrund bezeichnen würde. Hier gab es mehrere Dutzend Stockwerke hohe Lagerhäuser, die kleinsten nur wenige hundert Meter lang, die größten maßen mehrere Kilometer. Um dieses Logistikzentrum und das direkt daneben befindliche Lagerviertel hatte sich für alle sichtbar der normale Verkehr eingestellt. Hier fuhren ständig irgendwelche Transporter ab, egal nun, ob sie große oder kleinere Mengen transportierten. Alle Waren, die am Hafen ankamen, waren für diesen vor Leben pulsierenden Moloch gedacht, den die Menschheit ihre Hauptstadt nannte.
Das Shuttle beendete seine erste Umkreisung. Allmählich wirkte sich die Luftdichte in zwanzig Kilometern Höhe erfolgreich aus. Das kleine Raumschiff begann nun mit relativen Werten zu verzögern. Die normale Atmosphärenbremsung griff nun endlich vollständig. Je langsamer das Shuttle wurde, umso enger wurde auch sein Spiralflug um die unter dem Schiff liegende Stadt.
Je tiefer man kam, umso mehr Wahrzeichen waren zu erkennen. Zentral, in der Mitte dieser gewaltigen Metropole lag der Regierungssitz. Auf seiner Parzelle, die über einen Kilometer Kantenlänge besaß, war dieses verschachtelte Gebäude eines der wenigen modernen Wahrzeichen der Menschheit. Der Außenbereich wurde von einem Halbbogen gebildet, der ungefähr zwei Kilometer in die Höhe ragte. Auf dessen Rückseite befand sich die wohl größte bekannte Solaranlage des Sonnensystems. Allein mit der Solarkachelung dieser Wand wurde das komplette Regierungsviertel, welches sich auf der Innenseite und davor in den deutlich kleineren Gebäuden befand, mit der Energie versorgt, die es für seine Aufgaben benötigte.
Vor dem halbkreisförmigen Bogen, der so weit in den Himmel ragte, befanden sich drei Dutzend größere und kleinere Gebäude. Ein jedes beherbergte ein Ministerium. Zwischen den Gebäuden gab es baumbestandene Wege, und ein kleines Straßennetz, welches jedoch nur von Radfahrern benutzt werden durfte.
Folgte man dem Blick vom Regierungsviertel nach Norden, erkannte man zwei Parzellen weiter den Platz der Freiheit. In der Realität war dieser Platz über zehn Kilometer vom Regierungsviertel entfernt, und maß selbst in seinem Durchmesser fast volle fünf Kilometer. Rund um diesen gewaltigen Platz führte die Stadtautobahn für den bodengebundenen Verkehr. Über mehrere Fußgängerbrücken konnte man den Triumphbogen in der Mitte des Platzes erreichen. Dieser Bogen war im alten französischen Stil gehalten, war ungefähr einen halben Kilometer hoch, und an seiner Außenseite waren in kleinen Marmortäfelchen die Namen all jener aufgebracht, die während des letzten Bürgerkriegs, und des Kriegs gegen die Autorität, weitere dreißig Jahre vorher, für die solare Union und ihre Prinzipien gefallen waren.
Das Shuttle sank ein wenig tiefer.
Endlich war es auf Unterschall heruntergebremst. Es war immer noch viel zu schnell, um mit der Landeprozedur zu beginnen, außerdem befand es sich noch viel zu hoch. Dies hinderte die Piloten dennoch nicht daran, bei ihrer jetzigen Platzrunde, ihr Shuttle so zu kippen, damit ihre Passagiere die wahre Schönheit der Hauptstadt sehen konnten.
Wenn man jetzt aus dem Fenster des kleinen Raumschiffs hinunter auf die Hauptstadt sah, erkannte man fast vierzig Arkologien, die scheinbar das eigentliche Zentrum zu umschließen schienen. In der Mitte das Regierungsviertel, und danach mehrere Ringe an gewaltigen Arkologien, die für die Bewohner der Hauptstadt gleichzeitig auch Heimat waren. Der dritte Ring wurde vom Platz der Freiheit unterbrochen, dessen Triumphbogen halb so hoch wirkte wie die ihn umgebenden Arkologien. Doch dies täuschte. Der Bogen war vielleicht nur ein Fünftel so hoch, wie die ihn Arkologien, die ihn regelrecht eingekreist hatten.
Nach dem dritten Ring der Arkologien folgte ein gewaltiges Gebiet, welches dem ähnlich sah, welches das Regierungsviertel indirekt auch noch umgab. Man sah es erst, wenn das Shuttle auf etwa zehn Kilometer Höhe herabgestiegen war. Das Regierungsviertel wurde von einem Park umgeben, der gut eine Parzelle breit war. Dieser Ring aus Parkanlagen, die teilweise wie im alten Frankreich oder auch im viktorianischen England gearbeitet waren, offenbarte jedem Besucher die Schönheit einer Stadt, wie man sie kaum für möglich hielt. Und ein weiterer dieser Gründlandringe schloß sich hinter der dritten Reihe der Arkologien an, die mit ihrer Macht, ihrer Härte das Regierungsviertel regelrecht umschlossen wie die schützenden Schalen einer Muschel.
Der zweite Ring an Parks, der die durch die Arkologien gekennzeichneten Wohngebiete hervorhob, stellte eine Art gewaltiger Pufferzone dar. Im Nordwesten schloß sich hier der gewaltige Raumhafen der MEGA an. Ein gewaltiger Raumhafen, der in einem militärischen, und einem zivilen, Bereich aufgeteilt war. Auf dem militärischen Raumhafen herrschte nicht sehr viel Betrieb, gerade hob dort, gut sichtbar für die Passagiere des Shuttles, ein ganzer Schwarm schwerer Raumjäger ab. Seit dem zweiten Bürgerkrieg, der vor dreiundzwanzig Jahren endete, hatte man sich angewöhnt, besonders die Hauptstadt beständig auch aus der Luft heraus zu beschützen. Zu viel war in der Vergangenheit passiert.
Kein Politiker wollte eine Wiederholung der Umstände, die in der Vergangenheit bereits schreckliche Nebenwirkungen nach sich zogen. Unweit des MEGA-Raumhafens gab es das irdische Hauptquartier der MEGA. Ein Glaskasten, etwa zwei Kilometer Kantenlänge, aber dafür volle fünf Kilometer hoch gebaut. In drei Kilometern Höhe hingen an der Außenwand gigantische Leuchtbuchstaben, die bei Tag einfach nur schwarze Lettern waren.
MEGA.
Gegenüber dem Raumhafen befand sich der Zoo der Hauptstadt. Diese Anlage war die Heimat für sehr viele Tierarten. Nicht nur irdische, sondern auch sehr viele von außerhalb. Darunter auch einige seltene Tiere, die es eigentlich kaum noch gab, oder die auf ihren eigenen Heimatwelten als ausgestorben oder im austerben begriffen definiert waren. Insgesamt belegte der Zoologische Garten auch nur eine einzige Parzelle der gewaltigen Stadt, doch folgte man der sich hier anschließenden Hauptstraße nach Westen, kam man an eines der ersten Wohngebiete. In der Vergangenheit waren diese Wohngebiete auf dieser Seite der Stadt MEGA-Eigentum gewesen. Heute konnte sich jeder in diesen Wohnvierteln mit seinen deutlich kleineren Häusern eine Wohnung oder ein kleines Haus holen. Dieses Gebiet war nicht mehr nur reines Wohngebiet für MEGA-Angestellte. Heute hatten sich die Zeiten geändert.
Dieses Wohnviertel ging hinüber bis an die Westseite der gewaltigen Stadt. Es war mindestens zwei Parzellen breit und beherbergte grob gerechnet etwas mehr als eine halbe Million Häuser. Im Vergleich zu den Wohnungen, die die Arkologien boten, mochte dies wenig sein, dafür umgab die Häuser hier immer eine Grünfläche.
Das Shuttle ging noch einmal ein wenig tiefer, seine Geschwindigkeit war nach der letzten Platzrunde abermals herabgesunken. Nun bewegte es sich nur noch im Bereich von etwa vier- bis fünfhundert Stundenkilometer. Dies war genug Geschwindigkeit, um mit dem endgültigen Bremsmanöver zu beginnen.
Unten vom Raumhafen, der nun gut und deutlich sichtbar von dem kleinen Raumschiff aus war, startete der überschwere Transporter nach Proxima Centaury. Das Raumschiff war etwa zweihundert Meter lang, gut halb so breit, und vielleicht doppelt so hoch. Ein wahrer Koloß erhob sich aus der Schwerkraft der Erde, veränderte den Anstellwinkel, und ritt dann auf einem Plasmastrahl aus der Atmosphäre hinaus. Es war noch ein älteres Modell mit einem PLT-Antrieb. Die modernen elektrostatischen Antriebe hatten sich noch nicht wirklich durchgesetzt, aber die schweren Frachter brauchten einen gewissen Schub, damit sie sich überhaupt bei der zu transportierenden Masse aus der Atmosphäre katapultieren konnten. In einem solchen Fall war ein altertümlicher PLT vielleicht doch von Vorteil.
Das Shuttle ging in seine letzte Platzrunde. Nun konnte man auch den Rest der Stadt aus erschreckender Nähe betrachten. Wenn man dem Blick auf das einfach gehaltene Stadtviertel folgte, erkannte man, das weiter im Norden sich erneut Arkologien anschloßen. Doch im Norden waren es die richtig großen Arkologien. Jene gewaltigen Superbauten, die im günstigsten Fall fast achthunderttausend bis zu zwei Millionen Menschen Platz bieten konnten. Es war eine fast vollständig bis zum Raumhafen laufende Kette an Arkologien, die hier den Blick begrenzte, auf der Ostseite des Raumhafens hatte man das gleiche Bild. Doch hier waren es keine zwanzig Kilometer hohe Bauten wie im Norden, sondern die gleichen standardisierten, kleineren, Arkologien, die den Hauptteil der Bebauung der Hauptstadt bildeten. Und zwischen allen Gebäuden flogen und zischten Flugwagen, kleinere Raumfahrzeuge, Jachten, und auch Menschen in Fluganzügen hin und her. Es war ein abenteuerliches Treiben, welches man da aus dem kleinen Raumschiff heraus beobachten konnte.
Folgte man dem Blick weiter nach Westen, erkannte man den Atlantia-Tower. Dieser Turm maß an seinem Sockel zehn Kilometer Breite. Und dann reichte er volle dreißig Kilometer in die Höhe. Auf seiner Spitze befand sich das Fernsehstudio von StellarNetwork, des wichtigsten Senders aus dem Solsystem. Auf der obersten Plattform des Atlantia-Towers befand sich auch ein Landeplatz für kleinere Fahrzeuge. Jedenfalls ging es dort meist zu wie in einem Taubenschlag. Immer wieder kam ein Kurier vorbei, oder flog ab. Es war ein hektisches Treiben, und man konnte es vom Shuttle aus sehen.
Das Shuttle bremste erneut ab, dann stellte es sich vollkommen waagerecht, beendete den letzten Schwung seines Landeanflugs. Völlig überraschend verstummte das Hecktriebwerk, und die unter dem kleinen Raumschiff befindlichen Landetriebwerke begannen zu feuern. Auf einem kontrollierten Flammenstrahl reitend senkte sich das Shuttle aus acht Kilometern vertikal herab, genau auf die vorher abgesprochene Landeposition.
Feld siebenunddreißig Alpha drei. Zweieinhalb Kilometer vom Terminal sieben entfernt, aber noch nah genug, das die Passagiere und die Besatzung in Kürze von einem der vorbeikommenden Busse aufgenommen werden konnten.
Um es einfach zu sagen, das Shuttle war gelandet.
Es war ein sanftes Plopp, dann war das leise Sirren einer Winde zu hören. Das sanfte Klacken am Ende war zu überhören. Dann waren sanfte Tapsen zu vernehmen.
An der östlichen Flanke von Arkologie zwölf rannte ein dunkel gekleideter Schatten die Schräge hinauf und hielt immer wieder an, um nicht weiter aufzufallen.
Der Mond stand hell am Himmel. Man konnte Armstrong und Neville sehen, die beiden größten Städte des Mondes. Die beiden Städte, die den Hauptverkehr im Solsystem abwickelten. Die glitzernden, kleinen Lichter, die über den Nachthimmel huschten, waren entweder im Start- oder Landeanflug begriffene Raumschiffe, oder Satelliten, die stoisch ihre Bahnen zogen. Im Solsystem war immer viel Verkehr.
Der schwarz gekleidete Schatten verankerte sich wieder an der Fassade und feuerte seine Hakenpistole ein weiteres Mal ab. Das Kabel, welches von seiner Winde fuhr, war ein kohlenfaserverstärktes, dehnbares, Seil. Industriequalität. Nichts besonderes, aber für sich selbst gesehen in Verbindung mit der kleinen Hakenpistole schon eine kleine technische Meisterleistung. Beides kam vollständig ohne Elektronik aus.
Die dunkle Gestalt legte die nächsten zweihundert Meter zurück, bis sie wieder am Haken angekommen war. Die Bodenebene der Stadt blieb immer weiter unter ihr zurück, während sie sich immer weiter nach oben arbeitete.
Je höher sie kam, umso ausgreifender wurde ihr Blick über die Stadt. Metropolis Atlantia war ein Fossil. Die Stadt war im frühen zweiundzwanzigsten Jahrhundert aufgebaut worden. Bei einer mittleren Bauzeit von fünfzig Jahren hatte es auch dementsprechend gedauert, bis sich hier ein Ökosystem stabilisiert hatte, welches auch funktionierte. Die künstlich angelegte Stadt lag mitten im Atlantik, nicht allzu weit vom altantischen Rücken entfernt. Wenn man sich ein wenig mit der Struktur der Stadt auskannte, wußte man auch, wie man in die unterseeischen Bereiche gelangen konnte. Dort unten gab es nur Wartungsroboter, denn die dort vorhandenen Forschungseinrichtungen waren gleichfalls schon seit mehreren Jahrzehnten aufgegeben. Das ideale Versteck für jemanden, der nicht erwischt werden wollte.
Die dunkle Gestalt grinste unter ihrem Vollgesichtshelm. Die integrierte künstliche Intelligenz des Anzugs reagierte und wisperte in die in den Helm integrierten Kopfhörer: „Du grinst, Angel? Was gibt es für einen Grund?“
Die angesprochene Person feuerte den Haken ein weiteres Mal ab, und ging mit ihm gesichert die nächsten zweihundert Meter hoch. Nur noch dreimal den Haken, dann hatte sie den Scheitelpunkt von Arkologie zwölf erreicht.
„Alfred, der Ausblick hier ist wunderschön!“, stellte eine weibliche Stimme fest.
Die künstliche Intelligenz hätte geschmunzeln, wenn sie dies gekonnt hätte, doch sie war mehr ein Sprach- und Überwachungsmodul. Sie kontrollierte die Kraftverstärker und Aktuatoren des Hochleistungsanzugs. Ihre Aufgabe war es schlicht und einfach für das Überleben des Trägers zu sorgen. Doch Alfred war nicht irgendeine künstliche Intelligenz. Jedenfalls war sie keine künstliche Intelligenz von der Stange, sondern eine eigene Konstruktion des Anzugsträgers.
Die nächsten beiden Etappen waren leicht zurückgelegt. Allmählich blieb sogar der Landehof eins auf dieser Seite des fünf Kilometer aufragenden Gebäudes hinter ihr zurück. jetzt, nur noch zweihundert Meter vom Scheitelpunkt entfernt, wurde es ein wenig knifflig.
Theoretisch hätte der Schatten auch normal durch den Eingang in die Arkologie mit ihrem Flugwagen einfahren können. Doch der Schatten, der von seiner künstlichen Intelligenz Angel genannt wurde, sah dies anders. Zu viel Aufsehen war nie sonderlich gut. Und dies hier sollte nur ein kleiner Raubzug werden.
Vom zentralen Atlantia Tower hoben gerade ein Dutzend Flugwagen ab. Angel konnte dies über ihr Display ganz genau sehen. Es war jetzt kurz nach Mitternacht. Von jetzt an würde in der Television keinerlei Nachrichten mehr folgen, sondern nur noch Filme aus jenen Tagen, als die Menschheit noch von den Dissidenten regiert wurde.
Bei diesem Gedanken mußte Angel schmunzeln.
Was hatte die Menschheit nicht schon alles durchgemacht, nachdem man ihr die Profte zu den Sternen geöffnet hatte? Es fing mit einer Taurischen Invasion an, die ins Leere lief, danach kam die Adhara-Krise, die in einem Krieg mündete, der vor etwas mehr als fünfzig Jahren endete. Seitdem krankte die Menschheit an ihren Schwächen.
Oh, wie viel hatte sich geändert. Die Menschheit schien aber selbst nicht sehr viel gelernt zu haben. Auf alle Fälle lohnte es sich nachts über Dächer zu kraxeln und nach wertvollen Dingen Ausschau zu halten.
Das Solsystem war sicher geworden.
Kriminalität war etwas, an das man sich nur noch mit alten Filmen erinnerte. Nichts, was in der modernen Zeit noch übrig war. Es gab kein funktionales Justizsystem mehr. Man könnte meinen, man wäre in einem neuen Utopia. Doch wie jedes Utopia gab es Lücken, Brüche.
Der Schatten, der den blumigen und selbst gewählten Namen Dark Angel trug, lächelte immer noch, als sie schließlich den Scheitelpunkt der Arkologie erreicht hatte. Ein Großteil der inneren Balkone lagen im dunkel.
Es würde also kein größeres Problem sein, bis hinunter auf die Ebene zu kommen, an dem der Architekt vor Jahrhunderten so etwas wie ein kleines Marktviertel aufgebaut hatten. Ob dies aufgrund von Nostalgie geschehen war, wußte Angel nicht zu sagen. Jedenfalls erleichterten die Arkologien, die ein solches Viertel auf einer der unteren Ebenen besaßen den Einstieg in gewisse Geschäfte ungemein.
In jedem anderen Fall hätte sie eine andere Methode wählen müssen. Dies hätte dann bedeutet, das sie durch Wartungsschächte hätte kriechen müssen. Oder noch schlimmer durch die arkologieeigene Kanalisation. Dies war nie ein vergnügen, denn das, was dort an Ungeziefer lebte, konnte einem Menschen durchaus Angst einjagen.
Deshalb fiel es ihr leichter, wenn sie sich an der Oberfläche bewegen konnte. Oder wie heute nacht, wieder einmal über die Dächer. Der Abstieg über die inneren Balkone war relativ einfach, auch wenn die Balkone pro Etage immer wieder um drei weitere Meter nach innen ragten. So ergab sich eine Art Terrassenstruktur, die sie nutzen konnte.
Allzu weit mußte Angel nicht herunter. Aber es war an der Außenseite der Arkologie zuerst fünf Kilometer nach oben gegangen, nun mußte sie wieder fast vier Kilometer nach unten. Tausend Etagen zurückzulegen, ohne wahrgenommen zu werden, war schon nicht eben einfach. Rechnete man die Anzahl Wohneinheiten hoch, die es hier gab, gab es prinzipiell mehrere tausend Augen, die sie sehen konnten. Da nutzte auch ein speziell aufbereiteter Anzug nichts, der wärmedämmend und signaturschluckend war.
Endlich war sie an der Etage angekommen, die selbst noch fast vierhundert Meter über dem Marktviertel lag. Hier endeten die Balkone. Die Wohnungen, die hier lagen, besaßen nicht den Luxus eines Balkons. Es waren kleine Hasenverschläge, Hasenställe, nach japanischen Vorbild. Simple Vierzigquadratmeterwohnungen, meist im drei bis vier Zimmer-Schnitt gehalten. Nichts besonderes, aber auch nicht sonderlich luxuriös.
Auch einer der Widersprüche, die es nach wie vor im Solsystem gab. Dies jedoch nur auf das Solsystem zu beschränken, wäre ein wenig kurzsichtig gewesen. In der gesamten solaren Union wurden seit Jahrhunderten die Arkologien nach feststehenden Mustern gebaut. Je weiter unten man lebte, umso kleiner war im Prinzip die Wohneinheit.
Angel lächelte wieder, während sie wieder ihren Kletterhaken abschoß und sich gleichzeitig von der Wand herabstürzte. Die senkrechte Wand hier bot den Vorteil, das es hier innen liegende Galerien gab, die das Gebäude auf allen Seiten und bis zur Ebene zweihundert durchzogen.
Der Haken griff, stoppte ihren freien Fall, und da sie ihren Flugwinkel richtig gewählt hatte, wurde sie in einem Bogen auf die nächste Ecke des Gebäudes geschleudert. Per Knopfdruck an ihrer Hakenpistole löste sie den Haken wieder, merkte sofort den seitlichen Fall und schoß den Haken in einem tieferen Winkel als vorher ab, fing sich wieder, und folgte der Bahn.
Nach dem dritten Stunt dieser Art landete sie überraschend leise auf dem Dach eines fünfstöckigen Hauses. Keine zwanzig Meter unter ihr verlief nun eine der inneren Fußgängerzonen. Angel hatte den Platz gut gewählt. Die Nachsicht, die ihr ihre Gesichtsmaske lieferte, war optimal. Sie war nur zwei Meter neben ihrem eigentlichen Haltepunkt heruntergekommen. Nicht schlecht.
Es war aber auch nicht ihr erster Einstieg dieser Art.
Erneut lächelte sie unter ihrer Maske.
Wenn sie recht behielt, würde sie nicht einmal der geostationäre Satellit über Metropolis Antlantia sehen. Hier unten herrschte nachts beinahe eine stygische Dunkelheit, die von altertümlichen Straßenlaternen unterbrochen wurde.
Erneut schoß sie ihren Haken ab, doch diesmal auf die Fassade eines Hauses quer gegenüber gerichtet. Mit ein wenig Schwung kam sie dort an, blieb jedoch an der Fassade hängen. Noch drei Querstraßen, bis sie an der Stelle war, an der die Straßenbahn vom Randbezirk der Arkologie durchfuhr. Insgesamt hatte sie auf dieser Ebene noch gut anderthalb Kilometer zurückzulegen, bis sie in der Mitte des gigantischen Bauwerkes und im Zentrum des in seinem inneren befindlichen Marktes angekommen war.
Auch dies fraß wieder Zeit. Eine weitere halbe Stunde später sah sie eine der autonomen Straßenbahnen durch die Fußgängerzone fahren. Nur die Standardlinie, die um diese Uhrzeit die Besucher der Klubs zu ihren Zielen brachte.
Nichts besonderes.
Das normale, standardisierte Leben in einer Arkologie eben.
Die Außenseiten des Bauwerks maßen eine Dicke von etwa einem Kilometer. Dies hörte sich nicht sonderlich groß an, aber der zentrale Kern, auf dem sich dieser moderne Marktplatz befand, maß so knapp drei Kilometer Kantenlänge. Hier gab es Gebäude, die meisten nicht höher als fünf Stockwerke. Die Wohnungen hier wurden von Handwerkern bevorzugt, die unten im Markt ihre Arbeiten verkauften.
Falls man es so nennen konnte.
Angel dachte wieder über das System nach, in dem sie lebte. Da man dem Kapitalismus auf eine gewisse Art abgeschworen hatte, schon damals, als es die solare Union noch nicht gegeben hatte, stellte man einfach alles auf Arbeitszeitkonten um. Für den Moment mochte diese Lösung auch hilfreich gewesen sein, denn es sorgte dafür, das die Versorgung der globalen Bevölkerung zumindest wertmäßig erfaßt werden konnte.
Eine bestimmte Sache herzustellen kostete nun einmal Arbeits- und Lebenszeit. Dieses Arbeitskontensystem hatte den Vorteil, das wirklich jede Arbeitszeit entsprechend erfaßt wurde. So bekam das Handwerk wieder einen Wert. Denn ein Arbeitsroboter konnte keinen Sessel so herstellen, wie es ein Mensch tun würde. Beide arbeiteten vielleicht mit den gleichen Maschinen, aber es gab viele Menschen, die nicht die Fabrikware nahmen, sondern lieber Tische hatten, die handgemacht waren. Designs aus vergangenen Jahrhunderten waren so wieder in Mode gekommen. Insgesamt hatte sich das Handwerk wieder etabliert, und die Ausbildung erfolgte entweder über eine der vielen Akademien der MEGA, oder über die vielen Handwerksmeister, die einen Ausbildungsschein erworben hatten. Handwerk war wichtig geworden.
Fast schien es so, als würde es die Menschheit definieren wollen. Die Menschen stellten, wie die meisten anderen Spezies, mit denen sie in Kontakt stand, die meisten Sachen immer noch von Hand her. Den Unterschied zwischen einem von Hand gestrickten Wollpullover zu Maschinenware war deutlich zu spüren.
Ähnlich sah es mit der Landwirtschaft aus. Metropolis Atlantia hatte nur kleine landwirtschaftliche Zellen, die einfach nicht ausreichten, die komplette mehrere Million messende Bevölkerung vollständig zu ernähren. Also gab es neben den hydroponischen Anlagen im Bauch der Stadt auch noch kleinere Bauernhöfe in der Nähe des Hafens im Südosten der Stadt, die ihren Teil zur Versorgung beitrugen.
Angel lächelte erneut.
Sie befand sich nur noch vier Hausdächer von ihrem eigentlichen Ziel entfernt. Mit einer Zungenbewegung schaltete sie den Zoom ihres Visiers ein. Der Juwelier, den sie sich ausgesucht hatte, war ein Meister seines Fachs. Bereits in der dritten Generation schuf er Schmuckstücke von besonderem Wert. Angel war auf ihn aufmerksam geworden, als sie vor ein paar Tagen hier unterwegs gewesen war.
Erneut schwang sie sich ein paar Hausdächer weiter. Unter ihr dröhnte die schreckliche Technomusik aus einem der Klubs. Sie haßte diese stampfenden Beats. Doch die Jugend in den Arkologien zog eine völlig andere Art von Musik vor. Aber es gab hier unten auch in der Arkologie ein Theater, in dem fast fünftausend Menschen Platz fanden. Dieses Theater befand sich in der Ebene unter dem Markt. Dort wurden entweder Opern, Operetten oder Konzerte aufgeführt. Angel war erst vor einigen Monaten in Arkologie zwölf auf einem der klassischen Konzerte hier gewesen. Mozart hatte ihr Gefallen. Beethoven war ihr zu anstrengend, auch wenn seine Musik einen besonderen Flair hatte.
Sie kehrte wieder in die Realität, in die Gegenwart, zurück.
Nun befand sie sich auf dem Flachdach des Gebäudes, in dem der Juwelier seinen Laden hatte. Es war nun eine Sache, einfach die Scheibe des Juweliers aufzuschneiden, und sich den Ring mit dem fünf Zentimeter großen blauen Diamanten zu holen, dabei genug Spuren zu hinterlassen, damit das, was von den Sicherheitsbehörden noch übrig war, sie doch noch aufspüren konnte, oder aber auf ihre Art in den Laden einzusteigen.
Dem Juwelier gegenüber befand sich ein kleiner Gemüsemarkt. Sogar des nachts ließ der Besitzer seine Ware vor der Türe stehen, denn es wurde nichts geklaut. Und selbst das wenige, welches hin und wieder mitgenommen wurde, tat nicht weiter weh. Links neben dem Juwelier, auf seiner Seite der Straße, gab es ein Geschäft sfür Hochzeitsmoden. Im Schaufenster standen lebensechte Puppen in gewaltigen Tüllkleidern, mit Schleiern, die wie schwere Gardinen zu Boden fielen. Das dritte Geschäft auf der Seite des Juweliers die Straße herunter war eine kleine Bäckerei. Der Geruch frischen Brotes lag bereits in der Luft. Angel ließ sich dadurch aber nicht ablenken. Gegenüber der Bäckerei befand sich ein Uhrengeschäft. Hier bekam man die neuesten handgefertigten Uhren aller Art. von der Armbanduhr mit Displayanzeige bis zur schweren Standuhr. Im Schaufenster war deutlich eine dieser alten Standuhren zu erkennen, daneben hing an einer Scheinwand eine Kuckucksuhr. Anscheinend bezog dieser Händler seine Ware auch von außerhalb.
Interessant. Dies war ein Detail, welches man sich merken sollte.
nebem dem Uhrenhändler befand sich auf dieser Seite ein Restaurant in einem zweistöckigen Gebäude. Das Restaurant umfaßte beide Etagen, und hatte um diese Zeit immer noch geöffnet. Entweder war dies eine Küche für Nachtschwärmer, oder sie boten größere Menüs an. In jedem Fall ein kleines Detail, welches sich Angel später einmal anschauen sollte.
Dann kam der Gemüsehändler. Direkt neben ihm befand sich ein zu groß geratener Buchladen. Die Buchhandlung ging über drei der fünf Etagen ihres Hauses, und sie vertrieb vornehmlich gedruckte Bücher, weil jene langsam wieder in Mode kamen. Inzwischen gab es andere Materialien als Zellulose, aus denen man Papier herstellen konnte. Sparsame, billigere. Hinter dem Buchladen gab es ein kleines Café, welches bereits geschlossen hatte. Diesem gegenüber lag der laute Musikclub, dessen Beats Angel immer noch durch die Waden gingen.
Sie selbst befand sich auf dem Dach des Hauses, in dem der Juwelier seinen Laden hatte. Auf dem Dach liefen mehrere Belüfter auf Hochleistung. An diesen kam sie nicht vorbei. Doch wie jedes Dach, das der Ordnung halber mit Kieseln belegt war, um die wasserdichte und dämmende Schicht zu verdecken, gab es auch hier von den Treppenhäusern Zugänge. Angel grinste ein letzes Mal. Wenn dies hier wie in den anderen Arkologien funktionierte, sollten die Türen zum Dach nicht abgesperrt sein. Ein eindeutiger Sicherheitsmangel. Denn so wurde jedem gestattet über das Dach in das Haus einzusteigen. So wie sie es gerade tat.
Mit ruhigem Schritt ging sie zu der Tür und drückte die Klinke herunter. Natürlich ließ sie sich öffnen. Es war immer so. Nun zeigte sich, das ihre Schuhe besonders gearbeitet waren. Sie betrat das Treppenhaus, schaltete vollständig auf Nachtsicht um, und sperrte das Restlicht dadurch aus, in dem sie einfach die Dachtür hinter sich schloß. Zehn Treppenabsätze weiter unten befand sich der Werkstatteingang zu dem Juwelier. Dies war mehr als ein Kinderspiel. Es war schlicht zu einfach.
Angel grinste in die kleine Kamera ihres Anzugs, dann bemerkte sie: „Alfred, bitte sei so freundlich, und liste sämtliche Sicherheitsbrüche in diesem Gebäude auf, die wir bisher zu Gesicht bekommen haben. Wenn unten an der Werkstatt auch wieder nur ein simples mechanisches Schloß ist, werden wir dem Besitzer die Mängelliste wie immer auf den Drucker übertragen.“
Die künstliche Intelligenz schien zu lächeln, als sie antwortete: „Wie du befiehlst, Angel. Soll ich schon einmal eine Visitenkarte in deinem Anzug plotten lassen? Nur damit dein Opfer wieder Bescheid weiß, das nur du es warst, die ihm diesen Streich gespielt hat?“
Angel nickte in ihrem Anzug und verankerte dann ihren Haken an dem Knopf einer Lüftungsklappe, bevor sie sich zwischen den Treppenabsätzen herunterließ. Dieser Bruch war einfach zu einfach.
Es war kaum noch eine Herausforderung.
Die Straße wirkte wie immer ruhig, erfüllt vom leisen Treiben der Fußgänger. Die roten Backsteinziegel schienen im Licht der Sonne unwirklich zu glühen. Aus den Cafés auf der linken Seite zog der Duft von Kaffee, aus der Bäckerei ein Hauch von frischem Brot. Im Eingangsbereich der Bäckerei stand eine junge Mutter mit ihrer vielleicht dreijährigen Tochter, die quengelnd auf die Vitrine zeigte, in der mit Creme gefüllte Blätterteigteilchen lagen. Direkt daneben lag feines Blätterteiggebäck, mit einem rosigen Zuckerguß überzogen. In den Schaufenstern blinkten Schmuckstücke und Uhren, kleine Lichter spielten auf Glas und Metall. Die Gasse zur Seite wirkte eng, ein weißer Truck stand darin geparkt, unscheinbar zwischen den Häusern. Die Straßenbahn war gerade durchgefahren, und für einen Moment schien die Straße vollkommen harmlos.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ein Passant plötzlich etwas auf der Ladefläche des Trucks. Ein dunkler Streifen Rauch schlich sich wie eine scheue Kreatur nach oben, kaum merklich, und doch reichte er aus, um die Sinne zu kitzeln. In den glänzenden Schaufenstern spiegelte sich das dunkle Band, verzerrt und flackernd, als würde die Straße selbst in Flammen vorausahnen, was kommen sollte. Die Sonne glitzerte auf den Schaufenstern, reflektierte in den polierten Metallstücken des Juweliers, und die Gasse wirkte einen Augenblick lang so harmlos wie immer, als hätte die Straße ihren Atem angehalten. Mehrere Kuriere in ihren auffälligen Anzügen querten die Straße, um kleinere Päckchen in die umliegenden Geschäfte oder in die Privatwohnungen zu bringen. Es herrschte reges Treiben in der Fußgängerzone. Beim Gemüsehändler stritt eine ältere Frau mit einem Verkäufer über die Frische der ausgestellten Melonen, die nur durch ein schwaches Transparent vor der Sonnenglut geschützt wirkten. Beim Nachtklub gegenüber flackerte das holografische Transparent scheinbar im Glast der Sonne. Darunter waren eine Handvoll Kinder dabei Fangen zu spielen, und jagten einander bis hinüber zur Bäckerei und wieder zurück.
Aus der Gasse schoss der Feuerball hervor, zunächst noch klein, dann in einem Augenblick, der sich gleichzeitig ewig und nur einen Herzschlag lang anfühlte, wuchs er sphäroid, wütend, alles verschlingend. Die Hitze schoss wie eine Welle nach außen, ließ die Luft flimmern, die Trittsteine glänzen, Blumentöpfe aufspringen, kleine Zierbäume in Asche zerfallen.
Das Licht der Flammen war kein einfaches Gelb oder Orange mehr – es glühte, rotverschoben, wie flüssiges Metall, das die Welt in einer roten, flackernden Hölle übergoss. In den Schaufenstern spiegelte sich die Kugel, zerrissen, gebrochen, als würde sich die Realität selbst verbiegen. Der Passant spürte die Hitze auf seinem Gesicht, noch bevor er sie wirklich sehen konnte, und für einen Moment war alles verzerrt, glühend, surreal.
Die Flammen rollten über die Straße, nicht flach, nicht linear – sphäroid, eine unaufhaltsame Kugel aus Licht und Hitze. Der Rauch wurde verschlungen, aufgefressen von der gierigen Macht des Feuers, das sich gleichzeitig ausbreitete und verdichtete, ein eigenständiges Wesen aus Farbe, Hitze und Licht. Funken und kleine Trümmer wirbelten empor, tanzten durch die Luft, bevor die Druckwelle sie endgültig mitriss.
Überall war ein rotes Glühen, das selbst die Schatten auf den Fassaden überstrahlte, die sonst so harmlos wirkende Straße in eine Bühne aus Feuer, Rauch und glühendem Staub verwandelte. Die Häuser wirkten wie stumme Zeugen einer Macht, die aus der Gasse heraus ihren Weg bahnte und alles an ihrem Weg transformierte, verwandelte, verschwinden ließ.
Ein kaum wahrnehmbares Zittern lief durch die Straße, fein wie der erste Hauch eines Erdstoßes und doch schwer genug, um jedes Geräusch für einen flüchtigen Moment zu verschlucken. Dann spannte sich die Luft, als würde sie gegen einen unsichtbaren Stoß ankämpfen, der im nächsten Atemzug über die Fassaden hinwegfegen wollte.
Für einen Herzschlag schien alles eingefroren — die Wärme der Mittagsluft, das gedämpfte Klirren aus der Bäckerei, selbst der Duft frischer Croissants schien stagnierend in der Atmosphäre zu hängen. Dann wölbte sich ein dumpfer Druck aus der Gasse hervor, zuerst kaum mehr als ein kraftloser Schub, der nur die leichtesten Dinge erfasste: ein loses Papier, das abrupt nach unten gedrückt wurde, ein Kronkorken, der im Schmutz zu vibrieren begann.
Die Scheiben der nächstgelegenen Fassaden bekamen einen glasigen Schimmer, als würden sie tief von innen heraus angestrahlt. Die Luft selbst schien dichter zu werden, als hätte sie plötzlich Gewicht bekommen — ein schweres, drängendes Gewicht, das sich tastend nach vorne schob. Und mit jedem Zentimeter, den es gewann, wuchs die Spannung, als müsste die Straße selbst entscheiden, ob sie diesem Ansturm standhalten oder einfach nachgeben sollte.
Die Druckfront gewann an Kraft — nicht als plötzlicher Schlag, sondern als rasend wachsendes Gefälle, das die Luft im Innersten umzustrukturieren schien. Sie presste sich aus der Gasse hervor wie eine verdichtete Wand aus Hitze und Bewegung, so schnell, dass das Auge sie kaum erfassen konnte, und doch so gleichmäßig, dass sie in jedem Winkel der Straße zeitgleich zu wirken begann.
An den Fassaden der nächstgelegenen Gebäude zeigte sich der Effekt zuerst: feine Schatten in den Ritzen des Mauerwerks, die zu zittern begannen. Der Mörtel verlor innerhalb eines Atemzuges seinen festen Griff, weich werdend wie angefeuchteter Sand, der unter unsichtbarem Druck zu zerfließen drohte. Winzige Partikel lösten sich, tanzten kurz im Überdruck und wurden dann scharf nach außen gezwickt, als würde ein gigantischer Magnet sie von innen heraus aus der Wand ziehen.
Die Luft vibrierte — nicht hörbar, sondern spürbar, ein tiefes, körperliches Brummen, das sich über die Planken der Café-Terrasse legte und durch die Metallrahmen der Fenster wanderte. Die ersten feinen Risse, kaum dicker als ein Haar, zeichneten sich in den Scheiben ab, nicht durch einen Schlag, sondern durch die reine Wucht der sich anstauenden Kraft, die in einem geometrisch perfekten Muster zu wachsen begann.
Noch hatte die Front nichts auseinandergerissen.
Aber sie sammelte sich — greifbar, zwingend — und drückte jede Struktur an ihre physikalische Grenze, als hätte die Welt plötzlich beschlossen, ihre eigene Statik zu testen.
Die Hitze legte sich wie eine zweite Atmosphäre über die Straße, unsichtbar, aber allgegenwärtig. Sie hatte keinen Farbton, keinen Rauchschleier, keine Flammenzunge — sie war einfach da, eine Strahlung, die die Moleküle in den Oberflächen in Raserei versetzte. Metall bekam eine matte, stumpfe Glut, als würde das Licht in ihm feststecken und keinen Weg nach außen finden. Selbst der Schatten eines Straßenschilds hatte plötzlich Schärfe, frei von jeder Weichzeichnung, als hätte jemand die Luft selbst ausgewrungen.
Die Trittsteine unter dem unsichtbaren Druck begannen nicht zu schmelzen, aber zu verformen, ungleichmäßig, wellig, als wollten sie sich von der Hitze wegducken. Die Pflastersteine an den Rändern — kunstvoll, sauber verlegt — verloren fast unmerklich ihre Spannkraft. Die Fugen schienen zu schwitzen, kleine dunkle Linien, die es vorher nicht gab.
Und die Schaufenster der Bäckerei, nur wenige Meter vom Gassenmund entfernt, bekamen einen Schimmer, der nicht von der Sonne stammte. Die Oberflächen zogen sich zusammen, ganz leicht, als würde das Glas selbst instinktiv versuchen, der Strahlung auszuweichen. Es war nicht der Klang von zerspringendem Material, der als erstes kam — sondern eine Art Knacken, dumpf, von innen heraus, als spüre das Glas, dass die Temperaturdifferenz zu groß wurde, um sie noch auszubalancieren.
Ein zweites Knacken folgte, tiefer.
Dann ein dünnes, kaum sichtbares Netz feinster Risse, das sich über die obere Ecke legte, sogar bevor ein Flammenrest die Scheibe berührt hatte.
Die Hitze stieg weiter, schubweise. Die hölzerne Verkleidung des Hochzeitsmodengeschäfts verfärbte sich ungleichmäßig, nicht in Brand, sondern in Überhitzung — die Oberfläche begann zu blasen, als würde sie unter der konzentrierten Sonnenkraft eines gewaltigen Brennglases stehen. Lacke kochten, Harze traten aus, winzige Fäden von Rauch stiegen auf, bevor überhaupt Feuer sichtbar war.
Dann, ohne Vorwarnung, kam der erste richtige Bruch.
Ein Fensterrahmen der Bäckerei — massives Metall, gut verankert, jahrelang unerschütterlich — bog sich nach außen, nicht viel, aber genug, dass die Struktur des Glases ihre Spannung verlor.
Ein einziger Riss, senkrecht von oben nach unten, scharf wie ein Skalpell, teilte die Scheibe mit einem Ton, der mehr vibrierte als klang: eine schmale, vibrierende Linie, entstanden durch pure Hitze, nicht durch die Druckwelle.
Es war der Moment, in dem die Straße verstand, dass hier etwas geschah, wogegen kein Material der Welt besteht.
Und dieser erste Bruch war nur der Vorbote.
Die Luft wurde nicht einfach komprimiert — sie wurde verdrängt, weggeschoben, als hätte die Explosion eine unsichtbare Faust ausgestreckt. Der Druck kam nicht schlagartig, sondern wachsartig, in einer rasenden, aber spürbaren Steigerung, die sich wie ein viel zu schnell schlagender Herzmuskel anfühlte. Ein tiefes, körperliches Vibrieren wanderte über den Boden und die Fassaden, lange bevor der eigentliche Stoß sie traf.
Gleichzeitig schob sich die Hitze voran, nicht als glatte Front, sondern als wabernde Wand aus flirrendem Licht. Sie fraß sich durch die letzten Reste der Schatten, riss sie auseinander und ließ jede Oberfläche leuchten, als würden tausend kleine, unsichtbare Funken darauf tanzen. Man konnte sehen, wie die Luft selbst schwer wurde, dichter, ein Medium, das sich träge und doch gewaltsam nach vorne wälzte.
Und dann — das Feuer.
Es war kein sauberer Feuerball, keine geformte Kugel. Es war eine schreiende, bleckende Flammenzunge, die sich aus den Gassenmauern schraubte, unkontrolliert, gierig, zerrissen. Die Farbe war nicht einheitlich: dunkle, fast schwarze Strukturen am Rand; innen grelles Gelb, das in gleißendes Weiß kippte; dazwischen tiefe Rotadern, die wie Muskelstränge wirkten, die sich spannten und rissen.
Die Flammen rasten nicht horizontal — sie stiegen, drehten, wanden sich nach oben und zur Seite, als würde etwas in der Explosion kämpfen, sich durchsetzen, dominieren wollen. Die Hitze an ihrer Spitze schob sich vor der Druckfront her, verzog die Luft, ließ sie wie zerschmolzenes Glas wirken. Die ersten Werbetafeln flackerten, nicht weil sie beschädigt waren, sondern weil die Temperatur ihre Elektronik aus den Takt brachte.
in dumpfer Ton vibrierte durch die Straße, tief wie der Atem eines gigantischen Tieres. Dann folgte das erste Stoßen der Druckwelle — nicht der endgültige Schlag, sondern der Vorläufer. Ein scharfer Impuls, der Staub und lose Papierfetzen nach oben riss, sie rotieren ließ und dann seitlich wegschmetterte.
Die Flammen krochen der Druckfront hinterher, mal vorlaufend, mal wieder von ihr eingeholt, wie ein brennender Schleier, der im Sturm flattert. Holz bekam dunkle Brandkanten, bevor das Feuer es berührte. Metall strahlte, ohne zu glühen. Farben auf Werbeschildern wichen zurück, als würden sie vor Hitze verblassen.
Es war der Moment, in dem die Straße noch stand — aber man spürte, wie sie anfing zu kämpfen. Mit sich selbst, und mit den Naturgewalten, denen sie in diesem Augenblick ausgesetzt war.
Der Druck riß nicht mehr nur an der Luft — er packte jetzt. Ein klares, brutales Ergreifen, als würde etwas Unsichtbares plötzlich beschließen, dass diese Straße nicht länger stehen sollte.
Die erste Fassade zuckte. Man konnte es hören, bevor man es sah: ein tiefes, trockenes Knacken, wie das Aufreißen alter Balken, nur vielfach lauter. Der Mörtel, der eben noch geglüht hatte, begann aufzubrechen, riss in dünnen, hellen Linien auf, die sich rasch verbreiterten. Kleine Splitter lösten sich, fielen wie glühender Staub herab — noch bevor die eigentliche Kraft sie erfasste.
Dann kam der Ruck. Der Moment, in dem die Wirklichkeit brach.
Ein kurzer, scharfer Impuls drückte gegen die Häuserfronten, ungnädig, unnachgiebig. Fensterscheiben zerbarsten nicht einfach — sie implodierten, zerfielen zu einem glitzernden Staubregen aus mikroskopischen Splittern, der im Licht der Flammen wie Metall funkelte. Türrahmen bogen sich, als hätten sie plötzlich ihre Form verloren. Reklametafeln knickten ein, als wären sie aus weichem Zinn.
Die Druckwelle rollte weiter nach vorn, und mit jedem Meter verstärkte sie sich, schob sich durch die warme Luft wie eine massive, aber unsichtbare Wand. Die Trittsteine vibrierten, bekamen haarfeine Risse, die sich blitzartig verbreiteten. Die Ladenfronten in der unmittelbaren Nähe begannen sich zu verformen, als hätten sie ihre innere Stabilität verloren, als würde ein jahrzehntelanges Fundament auf einmal zu dünnem Papier.
Über dem Eingang der Bäckerei löste sich das erste Stück Fassadenverkleidung — ein heller Steinblock, der gleichzeitig glühte und zerbröckelte. Er wurde vom Druck nicht einfach abgerissen, sondern fortgeschoben, mehrere Meter weit, bevor er auf dem Boden zerplatzte wie poröser, überhitzter Ton.
