Dark Line - Dunkelpfad - Tami Hoag - E-Book

Dark Line - Dunkelpfad E-Book

Tami Hoag

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Beschreibung

Der grausame Mord an einer jungen Frau erschüttert eine kleine Stadt im Süden der USA. Der vermeintliche Täter, der erfolgreiche Architekt Marcus Renard, wird freigesprochen, nachdem das Gericht dem Detective Nick Fourcade vorwirft, Beweismittel am Tatort manipuliert zu haben. Fest von Renards Schuld überzeugt, setzt Fourcade die Jagd auf eigene Faust fort. Doch seine junge Kollegin, Annie Broussard, stellt sich ihm in den Weg. Auch sie glaubt an Renards Schuld, misstraut jedoch Fourcade, der oft gewalttätig wird. Als weitere Morde geschehen arbeiten sie widerwillig zusammen und kommen der Wahrheit gefährlich nahe – bis Annie selbst in das Visier des Mörders gerät. Wird sie das nächste Opfer sein?

Der spannende Auftakt der Reihe um Nick Fourcade und Annie Broussard –  packend, düster und nervenaufreibend.

Der Titel erschien vormals unter "Dunkle Pfade".

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Seitenzahl: 882

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Der grausame Mord an einer jungen Frau erschüttert eine kleine Stadt im Süden der USA. Der vermeintliche Täter, der erfolgreiche Architekt Marcus Renard, wird freigesprochen, nachdem das Gericht dem Detective Nick Fourcade vorwirft, Beweismittel am Tatort manipuliert zu haben. Fest von Renards Schuld überzeugt, setzt Fourcade die Jagd auf eigene Faust fort. Doch seine junge Kollegin, Annie Broussard, stellt sich ihm in den Weg. Auch sie glaubt an Renards Schuld, misstraut jedoch Fourcade, der oft gewalttätig wird. Als weitere Morde geschehen arbeiten sie widerwillig zusammen und kommen der Wahrheit gefährlich nahe – bis Annie selbst in das Visier des Mörders gerät. Wird sie das nächste Opfer sein?

Der spannende Auftakt der Reihe um Nick Fourcade und Annie Broussard – packend, düster und nervenaufreibend.

Der Titel erschien vormals unter "Dunkle Pfade".

Über Tami Hoag

Tami Hoag (* 20. Januar 1959 in Cresco, Iowa) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin.1988 machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf und verfasste ihr erstes Buch. Zunächste verfasste sie Liebesromane und widmetee sich später dem Schreiben von Thrillern. Lange Zeit lebte sie mit ihrem Mann auf einer Pferderanch in Virginia, bevor sie nach Los Angeles, Kalifornien umzog.

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TAMI HOAG

Dunkle Pfade

Roman

Deutsch von Dinka Mrkowatschk

Übersicht

Titelinformationen

Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Epilog

Anmerkungen der Autorin

Anmerkung der Übersetzerin

Impressum

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Dieses Buch ist den vielen Opfern gewidmet,

die auf Gerechtigkeit warten,

und den Vertretern der Justiz,

die hartnäckig versuchen,

diese Gerechtigkeit durchzusetzen.

Prolog

Rot ist die Farbe von gewaltsamem Tod. Rot ist die Farbe starker Gefühle – Liebe, Leidenschaft, Gier, Zorn, Haß.

Gefühle – besser, keine zu haben.

Ein Glück, sie nicht zu haben!

Liebe,

Leidenschaft,

Gier,

Zorn,

Haß.

Die Gefühle zerren einander im Kreis herum. Schneller, heftiger, verschwimmen zu Gewalt. Ich war machtlos dem gegenüber.

Liebe,

Leidenschaft,

Gier,

Zorn,

Haß.

Die Worte pulsierten durch meinen Kopf, jedesmal wenn

ich das Messer in ihren Körper stieß.

Haß,

Zorn,

Gier,

Leidenschaft,

Liebe.

Die Linie, die sie trennt, ist dünn und rot.

1

Ihre Leiche lag auf dem Boden. Die schlanken Arme ausgestreckt, Handflächen nach oben. Tod. Kalt und brutal, seltsam intim.

Die Leute erhoben sich wie ein Mann, als der Richter aus seinem Zimmer kam. Der Ehrenwerte Franklin Monahan. Die Galionsfigur der Gerechtigkeit. Die Entscheidung lag bei ihm.

Schwarze Pfützen von Blut im silbernen Mondlicht. Ihr Leben ausgeronnen zu einer Pfütze auf dem harten Boden aus Zypressenholz.

Richard Kudrow, der Verteidiger. Dünn, grau, mit hängenden Schultern, als hätte das Feuer der Gerechtigkeit allen Überschuß in ihm weggebrannt und bereits begonnen, die Muskelmasse zu verzehren. Sein scharfer Blick und die Kraft seiner Stimme straften den Anschein von Zerbrechlichkeit Lügen.

Ihr nackter Körper, mit der Spitze des Messers graviert. Ein Werk gewalttätiger Kunst.

Smith Pritchett, der Bezirksstaatsanwalt. Stämmig und aristokratisch. Das Gold seiner Manschettenknöpfe fängt das Licht, als er flehend die Hände hebt.

Schreie nach Gnade, erstickt durch den kalten Schatten des Todes.

Chaos und Empörung rollten in einer Woge von Geräuschen durch die Menge, als Monahan sein Urteil verkündete. Der kleine Amethystring war nicht auf dem Durchsuchungsbefehl für das Haus des Angeklagten aufgelistet und war deshalb nicht Bestandteil des Durchsuchungsbefehls, und es war gesetzlich nicht zulässig, ihn zu beschlagnahmen.

Pamela Bichon, siebenunddreißig, getrennt lebend, Mutter einer neunjährigen Tochter. Brutal ermordet. Ausgeweidet. Ihre nackte Leiche hatte man in einem leerstehenden Haus am Pony Bayou gefunden, die Handflächen mit Nägeln am Holzboden festgehämmert, die blinden Augen ins Nichts starrend durch die Schlitze einer Mardi-Gras-Maske.

Klage abgewiesen.

Die Menschenmenge ergoß sich aus dem Partout Parish Courthouse, vorbei an den dicken dorischen Säulen, die breite Treppe hinunter: ein summender Schwarm von Menschen mit den Schlüsselfiguren des Dramas, das sich in Richter Monahans Gerichtssaal abgespielt hatte, in seinem Zentrum.

Smith Pritchetts schmale Augen konzentrierten sich auf den marineblauen Lincoln, der ihn am Randstein erwartete, ein kurzes Sperrfeuer von »Kein Kommentar« in Richtung blutrünstiger Presse. Richard Kudrow dagegen blieb genau in der Mitte der Treppe stehen.

Ärger war das erste Wort, das Annie Broussard in den Sinn kam, als die Presse begann, den Verteidiger und seinen Klienten einzukreisen. Wie jeder andere Deputy des Sheriffsbüros hatte sie vergeblich gehofft, Kudrow würde mit seinem Antrag, den Ring als Beweismittel nicht zuzulassen, scheitern. Alle hatten gehofft, Smith Pritchett wäre derjenige, der triumphierend auf den Treppen des Gerichts stehen würde.

Sergeant Hooker krächzte durchs Funkgerät. »Savoy, Mullen, Prejean, Broussard, stellt euch vor diese verfluchten Reporter. Wir müssen Abstand zwischen der Menge und Kudrow und Renard kriegen, bevor das in ein Scheiß-Handgemenge ausartet.«

Annie drängte sich zwischen den Leibern durch, die Hand am Griff ihres Schlagstocks. Sie richtete den Blick auf Marcus Renard, als Kudrow zu sprechen begann. Er stand neben seinem Anwalt und fühlte sich sichtlich unwohl dabei, so im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Er war kein Mann, der Aufmerksamkeit suchte. Still, bescheiden, ein Architekt in der Firma Bowen & Briggs. Nicht häßlich, nicht gutaussehend. Schütteres braunes Haar, ordentlich gekämmt, und braune Augen, die ein bißchen groß für ihre Höhlen schienen. Er stand mit hängenden Schultern und eingefallener Brust da, ein jüngerer Schatten seines Anwalts. Seine Mutter stand eine Stufe über ihm, eine magere Frau mit erstauntem Gesichtsausdruck und einem Mund, so gespannt und gerade wie ein Gedankenstrich.

»Einige Leute werden dieses Urteil als Verzerrung der Gerechtigkeit bezeichnen«, sagte Kudrow mit lauter Stimme. »Die einzige Verzerrung der Gerechtigkeit, die hier begangen wurde, war die des Sheriffsbüros von Partout. Ihre Ermittlungen gegen meinen Klienten waren in jedem Fall Schikane. Zwei vorhergehende Durchsuchungen von Mr. Renards Heim haben nichts erbracht, was ihn mit dem Mord an Pamela Bichon in Verbindung bringen könnte.«

»Wollen Sie damit andeuten, daß das Büro des Sheriffs Beweismaterial manipuliert hat?« rief ein Reporter.

»Mr. Renard ist das Opfer engstirniger und fanatischer Ermittlungen unter der Leitung von Detective Nick Fourcade. Sie alle kennen Fourcades Sündenregister beim New Orleans Police Department, Sie kennen seinen Ruf, den er hierher mitgebracht hat. Detective Fourcade hat angeblich den Ring in der Wohnung meines Klienten gefunden. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse.«

Während sie sich an einem Fernsehkameramann vorbeidrängte, sah Annie, wie Fourcade sich umdrehte, kaum sechs Schritte von Kudrow entfernt. Die Kameras schwenkten hastig auf ihn. Sein Gesicht war eine Maske aus Stein, die Augen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille versteckt. Eine Zigarette schmorte zwischen seinen Lippen. Sein Jähzorn war Legende. In der Abteilung kursierten Gerüchte, er wäre ein bißchen irre.

Er gab keinen Kommentar zu Kudrows Anspielung, aber mit einem Mal schien sich die Luft zu verdichten. Die Menge hielt erwartungsvoll den Atem an. Fourcade zog die Zigarette aus dem Mund, schleuderte sie zu Boden und blies den Rauch aus seinen Nüstern. Annie machte einen halben Schritt auf Kudrow zu, ihre Finger schlossen sich um den Griff ihres Schlagstocks. Einen Herzschlag später sprang Fourcade die Treppe hoch – direkt auf Renard zu und schrie: »Nein!«

»Er bringt ihn um!« kreischte jemand.

»Fourcade!« dröhnte Hookers Stimme, als der fette Sergeant hinter ihm herstürzte und vergeblich versuchte, ihn am Hemd zu kriegen.

»Du hast sie umgebracht! Du hast mein kleines Mädchen umgebracht!«

Die schmerzgepeinigten Schreie kamen aus der Kehle von Hunter Davidson, dem Vater von Pamela Bichon, der die Treppe hoch auf Renard zustürzte. Ein Arm kreiselte wild, mit der anderen Hand umklammerte er eine 45er.

Fourcade stieß Renard mit einer bulligen Schulter zur Seite, packte Davidsons Handgelenk und stieß es gen Himmel, als ein Schuß aus der 45er peitschte und alles anfing zu schreien. Annie warf sich von rechts gegen Davidson. Ihr viel kleinerer Körper prallte gegen seinen, gerade als Fourcade sich mit seinem ganzen Gewicht von links gegen den Mann warf. Davidsons Knie gaben nach, und alle drei gingen in einem Gewirr von Armen und Beinen zu Boden, grunzend und schreiend polterten sie die Treppe hinunter, Annie zuunterst. Ihre Lunge entleerte sich mit einem Schlag, als vierhundert Pfund Mann auf sie knallten.

»Er hat sie umgebracht!« schluchzte Hunter Davidson, und sein großer Körper wurde schlaff. »Er hat mein Mädchen geschlachtet!«

Annie wand sich unter ihm heraus, setzte sich auf und schnitt eine Grimasse. Ihr einziger Gedanke war, daß kein körperlicher Schmerz mit dem vergleichbar war, was dieser Mann durchmachen mußte.

Sie strich eine Strähne ihres dunklen Haars zurück, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte, und tastete vorsichtig über die pochende Beule in ihrem Nacken. Ihre Fingerspitzen waren voller Blut.

»Nehmen Sie das«, befahl Fourcade mit leiser Stimme und hielt Annie Davidsons Pistole mit dem Griff nach vorn hin. Er beugte sich mit gerunzelter Stirn über Davidson und legte eine Hand auf die Schulter des Mannes, während ihm Prejean die Handschellen anlegte. »Tut mir leid«, murmelte er. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen erlauben, ihn umzubringen.«

Annie richtete sich auf und versuchte, die schußsichere Weste, die sie unter dem Hemd trug, geradezuziehen. Hunter Davidson war ein guter Mann. Ein ehrlicher, hart arbeitender Pflanzer, der seiner Tochter das College ermöglicht hatte und sie an dem Tag, an dem sie Donnie Bichon heiratete, zum Altar geführt hatte. Ihre Ermordung hatte ihn gebrochen, und der anschließende Mangel an Gerechtigkeit hatte ihn zu dieser Verzweiflungstat getrieben. Heute nacht würde Hunter Davidson der Mann sein, der im Gefängnis saß, während Marcus Renard in seinem eigenen Bett schlief.

»Broussard!« keifte Hooker gereizt. Plötzlich dräute er wie ein häßliches Schwein über ihr. »Geben Sie mir diese Pistole. Stehen Sie nicht einfach rum und halten Maulaffen feil. Bewegen Sie Ihren Hintern zu dem Streifenwagen, und machen Sie die gottverfluchte Tür auf.«

»Ja, Sir.« Mit etwas wackligen Beinen machte sie sich auf den Weg hinter die Menge.

Nachdem die Gefahr gebannt war, tobte die Presse wieder los, noch hektischer als vorher. Alles konzentrierte sich jetzt auf Davidson. Kameramänner schubsten sich gegenseitig, um den verzweifelten Vater vor die Linse zu kriegen. Smith Pritchett wurden Mikrofone unter die Nase gehalten.

»Werden Sie Anzeige erstatten, Mr. Pritchett?«

»Werden Sie ihn anzeigen, Mr. Pritchett?«

Pritchett fixierte sie mit grimmigem Blick. »Das wird sich noch zeigen. Bitte machen Sie Platz, und lassen Sie die Beamten ihre Arbeit machen.«

»Davidson konnte vor Gericht keine Gerechtigkeit kriegen, also hat er versucht, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Fühlen Sie sich verantwortlich, Mr. Pritchett?«

»Wir haben aus dem Beweismaterial, das uns zur Verfügung stand, das Beste gemacht.«

»Aus diesem zweifelhaften Beweismaterial?«

»Ich hab’ es nicht gesammelt«, sagte er giftig und machte sich wieder auf den Weg, die Treppe zum Gericht hoch. Sein Gesicht strahlte feuerrosa wie frischer Sonnenbrand.

Annie hinkte die letzte Treppe hinunter und öffnete die Tür des blau-weißen Streifenwagens, der am Randstein stand. Fourcade brachte den schluchzenden Davidson zum Wagen, dicht gefolgt von Savoy und Hooker und flankiert von Mullen und Prejean. Die Menge brandete hinter ihnen und um sie herum wie Hochzeitsgäste, die das glückliche Brautpaar verabschiedeten.

»Werden Sie ihn offiziell verhaften, Fourcade?« fragte Hooker, als Davidson auf dem Rücksitz verschwand.

»Den Teufel werd’ ich«, knurrte Fourcade und knallte die Tür zu. »Er hat nicht das schlimmste Verbrechen begangen. Verhaften Sie ihn doch selber.«

Der herausfordernde Ton ließ Hooker erröten, aber er sagte nichts, als Fourcade die Straße überquerte, in seinen verbeulten schwarzen Ford 4×4 stieg und in entgegengesetzter Richtung zum Gefängnis wegfuhr.

Der Sheriff würde ihm später die Hölle heiß machen, dachte Annie auf dem Weg zu ihrem eigenen Streifenwagen. Aber eine nicht statthafte Vorgehensweise war die geringste von Fourcades Sorgen, und falls überhaupt etwas stimmte von dem, was Richard Kudrow sagte, auch die geringste seiner Sünden.

2

»Er ist schuldig«, verkündete Nick. Er ignorierte den Stuhl, den man ihm angeboten hatte, und tigerte in dem engen Sheriffsbüro hin und her. Das Adrenalin brannte wie ein hochgedrehter Gasbrenner in ihm.

»Und warum nageln Sie ihn dann nicht fest, Nick?«

Sheriff August F. Noblier blieb hinter seinem Schreibtisch sitzen. Der grobknochige, grobkantige Mann gab sich größte Mühe, Ruhe und Rationalität auszustrahlen, obwohl das von Fourcade offenbar wie Wasser auf Wachs abperlte. Gus Noblier hatte Partout Parish mit einigen Unterbrechungen fünfzehn seiner dreiundfünfzig Jahre lang regiert – drei aufeinanderfolgende Amtszeiten, eine Wahl verloren durch Stimmenfang und diverse Schweinereien von Duwayne Kenner, dann ein vierter Sieg. Er liebte seinen Job. Er war gut in seinem Job. Erst in den letzten sechs Monaten – seit der Einstellung von Fourcade – hatte er einen plötzlichen Heißhunger für Magentabletten entdeckt.

»Wir hatten den verdammten Ring«, sagte Fourcade wütend und strich sich das schwarze Haar mit einer Hand zurück.

»Sie wissen, daß er nicht auf dem Durchsuchungsbefehl stand. Sie haben gewußt, daß man ihn ablehnen würde.«

»Nein, ich dachte, daß dieses eine Mal das System ein bißchen Vernunft zeigen würde. Mais sa c’est fou!«

»Es ist nicht verrückt«, übersetzte Gus automatisch das Cajun-Französisch. »Wir reden hier über Regeln, Nick. Die Regeln gibt es aus einem bestimmten Grund. Manchmal müssen wir sie ein bißchen dehnen. Manchmal müssen wir drum rumschleichen. Aber wir können nicht einfach so tun, als würden sie nicht existieren.«

»Und was zum Teufel hätten wir dann tun sollen?« fragte Fourcade mit beißendem Sarkasmus und übertriebenem Achselzucken. »Den Ring in Renards Haus lassen und versuchen, einen neuen Durchsuchungsbefehl zu kriegen? Mit dem ›Offen-sichtbar‹-Argument hätten wir keinen gekriegt. Der Ring war verdammt noch mal nicht offen sichtbar. Und was dann? Ein paar Leute von Pamela Bichons Familie aufspüren und Quiz spielen?«

Er kniff die Augen zu und preßte die Fingerspitzen gegen die Stirn. »Ich denke da an etwas, was Pam gehörte, das vielleicht abgängig sein könnte. Könnt ihr denn nicht erraten, was dieses ›Etwas‹ sein könnte. Das wäre gegen die Scheißregeln!«

»Verflucht noch mal, Nick!«

Der Frust ließ Gus aufspringen und trieb eine ungesunde Röte in sein Gesicht. Sogar seine Kopfhaut glühte rosa durch seinen Bürstenhaarschnitt. Er rammte seine Hände in seine feisten Hüften und fixierte wutentbrannt Fourcade, der an seinem Schreibtisch lehnte. Mit seinen eins neunzig überragte er den Detective um einiges, aber Fourcade war wie ein Halbschwergewicht gebaut – nur Kraft und Muskeln und drei Prozent Körperfett.

»Und während wir dann alle hinter unseren Schwänzen hergejagt wären und versucht hätten, die Regeln zu befolgen«, fuhr Fourcade ungerührt fort, »glaubt ihr etwa, Renard hätte den Ring nicht in einen Bayou geworfen?«

»Sie hätten Stokes dortlassen und zurückkommen können. Und warum hatte Renard den Ring nicht bereits weggeworfen? Wir waren schon zweimal in seinem Haus –«

»Dreimal ist magisch.«

»So dämlich ist er nicht.«

Nick hatte mit allem möglichen von Gus Noblier gerechnet, aber damit nicht. Er kam sich vor, als hätte er Scheuklappen, dann fühlte er sich dumm, dann redete er sich ein, es spiele keine Rolle. Aber das stimmte nicht.

»Sie glauben, ich hätte diesen Ring untergeschoben?« fragte er mit gefährlich sanfter Stimme.

Gus seufzte. Der Blick aus seinen schmalen Augen glitt von Nicks Kinn und prallte woanders ab. »Das hab’ ich nicht gesagt.«

»Das war auch nicht nötig. Verdammt, halten Sie mich etwa für so dämlich? Sie glauben doch nicht etwa, ich wäre so dumm gewesen, den Ring nicht vorher auf dem Durchsuchungsbefehl aufzulisten, wenn ich, bevor ich da hinging, gewußt hätte, was ich dort finden würde?«

Der Sheriff runzelte grimmig die Stirn, was die schlaffen Konturen seines Gesichts betonte. »Ich bin nicht derjenige, der Sie für einen Polizisten mit Dreck am Stecken hält, Nick. Das ist Kudrows Spiel, und die Presse spielt auf seiner Seite.«

»Und das soll mir nicht scheißegal sein?«

»Ihnen schon gar nicht. Der Fall macht alle Leute paranoid. Sie sehen in jedem Schatten einen Killer und wollen jemanden verhaftet sehen.«

»Renard –«

Gus hielt eine Hand hoch. »Sparen Sie sich die Spucke. Wir alle wollen bei der Geschichte eine Verurteilung. Ich sage Ihnen nur, wie das aussehen kann. Ich sage Ihnen nur, wie die Geschichte verdreht werden kann. Wenn Kudrow genug Zweifel sät, kriegen wir dieses Schwein nie. Ich sage Ihnen, daß Sie sich zusammenreißen sollen.«

Nick blies die Luft, die er angehalten hatte, raus, wandte sich von dem vollgeräumten Schreibtisch ab und begann, mit etwas weniger Energie auf und ab zu laufen. »Ich bin Detective und kein gottverdammter Kontaktpolizist. Ich hab’ meine Arbeit zu machen.«

»Aber nicht auf Marcus Renards Buckel. Nicht jetzt.«

»Und was bitte soll ich dann tun? Mir von einem Zigeuner ein paar andere Verdächtige raufbeschwören lassen? Den Verdacht auf jemand anderen lenken, bloß um fair zu sein? Mich in diese Scheißtheorie einkaufen, daß der Mord die Arbeit eines Serienmörders ist, von dem jeder weiß, daß seine Karte vor vier Jahren gelocht wurde?«

»Sie können Renard nicht weiterhin unter Druck setzen, Nick. Nicht ohne solide Beweise oder einen Zeugen oder irgend etwas. Das ist polizeiliche Willkür, und er wird uns bis zum Jüngsten Tag verklagen.«

»Oh, ja, Gott bewahre, daß er uns anzeigen könnte!« zischte Nick verächtlich. »Ein Mörder!«

»Ein Bürger!« brüllte Gus und schlug zwischen die Stapel von Papieren auf dem Schreibtisch. »Ein Bürger mit Rechten und einem verdammt guten Anwalt, der dafür sorgt, daß wir sie respektieren. Das ist nicht irgendein Penner, mit dem wir es hier zu tun haben. Er ist Architekt, verdammt noch mal.«

»Er ist ein Mörder.«

»Dann nageln Sie ihn fest, und das strikt nach dem Gesetz. Ich hab’ in dieser Gemeinde schon genug Ärger damit, daß die Hälfte der Leute glaubt, der Bayou-Würger wäre von den Toten auferstanden, und die andere Hälfte geifert danach, einen zu lynchen – Renard, Sie oder mich. Dieses Feuer brennt heiß genug, da brauch’ ich nicht noch einen wie Sie, der Benzin draufschüttet. Nick, Sie werden sich mir bei dieser Geschichte nicht widersetzen, das sag ich Ihnen klipp und klar.«

»Was sagen Sie mir?!« sagte Nick herausfordernd. »Daß ich mich zurückhalten soll? Oder möchten Sie, daß ich mich ganz aus dem Fall raushalte, Gus?«

Er wartete voller Ungeduld auf Nobliers Antwort. Es machte ihm etwas angst, wieviel ihm das bedeutete. Der erste Mord, den er untersuchte, seit er New Orleans verlassen hatte, und er hatte ihn aufgesogen, sein Leben verschlungen, ihn verschlungen. Der Bichon-Mord war wichtiger geworden als alles andere auf seinem Schreibtisch und in seinem Kopf. Manche würden das Besessenheit nennen. Er war der Meinung, diese Grenze hätte er noch nicht überschritten, aber vielleicht war er mitten im tiefsten Wald und sah vor lauter Bäumen nichts anderes. Es wäre nicht das erste Mal.

Seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Klammerten sich an den Fall. Er brachte es nicht fertig loszulassen.

»Versuchen Sie doch wenigstens, nicht aufzufallen«, sagte Gus resigniert, als er sich in den Stuhl fallen ließ. »Überlassen Sie Stokes den größeren Teil des Falls. Kommen Sie Renard nicht in die Quere.«

»Er hat sie umgebracht, Gus. Er wollte sie haben, und sie wollte ihn nicht. Also hat er sie verfolgt. Er hat sie terrorisiert. Er hat sie gekidnappt. Er hat sie gefoltert. Er hat sie getötet.«

Gus machte eine Schale aus seinen Händen und hielt sie hoch. »Das sind unsere Beweise, Nick. Auch wenn jeder im Staat Louisiana wissen sollte, daß Marcus Renard es getan hat, wenn wir nicht mehr kriegen, als das, was wir bis jetzt haben, ist er ein freier Mann.»

»Merde«, murmelte Nick. »Vielleicht hätte ich doch zulassen sollen, daß Hunter Davidson ihn erschießt.«

»Dann würde jetzt Hunter Davidson wegen Mordes vor Gericht gestellt werden.«

»Prittchett erhebt Anklage?«

»Er hat keine andere Wahl.« Gus nahm ein Verhaftungsprotokoll von seinem Schreibtisch, warf einen kurzen Blick darauf und legte es beiseite. »Davidson hat versucht, Renard vor fünfzig Zeugen umzubringen. Lassen Sie sich das eine Lehre sein, wenn Sie darauf aus sind, jemanden umzubringen.«

»Kann ich gehen?«

Gus sah ihn lange an. »Sie haben doch nicht etwa vor, jemanden umzubringen, oder, Nick?«

»Ich hab’ zu arbeiten.«

Fourcades Miene war undurchschaubar, ebenso wie seine dunklen Augen. Er setzte seine Sonnenbrille auf. Gus’ Magen verlangte laut nach Maalox. Er richtete einen Zeigefinger auf seinen Detective. »Halten Sie Ihren Scheißjähzorn im Zaum, Fourcade. Der hat Sie bereits in so heißes Wasser gebracht, daß man Krebse drin kochen könnte. Heutzutage ist es schick, die Schuld auf die Bullen abzuwälzen. Und Ihr Name liegt bei allen ganz vorn auf der Zunge.«

Annie stand in der offenen Tür zum Einsatzraum und drückte einen tropfenden Beutel mit Eiswürfeln an die Beule in ihrem Nacken. Sie hatte ihre dreckige, zerrissene Uniform gegen Jeans und T-Shirt getauscht, die sie in ihrem Spind gehabt hatte. Sie versuchte, etwas von dem Streit im Sheriffsbüro am unteren Ende des Korridors mitzubekommen, aber nur der Tonfall war verständlich. Ungeduldig. Wütend.

Die Presse hatte bereits vor der Beweisanhörung spekuliert, ob Fourcade wegen dem Schlamassel mit dem Durchsuchungsbefehl seinen Job verlieren würde, aber die Presse machte gern viel Aufhebens und war schwer von Begriff, wenn es um die verschlungenen Wege der Polizeiarbeit ging. Sie hatten sehr viel über die Frustration der Öffentlichkeit wegen einer nichtstattfindenden Verhaftung durch das Sheriffsbüro geschrieben, aber den Frust der Beamten, die den Fall bearbeiteten, hatten sie verdrängt. Sie schrien praktisch nach einer öffentlichen Hinrichtung des Verdächtigen, trotzdem es eigentlich nur Beweise durch Hörensagen gab. Dann drehten sie sich um 180 Grad und zeigten mit Fingern auf den Detective, der die Ermittlungen leitete, als er endlich etwas Greifbares vorzuweisen hatte.

Keiner hatte irgendeinen Beweis dafür, daß Fourcade den Ring in Renards Schreibtischschublade manipuliert hatte. Es ergab keinen Sinn, daß er Beweise türken würde, aber diese nicht auf dem Durchsuchungsbefehl aufgelistet hatte. Es bestand jede Möglichkeit, daß Renard diesen Ring selbst in die Schublade gelegt, nie damit gerechnet hatte, daß dieses Haus ein drittes Mal durchsucht werden würde. Täter von sexuell bezogenen Morden neigten dazu, Andenken an ihre Opfer zu behalten. Alles mögliche, angefangen von Schmuckstükken bis hin zu Körperteilen. Das war Tatsache.

Annie hatte drei Monate vor dem Bichon-Mord an einem Seminar über Sexualtäter in der Akademie in Lafayette teilgenommen. Sie belegte so viele Extrakurse wie möglich, um sich darauf vorzubereiten, eines Tages Detective zu werden. Das war ihr Ziel – in Zivilkleidung arbeiten, tief in die Geheimnisse der Verbrechen einzudringen, mit denen sie jetzt nur am Anfang eines Falls zu tun hatte.

Die Tatortdias, die der Dozent ihnen gezeigt hatte, waren entsetzlich gewesen. Verbrechen von unsäglicher Grausamkeit und Brutalität. Opfer, die auf eine Art und Weise gefoltert und verstümmelt waren, die sich kein gesunder Mensch in seinen allerschlimmsten Alpträumen vorstellen konnte. Aber jetzt mußte sie sich das ohnehin nicht mehr vorstellen. Sie war diejenige, die Pamela Bichons Leiche entdeckt hatte.

Sie war nicht im Dienst gewesen an dem Wochenende, an dem die Immobilienmaklerin als vermißt gemeldet wurde. Beim Routinestreifendienst am Montag morgen hatte Annie sich zu einem leeren Haus am Pony Bayou hingezogen gefühlt. Das Haus stand schon seit Monaten zum Verkauf, obwohl die Mieter erst vor fünf oder sechs Wochen ausgezogen waren. Ein verrostetes Verkaufsschild von Bayou Realty lag umgefallen neben der überwucherten Einfahrt. Etwas, das sie im Police Magazin gelesen hatte, ließ Annie in die Einfahrt einbiegen – ein Artikel darüber, wie viele weibliche Immobilienmakler jährlich zu entlegenen Objekten gelockt und dann vergewaltigt und ermordet wurden.

In den Brombeerbüschen hinter dem Haus versteckt, stand ein weißes Mustang Cabrio mit geschlossenem Verdeck. Sie erkannte den Wagen nach der Beschreibung in der Einsatzbesprechung, ließ ihn aber trotzdem sicherheitshalber durch den Computer laufen. Er war auf Pamela K. Bichon zugelassen, keine Mängel, keine ausstehenden Strafzettel. Sie war vor zwei Tagen als vermißt gemeldet worden. Und im Speisezimmer des alten Hauses fand sie Pamela Bichon ... oder das, was von ihr übrig war.

Sie sah die Szene noch zu oft vor Augen, wenn sie sie schloß. Die Eisennägel in ihren Händen. Die Verstümmelung. Das Blut. Die Maske. Sie wachte nachts immer noch von den Flashbacks, den Rückblendungen, auf. Bilder verstrickten sich mit einem vier Jahre alten Alptraum, zwangen sie an die Oberfläche ihres Bewußtseins wie ein Schwimmer, der aus der Tiefe emporsteigt, weil ihm die Luft ausgeht. Immer noch brannte der Geruch von Zeit zu Zeit in ihrer Nase, immer dann, wenn sie am allerwenigsten damit rechnete. Das faulige Miasma gewaltsamen Todes. Klebrig, stickig, durchzogen vom Aroma der Angst.

Jetzt durchzuckten sie Kälteschauer, wanden und schlängelten sich in ihrem Magen.

Eisiges Wasser troff aus dem Beutel ihren Nacken hinunter. Sie zuckte zusammen und fluchte leise vor sich hin.

»He, Broussard.« Deputy Ossie Compton zog den Bauch ein und drückte sich an ihr vorbei zur Tür des Pausenraums. »Ich hab’ gehört, du wärst ’ne ganz Eiskalte. Wie kommt’s dann, daß das Eis schmilzt?«

Annie warf ihm einen sarkastischen Blick zu. »Muß die ganze heiße Luft aus deinem Hirn sein, Compton.«

Er zwinkerte ihr grinsend zu, seine Zähne blitzten weiß aus seinem dunklen Gesicht. »Mein heißer Charme, meinst du wohl.«

»Nennt man das jetzt so?« sagte sie spöttisch. »Und ich hab’ gedacht, es wären Blähungen.«

Lachen erfüllte den Raum, Compton schloß sich an.

»Du hast wieder gepunktet, Annie«, sagte Prejean.

»Ich hab’ aufgehört, Punkte zu zählen«, sagte sie und warf einen Blick den Gang hinunter zum Büro des Sheriffs. »Es grenzt allmählich an Grausamkeit.«

In zwanzig Minuten war Schichtwechsel. Die Typen von der Abendschicht trudelten langsam ein, um mit der Tagesschicht vor der Einsatzbesprechung ein bißchen zu tratschen. Heißes Thema des Tages war der Hunter-Davidson-Vorfall.

»Mann, ihr hätte Fourcade sehen sollen«, sagte Savoy mit breitem Grinsen. »Der bewegt sich wie ein gottverdammter Panther! Mann o Mann!«

»Ja, der ist so auf Davidson los.« Prejean schnippte mit den Fingern. »Und die Weiber haben gekreischt, die Pistole ist losgegangen, und dann war der Teufel los. Ein Riesenzirkus war das.«

»Und wo warst du währenddessen, Broussard?« fragte Chaz Stokes. Seine blassen Augen richteten sich auf Annie.

Ihr Körper verkrampfte sich schlagartig, als sie den Blick des Detectives erwiderte.

»Zuunterst«, kicherte Sticks Mullen und entblößte seine zahllosen gelben Zähne. »Wo eine Frau hingehört.«

»Woher willst du das wissen?« Sie warf den triefenden Eisbeutel in den Müll. »Hast du das in einem Buch gelesen, Mullen?«

»Glaubst du, er kann lesen?« sagte Prejean gespielt erstaunt.

»Penthouse vielleicht?« schlug jemand vor.

»Neee«, sagte Compton und gab Savoy einen Stoß zwischen die Rippen. »Er schaut sich nur die Bilder an und melkt seine Eidechse.«

»Fick dich, Compton.« Mullen stand auf und ging zum Süßigkeitenautomaten, zog seine Hose über die mageren Hüften hoch und kramte in seinen Taschen nach Kleingeld.

»Um Gottes willen, laß ihn drin, Zahnstocher!«

»Heiliger Strohsack«, murmelte Stokes angewidert.

Er war ein Typ, der Frauenblicke anzog. Groß, schlank, athletisch. Eine interessante Kombination von kurzen, dunklen krausen Haaren, Haut, die einen Tick mehr braun als weiß war, deutete auf seine gemischte Herkunft. Seine Nase war schmal, und sein Zahnpastareklame-Mund war von einem ordentlichen Schnurr- und Kinnbart umrahmt.

Sein Gesicht hätte gut auf ein Polizeiwerbeposter gepaßt, mit dem kantigen Kinn und den helltürkisfarbenen Augen, die von schweren schwarzen Brauen überlagert waren. Aber in jeder anderen Hinsicht war Stokes absolut nicht dieser Typ. Er pflegte das Image zurückhaltender Freigeist, das er durch seine unkonventionelle Kleidung unterstrich: Heute trug er eine weite graue Hausmeisterhose und ein Hemd, das mit bockenden Broncos, Indianerzelten und Kakteen bedruckt war. Er zog seinen schwarzen Strohhut über ein Auge.

»Hast du das von Chi Chi Rodriguez geklaut?« fragte Annie.

»Ach komm, Broussard«, murmelte er mit einem hinterhältigen Lächeln. »Du willst mich. Du schaust mich ständig an. Hab’ ich recht oder hab’ ich recht?«

»Du hast allein Scheiße im Kopf und bist nur schwer zu übersehen in dem Aufzug. Im übrigen: Wo warst du bei dem ganzen Spaß? Du arbeitest genauso am Bichon-Fall wie Fourcade.«

Er lehnte eine Schulter gegen den Türrahmen und warf einen Blick in die Halle. »Nick ist der Leithammel. Ich mußte nach St. Martinville. Sie haben meinen Methadondealer mit einem DUI verhaftet.«

»Und das bedurfte deines persönlichen Einsatzes?«

»He, ich arbeite seit Monaten daran, diese Ratte einzulochen.«

»Wenn die ihn in ihrem Gefängnis hatten, wozu dann die Eile?«

Stokes zeigte seine Zähne. »Besser heute als morgen. Du weißt, was ich damit sagen will. Die Haftbefehle kamen von dieser Gemeinde. Ich wollte Billy Thibidoux so bald wie möglich in meiner Akte haben.«

»Du hast Fourcade im Regen stehenlassen, damit du Billy Thibidoux für deinen Lorbeerkranz hast. He, ich wär’ gern dein Partner, Chaz«, sagte Annie verächtlich.

»Nickie ist erwachsen. Er hat mich nicht gebraucht. Und was dich angeht ...« Sein Blick wurde kalt, nur das Lächeln blieb wie gemeißelt. »Ich dachte, das hätten wir schon durchgekaut, Broussard. Du hast deine Chance gehabt. Aber, Mensch, ich bin großzügig. Ich wäre bereit, dir noch eine zu geben ... minus Uniform, wie’s so schön heißt.«

Lieber würd’ ich nackt Schlammringkämpfe mit Alligatoren machen. Aber diese Bemerkung behielt sie für sich, auch wenn sie sie jedem anderen Kollegen sofort an den Kopf geworfen hätte. Sie wußte aus Erfahrung, daß Chaz Körbe nur schwer einstecken konnte.

Jetzt streckte er unvermittelt die Hand aus und strich mit dem Daumen über den langsam dunkler werdenden blauen Fleck über ihrem linken Wangenknochen. »Du kriegst ein Veilchen, Broussard.« Er ließ die Hand fallen, als sie zurückwich. »Wird dir gut stehen.«

»Du bist ein solcher Wichser«, murmelte sie angeekelt und wandte sich ab, wohlwissend, daß sie die einzige im Revier war, die so dachte. Chaz Stokes war jedermanns Kumpel ... außer ihrer.

Die Tür zum Sheriffsbüro schwang auf, und Fourcade stürmte heraus, mit bedrohlicher Miene, die Krawatte lose am Hals seines beigefarbenen Hemds baumelnd. Er kramte eine Zigarette aus seiner Brusttasche.

»Wir sind im Arsch«, keifte er Stokes an, ohne stehenzubleiben.

»Ich hab’s gehört.«

Annie sah ihnen nach, wie sie den Korridor hinuntergingen. Stokes hatte den Bichon-Fall bearbeitet, als Pam noch am Leben war und behauptete, Renard würde ihr nachstellen. Er hatte den Einsatz bei ihrem Mord verpaßt, aber hatte den Mord als Fourcades Partner bearbeitet. Doch vor der Öffentlichkeit wurden sie nicht als Team lächerlich gemacht. Fourcades Name stand allein in den Zeitungen. Fourcade, der mit einer dubiosen Vergangenheit nach Partout Parish gekommen war. Fourcade, der den Ring gebracht hatte. Stokes würde nach dem heutigen Urteil nicht über glühende Kohlen getrieben werden. Dafür hatte er gesorgt, indem er sich rar gemacht hatte.

»Billy Thibidoux, von wegen«, murmelte Annie vor sich hin.

Annie blieb länger, um ihren Bericht über den Davidson-Vorfall fertig zu machen. Als sie um 5:06 Uhr nachmittags das Gebäude verließ, war der Parkplatz hinter dem Justizzentrum verlassen bis auf ein paar Freigänger, die den neuen Suburban des Sheriffs wuschen. Die Deputies von der Tagesschicht waren bereits unterwegs nach Hause, zu ihren zweiten Jobs oder zu Hockern in ihren Lieblingsbars. Die Presse hatte Smith Pritchetts kurze offizielle Verlautbarung über die Lage Hunter Davidsons aufgenommen und war unterwegs, um den Redaktionsschluß nicht zu verpassen.

Im Augenblick herrschte trügerischer Frieden. Jeder Fremde, der durch Bayou Breaux spazierte, hätte bemerkt, was für ein wunderbarer Nachmittag das doch wäre. Der Frühling war unerwartet früh gekommen, und die Luft war erfüllt vom Duft von Flieder und Glyzinien. Die Blumenkästen an den Galerien im ersten Stock des historischen Geschäftsviertels flossen über von Farben und üppigem Grün, Efeu rankte sich an den schmiedeeisernen und hölzernen Geländern herunter. Schaufenster waren für den kommenden Mardi Gras dekoriert, die alte Tante Lucesse saß auf einem Klappstuhl, flocht einen Korb aus Kiefernnadeln und sang Kirchenlieder für die Passanten.

Aber unter diesem Schleier von Frieden lauerte etwas Bedrohliches. Ein bloßliegender Nerv von Unruhe. Während die Sonne über Bayou Breaux unterging, saß irgendwo ein Killer in der anbrechenden Dämmerung. Diese Erkenntnis besudelte die Schönheit wie ein Fleck, der sich übers Tischtuch ausbreitet. Mord. Egal, ob man nun glaubte, Renard wäre der Killer oder nicht. Auf jeden Fall lief ein Mörder frei unter ihnen herum, konnte ungehindert tun, was er wollte.

Es war nicht das erste Mal, und deshalb konnte es auch nicht als Verirrung abgetan werden. Der Tod war in diesem Teil von Louisiana bereits auf der Pirsch gewesen. Die Erinnerung war kaum schal geworden. Der Tod von Pamela Bichon hatte sie wieder an die Oberfläche gezerrt, hatte die Angst erweckt und Zweifel keimen lassen.

Sechs Frauen in fünf verschiedenen Bezirken waren in einem Zeitraum von achtzehn Monaten zwischen 1992 und 1994 vergewaltigt, erwürgt und sexuell verstümmelt worden. Zwei der Opfer waren aus Bayou Breaux gewesen – Savannah Chandler und Annick Delahoussaye-Gerrard, die Annie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte. Die Verbrechen hatten die Menschen des French Triangle von Louisiana in panikähnlichen Zustand versetzt, und der Abschluß des Falles hatte sie noch mehr schockiert.

Die Morde hatten mit dem Tod von Stephan Danjermond aufgehört. Danjermond war der Sohn einer reichen Schiffsreederfamilie aus dem New Orleans Garden District gewesen. Die Untersuchung hatte eine lange Vorgeschichte von sexuellem Sadismus und Mord an den Tag gebracht, Hobbys, denen Danjermond seit seiner Collegezeit gefrönt hatte. Bei der Durchsuchung seines Hauses wurden Trophäen der Opfer entdeckt. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Danjermond seine erste Amtszeit als Bezirksstaatsanwalt von Partout Parish absolviert.

Die Geschichte hatte Bayou Breaux für kurze Zeit ins Rampenlicht gebracht, aber das grelle Licht war verblaßt, das Grauen verdrängt worden. Die Akte war geschlossen worden. Das Leben war wieder in normale Bahnen gelenkt worden. Bis zu Pamela Bichon.

Ihr Tod war beängstigend nahe, zu ähnlich. All die alten Ängste waren wieder hochgebrodelt, hatten sich geteilt und sich vervielfacht. Die Menschen fragten sich, ob Danjermond überhaupt der Killer gewesen war, ihre neue Panik vernebelte die Beweise gegen ihn. Er war bei einem Brand ums Leben gekommen, hatte nie öffentlich seine Verbrechen gestanden. Andere wiederum waren wild darauf, Renard als Verdächtigen im Bichon-Mord zu sehen – besser ein greifbares Übel als ein nebulöses. Aber selbst mit einem Ziel, auf das sie mit Fingern deuten konnten, blieb die unterschwellige Angst: ein Aberglaube, eine halbbewußte Überzeugung, daß das Böse tatsächlich ein Phantom war, daß dieser Ort verflucht worden war.

Annie spürte es selbst – eine gewisse Unruhe, ein Niederfrequenzsummen, das nachts ihre Nerven entlangstrich, ein Instinkt, der einen für jedes Geräusch sensibilisierte, ein Gefühl von Verletzlichkeit. Jede Frau in der Parish spürte es, vielleicht diesmal noch mehr als beim letzten Mal. Die Opfer des Bayou-Würgers waren Frauen von zweifelhaftem Ruf gewesen. Pam Bichon hatte ein normales Leben geführt, eine gute Stellung gehabt, stammte aus einer ordentlichen Familie – und der Killer hatte sie auserwählt. Wenn es Pamela Bichon passieren konnte ...

Annie spürte jetzt diese Unruhe in sich, spürte, wie sie sie einengte, als hätte sich plötzlich die Luft ihrer Umgebung verdichtet. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ ihre Nackenhaare hochstehen. Doch als sie sich umdrehte, war es kein böses Monster, das sie anstarrte. Ein kleines Gesicht mit großen, traurigen Augen lugte hinter dem Steuerrad eines Jeeps hervor. Josie Bichon.

»He, Josie«, sagte sie und stieg auf der Beifahrerseite ein. »Wo kommst du denn her?«

Das kleine Mädchen legte ihre Wange an das Steuerrad und zuckte die Achseln. Sie war ein schönes Kind mit glatten braunen Haaren, die in einem dichten Vorhang bis zu ihrer Taille hingen, und braunen Augen, die für ihr Alter viel zu traurig waren. Sie trug eine Jeansjacke und einen weichen Jeanshut, der vorne mit einer großen seidenen Sonnenblume hochgesteckt war, und sah aus wie von einem Werbeposter für Kinderkleidung.

»Mit wem bist du hier?«

»Ich bin mit Oma gekommen, um Opa zu besuchen. Die haben mich nicht reingehen lassen.«

»Tut mir leid, Josie. Aber es ist verboten, daß Kinder das Gefängnis betreten.«

»Ja, dauernd ist irgendwas verboten für Kinder. Ich wünschte, ich könnte auch was verbieten.« Sie streckte die Hand aus und klopfte mit dem Finger gegen den Plastikalligator, der vom Rückspiegel hing. Er trug eine Sonnenbrille, ein rotes Käppi und ein obszönes Grinsen, das zum Lachen bringen sollte. Aber Josie war an einem Ort, an dem Lachen unbekannt war. »Regel Nummer eins: Behandle mich nicht wie ein Baby, ich bin nämlich keins. Regel Nummer zwei: Nicht anlügen, weil das angeblich besser für mich ist.«

»Du hast gehört, was vor dem Gericht passiert ist?« fragte Annie behutsam.

»Es kam im Radio, als wir Zeichenstunde hatten. Opa hat versucht, den Mann zu erschießen, der meine Mom umgebracht hat. Zuerst hat Oma versucht, mir zu erzählen, er wär bloß gestolpert und die Stufen vom Gericht runtergefallen. Sie hat mich angelogen.«

»Ich bin mir sicher, sie wollte dich nicht anlügen, Josie. Stell dir vor, wieviel Angst sie gehabt hat. Sie wollte dir nicht auch noch angst machen.«

Josies Gesichtsausdruck sprach Bände darüber, was sie zu diesem Thema empfand. Von dem Augenblick an, in dem ihre Familie vom Tod ihrer Mutter benachrichtigt worden war, hatte man Josie mit Halbwahrheiten abgespeist, sie sanft beiseite geschoben, während die Erwachsenen sich Besorgnisse und Geheimnisse zuflüsterten. Ihr Vater und ihre Großeltern und Tanten und Onkel hatten ihr Bestes getan, um sie in einen Kokon von Fehlinformationen zu wickeln, und nicht im Traum daran gedacht, daß sie sie damit nur noch mehr verletzten. Aber Annie wußte alles.

»Mama, Mama. Wir sind wieder da! Schau, was mir Onkel Sos in Disney World gekauft hat! Es ist Minnie Mouse!«

Die Küchentür schlug zu, und sie blieb abrupt stehen. Die Person, die am Küchentisch saß, war nicht ihre Mutter. Pfarrer Goetz erhob sich mit ernster Miene von dem Chromstuhl, und Enola Meyette, eine fette Frau, die immer nach Wurst roch, kam vom Spülstein und trocknete sich die Hände mit einem rotkarierten Handtuch ab.

»Allons, chérie«, sagte Mrs. Meyette und reichte ihr eine feiste Hand. »Wir gehen runter in den Laden. Holen dir was Süßes, oui?«

Annie hatte sofort gewußt, daß etwas Furchtbares passiert war. Bei der Erinnerung wurde ihr wieder genauso speiübel wie an dem Tag, an dem sie Enola Meyette aus der Küche geführt hatte. Sie sah sich selbst deutlich mit neun, mit vor Angst weit aufgerissenen Augen, ihre Minniemaus fest umklammernd, wie man sie von der Wahrheit wegzerrte, die Pfarrer Goetz überbringen hatte wollen: daß Marie Broussard sich während Annies allererster Ferienreise mit Tante Fanchon und Onkel Sos das Leben genommen hatte.

Sie erinnerte sich an die sanften Lügen dieser wohlmeinenden Menschen und das Gefühl von Isolation, das mit jeder dieser Lügen wuchs. Eine Isolation, die sie seit langer, langer Zeit in sich trug.

Annie hatte es auf sich genommen, Josies Fragen zu beantworten, als das Sheriffsbüro seine Vertreter geschickt hatte, um Hunter Davidson und seiner Frau die Nachricht zu überbringen. Und Josie, die vielleicht eine verwandte Seele spürte, hatte sofort eine Verbindung zu ihr aufgebaut, die immer noch hielt.

»Du hättest ins Büro des Sheriffs kommen und nach mir fragen können«, sagte Annie.

Josie stupste noch einmal gegen den Alligator und beobachtete, wie er hin- und herschwang. »Ich wollte nicht unter Leuten sein. Schon gar nicht, wenn ich nicht mit Opa Hunt sprechen und ihn nicht fragen durfte, was wirklich passiert war.«

»Ich war dabei.«

»Hat er wirklich versucht, den Mann umzubringen?«

Annie wählte ihre Worte mit Bedacht. »Er hätte es vielleicht, wenn Detective Fourcade die Pistole nicht rechtzeitig gesehen hätte.«

»Ich wünschte, er hätte ihn totgeschossen«, verkündete Josie.

»Die Menschen dürfen das Gesetz nicht selbst in die Hand nehmen, Josie.«

»Warum? Weil es verboten ist? Der Kerl hat meine Mom umgebracht. Er hat auch was Verbotenes gemacht. Er sollte für das, was er gemacht hat, bezahlen.«

»Dafür sind die Gerichte da.«

»Aber der Richter hat ihn gehen lassen!« schrie Josie, Frust und Schmerz schnürten ihr wie ein Kloß den Hals zu. Derselbe Frust und derselbe Schmerz, den Annie bei Hunter Davidsons Schluchzern herausgehört hatte.

»Aber nur vorläufig«, sagte Annie in der Hoffnung, dieses Versprechen wäre nicht so leer, wie es ihr vorkam. »Nur bis wir bessere Beweise gegen ihn haben.«

Tränen quollen aus Josies Augen. »Warum kannst du sie dann nicht finden? Du bist Polizistin und meine Freundin. Du solltest es doch verstehen! Du hast gesagt, du würdest helfen! Du sollst dafür sorgen, daß er bestraft wird! Statt dessen habt ihr meinen Großvater ins Gefängnis gesteckt! Ich hasse das!« Sie schlug mit der Hand gegen das Steuerrad, und die Hupe ging los. »Ich hasse alles!«

Josie hangelte sich vom Fahrersitz und rannte auf das Justizzentrum zu. Annie sprang aus dem Jeep und wollte hinter ihr herrennen. Aber sie blieb stehen, als sie Belle Davidson und Thomas Watson, den Anwalt der Davidsons, aus der Seitentür kommen sah.

Belle Davidson war eine respektgebietende Frau, die das hinter züchtigem Pullover und Perlenkette verbarg. Eine Stahlmagnolie reinsten Wassers. Der Mund der Frau wurde schmal, als ihr Blick auf Annie fiel. Sie löste sich aus Josies Umarmung und ging über den Parkplatz auf sie zu. »Sie haben vielleicht Nerven, Deputy Broussard«, sagte sie. »Meinen Mann ins Gefängnis zu werfen, anstatt den Mörder meiner Tochter, und dann wanzen Sie sich bei meiner Enkelin an, als hätten Sie ein Recht auf ihre Zuneigung.«

»Tut mir leid, wenn Sie so denken, Mrs. Davidson«, sagte Annie. »Aber wir konnten nicht zulassen, daß Ihr Mann Marcus Renard erschießt.«

»Nur die Inkompetenz von euch Leuten im Sheriffsbüro hat ihn zu dieser Verzweiflungstat getrieben. Dank eurer Schlamperei und Nachlässigkeit läuft ein schuldiger Mann frei in der Stadt herum. Mein Gott, am liebsten würde ich ihn selbst erschießen.«

»Belle!« winselte der Anwalt, dem es jetzt gelungen war, seine Klientin einzuholen. »Ich hab’ Ihnen doch gesagt, daß Sie das nicht vor Leuten sagen sollen!«

»Mein Gott, Thomas! Meine Tochter ist ermordet worden. Die Leute würden es seltsam finden, wenn ich so etwas nicht sage.«

»Wir tun unser Bestes, Mrs. Davidson«, sagte Annie.

»Und was hat das gebracht? Nichts. Sie sind eine Schande für Ihre Uniform. Wenn Sie eine anhaben.«

Sie warf einen scharfen, zweifelnden Blick auf Annies verblaßtes T-Shirt, das wohl schon manchen Junior Leaguer heulend nach Hause getrieben hatte.

»Ich bearbeite den Fall Ihrer Tochter nicht, Ma’am. Der liegt in Händen der Detectives Fourcade und Stokes.«

Belle Davidsons Miene wurde noch bösartiger. »Sparen Sie sich Ihre Ausreden, Deputy. Wir haben alle Verpflichtungen in diesem Leben, die gewisse Grenzen überschreiten. Sie haben die Leiche meiner Tochter gefunden. Sie haben gesehen, was –« Sie verstummte, warf einen Blick auf Josie. Als sie sich wieder Annie zuwandte, funkelten ihre Augen vor Tränen. »Sie wissen, was ich meine. Wie können Sie das ignorieren? Wie können Sie das ignorieren und meiner Enkelin noch ins Gesicht sehen?«

»Es ist nicht Annies Schuld, Oma«, sagte sie, obwohl der Blick, den sie Annie zuwarf, voller Enttäuschung war.

»Sag das nicht, Josie«, ermahnte Belle sie leise, legte einen Arm um die Schulter ihrer Enkelin und zog sie an sich. »Genau das ist es, was an dieser Welt von heute faul ist. Keiner will die Verantwortung für irgend etwas übernehmen.«

»Ich will auch Gerechtigkeit, Mrs. Davidson«, sagte Annie. »Aber sie muß innerhalb des Systems stattfinden.«

»Deputy, das einzige, was wir bis jetzt innerhalb des Systems gekriegt haben, ist Ungerechtigkeit.«

Als die beiden sich entfernten, sah Josie mit riesigen, traurigen braunen Augen noch einmal über ihre Schulter. Einen Augenblick lang fühlte sich Annie, als beobachte sie sich selbst, wie sie in den schmerzerfüllten Nebel ihrer Vergangenheit davonging. Die Erinnerung wurde wie mit einer Schnur aus ihrem Innersten gezerrt.

»Was ist passiert, Tante Fanchon? Wo ist Mama?«

»Deine maman, sie ist im Himmel, ma ’tite fille.«

»Aber warum?«

»Es war ein Unfall, chérie. Gott hat nicht aufgepaßt.«

»Ich versteh’ nicht.«

»Non, chère ’tite bête. Später mal. Wenn du älter bist.«

Aber es hatte genau in dem Moment weh getan, und die Versprechen von später hatten den Schmerz in keiner Weise gelindert.

3

»Wir kriegen ihn, so oder so, Partner.«

Fourcade warf Chaz Stokes einen Blick aus dem Augenwinkel zu, als er sein Glas hob. »Es gibt genug Leute, die glauben, wir hätten ›so‹ schon versucht.«

»Scheiß auf sie«, verkündete Stokes und kippte den Schnaps hinunter. Er stapelte das Glas auf der Bar mit dem halben Dutzend anderer, die sie angesammelt hatten. »Wir wissen, daß Renard unser Mann ist. Wir wissen, was er getan hat. Der kleine Wichser irrt sich. Du weißt es, und ich weiß es, mein Freund. Hab’ ich recht oder hab’ ich recht?«

Er schlug Fourcade mit der Hand auf die Schulter, eine Kumpelgeste, die mit eisigem Blick quittiert wurde. Kameradschaft war die Regel bei Polizeiarbeit, aber Fourcade hatte weder Zeit noch Energie darauf zu verschwenden. Er konzentrierte sich gezwungenermaßen auf seine Fälle und darauf, wieder auf den schmalen rechten Weg zurückzukehren, von dem er in New Orleans abgekommen war.

»Der Staat sollte seinen Schwanz in eine Steckdose stecken und ihn wie einen gottverdammten Weihnachtsbaum anzünden«, murmelte Stokes. »Statt dessen läßt ihn der Richter wegen einem Scheißverfahrensfehler laufen, und Pritchett steckt Davidson in den Knast. Die Welt ist ein Scheißnarrenhaus, aber das weißt du ja wohl schon.«

Keine große Überraschung, dachte Nick, behielt es aber für sich und betrachtete Stokes’ Erkenntnisse als rhetorische Bemerkung.

Er redete nicht über seine Zeit bei der Polizei von New Orleans oder über den Vorfall, der ihn schließlich gezwungen hatte, New Orleans zu verlassen. Seiner Erfahrung nach interessierte die Wahrheit die meisten Leute nicht. Sie zogen es vor, sich ihre Meinung aufgrund von irgendeinem sensationellen Krümel der Geschichte, der sie gerade anmachte,

zu bilden. Die Tatsache zum Beispiel, daß er derjenige gewesen war, der Pamela Bichons kleinen Amethystring gefunden hatte.

Er fragte sich, ob irgend jemand Chaz Stokes verdächtigt hätte, den Ring untergeschoben zu haben, falls Stokes derjenige gewesen wäre, der den Ring entdeckt hätte. Stokes war vor vier Jahren von irgendwo aus Crackerland Mississippi nach Bayou Breaux gekommen, ein echter Hans Niemand ohne nennenswerte Vergangenheit. Wenn Stokes den Ring gefunden hätte, würde sich dann jetzt alles nur auf die Ungerechtigkeit konzentrieren, daß man Renard hatte laufenlassen, oder wären die Wasser der öffentlichen Meinung trotzdem getrübt gewesen? Anwälte hatten es drauf, den Schlamm aufzuwühlen wie Welse, die sich ins Seichte verirrt hatten, und Richard war ein König dieses speziellen Schwarms von Gründlern.

Nick mußte glauben, daß Kudrow die Beweismittel in Frage gestellt hätte, ohne Rücksicht darauf, wer sie entdeckt hatte. Er wollte sich nicht vorstellen, daß die Tatsache, daß er sie gefunden hatte, sie ungültig gemacht hatten, wollte nicht glauben, daß seine Beteiligung an diesem Fall Pam Bichon daran hindern würde, ihr Recht zu bekommen.

Wollte nicht denken. Punkt.

Stokes goß noch einmal aus der Flasche Wild Turkey ein. Nick kippte das Zeug hinunter und zündete sich noch eine Zigarette an. Im Fernseher, der in einer Ecke der schummrig beleuchteten Bar hing, lief eine Komödie für ein kleines, desinteressiertes Publikum von Geschäftsleuten. Sie waren aus dem Hotel nebenan rübergekommen, um bei dicken Gläsern voll Johnny Walker und Cajun Chex Mix, das in Plastikaschenbechern serviert wurde, zu quatschen.

Sie waren die einzigen Kunden an der Bar. Deshalb hatte Nick Stokes diese Kneipe vorgeschlagen, anstatt der üblichen, in denen sich die Kollegen trafen. Nick hätte lieber allein vor sich hin gegrübelt. Er wollte keine Fragen. Er wollte kein Mitgefühl. Er wollte die Ereignisse des Tages nicht noch einmal durchkauen. Aber Stokes war sein Partner im Bichon-Fall, und deshalb hatte Nick dieses Zugeständnis gemacht – ein paar zusammen kippen, als würde sie mehr verbinden als nur die Arbeit.

Eigentlich hätte er gar nicht trinken sollen. Das war eines der Laster, die er versucht hatte, in New Orleans zurückzulassen. Aber das und noch ein paar andere waren ihm wie streunende Hunde nach Bayou Breaux gefolgt. Eigentlich hätte er zu Hause sein sollen und die komplizierten, seine gesamte Aufmerksamkeit erfordernden Übungen des Tai chi machen, versuchen sollen, seinen Kopf freizukriegen, sich auf die negative Energie konzentrieren und sie ausbrennen. Statt dessen saß er hier im Laveau’s und kochte darin.

Der Whisky brodelte in seinem Bauch und seinen Adern, und er hatte festgestellt, daß er gerade soweit war, daß ihm egal war, wo er war. Na ja, auf dem Weg ins totale Vergessen, dachte er. Und er würde verdammt froh sein, wenn er das endlich erreicht hatte. Es war der einzige Ort, an dem er vielleicht Pam Bichon nicht tot auf dem Boden liegen sehen würde.

»Ich muß noch immer daran denken, was er ihr angetan hat«, murmelte Stokes und zupfte gedankenverloren Streifen vom Etikett seiner Bierflasche. »Du nicht auch?«

Tag und Nacht. Wach und bei dem, was als Schlaf durchgehen würde. Die Bilder blieben bei ihm. Wie blaß ihre Haut war. Die Wunden: gräßlich, grauenhaft, ein so krasser Gegensatz zu dem, was sie im Leben gewesen war. Der Ausdruck ihrer Augen, die durch die Maske starrten – nackt, hoffnungslos, erfüllt von dem Entsetzen, das sich keiner vorstellen konnte, der nicht einem brutalen Tod ins Auge gesehen hatte.

Und wenn die Bilder vor ihm auftauchten, dann kam auch das Gefühl von Gewalt, das zum Zeitpunkt ihres Todes die Luft verpestet haben mußte. Es traf ihn wie eine Wand von Schall, intensiver, mächtiger, giftiger Zorn, von dem ihm übel und zittrig wurde.

Zorn war kein Fremder. Er brodelte jetzt in ihm.

»Ich muß dran denken, was sie durchgemacht hat«, sagte Stokes. »Was sie gefühlt haben muß, als ihr klar wurde ... was er ihr mit dem Messer angetan hat. Mein Gott.« Er schüttelte den Kopf, als wolle er die Bilder losschütteln, die dort Wurzeln schlagen wollten. »Dafür muß er bezahlen, Mann, und ohne diesen Ring haben wir nicht so viel, wie Schwarzes unterm Fingernagel ist. Er kommt ungeschoren davon, Nicky. Er kommt ungestraft mit dem Mord davon.«

Das passierte immer wieder. Jeden Tag wurde die Grenze überschritten, und Seelen verschwanden in den Tiefen einer anderen Dimension. Es war eine Frage von Ergreifen der Chancen, eine Schlacht der Willen. Die meisten Leute kamen dem Abgrund nie so nahe, um das zu wissen. Zu nahe am Abgrund, und man konnte von der Macht über die Kante gerissen werden, wie durch eine Strömung.

»Wahrscheinlich sitzt er jetzt gerade in seinem Büro und denkt genau das«, fuhr Stokes fort. »Er arbeitet jetzt nur noch nachts, weißt du. Der Rest seiner Firma kann seine Nähe nicht ertragen. Sie wissen, daß er schuldig ist, genau wie wir. Können nicht ertragen, ihn anzusehen, weil sie wissen, was er getan hat. Ich wette, er sitzt jetzt gerade da und denkt daran.«

Direkt gegenüber. Das Architektenbüro Bowen & Briggs war in einem schmalen, übertünchten Backsteingebäude mit Blick zum Bayou untergebracht, flankiert von einem schäbigen Barbierladen aus Holz und einem Antiquitätengeschäft. Dasselbe Gebäude, in dem im Parterre Bayou realty seinen Sitz hatte. Bowen & Briggs war wahrscheinlich der einzige Ort im Block, in dem heute nacht jemand war.

»Weißt du, Mann, einer sollte Renard umlegen«, flüsterte Stokes mit einem mißtrauischen Blick auf den Barmann. Er stand am Ende der Bar und kicherte über die Komödie im Fernsehen.

»Gerechtigkeit, weißt du«, sagte Stokes. »Auge um Auge.«

»Ich hätte zulassen sollen, daß Davidson ihn erschießt,« murmelte Nick und fragte sich erneut, wieso er es verhindert hatte. Weil es da immer noch einen Teil von ihm gab, der glaubte, das System müßte funktionieren. Oder vielleicht hatte er nicht gewollt, daß Hunter Davidson auf die dunkle Seite hinübergezogen wurde.

»Er hätte einen Unfall haben können«, schlug Stokes vor.

»So was passiert doch dauernd. Der Sumpf ist gefährlich. Verschluckt manchmal einfach die Leute, weißt du.«

Nick sah ihn durch den Nebel von Rauch an und versuchte einzuschätzen, abzuwägen. Er kannte Stokes nicht gut genug. Kannte ihn überhaupt nicht, abgesehen von dem, was sie bei der Arbeit zusammenbrachte. Er hatte nur Eindrücke, ein paar Adjektive, übereilte Spekulationen, weil er keine Lust hatte, Zeit auf solche Dinge zu verschwenden. Er zog es vor, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren. Stokes war Teil der Peripherie seines Lebens. Nur ein weiterer Detective in einer Abteilung, die aus vier Mann bestand. Sie arbeiteten meist völlig unabhängig voneinander.

Stokes zog einen Mundwinkel hoch. »Wunschdenken, Partner, Wunschdenken. Machen sie das nicht unten in New Orleans? Die bösen Buben abknallen und sie in den Sumpf werfen?«

»Meistens in den Pontchartrain See.«