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Ein wunderbares Buch über das Anderssein, über wahre und falsche Freundschaft und darüber, dass die Rettung manchmal von unerwarteter Seite kommt Oscar ist Megs bester Freund. Er hat ein besonderes Gespür für seine Mitmenschen und ist mit seinem Apfelkuchen stets zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Doch als er selbst Hilfe braucht, ist Meg am anderen Ende der Welt. Und auch sonst ist niemand für ihn da. Oscar verschwindet spurlos – und alle befürchten das Schlimmste. Alle, bis auf Meg. Sie ist fest entschlossen, herauszufinden, was wirklich passiert ist …
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2015
Sarah Moore Fitzgerald
Eine warmherzige Geschichte über Freundschaft und die Kunst, niemals aufzugeben
Oscar ist Megs bester Freund. Er hat ein besonderes Gespür für seine Mitmenschen und ist mit seinem Apfelkuchen stets zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Doch als er selbst Hilfe braucht, ist Meg am anderen Ende der Welt. Und auch sonst ist niemand für ihn da. Oscar verschwindet spurlos – und alle befürchten das Schlimmste. Alle, bis auf Meg. Sie ist fest entschlossen, herauszufinden, was wirklich passiert ist …
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Sarah Moore Fitzgerald ist Professorin für Psychologie. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Limerick, Irland, und glaubt ganz fest an die magische Wirkung von Apfelkuchen. Und daran, dass man die Hoffnung niemals aufgeben darf.
Weitere Informationen, zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage, auch zu E-Book-Ausgaben, gibt es bei www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die englische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel
›The Apple Tart of Hope‹
bei Orion Children's Books,
a division of the Orion Publishing Group Ltd., London
Text © Sarah Moore Fitzgerald 2014
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
Covergestaltung: Frauke Schneider, Wittighausen
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0136-2
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Widmung
Das erste Stück
Das zweite Stück
Das dritte Stück
Das vierte Stück
Das fünfte Stück
Das sechste Stück
Das siebte Stück
Das achte Stück
Das neunte Stück
Das zehnte Stück
Das elfte Stück
Das zwölfte Stück
Das dreizehnte Stück
Das vierzehnte Stück
Das fünfzehnte Stück
Das sechzehnte Stück
Das siebzehnte Stück
Das achtzehnte Stück
Das neunzehnte Stück
Das letzte Stück
Danksagung
Für Ger
Vor der Kirche stand ein Krankenwagen bereit, für den Fall, dass jemand ohnmächtig wurde. Männer mit grünen Armbinden regelten den Verkehr. Jemand hatte in roten Druckbuchstaben VOLL auf ein Pappschild geschrieben und es an die Zufahrt zum Parkplatz gehängt. Nachbarn öffneten ihre Gartentore.
Im Innern der Kirche waren bei den ersten vier Reihen an den Sitzen hinten große Papierstreifen angebracht, auf denen Reserviert stand, weil nur die Schüler aus Oscars Klasse dort sitzen durften.
Alle schienen wie benommen. Es war der Fürbittegottesdienst für Oscar Dunleavy. Oscar galt als vermisst, und vermutlich lebte er nicht mehr – und an so etwas kann sich kein Mensch gewöhnen.
Pater Frank war der absolute Mittelpunkt. Er sagte, Oscars Klassenkameraden bräuchten alle noch viel Zeit und Zuwendung, wegen der »ungewohnten, furchtbaren, unglaublichen Gefühle«, die man empfindet, wenn jemand, mit dem man in die Schule gegangen ist, nicht mehr da ist und man ihn höchstwahrscheinlich nie wiedersehen wird.
Wir brauchten auch Wolldecken, weil die Heizung in der Kirche kaputtgegangen war, ausgerechnet jetzt, da das eklige Februarwetter sich noch einmal gesteigert hatte.
Ich hörte Pater Frank mit den Eltern darüber reden, dass wir alle eine »sehr schwere Zeit« vor uns hätten, denn wir mussten ja Tag für Tag Oscars leeren Platz sehen und an seinem graffitibeschmierten und mit einem Hängeschloss gesicherten Schließfach vorbeigehen, das bisher keiner aufzubrechen gewagt hatte. Pater Frank war in seinem Element, weil er sich mit etwas beschäftigen konnte, was bedeutender war als seine normalen Alltagspflichten, die in der Regel darin bestanden, dass er in der Schule herumlief und die Schüler ermahnte, sie sollten den Müll aufheben oder ihren Kaugummi ausspucken.
Jetzt tröstete er traurige, traumatisierte Menschen und redete mit ihnen in der Kummer-und-Leid-Sprache, die er offenbar fließend beherrschte.
Er sagte Folgendes: Selbst wenn es so aussah, als kämen wir alle gut zurecht, erwarteten uns doch verwirrende Phasen, in denen wir diesen Verlust wie eine Attacke auf unsere empfindlichen jungen Seelen erleben würden, und zwar nicht nur in den leeren, leidvollen Wochen, die unmittelbar bevorstanden, sondern noch viele Jahre lang.
Einer nach dem anderen betrat die Kirche. Bleiche Gesichter. Gerötete Nasen. Die ganze Klasse verschmolz zu einem stummen Fleck, zu einem verschwommenen Phantom aus blauen Uniformen, ungreifbar wie ein riesiges Gespenst.
Jedes Mal, wenn ich mich umschaute, entdeckte ich etwas, was ich nicht sehen wollte: das zuckende Gesicht eines erwachsenen Mannes; eine Frau, die in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch kramte; eine Nachbarin, der die Tränen schon vom Kinn tropften. Zwischendurch hörte man immer wieder ein gedämpftes Hallo und verkrampft klingendes Gehuste.
Und dann war da Oscars Vater, der Stevies Rollstuhl schob. Die beiden sahen aus wie die zerbrochenen Glieder einer Kette. Einen Moment lang schwebte über uns allen das Quieken eines Babys – ein fröhliches Geräusch, klar und hell inmitten in der ganzen Verzweiflung. Und dann die Blumen! Massenhaft Blumen, alle blau und gelb.
»Kornblumen, Butterblumen«, sagte Pater Frank irgendwann in seiner endlos langen Ansprache.
»Kornblumen für das Blau seiner blauen Augen. Butterblumen für seine leuchtende Seele.« Ehrlich, genau das hat er gesagt.
Es roch nach Kräutern und nach Moschus. Staub stieg aus den Winkeln der Kirche auf, wie ein überirdischer Hauch. Und während dieser ganzen Zeremonie, die niemand wollte, bemühten sich alle meine Mitschüler, einander nicht in die Augen zu sehen.
Ich befürchtete schon fast, Pater Frank würde immer weiterreden, bis in alle Ewigkeit, doch dann wurde seine Stimme tiefer, er sprach langsamer und feierlicher, ein Zeichen dafür, dass dieser Teil des Gottesdienstes zu Ende ging und etwas Neues begann.
»Und nun«, sagte er, »nun wollen wir Oscars beste Freundin bitten, nach vorn zu kommen und ihre Fürbitte vorzutragen. Sie stand Oscar näher als alle anderen. Sie wird ein paar Worte sagen, zum Gedenken an ihren Freund – in unser aller Namen, die wir ihn kannten und gern hatten.«
Mir wurde ganz heiß vor Verlegenheit. Es war die Art von Verlegenheit, die einen überkommt, wenn man völlig unvorbereitet mit etwas Wichtigem konfrontiert wird. Niemand hatte mir gesagt, dass ich eine Fürbitte vortragen sollte. Ich war nicht in der Stimmung, vor alle hinzutreten und zu sprechen. Aber ich holte ein paarmal tief Luft und sagte mir: Nimm dich zusammen – für Oscar. Ich vermutete, dass der Text der Fürbitte auf dem Lesepult neben Pater Frank lag. Garantiert hatte irgendjemand den Auftrag gehabt, mir Bescheid zu sagen, und es dann in dem allgemeinen Durcheinander vergessen. Denn es hatte mich niemand informiert, aber unter den gegebenen Umständen war das ja verständlich.
Kein Mensch kam, um mir Anweisungen zu geben. Ich konnte nur die Köpfe der anderen sehen, sonst nichts. Schließlich stand ich auf, weil die Stille in der Kirche immer erdrückender wurde und die Leute schon nervös auf den Bänken hin und her rutschten. Durch die Menschenmenge vor mir schien eine Welle der Unruhe zu gehen.
Und dann erhob sie sich. Wie ein Engel, strahlend und mit goldenem Haar, schwebte sie nach vorn, voller Anmut. Bei ihrem Anblick wurden meine Füße bleischwer, und ich klebte am Boden fest. Das Engelsgeschöpf trat ans Mikrophon.
»Wer ist das?«, fragte ich meine Mutter, aber sie wusste es auch nicht.
Ich beugte mich zu Andy Fewer, der in der Reihe vor mir saß. »Wer ist das?« Und als das Mädchen zu sprechen begann, fiel mir ein, dass ich ihre Gestalt schon einmal gesehen hatte, und da wusste ich, wer sie war.
»Der Tod ist gar nichts …«
Ihre Stimme klang wie schmelzende Schokolade und schwang durch den Raum wie süße Musik.
»… nur ein kurzer Augenblick, und alles wird wieder so sein, wie es vorher war.«
Andy drehte sich zu mir um, sein Blick verschleiert.
»Das ist Paloma«, flüsterte er, als hätte ich ihn gefragt, auf welchem Planeten wir uns befinden. »Paloma Killealy.«
Ja klar!, dachte ich. Natürlich ist das Paloma.
Als sie ihre Fürbitte beendet hatte, sagte sie, es gebe ein Lied, das Oscar besonders gemocht habe, seit – na ja, eigentlich seit immer. Und sie selbst denke jedes Mal, wenn sie es höre, an ihn.
»Dieses Lied ist für dich, Osc«, sagte sie und begann, eine Melodie zu singen, die ich nicht kannte.
Osc? Seit wann hieß er Osc? Kein Mensch nannte ihn so.
Wenn einem jungen Menschen etwas Schlimmes zustößt, und wenn sich Menschen in einer Kirche versammeln, um für ihn zu beten, dann entstehen seltsame Schwingungen, so ein Summen und Rauschen. Alles bebt und zittert. Wie bei einem Erdbeben, denke ich – als wäre sogar der Erdboden schockiert und entsetzt, weil das alles so ungerecht und so falsch ist.
»Er hatte noch das ganze Leben vor sich«, war der naheliegende, sinnlose Satz, den die Leute ständig wiederholten. Aber sie konnten reden, was sie wollten – es änderte nichts. Jedenfalls nicht jetzt. »Es ist zu spät«, sagten sie. Oscar hatte sich entschieden – und wir mussten bis an unser Lebensende unter dieser Entscheidung leiden. Er war nicht mehr da. Und inzwischen gingen alle ganz selbstverständlich davon aus, dass er nicht zurückkommen würde.
Der Februar war Oscars Lieblingsmonat gewesen.
Ich hatte einmal zu ihm gesagt, dass er vermutlich der einzige Mensch im Universum mit einem Lieblingsmonat ist. Aber er ließ sich nicht beirren. Er hatte eine spezielle Theorie: Wenn man kein Kind mehr ist, dann ist Weihnachten nur noch eine große Enttäuschung. Und der Januar ist bekanntlich immer dunkel und langweilig, vollgestopft mit Hausaufgaben und stumpfsinnigen Mahlzeiten. Aber genau in dem Moment, wenn die Welt dir am trostlosesten erscheint, kommt der Februar angeschlichen, wie ein guter Freund, den du länger nicht gesehen hast, und tippt dir auf die Schulter.
Und speziell jener Februar hatte ein neues Schild hochgehalten, und wir hatten angefangen, Dinge zu planen, die wir noch nie getan hatten – aufregende Dinge – andere Dinge – Teenager-Dinge. Wir waren keine kleinen Kinder mehr, und dieser Februar war erfüllt gewesen von hundert neuen Chancen.
Jetzt waren sämtliche Chancen, die Oscar je gehabt haben mochte, radikal gesunken. Zum Nullpunkt.
Draußen auf den Kirchenstufen ging es förmlich und leise zu, aber da war so ein leises Gemurmel, das irgendwie lauter zu werden schien, als würde ein fernes, gigantisches Monster Sekunde für Sekunde näher kommen.
Eine Gruppe von Eltern hatte sich um Pater Frank versammelt. Die Sonne schien. Es war wie ein grausamer Scherz: Durch die Sonne wirkte alles viel schöner, als es hätte sein dürfen. Andy war da, Greg ebenfalls, und Pater Frank fragte: »Gute Güte, Jungs – warum nur, warum? Wie kommt jemand, den noch so viel Schönes erwartet, auf die Idee, dem Ganzen … dem Ganzen ein Ende zu setzen, so wie Oscar es allem Anschein nach getan hat?«
»Ach Pater, wissen Sie – dafür kann es unzählige Gründe geben«, sagte Andy, ernsthaft und ohne Stocken, als wäre er ein Experte auf diesem Gebiet. »Ich persönlich denke, eigentlich ist es ein Wunder, dass überhaupt einer von uns weiterleben möchte.«
»Was willst du damit sagen?«
»Ich will sagen, dass es beim Erwachsenwerden einen Augenblick gibt, da kommt einem die Welt plötzlich mehr oder weniger sinnlos vor – da stürzen die Schrecken der Wirklichkeit auf einen herunter, wie etwas, das vom Himmel fällt.«
»Wie etwas, das vom Himmel fällt? Zum Beispiel?« Pater Frank gab sich große Mühe, Andys Aussage zu verstehen.
»Etwas Monumentales – so groß wie ein Klavier, sagen wir mal. Oder wie ein Kühlschrank. Und wenn das passiert, kann man unmöglich in die Zeit davor zurückkehren, also in die Zeit, bevor es auf einem gelandet ist.«
»Aber was ist mit den verschiedenen Aktivitäten und den Freuden des Lebens – wie Sport, Musik, Mädchen und so weiter?«, fragte Pater Frank schon fast flehentlich.
»Alles nur Schall und Rauch«, seufzte Andy. »Luftspiegelungen in der Wüste des Lebens, die dazu dienen, den Menschen das Gefühl zu geben, dass es sich lohnt.«
»Oh«, seufzte Pater Frank. »Oh, ich verstehe. Und haben alle jungen Menschen dieses Gefühl?«
»Ja, ich denke schon«, antwortete Andy, ohne einen der anderen nach seiner Meinung zu fragen. »Aber die meisten lernen, damit zu leben.«
»Na, da bin ich ja froh.«
Ich brauchte lange, um Stevie zu finden, obwohl er gar nicht weit von der Kirchentür in seinem Rollstuhl saß. Sein Vater stand in der Nähe und war damit beschäftigt, ganz mechanisch Hunderte von Händen zu schütteln.
»Ach Stevie«, sagte ich und beugte mich zu ihm, um ihn zu umarmen. Ich schloss die Augen, und die Tränen, die ich bis jetzt zurückgehalten hatte, kullerten mir über die Wangen.
»Ist schon okay, Meg«, flüsterte er. Nichts war okay! Ich empfand aber trotzdem eine gewisse Erleichterung, als ich ihn anschaute. »Wann bist du zurückgekommen?«, fragte er mich. »Gestern Abend«, antwortete ich. Wir waren so schnell wie möglich aufgebrochen, nachdem wir die Nachricht erhalten hatten. Bestimmt erschien mir auch wegen des Jetlags alles so wackelig. Ich konnte gar nicht geradeaus denken.
Aber mitten in diesem Nebel aus traurigem Gemurmel ging von Stevie eine unbezwingbare Fröhlichkeit aus, und seine Augen leuchteten. Dadurch wurde mir etwas leichter ums Herz. Gab es vielleicht doch einen Grund, heiter und hoffnungsvoll zu sein, ja vielleicht sogar ein bisschen optimistisch?
»Was ist eigentlich passiert, Stevie? Bitte, bitte, sag’s mir – was war los? Und warum verhalten sich alle so komisch? Dieser Gottesdienst? Ich meine – das macht man doch nicht, wenn man sich nicht absolut sicher ist, dass die Person, für die man ihn abhält, tot ist. Wenn man eindeutige Beweise hat. Aber wir haben doch eigentlich gar keinen Grund zu glauben, dass er tot ist. Oder?«
Stevie blickte zu mir hoch und rollte noch ein Stück näher.
»Stimmt genau!«, flüsterte er. »Ich versuche ja dauernd, das den anderen zu erklären! Nur gut, dass du wieder da bist, Meg. Du bist nämlich die Erste, die es nicht glaubt – außer mir. Aber ich habe gewusst, dass ich auf dich zählen kann, und ich bin so froh, dass du zurückgekommen bist, weil ich mich total allein gefühlt habe – ich hatte schon Angst, ich werde verrückt. Echt wahr! Alle sagen, er hat Selbstmord begangen. Also – jetzt mal im Ernst! Das ist doch total unlogisch, findest du nicht?«
»Stevie, du musst mir alles erzählen, was du weißt. Jede Einzelheit. Alles, was passiert ist, bevor er verschwunden ist.«
»Ich werde tun, was ich kann, Meg«, sagte Stevie. »In Gedanken bin ich sämtliche Einzelheiten schon tausendmal durchgegangen. Aber jetzt im Moment haben wir keine Zeit zum Reden.« Mit gerunzelter Stirn schaute er sich um. Er klang so viel älter und weiser als andere Jungen in seinem Alter. »Ich würde vorschlagen, wir treffen uns später am Pier. So gegen Mitternacht. Einverstanden?«
»Aber – wie willst du da mitten in der Nacht ohne Hilfe hinkommen, Stevie?«
»Null Problemo«, sagte er, in einem eindeutig nichttrauernden Tonfall, was mir noch mehr Hoffnung machte. »Seit du weg bist, hat sich einiges getan. Ich bin inzwischen so gut wie selbständig!« Er grinste so breit, dass er schon eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zog, was er nicht unbedingt wollte – weshalb er schnell wieder ernster dreinschaute. Und mit dem versteckten Selbstbewusstsein eines Spions gab er mir die Anweisung, mich unter die Leute zu mischen, nichts zu sagen und ihn später am vereinbarten Ort zu treffen.
Die Trauergäste gingen hin und her, umarmten einander und weinten. Gelegentlich tauchten irgendwo die goldenen Haare von Paloma Killealy auf, und in der murmelnden Menge glaubte ich immer wieder, ihren Namen zu hören, leise flüsterte ihn einer dem anderen zu, wie ein Gedicht. Paloma Killealy. Paloma Killealy. Paloma, Paloma Killealy.
Ich bin nicht gestorben. Ich bin nicht tot. Überhaupt nicht. Zugegeben, ich komme mir ziemlich blöd vor wegen der ganzen Sache – ich bin mitten in der Nacht verschwunden, ohne irgendjemandem zu sagen, wo ich hingehe, und alle denken jetzt, ich bin tot, und ich lasse sie in dem Glauben.
Die Dinge sind mir über den Kopf gewachsen. Und weil so viel passiert ist, packte mich plötzlich der Wunsch, mit meinem Fahrrad noch viel schneller zu fahren als sonst, hinunter ans Meer und hinein ins schwarze Wasser.
Ich erinnere mich genau daran, wie ich hinterher immer wieder zu Barney gesagt habe, was für ein Vollidiot ich doch bin und wie wertlos und wie sehr ich mich hasse.
Er antwortete jedes Mal, dass er genau weiß, wie ich mich fühle. Und er versicherte mir, dass manche Leute, die sagen, sie wollen helfen, nicht so tun als ob, sondern es ernst meinen. Ich war mehr oder weniger davon überzeugt, dass er die Wahrheit sagte.
Die Wahrheit ist ziemlich wichtig, um sich daran festzuhalten, wenn man aus dem Meer gefischt wird, nachdem man vorhatte, darin zu ertrinken. Ich hätte mich vom Wasser mitnehmen lassen können. Ich könnte jetzt ohne weiteres tot sein. Komische Vorstellung. Wenn ich komisch sage, meine ich eigentlich seltsam und irgendwie beunruhigend.
Wenn in deinem Kopf ganz laut eine Sirene aufheult, braucht es nicht allzu lange, bis ein Gefühl der Gleichgültigkeit über dich hinwegschwappt und du hemmungslos selbstzerstörerisch wirst. Ich war früher immer voller Energie und zufrieden, aber an diese Gefühle konnte ich mich kaum noch erinnern. Die fröhlichen, kindlichen Gedanken waren durch andere ersetzt worden: Ein ganzes Bündel neuer Erkenntnisse wuchs nach und nach in mir, wie wildwucherndes Unkraut, und dieses Unkraut war dabei, mich umzubringen. Deshalb hatte ich den Entschluss gefasst, mit dem Fahrrad mitten in der Nacht zum Pier zu fahren und von da ins Wasser.
Alle Pläne, die ich früher einmal gehabt hatte, waren futsch, und in der entscheidenden Nacht kamen sie mir vor wie das zerquetschte Blech nach einem Autounfall. Es war nichts mehr übrig – nichts, was nicht entstellt und zerstört war, nichts, was sinnvoll schien.
Ich habe es nicht geschafft, mich umzubringen. Und als mir klar wurde, dass ich nicht einmal das richtig hinkriege, beschloss ich, das Zweitbeste zu tun: fortzubleiben und so zu tun, als wäre ich tot. Ein Teil von mir sehnte sich allerdings noch eine ganze Weile danach, dass jemand kommen und mich finden würde.
Es war schon frustrierend, dass offenbar niemand konsequent nach mir suchte. Innerhalb eines irritierend kurzen Zeitraums schienen sich alle mit meinem Tod abzufinden. Nach einer Suchaktion, die man allerhöchstens als halbherzig bezeichnen konnte, kehrte jeder so schnell wie möglich zu seinem normalen Alltag zurück. Zwei Polizisten kamen bei Barney vorbei, aber als er sagte, sie sollen bitte wieder gehen und ihn nicht mehr belästigen, taten sie genau das.
Man darf Menschen, die verschwinden, nicht aufgeben. Man darf nicht sagen: »Schade, schade, schade – aber das war’s dann wohl.«
In Wirklichkeit ist das Verschwinden eines Menschen eine Aufforderung an alle, sich auf die Suche zu machen, bis man unter sämtlichen Fingernägeln Dreck hat und total erschöpft ist, weil man jeden einzelnen Stein umgedreht hat, um zu sehen, ob der Verschwundene vielleicht darunter liegt. Ich bin der Meinung, wenn man sich damit abfindet, dass jemand verschwindet, ist das schon irgendwie eine Beleidigung. Es ist eine Beleidigung für den Betreffenden, weil man nicht mehr richtig an ihn denkt.
Ich habe einiges dazugelernt. Im Lauf der Zeit habe ich kapiert, dass das Verschwinden seine eigene Logik hat. Ich weiß heute, dass es keinen großen Unterschied macht, ob man nur so tut, als wäre man tot, oder ob man tatsächlich tot ist. Soweit ich sehe, läuft beides auf das Gleiche hinaus.
Folgendes habe ich begriffen: Wenn jemand, den man kennt, verschwindet, dann darf man keine voreiligen Schlüsse ziehen. Man sollte Fragen stellen und immer weitersuchen, bis man Gewissheit hat. Man darf den Verschwundenen nicht abschreiben, bis man alle Möglichkeiten ausgelotet hat. Und vor allem darf man die Hoffnung nie aufgeben, sondern muss sie immer im Herzen behalten.
Den Ermittlungen zufolge hatte Oscar sein altes Mountainbike aus der Garage geholt und war die Straße hinuntergerast, über die Hallow Bridge, deren Lichter immer so aussehen, als würden sie einem zublinzeln. Es hieß, er sei aller Wahrscheinlichkeit nach die gesamte Strecke freihändig gefahren und dann ins Meer geschleudert worden.
»Gibt es Beweise dafür? Gibt es Indizien?«, fragten Stevie und ich uns, als wir uns wie geplant um Mitternacht trafen.
»Das Fahrrad«, erklärte Stevie. »Sein Fahrrad haben sie gefunden. Einer der Taucher hat es herausgefischt, es war völlig verbogen. Jemand hat es, tropfnass wie es war, an den letzten Steinpoller da drüben gelehnt, und da stand es ein paar Tage.«
Stevie rollte zu dem Poller und langsam um ihn herum.
»Niemand wollte das Fahrrad anfassen oder mitnehmen. Es war wie ein Fluch, vor dem alle Angst hatten. Die Leute haben es nicht mal richtig angeschaut. Ich habe gesehen, wie sie den Kopf weggedreht haben, wenn sie daran vorbeigegangen sind.«
Er selbst hatte es sich angeschaut – für ihn war das kein Problem. Man muss alle Dinge genau untersuchen, wenn man einer Sache auf den Grund gehen will. Stevie erzählte, er sei immer wieder hergekommen, um das Fahrrad noch einmal zu studieren, bis sein Vater dafür gesorgt hatte, dass jemand es abholt. Das Rad habe irgendwie etwas Menschliches gehabt, sagte Stevie, wie es sich zur Seite neigte, als würde es bei dem kalten Poller Trost suchen.
In den Tagen nach Oscars Verschwinden waren massenhaft Leute zum Pier gekommen – um Blumen abzulegen und kopfschüttelnd Blicke zu tauschen, vor allem aber – sagte Stevie –, vor allem, weil sie neugierig waren und herumschnüffeln wollten.
Mrs Gilhooly, die ein Stück die Straße hoch wohnte und immer hochdramatisch daherredete, selbst wenn es dafür keinen Grund gab, war schon immer eine Expertin in Sachen Klatsch und Tratsch, wie mein Dad sagte. Sie rannte ständig laut seufzend auf dem Pier herum, um die Taucher auszufragen und um dann die neuesten Entwicklungen brühwarm weiterzutratschen.
»Das ist doch entsetzlich! Der Poller steht so hart und erbarmungslos da – und genauso stand er da, als sich der arme Junge ins Wasser gestürzt hat.«
Stevie erzählte, er sei oft richtig wütend auf Mrs Gilhooly gewesen und einmal habe er zu ihr gesagt, sie solle gefälligst nicht über Dinge reden, von denen sie keine Ahnung habe.
»Woher wollen Sie denn wissen, dass er sich ins Wasser gestürzt hat? Wie kommen Sie zu solchen Schlussfolgerungen? Wenn mein Bruder tatsächlich tot sein sollte – wo ist die Leiche? Wo? Sagen Sie es mir bitte, wenn Sie alles so genau wissen!«
Daraufhin fragte die alte Quasselstrippe ihn, wo denn sein Vater sei. Sie fand es nämlich unpassend, dass sich ein kleiner Junge, der in Trauer ist, im Rollstuhl allein an dem Ort herumtreibt, wo sein Bruder tragisch zu Tode gekommen ist. Zumal, wenn dieser Junge überempfindlich und außer Kontrolle sei, wie sie meinte.
Stevie teilte ihr mit, er sei keineswegs in Trauer, nur damit sie das wisse. Er sei dabei, sich gründlichst umzusehen und alles zu erforschen – und andere wichtige Dinge zu tun, um die sich außer ihm keiner angemessen kümmere. Außerdem dürfe er tun, was er wolle. Und wo er hinfahre – egal, ob allein oder in Begleitung –, gehe keinen etwas an, und sie schon gar nicht.
Wie konnte diese blöde Frau es wagen, Stevie so zu nerven!
Aber ich musste ihm auch ein paar unangenehme Fragen stellen, obwohl es gar nicht leicht war, über diese Sachen nachzudenken.
»Kann es sein, dass er unglücklich war, Stevie? Hältst du es für möglich, dass irgendetwas passiert ist, was ihn dazu gebracht hat, so was tun zu wollen?«
»Weißt du, jeder ist manchmal traurig. Aber das heißt noch lange nicht, dass er selbstmordgefährdet ist.«
»Ja klar, aber vielleicht …«
»Meg«, begann er und hielt seine Hand hoch, wie einen kleinen Schild. »Ich muss mich auf dich verlassen können, damit ich meinen Optimismus nicht verliere. Du musst daran glauben, dass er lebt. Wenn wir aufhören, daran zu glauben, dann drückt ihm kein Mensch mehr die Daumen, und egal, wo er jetzt gerade ist – er braucht Leute, die ihn unterstützen. Verstehst du das? Es ist sonnenklar, dass er einfach eine Weile irgendwo hingegangen ist. Ich weiß, er kommt zurück. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, wo dieses ›Irgendwo‹ ist, und überhaupt müssen wir alles Menschenmögliche tun und ihm helfen, damit er wieder nach Hause kommen kann. Wir dürfen nicht zweifeln, Meg, auf keinen Fall. Das ist superwichtig. Es ist sogar das Allerwichtigste, was wir in unserem ganzen Leben je getan haben: dass wir glauben, er lebt.«
Ich sagte, okay, aber ich spürte, dass Stevie mein leises Zögern bemerkt hatte.
Pessimismus ist ansteckend, und um uns herum gab’s jede Menge davon. Ein Teil von mir fing an, sich vorzustellen, wie Oscar das getan hatte, was alle anderen dachten. Ich weiß nicht recht, warum, aber ich hörte sogar oft so ein Wasserrauschen vor dem Einschlafen. Im Traum sah ich Oscars Leiche irgendwo im Wasser treiben, und die schwarzen Wellen schwappten langsam und salzig über seinen bleichen, toten, schuhlosen Körper.
Hunderte von Personen hatten sich an der Suche beteiligt. Stevie erzählte, dass sein Vater am Pier war, als ein Taucher Oscars Schuhe fand. Der Taucher habe seinem Vater die Schuhe gegeben, und der habe sie dann sorgfältig in seinem Rucksack verstaut. Man habe beobachten können, wie die nassen Flecken sich ausbreiteten, während er zum Auto ging. Als wäre der Rucksack plötzlich die Landkarte eines unbekannten Kontinents mit riesigen dunklen, ungleichmäßigen Ländern geworden.
Stevie beschwerte sich immer wieder darüber, dass niemand genug Einsatz zeigen würde. Aber nach allem, was ich mitbekam, taten viele Leute alles, was in ihren Kräften stand. Lange Zeit schlappten ganze Teams mit Schwimmflossen und in Taucheranzügen über den Pier, bevor sie ins Wasser sprangen, um nach weiteren Beweisstücken zu suchen, oder dicht gedrängt in orangefarbenen Booten weit hinaus aufs Meer fuhren.
Sie verkündeten nicht offiziell, dass es sich hier um die Suche nach Oscars Leiche handelte, aber mit der Zeit wusste jeder, dass es genau das war. Immer wieder suchten die Tauchertrupps die ganze Felsküste ab.
Und als die Hoffnung, Oscar zu finden, immer mehr schwand, trottete sein Vater trotzdem unermüdlich die zerklüftete Küste entlang, immer mit seinem Fernglas vor den Augen.
Logisch war das nicht. Jedenfalls sagten das die meisten Leute, doch Oscars Dad glaubte immer noch an ein gutes Ende, genau wie Stevie. Und wie ich. Obwohl es mir schwerfiel. Sein Vater hielt am Glauben fest – denn wie sonst hätte man sich erklären sollen, dass er bei jedem Wetter da draußen unterwegs war und suchte, suchte, suchte?
»Hey, Meggy«, sagte er, als wir uns begegneten. Er lächelte. Aber es war kein richtiges Lächeln. Es sah so aus, als würde er es mit enormer Anstrengung auf sein Gesicht zerren.
»Hey, Mr Dunleavy«, erwiderte ich, und er sagte, ich könne ruhig Bill zu ihm sagen.
»Wie geht’s Stevie?«
