Das blaue Sternenschloss - Franziska Pelikan - E-Book

Das blaue Sternenschloss E-Book

Franziska Pelikan

0,0

Beschreibung

Wer ist der schwarze Kater? Warum kennen Angelina und ihre Schwestern seinen richtigen Namen, obwohl sie ihn nie zuvor gehört haben? Warum können sie plötzlich eine Sprache verstehen und sprechen, die längst niemand mehr kennt? Wer ist die Person, die sie überall hinverfolgt? Und kann der schwarze Kater, mit seinen geheimnisvollen, gelben Augen, tatsächlich die Menschen verstehen? Das und viel mehr fragen sich die drei Schwestern. Der schwarze Kater führt die drei in eine ganz neue, fast vergessene Welt, in der sie ähnlich wie im Mittelalter leben müssen, um sie nicht zu zerstören. Nur Auserwählte dürfen sie betreten. Das Abenteuer beginnt mit Angelinas erster Begegnung mit dem schwarzen Kater.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das blaue

„Sternenschloss“

Teil I

Franziska Pelikan

1. Eine Radtour allein

Angelina saß gelangweilt im Gras und verscheuchte lästige Mücken.

„Schule ist Scheiße und diese Ferien sind langweilig”, dachte sie und schüttelte ihre blonde Mähne, weil eine Mücke in ihrem Nacken saß. „Mensch, ihr Mücken”, rief sie, „Jetzt lasst mich endlich mal in Ruhe.” Sie sprang auf und setzte sich an einer andere Stelle ins Gras, wo sie hoffte, dass die Mücken sie in Ruhe ließen. Aber kurze Zeit später waren sie wieder alle bei ihr. „Jetzt reicht’s mir! Ihr folgt mir wohl alle, oder ihr seid einfach überall.”

„Angelina, was schimpfst du so?” Das war ihre Mutter. Sie beugte sich aus dem Wohnzimmerfenster und sah nach, was Angelina machte.

„Die Mücken ärgern mich alle. Jetzt sind auch noch Bremsen hinzugekommen.” Sie sprang wieder auf und schlug um sich. „Die sind diesen Sommer sehr lästig.”

Ihre Mutter lachte: „Willst du Insektenspray haben?”

„Oh, ja. Das wär’ gut. Darauf hätte ich auch selber kommen können.”

Ihre Mutter verschwand vom Fenster.

Angelina überlegte nicht lange und rannte ins Haus. Fast hätte sie ihre kleine Schwester Daida umgelaufen.

„Was machst du?”, fragte Daida sie und schüttelte verwundert ihren Lockenkopf.

„Mich mit Insektenspray einsprühen und dann weiterlangweilen”, antwortete Angelina genervt und drängte sich an der Siebenjährigen vorbei.

Ihre Mutter stand im Badezimmer. Sie hatte das Spray aus einer Schublade gekramt und gab es ihr.

„Wo soll ich mich damit einsprühen?”, fragte sie ihre Mutter.

„Na, wie alt bist du wohl?” fragte ihre Mutter sie scherzeshalber zurück.

„Weiß nicht”, antwortete Angelina und grinste frech. „Ich denke so drei oder vier.”

„Ich hab immer gedacht du wärst sechzehn. Da hab’ ich mich aber wohl sehr geirrt.”

„Hast du auch.”

„Dann muss ich dich ja noch einsprühen.”

„Oh, nein, nein. Ich glaube, ich habe mich sehr geirrt. Bin wohl doch sechzehn.”

Schnell verließ sie kichernd das Badezimmer und sprühte sich draußen im Garten ein.

„Angelina, kannst du mich auch einsprühen?” Das war diesmal ihre dreizehnjährige Schwester Talia.

Angelina sprühte sie ein.

Dann kam ihr ein Gedanke: „Talia? Wollen wir heute eine Radtour machen? Nur wir drei? Du, Daida und ich?”

„Nee, hab’ keine Lust.”

„Dann fahr’ ich eben mit Daida alleine, wenn sie Lust hat.”

Sie ging, um sie zu suchen.

Daida war gerade dabei mit Miro, dem Kaninchen zu spielen.

„Die hat bestimmt auch keine Lust”, dachte Angelina verärgert. „Na gut, ich kann auch alleine fahren.”

Und so war es auch.

Sie holte ihr Fahrrad aus der Garage und radelte los.

Um sie herum summten und surrten die Insekten.

„Ach, ist das schön hier draußen. Ich glaube, ich werde in den Feldweg abbiegen und dann in den Wald fahren”, überlegte sie.

Das tat sie dann auch. Auf der Wiese flogen lauter Schmetterlinge und die Grillen zirpten im hohen Wiesengras. Hier waren noch mehr lästige Mücken, als bei ihr im Garten. Sie war sehr froh sich eingesprüht zu haben.

Dann sah sie plötzlich einen schwarzen Kater im Feld herumschleichen. Er war so schwarz wie Kohle. Sie blieb stehen und stieg von ihrem Rad, damit sie ihn anlocken konnte. Vorsichtig ging sie in die Hocke, um nicht so groß zu erscheinen und miaute wie eine Katze. Das konnte sie sehr gut und es hatte schon sehr oft funktioniert.

Erst blieb der Kater stehen. Dann miaute er zurück. Angelina machte vorsichtig einen Schritt vorwärts, damit sie ihn nicht verjagte. Er schien sehr neugierig zu sein. Ganz langsam kam er näher, bis er so nah war, dass Angelina in hätte berühren können. Doch davor hütete sie sich. Er wäre sonst mit ein paar Sprüngen weg gewesen. Katzen müssen immer den ersten Schritt machen. Der Kater kam vorsichtig noch näher. Sie streckte jetzt langsam ihre Hand aus. Erst stupste er sie an und schnupperte an ihr, dann rieb er seinen Kopf an der ausgestreckten Hand. Jetzt wusste Angelina, durfte sie ihn behutsam streicheln, aber noch keine heftige Bewegung machen. Nun fing er an zu schnurren und legte sich auf den Rücken, damit sie ihn am Bauch kraulte. Dies war das Zeichen, dass er ihr vertraute und sie setzte sich neben ihn.

„Wo kommst du denn her?”, fragte sie ihn leise. „Hast du kein Zuhause?”

Die Augen des Katers sahen sehr gruselig und geheimnisvoll aus. Sie waren ganz gelb, richtig hellgelb.

„Ich nenne dich Li Nú”, entschied sie. Er schnurrte behaglich und wälzte sich auf die andere Seite.

„Aber jetzt muss ich weiter. Ich will noch in den Wald.”

Sie stand auf und ging zu ihrem Fahrrad.

Der Kater sah ihr nach, machte aber keine Anstalten ihr zu folgen und verschwand dann im hohen Gras.

Angelina schwang sich auf ihr Rad und fuhr Richtung Wald. Wilde Gedanken geisterten durch ihren Kopf.

„Er ist so geheimnisvoll. Seine Augen sind so unheimlich. Irgendwie ist er anders als die Katzen, die ich kenne.”

Nach einiger Zeit machte der Weg eine Biegung nach rechts. Der Wald kam immer näher.

Ihr kam ein Gedanke: „Ich werde den Wald durchforschen.”

Nun führte der Weg direkt in den Wald. Sie fuhr noch ein Stückchen tiefer hinein und stieg dann vom Rad. Schnell zog sie es so weit in den Wald, dass es keiner mehr vom Weg aus sehen konnte. Dann schloss sie es mit ihrem Fahrradschloss an einen Baum und stapfte los, immer weiter vom Weg ab tiefer und tiefer in den Wald hinein. Um sie herum und überall zwitscherten die Vögel. Irgendwo hämmerte ein Specht.

„Man müsste hier leben”, dachte Angelina. „Hier draußen in der Natur.”

Sie blieb stehen und beobachte einen Vogel, der in der Nähe von ihr im Boden pickte. Es war ein Rotkehlchen, das erschrocken aufflog, als Angelina zu nah herantrat.

Sie sah auf die Uhr. Es war schon viertel nach drei und sie hatte tierischen Hunger. Vorsichtig setzte sie sich auf einen umgestürzten Baumstamm, um die Schokolade zu essen, die sie dabei hatte. Dann suchte sie sich weiter einen Weg durch das Gehölz.

Plötzlich wurde der Wald lichter und die Sonne drang ein wenig in den Schatten der Bäume. Auch das Moos auf dem Boden und das Gras wurden mehr. Die Luft wurde schwül. Angelina spürte wie sie müde wurde und schaute wieder auf ihre Armbanduhr. Es war jetzt zehn vor vier.

Da kam ihr ein Gedanke, der sie erschrocken zusammenzucken ließ: „Wie komme ich hier eigentlich wieder heraus?” Sie hatte gar nicht auf den Weg geachtet. „Ach, irgendwie werde ich es schon schaffen. Ein Stückchen gehe ich noch weiter, dann kehre ich um.”

Aber daraus wurde wohl nichts. Gerade als sie umdrehen wollte, trat sie auf eine Lichtung

hinaus. Ihr blieb fasst der Mund vor Staunen offen stehen. In der Mitte der Lichtung lag ein

wunderschöner Natursee.

Es war jetzt so schwül, dass die Insekten in der Luft stehenzubleiben schienen. Kein Lüftchen regte sich und fast kein Vogel zwitscherte mehr.

Angelina sah auf der anderen Seite des Sees ein Holzhäuschen stehen. Es stand halb auf dem Ufer und halb, von zwei Pfählen gestützt, im Wasser. Es war mit einem schönen, dunklen Blau gestrichen und glitzerte von weitem golden.

Sie schien zu träumen. Es sah aus, als ob der See gemalt wäre. Hinten entdeckte sie, einen kleinen Bach, der in den See floss. Gegenüber auf der anderen Seite, floss er wieder hinaus.

Als sie näher an das Häuschen herankam, konnte sie erkennen, dass es ein Bootshaus war. Es sah nicht mehr sehr jung aus und die Farbe war an manchen Stellen schon verblichen. Sie ging direkt auf eine Tür zu.

„Wem das alles wohl gehören mag?”, fragte sie sich. Vor der Tür blieb sie stehen. Auf ihr war ein Bild, welches aussah wie ein Wappen. In der Mitte des Bildes war ein Pferd. Über dem Pferd befand sich eine goldene Krone mit blauen Steinen und einem großen Stern verziert. Das ganze Bild wurde unterstrichen von einem halben, grünen Blätterkranz.

Sollte sie ausprobieren, ob die Tür sich öffnen ließe? Und wenn es jemandem gehörte. Vielleicht kannte schon gar kein Mensch mehr dieses Häuschen. Und es könnte ja sein, dass dort jemand in dem Bootshäuschen wohnte. Nichts ist unmöglich. Um sicherzugehen, klopfte sie mit zittrigen Fingern an die Tür. Was sollte sie demjenigen antworten, der ihr öffnen würde? Plötzlich fühlte sie sich beobachtet. Sie ließ ihren Blick durch die Gegend streifen, aber dort war niemand. Sollte Angelina sich das einbilden? Normalerweise tat sie so etwas nie. Sie horchte angestrengt, aber es kam kein Laut aus dem Gebäude. Es war ihr zu gruselig. Sie entschied sich, mit ihren Schwestern noch einmal vorbeizukommen und das Häuschen dann gründlich zu durchforschen.

Die Luft war jetzt so drückend, dass sie das Gefühl hatte, man könnte sie kaum noch atmen.

Da lief es ihr wie ein Blitz durch den Kopf: „Es wird in kürzester Zeit gewittern!” Sie musste so schnell sie konnte, aus dem Wald heraus sein und rannte in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war und wieder in den Wald hinein. Die ersten Tropfen fielen schon.

Sie hatte gute zwei Stunden bis hierher gebraucht. Wie sollte sie es schaffen, in höchstens zehn Minuten hier wieder heraus zu sein? In der Ferne hörte sie ein Grollen. Panik stieg in ihr auf. „Schneller, schneller!”, dachte sie nur noch. Die Tropfen wurden mehr. Sie rannte noch schneller. Ihre Panik gab ihr Kraft, die sie sich oft in der Schule beim Sport gewünscht hatte. Das Grollen kam näher. Sie stolperte vorwärts. Einmal fiel sie sogar hin, rappelte sich aber schnell wieder auf. Es war in kürzester Zeit stockfinster im Wald geworden. Plötzlich erhellte ein Blitz die Dunkelheit. Gleich danach grollte der Donner, jetzt unmittelbar über ihr. Der Regen fiel wie Bindfäden vom Himmel. Angelina war schon nass bis auf die Haut. Sie kam sich vor wie unter einer Dusche. Das Wasser lief ihr in Rinnsalen vom Kopf in ihr Gesicht. Wieder zischte ein Blitz durch die Bäume. Der Regen und das Gewitter wurden immer stärker. Angelina wusste nicht, ob ihr Gesicht nur vom Regen so nass war, oder ob sie weinte.

Wieder stolperte sie und fiel hin. Stand aber wie beim ersten Mal, gleich wieder auf. Weiter nur, immer weiter! Sie durfte einfach nicht vom Blitz getroffen werden. Was würde passieren, wenn jetzt der Blitz in einen Baum einschlüge? Wenn sie Pech hatte, wäre sie dann tot. Und Pech hatte sie an diesem Tag schon genug gehabt. Sie irrte orientierungslos durch das Gestrüpp. Wo kam sie auf den Weg? Immer nur vorwärts. Sie rannte nur vorwärts.

Wieder durchzuckte ein Blitz die Dämmerung. Gleich darauf grölte der Donner, so, dass alles erzitterte. Angelina wurde langsam schlecht. Sie konnte nicht mehr. Ihr Herz raste zum Zerspringen. Außerdem hatte sie Angst, unendliche Angst.

Plötzlich blitzte es wieder. Dann knallte es. Lauter als die anderen Male. Der Boden erzitterte. Angelina fiel vor Schreck, der Länge nach hin. Sie schrie auf. Jetzt ist es aus! Hundert Schritte von ihr entfernt ging ein Baum in Flammen auf. Es zischte und prasselte. Dann knickte der Baum um und riss ein paar kleinere mit sich. Der Regen löschte ihn nach einigen Minuten wieder. Ein Vogel flatterte erschrocken auf und verschwand am Himmel.

Angelina musste bewusstlos gewesen sein. Sie lag noch immer im Schlamm auf dem Waldboden. Ein schwarzes Tier stupste sie leicht mit der Nase an. Sie hob den Kopf. „Was ist passiert?”, fragte sie sich laut. Das Tier leckte die Wassertropfen von ihrer Hand. Es war derselbe, schwarze Kater, den sie auf ihrem Hinweg getroffen hatte.

„Li Nú, was machst du denn hier?”, fragte sie ihn erstaunt. Er rieb seinen Kopf an ihrer Schulter und miaute leise. Seine geheimnisvollen Augen sahen sie auffordernd an.

„Soll ich aufstehen?” Vorsichtig und mit zittrigen Knien stand sie auf. Das Gewitter grollte immer noch in der Ferne und es nieselte noch ein Wenig.

Der Kater lief voraus. Angelina folgte ihm langsam. Sie war müde und schlapp. Den Weg wusste sie sowieso nicht mehr. Aber sie war sich sicher, wenn sie Glück hatte, würde Li Nú sie bestimmt, auf die Straße bringen.

Er blieb immer stehen, wenn sie zu weit zurück blieb und wartete auf sie. Angelina war zu müde, um sich noch Gedanken darüber zu machen, was er wohl von ihr wollte. Langsam und stolpernd folgte sie ihm.

Es war jetzt schon halb sechs. Was würden ihre Eltern denken? Spätestens um sieben, wenn es Abendbrot gab, würden sie sich Sorgen machen. Sie kam an einer großen Eiche vorbei. „Hier war ich doch schon mal”, fuhr es ihre erfreut durch den Kopf. Sollte Li Nú sie zu der Stelle bringen, an der sie ihr Fahrrad angekettet hatte? Woher wusste der Kater denn, dass sie dort hin musste? Sie begriff langsam gar nichts mehr. Ihr war der Kater von Anfang an komisch vorgekommen. Er schien kein gewöhnlicher zu sein.

Nun kamen sie auch dort vorbei, wo sie das Rotkehlchen in der Erde picken gesehen hatte. Von hier aus wusste sie auch selber weiter.

Tatsächlich lief Li Nú zu dem Baum, an den sie ihr Rad gestellt hatte. Er ging darauf zu und miaute als ob er sagen wollte: „Hier ist dein Fahrrad.”

Sie trat lächelnd an den Kater heran und streichelte ihn dankend. Er schnurrte und rieb seinen Kopf an ihren Beinen. Dann verschwand er so geheimnisvoll, wie das letzte Mal im Wald.

Angelina stieg auf ihr Rad und radelte, so schnell ihre Beine es erlaubten, nach Hause.

„Angelina, wo warst du so lange?”, fragte ihre Mutter sie vorwurfsvoll. „Wir haben uns Sorgen gemacht. - Und -”, sie betrachtete ihre Tochter besorgt, „ wie nass du bist.”

Sie hatte es noch geschafft pünktlich zum Abendbrot zu Hause zu sein.

„Mich hat das Gewitter überrascht.”

„Aber das ist doch schon fast drei Stunden vorüber.”

„Ja, ich weiß. Der Weg war so lang.” Damit hatte sie nicht einmal gelogen.

„Ab unter die Dusche. Aber schnell!”

„Du wirst dich ganz heiß Duschen müssen!” Das war jetzt ihr Vater. „Ich möchte nicht, dass du morgen mit Fieber im Bett liegst.”

Das hätte er ihr eigentlich nicht zu sagen brauchen.

Nachdem sie sich ganz heiß geduscht hatte, fühlte sie sich richtig wohlig und eine gemütliche Müdigkeit überkam sie. Das Einzige, was jetzt noch dazu kam, war ein Dröhnen im Kopf.

Angelina aß schnell und machte sich dann für das Bett fertig. Kurz bevor sie einschlief, ging sie alle Einzelheiten im Kopf noch einmal durch. Sie nahm sich vor, morgen alles ihren Schwestern zu erzählen.

2. Das Bootshäuschen

Angelina war schon wach, als Daida in ihr Zimmer kam, um sie zu wecken.

Sie setzte sich im Bett auf und sagte Daida: „Ich muss euch nachher mal etwas zeigen. Sage es aber nicht Mama. Etwas sehr Schönes!”

Daida freute sich: „Ich geh schnell zu Papa und sag’ es ihm, ja?”

„Du meine Güte, nein!” rief Angelina erschrocken auf. „Komm mal her.”

Daida ging erstaunt zu ihrem Bett.

„Du hast gesagt, ich darf es nur Mama nicht sagen.” Sie war eingeschnappt.

„Hör mal zu”, sagte Angelina in beschwörerischem Ton. „Du darfst es weder Papa noch Mama erzählen. Ich darf es dir sonst vielleicht nicht mehr zeigen. Wir fahren da gleich nach dem Frühstück hin, mit Fahrrad. Talia kommt auch mit. Erzähl es niemandem. Niemandem, ja! Sonst darfst du nicht mit.”

„Auch nicht Talia?”

„Auch ihr nicht.”

„Aber wieso nicht. Sie kommt doch auch mit!”

„Trotzdem nicht.”

Am Frühstückstisch flüsterte Angelina Talia zu, dass sie sich gleich draußen im Garten treffen müssten.

„Wieso denn?” fragte Talia laut.

Bevor Angelina antworten konnte, platzte Daida damit heraus: „Etwas Geheimes. Du darfst es niemandem ...”

Weiter kam sie nicht, denn Angelina trat ihr gegen das Schienbein.

„Au”, schrie sie. „Lass das!”

„Angelina, wieso trittst du sie?”, wollte ihr Vater wissen.

Sie zuckte mit der Schulter.

„Halt den Schnabel! Hast du das verstanden?”, zischte sie ihrer Schwester so leise zu, dass ihre Eltern es nicht hören konnten.

Daida nickte, ohne noch ein Wort zu sagen.

Aber ihre Mutter fragte sie: „Was wolltest du denn eben sagen?”

Angelina guckte ihre Schwester warnend an.

„Ach, nichts sehr Wichtiges.”

„Das schien aber nicht so. Du kannst es mir ruhig sagen.”

„Es war wirklich nichts Wichtiges.”

Nach dem Essen trafen sie sich alle im Garten unter einem Busch. Er war in der Mitte ohne Äste, also hohl. Man gelang in diese „Höhle”, indem man durch eine kleine Öffnung unter ihn schlüpfte. Das war ihre Stelle, wo sie immer Dinge besprachen, die ihre Eltern nicht hören durften.

„Ich muss euch etwas erzählen”, fing Angelina an. „Über gestern. Ihr wisst ja, als ich zu spät nach Hause gekommen bin.”

Talia und Daida nickten.

„So weit war ich gar nicht weg.”

Sie erzählte die ganze Geschichte von Anfang an, wo sie los gefahren war. Wie sie den Kater getroffen hatte, als sie in den Wald ging, wo sie das Bootshäuschen gefunden hatte und als sie dann das Gewitter überraschte. Sie erzählte auch, dass der Blitz in der Nähe von ihr in einen Baum eingeschlagen ist und der Kater ihr den Weg aus dem Wald zeigte.

„Ich bin weg gegangen, weil es dort so gruselig war. Und außerdem hatte ich das Gefühl, als

würde mich jemand beobachten”, schloss sie ihre Erzählung.

„Vielleicht war es ja der Kater”, meinte Daida.

„Glaube ich nicht.”

„Kommt, lasst uns schnell hinfahren”, schlug Talia vor.

„Das hatte ich auch vor”, stimmte Angelina zu.

„Aber erst Mama Bescheid sagen”, erwiderte Daida. „Sie macht sich sonst Sorgen.”

„Genau, das wäre besser. Wir sagen ihr, dass wir in den Wald fahren. Aber mehr nicht!”, warnte sie und guckte Daida streng an.

„Daida kann ja schon mal die Fahrräder aus der Garage holen.”, überlegte Talia.

„Genau! Dann kann ich auch nichts ausplappern”, bekräftigte Daida.

Angelina und Talia gingen ihrer Mutter Bescheid sagen.

Sie saß im Wohnzimmer und las, als sie in die Wohnung gestürmt kamen.

„Was wollt ihr denn schon wieder hier?”, fragte diese genervt.

„Dürfen wir alleine eine Radtour machen?”, fragte Talia.

„Meinetwegen!”

„Dann sind wir aber vor dem Mittagessen noch nicht wieder zurück”, fügte Angelina hinzu. „Wir wollen eine sehr weite Radtour machen.”

„Dann bekommt ihr aber kein Essen.”

„Macht nichts!”, riefen beide und stürmten aus der Tür.

„Die haben‘s heute aber eilig”, die Mutter schüttelte verwundert ihren Kopf und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Buch zu.

Angelina fuhr vor. Sie musste ja ihren Schwestern den Weg zeigen. Sie kamen an der Wiese vorbei, auf der Angelina zum ersten Mal den Kater getroffen hatte. Heute war er nirgends zu sehen.

„Vielleicht ist er beim Häuschen”, dachte Angelina ein bisschen enttäuscht bei sich und laut sagte sie: „Hier habe ich den Kater getroffen.”

„Ist der nicht weggelaufen?”, fragte Daida.

„Nö, ich hab’ ihn sogar gestreichelt.”

„Vielleicht sehen wir ihn ja bei dem Bootshäuschen”, meinte Talia.

„Kann sein. Weiß nicht”, erwiderte Angelina in Gedanken versunken.

„Dann kann ich ihn streicheln”, stellte Daida fest.

„Das kannst du”, stimmte Talia ihr zu.

Sie mussten nicht mehr lange bis zum Wald fahren.

Angelina hoffte stark, dass sie die Stelle, an der sie das Rad versteckt hatte, wiederfinden würde. „Müsste ich eigentlich. Zurück finde ich wahrscheinlich nicht mehr so schnell, aber hin immer.”

Nach ungefähr einer viertel Stunde erreichten sie endlich den Wald. Alle wurden etwas unruhig.

„Meinst du, du findest die Stelle wieder?”, fragte Talia zweifelnd vorsichtig.

„Müsste ich eigentlich”, beruhigte Angelina sie.

Angelina fuhr noch tiefer hinein.

„Das muss doch hier irgendwo sein”, sagte Daida ungeduldig.

„Wir sind gleich da. Die Stelle ist bei einem dicken Baum”, gab Angelina genervt zurück. „Können die nicht mal ihren Mund halten?”, dachte sie ärgerlich. „So finde ich die Stelle doch nie wieder.”

Sie fuhren noch ein kleines Stück, bis Angelina endlich halt rief. „Hier müsste es sein.”

Sie stellte ihr Fahrrad ab und ging in den Wald.

Die anderen beiden warteten gespannt.

Es dauerte lange. Als sie zurückkam, rief sie: „Es ist die richtige Stelle.”

Daida und Talia sprangen von ihren Rädern und folgten Angelina aufgeregt, die ihr Rad in den Wald schob.

Sie blieb an einer Stelle stehen, wo alles plattgetrampelt war.

„Ihr könnt eure Fahrräder hier festmachen.” Sie zeigte zu einem Baum mit mittlerer Stammdicke.

Dann stapften sie los. Angelina wie immer vorweg. Sie ging so langsam, dass Talia und Daida immer ungeduldiger wurden.

„Was ist”, fragte Talia irgendwann. „Wir bleiben bald stehen, so langsam läufst du.”

„Ich glaube”, sagte Angelina ängstlich und blieb stehen, „wir werden beobachtet. Genau so, wie es bei mir war.”

Es knackte hinter ihnen im Gehölz.

Daida klammerte sich ängstlich an Angelinas Arm. „Das ist ganz sicher auf gar keinen Fall der Kater. Der würde nicht so laut knacken.”

„Wir werden beschattet. Das ist klar. Aber was bringt uns das? Ich glaube nicht, dass derjenige uns etwas antun wird. Also weiter!”, sagte Angelina mutig.

„Bestimmt nur so ein Jungenspiel”, stimmte Talia zu. Aber da sollten sie sich mächtig geirrt haben.

Sie gingen weiter, aber jetzt schneller und wachsamer, ohne zu reden.

Nach zwanzig Minuten fragte Daida: „Wann sind wir denn endlich da? Ich will hier wieder raus.”

„Wir sind erst gerade eine Dreiviertelstunde unterwegs und ich habe zwei gebraucht”, antwortete Angelina.

„Und wie lange brauchen wir noch?”, bohrte sie weiter. Daida ging erst in die erste Klasse und konnte noch nicht richtig rechnen.

„Wenn du es wirklich wissen willst, mindestens noch eine Stunde. Das ist noch sehr lange”, seufzte Angelina.

„Ich kann aber nicht mehr”, jammerte sie.

So etwas hatte Angelina befürchtet._

„Wenn du das Bootshäuschen sehen willst, musst du jetzt deinen Mund halten und mitkommen”, kam Talia Angelina zur Hilfe.

„Mich interessieren aber keine Bootshäuschen”, quengelte sie weiter.

„Das hättest du eher sagen müssen. Dann wärst du zu Hause geblieben und wir hätten uns dein Gequengel erspart.” Talia wurde langsam sauer.

Daida schwieg beleidigt und stapfte weiter mühsam neben Angelina her.

Nach einiger Zeit blieb Angelina wieder stehen. „Wir können ja eine kurze Pause machen”, schlug sie vor. „Dann kann Daida sich auch ein Wenig ausruhen.”

Beide stimmten ihr schweigsam zu.

Alle drei setzten sich auf den Waldboden.

„Ist es noch weit?” fragte jetzt Talia, mehr oder weniger, um etwas zu sagen.

„Na ja, ich denke mal, noch ungefähr eine halbe Stunde und wir sind da”, überlegte Angelina.

„Ist das noch lange?” Das war schon wieder Daida.

„Nicht mehr so lange wie das, was wir schon geschafft haben”, antwortete Angelina genervt.

Talia zog eine Packung Kekse aus ihrem Rucksack, den sie immer dabei hatte, wenn sie irgendwohin ging. Sie riss sie auf und reichte sie herum. Alle drei saßen dort etwas gelangweilt und knabberten Erdnusskekse. Alles um sie herum war ruhig, bis auf die Vögel, die zwitscherten. Es war angenehm warm im Wald. Nicht zu heiß und nicht zu kalt.

Plötzlich schrie Angelina auf. Etwas Leichtfüßiges war vom Baum auf sie herunter gesprungen. Vor Schreck sprang es weg und verschwand im Wald.

„Da”, rief Daida erfreut, die als Einzige erkannt hatte, was es gewesen war. „Eine ganz schwarze Katze!”

„Was?”, schrie Angelina leise auf. „War es wirklich eine Katze?”

„Ja, war es”, antwortete Daida ebenso leise. „Sie hat sich erschrocken und ist weggerannt.”

„Das war bestimmt der Kater, von dem du uns erzählt hast”, glaubte Talia.

„Bestimmt”, stimmte Angelina zu.

Plötzlich sah sie, wie sich ein kleiner Kopf hinter einem Baumstamm hervorschob. Ein kleiner, schwarzer Kopf mit leuchtend gelben Augen.

Es war tatsächlich Li Nú. Er war etwas von Angelinas Schrei eingeschüchtert. Langsam schob er seinen ganzen, schwarzen Körper hinter dem Stamm hervor. Dann kam er vorsichtig auf sie zu. Angelina gab ihren Schwestern ein Zeichen, sich nicht zu rühren. Sie selber rutschte ein Stückchen weiter weg von ihnen. Der Kater kannte ihre Schwestern ja noch nicht. Sie versuchte, ihm nicht in die Augen zu gucken und tat es ihm gleich zu blinzeln. Langsam kam er näher, misstrauisch durch die Anwesenheit der ihm Fremden. Er schnupperte neugierig in die Luft und schien sich nicht ganz sicher zu sein, näher heran kommen zu wollen oder nicht. Bei Angelina fiel ihm die Entscheidung sichtbar leichter. Sie rückte noch weiter von Talia und Daida weg. Er kam auf sie zu und rieb seinen Kopf an ihren Beinen. Li Nú schnurrte, ließ aber die anderen nicht aus den Augen.

Daida und Talia sahen befangen zu.

„Der ist aber seltsam”, dachte Daida. Auch Talia dachte das. Ihnen wurde richtig unheimlich zumute.

Dann wandte der Kater sich von Angelina ab und ging, immer noch sehr unschlüssig, auf Daida und Talia zu. Daida rückte automatisch zurück. Sie starrte irgendwie voller Angst in seine Augen. Dadurch fühlte Li Nú sich bedroht und starrte ohne auch nur einmal zu blinzeln zurück. Dann fing er plötzlich an zu fauchen und buckelte. Daida sprang auf und wollte wegrennen, aber Talia umklammerte lautlos ihren Arm und drückte ihn fest auf den Boden.

Angelina bemerkte, was für einen Fehler Daida machte. Sie robbte zu ihr hin und sagte leise zu ihr: „Guck ihm nicht in die Augen. Du brauchst keine Angst zu haben. Katzen mögen es nicht, wenn man ihnen in die Augen starrt.”

„Er ist so anders als alle Katzen, die ich bis jetzt kannte”, flüsterte sie mit zittriger Stimme. Sie starrte Li Nú immer noch an. Angelina wusste, sie konnte unmöglich Daida dazu zwingen den Kopf abzuwenden, also versuchte sie es anders. Sie erzählte ihr, wie der Kater ihr geholfen hatte, aus dem Wald zu finden. Ohne ihn würde sie wahrscheinlich immer noch im Wald umherirren.

„Du?” Sie rüttelte Daida an der Schulter. „Was ist los mit dir?”

„Er hält meine Augen fest”, hauchte sie schwach. „Ich kann nicht mehr weggucken.”

Angelina sah zu dem Kater herüber und sah voller Schrecken, dass er sich duckte und zum Sprung ansetzte. Ohne Daidas Augen los zu lassen.

Talia wusste nicht was sie tun sollte. Sie saß starr vor Angst da und sah nur auf einen Punkt- ihre Schwester.

„Daida! Du darfst jetzt nicht erschrecken”, sagte Angelina leise und wirbelte sie plötzlich blitzschnell an den Schulten herum und drückte ihr Gesicht leicht in den Waldboden.

Sofort lockerte sich alle Spannung aus ihr und dem schwarzen Kater.

Angelina hielt ihren Kopf noch eine Weile gesenkt in den Waldboden gedrückt.

„Wenn ich dich jetzt loslasse, wirst du ihm nicht wieder in die Augen starren! Er wird es sonst wieder machen”, sagte sie so bestimmt, dass Daida kein Wort herausbrachte. Angelina ließ sie los. Daida drehte sich um und wischte sich Erde und vermoderte Blätter vom Gesicht.

Der Kater war weg.

„So etwas habe ich ja noch nie erlebt”, sagte Talia aufatmend. „Das war ja wie Zauberei.”

„Er ist ein Zauberkater”, meinte Daida.

„Mir hat er so etwas noch nie angetan. Ich glaube, er ist furchtbar intelligent, aber kein

Zauberer”, erwiderte Angelina.

„Lasst uns weitergehen”, forderte Talia die anderen auf.

Sie erhoben sich schwerfällig und wanderten schweigend weiter. Nach einiger Zeit fragte Talia: „Wollen wir nicht ein bisschen rennen? Dann sind wir etwas schneller da.”

„Können wir”, war Angelina einverstanden.

„Oh, nein”, rief Daida. „Ich kann aber nicht mehr weit rennen!”

„Nur ein kleines Stückchen”, beschwichtigte Talia sie.

„Aber wirklich nicht weit”, jammerte Daida.

Sie rannten los. Zwischendurch machten sie immer kleine Verschnaufpausen. Aus dem kleinen Stückchen wurde ein großes Stück, bis Daida irgendwann immer mehr Pausen brauchte und immer weiter zurückblieb.

„Ich kann nicht mehr”, röchelte sie.

„Ich nehme dich Huckepack und wir rennen noch ein wenig”, schlug Angelina vor. „Dann sind wir zwar nicht mehr so schnell, aber immerhin schneller, als wenn wir gehen.” Angelina war sehr ausdauernd.

Daida war sofort einverstanden und freute sich.

„Lasst uns aber erst noch ein bisschen gehen. Es ist nicht so gut, wenn man plötzlich aufhört zu rennen”, belehrte Talia ihre Schwestern.

Angelina nickte. Dann blieben sie wieder stehen und Daida kletterte auf ihren Rücken.

„Halt dich gut fest, damit du mir nicht herunterfällst”, sagte sie zu ihr und hielt sie an den Füßen fest. Daida machte es sichtlich Spaß. Es schaukelte und rüttelte sie richtig durch. „Schneller, schneller, rief sie und Angelina bemühte sich noch schneller zu rennen. Sie rannten und rannten, bis Angelina und Talia nicht mehr konnten. Sie blieben stehen.

„So, Daida, jetzt musst du wieder selber laufen”, Angelina war ganz aus der Puste. Sie ging in die Hocke, um Daida absteigen zu lassen. Daida ließ sich so plötzlich los, dass sie von ihrem Rücken purzelte.

”Oh, Daida, hast du dir was getan?”, fragte Angelina erschrocken.

Daida lachte. „Nein.”

Nach noch ungefähr zehn Minuten, blieb Angelina wieder stehen. Sie drehte sich zu Talia und Daida, die hinterher trotteten, um. Ohne zu wissen warum, flüsterte sie: „Hier hinter ist es.” Sie deutete auf den Waldrand.

Daida und Talia waren plötzlich so aufgeregt, dass sie dachten, sie platzen. Sie schlichen weiter vorwärts, bis sie plötzlich auf die Lichtung hinaustraten.

Talia und Daida atmeten erstaunt auf.

„Das gibt es nicht! Du hattest ja tatsächlich Recht ”, rief Talia leise aus.

„Hattest du etwa an meiner Erzählung gezweifelt?”

„Nein, aber so schön hab’ ich’s mir nicht vorgestellt!”

„Wie in einem Märchen”, staunte Daida.

Sie gingen bis zur Tür.

„Auf der Tür ist ja ein Wappen”, sagte Talia verwundert.

„Normalerweise haben nur Schlösser oder Bundesländer Wappen”, erwiderte Angelina.

„Hast Recht”, stimmte Talia ihr zu. „Vielleicht ist es auch nur ein Bild.”

„Kann sein”, meinten auch die anderen beiden.

„Sollen wir versuchen sie zu öffnen?”, fragte Daida.

„Lasst uns lieber erst einmal anklopfen. So, wie es Angelina auch getan hatte”, meinte Talia. Ihr war etwas mulmig zumute.

„Genau”, stimmte Angelina ihr zu. Auch ihr war etwas mulmig zumute. Sie fühlte sich wieder beobachtet, sagte diesmal aber nichts.

Talia klopfte an. Wie bei Angelina rührte sich im Inneren nichts.

Daida wurde langsam unruhig. „Ach, lasst uns einfach gucken, ob sie sich öffnen lässt.” Und

ehe Angelina oder Talia etwas sagen konnten, hatte sie die Tür einen Spalt breit geöffnet.

Angelina und Talia sahen Daida erschrocken an.

„Bist du wahnsinnig?”, fauchte Angelina sie an.

„Wieso?”, wollte Daida wissen.

„Was ist, wenn jetzt jemand im Häuschen ist?”, warf Talia ihr vor.

Daida schwieg betroffen. Talia öffnete die Tür noch ein Wenig weiter und lugte ins Innere des Bootshäuschens. Sie sah niemanden.

„Es ist nichts und niemand zu sehen.”, sagte sie.

Angelina drängte sich nach Vorne um auch ins Innere hineinspähen zu können.

„Lasst uns doch mal hinein gehen”, schlug sie vor.

„Wenn du als Erste gehst”, meinte Talia.

Angelina öffnete die Tür ganz und trat vorsichtig ein. In dem Häuschen sah es aus, wie in einem alten Fachwerkhaus in einem Museum. Nur war alles über und über mit Staub bedeckt. Ganz links von ihr, war eine kleine Kochnische. Sie bestand aus einem alten Ofen mit Herdplatten, ein paar alten Töpfen und Pfannen und einem Schrank. Angelina öffnete eine Schublade, um nachzusehen, was in ihr lag. Es waren Bestecke: Messer, Gabeln, Löffel und Dinge, die man zum Kochen und Backen braucht, darin. Oben im Schrank standen Teller und Schüsseln. Sie waren aus Porzellan und sehr schön verziert. Der Rand von allem Geschirr war so blau, wie das Häuschen von außen aussah. Dann befand sich in der Mitte das Bild, welches auch draußen auf der Tür zu sehen war. Um es herum war ein grüner Kranz mit blaugelben Blumen gemalt.

„Ich sehe überhaupt nichts. Lass mich auch mal gucken”, beschwerte sich plötzlich Daida und quetschte sich an Angelina vorbei.

Angelina trat einen Schritt nach hinten, um sich den anderen Teil des Zimmers genau ansehen zu können. Talia war schon dabei.

„Guck mal”, sagte sie zu Angelina. „Da sind noch zwei Türen.” Sie deutete nach rechts und links.

„Ich seh’ mir aber erst dieses Zimmer an”, erwiderte sie.

An jeder Wand standen Bücherregale mit alten, verstaubten Büchern. Hinten unter einem Fenster stand ein, mit Schnitzereien verzierter Schreibtisch. Auch der Stuhl davor war verziert. Neben dem Schreibtisch stand noch ein kleiner, ebenfalls verzierter Schrank. Alle Möbel im Raum waren verziert. Rechts neben der Haustür befand sich noch ein kleines Fenster. Die Fenster waren mit Gardinen aus Seide verhängt. Auch war ein Kamin in der Stube vorhanden.

„Das wär ein Haus für ein Museum”, staunte Angelina.

„Jetzt lasst uns mal hier reingehen”, bettelte Talia ungeduldig und zeigte auf die linke Tür.

„Wieso gehst du denn nicht alleine rein?”, fragte Angelina sie.

„Die traut sich nicht”, grinste Daida.

Angelina ging auf die Tür zu und öffnete sie. „Das ist eine Schlafkammer”, rief sie den anderen zu. „Sehr eng.”

Talia und Daida lugten ihr über die Schulter.

In der Kammer war ein kleines Fenster. Unter dem Fenster an der Wand, stand ein altes Bett mit einer alten, mottenzerfressenen Mattratze aus Stroh und Watte, einer Federdecke und einem Kissen. Neben dem Bett stand eine kleine Kommode. Rechts von ihm an der Wand, hing etwas stark Verstaubtes. Talia wischte es frei. Es war ein Bild, auf dem ein Mann zu sehen war. Er schien nicht sehr arm, aber auch nicht reich gewesen zu sein. Unter dem Mann stand ein Name in goldener Schrift, Minu Si. Und darunter war eine Unterschrift die man nicht entziffern konnte.

„Das war bestimmt der, der hier mal gelebt hatte”, meinte Daida.

„Bestimmt”, stimmten ihr Angelina und Talia zu.

In der Kommode lagen nur ein paar alte Tücher, sonst nichts. Hinter das Bett passte gerade noch ein schmaler Schrank.

Daida deutete auf ihn. „Soll ich mal hineingucken?”

Talia und Angelina nickten.

Die Schranktüre knatschte etwas. An einer Stange hingen ein Paar sehr alte Kleidungsstücke, ein Mantel und eine Hose. Sonst nichts, auch nicht in dem Fach darüber. Daida schloss ihn wieder. „Seht mal da!”, Talia hatte die Decke des Bettes umgeschlagen. Darunter lag ein Nachthemd. Es war noch sehr gut erhalten. Angelina guckte auch noch unter das Bett. Darunter stand ein Paar Pantoffeln. Sie zog ihre Schuhe aus und probierte sie an. „Die sind aber gemütlich. Total weich.”

„Hier möchte ich wohnen”, sagte Daida.

„Na ja. Es ist hier etwas gruselig”, erwiderte Angelina.

„Lasst uns ins andere Zimmer sehen”, forderte Talia die anderen auf.

Sie schlossen die Tür wieder hinter sich und öffneten die andere, hinter die sie noch nicht geschaut hatten. Sie traten genau in eine Werkstadt, in der es sehr dunkel war. Sie wurde nur von einem kleinen Fenster beleuchtet. Links neben der Tür stand eine Werkbank mit ein paar Werkzeugen, die auf ihr lagen und über ihr, an der Wand hingen. In einer Ecke standen blaue Ruder, von denen schon die Farbe abblätterte. Oben am Griff der Ruder, war in Gold, das Zeichen der Tür eingebrannt. Daneben standen zwei Gefäße aus Kupfer, in denen diese blaue Farbe enthalten war. Auf einem Regal darüber stand noch goldene Farbe. Auf jedem Deckel der Gefäße, stand ein komisches Wort. Auf denen mit der blauen Farbe stand Rilí, auf der mit der goldenen Farbe stand Muríl.

„Das sind bestimmt die Namen der Farbe. Früher sprach man ja eine andere Sprache”, vermutete Angelina.

Die anderen stimmten ihr zu.

Gegenüber von den Schwestern befand sich noch eine Tür. Daida ging auf sie zu und öffnete sie. Sie traten auf eine Überdachung hinaus und blickten direkt auf den See.

„Unter uns ist auch der See”, sagte Daida erstaunt. Sie standen direkt auf einer Art Bootssteg, der an das Häuschen angrenzte und dadurch auch gleich überdacht werden konnte.

„Das hat man von außen gar nicht gesehen”, stellte Angelina fest. Vor ihr lagen, an zwei Pfosten im Wasser befestigt, je ein blaues Ruderboot, welches golden schimmerte. Vorne am Bug war wieder das Wappen zu sehen. Es befand sich links und rechts von der Bugspitze. Die Farbe konnte man kaum noch erkennen. Das Wasser hatte sie abgespült. Auch waren die Boote nicht mehr fahrtüchtig.

„Wenn man damit wieder fahren möchte, muss man sie aber erst reparieren”, stellte Angelina fest und grinste schelmisch.

„Das können wir ja machen”, schlug Daida vor.

„Meinetwegen. Wollen wir?”, fragte Angelina Talia.

Talia nickte. „Dann können wir auch das Häuschen putzen.

„Gut, dann kommen wir morgen wieder hierher”, beschloss Angelina.

„Lasst uns jetzt nach Hause gehen”, bettelte Daida und hängte sich an Angelinas Arm.

„Na gut.” Angelina war einverstanden. Ihr war plötzlich wieder etwas mulmig zumute. Sie guckte sich nach allen Richtungen um.

„Was ist?”, wollte Talia ängstlich wissen. Sie flüsterte fast.

Angelina zuckte mit den Schultern. „Lasst uns schnell gehen.”

So schnell sie konnten verließen sie das Häuschen und gingen den ganzen Weg zurück.

3. Der Streich

Die Mädchen kamen sehr spät nach Hause. Sie hatten ihrer Mutter zwar gesagt, sie seien vor Mittag nicht wieder zurück, aber jetzt war es mittlerweile schon Abend.

„Oh, oh. Ich glaube, wir werden Ärger bekommen”, vermutete Angelina, als sie auf ihre Armbanduhr sah und feststellte, dass sie es schon kurz nach sechs hatten.

Es war nicht mehr weit bis zum Haus und sie traten noch einmal kräftig in die Pedalen. Schnell brachten sie die Fahrräder in die Garage und klingelten.

Der Vater öffnete. „Ach-”, er sah sie schief an. „Die Damen. Kommt rein.”

Die Schwestern vermuteten Schlimmes.

Bedrückt zogen sie ihre Schuhe aus.

„Wollten die Damen nicht schon heute Nachmittag zurück sein?”, fragte der Vater in drohendem Ton. „Bin gespannt, was Mama dazu sagen wird.”

Er ging ins Wohnzimmer. Die drei folgten ihm schweigend.

„Anne-Marie”, rief der Vater jetzt die Holztreppe hoch, die in die Schlafzimmer führte. „Die Mädchen sind wieder da.”

Bald darauf kam die Mutter, die knatschende Treppe, herunter.

„Wo wart ihr so lange? Ihr wolltet doch schon heute Nachmittag zurück sein”, rief sie wütend und aufgebracht. „Wollt ihr mir nicht antworten?”

„Wir waren im Wald”, übernahm Angelina das Wort.

„Und wieso seid ihr nicht eher zurück?”, wollte jetzt der Vater wissen.

„Wir haben die Zeit vergessen”, antwortete jetzt Talia wahrheitsgemäß.

„Das ist keine gute Ausrede”, meinte die Mutter.

„Es ist keine Ausrede”, rief Daida, ohne den Ernst der Lage zu bemerken. „Wir waren nämlich... .”

Angelina musste ihr den Ellenbogen in die Rippen stoßen. Daida heulte auf.

„Was sollte das. Wieso schlägst du Daida neuerdings immer?” Jetzt war der Vater richtig sauer.

Angelina schwieg.

„Antworte gefälligst, wenn ich mit dir rede!”, schrie er.

Angelina schwieg weiter.

Daida tat es leid, dass sie ihren Mund mal wieder zu weit aufgemacht hatte. Sie versuchte Angelina aus dieser Lage wieder herauszubekommen. „Wir haben ein Geheimnis. Das darf ich nicht sagen. Deswegen hat sie mich zu Recht geschlagen. Es tat auch nicht weh. Es war nicht doll. Ich habe mich nur erschrocken.”

„Wie? Ihr habt ein Geheimnis?”

„Komm Manfred. Damit erreichst du doch nichts”, versuchte die Mutter ihren Mann zu beschwichtigen und griff nach seinem Arm. „Kinder dürfen doch auch ein Geheimnis haben. Haben wir doch auch. Ihr Geheimnis ist bestimmt eine kleine Hütte oder so, die sie sich im Wald gebaut haben.”

„So sehen die aber nicht gerade aus.”

„Komm, beruhig’ dich.”

„Eins noch, ihr bekommt heute Abend kein Abendbrot mehr. Und noch etwas, ihr habt alle drei Ausgehverbot. Wie lange weiß ich noch nicht.” Das musste er noch loswerden. Dann drehte er sich um und stieg wütend die Treppe hoch.

„Soo, das habt ihr davon. Ich hoffe, es wird euch eine Lehre sein”, sagte die Mutter. Sie war schon wieder etwas ruhiger geworden. „Und jetzt ab ins Bett mit euch. Es ist gleich halb sieben. Ihr könnt noch Lesen, wenn ihr wollt.” Auch sie drehte sich um und stieg die Treppe hinauf, nur tat sie dieses leiser, als ihr Mann.

„Mist!”, schimpfte Angelina. „Gerade da, wo es doch so gut anfing.”

„Hoffentlich müssen wir nicht lange in dieser Bude sitzen. Sonst sind womöglich noch die Ferien um, bevor wir etwas unternommen haben”, hoffte Talia.

Sie stiegen die Treppe hoch und wünschten sich gute Nacht. Dann verschwanden alle in ihren eigenen Zimmern.

Angelina las noch ein wenig, bevor sie das Licht löschte. Schlafen konnte sie noch nicht. Lange grübelte sie darüber nach, wie sie Morgen dennoch zum Bootshäuschen gelangen könnten.

Am nächsten Tag trafen sich, die Schwestern in Angelinas Zimmer, um „Kriegsrat” zu halten.

„Wir könnten uns ja wegschleichen”, meinte Daida.

„Wenn Mama und Papa nicht irgendwo hinfahren, dann wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben”, stimmte Talia zu.

„Wollte Papa heute nicht einkaufen fahren?”, erkundigte sich Angelina bei den Beiden.

„Das stimmt, aber Mama sind wir dann noch immer nicht los”, stellte Talia fest.

„Ey!”, rief Daida plötzlich. „Wir können Elisabeth anrufen und ihr unsere Lage schildern. Und dann fragen wir sie, ob sie nicht Mama bis heute Abend einladen kann.”

Elisabeth, etwa 51 Jahre alt, war eine gute, schon ältere Freundin der Familie. Immer, wenn die Kinder Probleme mit ihren Eltern hatten, kam sie ihnen zur Hilfe. Auch machte sie jeden Streich der Mädchen mit.

„Du bist ja gar nicht so doof”, stellte Angelina fest. „Das machen wir.”

„Aber erst, wenn Papa weg ist. Das ist sicherer. Dann ist einer weniger da, der uns beim Telephonieren erwischen kann”, warnte Talia.

Angelina stimmte ihr zu.

Der Vater fuhr erst nach dem Mittagessen los. Angelina hatte ihn vorher noch gefragt, wann er wiederkommen würde. Er meinte so, zwischen sieben und acht.

Kaum war er weg, versammelten sie sich erst mal wieder alle in Angelinas Zimmer.

„Wer ruft an?”, fragte Talia aufgeregt.

„Ich”, antwortete ihr Angelina.

„Und was wollen wir ihr sagen?”, wollte Daida wissen.

„Ach, mir fällt schon etwas ein”, winkte Angelina ab.