Das bleiche Licht - Bert Joranz - E-Book

Das bleiche Licht E-Book

Bert Joranz

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Beschreibung

Auf der Suche nach der Ursache eines bleichen Lichts, das eines Nachts seine Aufmerksamkeit erregt, stößt Sebastian eine offenbar nur für ihn sichtbare Tür zu einer anderen Welt auf, die den Einwohnern der Kleinstadt bisher verschlossen geblieben ist. Aber sie existiert seit Jahrzehnten und war schon einmal Auslöser für das Verschwinden von Kindern. Aufgeklärt wurden die Vorfälle nie. Und jetzt verschwinden wieder Kinder. Es ist, als würden sie vom Erdboden verschluckt. Sie hinterlassen ebenso wenig Spuren wie der oder die Entführer. Sebastian und seine Geschwister stellen Nachforschungen an, während ihr Vater - ein erfahrener Kripobeamter - auf dem Wege kriminalistischer Ermittlungen Licht in die merkwürdigen Vorfälle zu bringen versucht. Dabei weiß er zunächst nicht, auf welche Erkenntnisse seine Kinder bereits gestoßen sind. Erst als sich die Ereignisse überschlagen, kreuzen sich die Wege von Vater und Sohn und machen es möglich, die Hintergründe des bleichen Lichts zu verstehen. Hilfe bekommen sie dabei auch von Mitbürgern, die mehr über die Ursachen wissen, aber zunächst nicht den Mut haben, davon zu berichten. Als die Dimension der rätselhaften Erscheinungen immer gewaltigere Ausmaße annimmt, bekommt Sebastians Familie Besuch von dem mysteriösen Gottfried Sauer. Das bleiche Licht ist eine moderne Mystery-Geschichte, geschrieben für Jugendliche und Erwachsene mit guten Nerven. Wer das Buch nachts bei schlechter Beleuchtung -bleichem Licht- liest, sollte die Türen gut schließen, damit er nicht überraschend Besuch aus ganz anderen Zeiten bekommt.

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Seitenzahl: 564

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Bert Joranz

Das bleiche Licht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I. Teil

II. Teil

III. Teil

IV. Teil

Impressum neobooks

I. Teil

Er hatte ein weißes Tuch über dem Körper.In seiner Hand hielt er Batterien.Es war kalt hier.Er warf eine der Batterien an die Wand.Sie prallte ab.Flog weiter.Es gab ein schmatzendes Geräusch.ISebastian stand am Straßenrand und beobachtete das seltsame Licht, das aus dem Keller des Hauses auf der anderen Straßenseite kam. Es warf einen blassen Lichtschein auf einen Weg, der zwei Parallelstraßen miteinander verband. Es kam aus dem Verwaltungsgebäude.„Da hat wohl jemand vergessen, im Keller das Licht auszuschalten“, dachte Sebastian. Als er gerade die Straße betreten wollte, hielt neben ihm ein Roller an. Michael Brand – Sebastian kannte ihn aus der Schule, er war zwei oder drei Klassen unter ihm – nahm den Helm ab.„Hallo Sebastian. Was glotzt du denn so?“„Ich frage mich, wer da unten das Licht angelassen hat“, sagte Sebastian und deutete auf das Kellerfenster.„Irgendein Trottel aus der Verwaltung, wer sonst?“, sagte Michael. „Was soll`s, wir müssen es ja nicht bezahlen.“„Oder ob da einer eingebrochen hat“, überlegte Sebastian laut.„Frag doch deinen Vater. Der ist doch Bulle. Ich hau ab. Ist schon spät. Und morgen schreiben wir unsere Mathearbeit.“„Komisch. Wir auch“, sagte Sebastian geistesabwesend. Das Licht in diesem Keller ging ihm nicht aus dem Kopf. Irgendetwas daran kam ihm seltsam vor.Michael Brand setzte seinen Helm wieder auf. „So ein Zufall. Mach es gut.“Er startete den Roller, gab Gas und verschwand.Sebastian stand noch eine Weile am Straßenrand. Aber das Licht veränderte sich nicht. Dann überquerte er die Straße, ging nach Hause. Er wohnte in der Parallelstraße mit Blick auf die Rückseite des Verwaltungsgebäudes.In seinem Zimmer im zweiten Stock zog er langsam das Rollo herunter und schaute dabei aus dem Fenster. Von hier sah er genau auf das Verwaltungsgebäude, den schmalen Weg und – das Licht. Etwas störte ihn daran. Es war ein seltsames Licht, so blass („Bleich“, dachte er, „nicht blass, bleich.“).Bleich.Das war das richtige Wort, war Sebastian sicher und ging zu Bett.Am anderen Morgen saßen sie am Küchentisch. Sebastian, seine Schwester Kathrin, sein Bruder Max. Sebastian hatte das Mathe-Buch auf den Knien. Aber er konnte sich nicht richtig konzentrieren. Er hatte in dieser Nacht einen seltsamen Traum gehabt. Darin ging es um Batterien. Als er aufgewacht war, hatte er das Gefühl gehabt, diese Batterien in seiner Hand zu halten. Aber die Hand war natürlich leer gewesen.„Na, wieder nichts für die Schule getan?“, frotzelte Kathrin.„Halt dich da raus“, raunzte Sebastian. „Wir schreiben heute eine Mathearbeit. Ich muss mich noch ein bisschen mit dem Stoff vertraut machen.“„Typisch Sebastian“, warf sein kleiner Bruder Max ein. „Kurz vor Schluss bekommt er Panik.“„Blödsinn“, murmelte Sebastian – und dachte an Batterien. Aber so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sich an seinen Traum nicht richtig erinnern. Nur an diese Batterien. Er konnte sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen, wie er in diesem Traum gerade auf Batterien gekommen war.Egal. Jetzt war nicht die Zeit, sich den Kopf über dumme Träume zu zerbrechen. Die Mathearbeit ging vor. In einem halben Jahr würde er Abitur machen. Da konnte er sich eine Fünf beim besten Willen nicht leisten.Sebastians Vater, Konrad Schmidt, betrat die Küche. „Na, wieder nichts für die Schule getan?“ Er sah Sebastian über die Schulter, auf das Mathebuch.„Doch, schon“, erwiderte Sebastian. „Aber es kann ja nichts schaden, wenn man kurz vor einer Arbeit sein Wissen noch mal kurz aufbessert.“ Er schloss das Buch und packte es in seine Schultasche. Die Arbeit würde er sicher verhauen.„Na, Erika“, wandte sich Konrad Schmidt jetzt an seine Frau, die gerade aus dem Badezimmer gekommen war, „was gibt es zum Frühstück?“„Muss jetzt gehen.“ Kathrin stand auf, ohne auf die Antwort ihrer Mutter zu achten.Es klingelte. Max wurde abgeholt. Zwei Mitschüler standen wie jeden Morgen vor der Haustür und warteten, dass Max herunter kam. Der schnappte sich oben seine Tasche und lief die Treppe hinunter. „Bis heute Mittag“, rief er, bevor er die letzten beiden Stufen auf einmal nahm. Draußen unterhielten sich seine Schulfreunde über den vergangenen Fernsehabend. Als Max die Haustüre öffnete, verstummte das Gespräch.„Na endlich“, sagte einer der beiden Wartenden, obwohl es wie immer eigentlich viel zu früh war, um in die Schule zu gehen. Aber die Beiden vor der Tür waren jeden Morgen so früh. Sie wollten auf keinen Fall zu spät kommen und Max schloss sich ihnen an, um nicht allein zur Schule gehen zu müssen, auch wenn es nur fünf Minuten Fußweg waren.Vor der Schule – sie waren, abgesehen von den Schülern, die mit dem Bus kamen, die ersten auf dem Schulhof – warteten sie auf die anderen aus ihrer Klasse. Max erzählte, dass er sich einen neuen Zaubertrick gekauft habe. Seine beiden Freunde waren neugierig.„Wann führst du uns denn endlich mal deine magischen Künste vor“, wollte einer von beiden wissen.„Wenn ich sie wirklich richtig beherrsche“, antwortete Max.„Wie? Kannst du gar nicht richtig zaubern?“, fragte der andere und lachte.„Das ist ja blöd“, ergänzte der Erste, „und ich dachte, er holt wirklich lebende Kaninchen aus einem Zylinder oder so.“Max konnte es gar nicht leiden, wenn sich jemand über sein neues Hobby mokierte. Das war auch der Grund, warum er bisher niemandem seine Tricks gezeigt hatte. Außer seinen Eltern und einmal auch seinen Geschwistern. Aber die hatten auch gelacht.Die Tür der Schule öffnete sich. Herr Grün forderte die Schüler auf, ihre Klassen aufzusuchen. „Aber langsam bitte“, mahnte er und niemand hätte es gewagt, auch nur einen Schritt zu schnell zu gehen.Sebastian hockte über seinem Matheheft. In der Klasse herrschte Ruhe. Die Arbeit war schwerer als er gedacht hatte. Aber mit ein bisschen Hilfe von seinem Nachbarn war sie wohl zu schaffen. Viel schlimmer war, dass seine Gedanken dauernd abschweiften.Was hatte er in der letzten Nacht geträumt? Nur eines wusste er ganz sicher: Es war kein angenehmer Traum gewesen.„Sebastian, Sie sollten sich besser um die Arbeit kümmern“, hörte er wie aus weiter Ferne die Stimme des Mathepaukers. „Was starren Sie in der Gegend herum? Die Ergebnisse fliegen nicht durch das Klassenzimmer.“„Schon gut, schon gut“, dachte Sebastian und sagte laut: „Ich denke nur nach.“Große Pause. Auf dem Schulhof stand eine Gruppe von Mädchen. Kathrin ging auf sie zu, als sie angesprochen wurde. „Hallo Kathrin. Wo willst du hin?“Es war Cornelia Scheurich, die alle Welt nur Walli nannte, weil sie in einer der ersten Schulstunden erzählt hatte, dass ihr zweiter Vorname Walburga war. Keiner hatte es für möglich gehalten, dass man einem Mädchen in dieser Zeit einen solchen Vornamen geben konnte. Walburga, das klang nach Mittelalter. Weil Cornelia außerdem nicht besonders gut angesehen war in ihrer Klasse, wurde sie gemieden. Alle wussten, dass die Scheurichs nicht viel Geld hatten. Deshalb war Cornelia auch nie modisch gekleidet. Man durfte sich mit ihr eigentlich nicht sehen lassen. Aber Kathrin tat sie leid. Deshalb blieb sie jetzt auch stehen.„Eigentlich will ich nirgends hin“, log sie und sah aus den Augenwinkeln die Blicke der anderen Mitschülerinnen. Sie schienen zu fragen, ob sie jetzt wohl bei dieser Walli stehen bleiben würde. Sie machte genau das.„Freust du dich schon auf die Klassenfahrt?“, fragte Cornelia.„Eigentlich schon“, gab Kathrin bereitwillig Auskunft. „Nur die lange Busfahrt finde ich schlimm.“„Ich werde wohl nicht mitfahren“, sagte Cornelia. „Mir geht es nämlich nicht so gut.“„Wieso? Was hast du denn?“, erkundigte sich Kathrin. „Och nichts“, wich Cornelia einer Antwort aus. „Aber meine Eltern meinen, ich sollte lieber zu Hause bleiben.“„Sie können es sicher nicht bezahlen“, dachte Kathrin. Laut sagte sie: „Schade. Dann musst du ja die ganze Woche in die Schule.“„Nicht so schlimm“, log Cornelia und sah jetzt auch in Richtung der vier Mädchen, die einige Meter von ihnen entfernt tuschelten. Cornelia wurde rot. Sie ahnte, was die vier dort redeten. Sie zogen sie durch den Kakao. Weil sie keine Designerklamotten hatte. Eigentlich war es ganz gut, dass ihren Eltern die Fahrt zu teuer war. Da blieb ihr wenigstens die dauernde Anwesenheit dieser Grazien erspart.Auch Kathrin ahnte, um was es im Gespräch ihrer vier Klassenkameradinnen ging. Und sie wusste ebenso, dass sie bei nächster Gelegenheit von ihnen ausgefragt würde, was sie denn mit dieser Walli besprochen habe. Was sollte sie dann erzählen? Wenn sie sagte, dass Walli die Klassenfahrt nicht mitmachen würde, gab sie ihnen nur Gesprächsstoff. Jeder, davon war Kathrin überzeugt, einfach jeder würde wissen, warum Walli in Wirklichkeit nicht mitfahren konnte.Am Mittagstisch erinnerte sich Kathrin an das Gespräch mit Walli – Cornelia – und fragte ihre Eltern, ob man denn da nichts machen könne.„Es gibt doch diesen Förderverein“, meinte ihr Vater. „Der könnte doch die Kosten für die Fahrt übernehmen.“„Gibt es nicht auch Unterstützung von der Stadt oder dem Land?“, fragte ihre Mutter.„Weiß ich nicht“, antwortete Konrad Schmidt. „Auf jeden Fall müssten die Scheurichs mal beim Schulleiter fragen, ob es nicht von irgendwoher Unterstützung gibt, wenn man eine solche Klassenfahrt nicht bezahlen kann. Man kann doch das Mädchen nicht einfach zu Hause lassen, nur weil ihre Eltern sich das nicht leisten können.“„Find ich auch“, sagte Kathrin. „Ich werde mal mit Cornelia reden. Aber ich weiß nicht, ob sie mir dann die Wahrheit sagt. Vielleicht ist sie ja auch wirklich krank.“„Fehlt sie denn oft in der Schule?“, wollte ihre Mutter wissen.„Eigentlich nicht“, überlegte Kathrin, dass sie mit ihrer ersten Vermutung wohl richtig lag. „Es liegt sicher am Geld.“„Kann man hier mal über was anderes reden als über das Geld anderer Leute?“ fragte Sebastian.„Worüber denn zum Beispiel?“, wandte sich sein Vater an ihn.„Über meinen Führerschein zum Beispiel. Wie viel muss ich eigentlich selbst davon bezahlen?“„Womit wir wieder beim Geld wären“, sagte seine Mutter. „Nur bei unserem eigenen.“Am Abend dieses für Sebastian nicht gerade erfreulichen Tages saß er in der Fahrschule und überlegte, woher er die Hälfte der Führerscheinkosten nehmen sollte. Da würde er wohl arbeiten müssen. Aber wo? Sein Nachbar stieß ihn an.„Wann machst du denn die erste Fahrstunde?“„Nächste Woche“, antwortete Sebastian.Den Weg nach Hause wählte er bewusst so, dass er an dem Verwaltungsgebäude vorbei kam, in dem am Abend vorher das Licht gebrannt hatte. Er wollte sehen, ob es heute Abend dunkel war in diesem Keller. Als er gerade um die Hausecke blicken konnte, sah er es. Das Licht war da. Es warf einen fahlen (bleichen!) und nicht abgegrenzten hellen Fleck auf den Teer. Es sah aus wie eine Pfütze aus Licht. Sebastian ging näher heran, bückte sich, legte die Hände um die Augen und versuchte, durch das kleine Fenster (kam das Licht eigentlich aus diesem Fenster?) in den Keller zu sehen. Aber durch die Milchglasscheibe konnte er nichts erkennen. Dahinter schien es dunkel zu sein. Sebastian ging ein paar Meter weiter zum nächsten Fenster, sah hinein. Nichts als Dunkelheit auch hier.Was machte er da eigentlich? Wonach suchte er? Und warum erzeugte dieses blöde Licht ein solches Interesse? Sebastian stand auf. „Weil es nicht normal ist“, dachte er und setzte seinen Heimweg fort. In seinem Zimmer angekommen, warf er wieder einen Blick aus dem Fenster. Das Licht war noch da.In diesem Haus wurde den ganzen Tag gearbeitet, aber nachts war es leer. Niemand war da. Sebastian wusste, dass das Haus früher mal eine Schule war, aber das war schon sehr lange her.Sebastian hatte sich einen Stuhl ans Fenster gerückt, legte seine Arme auf das Fensterbrett und überlegte, ob er die ganze Nacht dieses Licht beobachten sollte. Eine halbe Stunde später war er eingeschlafen. Deshalb sah er auch nicht, dass sich in diesem Licht, dass seine Aufmerksamkeit so fesselte, ganz plötzlich Schatten zu bewegen schienen. Fast hätte man den Eindruck haben können, dass sie tanzten. Tanzende Schatten.Als Sebastian erwachte, hatte er zunächst keine Ahnung, wie lange er da gelegen hatte, den Kopf auf den Händen. Jedenfalls waren ihm beide Arme eingeschlafen. Sie kribbelten. Das Telefon hatte ihn geweckt. Sebastian sah zur Uhr. 24:15 Uhr. So lange konnte er also nicht hier gelegen haben.Unten hörte er seinen Vater sprechen.„In Ordnung. Bin schon unterwegs“, sagte er gerade. Dann hörte Sebastian Schritte auf der Treppe und das Schließen der Haustür. Es kam nicht oft vor, dass sein Vater mitten in der Nacht angerufen wurde. Mord und Totschlag gab es nicht in ihrer kleinen Stadt und Verkehrsunfälle waren etwas für die „Trachtengruppe“, wie die uniformierten Kollegen seines Vaters etwas geringschätzig im eigenen Hause genannt wurden. Sebastian sah wieder aus dem Fenster. Das Licht (das bleiche Licht) war immer noch zu sehen. Gerade ging sein Vater eilig über es hinweg. Ob er es nicht sah? Ob es überhaupt jemand sah, außer ihm selbst natürlich?Sebastian schüttelte über diesen Gedanken den Kopf. Natürlich konnte man es sehen. Jeder konnte es sehen. Kurzzeitig überlegte er, seine Schwester oder seinen Bruder zu wecken, um sich bestätigen zu lassen, dass es wirklich jeder sah. Aber er ließ es sein. Morgen war auch noch ein Tag. Außerdem wurde der Gedanke an dieses Licht im Augenblick von der Frage verdrängt, was wohl seinen Vater um diese nächtliche Zeit aus dem Haus gelockt hatte. Gerade verschwand Konrad Schmidt um die Ecke des Verwaltungsgebäudes.Was der erfahrene Polizeibeamte keine 20 Meter weiter zu sehen und zu hören bekam, passte in keine der ihm bekannten Szenarien. Kein Unfall. Kein Mord. Keine Entführung. Aber ein verlassener Motorroller und ein Helm. Vom Fahrer oder der Fahrerin keine Spur. Die Kollegen der Verkehrspolizei informierten ihn kurz und sachlich.Vor 15 Minuten hatte ein aufgeregter Mann in der Wache angerufen und erzählt, auf der Westfalenstraße liege ein Motorroller und ein Helm. Ein Fahrer sei nicht zu sehen. Daraufhin waren die beiden Beamten, die ohnehin in der Stadt unterwegs waren, zum Ort des Geschehens beordert worden. Sie fanden genau das vor, was der Zeuge am Telefon gesagt hatte: einen Motorroller und einen Helm. Mittlerweile hatten sie anhand des Nummernschildes auch den Halter des Motorrollers ausfindig gemacht und schon mit seinen Eltern gesprochen. Es handelte sich um Michael Brand. Und der war am frühen Abend in die Stadt gefahren und seitdem nicht zurückgekommen. Die Eltern seien bereits unterwegs. Im gleichen Augenblick hielt ein Auto am Straßenrand. Ein Mann und eine Frau stiegen aus. „Was ist denn passiert?“, fragte die Frau und wurde von einem uniformierten Beamten zurückgehalten. „Moment. Wer sind Sie bitte?“Die beiden stellten sich vor. Es handelte sich um Hilde und Karl Brand, die Eltern des verschwundenen Rollerfahrers. Sie wurden durchgelassen, nahmen den äußerlich völlig intakten Roller in Augenschein.„Das ist Michaels Roller“, sagte Frau Brand. „Und wo ist der Junge?“„Das wissen wir im Augenblick nicht“, übernahm Konrad Schmidt die Gesprächsführung. „Haben Sie eine Vorstellung, wo der Junge sein könnte? Hat er in der Nähe Freunde oder Bekannte?“„Nein“, sagte Karl Brand. „Nicht, dass ich wüsste. Außerdem hätte er nie seinen Roller einfach am Straßenrand liegen lassen.“ Er bückte sich, wollte das Zweirad aufheben, wurde aber von einer schnellen Geste Schmidts daran gehindert. Schmidt hatte den Mann am Arm gefasst und festgehalten.„Liegen lassen. Vielleicht müssen wir noch nach Fingerabdrücken suchen.“„Fingerabdrücke?“ rief Frau Brand. „Warum um Gottes Willen Fingerabdrücke? Was ist mit Michael? Sagen Sie uns doch endlich, was hier passiert ist.„Wir wissen es nicht“, musste Schmidt eingestehen. „Bisher haben wir einen verlassenen Roller und einen Helm, aber keinerlei Hinweis auf einen Unfall oder etwas dergleichen. Keine Bremsspuren, keine Scherben, am Roller ist auch kein Schaden – soweit man das auf den ersten Blick beurteilen kann. Möglicherweise ist auf der anderen Seite ja was zu sehen, ein Blechschaden oder ein Hinweis auf einen Unfall oder so etwas. Aber das müssen die Kollegen von der Spurensicherung übernehmen.“Er führte die beiden Brandts zu einem Polizeiwagen, bat sie, drinnen Platz zu nehmen. Jetzt musste er besonders vorsichtig sein. Irgendetwas an diesem Unfall, diesem Vorfall stimmte nicht, und er wollte von den Eltern soviel erfahren wie nur möglich. Zum Beispiel, ob Michael Ärger mit Mitschülern oder anderen Gleichaltrigen hatte, ob er mit Drogen zu tun hatte, selbstmordgefährdet war. All das musste er den Brandts rasch aus der Nase ziehen.Aber nach einer halben Stunde war er so schlau wie vorher. Die Eltern wussten von keinen Anfeindungen gegen ihren Sohn, der im Übrigen auf keinen Fall ein Selbstmörder sei, nichts mit Drogen zu tun hatte und auch kein Entführungsopfer sein konnte, weil es beiden Brandts zwar gut ging, sie aber auf keinen Fall ein Lösegeld zahlen konnten.Draußen hatten zwei Beamte den Roller nach Fingerabdrücken und ähnlichen Hinweisen auf die Vorgänge in dieser Nacht abgesucht. Erfolglos. Sie drehten ihn gerade herum. Auf der anderen Seite war ein bisschen Lack angekratzt. Aber das war bei weitem kein Hinweis auf einen schweren Verkehrsunfall.Ein Kollege, Karl Baumeister, kam auf Schmidt zu, sagte ihm, dass auch im Krankenhaus nachgefragt worden war. Aber es war eine ruhige Nacht gewesen. Keine Einlieferungen. Hier war der Junge also auch nicht.Schmidt bot den sehr aufgeregten Brandts an, sie in ihrem Wagen nach Hause zu bringen. Ein Kollege könne hinterher fahren und ihn dann wieder zurück in die Stadt nehmen. Mit dem nicht ganz uneigennützigen Angebot verband Schmidt die Hoffnung, noch in dieser Nacht einen Blick in Michaels Zimmer werfen zu können. Er war sich zwar noch nicht ganz im Klaren, wie er es anstellen könnte, mit ins Haus zu gelangen, aber unterwegs würde ihm schon etwas einfallen. Notfalls half immer die Lüge mit der Toilette.Zunächst protestierten die beiden Brands. Sie wollten am Ort des Geschehens bleiben. Aber Schmidt konnte sie überzeugen, dass das jetzt nichts brachte. Niemand wisse, wo Michael sei und ob er wieder hierher zurück kommen werde. Außerdem seien seine Kollegen noch eine Weile da und könnten Michael nach Hause bringen, falls er doch noch auftauche. Das alles hatte sie weit weniger überzeugt als sein letztes Mittel: „Vielleicht ist er ja auch schon zu Hause.“Karl Brand hatte anrufen wollen. Er bat um ein Handy. Aber Schmidt überredete ihn, doch lieber nach Hause zu fahren. Daraufhin hatte Brand versichert, er könne selber fahren. Zum Glück bat Frau Brand den Polizeibeamten, doch noch mitzukommen. Sie hatte Angst, weil sie nicht wusste, was sie zu Hause erwarten würde, ob Michael, falls er wirklich daheim war, allein war – oder vielleicht nicht.Schmidt fuhr hinter ihnen her. Sie wohnten in einem kleinen Dorf vor den Toren der Stadt in einem großen, gemütlichen Haus aus den 70er Jahren. Frau Brand wartete nicht, bis ihr Mann den Motor abgestellt hatte. Sie riss die Wagentür auf, stieg aus, lief zur Haustür, schloss sie auf und rief ins Haus.„Michael! Michael? Bist du da?“ Aber sie bekam keine Antwort. Wenig später wussten alle drei, dass Michael nicht zu Hause war.Schmidt brauchte gar nicht zu fragen. Sie hatten ihm Michaels Zimmer ganz freiwillig gezeigt. Es gab in diesem Raum auf den ersten Blick nichts Auffälliges. Es war ein ganz normales Zimmer eines 16-jährigen Jungen. Schmidt wusste zwar nicht, was er erwartet hatte, aber er war ein klein wenig enttäuscht. Ein bisschen hatte er schon gehofft, hier einen Hinweis auf Michaels Verschwinden zu finden. Aber es gab nichts. Ein paar Poster an der Wand, ein kleiner Fernseher, ein Bett, ein aufgeräumter Schreibtisch.Auf dem Schreibtisch lag ein Buch mit Gedichten. Auf Seite 97 aufgeschlagen. Schmidt nahm es in die Hand. Goethe. Der Erlkönig: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind…“Dass ein Junge in Michaels Alter Goethe-Gedichte las, wunderte den Polizeibeamten. Viel weiter kam er nicht, ehe ihn Michaels Mutter unterbrach.„Das haben sie gerade in der Schule gelesen“, sagte sie. „Gedichte. Und dieses Gedicht, dieser Erlkönig, hatte es Michael besonders angetan. Können Sie sich einen Reim darauf machen?“Schmidt antwortete gedankenverloren: “Nein“ und dachte: „Erreicht den Hof mit Müh und Not, in seinen Armen das Kind war tot.“„Ach ja. Er ist ein bisschen unordentlich“, sagte jetzt Frau Brand, nahm ihm das Buch ab.„War“, dachte Schmidt, „war unordentlich.“ Denn insgeheim glaubte er nicht, dass sie den Jungen lebend wieder sehen würden. Es war jetzt 02:15 Uhr und es gab keine Spur von ihm. Michael, so vermutete Schmidt, hatte sich umgebracht. Und er glaubte auch zu wissen wo. Schließlich wäre er nicht der erste junge Mensch gewesen, der die Nähe zur Talsperre für einen Ausstieg aus dem Leben genutzt hätte.Schmidt verabschiedete sich und versprach, sich zu melden, sobald es Hinweise auf Michaels Verbleib gab („Sobald er aufgetaucht ist“, dachte er.), reichte Frau Brand die Hand und sagte: „Kopf hoch, wir finden ihn schon.“ („Irgendwann kommen sie alle wieder hoch.“) Auch Herrn Brand gab er zum Abschied die Hand. Er war sich sicher, dass er in den nächsten Tagen eine traurige Nachricht überbringen würde.Am Morgen danach drehte sich am Frühstückstisch der Schmidts alles um den verschwundenen Rollerfahrer. Sebastian war am hartnäckigsten. Er wollte unbedingt wissen, wer er denn sei. Schließlich ließ sich sein Vater erweichen.„Du wirst es in der Schule möglicherweise ohnehin erfahren. Es geht um Michael Brand.“„Michael?“, Sebastian sah von seinem Frühstück auf. „Den kenne ich. Der ist zwei Klassen unter mir.“„Und? Was weißt du von dem?“„Eigentlich nichts“, sagte Sebastian. „Ist aber ganz nett. Wo soll der denn sein?“„Das wissen wir nicht“, sagte sein Vater. „Aber ich fürchte, es ist etwas Schlimmes passiert.“„Tot?“, fragte Sebastian.„Weiß ich nicht“, meinte sein Vater. Aber Sebastian wusste, dass sein Vater genau das glaubte.Auf dem Schulhof war Michaels Verschwinden Hauptgesprächsthema. So etwas sprach sich eben schnell herum in einer Kleinstadt. Alle möglichen Theorien wurden ausgetauscht. Auch dass Michael vielleicht nur abgehauen sei. Weil seine Eltern angeblich so streng waren. Sebastian hielt sich zurück. Zwar wurde er von vielen Fragen bombardiert – schließlich wussten alle, dass sein Vater Polizist war – aber er hielt sich bedeckt. Sagte nicht, dass sein Vater an Michaels Tod glaubte. Und dass der meistens Recht behielt. So legte sich das Interesse an diesem Vormittag bald und man wandte sich anderen Themen zu. Zum Beispiel der Stadtgeschichte. Die hatte sich Sebastians Geschichtslehrer Mommsen zum Steckenpferd gemacht. Und seinen Schülern wollte er ebenfalls nahe bringen, was sich in der Vergangenheit in ihrer Heimatstadt ereignet hatte. Mommsen hatte ihnen die Aufgabe gestellt, sich einem bestimmten Thema besonders intensiv zu widmen. Sie sollten ein Ereignis oder ein bedeutendes Gebäude und seine Geschichte in Form eines längeren Referates aufarbeiten. Dieser Auftrag hatte Sebastian in diesen Tagen erstmals ins Stadtarchiv geführt.

IIKlaus Baum, der Archivar, hatte ihn freundlich empfangen. Sicher bekam er nur wenig Besuch, war den ganzen Tag allein mit den alten Büchern, Zeitungen und Sammlungsstücken. Viel alter Plunder, fand Sebastian, als er sich zum ersten Mal umsah. Umso faszinierender fand er den Archivar selbst. Was er sich als alten Mann mit Nickelbrille und Ärmelschonern vorgestellt hatte, entpuppte sich als etwa 40-Jähriger mit starken Geheimratsecken, angegrauten Haaren und Pferdeschwanz. In seinem Ohr blinkte ein kleiner Edelstein. Die Ärmel seines Jeanshemdes hatte er ein wenig hochgekrempelt. Heraus guckten zwei kräftige, ebenfalls grau behaarte Arme. Baum war nicht besonders groß, auch wenn sein Name diese Vermutung gerechtfertigt hätte. Sebastian konnte auf ihn herabblicken. Er schätzte ihn auf etwa 1,70 Meter. Sein untersetzter Körper steckte in einer schwarzen Hose, aus der ebenso schwarze Westernstiefel herausguckten, deren Spitzen sich nach oben gebogen hatten. Und so einer war Archivar. Sebastian konnte es nicht fassen.„Na? Auch vom Mommsen?“, fragte Baum.„Ja“, antwortete Sebastian, „aber woher wissen Sie…?“Baum grinste. „Es waren schon viele deiner Mitschüler hier. Da hab ich mir gedacht, dass du auch wegen der Stadtgeschichte kommst. Ist Mommsens Lieblingsthema. Hat er uns auch schon mit gepiesackt. Aber irgendwie bin ich auf diesem Weg dann doch an Geschichte hängen geblieben. Aber das siehst du ja. Ich darf doch du sagen?“„Von mir aus.“ Eigentlich war es Sebastian ziemlich egal, ob er du oder sie sagte, Hauptsache, er konnte ihm helfen, in diesem unüberschaubaren Wust von Regalen und Büchern herauszufinden, was ihn interessierte. Kaum hatte er das gedacht, hörte er Baum fragen: „So. Und was soll ich dir raus suchen? Ich meine, mit welchem Thema willst du dich beschäftigen?“Und eben das wusste Sebastian nicht genau. Er war einfach so ins Stadtarchiv gegangen und hatte gehofft, hier schon irgendwie auf ein Thema zu stoßen, das ihn interessieren könnte. Aber zwischen diesen Büchern war er mittlerweile nicht mehr so sicher, dass es einfach würde, sich festzulegen. Das wollte er diesem Baum aber nicht so ohne weiteres sagen. Schließlich war Geschichte im Allgemeinen und Stadtgeschichte im Besonderen sein Job. Er kümmerte sich täglich darum.„Weißt wohl noch nicht so genau, um was es gehen soll, oder?“ Dieser Baum war wohl Hellseher.„Doch, doch, ich gucke nur mal, ob mir was ins Auge fällt“, sagte Sebastian.„Sieh dich ruhig erst mal um“, Baum grinste, „vielleicht begegnet dir ja etwas ganz besonders Interessantes.“Sebastian hielt das für völlig ausgeschlossen. Aber er bedankte sich und zwängte sich zwischen zwei Regalreihen durch, die so eng gestellt waren, dass man nur seitlich hindurch gehen konnte.„Ziemlich eng hier“, sagte er.„Stimmt“ sagte Baum von der anderen Seite der Regale. „Wir haben in den letzten Monaten so viele Bücher geschenkt bekommen, dass wir die Regale enger stellen mussten. Ich habe noch nicht alle beigeräumt. Sie müssen ja auch archiviert werden, weißt du, damit wir die später auch wieder finden. Manche Bücher müssen vorher auch noch ausgebessert werden.“„Das machen Sie auch?“ fragte Sebastian.„Nein, nein“, kam die Antwort von der anderen Regalseite, „dafür haben wir eine Werkstatt an der Hand. Man kann ja auch nicht alles machen.“Sebastian hatte das Ende der Regalreihe erreicht, stand vor einem Erker. An einer Wand hing ein altes vergilbtes, ziemlich großes Foto. Sebastian konnte den Marktplatz erkennen, die Bäume rund um den Platz, und – das Verwaltungsgebäude. Aber es sah ganz anders aus als heute. Eine große Treppe stand da, wo heute die Ladentüren waren. Die Treppe führte hinauf zu einer zweiflügeligen großen Holztür. Auf der Treppe standen Kinder, fein aufgereiht für den Fotographen. Kinder jeden Alters. Etwa 20, schätzte Sebastian. Ob das die ganze Schule war? Ob damals auch das Licht im Keller immer gebrannt hatte?Plötzlich war Sebastian klar, was sein Thema werden würde. Die alte Schule. Genau mit ihr wollte er sich beschäftigen. Und das sagte er Baum auch. Der schien sich zu freuen.„Darum hat sich bisher niemand gekümmert. Dabei ist es sicher eine interessante Geschichte. Das Haus hat schon eine Menge erlebt. Volksschule, Sparkasse, Verwaltungssitz. Da lässt sich was raus machen. Außerdem ist sie im Krieg ziemlich schwer beschädigt worden. Aber das will ich dir nicht alles erzählen. Das sollst du ja wohl selbst herausfinden. Ich werde dir beim Suchen helfen.“Es wurde ein langer Nachmittag zwischen alten Buchdeckeln und Zeitungsseiten. Als Sebastian am frühen Abend (wie lange arbeitete eigentlich ein Archivar, oder wohnte der dort?) wieder auf der Straße stand, hatte er das Gefühl, seine Nase sei voller Staub. Er putzte sie und machte sich auf den Weg nach Hause. Sein Magen knurrte. Vor dem Verwaltungsgebäude (oder sollte er lieber alte Volksschule sagen?) blieb er stehen, sah an dem dreistöckigen Gebäude hoch, bog dann um die Ecke und blieb unvermittelt wieder stehen.Vor ihm breitete sich eine Lichtpfütze aus. Sebastian sah wieder zu dem Kellerfenster, in das er vor ein paar Tagen bereits geguckt hatte, ohne etwas zu sehen. Auch jetzt sah es dunkel aus. Sebastian sah an dem Gebäude hoch. Kam das Licht von oben? Nichts als Dunkelheit. Etwa zehn Meter entfernt stand eine Straßenlaterne. Das Licht, das sie warf, breitete sich um den Laternenpfosten aus.Keine Verbindung zu dem anderen Licht.Sebastian lief nach Hause. Jetzt musste er es wissen. Seine Geschwister und seine Eltern saßen am Tisch. Er rief nur den Namen seiner Schwester und ging gleich durch bis ins zweite Stockwerk, in sein Zimmer, hörte noch, dass ihm seine Schwester und sein Bruder folgten. Der Kleine auch. Egal jetzt. Sebastian starrte aus dem Fenster. Sebastians Schwester betrat den Raum, stand jetzt neben ihm. Er zeigte aus dem Fenster und fragte: „Was siehst du?“, bekam aber nur eine Gegenfrage als Antwort:„Spinnst du?“„Nein“, sagte er bestimmt. „Was siehst du?“„Willst du mich veräppeln, oder was?“, fragte seine Schwester wieder. Dann schob sie der kleine Bruder zur Seite, ging ans Fenster, sah hinaus und sagte: „Im Keller da hinten brennt Licht.“„Na bitte“, sagte Sebastian, “er sieht es auch.“„Natürlich sehe ich das. Bin ja nicht blind oder trage meine Brille nicht“, entgegnete Max und erntete einen bösen Blick seiner Schwester, die danach wieder aus dem Fenster sah.„Das sehe ich auch ohne Brille“, sagte sie etwas beleidigt. „Konnte ich denn wissen, dass dich ein Licht in einem Keller so brennend interessiert?“„Ich wollte nur wissen, ob ihr es seht“, sagte Sebastian („außerdem kommt es nicht aus dem Keller“, dachte er) und schob seine Geschwister wieder aus dem Zimmer. „Und jetzt raus hier.“„Bist du bescheuert oder was?“, fragte sein kleiner Bruder und Kathrin ergänzte: „oder fürchtest du, dass du Halluzinationen hast?“„Weder noch“, murmelte Sebastian und schloss die Tür hinter den Beiden.Sie sahen es auch. Also war das Licht da und es war möglicherweise nichts Besonderes daran. Gar nichts.

IIIDas Licht war schlecht in dieser Schulklasse. Aber das war bei weitem nicht das Schlimmste daran. Es reichte ja aus, um in den Büchern zu lesen, die Aufgaben zu erledigen, die Arbeiten zu schreiben. Das Licht war kein Problem.„Wir haben einen neuen Mitschüler“, sagte jetzt der Lehrer. Er war ein alter Mann mit einem grauen Haarkranz, hinter dem unablässig die Spitze des Zeigestocks wippte. Leider benutzte er den nicht nur zum Zeigen. Um den Hals schloss sich eng ein sogenannter Vatermörderkragen, ein altmodischer Stehkragen, um den er eine schwarze Fliege gebunden hatte. Ein paar Zentimeter höher, direkt unter seiner Nase saß eine weitere „Fliege“. Früher war sie wohl mal ebenso schwarz gewesen wie die Fliege auf dem Hemdkragen. Heute war sie grau wie seine Kopfhaare.Der Name des Lehrers schien seinen Gemütszustand wiederzugeben. Er hieß Sauer. Die Schüler nannten ihn Giftzwerg oder Väterchen Frost, weil er zum einen relativ klein, zum anderen kalt wie Eis war. Jetzt legte er dem neuen Mitschüler eine Hand auf die Schulter. Eine große, schwere Hand, deren Rücken bis zu den mittleren Fingergliedern grau behaart war und so gar nicht zur Statur des Mannes zu passen schien.„Wie heißt du denn?“, fragte er den Neuen.„Michael“, antwortete dieser. Ehe er den Nachnamen sagen konnte, unterbrach ihn Sauer barsch. „Das genügt. Wir müssen hier keine Nachnamen kennen.“Michael wunderte sich. Keine Nachnamen? Wie wollte er dann Zensuren verteilen? Viel mehr als diese Frage beschäftigte ihn, wie er wohl hier her gekommen war. Das war auf keinen Fall seine Klasse. Er kannte niemanden. Außerdem saßen Schüler unterschiedlichen Alters zusammen. Es sah so aus, als wären zwei, drei Klassen in einem Raum zusammengefasst. Michael erinnerte sich, so etwas mal von seinem Opa gehört zu haben. Der hatte in einem Dorf eine einzügige Volksschule besucht. Dort hatte der Lehrer alle Klassen geleichzeitig unterrichtet. Michael konnte sich nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Wenn dieser Lehrer hier den Jüngeren das Rechnen oder was auch immer beibrachte, war doch bestimmt im hinteren Teil der Klasse, dort wo die größeren Schüler saßen, ein Höllenlärm.Außerdem stank es in dieser Klasse. Modrig oder so. Und wie die alle angezogen waren. Völlig runtergekommen. Als hätten sie sich mit Lehm beschmiert und mit Staub gepudert. Dieser Lehrer machte da keine Ausnahme. Sein schwarzer Gehrock war verschlissen, die Hose mit den weißen Nadelstreifen an den Säumen ausgefranst. Die schwarzen Lederschuhe waren durchzogen von haarfeinen Rissen.Die Hand auf seiner Schulter schob Michael in Richtung der hinteren Bänke. Im Vorbeigehen stellte Michael fest, dass insgesamt drei Stühle leer waren. Dann wurde er von der schweren Hand auf einen der leeren Stühle gedrückt. Sein Stuhl wurde von hinten unter das Pult geschoben, so dass er fest zwischen Stuhllehne und Pult eingeklemmt wurde. Dann ließ der Druck der Hand nach.„Hier ist dein Platz. Du wirst sehen, dass du dich bald wohlfühlen wirst“, sagte der Lehrer und einige der älteren Schüler sahen irgendwie beschämt vor sich. Michael glaubte kaum, dass er sich zwischen diesen Lumpengestalten bald wohl fühlen würde. Außerdem wollte er nach Hause. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal zu Hause gewesen war.Sauer hatte sich wieder nach vorne zurückgezogen.„Bitte Herr…“„Sauer ist mein Name, ich vergaß“, sagte der Grauhaarige mit sonorer Stimme.„Bitte Herr Sauer, ich“, Michael wusste nicht, was er in dieser unerklärlichen Situation sagen sollte. Darum bitten, dass er nach Hause gehen durfte? So entschied er sich anders: „Ich meine, ich möchte wissen, wo ich hier bin und wie ich hier hin gekommen bin.“„Nun Michael“, sagte dieser Herr, dieser Sauer, “du bist hier her gekommen wie deine Mitschüler auch. Du bist hier, weil du hier zur Schule gehst. Oder gehst du nicht immer zur Schule?“ Der Ton wurde eine Nuance schärfer.„Doch schon, Aber…“„Aber? Sprich es ruhig aus.“„Aber nicht in diese Schule, in diese Klasse.“„Ich weiß.“ Sauers Stimme klang jetzt nachdenklich. „Das ist sehr bedauerlich. Denn eigentlich ist das hier deine Schule und deine Klasse.“„Blödsinn“, brach es aus Michael heraus. „Ich hatte eine andere, eine bessere Klasse.“Ihm fiel auf, dass es in der Klasse bei dem Wort „Blödsinn“ unglaublich ruhig geworden war. Es war so ruhig wie… „wie in einer Gruft“, schoss es Michael durch den Kopf. Und es roch auch so. „Wie in einer Gruft.“Während er das dachte, war Sauer wieder zu ihm zurückgekehrt. Aber Michael wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Er wusste auch nicht, was es hieß, wenn der Zeigestock hinter Sauers Glatze so nervös wurde, dass es aussah, als vollführe er auf dem glatten Parkett der hohen Stirn dieses Lehrers ein Tänzchen. Aber seine Mitschüler wussten es. Niemand von ihnen wagte, sich zu bewegen. Keiner sagte einen Mucks. Sauer stand jetzt wieder vor Michael.„Blödsinn, sagst du. Das soll wohl heißen, dass ich Blödsinn erzähle, was?“„Nein. Aber. Ich…“ Michael druckste herum. Dann sagte er, was er in seiner alten Klasse wohl auch gesagt hätte: „Ja. Das ist Blödsinn.“Er hatte gerade die erste Silbe des Wortes ausgesprochen, als er ein Pfeifen zu hören glaubte. Dann brannte sein Rücken. Er wusste nicht sofort, was passiert war, als sich das seltsame Pfeifen in seinem Kopf wiederholte und sein Rücken noch mehr brannte.In Michaels Kopf saust es. Der nächste Schlag traf seinen Rücken. Jedenfalls fühlte er es so. So müssen sich Sklaven also beim Auspeitschen vorgekommen sein, dachte Michael noch, dann traf ihn wieder (traf er ihn wirklich oder bildete er sich das ein?) der Zeigestock. Er fühlte, wie sein Hemd an den Stellen, die der Stock getroffen haben musste, aufplatzte. Aber das kümmerte Michael nicht. Er hatte in diesem Augenblick ganz andere Sorgen. Er vergaß. Alles. Es fiel ihm auf, als er sich vornehmen wollte, diesen Menschen anzuzeigen. Bei dem Vater eines Schülers, den er kannte. Der Vater war Polizist. Aber er konnte sich nicht an den Namen erinnern. Auch nicht an den des Schülers. Selbst das Gesicht, das er kurz vorher noch vor sich gesehen hatte – es verschwand beim nächsten Hieb. Seine alte Klasse. Seine Lehrer. Sein Zuhause. Seine Eltern. Und dann auch sein Nachname. Sauer hatte ihn alles vergessen lassen. Ein letzter Hieb und Michael hatte sogar vergessen, dass er etwas vergessen hatte. Sein Gehirn war wie leer. Nur ein paar Namen wusste er noch: Michael, Herr Sauer. Und der hatte die ganze Zeit vor ihm gestanden. Hatte der Stock die ganze Zeit hinter seinem Rücken gesteckt, auf seiner Glatze getanzt? Kein einziges Mal hatte Sauer wirklich zugeschlagen („Dieser Stock ist nur zum Zeigen da.“).Aber er hatte wirklich daran gedacht. Er überlegt, wie es sein würde, diesen Stock auf dem Rücken des Jungen tanzen zu lassen. Ob er danach seine Aufsässigkeit aufgeben würde? Sauer hatte das Hemd unter der Wucht der Schläge aufplatzen sehen (war es wirklich aufgeplatzt?). Der Junge hatte sich gewunden, als würde er wirklich geschlagen. Seltsam. Aber Sauer kannte das. So benahmen sie sich immer, wenn er daran dachte, sie zu schlagen, die bösen Gedanken aus ihren Köpfen zu vertreiben, Gedanken, die sie daran hinderten, ein gutes Mitglied dieser Klasse – seiner Klasse – zu werden. Das war im Sinne der Schüler. Aber sie wussten es nicht.Als Sauer von seinem Opfer abließ, atmeten die anderen Schüler auf. Jetzt war Michael einer von ihnen. Und er sah auch nicht mehr viel besser aus. Nur im Gesicht etwas gesünder. Aber auch das würde sich noch geben, wenn er erst einmal so lange (wie lange?) hier war wie sie. Keiner von den Schülern hätte sagen können, wann das alles angefangen hatte. Hätte man sie gefragt, so hätten sie gesagt, es sei schon immer so gewesen. Sie hatten auch immer Unterricht. Es gab keine Pausen, kein Zuhause, keine Freunde. Es gab nur diese Klasse, nur sie und – Sauer.Aber das wussten sie alles nicht wirklich. Es war allenfalls ein dumpfes Gefühl.

IVDie Polizei trat auf der Stelle. Auch die Veröffentlichung eines Fotos von Michael Brand in allen Zeitungen und sogar dem lokalen Fernsehprogramm hatte sie keinen Schritt weiter gebracht. Schmidt wusste nur, dass Michael Brand keine allzu große Barschaft bei sich hatte, als er verschwand. Es gab auch keinerlei Bewegung auf seinem Konto. Seine Eltern erklärten ebenfalls, dass sie weder Geld vermissten noch etwas von ihren Konten abgebucht worden sei. Somit schied für Schmidt aus, dass sich der Junge abgesetzt hatte. Kathrin hatte diesen Verdacht aus der Schule mitgebracht, von einem strengen Elternhaus geredet und davon, dass sich einige Mitschüler sehr wohl vorstellen konnten, dass Michael von zu Hause ausgerissen war. Aber mittlerweile waren vier Tage vergangen. Von irgendetwas musste der Junge ja leben. Dass er bettelte, hielt Schmidt für ausgeschlossen. Ohne seinen Roller wäre er ohnehin nicht weit gekommen.Eine Entführung hielt er aber für ebenso unwahrscheinlich. Wenn es um Geld gegangen wäre, hätten sich die Entführer zwischenzeitlich gemeldet. Blieb noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten. Und die Hilfe des Zufalls (vielleicht würde er ja bald „auftauchen“, dachte Schmidt), auf den man manchmal hoffen musste.Als er so seinen Gedanken nachhing, öffnete sich die Bürotür. Der Kollege Karl Baumeister kam mit Kaffee. Es war der Tag vor Heiligabend und es blieb die nächsten Stunden ruhig, was für die Verhältnisse in der Kleinstadt natürlich nichts Besonderes war.Eigentlich hatte Konrad Schmidt an den Weihnachtstagen keinen Dienst. Aber als am 1. Weihnachtstag um die Mittagszeit das Telefon klingelte, ahnte er, dass es für ihn war. Dann hörte er seinen jüngsten Sohn sagen: „Moment, ich hole ihn.“ Konrad Schmidt ging zum Telefon, sprach kurz mit seinem Kollegen und machte sich dann auf den Weg. Ein Mann in einem Kleinlaster war offenbar verschwunden. Die beiden Streifenwagen, die an diesem Tag im Einsatz waren, hatten mit zwei verschiedenen Unfällen zu tun. Also musste er zur Wache, die weiteren Schritte in die Wege leiten. „Scheiß-Notdienst“, dachte Schmidt.Als er im Auto saß, hatte er ein ungutes Gefühl. Erst war dieser Junge verschwunden und jetzt ein Auto. Während er auf die Westfalenstraße abbog, hielt er die Augen offen, beobachtete den Straßenrand rechts und links, in der Hoffnung, den Wagen vielleicht durch Zufall zu finden. Er brauchte nicht weit zu fahren, bevor sich seine Hoffnung erfüllte. Der Kleinlaster stand vor der Eingangstür des Verwaltungsgebäudes. Die befand sich jetzt an der Stirnseite des Gebäudes. (Die alte Schule hatte den Eingang an der Frontseite zur Straße hin gehabt.) Der Abstand zum Nachbarhaus war gerade groß genug, um hier einen Wagen zu parken. Schmidt hielt an, stieg aus. Es hatte ein wenig geschneit. Die Reifenspuren des Lasters waren deutlich zu sehen. Rings um den Wagen gab es keine Spuren. Der Fahrer musste also noch drin sitzen. Konrad Schmidt öffnete die Beifahrertür. Zur Fahrertür kam er nicht durch, weil der Wagen zu eng an der Wand geparkt hatte. Im Wagen saß, über das Lenkrad gebeugt, ein Mann. Er schlief. Jedenfalls sah es so aus. Konrad Schmidt fasste den Mann an der Schulter. Er rührte sich nicht. Schmidt rüttelte ihn etwas. Er reagierte nicht. Er atmete. Das war alles. Schmidt rief den Notarztwagen, der kurz darauf eintraf.Der Arzt hatte sich nur kurz um den Mann im Kleinlaster gekümmert, als er wieder zu sich kam. Er sah sich im Fahrzeug um und sagte:„Claudia. Wo ist Claudia?“ Aber Konrad Schmidt bekam keine Gelegenheit, zu fragen, wer denn Claudia sei.Der Notarzt hatte darauf bestanden, dass Arndt Teltschik, der Fahrer, ins Krankenhaus gebracht wurde. Zur Überwachung. Schmidt hatte er erklärt, dass alle Lebensfunktionen, soweit er das auf die Schnelle habe beurteilen können, auf Sparflamme gelaufen seien. Er faselte was von einem Tier im Winterschlaf, dass er so etwas noch nie erlebt habe und Teltschik dringend ins Krankenhaus müsse. Schmidt hatte sich daraufhin zu Frau Teltschik aufgemacht. Jetzt saß er bei ihr im Wohnzimmer. Die Tatsache, dass ihr Mann gefunden worden war, den sie mittags der Polizei als vermisst gemeldet hatte, konnte sie nicht wirklich beruhigen. Denn es gab etwas, das Schmidt bis dahin nicht geahnt hatte. Im Wagen, Hilde Teltschik sprach von „unserem Pickup“, hatte noch ihre Tochter gesessen. Das Mädchen, nach dem Teltschik gefragt hatte: Claudia. Und sie war verschwunden.Eines stand für Schmidt fest. Claudia Teltschik konnte den Wagen nicht bei der Nebenstelle des Kreishauses verlassen haben. Dann hätte man Spuren im Schnee gefunden. Außerdem hätte sie es nicht so weit gehabt bis nach Hause. Und mit elf Jahren war sie alt genug, um den Weg nach Hause zu laufen, ihrer Mutter zu sagen, dass der Papa im Auto eingeschlafen war und mit ihr zurück zum Wagen zu gehen. Alles in allem höchstens ein Aufwand von einer Viertelstunde. Sie musste also den Wagen vorher verlassen haben. Nur wo?Es stellte sich heraus, dass Arndt Teltschik an diesem Vormittag zu einer Tankstelle gefahren war, um Sahne zu kaufen für den Nachmittagskuchen, den die Familie mit den Großeltern der kleinen Claudia essen wollte. Als er nach zwei Stunden immer noch nicht zurück war, machte sich Hilde Teltschik große Sorgen, weil ihr Mann nie so lange weg blieb, ohne sie zu informieren. Und er habe sein Handy dabei gehabt, sie also jederzeit informieren können, falls etwas dazwischen gekommen war. Alle Versuche, ihren Mann anzurufen, blieben erfolglos. Daraufhin hatte sie die Polizei informiert.Nun war es sicher kein besonderes Ereignis, wenn ein Mann mal mehr als zwei Stunden weg blieb. Aber nicht, wenn er mit seiner Tochter Sahne kaufen wollte. Sie habe ja auch nur bei der Polizei angerufen, sagte Hilde Teltschik, um nachzufragen, ob vielleicht ein Unfall passiert sei. Aber man habe ihr gesagt, es seien zwar zwei Unfälle aufgenommen worden, aber ein Pickup sei nicht darin verwickelt gewesen. Als sie dann erzählt habe, ihr Mann sei weg – ihre Tochter hatte sie in der Aufregung zunächst nicht erwähnt – sei der Beamte am anderen Ende der Leitung nervös geworden. Schmidt wusste warum. Schließlich war vor kurzem schon ein Bürger dieser Stadt verschwunden.Aber der Mann war ja wieder da. Nur die Tochter war weg. Schmidt beschlichen schlimme Ahnungen. Was war, wenn aus diesem Ereignis ein zweiter Fall Brand wurde? Er schlug Frau Teltschik vor, mit ihr ins Krankenhaus zu fahren, um mit ihrem Mann zu sprechen.Unterwegs bat er sie, mit ihm einen Abstecher zu der Tankstelle zu machen. Dort fragte er, ob heute Morgen ein Mann mit einem kleinen Mädchen Sahne gekauft habe. Er zeigte ein Bild von Claudia, das ihm Hilde Teltschik überlassen hatte.Ja, die seien da gewesen, bestätigte die Angestellte der Tankstelle. Und es sei so ein hübsches Mädchen gewesen. Die beiden hätten die Sahne gekauft und seien dann wieder ins Auto gestiegen und stadteinwärts gefahren. Schmidt fragte nach, ob wirklich beide eingestiegen seien. Die Angestellte bestätigte das, gab ihm Namen und Anschrift für eventuelle Nachfragen. Schmidt verabschiedete sich. Das machte alles keinen Sinn.Teltschik musste wissen, was mit seiner Tochter passiert war. Irgendwo unterwegs hatte er sie aussteigen lassen, soviel war klar. Aber warum? Und wo? („Oder er hat sie umgebracht“, meldete sich in Schmidts Kopf sein kleiner Kollege, den er Misstrauen getauft hatte.)„So. Jetzt geht es ins Krankenhaus“, sagte er im Auto zu Hilde Teltschik, die er gebeten hatte, draußen zu warten. In knappen Worten erklärte er ihr, was er in der Tankstelle erfahren hatte. Es würde seine weiteren Ermittlungen nicht stören, wenn sie das wusste.Im Krankenhaus gab es für Schmidt eine kleine Überraschung. Er durfte nicht zu Teltschik. Der lag auf der Intensivstation. Ein, zwei Tage würde es dauern, sagte ihm einer der Ärzte. Es sei überhaupt ein Wunder, dass der Mann noch lebe. Mehr wollte man ihm nicht sagen. Aber seine Frau durfte zu ihm.Schmidt wanderte auf dem Krankenhausflur auf und ab. Er wollte auf die Teltschik warten. Sie würde ihm vielleicht etwas über den Verbleib von Claudia sagen können, wenn sie erst einmal mit ihrem Mann gesprochen hatte.Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bevor er die kurz geschnittenen blonden Haare von Frau Teltschik in der Schiebetür zur Intensivstation wieder sah. Sie hatte ihn auch gesehen, obwohl er am anderen Ende des langen Flurs stand, kam auf ihn zu.„Nun. Wie geht es ihrem Mann?“, fragte Schmidt, obwohl ihn das im Augenblick weit weniger interessierte, als die Frage, die er gleich anschließend stellte. „Und was ist mit Ihrer Tochter?“„Meinem Mann geht es soweit ganz gut. Er will raus aus dem Krankenhaus und Claudia suchen. Er ist ganz fürchterlich aufgeregt. Sie haben ihm ein Beruhigungsmittel gegeben, nachdem ich ihm gesagt hatte, dass Claudia immer noch nicht wieder aufgetaucht ist. Aber das musste ich ihm doch sagen, oder?““Das mussten Sie“, beruhigte sie Schmidt, der wusste, dass sie sich Vorwürfe machte, ihren Mann vielleicht unnötig beunruhigt zu haben.„Ich wollte ja nicht, dass er sich so aufregt. Aber er hat sofort nach Claudia gefragt. Ich glaube, das einzige, was er weiß, ist, dass sie aus seinem Auto verschwunden ist.“„Aber er muss doch wissen, wann. Er muss sie doch rausgelassen haben.“„Hat er aber nicht“, sagte Frau Teltschik. Er hat von der Tankstelle bis zu diesem Platz, auf dem Sie ihn gefunden haben, nicht ein einziges Mal angehalten.Wenn stimmte, was Teltschik gesagt hatte, gab es ein Problem. Das wusste Schmidt. Claudia war dann das zweite verschwundene Kind in wenigen Tagen. Auf dem Weg zur Polizeiwache fiel ihm etwas ein. Was war mit der Sahne, die die beiden in der Tankstelle gekauft hatten? War die in diesem Pickup gefunden worden? Oder war sie genauso verschwunden wie das Mädchen?Schmidt parkte den Wagen vor dem Haupteingang der Polizei, rief dem Kollegen zu, er fahre gleich wieder weg, rannte in den Keller, in die Tiefgarage, dorthin, wo neben Michael Brands Roller jetzt auch der Wagen von Arndt Teltschik stand. Ein Kollege kroch im Fußraum des Kleinlasters herum.„Habt ihr Sahne gefunden?“, fragte Schmidt.„Was sollen wir gefunden haben?“, kam eine Stimme aus dem Wageninneren.„Sahne. Du weißt schon, so einen Becher mit Schlagsahne.“„Wo sollen wir die denn gefunden haben?“„Na, in Teltschiks Wagen.“„Nee. Aber wir haben was ganz anderes gefunden. Sehr interessant. Sieh dir das mal an.“ Der Kollege schob sich rückwärts aus dem Wagen, ging um ihn herum, zeigte auf eine Stelle am Kotflügel des Autos und blieb dann neben Michael Brands Roller stehen, zeigte auf den Lackschaden. „Na, was sagst du?“, fragte er.Schmidt kratzte sich am Kopf. „Ach du Scheiße.“Die zwei Tage, bis er Teltschik endlich vernehmen durfte, zogen sich für Konrad Schmidt fast unerträglich in die Länge.

VSebastian verbrachte den Tag nach dem Weihnachtsfest wieder im Archiv. Gemeinsam mit Klaus Baum brütete er über alten Büchern, suchte in Inhaltsverzeichnissen, Stichwortregistern.„Ich wusste gar nicht, dass es so viele Bücher über ein so kleines Kaff gibt“, sagte Sebastian. Klaus Baum lachte. „Das ist ja noch nicht einmal ein Zehntel von dem, was hier herumsteht. Und es gibt sicher noch viel mehr Bücher über die Schule und dieses Haus. Ich hab hier wieder was.“ Er deutete mit dem Finger auf ein Stichwort: „Volksschule, alte“, das er am Ende einer dünnen Broschüre gefunden hatte. „Seite 16“, sagte er und schlug die entsprechende Buchseite auf.Dort war das Bild zu sehen, das im Erker des Archivs an der Wand hing, nur viel kleiner. Die Menschen auf dem Foto waren winzig. Darunter stand, dass dieses Haus im Jahre 1898 gebaut wurde. Weiter war zu lesen, dass die alte Volkschule später der Sparkasse und seitdem als Sitz der Verwaltungs-Außenstelle gedient habe. Von mehreren Umbauten war die Rede. Auf der nächsten Seite war ein Bild von dem Gebäude im jetzigen Bauzustand. Nicht viel Neues. Aber es gab einen Verweis auf ein anderes, viel älteres Buch.„Haben Sie das?“, fragte Sebastian.„Kannst ruhig Klaus sagen, auch wenn ich etwas älter bin“, schlug Baum vor.„Na gut“, erwiderte Sebastian und fühlte sich etwas unwohl.„Also, was ist, haben Sie, ich meine, hast du das?“„Sicher.“ Klaus Baum war bereits in einer der Regalreihen verschwunden. Er kannte sich aus mit seinen Büchern, fand alles mit fast traumwandlerischer Sicherheit. „Hier ist es.“Er kam mit einem staubigen alten Schinken zurück. „Die Geschichte der Pfarrei.“ Es gab kein Stichwortregister, kein Inhaltsverzeichnis. Das Buch war strikt chronologisch aufgebaut. Wie ein Tagebuch. Während Sebastian noch fürchtete, sie würden den ganzen Tag lesen müssen, hatte Klaus bereits das Jahr 1898 aufgeschlagen. Dort fanden sie auch das Stichwort Volksschule. Sebastian ärgerte sich. Darauf hätte er auch kommen können. Aber er sagte es nicht. Man wollte sich schließlich nicht blamieren. In wenigen Sätzen war hier erklärt, wann die Schule gebaut worden war, dass sie voll unterkellert war, von einem heimischen Architekten geplant wurde (leider wurde kein Name genannt) und dass die ersten Schüler 1899 hier zur Schule gegangen waren. Die Gemeinde, so hieß es weiter, habe sich finanziell stark ins Zeug gelegt, um die Kosten für diesen grundsoliden Bau aufzubringen. Das war es auch schon.„Da steht bestimmt noch mehr drin“, vermutete Klaus. Aber wenn man die Jahreszahlen nicht kennt, wird es schwierig, etwas zu finden. Es sei denn…“„Es sei denn?“, fragte Sebastian und wie aus einem Mund beantworteten sie beide diese Frage:„Es sei denn, man liest es ganz.“Also doch. Sebastian hatte Recht behalten. Ganz lesen. Diesen Staubfänger.„Kannst du es mir denn ausleihen?“„Eigentlich nicht. Manchmal bringen die Leute nämlich nicht zurück, was man ihnen mitgibt. Aber dir kann ich es geben. Wenn du es nicht wiederbringst, hetze ich dir deinen Vater auf den Hals. Der ist doch bei der Polizei, oder?“„Ja“, bestätigte Sebastian knapp. Er war es gewöhnt, dass es in dieser Kleinstadt nicht lange dauerte, bevor sämtliche Familienverhältnisse bekannt waren. Aber es ärgerte ihn trotzdem, weil er immer den Verdacht hatte, man würde hinter ihm her schnüffeln. Aber weil er Baum dankbar war, dass er das Buch zu Hause lesen durfte, schnappte er das Bündel gelblichen Papiers, sagte „Danke. Ich bringe es in ein paar Tagen wieder“, und verließ das Archiv.Zu Hause legte er das Buch auf das Fensterbrett, rückte einen Stuhl davor und begann zu lesen. Immer wieder blickte er auf und sah durch das Fenster. Aber es war noch hell. Das Licht war noch nicht zu sehen. Er versuchte sich vorzustellen, wie die Klassen früher ausgesehen haben mochten, stellte sich alte Lehrer vor mit Nickelbrille (oder Zwicker), langer Nase, grauen Haaren. Waren die Lehrer früher nicht alle alte Männer gewesen oder betagte Jungfern? Was hatten die eigentlich vorher gemacht, bevor man sie auf die Kinder losließ?„Im Jahre 1906 wurde eine weitere Schulklasse in unserer Volksschule eingeweiht. Sie bietet seitdem Platz für bis zu 22 Schüler. Derzeit wird überlegt, einen weiteren Raum als Klasse einzurichten. Hier erweist sich die Weitsicht der Stadtverwaltung, die gegen anfangs deutlichen Widerstand vier Räume mehr bauen ließ als für die Schule eigentlich notwendig.“Aha, es hatte also schon mehrere Klassen gegeben, damals. Aber warum nur sechs? War die Schule damals nach sechs Klassen schon zu Ende? Ein paar Seiten weiter erfuhr Sebastian den Grund. Die Klassen 3 und 4 sowie 7 und 8 waren in einem Klassenraum untergebracht, wurden gemeinsam unterrichtet. Das wurde als besonderer Fortschritt bezeichnet, weil vor der Jahrhundertwende alle Jahrgänge in einem Raum untergebracht gewesen waren.Draußen wurde es dämmrig. Sebastian sah angestrengt aus dem Fenster. Aber da war kein Licht. Noch nicht. Es war viel zu blass (bleich), um sich schon jetzt gegen den Rest an Tageslicht durchzusetzen. Die Straßenlaternen flackerten auf. Bald würde es soweit sein. Sebastian war sich ganz sicher. Aber er wusste nicht warum.

VI„Guten Morgen, Herr Teltschik.“Konrad Schmidt war einer der ersten Besucher im Krankenhaus an diesem Vormittag. Er wollte keine unnötige Zeit mehr ins Land gehen lassen.„Guten Morgen.“ Der Mann in dem Krankenbett sah ihn verwirrt an. „Kennen wir uns?“„Ich kenne Sie. Aber Sie mich noch nicht. Mein Name ist Schmidt, Konrad Schmidt. Ich habe Ihren Wagen gefunden, erinnern Sie sich?“„Nein. Das heißt ja. Ich erinnere mich, dass ich da neben diesem Verwaltungsgebäude gestanden habe. Aber ich weiß nicht, wer mich gefunden hat. Ich weiß nur… Was ist mit meiner Tochter? Haben Sie Claudia gefunden?“„Nein, Herr Teltschik. Haben wir nicht. Ich muss mit Ihnen mal über diesen Tag reden, den Tag, an dem Sie mit Ihrer Tochter Sahne geholt haben und dann im Auto, na sagen wir, eingeschlafen sind.“„Ich bin nicht eingeschlafen.“ Teltschik wurde heftig. „Ich bin ohnmächtig geworden.“„Aber Sie haben doch den Wagen neben das Kreisgebäude gefahren.“„Ich weiß“, überlegte Teltschik. Dann schwang er die Beine aus dem Bett, stand auf, bückte sich so plötzlich, dass Schmidt dachte, er wäre wieder ohnmächtig geworden. Aber Teltschik hantierte nur an seinem Bett, stellte es so, dass er sitzen konnte. Kurz darauf saß er wieder darin und sah Schmidt an.„Worauf wollen Sie hinaus, Herr Kommissar?“, fragte er und versuchte in Schmidts Gesicht dessen Gedanken zu lesen.„Zunächst auf gar nichts. Aber wir müssen herausfinden, was mit Ihrer Tochter passiert ist. Immerhin ist sie in kürzester Zeit das zweite Kind, das in unserer doch sehr ruhigen Stadt verschwunden ist. Noch dazu aus einem Auto, dem Auto ihres Vaters, während der daneben saß und schlief…“Teltschik machte eine beschwörende Handbewegung.„… na gut, ohnmächtig war“, korrigierte sich Schmidt. Aber wieso waren Sie ohnmächtig? Was ist passiert?“Teltschik sah aus dem Fenster.„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Sie würden es ohnehin nicht glauben.“„Versuchen Sie es.“„Aber ich kann es ja selbst nicht verstehen. Wenn mir jemand eine solche Geschichte erzählen würde, dann würde ich ihn wahrscheinlich auffordern, mal einen Psychiater zu Rate zu ziehen.“„Herr Teltschik, hier geht es um Ihre Tochter. Ich bin auf Ihre Hinweise angewiesen, wenn ich sie wiederfinden soll. Was ist mit ihr passiert?“„Ich weiß es nicht.“ Teltschik hatte sich umgedreht, sah jetzt wieder den Beamten an, hatte Wasser in den Augen. „Ich zermartere mir jeden Tag das Gehirn, um herauszufinden, was passiert ist – mit mir und Claudia. Aber ich finde nur eine Erklärung: Ich bin verrückt.“Schmidt wurde es langsam zu viel. Dieser Teltschik redete wie die Katze um den heißen Brei. Dabei hatte er den Hauptgrund seines Kommens noch gar nicht aus dem Sack gelassen. Die Lackspuren an der Stoßstange von Teltschiks Wagen stammten eindeutig von Michael Brands Roller. Schmidt hatte das Gefühl ganz nah an der Auflösung des Falles zu sein. So nah, wie man in einem solchen Fall nur sein konnte. Teltschik hatte etwas mit dem Verschwinden seiner Tochter zu tun und wohl auch mit dem von Michael Brand. Er wäre nicht der erste „normale Familienvater“ gewesen, der – was hatte er selber gesagt – verrückt, hatte er gesagt – der also so „verrückt“ war, Kinder umzubringen.„Wieso meinen Sie, Sie wären verrückt?“, knüpfte Schmidt an seine eigenen Überlegungen an.„Wegen“, Teltschik machte eine Pause, starrte ihn an, als ob er sich fragte, wie viel er diesem Polizisten zumuten könnte (an Unwahrheiten, dachte Schmidt – an ungewöhnlichen Ereignissen, dachte Teltschik). Nach einer Weile fuhr er fort.„Wegen der Stimme.“Jetzt wurde es langsam interessant. Teltschik hörte Stimmen. Dieser Mann war vermutlich wirklich verrückt.„Welche Stimme?“ Schmidt versuchte ruhig zu bleiben, aber er ärgerte sich schon jetzt über die Geschichte, die ihm da bevor stand.„Ich habe gehört, wie mir jemand befohlen hat, auf diesen kleinen Parkplatz neben dem Haus zu fahren und dort anzuhalten. Dann bin ich ohnmächtig geworden.“„War sonst noch jemand in Ihrem Auto?“„Eben nicht. Aber ich habe es ganz deutlich gehört. Nicht so, wie man sonst Stimmen hört. Eher so, als hätte ich mir selbst etwas gesagt, verstehen Sie?“Schmidt schüttelte energisch den Kopf.„Ich habe es hier drin gehört“, Teltschik klopfte sich mit den Knöcheln gegen die Stirn. „Hier drin.“„Ist Ihnen so etwas schon einmal passiert?“ Schmidt fühlte sich wie ein Psychiater, der einen besonders schweren Fall auf der Couch liegen hat.„Nie. Niemals. Ich sagte Ihnen ja, wenn mir jemand anderer eine solche Geschichte erzählen würde, dann…“„Würden Sie ihn für verrückt halten“, ergänzte Schmidt den Satz, den Teltschik an dieser Stelle beendet hatte.„Nun Herr Teltschik, diese Geschichte ist wirklich schwer zu glauben. Zumal eine ganze Reihe von, sagen wir mal, Feststellungen der Polizei nicht zu ihren Schilderungen passen. Da ist zum einen die Tatsache, dass es an diesem Tag geschneit hatte. Sie erinnern sich. Aber rund um Ihren Wagen gab es keinerlei Fußspuren. Das bedeutet, es ist niemand ausgestiegen und niemand eingestiegen, nachdem Sie ohnmächtig geworden waren. Ihre Tochter auch nicht. Aber die saß doch zu dieser Zeit noch in Ihrem Wagen, oder nicht?“Teltschik nickte. „Ja, sie saß noch drin. Sie hat mich noch gefragt, warum ich denn dort anhalte.“„Gut. Ihre Tochter ist aber an dieser Stelle nicht ausgestiegen. Als ich ankam, war sie weg. Sie müssen sie also vorher aus dem Wagen gelassen haben. Irgendwo unterwegs. Sonst hätten wir Fußspuren gefunden. So weit, so gut. Jetzt kommt eine weitere Feststellung. Sie betrifft Michael Brand oder besser seinen Roller. Der hatte, als wir ihn gefunden haben, einen kleinen Kratzer. Und raten Sie mal, wo wir den Lack gefunden haben, der an diesem Roller fehlt?“„Keine Ahnung.“ Teltschik tat so, als ginge ihn das alles nichts an.„An der Stoßstange ihres Wagens.“Teltschik fuhr hoch. „Das kann nicht sein. Das geht nicht. Ich habe nichts mit diesem Jungen zu tun. Gar nichts.“ Er holte tief Luft. „Jetzt weiß ich, worauf Sie hinaus wollen. Sie wollen mir diese Geschichte mit den beiden Kindern anhängen. Weil Sie nicht wissen, wo Sie suchen sollen. Ich habe damit nichts zu tun. Gar nichts. Ich weiß nur, dass meine Tochter verschwunden ist. Aus meinem Auto. Als ich daneben gesessen habe. Aber ich habe nichts mitgekriegt. Ich weiß auch nicht, wie sie aus dem Auto gekommen ist und warum da keine Fußspuren waren. Ja, glauben Sie denn, ich hätte mir keine Gedanken darüber gemacht? Meine Frau hat mir doch lange erzählt, dass man dort keine Spuren gefunden hat. Ich weiß nicht mehr was ich glauben soll. Diese Stimme, diese Ohnmacht, das Krankenhaus, meine Tochter ist weg. Und Sie wollen mir jetzt auch noch diesen, diesen, ja was eigentlich wollen Sie mir anhängen? Entführung? Dann hätte ich wohl kaum meine eigene Tochter genommen.“ Er sah Schmidt an und wusste im gleichen Augenblick, um was es diesem Mann, diesem Bullen, eigentlich ging: „Mord? Ich? Ich soll die Kinder umgebracht haben? Diesen Jungen und meine – meine eigene Tochter? Sie sind verrückt, nicht ich. Sie sind völlig verrückt.“„Nun Herr Teltschik“, Schmidt hatte sich die Tirade ruhig angehört. Er kannte so etwas. „Sie werden zugeben, dass das ein bisschen viele Zufälle und seltsame Ereignisse sind. Ich habe mit dem Arzt gesprochen. Sie werden in ein oder zwei Tagen entlassen. Bis dahin wird ein Kollege vor Ihrer Tür stehen und aufpassen, dass Sie hübsch im Zimmer bleiben. Bis übermorgen habe ich einen Haftbefehl. Und dann werden Sie das Zimmer wechseln. Allerdings wartet auf Sie kein Krankenbett, sondern nur eine Pritsche. In einer Gefängniszelle. Ich werde Sie wegen der beiden Kinder drankriegen, wenn Sie etwas damit zu tun haben. Darauf können Sie sich verlassen.“„Aber ich war es nicht, verdammt noch mal. Ich bin kein Mörder. Sehe ich etwa so aus?“