Das Borgia-Porträt - David Hewson - E-Book

Das Borgia-Porträt E-Book

David Hewson

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Beschreibung

Ein verfallender Palazzo in Venedig, ein erotisches Porträt von Lucrezia Borgia und eine junge Engländerin mit düsterer Familiengeschichte. Lizzie Hawker hat die heruntergekommene »Ca' Scacchi« in Dorsoduro geerbt. Der pensionierte Archivar Arnold Clover steht ihr beratend zur Seite. Bald schon treffen sie auf mehr als nur juristische Hürden: Etwa auf ein Skelett in einer Gruft und ein mysteriöses Dokument, das einst von Casanova selbst verfasst worden sein soll. Dieses gibt ihnen Rätsel auf, die das ungleiche Paar quer durch labyrinthische Kanalsysteme und dunkle Geheimkammern zu einem verschollenen Kunstschatz führen. Doch sie sind nicht die Einzigen auf der Jagd nach dem Porträt Borgias, das Generationen von Männern faszinierte. Gier, Verrat, historische Mythen in der Lagunenstadt.

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Seitenzahl: 465

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lizzie Hawker hat die heruntergekommene »Ca’ Scacchi« in Dorsoduro geerbt. Der pensionierte Archivar Arnold Clover steht ihr beratend zur Seite. Bald schon treffen sie auf mehr als nur juristische Hürden: etwa auf ein Skelett in einer Gruft und ein mysteriöses Dokument, das einst von Casanova selbst verfasst worden sein soll. Dieses gibt ihnen Rätsel auf, die das ungleiche Paar quer durch labyrinthische Kanalsysteme und dunkle Geheim kammern zu einem verschollenen Kunstschatz führen. Doch sie sind nicht die Einzigen auf der Jagd nach dem Porträt Borgias, das Generationen von Männern faszinierte.

»Viele Geheimtipps für den nächsten Besuch in der Lagunenstadt.«

Die Presse am Sonntag

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich unter Verwendung von Motiven von © unsplash

DAVID HEWSON schreibt fesselnde Romane mit Italien-Flair – darunter die erfolgreiche Krimireihe rund um den römischen Kommissar Nic Costa. Mit siebzehn verließ er die Schule und arbeitete von da an als Reporter, u. a. für The Times, The Sunday Times und The Independent. Seine Roman-Adaption der dänischen TV-Serie Das Verbrechen wurde international gefeiert. Er lebt in Kent und durchstreift seit über dreißig Jahren die labyrinthischen Gassen Venedigs. Er ist Mitinitiator des Festivals VENICE NOIR. Bei Folio erschienen: Garten der Engel (2023) und Die Medici-Morde (2024).

Birgit Salzmann, geboren 1964, studierte Deutsche Sprache und Literatur, Anglistik und Romanistik und übersetzt englischsprachige Literatur, gerne mit Venedig-Bezug, ins Deutsche. In die Stadt selbst zieht es auch sie seit über dreißig Jahren. Sie lebt in Marburg.

David Hewson

Das Borgia-Porträt

DAVIDHEWSON

DASBORGIA-PORTRÄT

EIN VENEDIG-KRIMI

Aus dem Englischen von Birgit Salzmann

FOLIO VERLAG

WIEN · BOZEN

Inhalt

1 Der verfluchte Palazzo

2 Unter der Erde

3 Die verschollene Lucrezia

4 Madame Corneille

5 Punkt für Punkt

6 Grab aus Glas

7 Sotoportego

8 Der Hund des Herrn

9 Allerheiligen

10 Blinder Zorn und Spion aus Holz

11 Säule der Schande

12 Der Kreis schließt sich

13 Das Unvorhersehbare

14 Dreikönigstag

Anmerkung des Autors

Unter des condottieros fürchterlichem Blick krümmt sich Il Gobbo nackt in seinem Grab aus Glas.

Roter Marmor, wo die Jungfrau einst die Pest vertrieb.

Acht berühmte Tote in geweihtem Nass.

Der Hund des Herrn und die Lilie, wo einstmals Wasser f loss.

Schwarzer Marmor, heilig, über alten Knochen, und der achtstrahlige Stern.

Im Holz sitzt er verborgen, neben blindem Zorn in Fesseln.

Verräter, und doch kein Verräter, auch kein Maler, obdachlos bei Delfin und Anker. Loc. Col. Bai. The. MCCCX.

Lady L! Ihr müsst warten bis zuletzt. Wendet ab den wunderbaren Blick, damit andere sich umsehen und Euch wirklich finden können.

1Der verfluchte Palazzo

Venedig hat viel zu erzählen. In jeder Gasse verbirgt sich eine Geschichte, hinter jeder Ecke Geister der Vergangenheit. Diese Geschichte begann mit einem Gesicht an einem Fenster im ersten Stock. Ein junger Mann, bleich, mager, erschrocken, auch nur einen Augenblick gesehen zu werden, ist rasch hinter der gesprungenen, verstaubten Scheibe verschwunden. Vielleicht ein Gespenst, ein Phantom, mögen einige meiner Begleiter gedacht haben. Oder nur meine Fantasie, angeregt durch diesen seltsamen Tag und den noch seltsameren Palazzo, vor dem ich stand.

Ca’ Scacchi war praktisch verlassen, selten einmal hatte in den letzten fünfunddreißig Jahren eine Menschenseele dort gewohnt. Und so sah das Gebäude auch aus. Ein merkwürdiger, schiefer Palast am Canal Grande in Dorsoduro, zwischen Guggenheim und Salute, an dem ich schon unzählige Male mit dem Vaporetto vorbeigekommen war und den Anblick jedes Mal faszinierend fand. Bei den meisten anderen Palazzi entlang dieser bevorzugten Lage handelte es sich um private Anwesen, Galerien, Museen oder Hotels, elegant, teuer, Teil der internationalen Seite Venedigs, die mich nicht interessierte. Anders dagegen dieser. Er war schmaler als die anderen und neigte sich so zur Seite, dass die städtischen Gutachter es langsam für bedenklich hielten. Im Erdgeschoss gab es ein Wassertor, das, so vermutete ich, zu den Lagerräumen führte, die sich in solchen Palästen aus dem 15. Jahrhundert gewöhnlich befanden. Darüber erstreckte sich der piano nobile mit hohen, staubigen Fenstern und einem Balkon. Dann folgte ein weiteres Stockwerk, fast ebenso hoch, nur dass dort die Fensterläden geschlossen waren. Anschließend eine letzte, bescheidenere oberste Etage, der Bereich für das Hauspersonal.

Runde, verzierte Fenster verteilten sich auf der Fassade wie tote, blinde Augen. Auf dem ziegelgedeckten Dach saßen drei trichterförmige Schornsteine, einer davon ausgesprochen windschief. Den Mittelteil der Frontseite zierten blassrosa geometrische Marmorelemente. Sie umrahmten die schwindenden Reste eines Mosaiks, das einen Mann und eine Frau in mittelalterlicher Kleidung zeigte, die vor einem Schachbrett saßen, was vorbeikommende Touristen jedes Mal dazu bewog, ihre Kameras zu zücken. Wie viele jedoch wussten, dass scacchi das italienische Wort für Schach ist oder dass sich, den Geschichtsbüchern zufolge, ein überdimensionales Schachbrett für Partien mit menschlichen Figuren im Innenhof befand, entzieht sich meiner Kenntnis. Das einzig Hässliche an diesem Palazzo war der verrostete Balkon, der auf der linken Seite aus dem zweiten Stockwerk ragte, eine bauliche Ergänzung aus dem 19. Jahrhundert, die schon Ruskin mit verächtlichen Worten beschrieben hatte.

Ungewöhnlich aufwendig verziert und ein wenig kleiner als die großen Gebäude ringsum, stach dieser Palast hervor, wirkte vor meinem unkundigen Auge entzückend pittoresk und extravagant, wie der Traum eines fantasiereichen Kindes, dem man eine Sammlung Renaissance-Legos geschenkt hatte. Während mich Ca’ Scacchi stets zu einem staunenden Lächeln animierte, erging es vielen Venezianern ganz anders, und sie zögerten nicht, das auch auszusprechen. Der Palast, müsse man wissen, sei verf lucht. Ursprünglich für einen städtischen Beamten unter dem Dogen Giovanni Mocenigo erbaut, hatte er im vergangenen halben Jahrtausend einen dunklen, blutigen Schatten auf viele geworfen, die unter seinen Trichterschornsteinen lebten. Insolvenzen, Selbstmorde, unerklärliches Verschwinden und mindestens zwei Morde zogen sich durch seine fünf hundertjährige Geschichte. Tapfere Seelen, die die schmale Sackgasse hinunterliefen, die zu seiner am Canal Grande gelegenen Seite führte, berichteten von qualvollen Schreien, die aus dem Inneren drangen, von gespenstischen Erscheinungen, zuweilen vom üblen Geruch verwesender Leichen, und von plötzlich hereinbrechender Kälte, selbst mitten im Sommer. So viele Geschichten hatten sich über die Jahre angesammelt, dass es fast der berüchtigten Insel Poveglia in der Lagune gleichkam, einem ähnlich heimgesuchten Ort, glaubt man den Erzählungen der Einheimischen. Obwohl ich ein paar Venezianer kenne, die dort einmal eine Nacht im Zelt verbracht haben und versichern, es sei ein friedliches Plätzchen, das seinen schlechten Ruf nicht verdiene.

Ca’ Scacchi befand sich stets im Besitz der Familie desselben Namens, wurde zeitweise von ihr bewohnt, manchmal kurzzeitig vermietet. Die meisten Mieter waren Ausländer und wussten nichts von Geschichte und Ruf des Palazzo, bis sie einzogen und, vielleicht durch das Gerede der Nachbarn veranlasst, anfingen, sich über geisterhafte Erscheinungen, mysteriöse Geräusche, merkwürdige Krankheiten und eine andauernd düstere Atmosphäre zu beklagen. Als in den Siebzigern der Reichtum der Scacchis zu schwinden begann, gelangte der Palazzo über einen internationalen Immobilienmakler eine Zeit lang auf den Markt. Ein Filmstar aus Hollywood, der ihn während des Filmfestivals gesehen hatte, wäre fast auf die Sprüche des Maklers hereingefallen und machte mehrere Millionen Dollar locker, um dann einen Rückzieher zu machen, nachdem er von einem berühmten italienischen Regisseur von den haarsträubenden Geschichten gehört hatte.

Danach wurde das Haus Scacchi erneut vom schrecklichen Schicksal heimgesucht. Der Bankier und seine Frau kamen zu Tode, als ihr Leichtf lugzeug nicht lange nach dem Start von dem kleinen Flughafen Nicelli auf dem Lido abstürzte. Wieder ein Selbstmord, vermuteten die Behörden, denn das Wetter war gut gewesen, die Maschine zwar alt, aber in f lugtauglichem Zustand, und als die Konten der Familie überprüft wurden, stellte sich heraus, dass sie hoch verschuldet war.

Allein der berüchtigte kleine Palazzo am Canal Grande überdauerte, nun das Zuhause der letzten Scacchi, einer jungen Contessa von auffallender Schönheit, die sich in eine seltsame Ehe mit einem englischen Musikproduzenten aus dem Londoner East End stürzte. Fünf Jahre später verschwand dann auch sie und ließ einen verzweifelten Ehemann und ein kleines Kind zurück.

Ihre Tochter, Lizzie Hawker, hatte den Namen des Vaters angenommen und wollte auf keinen Fall Contessa genannt werden. So viel hatte sie bereits klargemacht. Jetzt stand sie neben mir, als wäre ich der einzige Freund, den sie in Venedig besaß, womöglich auf der ganzen Welt. Ca’ Scacchi, ein seit fast vier Jahrzehnten leer stehendes, verstaubtes Gemäuer, sollte aufgrund eines gerichtlichen Beschlusses, der es der Stadt erlaubte, seinen baulichen Zustand zu überprüfen, unter dem neugierigen Blick der Bürokratie wieder seine Türen öffnen.

Gleichsam wie Forscher, angelockt durch eine neu entdeckte Höhle, die unbekannte Schätze versprach, hatte sich aus diesem Anlass eine bunt zusammengewürfelte Gruppe versammelt. Luca Volpetti, mein guter Freund aus dem Staatsarchiv, war herbeizitiert worden, um festzustellen, ob sich wertvolle Gegenstände in dem Palazzo fanden, die zur Konservierung der öffentlichen Hand übergeben werden sollten. Er stand, in seinem hellen Leinenanzug schwitzend, auf der anderen Seite neben mir, bekreuzigte sich und zeigte scherzhaft den Satansgruß, eine Geste, die dem Aberglauben nach den Teufel fernhält. Er war nicht der Einzige. Auch Luigi Ballarin, der städtische Gutachter, der diese Inspektion veranlasst hatte, machte dieses Zeichen, während wir seitlich die dunkle Gasse entlangliefen, um uns vor dem verriegelten Eisentor zu versammeln, durch das man auf das Grundstück gelangte.

Im Schatten der hohen Palastmauer hielt sich die Hitze. Schwarze Mückenwolken schwebten in der schwülen Hochsommerluft. Das Motorengeräusch vorbeifahrender Boote hallte vom schmutzigen Mauerwerk wider, begleitet vom gelegentlichen Ruf eines Gondoliere. Valentina Fabbri, Capitano bei den Carabinieri, war mit vier uniformierten Beamten eingetroffen. Sie hielten einige Reporter und Fotografen auf Abstand, ließen sie auf dem Hauptweg warten, der zum Guggenheim-Museum führte. Einen kannte ich: Alf Lascelles, englischer Klatschreporter, ein sensationsheischender Upperclass-Schreiberling, der mich schon jede Mange Nerven gekostet hatte.

„Arnold! Arnold!“, rief er. „Auf ein Wort?“

Lascelles hatte einen direkten Draht zu den übelsten britischen Boulevardblättern. Das Letzte, was Lizzie Hawker momentan brauchte. Am liebsten hätte ich ihn einfach ignoriert, aber das funktionierte bei Typen wie ihm selten.

Ich ging zu ihm. „Hier gibt es nichts für dich.“

„Noch nicht, vielleicht.“ Er tippte sich an die Nase, stets ein Mann mit vorhersehbaren Gesten. „Aber es wird kommen. Das rieche ich.“

Es hätte nahegelegen, dem Kerl zu sagen, er solle gefälligst verschwinden, aber diese Aufforderung hatte er sicher schon oft gehört, ohne die gewünschte Wirkung.

„Arnold?“ Das war Lizzie.

„Dein hübscher Boss verlangt nach dir, Clover“, sagte Lascelles mit einem widerlichen Grinsen. „Denk dran, was ich gesagt habe.“

Ich ging zurück zu der Gruppe an der Tür.

„Was für ein Brimborium.“ Lizzie hatte eine angenehme, sanfte Stimme mit leicht fremdländischem Tonfall, ein Zeichen ihrer italienischen Herkunft wahrscheinlich. „Was in aller Welt erwarten die? Dass Geister und Dämonen aus den Mauern schweben?“

„Ich habe keine Ahnung. Aber ich glaube, da ist …“

„Oh, nein“, zischte sie, und warf einer Gestalt, die auf uns zukam, einen bösen Blick zu. „Nicht er schon wieder.“

Enzo Canale. Ein Mann, den ich nur durch seinen schlechten Ruf kannte, bis ich mich eine Woche zuvor entschieden hatte, beim „Scacchi-Fall“ mit von der Partie zu sein. Canale fand sich fast ständig in der Lokalpresse. Eine der vermögendsten Persönlichkeiten ganz Venedigs, was bedeutete, dass er nicht wusste, wohin mit seinem vielen Geld. Besitzer mehrerer Hotels und Restaurants, einer Galerie, einiger Ladengeschäfte in San Marco und einem Café auf der Piazza selbst. Ein stadtbekannter Salonlöwe mit diesem altmodischen Modegeschmack, den eine bestimmte Kategorie in die Jahre gekommener Italiener für angesagt hält. Inzwischen war er Anfang siebzig, groß, kräftig, und trug den Gesichtsausdruck eines alternden Schürzenjägers: künstliches Lächeln, Zähne, zu weiß, um echt zu sein, die schütteren Haare quer über den Kopf gekämmt, einheitlich schwarz gefärbt und vor Pomade glänzend. Über die rechte Schulter hatte er ein Jackett aus marineblauem Wolltuch geschlungen, unter den Achseln seines leuchtend rosa Hemdes zeichnete sich der Schweiß ab, eine große Sonnenbrille kaschierte sein Gehabe. Zwischen den Stummelfingern der rechten Hand hielt er eine dicke Zigarre, während sich ein graues Rauchfähnchen um sein dralles Handgelenk kringelte.

„Contessa“, sagte er lächelnd. „Ich nehme an, wir können hineingehen.“

„Nennen Sie mich nicht so. Außerdem sind Sie hier nicht willkommen.“

Das veranlasste ihn zu einem typisch italienischen Schulterzucken. „Wie ich Ihnen schon unzählige Male erklärt habe, gehört dieses Anwesen in Wirklichkeit mir. Das war der Wunsch Ihrer Mutter, als sie mir kurz vor ihrem Verschwinden diesen Vertrag anbot. Nichtsdestotrotz werde ich mich großzügig zeigen …“

Zuerst Alf Lascelles und jetzt das. Es reichte. „Signor Canale“, sagte ich und schob mich zwischen die beiden. „Wie Miss Hawker bereits mehrfach verdeutlicht hat, wird eine Unterhaltung über dieses Thema nur in Anwesenheit eines Anwalts stattfinden. Entweder Sie halten jetzt den Mund, oder ich bitte die Carabinieri, Sie den Presseleuten in der Gasse Gesellschaft leisten zu lassen.“

Er nahm seine Sonnenbrille ab, musterte mich von oben bis unten, schnaufte ein wenig und grinste. Wahrscheinlich sollte mich das einschüchtern, aber er erinnerte mich bloß an den schmierigen Geldhai, der in Der Pate während des Festes von San Rocco seine gerechte Strafe erhielt. Ein lächerlicher Vergleich natürlich, denn Canale war kein kleiner Ganove, sondern eine einf lussreiche Persönlichkeit, mit der man rechnen musste. Dennoch fiel es mir mit dieser Vorstellung im Kopf leicht, sein Grinsen zu erwidern.

Bevor er antworten konnte, war Ballarin, der städtische Gutachter, bei uns. Von einem früheren Treffen in der Stadtverwaltung wussten wir, dass die beiden offensichtlich befreundet waren.

„Ich habe jedes Recht, hier anwesend zu sein“, sagte Canale mit einer herrischen Handbewegung. „Sag ihnen das.“

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, gefiel es Ballarin nicht, wie einer von Canales Lakaien behandelt zu werden. „Nicht jetzt. Wir reden später.“

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Lizzie. „Vergessen Sie den Umschlag mit den Geldscheinen nicht.“

Ich seufzte. Sie war Ende dreißig, eine charmante, intelligente Frau, humorvoll, wenn sie wollte, ein wenig zu offenherzig vielleicht. Pleite, sagte sie, um zu erklären, dass sie stets in löchrigen Jeans und einem zerschlissenen T-Shirt auftauchte; obwohl ihr das ausgesprochen stand. Wahrscheinlich hatte sie das Aussehen von ihrer italienischem Mutter geerbt: dunkle Augen, dunkle Haare, blasse Hautfarbe. Eine bildschöne Frau, was sich auch daran zeigte, wie Männer uns ansahen und sich offenbar fragten, ob wir wohl Vater und Tochter waren. Oder: alter Mann und junge Geliebte? Im Ernst? Mit dem?

Ballarin machte ein finsteres Gesicht, ein Ausdruck, der zu ihm passte. „Signora Hawker. Ich habe Ihnen die Lage bereits erklärt. Wir haben das Recht, den Palazzo zu betreten. Zur Not mit Gewalt. Falls Sie die Schlüssel dabeihaben, geben Sie sie uns jetzt. Sonst brechen wir dieses Tor auf.“

Ein hohes Tor. Komplett aus Eisen. Viel Glück auch, dachte ich.

Hinter uns in der Gasse entstand ein Tumult. Ich sah, wie sich eine Gestalt zwischen den Carabinieri hindurchdrängte und Richtung Straße hastete. Als sie sich kurz umdrehte, schien es mir, als wäre es der Mann, den ich hinter dem Palastfenster gesehen hatte. Also hatte ich es mir doch nicht eingebildet. Jemand war vor uns im berühmten Ca’ Scacchi gewesen. Er musste über die Mauer geklettert sein.

„Na schön. Aber ohne ihn“, antwortete Lizzie und deutete auf Enzo Canale. Dann zog sie einen alten Schlüsselring aus ihrer abgenutzten Schultertasche. „Ein Geschenk meines Vaters.“

Ich sah noch immer dem Mann nach, der in der Gasse verschwand, während sie sich in Bewegung setzte, sich durch die Gruppe der mit Werkzeugen bewaffneten Arbeiter schob und am Schloss zu hantieren begann.

Sie brauchte einen Moment, bis sie den richtigen Schlüssel fand, dann gab sie den Männern ein Zeichen, den Rest zu übernehmen. Nach einigem Fluchen, Wuchten und Schwitzen schwang das Tor in seinen rostigen Angeln kreischend zur Seite. Kurz darauf wurde das Kreischen lauter, schriller, lebendiger und vermischte sich mit den Schreien der Männer vor dem dahinterliegenden Säulengang, die entsetzt zurückschreckten. Hinter dem eiserenen Gitter lag ein Haufen aufgewühlter Erde, der zu leben schien.

Lizzie Hawker machte einen vorsichtigen Schritt um den kreischenden Berg Ratten herum, die aus ihrer Behausung hinter dem lange verlassenen Zugang zum Ca’ Scacchi f lüchteten. Während das graue Gewimmel Richtung Kanalisation sauste, wandte sie sich lächelnd zu Luigi Ballarin.

„Jedweder Schaden“, sagte sie, „geht auf Ihr Konto.“

Ferragosto. Es war das erste Mal, dass ich diesen mitsommerlichen Feiertag miterlebte, seit ich im Jahr zuvor nach dem Tod meiner Frau nach Venedig gezogen war. Kaum hatte ich das Wort gehört, sah ich nach, was es bedeutete. Wie so oft in Italien hatte es etwas mit antiker Geschichte zu tun. Der Ursprung geht auf den römischen Kaiser Augustus zurück, der dem Volk vor zweitausend Jahren die Feriae Augusti zu seinen Ehren schenkte. Eine mehrtägige Auszeit von den Strapazen der täglichen Arbeit zur heißesten Zeit des Jahres, Gelegenheit zum Ausruhen, für Feiern und für Pferderennen, von denen Sienas berühmter Palio dell’Assunta ein modernes Überbleibsel ist.

Mussolini, entschlossen, sich als wiedergeborener Kaiser zu präsentieren, hatte es als wichtigen Teil des alljährlichen Feiertagskalenders erneut eingeführt, drei Tage im August, an denen Fabriken und Geschäfte geschlossen blieben und die gewöhnlichen Italiener freie Zeit genießen konnten; subventionierte Bahnfahrten zum Strand und zu kulturellen Attraktionen, Erholung von den Anstrengungen des Alltags. Die Gepf logenheit blieb auch, nachdem er zu Kriegsende ermordet worden war, noch lange erhalten. Mitte August schlossen in der ganzen Stadt die Geschäfte, Bars und Restaurants ihre Türen, Besitzer und Angestellte brachen Richtung Berge oder Meer auf, wo es kühler war. Die Straßen wurden jenen überlassen, die die Stellung halten mussten, gemeinsam mit den Schwärmen schwitzender Touristen, die sich über das heiße Wetter, den Preis für ein Eis und die Tatsache beschwerten, dass die meisten Lokale auf ihrer Dort-müssen-wir-unbedingt-essen-Liste geschlossen hatten.

Abgesehen von Luca und meiner Carabinieri-Freundin Valentina Fabbri hatten sich fast alle, die ich in der Stadt kannte, in Richtung Strand oder Dolomiten aufgemacht. Franco, Valentinas Mann, hatte sein Nobelrestaurant Il Pagliaccio geschlossen, das sich kaum zwei Gehminuten vom Ca’ Scacchi entfernt befand, und war mit ihren beiden Kindern zu einem Bootsurlaub nach Sardinien unterwegs. Falls es ihr etwas ausmachte, in Venedig zu bleiben, dann ließ sie es sich nicht anmerken. Und wie ich bald erfahren sollte, hatte das Rätsel um Lizzie Hawkers seltsames Erbe eines halb verfallenen Palastes nicht wenig damit zu tun.

Bis Valentina mich anrief und bat, einer britischen Landsmännin in einer etwas heiklen Situation zu helfen – sie sprach kein Italienisch, kannte sich mit der örtlichen Bürokratie nicht aus, war knapp bei Kasse, allein in Venedig und brauchte ein offenes Ohr –, hatte ich kurz überlegt, selbst einen Bus Richtung Dolomiten zu nehmen. Lizzie hatte angeboten, mir zehn Euro pro Stunde zu zahlen, sobald sie das nötige Geld habe. Ich hatte es nicht eilig. Und als ich von ihrer misslichen Lage hörte, hatte meine Neugier gesiegt. Im Herzen bin ich noch immer ein wissbegieriger Archivar, ein Wahrheitssucher in Quellen und Zusammenhängen quer durch die Geschichte. Wenn ich dafür langweilige Treffen mit Anwälten und Enzo Canale durchstehen musste, war das ein kleiner Preis, um durch das eiserne Tor in diesen berühmten verf luchten Palazzo zu gelangen.

Ich hatte natürlich keine Ahnung, auf was ich mich da eingelassen hatte. Offenbar ein wiederkehrendes Phänomen in meinem Leben.

Lizzie war fünf, als Lucia Scacchi verschwand. Das war momentan alles, was ich wusste. Sie schien nicht gewillt, weitere Ausführungen zu machen, obwohl es wahrscheinlich viel mehr zu sagen gegeben hätte. Enzo Canale hatte ein Gerichtsverfahren angestrengt, weil er behauptete, Lucia sei mit ihm in Verhandlungen über den Verkauf von Ca’ Scacchi eingetreten. Das von Chas Hawker, Lizzies Vater, jedoch umgehend angefochten wurde, der bald darauf in eine Abwärtsspirale aus finanziellen Problemen und Drogenabhängigkeit geriet. Und wie ich mühsam aus Lizzie herausbekommen hatte, war noch ein weiteres, scheinbar unlösbares Problem mit dem Palazzo verbunden. Während man annahm, Lucia Scacchi habe sich umgebracht, fehlte bis heute jede Spur von ihrer Leiche. Dem Gesetz nach galt sie noch immer als vermisste Person. Ihr Ehemann hatte nicht beantragt, sie für tot zu erklären, also war ihr Besitz nie an ihn übergegangen. Canales Klage, wie so ziemlich alles andere, was mit dem charmanten kleinen Gebäude zwischen Guggenheim und Salute zu tun hatte, kam nicht von der Stelle, juristisch wie praktisch gesehen.

Und so moderte der Palast vor sich hin, bis Luigi Ballarin es an der Zeit sah, im Namen der Stadtverwaltung einzuschreiten. Ein historisches Gebäude wie das Ca’ Scacchi konnte man schließlich nicht einfach so im Canal Grande versinken lassen. Abgesehen von den ganzen Gerüchten über Flüche kursierten wilde Spekulationen darüber, welche Schätze die Familiendynastie wohl über die Jahre hinter den Marmormauern angesammelt hatte. In früheren Zeiten waren die Scacchis intensiv in Bankgeschäfte und diverse Machenschaften verwickelt gewesen, die zum Aufstieg der Medici in Florenz und der Gonzaga in Mantua geführt hatten, ebenso wie in die komplizierten politischen Verwicklungen beim Tauziehen der Spanier und Franzosen um das Königreich Neapel. Mehrere der männlichen Familienmitglieder trugen die rote Kappe von Kardinälen, einer schaffte es irgendwann fast bis zur Papstkrone, wäre er nicht von einem Konkurrenten ausgestochen worden, der von den Franzosen unterstützt wurde. Einige der Frauen, fast alle für ihre Schönheit bekannt, hatten in die vornehmsten Familien Europas eingeheiratet.

Die Scacchis gehörten zu den glamourösesten Geschlechtern Italiens. Inzwischen war nur noch ein einziger Nachkomme übrig, eine einsame junge Frau mit kaum einem Cent in der Tasche. Und sie verstand weder ein Wort Italienisch, noch brachte sie es fertig, ihren Familiennamen zu benutzen.

2Unter der Erde

„Wenigstens haben sie diesem Ekelpaket den Zutritt verweigert“, sagte Lizzie und nahm mich zur Seite, als wir den Hauptzugang zum Palazzo erreichten. „Und jetzt?“

Luigi Ballarin, der sie gehört hatte, kam zu uns.

„Jetzt lassen Sie uns bitte unsere Arbeit machen. Ich habe Canale weggeschickt, im Gegenzug …“

„Man sollte kaum meinen, dass dieser Palazzo mir gehört.“

Ballarin war ein untersetzter Mann mit dem bef lissenen Gesichtsausdruck eines Beamten in gewisser Position. „Er gehört Ihnen auch nicht, tut mir leid. Rechtlich gesehen läuft alles noch unter dem Namen Ihrer Mutter.“

Lizzie zog erneut den Schlüsselbund hervor und suchte den Schlüssel heraus, der uns Einlass durch die schwere Holztür verschaffen würde, die offenbar den seitlichen Haupteingang bildete.

Ballarin wartete, bis er begriff, dass er keine weitere Antwort erhalten würde, dann wandte er sich wieder der Gruppe im Innenhof zu. Der Außenbereich schien ihn vorerst mehr zu interessieren.

Kein hastiges Davonhuschen von Nagetieren. Nur der modrige Geruch eines Gebäudes, das seit dreieinhalb Jahren nicht gelüftet worden war. Ein paar ausgetretene Stufen aufwärts, und wir befanden uns im Halbdunkel einer Küche, die aussah, als hätte sie sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert.

Der Mann von der Stadt hatte uns mitgeteilt, für die Bauarbeiter sei der Strom wieder angestellt worden. Lizzie streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus. Die schwachen Glühbirnen begannen in zwei verschiedenen Gelbtönen zu leuchten. Dann ging sie zur Spüle und drehte den Hahn auf. Wasser gab es auch.

Im Gebäudeinneren schwirrten die winzigen schwarzen Mücken, die es im venezianischen Sommer überall gab, gieriger und lästiger als normale Stechmücken.

„Kommen Sie, Arnold. Mal sehen, ob ich mich noch in diesem Haus zurechtfinde. Schließlich bin ich seit …“, sie musste nachdenken, „… über vierunddreißig Jahren nicht mehr hier gewesen.“

Ich sah aus dem Fenster, konnte den Blick nicht vom Innenhof abwenden. Er hatte ungefähr die Größe eines Tennisplatzes, die Mauer am hinteren Ende bröckelte. Sicher die Stelle, wo der Eindringling entkommen war, vermutete ich, ohne ihn jedoch zu erwähnen.

Scacchi. Schach. Überall im Hof standen vertrocknete Palmen in gesprungenen Töpfen, den Rand säumten schmale Blumenbeete. Der quadratische Mittelteil jedoch war als überdimensionales Schachbrett gestaltet, schwarze und weiße Marmorplatten im typischen Muster. Auf der linken Seite lehnten, schief wie steinerne Betrunkene, Standbilder eines weißen Königs und seiner Königin an der Wand. Rechts lagen ihre Gegenstücke in Schwarz auf dem Boden. Der König in zwei Teile zerbrochen, die Königin ohne Kopf. Von anderen Spielsteinen keine Spur. Dieses Schachbrett war wohl für menschliche Figuren angelegt worden, und die Figuren, die ich sah, dienten nur der Dekoration. Die Marmorplatten rund um das schwarze Paar wirkten ziemlich uneben, als versuchte sich irgendetwas aus dem Boden darunter zu erheben und nach oben zu dringen. Ein seltsamer Gedanke, ich hatte keine Ahnung, woher er kam. Die Atmosphäre vielleicht. Ca’ Scacchi irritierte mich langsam.

„Da draußen durfte ich nie hin“, sagte Lizzie mit leiserer Stimme als sonst. Forschheit und Wagemut, mit denen sie Enzo Canale entgegengetreten war, hatten sich verf lüchtigt.

„Warum nicht?“

Sie sah zu Ballarins Männern hinunter, die ihre Werkzeuge einsammelten – Bohrer, Schaufeln und Spitzhacken. „Mum meinte, es sei zu gefährlich. Außerdem war ich fünf, als wir hier fortzogen. Da habe ich kein Schach gespielt. Tue ich immer noch nicht. Schauen wir uns noch ein wenig um. Und dann will ich sehen, ob Bessie noch da ist.“

Ich fragte nicht nach.

Wir verließen die Küche und begaben uns in den eigentlichen piano nobile, dessen Aufteilung sich wahrscheinlich, seit der Palast erbaut wurde, kaum verändert hatte. Es war ein großer Saal, lang und breit genug, um einen Ball darin zu veranstalten. Sämtliche Wände zierte verblassende Seidentapete mit Goldfäden, die unter dem Schmutz noch immer ein wenig glänzten. In unregelmäßigen Abständen hatte man goldgerahmte Spiegel platziert, ihre Oberf lächen inzwischen größtenteils trübes Grau. An der Balkendecke hingen drei verstaubte Murano-Kronleuchter mit elektrischen Glühbirnen, durch deren Arme sich alte Kabel zogen.

Lizzie ging zu den Fenstern. Hinter den gesprungenen Prismen näherte sich langsam ein Vaporetto der Linie 1 Salute. Auf dem offenen Heck drängten sich Touristen. Sie wirkten erschöpft von der Hitze. Ich dachte an meine verstorbene Frau Eleanor, an die Fahrten, die wir unter ähnlichen Umständen unternommen hatten. Die Erinnerung an sie würde für immer mit dieser Linie verbunden bleiben, denn ich hatte mir erlaubt, eine kleine Urne mit ihrer Asche auf eines der Boote zu schmuggeln. Eine ganz persönliche, sentimentale Geste, auf die ich ziemlich stolz war.

„Alles in Ordnung?“, fragte Lizzie.

„Ja. Es ist nur, weil …“ Was hätte ich sagen sollen?

„Weil Sie im Ca’ Scacchi sind.“

Sie überf log die Wände, suchte nach etwas. Blasse Rechtecke kennzeichneten deutlich die Stellen, wo einmal Gemälde gehangen hatten. Unter einem davon stand eine leere Vitrine mit offenen Glastüren. Eine Vitrine, wie man sie vermutlich benutzte, um edle Keramik zur Schau zu stellen.

„Ich war noch ein Kind. Ein Kind hält alles für normal, wovon es umgeben ist. Man hat keine Perspektive, um die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Das hieß …“ Sie machte ein paar Schritte quer durch den Raum und hob den Stummel einer selbst gedrehten Zigarette auf. Sie roch daran. „Drogen. Alkohol. Partys mit Dads Musikerfreunden und wer weiß wem, den er sonst noch aufgegabelt hatte. So war damals die Welt. Meine jedenfalls.“

Sie blieb vor einer der leeren Stellen an der Wand stehen. „Nachdem sie verschwunden war, haben wir Venedig verlassen. Nur einmal hat Dad mich noch mit hergenommen, das ist eine Ewigkeit her. Da waren ihm schon Geld und Zuversicht ausgegangen. Und seine Kräfte. Wir haben in der Absteige übernachtet, in der ich auch jetzt bin. In den Palast durfte ich keinen Fuß setzen.“

„Das tut mir leid.“

„Warum? Was kümmert Sie das? Er hat mich aus allem rausgehalten. Er war ein guter Vater. Er hat mich geliebt.“ Sie zuckte zusammen. „Er wollte sogar etwas aus mir machen, das ich nicht war. Und niemals sein konnte.“

„Eltern sind manchmal so.“ Von alldem hatte Lizzie bisher noch nichts erwähnt.

„Später“, sagte sie und steuerte auf die Wendeltreppe hinter der offenen Flügeltür zu.

Ein Stockwerk höher. Der erste Raum, den wir betraten, war ein kleines Arbeitszimmer mit einem altmodischen Schreibtisch, der vor das Fenster geschoben war. Darauf, von einer dicken Staubschicht und Spinnweben überzogen, eine Olivetti-Schreibmaschine, daneben ein Stapel feucht gewordenes, welliges Papier. In der Maschine steckte ein vergilbtes Blatt Papier. Von nun an schweige ich, mein Ehemann. Wo du nach Lady L zu suchen hast, weißt du, wenn du es wagst, war darauf zu lesen.

„Was in aller Welt soll das bedeuten?“

Lizzie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Mum hatte immer irgendwelche Hirngespinste. Einmal erzählte sie mir, sie habe Universitätsprofessorin werden wollen. Bis zu ihrer Heirat hat sie Geschichte studiert. Nach dem Flugzeugabsturz gab sie alles auf. Wahrscheinlich brauchte sie jemanden. Vielleicht hat es gestimmt. Ich weiß es nicht. Aber sie hat dauernd geschrieben. Sich etwas ausgedacht. Hier hat sie viele Stunden verbracht. Behauptet, sie wolle einen historischen Fantasyroman schreiben und ihn veröffentlichen. Noch so ein Wunschtraum.“

Jetzt, dachte ich, spricht dein Vater aus dir. Das ist nicht die Erinnerung einer Fünfjährigen. Ein einzelner rätselhafter Satz auf einem Blatt Papier. Für mich klang er nicht wirklich wie ein Romananfang.

„Und plötzlich war sie weg. Verschwunden. Hatte sich umgebracht.“

„Sind Sie sich sicher?“

„Dad wünschte sich den Rest seines Lebens, er hätte etwas tun können, um sie davon abzuhalten. Sie habe die falschen Drogen genommen, sagte er. Die harten. Er war meistens bei den weichen geblieben. Ich glaube, er dachte, es war seine Schuld. So war er. Übernahm die Verantwortung, auch wenn er nichts dafürkonnte. Während sie …“ Ein feuchter Glanz in ihren Augen. „Ich kannte sie nicht richtig, nur in so was wie Erinnerungen. Schöne größtenteils, wenn die beiden nicht gerade stritten. Das macht die Erinnerung. Das Gute herausfiltern und das Schlechte auslöschen. Wenn man Glück hat. Vieles hat Dad mir später erzählt. Sie hat ihm wehgetan. Sie hat mir wehgetan. Selbstmord. Wie feige kann man sein?“

Dann schwieg sie. Und wir gingen durch den Korridor zu der Flügeltür in der Mitte des Stockwerks. Sie hatte goldene, abgenutzte Griffe und führte in ein dunkles, stickiges Zimmer. Lizzie trat ein, marschierte zu den verschlossenen Fenstern und öffnete die Läden. Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert strömte das grelle Licht der Augustsonne herein und fiel auf Ca’ Scacchis Hauptschlafzimmer.

Hier wirkte die Seidentapete neuer, die Kronleuchter waren moderner, kein Verfrachten historischer Muranolüster in die Gegenwart. Umgestaltet, vermutete ich, nicht, dass ich mich mit so etwas ausgekannt hätte. Es schien bloß, als hätte jemand dem Raum ein neues Outfit verpasst, weniger teuer wahrscheinlich.

An der hinteren Wand stand ein großes Doppelbett, daneben führte eine offene Tür in ein Bad mit Dusche, ebenfalls modern, auf dem Boden Flecken, die wie Taubenkot aussahen. Das Fenster dort hing lose in den Angeln, offenbar schon seit Jahren. Vögel hatten über den Schränken ihre Nester gebaut, die den hollywoodmäßigen Schminkspiegel umgaben. Ich schloss das Fenster und ging zurück ins Schlafzimmer. Lizzie stand am Fußende des Bettes und sah auf die Wand.

Dahinter waren Stimmen zu hören, Ballarins Männer unterhielten sich lautstark. Dann das Geräusch von etwas Mechanischem, ein Bohrer oder eine Pumpe. Und unter uns Schritte. Luca wahrscheinlich, der überprüfte, was für die Offiziellen im Palazzo von Interesse sein könnte.

„Sie wollten nicht, dass ich hier reinkomme. In London war das anders. Da durfte ich zu ihnen ins Bett, wenn ich wollte. In Venedig nie.“

„Die Menschen legen Wert auf ihre Privatsphäre. Sogar Eltern.“

„Das war es nicht.“ Ihre Stimme klang jetzt schroff. „Es war …“

Sie trat einen Schritt vor zu der Wand Richtung Kanal. Gegenüber dem Fußende des Bettes befand sich eine Art Wandschrank, halb verdeckt von der gleichen Tapete, die für den ganzen Raum verwendet worden war. Als sie die beiden halbhohen Türen öffnete, fiel unser Blick auf die leere Stelle, wo einmal ein Gemälde gehangen hatte.

Sie schlug die Türen wieder zu. „Sorry, ich nerve Sie mit meinem ganzen Kummer von früher. Das ist nicht fair.“

Ich suchte nach Worten, um irgendwie die Stimmung zu heben. „Wenn Sie hier nicht reindurften …?“

„Bessie“, unterbrach sie mich munterer, während ich ihr zurück in den Flur folgte. „Zeit, mein kleines Reich kennenzulernen.“

Am Ende des Flures stand eine Tür offen, die in eine kleine Bibliothek führte. Ein Zimmer, das sich Luca bestimmt bald genauer ansehen würde. Doch Lizzie steuerte, immer zwei Stufen auf einmal, schon die schmale Treppe hinauf, also musste ich ihr folgen. Oben hing ein handgemaltes Schild an der Wand, mit springenden Pferden, Clowns und maskierten Karnevalsfiguren, die tanzend das Wort Lizzieland bildeten.

Das Schlafzimmer hier war unübersehbar in eine zauberhafte Welt für ein geliebtes Kind verwandelt worden. Keine Spur mehr von der goldenen Seidentapete der prachtvollen Räume im Geschoss darunter. Hier zierten von der Decke bis zum Boden Zeichentrickfiguren die Wand, alle italienisch, das Werk ihrer Mutter, nahm ich an. Pinocchio, die Maus Topo Gigio, Lupo Alberto, ein blauer Wolf. Spielzeuge, Puzzles, etliche Plüschtiere und einige Brettspiele stapelten sich an der Wand, staubbedeckt, die Farben verblichen, zu ordentlich angeordnet für das Werk eines Kindes. Eine große Micky-Maus-Uhr, die Zeiger auf fünf vor halb elf, thronte über einem Bett mit einer Decke mit Einhornmuster, das kaum noch zu erkennen war. Lizzie setzte sich lächelnd darauf, federte ein paar Mal auf und ab, bevor sie zum Fenster lief und sich vorsichtig auf das gescheckte Schaukelpferd dort setzte. „Das war Bessie“, sagte sie und streichelte die goldene Mähne des Tieres, echtes Haar, wie es schien. Ich meinte, Tränen in ihren Augen aufsteigen zu sehen, doch dann stieg sie ab und beklagte sich, dass das Pferd als Kind zu groß für sie gewesen sei und jetzt, wo sie erwachsen war, zu klein.

Sie blieb einen Moment vor den Fenstern stehen. Ich stellte mich neben sie, und wir blickten auf den langsamen Verkehr auf dem Wasser hinunter: Vaporetti, Wassertaxis. Lieferboote, Gondeln; und das Traghetto, das von San Marco nach Dorsoduro übersetzte.

„Es muss etwas ganz Besonderes gewesen sein, hier zu wohnen.“

„Das war es. Und wir hatten auch noch London. Und Amerika. Damals hatten wir noch Geld. Viel Geld. Hausangestellte.“ Eine Erinnerung kehrte zurück, ich konnte es sehen. „An Marisol erinnere ich mich. Sie war noch sehr jung, glaube ich. Und sehr nett. Wie ein große Schwester. Sie hat sich um mich gekümmert, aufgeräumt, mir Essen gebracht, wenn die Erwachsenen unten mal wieder eine ihrer langen Partys feierten. Marisol. Das heißt Sonnenblume, deshalb habe ich sie meistens Blume genannt.“

„Was ist aus ihr geworden?“

Darüber musste sie nachdenken. „Hier war es wie am Picadilly Circus. Die Leute kamen und gingen. Als Mum verschwand, hat Dad das beendet. Alles. Und gesagt, er würde nie mehr einen Fuß in den Palazzo setzen. Er sei wirklich verf lucht. Sie fuhr mit dem Finger über die staubige Innenseite der Fensterscheibe und malte ein fröhliches Kindergesicht, einen Kreis mit zwei Augen und lachendem Mund. „Vielleicht hatte er recht. Er schrieb Marisol das beste Zeugnis, das er konnte, und sie fand eine Anstellung bei einer reichen Familie außerhalb der Stadt. Kontakt mit Leuten zu halten war nicht seine Sache. Erinnerungen an die Vergangenheit. Nichts für uns.“

Auf einem bunt gestrichenen Kinderschreibtisch an der Wand stand ein gerahmtes Foto, dem sie sich zögerlich näherte. Ich blieb zurück und sah ihr über die Schulter. Die Farben waren mit den Jahren verblasst. Das Wort „Kodachrome“ kam mir in den Sinn, und ein paar Takte eines alten Songs.

Ein Porträt von Lizzie und ihren Eltern, auf dem die Zeit stehengeblieben schien. Ein Bild, um es in zukünftigen Jahren anzuschauen und über die Erinnerung zu lachen, über die Veränderungen zu staunen, die die Jahre mit sich gebracht hatten, um dankbar zu sein für Liebe, Rückhalt und Geborgenheit in der Familie. Zumindest hoffte man das immer.

Eine Mutter und ein Vater am Strand auf dem Lido, vor dem inzwischen baufälligen Hotel des Bains, Lizzie, mit ungefähr fünf, gerade schon als die Frau zu erkennen, die jetzt vor mir stand. Sie hatte schon denselben neugierigen Blick, dazu den Kopf leicht geneigt, als wollte sie in einen hineinsehen. Die kleine Lizzie trug einen rosa Badeanzug, eine übergroße Sonnenbrille mit herzförmigen Gläsern, die sie in die kastanienbraunen Haare hochgeschoben hatte, auf denen eine hellblaue Baseballkappe saß, die sie falsch herum trug. Das Grinsen, das ich schon kannte, angesichts der merkwürdigen Mission, die uns beide zusammengebracht hatte. Auf dem Foto lachte sie mit strahlend weißen Milchzähnen, einer Waffel Schokoladeneis in der Hand, das ihr auf die Brust tropfte. Ein glückliches Kind, das die Welt um sich herum vergessen hatte.

Über Chas Hawker, Lizzies Vater, wusste ich zu diesem Zeitpunkt wenig, nur dass er ein „Selfmademan“ war, wie wir es gerne nannten, und aus East Ham kam. Was lediglich jemanden bezeichnete, der aus der verarmten Arbeiterklasse stammte und zu Geld gekommen war, nichts weiter. Er stand mit der großspurig-aggressiven Haltung da, die ich mit einer gewissen Kategorie Londoner verband, mit der man sich nicht anlegen wollte, auch wenn er einen teuer aussehenden blauen Leinenanzug mit dunkelrotem Hemd darunter und eine Goldkette um den gebräunten Hals trug. Auf dem Kopf hatte er einen Panamahut mit schwarzem Band, der leicht schräg über seinen rötlichen Haaren saß. Sein Lächeln war meilenweit entfernt von dem glücklichen, unbeschwerten Ausdruck im Gesicht der kleinen Lizzie. Vielleicht waren es die überlangen Schneidezähne, die ihm ein wolfsähnliches Aussehen verliehen, ziemlich ähnlich dem des Zeichentrickwolfes an Lizzies Wand. Seine Körperhaltung, seine Erscheinung hatten etwas Besitzergreifendes, als suchte er die Aufmerksamkeit der Leute. Als wollte er ihnen mitteilen: Seht her, das ist meine Familie, seht auf all das Schöne und beneidet mich.

So erschien es mir jedenfalls. Erste Eindrücke können täuschen, und ich dachte sofort, wie lächerlich es war, angesichts eines dreieinhalb Jahrzehnte alten Fotos so zu empfinden. Ein Mann, der ein paar Monate zuvor nach langer Krankheit gestorben war, eine schöne junge Mutter, die kurz nachdem das Foto gemacht wurde, als vermisst galt und vermutlich ebenfalls nicht mehr lebte. Es war dumm von mir, Partei zu ergreifen. Hätte mich nicht ein merkwürdiges, fast eifersüchtiges Bedürfnis überkommen, die Frau, die aus dem Kind geworden war, zu beschützen, eine seltsame Reaktion, ausgelöst durch die sonderbare Atmosphäre im Ca’ Scacchi. Lizzie hatte ihren Vater abgöttisch geliebt – über alles, das hatte sie mehr als einmal gesagt. Bedingungslos, trotz seiner Herkunft und, nicht, dass ich zu dem Zeitpunkt mehr als die bekannten Tatsachen gekannt hätte, dem leisen Hauch eines Skandals.

Über ihre Mutter hatte sie kaum gesprochen, und wenn, dann nur in der leicht abfälligen Weise, die ich im Zimmer unten gehört hatte. Sie schien eine auffallend gut aussehende Frau gewesen zu sein. Wie ein Model aus einem teuren Modemagazin, der Inbegriff italienischer Schönheit, beugte sie sich auf dem Foto, eine Zigarette in der rechten Hand, zur Seite und blickte mit einem seltsam ernsten Ausdruck im makellosen Gesicht in die Kamera. Sie war dünn, krank vielleicht, aber man erkannte sofort Lizzies Mutter in ihr. Sie hatten denselben eindringlichen Blick, dieselben glatten braunen Haare, die ihr über den schlanken Hals fielen, ein Aussehen, das gewisse Männer auf der Straße dazu brachte, sich umzudrehen und zu starren. Eine natürliche Schönheit, die sich nicht verbergen ließ, auch wenn ihre Tochter diese Tatsache anscheinend lieber leugnete oder sich des Geschenks nicht bewusst war, das sie geerbt hatte.

Anders als bei Lizzie reichte die Aufmerksamkeit, die sie auf ihr Äußeres legte, bei Lucia bis zur Kleidung. Ihr knielanges, f ließendes Kleid umspielte locker ihre schlanke Figur, ihre Arme waren nackt, der gerüschte Ausschnitt tief. Es war ihr auf den Leib geschneidert, schien mir, vielleicht von einem teuren Designer. Den glänzenden Stoff, Seide vermutlich, zierte ein buntes Blumenmuster aus Pfingstrosen und Rosen, riesige Blüten in Purpurrot, Gelb und Blau, auffällig, plakativ, ein Statement für Unabhängigkeit und Bestimmtheit, typisch Achtzigerjahre. Hier sah man Klasse und Geld. Und Chas Hawker, so schien es, wollte genau das mit diesem Porträt seiner Besitztümer demonstrieren.

„Das war eins ihrer Lieblingskleider“, erklärte Lizzie und tippte mit dem Finger auf das Foto. „Gucci, oder so. Sie haben es für sie angefertigt, als sie irgendwo bei einer Modenschau lief.“ Wieder das Schulterzucken. „Da war sie noch nicht ganz so dünn.“

„Wenn sie eine Contessa war, dann sind Sie das natürlich auch.“

„Nein. Das habe ich Canale schon gesagt. Ich bin keine Contessa. Ich bin Lizzie Hawker. Aus einem Reihenhaus im Osten von London. Abgesehen davon gibt es jede Menge adelige Damen in Italien. Kein Bedarf für eine weitere.“

Wieder hatte sie glasige Augen. Sie sagte noch etwas, das ich nicht verstand, und verließ das Zimmer. Auf der Rückseite des Palazzo befand sich eine altana, eine hölzerne Terrasse mit Geländer, die in das Dach gebaut wurde. Bevor ich etwas sagen konnte, hatte sie die Tür geöffnet und ging hinaus. Ich folgte ihr, besorgt über den Zustand des alten Holzes. Es wirkte morsch, gefährlich. Teile des Geländers waren kurz davor herunterzufallen. Die Aussicht allerdings war atemberaubend: die Kuppel von Salute, der Garten des Guggenheim Richtung Accademia-Brücke, die ockerfarbenen Ziegeldächer Dorsoduros, die wie die Schuppen eines riesigen Reptils in der Sommersonne f limmerten.

Außerdem waren Stimmen zu hören, Männer, die im Innenhof drei Stockwerke unter uns über die marmornen Pf lastersteine liefen. Nach Ballarins Anweisung arbeitend, nahm ich an, während er das Ganze überwachte.

Lizzie stand am Rand der altana und beugte sich übers Geländer. Ich hatte schon immer Höhenangst, deshalb blieb ich ein paar Schritte zurück.

„Marisol und ich sind hier immer hergekommen und haben Picknick gemacht, während sie unten Partys feierten. Ich sollte versuchen, sie zu finden. Ich sollte ihren richtigen Namen benutzen. Nicht diesen albernen, den ich erfunden habe, als ich noch klein war.“

„Fünfunddreißig Jahre. Das ist eine lange Zeit.“

„Einiges kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.“ Sie wirkte erschöpft, unglücklich wieder. „Falls ich mich richtig erinnere.“

Es waren nicht nur Stimmen zu hören. Die Männer arbeiteten auch, hievten etwas, schoben Steinplatten zur Seite.

„Verdammt.“ Sie war einfach zu f link, wenn sie wollte, und jetzt steuerte sie zur Treppe zurück. „Die können hier nicht alles umgraben, ohne zu fragen. Das lasse ich nicht zu.“

Ich spähte übers Geländer. Tatsächlich hatten Ballarin und seine Männer sich am hinteren Ende der Marmorplatten versammelt, die das überdimensionale Schachbrett bildeten. Sie standen neben den verstreuten Überresten des schwarzen Königs und seiner kopf losen Königin.

Es sah aus, als hätten sie etwas gefunden.

Als ich nach unten kam, befand Lizzie sich bereits mitten in einem Streit mit Luigi Ballarin. Seine Männer hatten die Werkzeuge sinken lassen und amüsierten sich, auf die Griffe gestützt, über das immer lauter werdende Spektakel. Was sie entdeckt hatten, war nicht zu übersehen. Den Eingang zu einem unterirdischen Gang, altes Mauerwerk auf beiden Seiten, von Algen und Moder grün verfärbte Stufen, die zu einem schweren Eisentor führten, einer kleineren Version des Tors, das den Palazzo behütete. Unterhalb der steinernen Wände reihten sich dunkelbraune Erdhäufchen, Ratten vermutete ich. Von hier mussten sie gekommen sein, bevor sie das Nest am Eingang gebaut hatten.

„Signora“, sagte Ballarin, der langsam wütend wurde. „Dieses Gebäude hat sich gesenkt, wir müssen das untersuchen. Wir müssen herausfinden, warum.“

Neben Valentina Fabbri, unserer Freundin von den Carabinieri, stand Luca Volpetti. Er schien sich unwohl zu fühlen. Wahrscheinlich hatte er im Palazzo vergeblich nach Material gesucht, das fürs Archiv interessant sein könnte. „Ich habe alles überprüft“, sagte er und blickte auf die seltsame Entdeckung vor uns. „Nichts. Alles weg.“ Er klang nicht überrascht, was mich erstaunte. Seufzend trat er einen Schritt vor. „Unseren Archivakten nach befand sich auf diesem Grundstück einmal ein Templerhospiz.“

„Und?“, fragte Lizzie.

„Und es existieren Dokumente, die darauf hinweisen, dass sie eine Krypta gebaut haben.“

Das war eine bemerkenswerte Offenbarung. Jeder wusste, dass Venedig auf Schlamm und alten Baumstämmen errichtet wurde. Hier eine unterirdische Höhle auszuheben konnte nicht leicht gewesen sein. Es gab einen verrückten, wenn auch unterhaltsamen, Indiana-Jones-Film, in dem der Held in einem unterirdischen Tunnelsystem verschwand und dann am Campo San Barnaba in der Nähe des Restaurants wieder auftauchte, wo wir gerne zu Mittag essen. Luca und ich hatten den Film vor einiger Zeit angeschaut und brüllend gelacht, als Harrison Ford aus einem Loch kroch, das einfach unter eine Steinplatte gegraben wurde und gerade groß genug war, damit er sich hineinhocken konnte. Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass diese Stadt unterirdische Geheimnisse bergen könnte.

Ballarin griff sich eine große Taschenlampe und verfiel in eine lange Ausführung über die Gefahren, die unterirdische Arbeiten nicht nur für Ca’ Scacchi, sondern auch für die umliegenden Gebäude mit sich bringen könnten. Ich konnte den Blick nicht von den glitschigen grünen Stufen und dem Tor am unteren Ende abwenden. Die Stufen waren ausgetreten und eindeutig sehr alt. An dem Tor hing ein Vorhängeschloss, seit vielen Jahren überf lüssig vermutlich, denn der Weg nach unten war durch die Marmorplatten des Schachbretts ohnehin versperrt worden.

Lizzie hatte den großen Schlüsselbund hervorgeholt, mit dessen Hilfe wir schon ins Ca’ Scacchi gelangt waren, und ging die Schlüssel einen nach dem anderen durch.

„Für den Fall, dass Sie es nicht wissen“, schnitt sie Ballarin das Wort ab, als er anfing, einige der Untersuchungen aufzuzählen, die seine Bauingenieure durchführen müssten, um die Stabilität der Palastfundamente zu bestätigen, „von diesem Gebäude existieren dreihundert Jahre alte Gemälde. Wir hatten sogar mal eins. Auch wenn es jetzt nicht mehr da zu sein scheint. Schon damals neigte Ca’ Scacchi sich zu einer Seite. Genau wie jetzt. Ich glaube nicht, dass Sie sich Sorgen machen müssen.“

Er ließ sich nicht beirren. „Das will ich hoffen. Aber ich muss sichergehen.“

„Na schön.“ Entschlossen schnappte sie sich die Lampe aus seiner Hand und war schon halb die Treppe hinunter, bevor irgendwer sie stoppen konnte. Ich drängte mich zwischen den Arbeitern hindurch, an Ballarin vorbei, und folgte ihr.

„An dem Schlüsselbund, den Dad mir gegeben hat, sind ein paar Schlüssel, die ich nicht kenne“, sagte sie und sah die Schlüssel weiter durch. Ich deutete auf den größten: lang und schlicht. Wie man sie für ein Nebengebäude benutzte. Und lag auf Anhieb richtig. Sie öffnete das Vorhängeschloss. Ich entfernte es, presste die Schulter gegen die Tür. Das alte Eisen bewegte sich ein wenig und schwenkte dann, bei einem zweiten, festeren Anlauf, mit demselben kreischenden Geräusch nach innen, wie wir es zuvor beim Eingangstor gehört hatten.

Lizzie richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Dunkelheit vor sich und ging langsam hinein.

Ein übler Geruch schlug uns entgegen, der Gestank nach modriger Erde und irgendetwas Verrottetem.

Plötzlich sahen wir die Knochen.

Viele Knochen.

Sie waren auf beiden Seiten an den Wänden verteilt, unterhalb einer Decke, die so niedrig war, dass wir uns geduckt zu einer Fläche hinunterbewegen mussten, die mehrere Zentimeter tief unter Wasser stand.

Die Lampe in Lizzies Hand zitterte, während sie den Strahl durch die geheime Krypta der Templer unter dem Boden Dorsoduros gleiten ließ.

„Wir müssen hier raus“, sagte ich und versuchte, ihren Arm zu nehmen. „Sie müssen es ihnen überlassen.“

„Das ist mein Palazzo, nicht ihrer“, antwortete sie, während das Licht zuerst über die eine, dann über die gegenüberliegende Wand glitt. „Was ist das?“

Ich hatte es sofort erkannt. Solche Orte gab es auch in Rom, Paris und anderen Städten. Friedhöfe, auf denen die Skelette der Toten in eine grausige Dekoration verwandelt wurden. Ein Begräbnisfeld von Armknochen, Beinknochen, Schädeln und Rippen, die in schaurigen Rauten, Kreisen, Reihen angeordnet waren.

„Man nennt das Ossuarium, Beinhaus. Bitte …“

Sie schüttelte meine Hand ab. Ballarin und seine Truppe waren hinter uns, weitere Lichtstrahlen kreisten durch die Krypta, die sich unter den schachbrettartigen Steinen von Ca’ Scacchis menschlichem Schachbrett verbarg.

Lizzies Licht f lackerte vorwärts, entfernte sich von den schrecklichen Mustern an den Wänden, wanderte ans Ende der Kammer ein paar Meter vor uns. Dort gab es keine knöchernen Überreste. Nur ein Steinkreuz, das sich von einem niedrigen Altar Richtung Decke erhob, schimmerte matt.

Und etwas am Fuß des erhöhten Podestes über dem Wasser. Etwas, das mir bekannt vorkam.

Bevor ich ein Wort sagen konnte, schrie Lizzie auf, wütend, panisch. Stolperte darauf zu, während der Lichtstrahl in alle Richtungen zuckte. Da erkannte ich es.

Vor dem Altar, auf dem ein Kruzifix stand, lag eine Leiche, die Körperhaltung nicht unähnlich der des niedergelegten Christus. Die dürren vertrockneten Arme ausgestreckt, die knochigen Beine angewinkelt, teils von einem Kleid bedeckt, das ich erst wenige Minuten zuvor auf einem Foto gesehen hatte und dessen Muster unter einer jahrealten Schicht aus Schmutz und Staub noch zu erkennen war. Pfingstrosen und Rosen, einst purpurrot, gelb und blau.

Lizzie begann zu schreien, ein qualvolles, kindliches Wehklagen, während sie mit fuchtelnden Armen unter der immer niedriger werdenden Decke auf die vertraute Gestalt zuwankte.

Plötzlich ein Geräusch, das Rumpeln von Steinen, Erdbewegungen. Ein feiner Strahl Staub rieselte mir auf die Wange, wie Regen, und brachte den Geruch nach fauliger Erde mit. Kurz darauf verwandelte sich das Rieseln in eine Sintf lut.

„Signora!“, rief Ballarin hinter uns. „Kommen Sie zurück! Das ist gefährlich. Ich bitte …“

Ich erinnere ich mich nur noch an das Einstürzen der Wände, der Decke, und an die trockene Kälte der Knochen, die anfingen, um uns herum zusammenzufallen, daran, wie ich meinen Arm ausstreckte und versuchte, sie zu erreichen, wie ich die dünne Baumwolle ihres T-Shirts packte.

Dann verschluckten Staub und Dunkelheit alles, und ich rang im widerlichen Pesthauch von Jahrhunderten nach Luft, während ich merkte, wie die kleine klamme Welt unter dem Innenhof des Ca’ Scacchi langsam in Trümmer ging.

3Die verschollene Lucrezia

Am nächsten Tag erwachte ich um neun mit Kopfweh, einem schmerzenden Arm und Pf lastern an den Fingern, mit denen ich in Schutt und Erde gewühlt hatte, um zu Lizzie zu gelangen, die neben den Überresten der Leiche unter dem einstürzenden Gewölbe der vergessenen Templerkrypta verschüttet worden war. Das Leben in Venedig war normalerweise so friedlich, dass ich einen Augenblick brauchte, um zu begreifen, dass ich mich in keinem Albtraum befand.

Der Staub, der Dreck, die verzweifelten Anstrengungen von Ballarins Leuten, uns zu erreichen. Eine rasende Fahrt im Krankenboot, blinkendes Blaulicht, eine heulende Sirene und die Notaufnahme im Ospedale Civile. All das war zu real.

Am frühen Abend stand ich in zerrissener Hose und Hemd vor dem Krankenhaus, das hinter dem schönen Campo San Giovanni e Paolo errichtet worden war, und blickte über die Lagune, die sich hinüber nach Murano und die Friedhofsinsel San Michele erstreckte. Lizzie würde noch bleiben müssen, mindestens zwei Nächte. Sie hatte einen Schlag auf den Kopf bekommen, und man wollte sichergehen, dass sie keine Gehirnerschütterung hatte. Wir hatten Glück gehabt. Sehen durfte ich sie allerdings nicht.

Valentina und Luca hatten uns ins Krankenhaus begleitet und kümmerten sich sofort um mich, als ich entlassen wurde. Natürlich stellten sich viele Fragen angesichts der seltsamen unterirdischen Kammer und der Leiche, die wir dort gesehen hatten, in dem ausgeblichenen Blumenkleid, das ich, kurz bevor die Erde über uns zusammengestürzt war, an der Wand im Ca’ Scacchi gesehen hatte. Doch die notwendigen Verhöre, sagte Valentina, könnten warten, nicht zuletzt, weil Ballarin und ein Polizeiteam noch damit beschäftigt waren, den Schutt aus dem Beinhaus zu schaffen, um zu der Leiche zu gelangen, die wir alle für einen Moment gesehen hatten.

Zu Hause in meiner kleinen Wohnung bei San Pantalon tauschte ich meine Kleider gegen neue aus, die ich in einem Schlussverkauf bei OVS auf dem Lido erstanden hatte, knüllte die alten, schmutzigen zusammen, ging zu dem Müllboot an der Brücke beim Campo Santa Margherita und warf das Bündel in den Laderaum. Wahrscheinlich die letzten der Sachen, die ich aus England mitgebracht hatte. Anschließend ging ich zu Mamafè, um zu frühstücken. Kaum hatte ich mich mit einem Macchiato und einem Gebäckstück niedergelassen, klingelte mein Handy. Es war Lizzie, die anrief, um ihrem Zorn darüber Ausdruck zu geben, dass das Krankenhaus sie nicht sofort entlassen wollte.

„Abgesehen davon“, fügte sie zu meinem Erstaunen hinzu, „wie zum Teufel soll ich für das alles bezahlen? Kapieren die nicht, dass ich pleite bin?“

„Versicherung?“

„Versicherung ist was für Pessimisten. Für Leute, die Geld haben. Aber weswegen ich hauptsächlich anrufe … Klamotten.“

Ich sollte, sagte sie, zu ihrem Zwei-Sterne-Hotel gehen, den Koffer holen, der bereits gepackt war, und ihn zur Besuchszeit um drei ins Krankenhaus bringen. Während ich noch telefonierte, traf eine Nachricht von Valentina ein. Sie bestellte mich zum Mittagessen in die Bar ihres früheren Carabinieri-Kollegen Ugo in Castello. Es sei wichtig. Wie alles momentan.

„Bis heute Nachmittag, Lizzie. Regen Sie sich nicht auf. Noch eine Nacht, und Sie haben es hinter sich.“

„Aber hallo“, sagte sie und legte auf.

Das Hotel verbarg sich in einer Seitenstraße in der Nähe der Accademia. Niemand war hinter dem Empfangstresen, als ich eintrat. Ich musste klingeln und eine ganze Weile warten, bis eine Frau mittleren Alters in hellblauer Kittelschürze aus den hinteren Räumen erschien. Venezianerin, ihrem Akzent nach zu urteilen, und äußerst gesprächig. Enttäuscht musste ich hören, dass Lizzie die Rechnung bezahlt hatte. Ich hatte mir schon gedacht, dass sie abreisen wollte.

„Bloß wegen ihrem schrecklichen Zuhause“, fuhr die Frau fort und fuchtelte mit den Händen. „Die Scacchi. Dieser fürchterliche Palazzo. Ihr Vater hat immer bei mir übernachtet, bis der arme Mann krank wurde. Etwas stimmt nicht damit, sagte er. Er hat nie dort geschlafen, ist immer nur tagsüber hin.“

„Wozu?“

Sie starrte mich an. „Ich hab nicht gefragt. Er gehörte ihm doch, oder? Seine Frau, diese Scacchi, einfach so zu verschwinden. Und jetzt haben sie sie angeblich in so einer Kammer voller Knochen gefunden.“ Sie schauderte, einen Tick zu theatralisch. „Ich weiß, er steht bestimmt unter Denkmalschutz, aber das Beste wäre, wenn sie das ganze verf luchte Gemäuer abreißen und was anderes an seinen Platz stellen würden. Irgendwas Vernünftiges.“

„Zum Beispiel?“

Sie deutete auf die Samttapete hinter mir. „Ein Hotel. Enzo Canale versucht angeblich schon seit Jahren, den Palazzo zu kaufen, um genau das zu tun. Wenn er ihn abreißen würde, könnte er doch etwas Nützlicheres bauen, oder? Das Geld dazu hat er weiß Gott. Diese ganzen Knochen wegschaffen und …“ Erneutes Schaudern. „Die arme Frau, sie muss Signor Hawker das Leben zur Qual gemacht haben.“

„Hat er Ihnen das gesagt?“

Ich erntete einen grimmigen Blick. „Das brauchte er nicht. Der Ärmste ist praktisch vor meinen Augen zugrunde gegangen, mittellos, und immer hat er dort nach etwas gesucht.“ Einen kurzen Moment später begriff sie offenbar, dass sie zu viel gesagt hatte. „Nach Erinnerungen, nehme ich an“, sagte sie rasch. „Was sonst hätte es für einen Grund geben können. Und jetzt liegt seine Tochter im Krankenhaus. Hier …“

Der Koffer war klein, billig und ziemlich voll.

„Und das noch …“ Die Rechnung, als bezahlt abgestempelt. „Ich habe ihr denselben Preis berechnet, den ihr Vater als Stammgast bekam. Ziemlich günstig. Wünschen Sie ihr alles Gute, auch für die Rückreise nach England. Wann f liegt sie?“

Hätte ich das nur gewusst. Ich überging die Frage.

„Ach, und bitte richten Sie ihr aus, einige der Toilettenartikel, die sie erwähnte … Ich konnte sie nicht finden. Keine Zahnbürste. Wie kann man bloß seine Zahnbürste verlieren? Sie ist eine nette junge Frau, aber ein bisschen wie ihr Vater. Der war auch vergesslich.“

„Ich kaufe ihr eine.“

„Wie auch immer. Sie war jedenfalls nicht da. Ich hab überall gesucht. Ich hatte ihr auch gesagt, sie soll die Tür abschließen. Im Zimmer herrschte ein Riesendurcheinander.“

Ich erinnerte mich an das Gesicht, das ich am Fenster gesehen hatte. „Vielleicht ist jemand eingebrochen?“

„Hier?“ Ihre Stimme wurde lauter. „Nein, Signore. Unmöglich.“

Die Frau hatte ewig gebraucht, um aus den hinteren Räumen zu kommen. Sie schien Empfangsdame und Putzfrau in einem zu sein. Vielleicht die einzige Angestellte, die das Hotel überhaupt hatte.

Am Weg lag eine Apotheke. Ich kaufte eine Zahnbürste. Der Koffer war abgenutzt. Und leicht, obwohl, so nahm ich an, alles darin war, was Lizzie Hawker dabeihatte.

Was würde sie tun, wenn sie aus dem Haupteingang des Ospedale Civile trat, vor die prächtige Fassade, die einmal zur Scuola die San Marco gehörte?

Zurück nach London f liegen? Das glaubte ich nicht.

Ugo Abate war knapp siebzig, schon lange vom Polizeidienst pensioniert, wo er, einst selbst Capitano, die junge Valentina Fabbri unter seine Fittiche nahm. Nachdem er die Uniform abgelegt hatte, widmete er sich dem Traum, den er schon jahrelang hegte – sein eigenes bacaro zu führen, eine kleine, am Ende einer Sackgasse gelegene Bar, die sich zwischen den Häuserreihen verbarg, in denen einst Handwerker und Schiffsbauer des angrenzenden Arsenale wohnten. Nur wenige Touristen fanden den Weg zu Ugo, und diejenigen, die kamen, bat er, die Bar nicht in den sozialen Medien zu posten. Er war traditionsbewusst, servierte preiswerten lokalen Wein und köstliche chicchetti, am liebsten einer Kundschaft von Männern und Frauen, die er schon jahrelang kannte. Es ging eher darum, Gesellschaft zu haben, als ums Geld.

Ein Witwer mit f leckiger Schürze über dem runden Bauch, das gutmütige Gesicht vom Wein rot verfärbt und den eigensinnigen Schädel voller Silberhaar, hatte er von vorn angefangen und stand nun sechs Tage die Woche hinter dem roten Holztresen oder trug Teller mit kleinen Delikatessen zu den Tischen im winzigen Innenhof. Ich war erstaunt, dass die Bar geöffnet hatte, denn Ugo gehörte, so nahm ich an, sicher zu den Venezianern, die während Ferragosto das Geschäft schließen würden. Doch an der Tür hing ein Aperto-Schild, und er konnte es kaum erwarten, mich zu begrüßen und hereinzulassen.