Das Buch der Alben - Gabriele Spittau - E-Book

Das Buch der Alben E-Book

Gabriele Spittau

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Beschreibung

Es ist Freitag und das Wetter ist fantastisch. Die Zwillinge Max und Mia freuen sich auf ein tolles Wochenende, gemeinsam mit ihrem Vater, doch dann kommt alles ganz anders als sie es sich vorgestellt hatten. Ihr Vater wird entführt und Max und Mia lernen die geheimnisvolle Welt der Alben kennen. Eine Entdeckung, die ihr Leben von Grund auf verändert. Wird es ihnen gelingen, gemeinsam mit zwei Schwarzalben den Vater aus der Hand der skrupellosen Schatzjäger zu befreien und das geheime Buch zu den Alben zurückzubringen?

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MOBI

Seitenzahl: 147

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Freitag

Samstag

Die versuchte Entführung

Bekanntschaft mit den Alben

Die Versammlung

Im Reich der Schwarzalben

Sonntag

Spinnenseide

Ruhe vor dem Sturm

Notizbücher

Das Versteck

Max wird entführt

Im Keller

Im Haus

Die Polizei

Glossar

Prolog

Der alte Mann sah traurig zu seiner Tochter. In letzter Zeit war es immer mehr schlimmer geworden. Am Anfang hatte er noch gehofft, dass sie einfach nur traurig war, weil ihr Mann sie verlassen hatte. Doch dann hatte sich ihre Persönlichkeit immer mehr verändert. Sie war ständig müde, hatte keinen Antrieb mehr, und kam kaum aus dem Bett. Dann wieder war sie leicht reizbar und aggressiv. Als dann Sprachstörungen hinzukamen konnte er es nicht länger leugnen. Sie litt, wie auch ihre Mutter, schon in jungem Alter an Demenz1. In letzter Zeit waren ihre Wutausbrüche sogar ihren Kindern gegenüber so heftig, dass er sie nicht mehr alleine lassen konnte. Die Medikamente, die sie bekommen hatte, hatten außer schweren Nebenwirkungen nichts gebracht, also hatte sie sie wieder abgesetzt. Nun hoffte er auf das Elixier, von dem der Professor erzählt hatte. Das Elixier der Erinnerung. Sie brauchte es bald, und er hoffte, dass es auch bei Menschen helfen würde, sonst würde sie enden wie ihre Mutter, seine geliebte Rosie.

Freitag

„Drrrring!“, läutete der schrille Ton der Schulglocke am Freitag um 12.15 Uhr das Wochenende ein. „Endlich Wochenende!“, seufzte Mia. Die letzte Stunde war entfallen. Sie freute sich, denn sie hatten geplant am Samstag gemeinsam mit ihrem Vater in den Europapark zu fahren. Aber zuerst waren sie und ihr Zwillingsbruder Max mit ihrem Vater zum Mittagessen in der Stadt verabredet. Mia packte ihren Schulranzen ein, stellte ihren Stuhl ordentlich an den Tisch und ging auf den Flur. Dort drängten schon ihre Mitschüler vor den an der Wand befestigten Jackenhaken. Sie ging zielstrebig auf einen Haken zu, nahm ihre Jacke und stopfte sie in den Schulranzen. Die würde sie heute nicht mehr brauchen, denn für Mitte September war es noch ungewöhnlich warm. Sie freute sich auf den freien Nachmittag und trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. Wieder einmal musste sie auf Max warten, der wie immer trödelte. Mia verabschiedete sich von allen Klassenkameraden, die an ihr vorbeiliefen. „Ciao!“, rief sie immer wieder, oder „bis Montag!“. Schließlich war die Klasse ebenso leer wie der Flur, in dem es immer ein wenig nach Bohnerwachs roch. Nur Max stand immer noch an seinem Tisch und war kein bisschen weitergekommen. Er hatte nicht einmal angefangen seinen Schulranzen einzupacken. Mia wurde langsam richtig wütend. „Max!!! Wieso dauert das denn immer so lange?“, rief sie verärgert in den Klassenraum hinein. Sie stand nun schon seit ein paar Minuten fertig auf dem Flur und wollte endlich los. Mia überlegte, ob sie einfach alleine fahren sollte, doch dann würden sie sicher nicht pünktlich zum Essen mit ihrem Vater kommen, da Max nicht rechtzeitig zuhause sein würde. Schließlich stapfte sie missmutig zurück ins Klassenzimmer, um ihrem Bruder zu helfen. Max hatte seine Sachen wie immer überall verteilt. Auf dem Fußboden, auf der Fensterbank, auf den Nachbartischen und auf und unter seinem eigenen Tisch. „Jetzt mach!“, schimpfte sie.

„Boah, geh doch einfach!“, erwiderte Max genervt.

„Dann kommen wir zu spät!“

Mia räumte, leise vor sich hin schimpfend, alles zusammen in seinen Schulranzen, während Max noch immer sein Federmäppchen sortierte. Doch schließlich hatten sie gemeinsam alle Sachen eingepackt und gingen hinaus. Max zog seine Jacke an.

„Die brauchst du nicht. Jetzt beeil dich doch mal!“, meckerte Mia. „Komm jetzt, lass uns gehen. Papa wartet sicher schon!“

Doch Max schüttelte mit dem Kopf.

„Alter! Mach doch nicht so´n Stress! Der hat doch bis um ein Uhr Vorlesung und wir hatten die letzte Stunde frei.“ Max funkelte seine Schwester wütend an.

Schließlich gingen die Zwillinge hinaus zu den Fahrradständern, schlossen ihre Räder auf und schwangen sich auf ihre Sättel. Mia fuhr langsam vor bis zur Straße und Max folgte ihr. Vom Spielplatz, der dem Schulgebäude gegenüber lag, hörte sie ein lautes Schreien. Offenbar hatte sich ein Kind weh getan. Vögel zwitscherten und entfernte Verkehrsgeräusche drangen an ihr Ohr. Der Weg war ein wenig abschüssig, so dass die Kinder kaum treten mussten. Obwohl es noch sommerliche 26 °C warm war, hatten die Kastanien, die links und rechts zwischen den parkenden Autos an der Straße standen, schon jede Menge Blätter verloren. Mia hörte sie rascheln, als sie darüberfuhr, vorbei an Villen mit verzierten Balkonen und Fenstern, Hecken und schmiedeeisernen Gartenzäunen. Der Geruch von gebratenem Knoblauch und Tomaten wehte aus einem Fenster in ihre Nase. Ihr Magen begann zu knurren. Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrem Zopf gelöst und kitzelte sie an der Wange. Sie wendete den Kopf ein wenig und ließ sie sich von der warmen Septemberluft aus dem Gesicht wehen.

„Ich freue mich schon auf morgen!“, rief Max ihr zu.

„Zum Glück haben wir nicht so viel auf“, erwiderte Mia und verringerte das Tempo, denn sie mussten eine Straße überqueren. Aus einem der Häuser klang klassische Klaviermusik. Sie sah sich sorgfältig nach links und rechts um, vergewisserte sich, dass kein Auto kam und fuhr dann hinüber. Max verließ sich wie immer blind auf seine Schwester und folgte ihr einfach.

„Die Hausis mache ich gleich als erstes, dann habe ich sie hinter mir!“, sagte Mia.

Max nickte. „Ich auch.“

Als die Kinder nach nicht einmal fünf Minuten Fahrt auf die Auffahrt ihres Hauses in der Mozartstraße 58 einbogen, ahnte Mia noch nicht, dass der Besuch im Europapark, einem Freizeitpark nördlich von Freiburg, an diesem Wochenende ausfallen und das Wochenende auch sonst völlig anders verlaufen würde, als sie es je für möglich gehalten hätte.

Zuhause angekommen warfen die Zwillinge ihre Schulranzen und Jacken erstmal in den Flur und schwangen sich dann gleich wieder auf ihre Räder, um weiter in Richtung Innenstadt zu fahren. Martina, die gleichzeitig ihr Kindermädchen und die Haushälterin war, würde meckern, wenn sie später darüber stolperte, doch das war den Zwillingen jetzt egal. Sie waren viel zu hungrig und ungeduldig, um daran zu denken ihren Ranzen ordentlich wegzuräumen. Als die Kinder am Hörsaal ankamen, war noch alles ruhig. Die braunen Holztüren waren geschlossen. Mia mochte es überhaupt nicht, sich während der Vorlesung in den Hörsaal zu schleichen. Sie hatte immer das Gefühl zu stören und von allen angestarrt zu werden. „Wie spät ist es?“, erkundigte sie sich leise. Sie mochte keine Uhr tragen, weil es sie am Handgelenk störte. Außerdem hatte sie ihr Handy fast immer dabei. Das war jedoch in ihrer Tasche, so dass es meistens praktischer war, einfach ihren Bruder zu fragen, wenn er in der Nähe war, da der immer eine Uhr trug. Max kannte das schon. Er verdrehte genervt die Augen und sah dann auf seine Uhr.

„Zehn vor eins. Wir sind zu früh! Schleichen wir uns ´rein?“ Mia schüttelte den Kopf.

„Doch, komm!“, forderte Max sie auf, während er bereits versuchte, die Tür zum Hintereingang so leise wie möglich zu öffnen. Mia hatte keine Wahl. Die Tür quietschte natürlich. Verbrauchte, stickige Luft und ein Geruch nach vielen verschwitzten Menschen schlug ihnen entgegen, als sie den Hörsaal betraten. Sie sahen über zahlreiche Köpfe hinweg, wie am Ende der vielen, steil abfallenden Sitzreihen ihr Vater, der ganz unten vor der Tafel stand, zu ihnen aufsah. Einige Studenten drehten sich ebenfalls um. Mia war froh, dass im Dunkeln niemand sehen konnte, wie sie rot wurde. Sie schlichen, noch immer völlig geblendet von der Sonne, in den großen, dunklen Raum und suchten sich einen Platz in der letzten Reihe, um möglichst wenig aufzufallen. Mia klappte den hölzernen Sitz herunter. Natürlich knarrte das Scharnier, so dass jetzt auch der letzte Student im Hörsaal sich zu ihr umdrehte. Ihre Wangen brannten vor Scham, als ob sie Fieber hätte und sie fasste, wieder einmal, den Entschluss, sich nie mehr von Max überreden zu lassen den Hörsaal kurz vor Ende der Vorlesung zu betreten.

Ihr Vater redete gerade über die nordische Mythologie. Ein interessantes Thema, mit dem sich Mia bestens auskannte. Es war das Lieblingsthema ihres Vaters, eines Professors für Literaturgeschichte, über das er auch seinen Kindern schon viel erzählt hatte. Er sprach gerade darüber, dass die Bevölkerung Islands noch zu großen Teilen an Feen, Elfen und Trolle glaubte und dass es dort sogar Elfenbeauftragte gab, die die Rechte der Elfen vertraten, vor allem, wenn es um größere Bauvorhaben ging. Es raschelte hier und dort, hin und wieder hustete jemand. Ganz selten hörte man ein Handy brummen oder piepen, aber sonst war es ganz still. Die Studenten hörten aufmerksam zu, während ihr Vater erzählte, dass in Island Geister, Götter und Feen allgegenwärtig waren und dass hier angeblich auch der Eingang zur Unterwelt, eine 30 Kilometer lange und 150 Meter tiefe Feuerschlucht eines erkalteten Vulkans sein sollte. Er sagte: „Auch Asgard, der Göttersitz, oder die „leuchtende Götterburg“, wie sie in der Edda10), der altnordischen Spruchdichtung genannt wird, liegt in einem verrufenen Gebiet, das die Isländer Odadaharaun nennen: „Missetäterwüste“. Benannt nach den Mördern, Meineidigen und Ehebrechern, die einst nach germanischer Rechtstradition aus der menschlichen Gemeinschaft verbannt und für vogelfrei erklärt worden waren.“ Mit diesem Satz beendete er seine Vorlesung. „Gibt es noch Fragen?“, erkundigte er sich dann. Ein blonder Student mit einem breiten Mondgesicht, roten Wangen und abstehenden Ohren, der etwas seitlich in der Reihe vor ihnen saß, meldete sich und fragte: „Herr Professor, ich habe gehört, dass auf Island Hinweise gefunden worden sein sollen, dass hier im Schwarzwald eine Elfenkolonie lebt und das so genannte Buch der Alben versteckt sein soll, in dem die Geheimnisse der Elfen und auch einige wichtige Geheimnisse der Menschheit, wie zum Beispiel der Verbleib des Heiligen Grals und zahlreicher anderer Schätze, niedergeschrieben sein sollen. Was halten Sie von dieser Theorie?“

Mias Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt und so bemerkte sie, wie ihr Vater blass wurde. Er räusperte sich mehrmals und trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das vor ihm auf dem Pult stand, bevor er wieder zum Reden ansetzte. Sie sah Max von der Seite an. An seiner hochgezogenen Augenbraue konnte sie deutlich erkennen, dass auch ihrem Bruder die seltsame Reaktion des Vaters aufgefallen war. „Nun, es ist, wie Sie schon sagten, eine Theorie. Das so genannte Buch der Alben...“, antwortete der Professor stockend, räusperte sich noch einmal, griff erneut nach seinem Glas Wasser und trank einen Schluck, bevor er mit fester Stimme fortfuhr: „Das Buch der Alben ist natürlich, ebenso wie die Alben selbst, also die Elfen und Zwerge, aber auch Feen, Trolle, Gnome und sonstige Naturgeister dem Bereich der Mythologie zuzuordnen. Es ist davon auszugehen, dass es dieses Buch ebenso wenig gibt, wie die Alben selbst. Es gibt weiterhin in den wichtigen Schriftstücken, wie zum Beispiel der Edda, keinen Hinweis auf ein Buch der Alben.“

Doch damit gab sich der Typ nicht zufrieden. Er stellte noch zwei weitere Fragen, die ihr Vater jedoch auch nur ausweichend beantwortete. Die anderen Studenten wurden nun langsam unruhig, denn die Vorlesungszeit war bereits vorbei und am Freitagmittag wollten alle gerne nach Hause.

***

Mia sah sich den Studenten, der die Frage gestellt hatte, genau an. Sie fand, dass er unheimlich aussah. Er hatte sehr helle, blonde Haare und war groß und kräftig, wie jemand, der seine Muskeln trainierte und dabei übertrieb. Er hatte ein breites Gesicht und abstehende Ohren mit mehreren Löchern, von denen das unterste ziemlich groß ausgedehnt war. Am Hals schaute eine auffällige Tätowierung aus seinem Hemdkragen heraus. Er trug eine Baseballkappe und eine Sonnenbrille, was sie ziemlich merkwürdig fand, denn es war ja dunkel im Hörsaal. „Als ob er etwas zu verbergen hätte“, dachte Mia. Aber er war so auffällig mit seinen Ohrlöchern und seinem Tattoo, dass sie ihn trotz Sonnenbrille überall wiedererkannt hätte. Sie hatte immer Schwierigkeiten das Alter von Erwachsenen zu schätzen. Sie waren halt erwachsen, doch sie war sich ziemlich sicher, dass dieser Mann älter war als die anderen Studenten. Er war zwar betont leger gekleidet, aber man konnte genau sehen, dass die Sachen, die er trug, neu gekauft und sehr teuer waren. Sie passten außerdem überhaupt nicht zu der Tätowierung und den Ohrlöchern. Sie hätte wetten können, dass er seine gesamte Garderobe gerade zum ersten Mal anhatte. Außerdem sprach er mit einem Akzent, den Mia nicht einordnen konnte. Dieser seltsame Mann verursachte ihr ein mulmiges Gefühl.

***

Da keiner der Studenten weitere Fragen hatte, war die Vorlesung beendet und alle verließen den Hörsaal. Die Zwillinge sahen sich an. Professor Kaltenbach hatte seinen Kindern schon viel über die Alben erzählt, aber von einem Buch der Alben wusste sie nichts. „Hast du schon mal was davon gehört?“, erkundigte sie sich bei ihrem Bruder. Der schüttelte mit dem Kopf. „Wir fragen Papa beim Essen danach.“, schlug er vor. Mia nickte. Sie gingen hinunter zu ihm. „Hallo Papa!“, sagte sie.

„Hallo Kinder!“, begrüßte ihr Vater sie. „Ich muss noch kurz ins Büro, um zu telefonieren, aber das dauert nicht lange. Geht doch schon mal vor zum Italiener und bestellt mir eine Pizza Diabolo. Ich komme gleich nach.“

Mia nickte und sie gingen hinaus. Ein frischer Wind wehte ihr um die Nase. Es hatte plötzlich merklich abgekühlt.

***

In seinem Büro angekommen, griff Professor Kaltenbach gleich zu seinem Telefon. Er war beunruhigt. Wie konnte ein Student das am besten gehütete Geheimnis der Alben entdeckt haben? Er wollte bei seinem Freund Klaus anrufen, der sehr nah an den Alben dran war. Er wohnte in Hofsgrund, in der Nähe des Schauinsland-Bergwerks und hatte regelmäßig Kontakt zu den Schwarzalben, den so genannten Zwergen, die nun schon seit vielen Jahren in den weit verzweigten Stollen des Bergwerks wohnten. Als er gerade gewählt hatte, ging die Tür auf und zwei Männer traten ein. Professor Kaltenbach wurde sofort eiskalt. Sein Herz begann zu rasen und ein Gefühl von Panik erfüllte ihn, denn er wusste instinktiv, dass jetzt etwas Schlimmes passieren würde. Er erkannte den Studenten, der die Frage über das Buch gestellt hatte. Ehe er etwas sagen oder überhaupt nur denken konnte, war der Mann an ihn herangetreten und hatte ihm mit einem Baseballschläger auf den Kopf geschlagen. Professor Kaltenbach sackte bewusstlos zusammen.

„Hallo? Hallo Martin? Bist du das?“, tönte es blechern aus dem heruntergefallenen Telefonhörer, doch das konnte Professor Martin Kaltenbach schon nicht mehr hören.

***

In der Zwischenzeit waren Mia und ihr Bruder bei der Pizzeria DaToni angekommen. Sie stellten ihre Räder im ab, schlossen sie zusammen und gingen die letzten Meter zum Italiener zu Fuß. „Was ist, gehen wir schon ´rein?“, fragte Max nachdem sie angekommen waren. Mia nickte. „Papa hat doch gesagt, dass wir schon bestellen sollen.“, antwortete sie. Die gläserne Schiebetür glitt beinahe lautlos auf. Mia ging, dicht gefolgt von Max hinein und wurde sofort mit warmer Luft aus der Klimaanlage angepustet, die ihre Abluft direkt in den Eingangsbereich blies. Dann wehte der Geruch von Pizza und Pasta um ihre Nase. Sie ging mit Max im Schlepptau auf die Theke zu, an der ein dunkelhaariger Kellner stand, der sie freundlich begrüßte. „I Bambini del Professore! Eure Papa kommt noch?“, erkundigte sich Mario mit deutlich hörbarem italienischen Akzent. Mia und Max nickten fast gleichzeitig. Dann sahen sie sich an und grinsten. Sie machten oft Dinge gleichzeitig. Mia wusste fast immer, was Max gerade dachte und umgekehrt war es genauso. Oft beendete Mia den Satz, den Max gerade begonnen hatte.

Der Mann deutete auf einen Platz am Fenster, der gerade frei geworden war. Die Zwillinge gingen an den Tisch und setzten sich so auf eine der beiden Bänke, dass sie den Eingangsbereich im Auge hatten. Der Kellner brachte drei rote, mit welligem Plastik bezogene Speisekarten und reichte sie den Zwillingen. Mia schlug die Karte auf und begann die Gerichte zu studieren, doch eigentlich wusste sie ohnehin bereits, was sie essen wollte. Seit einiger Zeit aß sie kein Fleisch mehr, da ihr die Tiere leidtaten, also bestellte sie eine Pizza Quattro Fromaggi. Max wählte wie immer Spaghetti Bolognese. Mia gab Mario ein Zeichen, dass er kommen und die Bestellung aufnehmen konnte. Obwohl sie nur sieben Minuten älter war als ihr Bruder, kümmerte sie sich immer um alles. Sie bestellte für sich eine Pizza Quattro Fromaggi, für Max Spaghetti und eine Pizza Diabolo für ihren Vater und für alle eine große Flasche Wasser mit drei Gläsern. Als das Essen kam und Professor Kaltenbach noch nicht in der Pizzaria angekommen war, fing Mia an, sich Sorgen zu machen. Sie sah ihren Bruder an und wusste, dass auch er langsam unruhig wurde. „Ruf ihn doch mal an!“, forderte Max sie auf. Er wusste genau, was in ihr vorging. Mia nahm ihr Handy heraus und drückte die Kurzwahl ihres Vaters. Die Verbindung wurde aufgebaut, dann tutete es in kurzen Abständen. „Besetzt!“, stellte sie fest. Einige Minuten später versuchte sie es noch einmal, mit gleichem Ergebnis. Mia bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend. Was war da los? Als Nächstes versuchte sie es auf seinem Handy, doch es war ausgestellt. „Hoffentlich ist nichts passiert!“, sagte Max. Auch er hörte sich ängstlich an und rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. „Er wird bestimmt bald kommen“, antwortete Mia. Sie wollte beruhigend ihre Hand auf den Arm ihres Bruders legen, doch die Hand zitterte. Nervös blickte sie abwechselnd auf ihr Handy und dann wieder zur Tür. Sie versuchte noch einmal im Büro des Vaters anzurufen, doch wieder war nur das Besetztzeichen zu hören. Schließlich beschloss sie im Sekretariat anzurufen. Die Sekretärin versprach im Büro des Vaters nachzusehen. Einige Minuten später rief sie zurück und verkündete, dass das Büro leer gewesen und der Telefonhörer nicht richtig aufgelegt worden sei. Mia spürte,