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Fünf Freunde gewinnen eine Flugreise in einem Privatjet. Diese entwickelt sich allerdings anders, als geplant. Sie finden sich an einem Ort wieder, an dem Menschen und unheimliche Kreaturen sie jagen.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Impressum
© 2023 Skadi Auriel
Erstauflage
Autor: Skadi Auriel
Umschlaggestaltung: Skadi Auriel
Lektorat, Korrektorat: Patrick Brehmer, Corinna Berz
Verlag & Druck: Bookmundo, Delftestraat 33, 3013AE Rotterdam
ISBN: 9789403717739
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Widmungen
Ich widme dieses Buch meinem Partner, der immer wie ein starker Fels an meiner Seite ist.
Prolog
Ein unbekannter Ort, 2022
Martins Handgelenke schmerzten und das Hämatom an seinem rechten Auge pochte wie wild. Blut rann aus seiner aufgeplatzten Lippe. Er schwitzte und sein Herz raste. Das raue Seil schnitt bei jeder Bewegung in seine Haut ein. Ein Scheinwerfer beschien seine Position. Die Nacht hatte das Kommando am Himmel übernommen und dementsprechend wenig Licht fiel ins alte Gebäude. Die Säulen der Kirche lagen im Dunkeln. Auf dem blutigen Altar stand statt des Kreuzes ein seltsames in Eisen umgesetztes Symbol. Dabei handelte es sich um ein W mit einem Halbkreis hindurch. Daneben lag ein Messer. Es war so still, dass er die draußen fallenden Regentropfen hören konnte. Seine Häscher hatten ihn kurz alleine gelassen. Verzweifelt bewegte er den alten Holzstuhl hin und her. Seine Hände wand er in den Fesseln. Verdammt, er war erst 28 Jahre alt und wollte noch nicht sterben. Er schloss die Augen und entfloh der grausigen Realität.
Seine geliebte Frau lag im Krankenbett und lächelte ihn an. Ihre schwarze Mähne war wirr und verschwitzt. Ein kleines schreiendes Bündel lag in ihren Armen. Obwohl sie Erschöpfung ausstrahlte, wirkte sie selig und zufrieden.
„Dein Sohn“, hauchte sie und übergab Martin das Neugeborene.
Mit zitternden Händen nahm er den in ein Handtuch eingeschlagenen Säugling an, wobei er darauf achtete, immer einen Arm unter seinem Kopf zu haben. Er konnte kaum glauben, dass dieses kleine Würmchen sein Sohn war. Er hatte zusammen mit seiner Frau ein Lebewesen erschaffen.
„Na, Simon.“ Mit dem Zeigefinger streichelte er ihm über den noch unbehaarten Kopf. „Kleiner Mann, ich werde, solange ich kann, auf dich aufpassen. Ich bin so stolz auf dich“, er küsste seine Frau auf den Mund, „und deine wundervolle Mama.“
Simon schrie und ließ sich durch sanftes hin und her Wiegen wieder besänftigen. Neugierig schaute er sich in der für ihn neuen Welt um.
Ein Knacken an der rechten Armlehne verriet Martin, dass er mit seinen Bemühungen Erfolg hatte. Er öffnet die Augen und erkannte erleichtert, dass er immer noch alleine war. Schon für seine Familie wollte er überleben. Er wackelte weiter und auch das Stuhlbein knackte. Er stürzte samt Sitzgelegenheit zu Boden. Endlich hatte er seine rechte Hand gelöst und machte sich daran, seinen anderen Gliedmaßen zur Freiheit zu verhelfen.
Auf einmal nahm er ein staksendes Geräusch im Dunkeln wahr. Im Schatten huschte etwas hin und her. Es stieß sich ab und landete zwei Meter höher an der Säule, wo es sich festhielt. Es schnarrte und gluckste gierig. Todesangst durchströmte den noch gefesselten Martin, der seine Bemühungen verstärkte. Die verschwitzten Hände machten es ihm nicht unbedingt leichter. Endlich hatte er sich befreit. Seine Gedanken überschlugen sich, was wohl im Dunkeln auf ihn wartete und wie er sich wehren konnte. Verdammt, was war, wenn er jetzt starb? Er wollte doch seinen Sohn aufwachsen sehen. Mit wenigen Schritten war er beim Altar und ergriff das blutige Jagdmesser. Da der Haupteingang vielleicht bewacht war, entschied er sich dazu, durch die Sakristei abzuhauen. Ständig die Umgebung mit seinen Augen absuchend, zog er sich dorthin zurück. Der dunkle Schatten sprang zur nächsten Säule und landete irgendwo in der Schwärze. Erneut erklangen staksige Geräusche, die sich ihm näherten.
Er durchquerte die Sakristei, zwei Räume, die im Dunkeln lagen, und öffnete vorsichtig die Tür nach draußen. Vor ihm eröffneten sich verwinkelte Gassen und baufällige Häuser. Mit Beinen wie aus Gummi verließ er die Kirche und entschied sich für die mittlere Straße. Sie war mit Schlaglöchern durchsetzt. Von der anderen Seite her ertönten Stimmen, die in einer für ihn unbekannten Sprache redeten. Sie näherten sich und er hatte keinen Fluchtweg.
„Scheiße“, fluchte er leise.
Neben ihm ging eine Tür auf und ein mittelgroßer Mann, der ein Holzfällerhemd trug, winkte ihn zu sich. Das Messer in der Hand haltend kam Martin dem nach. Sofort, nachdem er eingetreten war, schloss der Helfer in der Not die Tür. Ohne einen Ton zu sagen warteten die beiden Männer ab, bis die Gruppe vorbeigegangen war. Sein Retter sagte etwas in der ihm unbekannten Sprache, woraufhin er mit dem Kopf schüttelte.
„Don’t speak your language“, teilte Martin mit. „Ich spreche deine Sprache nicht.“
Sein Gegenüber überreichte ihm einen grauen Hoodie. Mit einer Geste deutete er an, die Kapuze über den Kopf zu ziehen. Martin zog das muffig riechende Kleidungsstück an und nickte dankend. Die mitfühlende Art erinnerte ihn an seine drei Freunde, mit denen er eine großartige Reise angetreten hatte. Die war anders verlaufen, als sie es sich gewünscht hatten. Alle Drei hatten in diesem verdammten Dorf ihr Leben verloren. Unbändige Wut auf diese Wahnsinnigen und dieses seltsame Etwas in der Kirche stieg in ihm hoch.
Er deutete auf sich. „Martin.“
„Lucian“, antwortete sein Gegenüber und deutete ihm an, dass er folgen sollte.
Zusammen verließen sie das Haus und Lucian führte seinen Schützling durch mehrere Gassen. Auf Distanz begegneten sie weiteren Dorfbewohnern, die keinen Verdacht schöpften.
Sie erreichten den Außenbezirk des Dorfes und fünf Männer und Frauen kamen auf sie zu. Hektisch schauten Lucian und Martin sich um, ohne einen Ausweg zu entdecken. Als die kleine Gruppe nahe genug war, erkannten sie den Flüchtigen. Vor Wut verzerrten sich ihre Antlitze. Lucian schlug einem Mann in den Magen und einer Frau ins Gesicht. Er schrie seinem Schützling etwas zu, was dieser nicht verstand und zeigte in den Wald. Martin trat einem Gegner gegen das Knie. Ihre drei Kontrahenten schrien in der nicht bekannten Sprache und aus dem Hintergrund ertönten mehrere Stimmen, die sich näherten.
,Verdammt, er will sie ablenken’, begriff Martin. ,Wir können nicht alle besiegen.‘
Schweren Herzens rannte er los. Lucian kämpfte tapfer, wenn auch auf verlorenem Posten, gegen seine eigenen Leute.
Martin hetzte in den Wald. Äste peitschten in sein Gesicht. Er rannte um sein Leben und seine Lunge brannte wie Feuer. Seine schwarzen kurzen und wirren Haare trieften vor Schweiß. Hechelnd blieb er stehen und blickte sich in alle Richtungen um. Durfte er sich erlauben, durchzuatmen? Hatte er seine Verfolger abgeschüttelt?
Er drückte sich hinter einen Baum, auf dem Vögel ein- und ausflogen, als sei alles in Ordnung. Die Wolken am Himmel verwehrten dem Mond einen Zuschauerplatz für die Geschehnisse auf der Welt. Martin fiel es schwer, etwas zu erkennen. Viele alte Waldbewohner standen dicht an dicht. Ihr Wurzelwerk zog sich an einigen Stellen über den Boden. Der Brand in seiner Lunge verwandelte sich in ein kleines Feuer. Er fühlte sich wieder in der Lage, weiterzulaufen. Aber wie lange noch?
„Verdammte Scheiße“, fluchte er leise und hoffte, dass es keiner gehört hatte.
Der Schreck über seine Unvorsichtigkeit ließ ihn wie bei einem Stromschlag zusammenzucken. Ein unmenschliches schrilles Kreischen erschallte im Wald und näherte sich. Dazu gesellten sich menschliche Schreie.
Ein Verfolger rief etwas in der unbekannten Sprache. Hass triefte aus der männlichen Stimme.
,Mist, die geben nicht auf. Lucian, was sie wohl mit ihm tun?‘ Salzig schmeckender Schweiß rann Martins Gesicht herunter.
Sofort rannte er weiter und stolperte. Er kullerte einen Hang hinunter. Auf seinem Weg schlugen ihm Äste und Blätter ins Gesicht. Er prallte gegen einen Baumstamm und unterdrückte einen Schmerzensschrei. Stechende Pein erfüllte seinen linken Fuß, als er ihn belastete.
,Scheiße, scheiße, scheiße. Der ist wohl verstaucht‘, fluchte er im Geiste.
Er erspähte in zehn Metern Entfernung eine Hütte. Die Geräuschkulisse im Hintergrund nahm weiter zu. Erneut erklang das unmenschliche Gekreische. Er sprintete, so gut es seine Verletzung zuließ, in die Behausung.
Ein für ihn nicht verständlicher Ruf auf Rumänisch folgte. Martin bemerkte, dass die Angreifer Kurs auf seinen Zufluchtsort nahmen. Mit pochendem Herzen und schweißnassen Händen sah er sich um. Sein Blick glitt über das schmutzige Bett, marode Wandschränke, Tische und eine kleine Küchenzeile. Er duckte sich und rollte sich unter die Schlafgelegenheit.
Er flehte das Schicksal um Hilfe an: ,Bitte, schaut nicht hier nach.‘
Von seiner Position aus sah er Füße und Licht von Taschenlampen. Seine Verfolger riefen sich Worte zu, die er nicht verstand.
Klackende Schritte, die sich nicht menschlich anhörten, kamen die Treppe hoch. Schwarze klauenartige Füße mit scharfen Krallen liefen vor seinem Versteck auf und ab. Etwas schnarrte und gluckste gierig, dann ertönte ein unmenschlich klingender Schrei. Der sendete einen kalten Schauer über Martins Rücken und er bebte am ganzen Leib. Er dachte an das Wesen in der Kirche. Es kostete ihn all seine Selbstbeherrschung, nicht laut aufzuschreien. Er schloss die Augen und ließ das Bild von seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn in sich hochsteigen. Diese Vorstellung verlieh ihm die Kraft, durchzuhalten.
Eine gefühlte Ewigkeit später verließen alle, auch das seltsame Wesen, die Hütte. Mehrere Minuten lang verharrte der am ganzen Körper zitternde Martin. Der Schmerz hatte sich in seinem Knöchel häuslich eingerichtet. Sein Herz pochte. Er wollte nicht sterben.
Vorsichtig kroch er unter dem Bett hervor und kniete sich hin, um unterhalb des Fensters zu bleiben. Der Blick hinaus verriet, dass niemand in seiner Nähe war. Soweit er das bei der Dunkelheit überhaupt feststellen konnte. Weiter weg erkannte er zwei Taschenlampen. Die Gunst der Stunde nutzend verließ er humpelnd die Hütte.
Nur wenige Meter entfernt entdeckte er einen Drahtzaun, der das Gelände abriegelte.
Martin erlaubte einem Funken Hoffnung, zu erglimmen. ,Wenn ich es darüber schaffe.‘
Kurz darauf schrie er vor Schmerz auf, als er seinen verstauchten Knöchel belastete. Einen Sekundenbruchteil später kreischte etwas schrill auf und Schritte näherten sich.
„Scheiße!“, stieß Martin zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
Endlich erreichte er den Zaun und griff danach, um ihn zu erklimmen. Ihm war noch nicht mal die Zeit vergönnt, um zu schreien. Es ertönte ein Zischen, ein Knall. Mehrere tausend Volt jagten durch seinen gequälten Körper. Rauch stieg von ihm auf. Sein toter Leib schlug auf dem Boden auf.
1. Kapitel
Mönchengladbach, August 2022
Die Baumaschinen erzeugten einen ohrenbetäubenden Lärm. Der große Platz am Hauptbahnhof strotzte vor Geräten und Maschinen. Es war diesig. Vereinzelt fielen Regentropfen auf den teilweise aufgerissenen Asphalt. In der Kraterwüste würde in einigen Monaten, realistischer in zwei Jahren, bei allen Bauvorschriften und Lieferproblemen, ein neuer Busbahnhof stehen. Passanten wuselten geschäftig um die Baustelle herum. Die einen hatten Termine, einige gingen in der Fußgängerzone Shoppen und wieder andere eilten zur Arbeit. Es knallte und eine Maschine fiel aus.
„Was ist denn da los?“ Sebi, seines Zeichens Bauleiter, stürmte aus dem Container.
Der Bauarbeiter wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, als er zitternd seinen jüngeren Chef musterte: „Die Baumaschine war falsch eingestellt und jetzt ist der Motor … also …“
Sebi seufzte: „Der Motor ist kaputt. Ich habe euch doch gesagt, wie ihr den einzustellen habt. Bei meinen Angaben funktioniert das immer. Warum habt ihr das nicht so gemacht?“
„Wir dachten, wir hätten eine … optimale Einstellung …“
„Ach was, meine sind die Besten.“ Sebi eilte zu der Maschine und besah sich den Schaden. „Da brauchen wir eine Neue. Ihr seid solche Vollpfosten!“
Ohne ein weiteres Wort verzog sich der Angesprochene. Ein paar Schritte weiter murmelte er etwas in seinen Bart, das sich nicht freundlich anhörte. Sebi war zu sehr mit dem Schaden beschäftigt. Fluchend zog er sich in seinen Container zurück und telefonierte mit seinem Chef. Er brauchte nicht auf Lautsprecher zu stellen, damit ein Außenstehender seinen Boss verstehen konnte. Der war über die Geschehnisse nicht amüsiert.
„Gut, dann kriegen wir morgen die neue Maschine. Ich werde sie persönlich einstellen“, beendete Sebi das Telefonat. „Sie wissen doch, dass ich der Beste bin, den Sie kriegen können.“
Sein Chef gab zurück: „Nach dem heutigen Desaster bin ich mir da nicht mehr so sicher.“
„Das war nicht meine … Schuld“, verteidigte Sebi sich.
In einem knallharten Tonfall warf sein Boss ihm entgegen: „Alles, was die Bauarbeiter tun, untersteht Ihrer Verantwortung. Passen Sie demnächst besser auf!“
„Verstanden.“ Sebi hatte das Gefühl, als hätte jemand einen eiskalten Eimer Wasser über ihm ausgeschüttet.
Sebis Schicht war endlich zu Ende und er näherte sich seinem Audi Quattro. Er warf sich in seinen Autositz, der das mit einem erbarmungswürdigen Quietschen quittierte. Dank der defekten Baumaschine hatten sie einen wichtigen Abschnitt nicht fertiggestellt, wie er es geplant hatte. Das warf ihn im Zeitplan zurück.
,So eine Scheiße’, fluchte Sebi in Gedanken.
Er prügelte sein Auto über die Straßen in Richtung seines Bungalows. Dabei überfuhr er zweimal eine rote Ampel. Er zuckte zusammen und zwang sich dazu, sich zu konzentrieren. Jetzt noch den Führerschein zu verlieren, wäre eine Katastrophe. Hektisch blickte er in den Spiegel, auf der Suche nach einem Polizeiauto. Glücklicherweise entdeckte er keines. Er fuhr an Feldern vorbei und durch ein Wohngebiet. Die Sonne ging unter und eröffnete ein wunderschönes orangefarbenes Schauspiel am Himmel. Er hielt mit dem Auto vor dem Haus und zog den Schlüssel. Angespannt stampfte er zur Tür und öffnete sie. Seine erste Amtshandlung zuhause war es, seine Lederjacke auf sein Sofa zu werfen. Dann ging er zum Kühlschrank. Er entnahm ein alkoholfreies Weizen und Bananensaft. Beides mixte er in einem großen Glas zu einem frischen Bananenweizen. Er nippte daran und lächelte zum ersten Mal seit der mittleren Katastrophe.
Sein Magen knurrte und er fischte eine Pfanne aus dem Schrank. Er stellte sie auf das Ceranfeld und goss Öl hinein. Dann holte er ein Küchenbrett, auf dem er Möhren, Zucchini, Tomaten und andere Gemüsesorten schnitt. Das zerschnittene Gemüse landete, samt Hackfleisch aus dem Kühlschrank, in der Pfanne und brutzelte vor sich hin. Das Kochen half ihm, sich zu beruhigen. All seine Sinne und seine Konzentration waren auf den Prozess ausgerichtet. Der Ärger über seine Mitarbeiter und seinen Chef trat in den Hintergrund.
Gut eine halbe Stunde später war die Fleisch-Gemüsepfanne fertig und er füllte sich etwas davon auf einen Teller. Mit Gabel und Löffel bewaffnet pflanzte er sich vor den Fernseher. Bei einem Streamingdienst schaute er sich eine Folge von Star Trek Enterprise an.
2. Kapitel
Der Refrain von „Walking on Sunshine“ erscholl durch die Lautsprecher. Kathrin tanzte und sang leise mit. Sie schob einen Karren mit Musik- CDs und DVDs vor sich her. Links und rechts waren alphabetisch sortierte Ständer für die Datenträger. Das diesige Wetter raubte dem hellen Verkaufsraum Gemütlichkeit. Eine Abteilung weiter warteten die Computerspiele auf die Konsumenten, dahinter die Spielekonsolen. Roter Teppich säumte die Gänge und schwarzer bedeckte den Rest des Ladens. Sicherheitskameras schwenkten herum. Es herrschte ein nicht verstehbares Gemurmel, das von allen Seiten auf Kathrin eindrang. Ein Dutzend Kunden waren da, die sich miteinander oder einem Kundenberater unterhielten. Wenn es ihnen gelungen war, einen Verkäufer einzufangen und für ihr Problem zu interessieren. Das stand nämlich auf einem ganz anderen Blatt.
„Hallo Frank.“ Sie winkte dem Hausmeister zu, der seine Schicht beendet hatte. „Entspann dich schön.“
„Danke.“ Er lächelte ihr zu und verließ den Laden.
Die vorletzte Strophe des Liedes erklang und Kathrin sortierte die CDs in die Ständer ein. Dabei wippte sie mit den Füßen und fing wieder an zu tanzen. Sie drehte eine Pirouette und die nächste CD fiel an ihren Platz, an dem sie auf die Kunden wartete.
Eine rothaarige Frau mit Jeansjacke und schwarzer Hose sprach sie an: „Sie versprühen ja gute Laune!“
„Irgendwer muss es ja. Wenn ich mir die Trauerklöße da drüben ansehe.“ Kathrin zeigte kichernd auf drei missmutig dreinschauende Kollegen am anderen Ende des Gangs. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich suche die neue Single von Madonna“, die Dame lächelte.
„Hier, die wollte ich gerade einsortieren.“ Kathrin übergab das gewünschte Objekt.
Ihre Kundin setzte sich in Richtung Kasse in Bewegung. Kathrin sang die letzte Strophe von „Walking on Sunshine“ und verfrachtete weitere CDs in die Ständer.
Kathrin schloss die Eingangstür des Elektronikmarktes ab und ging zu ihrem Chef ins Büro. Dort gab sie den Schlüssel ab.
„Peter, ich bin dann mal weg. Hab eine gute Heimfahrt und pass auf dich auf“, wünschte sie ihrem Vorgesetzten.
Er erwiderte mit einem Lächeln: „Es ist gut, endlich Feierabend zu haben. Heute waren die Kunden anstrengend. An solchen Tagen frage ich mich, ob etwas im Wasser ist, was die Leute durchdrehen lässt. Komm du auch gut nach Hause.“
Kathrin verließ den Elektronikmarkt und zeitgleich verschwand ihr Lächeln. Die Arbeit stellte für sie eine willkommene Abwechslung dar. Ihre Gedanken glitten zu ihrer Mutter. Ob sie sie heute wiedererkennen würde? Oder hatte diese verdammte Demenz wieder einen Schleier über ihren Geist gelegt? Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, während sie zu der Haltestelle pilgerte.
Der Bus kam ausnahmsweise pünktlich. Sie stieg ein und hatte eine große Auswahl an Plätzen. Sie suchte sich den Zweier direkt hinter dem Fahrer aus. Neben ihr nutzten zwei Kinder im Grundschulalter und vier Erwachsene das Transportmittel. Bei der nächsten Haltestelle stieg ein älterer Mann mit seiner Frau ein.
„Könnt ihr mal kurz aufstehen?“, fragte der ältere Fahrgast die Kinder.
Verwundert drehte Kathrin sich um, da mehr als genug Sitze frei waren. Perplex, vermutlich auch aus Höflichkeit, kamen die beiden Heranwachsenden der Bitte nach. Sofort setzte sich der ältere Herr mit seiner Partnerin auf die freigewordenen Plätze.
„Was soll das?“ Kathrins Herz pochte vor Ärger. „Es gab mehr als genug freie Sitze.“
Der dreiste Mitfahrer quittierte ihren Protest mit einer abwertenden Geste, indem er mit der Hand durch die Luft wischte. Er schaute wieder aus dem Fenster. Die Kinder setzten sich, verdattert dreinschauend, auf den freien Vierer. In Bus und Bahn hatte Kathrin schon abstruse Szenen erlebt, die sie an dem Geisteszustand der Menschheit zweifeln ließen. Es gab Mitbürger, die in der Lotterie des Benehmens wenig gewonnen hatten, und denen das erschreckenderweise egal war.
Ihre Gedanken wanderten wieder zu ihrer Mutter zurück. Es fiel ihr immer schwerer, die früher so energiegeladene und fürsorgliche Frau derartig labil zu erleben. Wie oft hatte sie sich in harten Zeiten an sie gewandt und Hilfe erhalten? Sie bewunderte die Stärke, die ihre Mutter früher aufgebracht hatte. Seit ihr Vater vor einem Jahr an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte ihre Mutter immer weiter abgebaut. Ihre leichte Schusseligkeit hatte sich in gravierende Vergesslichkeit verwandelt. Die hatte es ihr unmöglich gemacht, ihren Alltag selbstständig weiterzuleben. Warum hatte die Natur so schreckliche Krankheiten erfunden? Welcher Sadist war da am Werke gewesen? Wenn es einen Gott gab, wollte sie nichts mit ihm zu tun haben.
Der Bus hielt und schweren Herzens stieg sie aus. Das ältere Ehepaar lächelte ihr süffisant hinterher und winkte. Zur Antwort streckte Kathrin ihnen den Mittelfinger entgegen. Der Bus war angefahren, daher konnte sie die Reaktion darauf nicht sehen. Jetzt waren andere Sachen wichtig, ihre Mutter wartete hinter der Fassade ihres Elternhauses auf sie. Sie schritt auf das freistehende Haus mit dem beigen Mauerwerk und den roten Dachziegeln zu. Efeu hangelte sich an einem Gitter hoch. Ein dank Gärtnerservice gepflegter Vorgarten lud Gäste dazu ein, näher zu kommen. Der Himmel hatte sich zugezogen und Regentropfen prasselten auf sie nieder.
Kathrin öffnete die Tür mit dem Hausschlüssel. Der Hausflur roch leicht nach Desinfektions- und Putzmittel. Rechts stand ein Sideboard mit zwei Vögelchen aus Porzellan darauf, links ein Sessel mit einer dunkelbraunen Eichengarderobe daneben.
Die füllige Dame vom Pflegedienst kam ihr entgegen. „Gut, dass Sie da sind. Ich muss jetzt los. Ihre Mutter ist gewaschen und hat Medikamente bekommen. Zum Abendessen sind wir noch nicht gekommen.“
„Danke, Gerda. Ich kümmere mich um das Essen.“ Kathrin gelang es, sich ein Lächeln für die herzensgute Pflegerin abzuringen. „Schönen Feierabend.“
„Leider nicht.“ Gerda wischte sich eine schwarze Strähne ihres kurzen gewellten Haar aus dem Gesicht. „Ich habe noch drei Patienten.“
„Dann hoffe ich, dass die Schichten angenehm sind. Pass gut auf dich auf.“
Gerda lächelte mütterlich. „Du aber auch auf dich. Gönn dir eine Pause.“
