Das Diadem - Kathi Wolf - E-Book

Das Diadem E-Book

Kathi Wolf

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Beschreibung

Bist du bereit für dein Vermächtnis? Als Victoria Wellingtons Eltern bei einem dramatischen Autounfall sterben, wird ihr ganzes Leben mir nichts dir nichts auf den Kopf gestellt. Sie zieht zu ihren Großeltern in einen anderen Bundesstaat und wird zu allem Überfluss auch noch in die gehobene Gesellschaft eingeführt, was sich als nicht ganz unproblematisch herausstellt. Als sie eines Tages das Tagebuch ihrer Mutter in die Hände bekommt, taucht sie in eine ihr bisher unbekannte Welt ein und begibt sich, neben Bällen und Galas, auf die Suche nach dem verschwundenen Diadem in Lebensgefahr. Mit der Hilfe ihrer Freunde wird ihr schnell klar, dass sie sich beeilen müssen und, dass die Geschichte hinter der Geschichte eine größere ist als sie sich jemals hätte träumen lassen. Denn sie ist nicht die Einzige, die es haben will!

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Seitenzahl: 609

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kathi Wolf

Das Diadem

Auftakt

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

Impressum neobooks

Prolog

Das Diadem

Auftakt

Kathi Wolf

Impressum

Texte: © Copyright by Kathi WolfUmschlag: by Lilian Mayr Verlag: Kathi Wolf

82166 Grä[email protected]

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Ausgabe, Mai 2018

Für all die,

die die ganze Zeit über an mich geglaubt haben.

Prolog

Als sie hinausblickte, regnete es in Strömen. Der Himmel war mit schwarzen Wolken verhangen und es gewitterte grauenvoll. Dennoch zog sie sich ihren Mantel fester um den Körper und rannte hinaus in das Gewitter. In ihrem Arm trug sie ein kleines Kind mit großen grünen Augen und ihr Gesicht war tränenüberströmt. Sie rannte immer weiter und weiter durch den eiskalten Regen, vorbei an Läden und Straßen, die von blühenden Kirschbäumen gesäumt wurden. Solange, bis sie vor einem kleinen Häuschen ankam. Sie blieb davor stehen und versicherte sich mit einem Blick, dass ihr niemand gefolgt war. Erst dann klingelte sie und wartete, bis ihr geöffnet wurde.

Eine junge Frau, die ungefähr in ihrem Alter war, schloss die Tür auf und half ihrer Besucherin herein. Kaum, dass die beiden durch die Tür getreten waren, begann die durchnässte Mutter des Kindes auf ihre beste Freundin einzureden: „Emily, du musst ihn nehmen! Bitte!“ „Das kann ich nicht!“ wehrte diese ab und bugsierte ihre Freundin vor den angefachten Kamin und legte ihr und dem Kind eine Decke um. Dann fuhr sie fort: „Er ist dein Sohn, Isabella! Sieh dir doch nur mal an, wie süß er schläft. Das kannst du doch nicht machen!“ Isabella richtete einen Blick auf ihren Sohn. Sie wollte ihn nicht weggeben, doch es ging nicht anders. Wer etwas ändern möchte, muss Opfer für diese Veränderung bringen. Und das war nun mal ihr Opfer. Selbst, wenn es nur für ihre Familie war.

Deshalb versuchte sie ihre Freundin doch noch umzustimmen: „Emily! Das kannst du mir doch nicht antun! Du weißt, dass sich etwas verändern muss. Das kann doch so nicht weitergehen!“ „Ich weiß, aber ich kann es nicht. Ich kann deinen Sohn nicht nehmen! Er ist dein Sohn und nicht meiner!“ „Aber Emily!“, wiedersprach die junge Mutter. „Er weiß noch nicht einmal etwas von ihm. Nicht einmal meine Eltern wissen etwas von ihm!“ „Was?! Isabella, das kann doch nicht dein Ernst sein! Wie konntest du deine Schwangerschaft vor ihnen verstecken?“ „Mein Auslandsjahr. Die offizielle Begründung war die Auffrischung meiner Italienischkenntnisse. Ich habe ihnen höchstens eine Kleinigkeit verschwiegen. Mehr nicht.“, erklärte sie ihrer besten Freundin flehend und tränenüberströmt. Doch die konnte es kaum glauben: „Sag mal tickst du eigentlich noch ganz sauber! Du hättest nicht herkommen dürfen!“ Isabellas Stimme überschlug sich fast vor Wut, als sie sagte: „Wenn ich jetzt gehe, was wird dann aus dem Versprechen, das wir uns gegeben haben?“ „Ich werde für immer an deiner Seite stehen, aber du verlangst zu viel von mir!“ Langsam schüttelte Emily den Kopf und auch ihr kullerte eine Träne über das blasse Gesicht.

Dann half sie ihrer Freundin, mit dem Kind auf dem Arm, aufzustehen, und gemeinsam gingen sie in die Küche. Dort wärmte sie das Essen auf, das sie schon abends gegessen hatte, und setzte sich mit ihrer Freundin an den Tisch, wo diese dankbar aß. „Du warst noch nicht bei deinen Eltern, oder?“ Sie schüttelte den Kopf und aß noch ein wenig. Emily fragte weiter: „Wann bist du angekommen?“ „Gestern. Ich wohne in einem Hotel. Morgen gehe ich zu ihnen“, erzählte sie weiter.

Doch da fing das Baby, das mittlerweile in einem Korb lag, der zu einer Wiege umfunktioniert worden war, zu weinen an. „Er hat Hunger“, sagte Isabella zu ihrer Freundin. „Hast du eine Flasche und Babymilch?“ Doch anstatt ihr zu antworten, verdrehte diese nur die Augen. Deshalb ergriff Isabella selbst die Initiative und ging in die Speisekammer, um nach etwas Essbarem für ihren kleinen Sohn zu suchen.

1.

Wir standen auf einem großen, weitläufigen Friedhof, der überfüllt war von Grabsteinen, die schon halb vermoderten und oftmals umgefallen waren. Um uns herum schien die Sonne und es war so heiß, dass wir über jede noch so kleine Windböe froh waren, die über unsere Gesichter streifte. Es roch nach trockenem Gras und manchmal rollte sogar ein Büschel von totem Getreide vorbei. Eine einsame, salzige Träne lief mir über die Wange, den Hals hinunter. Mein Onkel, meine Großeltern und ich standen umringt von ein paar Gästen vor dem viereckigen, ausgehobenen Loch. Dahinter stand ein hoher schwarzer Marmorstein mit weißer Inschrift:

Mögen sie in Frieden ruhen, hier liegen

Isabella Morgan Wellington und Mason Wellington

23.10.1980 – 28.05.2017 03.01.1978 – 28.05.2017

Geliebte Eltern, eine geliebte Tochter, ein geliebter Sohn, eine geliebte Schwiegertochter und ein geliebter Schwiegersohn, ein geliebter Bruder und geliebte Freunde

Eine Woche war es nun her, dass dieser schreckliche Unfall passiert ist. Fünf Menschen wurden verletzt, zwei getötet. Diese zwei waren meine Eltern. Und ich frage mich jedes Mal wieder, warum sie. Warum nicht die anderen, sondern sie? Es war zwar selbstsüchtig, so zu denken, aber warum konnten nicht einfach die Menschen sterben, wegen denen alles passiert ist? Ohne die Mum und Dad noch leben würden.

Da stellte sich auf einmal mein Onkel hinter mich und legte seine Hände auf meine bebenden Schultern. Ich wusste, dass ich ihn ansehen sollte, doch das tat ich nicht. Ich konnte meinen Blick nicht von dem Grabstein meiner Eltern abwenden. Ihre Särge wurden herabgelassen, und noch bevor sie vergraben wurden, legten wir alle eine weiße Rose hinein. Es war einfach nur schrecklich. Sobald ich die Blume sorgsam platziert hatte, wurde mir klar, dass ich sie nie wiedersehen würde, nie wieder mit ihnen sprechen könnte. Mit einem Mal hatte sich mein Leben von Grund auf geändert. Ich musste mich von meinen Freunden verabschieden, von der kleinen Wohnung, in der wir gewohnt hatten und von all den Erinnerungen, die ich mit meiner alten Heimat verband. Für ein paar Tage hatte ich jetzt schon bei meinem Onkel Hunter gewohnt, doch heute sollte ich zu meinen Großeltern ziehen. Meine Sachen lagen schon in ihrem Wagen.

Aber selbst als meine Eltern vergraben und die meisten Leute schon gegangen waren, blieb ich noch. Ich wollte, ich konnte mich nicht endgültig von ihnen verabschieden. Die Gewissheit, nie wieder hierher zurückzukommen, war schon schlimm genug. Nie wieder die vertraute Stadtluft einatmen, nie wieder vor diesem Grab stehen. Ich durfte nicht hierher zurückkommen, das hatte ich meinen Großeltern versprochen. Zwar wusste ich nicht, weshalb ich ihnen das Versprechen geben sollte, doch mir blieb, laut meiner Grandma, nichts anderes übrig, als ihr mein Wort zu geben. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob ich mein Versprechen halten können würde. Ich liebte meine Eltern und konnte mir einfach nicht vorstellen, wie es ohne sie sein würde. Dann auf einmal liefen meine Gefühle in mir Amok. Ich fing an zu weinen.

Die Welt schien stehen zu bleiben. Es regte sich kein Lüftchen, man hörte keinen Ton von meiner noch verbliebenen Familie. Ich stand einfach nur inmitten des trockenen Grases des Friedhofs und weinte bitterlich. Ich wollte nicht ohne sie sein! Nach einer Weile gesellte sich meine ebenso traurige Großmutter zu mir. Sie legte einen Arm um mich und hielt mir ein Taschentuch hin. Ich schnäuzte hinein und sie fing an mich zu trösten: „Komm schon! Hör auf zu weinen, Victoria. Das macht sie auch nicht wieder lebendig!“ „Woher willst du das wissen? Wer sagt, dass sie wirklich tot sind?“, fragte ich unter Tränen und hatte das Gefühl, dass ich das in den letzten paar Tagen schon so oft gesagt hatte. Alles wiederholte sich. Jeder Satz aus meinem Mund, jede Bewegung, die ich tat. Noch einmal blickte ich auf das zugeschüttete Grab, doch ich fing nur noch mehr an zu weinen.

Dann ganz plötzlich fuhr meine Großmutter fort: „Hör auf, dir Gedanken zu machen, Victoria. Bitte. Und erinnere dich an dein Versprechen!“ „Ist das wirklich deine einzige Sorge? Dass ich nie wieder hierherkommen darf? Wie wäre es, wenn du dir darüber Sorgen machst, dass deine Tochter tot ist? Dass du sie nie wieder in deine Arme schließen kannst!“ Ich wollte nicht mit ihr streiten, aber manchmal ließ es sich einfach nicht vermeiden, dass mein Ton ein wenig schärfer wurde als gewohnt. Doch meine Großmutter versuchte mich zu besänftigen: „Glaube ja nicht, dass ich sie nicht vermisse! Sie war das einzige Kind, das ich noch hatte und jetzt ich auch sie weg!“ „Du hast keine einzige Träne darüber vergossen!“, warf ich ihr an den Kopf. „Oh doch, das habe ich!“, zischte sie mich an „Ich habe mir nächtelang die Augen ausgeweint. Aber ich bin eine Frau von Stand und es gehört sich nicht, in der Öffentlichkeit zu weinen. Und jetzt schwör mir, dass du nie wieder hierher zurückkehrst!“ „Großmutter! Ich habe es dir doch versprochen, was willst du mehr?“ fragte ich sie irritiert und war sauer. Alles was ich wollte war, dass sie zeigte, was sie wirklich fühlte. Um sie verstehen zu können. „Ich wollte nur, dass du dieses Versprechen in deinem Hirn verankerst! Und jetzt komm, lass uns fahren!“ antwortete sie mir und legte mir einen Arm um die Hüfte, damit sie mich in die Richtung ihres Wagens lenken konnte.

Doch ich blieb einfach stehen: „Ich will nicht von hier weg, Großmutter! Lass mich hierbleiben, bitte!“ Der Tränenschleier in meinen Augen, der sich für kurze Zeit ein wenig gelichtet hatte, wurde wieder dichter und meine Augen wurden immer röter und verquollener. „Ach, komm her, Kleines“, seufzte sie und nahm mich mit ihren gebrechlichen Armen in eine erstaunlich feste Umarmung.

Jetzt begriff ich, dass ich hier wirklich wegmusste. Dass ich hier auf keinen Fall bleiben konnte, so sehr ich es doch wollte. Allein schon deshalb, weil mich hier einfach alles an meine Eltern erinnerte. Deshalb ließ ich mich jetzt von meiner Großmutter zum Wagen zerren und sie half mir einzusteigen. Dann schnallte ich mich an und sie setzte sich auf den Beifahrersitz. Auf dem Sitz neben ihr saß schon mein Großvater. Er hatte es anscheinend nicht länger als eine halbe Stunde auf der Beerdigung seiner Tochter ausgehalten. War ja klar. Ich hatte eigentlich immer ein gutes Verhältnis mit meinen Großeltern gehabt, doch es erstaunte mich, wie sehr sich die Menschen auf einen Schlag ändern können.

Wenn ich jetzt so über das, was ich in den letzten paar Tagen gesagt hatte, nachdachte, wurde mir klar, dass das alles einfach nur wirr klang. Damit ich die Fahrt über nichts mehr sagen musste, holte ich mein Handy aus der schwarzen Clutch, die mir meine Großmutter aufgebrummt hatte und stöpselte mir Musik in die Ohren. Dann lehnte ich mich ans Fenster und blickte solange ins Leere, bis ich unter Tränen einschlief.

Am Flughafen angekommen, weckten mich meine Großeltern grob und wiesen mich an, auszusteigen. Sie gaben den Mietwagen wieder ab und wir machten uns mit meinem Gepäck auf den Weg zum Gate.

Nachdem wir meine Koffer aufgegeben hatten, fiel mir auf, dass unser Flug erst in einigen Stunden gehen würde und wunderte mich, weshalb wir denn jetzt schon hier waren. Mit fester Stimme fragte ich meine Grandma, ob ich mich kurz frisch machen könnte. Sie nickte und mit schnellen Schritten verschwand ich in der nächsten Toilette. Da wir noch viel Zeit hatten, spritzte ich mir ein wenig Wasser ins Gesicht, um richtig wach zu werden und band meine Haare zu einem relativ ordentlich aussehenden Dutt. Ich sah fertig aus, aber das kam wahrscheinlich nur vom vielen Weinen. Ich holte mein Make-up aus der erstaunlich geräumigen Clutch und frischte mein Styling auf, um ein wenig besser auszusehen. Gerade als ich meinen dunklen Lippenstift nachgezogen hatte, kam meine Grandma herein und fragte mich besorgt: „Hey, ist bei dir alles in Ordnung?“ „Ja, alles super“, versicherte ich ihr und zwang mich zu einem traurigen Lächeln. Sie sah mich bedrückt an: „Du weißt, dass ich dir das nicht abkaufe. Also, was ist los?“ „Meine Eltern“, flüsterte ich und rieb mir nervös die Hände. Eigentlich dachte ich, dass sie mich sofort wieder trösten würde. Aber das tat sie nicht. Stattdessen erklärte sie mir nur: „Victoria, es wird alles wieder gut werden. Und jetzt komm, wir haben noch einen Termin.“

Egal wie sehr ich meine Grandma anflehte, sie wollte mir partout nicht sagen mit wem wir uns treffen würden. Erst als wir in einem kleinen Besprechungszimmer mitten im Flughafengebäude angekommen waren, erklärte sie mir aufgeregt: „Dein Großvater hat dieses Treffen vereinbart und du solltest vielleicht wissen, dass du nicht eingeplant warst. Eigentlich dürftest du gar nicht dabei sein. Nur leider haben wir gerade keine andere Wahl. Und jetzt komm.“ Sie stieß die Tür auf und ich war echt erstaunt, wie hässlich der Raum war, den wir betraten. Ein Mann um die Dreißig kam auf uns zu und begrüßte meine Grandma herzlich. Nachdem sie sich ein wenig unterhalten hatten, kam er auf mich zu und hielt mir erfreut die Hand hin: „Guten Tag. Sie müssen Victoria sein. Nicht wahr? Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen. Mein Name ist Abaddon Kaitou.“ Aus reiner Höflichkeit schüttelte ich ihm die Hand, doch irgendwie war er mir nicht ganz geheuer. Hinter seinem britischen Akzent verbarg sich etwas Dunkles. Etwas Unheilvolles.

Wir setzen uns zu meinem Großvater und Mister Kaitou erklärte uns: „Es ist schön, dass Sie dieses Treffen einrichten konnten. Wie war die Beerdigung?“ Ich wurde blass und starrte ihn düster an. Woher konnte er wissen … ? „Wie eine Beerdigung nun mal“, erwiderte meine Großmutter ihm rasch „Haben Sie etwas Neues herausfinden können? Immerhin ist jetzt ein wenig Zeit vergangen“ „Ja, Madam. Es wurde ungefähr im 15. Jahrhundert geschmiedet und verändert sich je nach Träger, was allerdings rein theoretisch gar nicht sein kann, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Nur der Thronerbe kann es tragen, sonst stirbt der Träger. Nur leider konnte ich nichts über seinen Aufenthaltsort herausfinden. Tut mir leid“, erzählte er meiner ungeduldigen Grandma, die daraufhin bedrückt die Lippen kräuselte. Anscheinend war sie mit dieser Antwort ganz und gar nicht zufrieden. Und ich zu meinem Teil musste zugeben, dass ich keine Ahnung hatte, worüber sie redeten. Was ich wusste, war aber, dass dieses Gespräch wichtig war, sonst hätten meine Großeltern nicht so ein Theater darum veranstaltet. „Sie können uns also im Moment nichts erzählen, was wir nicht längst schon wissen, habe ich Recht?“, konfrontierte mein Großvater Mister Kaitou. Dieser schüttelte verneinend den Kopf. „Also gut. Melden Sie sich bei uns, wenn sie etwas Neues herausgefunden haben. Einen schönen Tag noch!“, fügte meine Grandma hinzu und erhob sich von ihrem Stuhl. Auch mein Großvater und ich verabschiedeten uns noch von dem Mann und schlossen zu meiner Grandma auf, die ein ordentliches Tempo zum Gate anschlug.

Die Tür war hinter mir und meinem Grandpa ins Schloss gefallen und wir mussten uns beeilen, um seine Frau einzuholen. Ein kurzer Blick auf mein Handy bewies mir, dass wir immer noch fast zwei Stunden Zeit bis zu unserem Flug hatten. Als wir meine Großmutter eingeholt hatten, fragte ihr Mann sie verständnislos: „Musste das wirklich sein? Er hat dir doch nichts getan! Wenn er keine Informationen für uns hat, hat er eben keine. Das ist ja nicht seine Schuld!“ „Und ob er Schuld daran hat! Er hätte uns nicht herbeordern dürfen, wenn es nicht wirklich wichtig gewesen wäre. Und in dem Fall war es wirklich absolut nicht wichtig!“, maulte sie ihn an und verzog das Gesicht zu einer strengen Maske.

Während wir in der Abflughalle warteten, las ich in meinem Buch und war wirklich immer wieder erstaunt, was alles in die kleine Tasche passte. Die Stunden vergingen rasend schnell und schon wurde unser Flug aufgerufen.

Die fünf Stunden Flug verbrachte ich damit, durch die Mediathek zu zappen um zum Schluss bei irgendeiner Liebesschnulze hängen zu bleiben. Was auch ganz gut so war, da meine Gedanken immer wieder zu meinen toten Eltern abschweifen wollten.

Ich war froh, als wir endlich am Haus meiner Großeltern angekommen waren. Die untergehende Sonne schien hell und heiß auf meine blasse Haut und in meinem schwarzen Kleid wurde mir schnell warm. Als ich mich umblickte, sah ich das Meer und den Strand, der nur ein paar Schritte von dem Haus entfernt war. Ich hatte es bisher nur zweimal betreten und kaum noch Erinnerungen daran, aber jetzt sah ich es endlich wieder. Es war ein sehr großes, altes Haus. An der Vorderseite rankte sich Efeu vom Grundstein bis zum Giebel, und stellenweise wuchsen unter dem Efeu wundervolle Rosen. Das Haus sah einfach nur atemberaubend schön aus.

Mein Großvater holte gerade meine Sachen aus dem Kofferraum und ich beeilte mich, ihm zu helfen. Seine Frau war schon vorgegangen und hielt uns die Tür auf, während wir die Koffer hineintrugen. „Also, wir haben ein Zimmer für dich vorbereitet. Das einzige was du wissen solltest, ist, dass wir momentan einen Praktikanten im Haus haben. Also nicht erschrecken - sollten bei dir ein paar Sachen verschwinden oder auf einmal neue Sachen auftauchen“, erzählte sie mir.

„Okay?“ fragte ich verdutzt und blickte sie fragend an. Doch sie übersah diesen Blick, wofür ich ihr sehr dankbar war.

Ich stellte gerade die Koffer ab, als meine Großmutter fortfuhr: „Hast du Hunger, Victoria? Du hast seit einer halben Ewigkeit nichts mehr gegessen!“ „Nein, danke. Ich bin eigentlich nur müde. Könnt ihr mir bitte einfach mein Zimmer zeigen?“ fragte ich vorsichtig. „Ja natürlich. Komm mit!“ antwortete mir meine Großmutter.

Ich wollte mich gerade umdrehen und meine Koffer hochtragen, da merkte ich, dass sie nicht mehr da waren.

„Ich glaube, ich lege mich wirklich lieber noch mal hin“, murmelte ich irritiert und folgte meiner Großmutter die große Marmortreppe hinauf, die sich über das ganze Foyer erstreckte. Jetzt, da ich einen Blick durch das Untergeschoss streifen lassen konnte, kam mir dieses ganze Haus ziemlich prunkvoll und übertrieben vor. Doch momentan ging das alles regelrecht an mir vorbei. Ich war wirklich müde.

Meine Großmutter brachte mich noch ein paar Treppen mehr hinauf und blieb vor einer großen Flügeltür stehen. Dann sagte sie: „Ich lasse dich jetzt allein. Schlaf dich aus, Kleines!“ „Gute Nacht, Grandma!“ Sie gab mir einen Kuss auf die Wange und verschwand.

Jetzt stand ich einsam und verlassen auf dem Flur, vor der Tür meines neuen Zimmers, und traute mich nicht, sie aufzumachen. Denn dann würde ich eine Veränderung wagen, die ich eigentlich nie wollte.

Schließlich legte ich meine Hand trotzdem auf die Klinke und atmete tief ein, als ich sie herunterdrückte. Dann sah ich das Zimmer. Es war genauso wundervoll wie alles, was ich bis jetzt von dem Haus gesehen hatte. Es war elegant und dennoch etwas märchenhaft-mediterran in Lila und Blau gehalten. Ich hatte noch nie ein so wundervolles Zimmer gesehen wie dieses hier. Doch im Moment wollte ich nichts mehr als schlafen und nie wieder aufstehen. Deshalb fiel ich in das große Himmelbett, zog die Vorhänge zu und schlief sofort ein.

2.

Ich erwachte, als von draußen leises Vogelgezwitscher in mein Zimmer drang und ich das Rauschen der Wellen hörte. Ich war erst ein wenig verwundert, erinnerte mich dann aber wieder daran, dass ich jetzt bei meinen Großeltern wohnte und wohl nie wieder von hupenden Autos geweckt werden würde. Langsam öffnete ich die Augen. Ich schob die hellblauen Vorhänge meines Bettes zur Seite und schwang meine Beine auf den weichen, weißen Teppich, der im gesamten Zimmer ausgebreitet war. Ich rieb mir die Augen, um richtig wach zu werden und fing an, mein neues Zimmer ein wenig zu erkunden. Meine Koffer standen unberührt in einer Ecke und jetzt wusste ich auch, was meine Großmutter damit meinte, dass manchmal Sachen einfach so auftauchten oder verschwanden und musste grinsen. Ich war mir nämlich eigentlich ziemlich sicher, dass sie gestern noch nicht dort standen.

Ich ging zum Fenster, riss die Vorhänge auf und blickte hinaus. Das blau schimmernde Meer bildete einen wunderschönen Kontrast zu dem weißen Sandstrand, und in der Ferne konnte ich ein Bootshaus und einen Holzsteg erahnen. Ich öffnete das Fenster und der Geruch des Meeres und die Wärme der Sonne kamen noch intensiver in das Zimmer hereingeströmt. Auf mich wirkte diese Umgebung wohltuend, wenn auch sehr ungewohnt.

Nachdem ich mich vom Fenster losreißen konnte, ließ ich meinen Blick langsam durchs Zimmer schweifen. In einer Ecke entdeckte ich eine Tür. Neugierig ging ich mit großen, federnden Schritten einmal quer durch das große Zimmer, legte vorsichtig die Hand auf den silbernen Türgriff, drückte ihn herunter und fand ein unglaublich schönes Badezimmer vor. Es hatte alles, was man brauchte. Eine Dusche, ein Waschbecken und einen Spiegel. Da ich keine Ahnung hatte, wie viel Uhr wir hatten, wollte ich mein Handy aus der Tasche holen. Bis mir auffiel, dass die Tasche nicht in meinem Zimmer war, und ich hatte komischerweise auch keine Ahnung, wo ich sie hingelegt haben könnte. Aber das war nicht so schlimm, denn meine Großeltern hatten anscheinend an alles gedacht und sogar einen Wecker auf den Nachttisch gestellt. Es war schon fast Mittag, weshalb ich beschloss erst duschen zu gehen, bevor ich meinen Großeltern wieder unter die Augen trat.

Als ich unter dem warmen Wasser stand, machte ich mir die letzten Tage noch einmal bewusst. Meine Eltern waren tot und von nun an sollte ich bei meinen vor Prunk nur so strotzenden Großeltern leben. Mir war irgendwie noch nie bewusst gewesen, wie reich meine Großeltern wirklich waren. Für mich waren sie einfach immer nur Grandma und Grandpa. Nachdem ich geduscht hatte, stellte ich mich vor den Spiegel. Mein blasses Gesicht wurde von lockigen, dunkelbraunen Haaren umrahmt. Dadurch, dass meine Haare so dunkel waren, stachen meine hellen blauen Augen besonders heraus. Nachdem ich mich fertiggemacht hatte, ging ich im Bademantel wieder zurück in das Schlafzimmer. Gegenüber dem Bett standen eine Kommode und darüber ein Spiegel.

Rein aus Neugier zog ich die Schubladen auf und erwartete eigentlich nicht sonderlich viel. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich ziemlich spontan zu meinen Großeltern gebracht worden war, doch dem war anscheinend nicht so. Ich war wirklich überrascht, dass sie mir Klamotten besorgt hatten und musste zugeben, dass mein Geschmack noch nicht mal so schlecht getroffen war. Das Einzige, was fehlte, waren Oberteile und Kleider. Ich ließ ein weiteres Mal den Blick durch das Zimmer streifen und erblickte eine weitere Tür neben der Badezimmertür, die mir davor überhaupt nicht aufgefallen war.

Ich inspizierte sie kurz und öffnete sie dann erfreut. Hinter der Tür fand ich alles, was mein Herz begehrte. Strandkleider, Sommerkleider und sogar Abendkleider, obwohl ich nicht wüsste, wozu ich diese jemals brauchen würde. Nach den Kleidern fand ich auch noch Shirts, Tops und kuschelige Pullover. Auf dem Boden des Wandschranks waren sogar Schuhe für mich bereitgestellt. Ich musste also noch nicht mal meine Koffer auspacken, was mich sehr freudig stimmte. Es ist ja nicht so, als würde ich es nicht mögen Koffer auszupacken, aber ich wusste, es würde mich traurig machen, meine alten Sachen zu sehen.

Eine Träne kullerte über meine Wange und ich wischte sie schnell mit dem Handrücken weg. Es war ein viel zu schöner Tag, um Trübsal zu blasen. Ich hatte mich für ein weißes Sommerkleid und Sandalen dazu entschieden.

Bevor ich das Zimmer verließ, um meine Großeltern zu suchen, warf ich noch einen Blick in den großen Spiegel auf der Tür des Wandschrankes. Meine braunen Haare lockten sich bis hinunter zu meiner Hüfte und betonten meine zierliche Figur.

Ich zuckte zusammen, als es auf einmal an meiner Tür klopfte und eine leise Stimme fragte: „Darf ich reinkommen, oder lässt du mich im Flur stehen?“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich mich zur Tür umdrehte und sie öffnete. Vor mir stand ein Junge mit dunkelbraunen Haaren und gebräunter Haut. Ein typischer Junge aus Los Angeles. Er trug eine graue Dreiviertelhose und ein schwarzes Shirt. „Hi! Du musst Victoria sein. Ich bin Jacob“, begrüßte er mich mit einem freundlichen Grinsen und hielt mir die Hand hin. Ich schlug ein und erwiderte ihm: „Ja. Du müsstest dann der Praktikant meiner Großeltern sein.“ „Genau der bin ich!“ antwortete er mir und rieb sich mit seiner Hand verlegen den Nacken. Erst als es für eine kurze Zeit still war, fuhr er fort: „Ähm, ich soll dich zum Essen abholen. Deine Großeltern warten schon auf uns.“ „Gut, dann lass uns gehen“, schlug ich vor.

Er zog die Tür hinter mir zu und dann gingen wir gemeinsam runter. Irgendwie kam mir der Weg heute jedoch tausend Mal länger vor als gestern und nachdem wir schon eine Weile gegangen waren, fragte er mich auf einmal: „Also, du bist seit gestern hier, oder?“ „Ja. Wie lange arbeitest du schon hier?“ Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht mitbekam, dass wir abbiegen mussten. Doch Jacob packte mich zum Glück gerade noch rechtzeitig am Arm und zerrte mich zur Seite. „Victoria, pass auf! Sonst läufst du mir irgendwann noch gegen die Wand!“, warnte er mich und lächelte mich freundlich an. „Verzeihung. Ich war in Gedanken“, erklärte ich ihm und sah ihn entschuldigend an. Dann sagte er: „Du musst dich doch nicht bei mir entschuldigen! Ich passe gerne auf dich auf!“ Jetzt musste ich anfangen zu lachen, blickte auf den Boden und flüsterte: „Danke, Jacob!“

Als ich meinen Kopf wieder hob, stand plötzlich meine Großmutter vor mir und hätte Jacob mich dieses Mal nicht wieder zurückgehalten, wäre ich gegen sie gelaufen. Sie sagte: „Da seid ihr ja endlich! Jacob, wieso hat das solange gedauert!“ „Entschuldigen Sie, Madam! Das war keine Absicht, wir haben uns verquatscht und…“, erwiderte Jacob. Aber meine Großmutter winkte ab: „Ich weiß schon, Jacob. Ich verstehe ja, dass ihr euch erst kennenlernen musstet. Allerdings solltest du dich endlich an unsere Essenszeiten halten! Und jetzt kommt!“ Meine Großmutter nahm mich bei der Hand und gemeinsam gingen wir ins Speisezimmer.

Erst als ich das Zimmer betreten hatte, wurde mir klar, wie hungrig ich eigentlich war. Es roch nach gebratenem Speck, Semmeln und Rühreiern. Einfach unglaublich, was meine Großmutter gezaubert hatte. Dennoch konnte ich nicht umhin, einen Blick auf die große Uhr zu werfen. Die Mittagszeit war mittlerweile schon längst vorbei und trotzdem gab es noch Frühstück? Bevor ich mich setzte, wandte ich mich an meinen Großvater: „Grandpa, warum gibt es jetzt noch Frühstück?“ „Nun ja“, antwortete er mir. „Wir fanden, dass du etwas Richtiges bekommen solltest. Du hast sehr lange nichts mehr gegessen. Und zum Mittagessen wirst du, glaube ich, nicht da sein, oder Jacob?“ „Ja, das kann gut sein“, antwortete Jacob meinem Großvater. Mir teilte Jacob dann mit, dass er mir heute ein bisschen die Gegend zeigen möchte.

Wir setzten uns an den Tisch, und ich begann meine Semmel mit Butter zu bestreichen und mit Rührei zu belegen. Außer mir aß niemand, woraus ich schloss, dass die anderen schon gegessen hatten. Soviel zu Essenszeiten, schon klar.

Als ich fertig war und Jacob mich wieder zu meinem Zimmer gebracht hatte, fragte er: „Was hältst du davon, wenn ich dir wirklich gleich ein bisschen die Gegend zeige?“ „Ich dachte, das wäre schon beschlossen?“, antwortete ich ihm mit einer Gegenfrage. „Ja schon“, sagte er verlegen. „Ich wollte nur sichergehen, dass du etwas von der Stadt sehen willst“, erklärte er mir. „Natürlich will ich etwas von hier sehen!“, sagte ich zu ihm und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare. „Okay, dann hol deine Tasche und lass uns losgehen“, wies er mich an.

Also verschwand ich kurz in mein Zimmer. Nur, um nach ein paar Sekunden zögerlich wieder heraus zu kommen und Jacob fragend anzusehen. Ich machte gerade den Mund auf, um etwas fragen, als er mir zuvorkam: „Deine Tasche liegt auf deinem Bett.“ „Danke!“ sagte ich zu ihm und lächelte ihn nett an. Es war gut, wenn er wusste, was ich ihn fragen wollte, ohne meine Frage abzuwarten.

Dann zog ich die Tür wieder zu und schaute nach, ob sie wirklich auf dem Bett lag. Und das tat sie. Sie lag auf einem Bett, das nicht ich gemacht hatte und in einem Zustand, in dem ich sie nicht zurückgelassen hatte. Die Taschentücher von der Beerdigung waren nicht mehr drin und sie war generell sehr ordentlich. Und das war sie normalerweise nie. Ich konnte mir diese Ordnung nicht besser vorstellen, als dass jemand an meiner Tasche gewesen war. Deshalb warf ich nochmal einen Blick nach draußen zu Jacob. Doch auch dieses Mal kannte er schon die Antwort auf meine noch nicht gestellte Frage: „Deine Großmutter. Sie hasst es, wenn etwas unordentlich ist.“ „Okay“, stammelte ich und verzog mich ein weiteres Mal in mein Zimmer.

Ich begann meine Tasche auszupacken und warf nur schnell mein Handy, Kopfhörer, meinen Zeichenbock, Bleistift und mein Portemonnaie hinein. Danach holte ich aus dem Wandschrank noch eine helle Jeansjacke und zog sie über. Bevor ich das Zimmer verließ, warf ich noch einen Blick in den Spiegel. Meine Engelslocken waren ein wenig zerzaust, weshalb ich sie mit den Fingern noch einmal kurz durchkämmte, um sie dann zu einem Zopf zu flechten, den ich mir über die Schulter legte. Das erinnerte ich mich daran, wie mir meine Mutter immer die Haare gekämmt hatte. Bei diesem Gedanken floss mir lautlos eine Träne über die Wange. Schnell wischte ich sie weg, da ich nicht wollte, dass Jacob mich so sah. Ich atmete noch ein letztes Mal tief durch, nahm meine Tasche und verließ das Zimmer.

Draußen lehnte Jacob lässig an der Wand und wartete schon auf mich. Als er mich sah, hellte sich seine Miene auf: „Da bist du ja, Victoria. Was hast du da drinnen so lange gemacht? Außer dieser wunderschönen Frisur?“ „Dankeschön. Und entschuldige, dass ich dich so lange habe warten lassen“, entgegnete ich ihm und spürte, wie mir das Blut vor Verlegenheit in die Wangen schoss. Er gab seine Position an der Wand auf und gemeinsam gingen wir die ganzen Stufen noch ein erneutes Mal hinunter.

Im Foyer trafen wir dann wieder auf meine Großmutter. Jacob und ich erklärten ihr, dass er mir, wie gesagt, die Gegend zeigen wollte. Daraufhin sagte sie: „Dann wünsche ich euch viel Spaß, Kinder! Und Jacob?“ „Ja?“, fragte er neugierig. „Bring Victoria zu James!“, wies meine Grandma ihn an. „Ja das werde ich, Madam!“, versprach er und wir verabschiedeten uns. Jacob hielt mir ganz gentlemenlike die Eingangstür auf und ich schlüpfte hinaus.

Draußen umhüllte mich die warme Sommerluft. Ich konnte das Meer riechen, früher in der Stadt konnte ich das nie. Deshalb atmete ich tief ein, bis Jacob mich anstieß und fragte: „Alles klar bei dir?“ „Ja, es ist alles in Ordnung. Wo lang müssen wir?“, fragte ich, um von dem Thema abzulenken. Denn in Wahrheit hatte ich an den letzten Urlaub mit meinen Eltern gedacht.

Wir waren nach Kanada gefahren und gerade eben hatte ich mich gefühlt, als wäre ich wieder dort. Als wäre die Zeit zurückgedreht worden. Meine Eltern, die sich zu ihrem Hochzeitstag küssten. Wie mein Vater meiner Mutter liebevoll einen Arm um die Schulter legte, als die beiden von einem Spaziergang zurückgekommen waren. Doch gleichzeitig fühlte ich auch eine große Leere. Eine Leere, von der ich dachte Nichts und Niemand könne sie wieder füllen. Nichts könne mich wieder vollständig machen. In meinem Herz sollte für immer ein tiefes schwarzes Loch sein.

Da brachte mich Jacob plötzlich wieder in die Gegenwart zurück, indem er mit der Hand vor meinem Gesicht herumfuchtelte: „Victoria! Ist wirklich alles in Ordnung? Du wirkst so abwesend.“ Ich wollte mit Jacob nicht über meine Eltern reden. Ich meine, er kannte sie doch noch nicht einmal! Wozu ihm also etwas über Personen erzählen, die er noch nie zuvor gesehen hatte? Aus diesem Grund schüttelte ich einmal kurz den Kopf, und um auf andere Gedanken zu kommen, sagte ich zu ihm: „Wolltest du mich nicht in der Stadt herumführen?“ „Ja, klar, komm. Ich möchte dir ein paar Orte zeigen und glaub mir: wenn du die Stadt einmal kennengelernt hast, willst du nie wieder von hier weg!“

Wir setzten uns also in Bewegung und als wir eine Weile an der Küste entlang gegangen waren, fragte ich, um die Stille zu brechen, meinen Begleiter: „Wohnst du eigentlich schon immer hier?“ „Ja“, antwortete mir dieser sofort. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen.“ Wow, dachte ich mir. Wenn ich mal so darüber nachdachte, fand ich es schön, hier zu wohnen. Es war warm, die Sonne schien und man konnte das Meer sehen. „Deine Großmutter hat mir erzählt, dass du ab der nächsten Woche wieder in die Schule gehen sollst. Was hältst du davon?“, fragte er vorsichtig und ich bemerkte, dass er versuchte, mir nicht zu nahe zu treten. Und da er mich so nett gefragt hatte, antwortete ich ihm: „Ganz ehrlich?“ Er nickte. „Ich habe keine Lust, wieder in die Schule zu gehen. Vor allem nicht in einer anderen Stadt. Ich meine, ich kenne hier doch überhaupt niemanden“ „Doch“, widersprach er mir. „Du kennst mich!“ „Ja schon, aber das ist etwas vollkommen anderes!“, erklärte ich ihm. Und nach einer kurzen Pause, da ich nicht wusste, was ich hätte sagen sollen, fuhr ich fort: „Das ist jetzt überhaupt nicht böse gemeint, aber du bist doch der Praktikant meiner Großeltern! Und nimm das jetzt nicht persönlich, aber ich dachte du gehst gar nicht mehr zur Schule.“ „Ich gehe aber noch zur Schule. Das ist mein letztes Jahr. Und soll ich dir etwas versprechen?“ Anstatt zu antworten, sah ich ihn nur fragend an. Dann sah er zu mir und versprach: „Es wird nicht schlimm werden. Die Schule und die Leute sind echt cool. Ich denke, du wirst schnell Freunde finden!“ Wir gingen noch eine Weile weiter und ich blickte mich um. Ich konnte wieder den Strand, das Meer und vereinzelte Palmen sehen. Doch da es so heiß war, kräuselten sich meine Haare und ich war froh, dass ich mir einen Zopf gebunden hatte.

Nach einer Weile erklärte mir Jacob: „Und hier Madam sehen Sie unsere wundervolle Promenade.“ Was das anging, konnte ich ihm nicht wiedersprechen. Wenn ich mich nach links drehte, war dort direkt das Meer und in der anderen Richtung viele, viele Läden nebeneinander. Da fiel mir gerade ein, dass meine Grandma einen Namen erwähnt hatte. Deshalb fragte ich meinen Begleiter: „Solltest du mich nicht zu irgendjemandem bringen?“ „Ja, schon“, erwiderte er und fuhr auch gleich fort: „Aber darf ich dich davor noch etwas fragen?“ „Ja klar kannst du das“, antwortete ich ihm verwundert. Warum wirkte er nur so ernst? Doch da fragte er auf einmal: „Magst du den Strand?“ „Ist das dein Ernst?“ prustete ich los. Ich konnte mich einfach nicht weiter zusammenreißen. Entsetzt schaute er mich an und sobald ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, fragte er: „Was ist so lustig?“ „Du klangst so ernst, als du gesagt hast, dass du mich etwas fragen möchtest. Und dann kommt so etwas Simples!“, erklärte ich ihm. „Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, ich liebe den Strand! Ich war zwar noch nicht so oft dort, aber ich mag ihn.“ „Okay, dann kann ich dich ja jetzt zu James bringen. Er ist schon sehr gespannt, wie du so bist.“ Auf dem Weg zu James, fragte ich Jacob neugierig: „Wer ist eigentlich dieser James?“ „Nun ja“, begann er vorsichtig. Doch als ich schon dachte, dass er mir keine Antwort geben würde, fuhr er fort: „James ist für deine Großmutter sehr wichtig. Ich glaube du musst wissen, dass die Wellingtons eine sehr angesehene Familie in dieser Stadt sind. Deshalb ist es deiner Großmutter sehr wichtig, wie du auf die Gesellschaft wirkst, wenn du vorgestellt wirst.“ „Was willst du denn damit sagen?“ unterbrach ich ihn. Doch da blieb Jacob auf einmal stehen und damit ich nicht einfach weiterlief, packte er mich an der Taille und hielt mich fest: „Wir sind da, Victoria! Mach dich auf was gefasst und gib bitte deiner Großmutter die Schuld und nicht mir!“ Nach diesen Worten von ihm hatte ich Angst. Und bevor ich ihn zurückhalten konnte, ging er schon vor und hielt mir die Tür auf. Ohne, dass ich wusste, was mich erwarten würde, ging ich hinein.

Innen drin sah es wunderschön aus. So hatte ich mir immer die Gebäude aus den Jane Austen Büchern vorgestellt. Stuck an den Decken und wundervolle alte Möbel. Und obwohl hier alles so alt aussah, wirkte es auf mich nicht so. Über der Tür klingelte ein Glöckchen und kündigte unser Eintreffen an. Aus dem hinteren Teil des Ladens kam ein älterer Herr mit grauen Haaren, von denen ich annahm, dass sie früher einmal schwarz gewesen sein mussten. Er kam auf Jacob und mich zu und über seinem Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus, als er uns begrüßte: „Jacob, Victoria! Da seid ihr ja endlich! Ich habe schon auf euch gewartet! Wie geht es Morgan?“ „Oh, Mrs Wellington geht es gut! Aber wie geht es dir, James?“, antwortete Jacob besorgt. James blickte ihn fürsorglich an und antwortete ihm dann: „Es wird, es wird. Den Umständen entsprechend gut.“ Verwirrt sah ich Jacob an. Ich verstand kein Wort von dem, was die beiden da gerade gesagt hatten. Doch dann wandte sich James an mich: „Victoria, du bist wirklich hübsch. So, wie deine Mum. Als würde sie quicklebendig vor mir stehen!“ Ich kam mir geschmeichelt vor, da mir noch nie jemand gesagt hatte, dass ich meiner Mutter ähnlich sehen würde. Oder geschweige denn, dass ich hübsch war.

James kam auf mich zu und umarmte mich. Darauf war ich nicht gefasst gewesen, dennoch umarmte ich ihn auch. Und das, obwohl ich ihn noch nicht einmal kannte. Aber kurz darauf wurde mir bewusst, dass ich ihn auf Anhieb mochte. Er hatte so eine Art an sich, die ihn sofort sympathisch machte. Dennoch war mir ein wenig mulmig zu Mute, weil ich immer noch nicht wusste, weshalb ich eigentlich hier war. Aber als er mich wieder losließ, blickte er noch einmal an mir herunter.

„Also, Victoria Isabella Wellington, was machen wir mit dir?“ Als er sich schlüssig wurde, schnipste er zwei Mal mit den Fingern und sagte dann: „Wir beginnen mit der Schuluniform und machen dann weiter mit der Haltung. Deine Haltung ist miserabel!“ „Mit der Schuluniform?“, fragte ich irritiert. Da James wieder in das Hinterzimmer verschwunden war, antwortete mir Jacob: „Du wirst ab jetzt auf eine der renommiertesten Schule des Landes gehen. Das ist nicht einfach die Schule nebenan. Und – verzeih mir, dass ich das deiner Grandma vorweg nehme, aber – in zwei Tagen wird ein Ball veranstaltet. Und zwar einfach nur, weil du jetzt hier bist. Weil du die Nachfolgerin der Wellingtons bist! An den Rummel, der um dich gemacht wird, solltest du dich schon einmal gewöhnen.“

Gerade, als er ausgesprochen hatte, kam James wieder. In der Hand hielt er tatsächlich eine Schuluniform, die eigentlich recht hübsch aussah. Aus sämtlichen Teenie-Filmen wusste ich, dass Schuluniformen immer schrecklich aussahen. Deshalb wusste ich, dass ich nicht zu viel erwarten durfte. James kam wieder auf mich zu und drückte mir die Uniform in die Hand: „Dort hinten ist eine Umkleidekabine. Zieh dich um und komm dann wieder hier her.“

Ich tat also wie mir geheißen und zog mich um. In der Kabine gab es einen großen Standspiegel, in dem ich mich ansah. Meine Erwartungen wurden übertroffen, denn sie sah noch nicht mal so schlecht aus, wie ich es erst gedacht hatte. Nachdem ich mir auch noch die Schuhe übergestreift hatte, ging ich wieder hinaus zu den anderen beiden. Als James mich erblickte, sagte er: „Schätzchen, du siehst wundervoll aus! Du wirst in der Schule auf jeden Fall gut ankommen. Oder was meinst du, Jacob?“ Dieser überlegte kurz und sagte dann: „Sie sieht gut aus. Allerdings irgendwie nicht wie die anderen Mädchen an der Schule. Mach mal die Haare auf, Vicky!“ „Wozu?“, fragte ich. Aber im zweiten Moment fragte ich mich auch noch, wieso er mich Vicky nannte. Doch er ließ nicht locker: „Mach einfach!“ Also zog ich den Haargummi aus meinen Haaren und fuhr mir mit den Fingern hindurch, damit die Locken sanft über meine Schultern fielen.

James hielt sich eine Hand vor den Mund: „Ich glaube es nicht, du siehst aus wie deine Mutter in deinem Alter!“ Ich bemerkte wie ihm eine Träne über die Wange lief. Doch er räusperte sich nur kurz und sagte dann: „Okay, ich will nicht sentimental werden! Rücken gerade, Victoria!“ Da seine Stimme beim letzten Satz laut wurde, erschrak ich und machte meinen Rücken schnell gerade.

Als James endlich mit meinem `Training´ fertig war, traten wir wieder hinaus in die Sonne. Es war ein wohltuendes Gefühl, wieder draußen zu sein und meine eigenen Klamotten zu tragen. Deshalb atmete ich die salzige Meeresluft tief ein und sagte dann zu Jacob: „Und was machen wir jetzt?“ „Hmm“, überlegte er. „Entweder wir gehen wieder zu deinen Großeltern oder wir gehen erst noch ein Eis essen. Wie du möchtest.“ „Jacob ich bin ein Mädchen. Du müsstest meine Antwort eigentlich genau kennen!“, erklärte ich ihm und lächelte. Doch er lächelte nicht zurück: „Gut, dann gehen wir wieder zurück. Schließlich ist in zwei Tagen der Ball und du musst dich noch vorbereiten!“ „Ist das dein Ernst?“, fragte ich ihn irritiert. „Ich bin ein Mädchen das Eis liebt! Du kannst mich doch nicht einfach so wieder zu meinen Großeltern zurückschleifen!“ Nachdem ich das gesagt hatte, hellte sich Jacobs Miene wieder auf: „Gut, dann lass uns weiter gehen!“

3.

Nachdem wir unser Eis aufgegessen hatten, ging die Sonne schon unter und der Himmel färbte sich in die schönsten Rot- und Lilatöne. Mir wurde klar, dass es schon ziemlich spät geworden war und ich fragte Jacob: „Gehen wir dann wieder zurück?“ „Ja. Also vorausgesetzt, du möchtest wieder gehen“, erklärte er mir. „Okay, von mir aus können wir!“

Doch gerade als wir loslaufen wollten, kam eine Frau in fortgeschrittenem Alter auf uns zu. Sie blieb vor mir stehen und blickte mich ungläubig an: „Das gibt es doch nicht! Du bist die Tochter von Isabella! Ich glaub es kaum! Du siehst aus wie sie!“ Hilfesuchend wandte ich mich an meinen Begleiter: „Ähm, Jacob? Wer ist das?“ „Oh verzeih mir! Mein Name ist Alyssia Anderson. Aber bitte nenn mich doch einfach nur Alyssia. Mir gehört der Antiquitätenhandel dort hinten. Ich kannte deine Mutter, ich war früher die Nanny deiner Mum.“, erklärte sie mir, ohne Jacob zu Wort kommen zu lassen. Neugierig und verwundert fragte ich Alyssia: „Sie kannten meine Mum?“ „Ja“, antwortete sie mir. „Sie war eine der besten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Sie war eine so wundervolle Frau. Und dein Vater war einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.“

Ich spürte, wie mir das Blut vor Verlegenheit in die Wangen schoss und drehte schnell den Kopf von ihr weg. „Wenn du möchtest, kannst du gerne mal bei mir vorbeischauen. Ich habe etwas für dich gefunden und ich glaube, es könnte dich interessieren“, bot sie mir an. Und sie hatte mich tatsächlich neugierig gemacht, weshalb ich beschlossen hatte, dass ich auf jeden Fall versuchen würde, Jacob zu überreden, mich zu ihr zu bringen. Doch jetzt stupste er mich mit seinem Ellbogen in die Seite: „Victoria, wir sollten gehen. Es wird schon dunkel und deine Großmutter hat gesagt, dass wir bei Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause sein sollen. Also komm, wir müssen los!“ „Ja, natürlich. Ich möchte mich nur noch kurz von ihr verabschieden!“, raunte ich ihm leise zu, da ich gegenüber Alyssia nicht unhöflich sein wollte. Erst dann wandte ich mich wieder an die ältere Dame: „Es tut mir leid, Miss Anderson, aber ich muss mich jetzt leider von Ihnen verabschieden. Es war schön Sie kennengelernt zu haben!“ Sie lächelte mich freundlich an und verabschiedete sich auch von mir: „Auf Wiedersehen, Victoria! Und wie gesagt, du bist bei mir immer herzlich willkommen!“ Ich bedankte mich noch einmal bei ihr und machte mich mit Jacob auf den Weg in das Haus meiner Großeltern.

Dort angekommen, wurden wir schon von meinem Grandpa erwartet: „Ah, da seid ihr ja endlich wieder! Hat es dir in der Stadt gefallen, Victoria?“ „Ja sehr, Großvater! Diese Stadt ist einfach wundervoll. Ich habe eine gewisse Alyssia Anderson kennen gelernt. Sie war sehr freundlich zu mir! Kennst du sie, Grandpa?“, fragte ich ihn. Doch da kam aus dem Salon auch schon meine Großmutter und erzählte mir die Geschichte von Alyssia Anderson: „Als Isabella drei Jahre alt wurde, haben wir sie bei uns angestellt. Doch als unsere Tochter dann fünfzehn wurde, kündigte sie bei uns. Und das war es auch schon.“ „Das war alles? Sie hat einfach so gekündigt?“, fragte ich sie irritiert. „Das kann doch nicht alles gewesen sein, oder?“ Das konnte ich einfach nicht glauben. „Grandma?“, fragte ich zögerlich. Doch dann mischte sich auf einmal Jacob ein: „Sie hat Ihre Enkelin eingeladen sie besuchen zu kommen. Anscheinend hat sie etwas für Victoria.“ „Jacob, halt die Klappe!“, zischte ich ihm zu. Doch meine Großmutter hatte bereits registriert, was er gesagt hatte und wandte sich jetzt mit strengem Gesicht an mich: „Du wirst nicht zu dieser Frau gehen! Ich verbiete dir, dich mit ihr zu treffen!“

Nach dieser Anweisung wurde ich kreidebleich. Was hatte Alyssia meiner Mutter, oder meiner Großmutter, getan, dass sie so abweisend reagierte? „Aber Grandma!“, flehte ich sie an. Aber sie ließ sich nicht erweichen, sondern sah mich nur strafend an. Deshalb gab ich meine nicht existierenden Überredungskünste auf und sagte zu ihr: „Okay, Grandma!“ „Gut“.

Als ich gerade die Treppe hoch ging, rief meine Großmutter noch einmal nach mir, und nachdem ich mich umgedreht hatte, erklärte sie mir: „Ach ja, morgen wird Jacob dich wieder zum Frühstück abholen und danach wirst du zur Kleideranprobe gebracht. Es ist also nicht nötig, dass du dich großartig schminkst. Und schlaf schön, Victoria. Bis morgen!“ „Bis morgen, Grandma und schlaf du auch gut!“, erwiderte ich und machte mich auf den Weg in mein Zimmer.

Ich hatte gar nicht gemerkt, dass Jacob schon vorgegangen war, um mir wieder die Tür aufzuhalten. Schnell huschte ich hinein und drehte mich noch ein letztes Mal zu ihm um: „Vielen Dank für diesen Tag, Jacob! Es war wirklich sehr schön!“ „Es hat mich auch gefreut, dich endlich kennen gelernt zu haben. Schlaf gut, Vicky und ich wecke dich dann ja morgen“, teilte er mir ein weiteres Mal mit, schloss die Tür hinter mir und ließ mich allein.

Jetzt stand ich wieder allein in dem großen Zimmer, das nun mir gehören sollte. Da ich noch nicht müde war, erkundete ich noch ein wenig das Zimmer. In dem Nachttisch neben meinem Bett fand ich eine Taschenlampe, einen Kalender und ein Ladegerät für mein Handy. Ich angelte es aus meiner Tasche, die ich achtlos auf mein Bett geworfen hatte und schloss erst das Kabel an der Steckdose und dann mein Handy an.

Danach warf ich einen Blick in den Kalender. Meine Großmutter war so nett gewesen, mir reinzuschreiben, wann die Schule für mich wieder beginnen würde. Was mich allerdings leicht irritierte war, dass ich in den letzten beiden Tagen meines Einlebens noch so viele Termine haben sollte. Eine Kleideranprobe, von der meine Großmutter mir schon erzählt hatte und einen Ball. Ich hob den Kopf und atmete noch einmal die salzige Meeresluft ein. Doch danach musste ich gleich noch einmal hinschauen. Mir entfuhr ein kleines: „Was?!“ Wie konnte mir meine Großmutter nur so etwas Grausames antun? Schon klar, sie hatte mich schon seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen, aber sie müsste doch eigentlich von sämtlichen Familienfeiern wissen, dass ich nicht tanzen konnte. Und dass ich keine Lust auf einen Ball hatte, auf dem ich niemanden kannte. Okay, von Jacob mal abgesehen. Und der zählt im Grunde nicht, da er ja für meine Großeltern praktisch ein Teil der Familie war.

Da riss mich auf einmal ein lautes Klopfen an der Türe aus meinen Gedanken. Ich rappelte mich also wieder auf und öffnete sie. Draußen stand wieder Jacob. „Ich habe etwas Wichtiges vergessen! Kommt mit!“, wies er mich an. Er schnappte sich meine Hand und zerrte mich aus meinem Zimmer. Dann fing er plötzlich an zu rennen. Gemeinsam rannten wir den Flur hinunter, durch die große Eingangshalle und nach draußen. Dort umhüllte uns die immer noch lauwarme Sommerluft und der beruhigende Geruch des Salzwassers. Aber Jacob ließ es mich nicht genießen. Wir rannten solange weiter bis wir an den Steg kamen, der mir von meinem Zimmer aus bis jetzt noch nicht aufgefallen war.

„Was wollen wir hier, Jacob“, fragte ich ihn ganz aus der Puste und entzog ihm meine Hand, um meine Haare zu einem Zopf zu binden. Doch sobald ich fertig war und wir beide wieder zu Atem gekommen waren, schnappte er sich erneut meine Hand und wir rannten über den Steg. Als wir am Ende des Stegs angekommen waren, bremste er abrupt ab und wir kamen zum Stehen. Dann sagte er zu mir: „Wir sind da, Victoria! Setz dich hin und warte kurz. Dann siehst du etwas unglaublich Schönes!“

Ich zog also meine Schuhe aus, setzte mich hin und ließ meine Füße im Wasser baumeln. Nachdem Jacob sich neben mich gesetzt hatte, fragte ich ihn: „Und was soll ich jetzt sehen, Jacob?“ „Schau mal nach oben, Victoria. Dann weißt du was ich meine!“, erklärte er mir. Wie er mir gesagt hatte, wandte ich meinen Blick nach oben und das, was ich sah, war wirklich unglaublich schön. Über uns funkelte der Sternenhimmel, und der Mond war bereits aufgegangen. Seine Silhouette spiegelte sich im dunklen Meerwasser wieder. Ich genoss diesen Anblick, denn früher waren die Häuser so nahe aneinandergebaut, dass ich dort selten Sterne gesehen hatte. „Du hast Recht, Jacob. Es ist echt wunderschön. Genauso, wie diese ganze Stadt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so viele Sterne sehen würde.“, gestand ich ihm.

Ungläubig starrte er mich an: „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Du hast noch nie Sterne gesehen?!“ „Das habe ich nie gesagt. In New York sieht man nur selten Sterne“, erklärte ich ihm noch ein weiteres Mal. „Ich glaube es einfach nicht, Vicky! Es sagen doch alle immer NY sei der Hammer! Aber anscheinend ist es dort doch so oberflächlich, wie es alle immer sagen!“, murmelte er vor sich hin. „Hey! Sei nicht so fies! New York hat dir nichts getan!“, erwiderte ich jedoch und stieß ihn mit meinem Ellbogen in die Seite. „Schon gut, das war nicht auf dich bezogen. Darf ich dich was fragen?“, besänftigte er mich. Während ich nickte, schaute ich weiterhin nach oben. Dann fragte Jacob mich vorsichtig: „Warum sind deine Eltern gestorben? Mir wurde nur gesagt, dass du hierherkommen würdest und du die Enkelin von Mrs Wellingtons toter Tochter bist. Mehr wurde mir nicht gesagt.“ „Jacob, heute war ich zum ersten Mal wieder so richtig glücklich. Bitte zerstör mir dieses Glück nicht wieder“, versuchte ich ihn abzuwimmeln.

Doch er ließ nicht locker: „Bitte erzähl es mir, Vicky. Darf ich dich überhaupt Vicky nennen? Ich finde jedes Mal Victoria zu sagen, ist immer so aufwändig.“ „Keine Sorge, meine Freunde haben bis jetzt auch Vicky zu mir gesagt. Das macht mir nichts aus!“, antwortete ich ihm. Doch auf die Frage warum meine Eltern nicht mehr am Leben waren, konnte ich ihm einfach nicht antworten. Ich hatte in den letzten drei Wochen nur noch an sie gedacht und heute war es endlich so weit, dass ich einmal nicht an die schönen Erinnerungen von früher dachte. Eine Weile blieben wir einfach schweigend nebeneinander sitzen.

Doch dann stand Jacob auf einmal wieder auf und sagte: „Ich glaube wir sollten wieder gehen. Du musst morgen früh aufstehen. Ich werde dich wieder abholen, wenn du das möchtest.“ „So leid es mir tut, ich glaube du musst mich nicht nur abholen, sondern auch wecken“ „Wieso tut es dir leid? Ich meine, ich mach das gerne. Also von daher ist das kein Problem für mich.“, erklärte er mir und lächelte mich an. Zögerlich lächelte ich zurück und er half mir dabei wieder aufzustehen, damit ich meine Schuhe anziehen konnte. Dann machten wir uns auf den Weg zurück ins Haus.

Dort angekommen verabschiedete ich mich noch einmal von Jacob und warf einen Blick auf die Uhr. Ich konnte gar nicht glauben, dass es schon so spät geworden war. Deshalb machte ich mich in den Schubladen der Kommode auf die Suche nach einem Schlafanzug. Ich fand alles: Ketten, Ringe, Socken, Hosen, aber nicht das, wonach ich eigentlich gesucht hatte. Aber in der letzten Schublade, wurde ich endlich fündig. Obwohl ich eigentlich etwas anderes gewohnt war als das, was ich gefunden hatte. Einen pinken Spitzenschlafanzug. Und man muss dazu sagen, dass das der Beste war, den ich hatte finden können. Schnell zog ich mich um und ging dann in das Badezimmer. Dort putzte ich mir meine Zähne, flocht meine Haare zu einem französischen Zopf und wusch mir das Gesicht mit Wasser. Als ich damit fertig war, legte ich mich endlich ins Bett. Doch ich konnte einfach nicht einschlafen. Deshalb stand ich noch einmal auf und ging zum Fenster hinüber. Ich öffnete es und warf wieder einen Blick hinauf zu den Sternen.

4.

Am nächsten Morgen wurde ich von der Sonne geweckt. Hell und warm schien sie auf mein Gesicht. Schnell warf ich einen Blick auf meine Handyuhr und bemerkte währenddessen, dass ich eine Nachricht bekommen hatte. Doch es war nur meine Grandma, die mir geschrieben hatte, wann Jacob mich wecken würde. Anscheinend wusste sie über jeden meiner Schritte Bescheid, doch das fand ich eigentlich nicht so schlimm. Nachdem ich mein Handy wieder weggelegt und registriert hatte, dass ich noch viel Zeit hatte, bis Jacob kommen würde, streckte ich mich und stand schlussendlich aber doch auf. Und das, obwohl ich überhaupt keine Lust hatte, mich jemals wieder aus diesem weichen, kuscheligen Bett zu bewegen. Aber jetzt ging ich erstmal duschen.

Nach dem gestrigen Tag war ich, obwohl ich eigentlich nichts Besonderes gemacht hatte, ziemlich fertig. Als das warme Wasser meinen Rücken hinunterlief, dachte ich nochmal darüber nach, was Jacob gestern gesagt hatte. Dass die New Yorker oberflächlich seien. Klar, mir waren hier noch nicht wirklich viele Personen begegnet, aber hier waren die Leute viel netter als in NY. Nachdem ich meine Haare gewaschen hatte, föhnte ich sie trocken, und da meine Großmutter mir gestern gesagt hatte, ich solle mich nicht schminken, ging ich einfach wieder in mein Zimmer, um mich anzuziehen. Pfeifend warf ich einen Blick aus dem Fenster. Es war wieder ein wunderschöner Tag, weshalb ich mir ein legeres, hellblaues Sommerkleid herausholte und dazu eine kurze, weiße Jeansjacke und weiße Chucks anzog. Als ich fertig war, warf ich einen Blick in den großen Spiegel und mir fiel auf, dass ich meine Haare dringend mal wieder schneiden sollte.

Doch da klopfte es auf einmal an der Zimmertür und ich drehte den Kopf, um zu fragen: „Jacob?“ „Ja. Darf ich reinkommen?“, bekam ich als Antwort. Ich ging also zur Tür und öffnete ihm. Erstaunt schaute er mich an: „Wieso bist du schon fertig? Ich bin doch gerade erst gekommen, um dich zu wecken!“ „Keine Ahnung“, gab ich zu. „Ich habe zwar gut geschlafen, aber irgendwie bin ich schon früher aufgewacht.“ „Okay, aber du siehst trotzdem wundervoll aus! Wir haben noch ungefähr eine Stunde Zeit bis zum Frühstück. Möchtest du davor noch etwas unternehmen? Oder willst du lieber ein bisschen Zeit für dich haben?“, fragte er mich und fing an zu lächeln. Auch ich lächelte ihn an, überlegte kurz und antwortete ihm dann: „Gibt es hier eine Bibliothek?“ „Ja, wenn du möchtest, bringe ich dich hin“, bot er mir an. Ich blickte ihn an und sagte dann: „Wie soll ich denn sonst hinkommen?“

Als wir in der Bibliothek angekommen waren, staunte ich nicht schlecht. Der Raum war riesig und an den Wänden waren Regale über Regale mit Büchern vollgestopft. Sogar an den Wänden stapelten sich die die Bücher vom Boden bis unter die Decke. Es gab Exemplare aus allen möglichen Genres und von allen noch so nennenswerten Autoren. Ich fand es unglaublich, dass meine Großeltern so viele Bücher besaßen. Immerhin gab es dort mehr Bücher als in der Schulbücherei meiner ehemaligen Schule. Und selbst dort hatte man schon eine riesengroße Auswahl. „Wow!“, flüsterte ich staunend. Und obwohl ich dachte, ich hätte es leise genug gesagt, antwortete mir Jacob: „Ja, ich weiß. Es ist eine erstaunliche Sammlung. Nur leider wird sie kaum benutzt.“ Doch ich hörte ihm kaum noch zu, denn in Gedanken formulierte ich schon meine nächste Frage: „Gibt es hier ein System oder ist alles durcheinander gewürfelt?“ „Du hast mir überhaupt nicht zugehört, oder?“, fragte er mich und ich bildete mir ein, ein wenig Verärgerung in seiner Stimme zu hören. Schuldbewusst grinste ich ihn an: „Entschuldigung, Jacob. Aber es gibt so Vieles, das ich wissen möchte.“ Er zwinkerte mir erst zu und teilte mir dann mit, dass die Bücher alphabetisch geordnet seien. Bevor Jacob mich noch ein weiteres Mal anquatschen konnte, huschte ich davon.

Ich mochte Bücher, aber es war nicht so, dass es meine Lieblingsbeschäftigung war. Dennoch machte ich mich auf die Suche nach meinem absoluten Lieblingsbuch. Bücher können wie ein Anker in größter Not sein. Sie können einen ablenken und auf andere Gedanken bringen. Noch vor ein paar Wochen habe ich Unmengen an Büchern verschlungen. Nachdem ich von dem Tod meiner Eltern erfahren hatte, brach für mich eine Welt zusammen. Ich stürzte mich in Arbeit: ich lernte für die Schule, putzte sämtliche Ecken unserer Wohnung und versuchte einfach, mich abzulenken. Um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. In dieser Zeit hatte ich auch mit meinen Zeichnungen begonnen. Zuerst hatte ich nur Gegenstände gezeichnet. Doch nach ein paar Tagen hatte ich dann mit Zeichnungen von Menschen, Tieren und Orten begonnen. Aber ich wollte nicht, dass sie irgendjemand sah. Ich fand es besser, wenn niemand von ihnen wusste. Damit mich niemand darüber etwas fragen konnte.

Da wurde ich plötzlich aus meinen Gedanken gerissen. Eines der Bücher, das ich gerade noch in der Hand gehalten hatte, fiel runter und knallte auf den kalten, weißen Marmorboden. „Vicky! Was hat dir Jane Austen getan, dass du sie wegschmeißt?“, fragte Jacob lachend und bückte sich, um das heruntergefallene Buch wieder aufzuheben. „Ich weiß nicht was sie mir getan hat“, erklärte ich ihm und hob unschuldig die Hände. „Es ist einfach so abgehauen. Anscheinend mag entweder die Autorin mich nicht oder ich mag das Buch nicht.“ „Hier“, sagte er und streckte es mir entgegen. Ich nahm es dankbar und stellte es wieder an seinen Platz im Regal.

Ich schaute mich noch eine Weile in der großen Bibliothek um, bevor Jacob mir mitteilte, dass wir gehen mussten. Aber mir kam es vor, als seien wir gerade mal zwei Sekunden hier. Doch anscheinend war schon eine dreiviertel Stunde vergangen, denn Jacob sagte: „Kommst du, Victoria? Wir müssen zum Frühstück, bevor deine Großeltern sich noch Sorgen machen!“ „Okay, dann lass uns wirklich lieber gehen.“ Er setzte sich langsam in Bewegung und ich folgte ihm.

Nachdem wir vor dem Speisesaal angekommen waren und Jacob gerade reingehen wollte, hielt ich ihn an der Schulter zurück. So musste er sich zu mir umdrehen und ich fragte ihn: „Kannst du mir etwas versprechen?“ „Kommt darauf an was“, antwortete er mir misstrauisch. „Bring mich zu Alyssia Anderson!“, bat ich ihn. Doch er schüttelte nur den Kopf: „Nein, das kann ich nicht! Mrs und Mr Wellington haben es mir ausdrücklich verboten. Und ich kann dieses Verbot nicht ignorieren, sonst bin ich meinen Job los!“ „Bitte, Jacob. Bitte!“, bettelte ich weiter.

Und nach ewigem Bitten und Flehen ließ er sich schließlich erweichen: „Na gut! Wir gehen heute Nachmittag nach der Kleideranprobe zu ihr. Aber du musst mir versprechen, deinen Großeltern nichts davon zu erzählen!“ „Bin ich denn total bescheuert?“, fragte ich genervt. „Sie haben es mir doch genauso verboten wie dir! Also wieso sollte ich ihnen etwas davon sagen?“ „Hallo? Du bist ein Mädchen! Wieso solltest du ihnen so etwas nicht erzählen?“, neckte er mich. „Nur zu deiner Information, du warst derjenige, der Morgan und Christopher von Alyssia erzählt hat!“, entgegnete ich ihm empört und verzog meine Miene entschlossen zu einem oberflächlichen Grinsen.