Das ehrbare Dorf - Andy Glandt - E-Book

Das ehrbare Dorf E-Book

Andy Glandt

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Beschreibung

Dieser Thüringenkrimi spielt im Saale-Holzland-Kreis. Unterhalb der Leuchtenburg und unweit von Jena liegt der Ort Seidenbach. Die Einwohner dort betrachten sich als ehrbare Bürger und das scheinen sie auch zu sein. Die einzige Ausnahme ist der Sohn von Professor Ahrens, der dem Alkohol zu sehr zuspricht und hin und wieder für Unruhe sorgt. Ansonsten ist es ein idyllisches Dorf, in dem die Alteingesessenen mit den nach der Wende hinzugezogenen Bürgern friedvoll zusammenleben. Doch dann wird diese Idylle zerstört und die ehrbaren Bürger geraten in Aufruhr. Zwei Frauen ziehen in das Dorf und bekennen sich öffentlich zu ihrer Liebe zueinander und das ausgerechnet in der Kirche. Eine Woche später, am Morgen nach dem Kirmestanz, wird eine der beiden Frauen an einem Baum hängend tot aufgefunden. Was anfangs nach Selbstmord aussieht, entpuppt sich ganz schnell als Mord. Schon bei den ersten Befragungen wird Hauptkommissar Hartung und seinem Kollege Kommissar Klaus von der Kriminalpolizei Jena klar: viele dieser ehrbaren Bürger tragen ein Geheimnis in sich, ein Geheimnis, das mit der Tätigkeit zusammenhängt, die die Ermordete bis zu ihrem Tod nachging. Wer hätte den meisten Schaden, wenn dieses Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt? Und wie glaubwürdig ist der Pfarrer? Er beharrt darauf, diese Frau erst kennengelernt zu haben, als sie in dieses Dorf zog, bis...ja, bis ein Besucher in seine Kirche kommt und den Mord an diese Frau beichtet. Von da an ist seine Angst größer als seine Beharrlichkeit. Die polizeilichen Ermittlungen führen mehr und mehr in die Vergangenheit der Toten und immer wieder gibt es Verbindungen zu diesem ehrbaren Dorf. Dann stoßen die Beamten auch bei ihr auf ein lang gehütetes Geheimnis. Musste sie deshalb sterben...?

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Das ehrbare Dorf

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

- Prolog -

- 1 - Mittwoch, 25. August - 2 ½ Wochen vorher

- 2 -

- 3 -

- 4 -

- 5 - Donnerstag, 26. August

- 6 -

- 7 - Dienstag, 31. August

- 8 - Donnerstag, 2. September

- 9 - Sonntag, 5. September

- 10 -

- 11 -

- 12 -

- 13 -

- 14 -

- 15 -

- 16 - Kirmessonntag, 12. September

- 17 -

- 18 -

- 19 -

- 20 -

- 21 -

- 22 -

- 23 - Montag, 13. September

- 24 -

- 25 -

- 26 - Dienstag, 14. September

- 27 -

- 28 -

- 29 -

- 30 -

- 31 -

- 32 - Mittwoch, 15. September

- 33 -

- 34 -

- 35 -

- 36 - Donnerstag, 16. September

- 37 -

- 38 -

- 39 -

- 40 - Freitag, 17. September

- 41 -

- 42 -

- 43 -

- 44 - Sonnabend, 18. September

- 45 -

- 46 -

- 47 - Montag, 21. September

- 48 - Dienstag, 22. September

- 49 - Freitag, 25. September

- Epilog -

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Impressum neobooks

Kapitel 1

Dieser Thüringenkrimi ist eine fiktive Geschichte.

Ähnlichkeiten mit lebenden und nicht mehr lebenden Personen sowie realen Handlungen sind rein zufällig.

Auch der Ort Seidenbach ist erdacht. Ihn gibt es in Thüringen nicht. In diesem Roman liegt er dort, wo sich das Dorf Seitenroda befindet. Alle anderen aufgeführten Orte sind real.

Für die Unterstützung und das geduldige Antworten auf meine Fragen bedanke ich mich besonders bei:

- Bernd-Ullrich Stock, Pfarrer im Ruhestand der St. Michaeliskirche Kranichfeld

- einem Hauptkommissar der Kriminalpolizei Jena, dessen Namensnennung mir aus

einleuchtenden Gründen nicht erlaubt ist

- Frau Dr. Sylvia Rode

Vielen Dank, dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben. Über eine Rezension würde ich mich freuen, egal, ob Ihnen die Geschichte gefallen hat oder nicht. Sie können mir auch eine E-Mail schicken. Diese finden Sie im Impressum.

Viel Spaß beim Lesen.

- Prolog -

Wenn der Mond schreien könnte, hätte sich die Erde in dem Moment die Ohren zugehalten, als der Ast unter der Last nachgab und zuckende Gliedmaßen ins Wasser tauchten. Er spiegelte sich in den weit geöffneten Augen, zwei kleinen Höhlen gleich, aus denen Unglauben schaute und die doch dem Unfassbaren entgegensehen mussten, wider. Der aufgerissene Mund und die herausgestreckte Zunge bemühten sich vergeblich, Luft in die Lungen zu pumpen. Der Strick zog sich, beschleunigt durch die ruckartigen Bewegungen, immer fester. Die Augen fingen an zu flattern und die Beine glichen einem Propeller, der bereits ausgeschaltet war, deren Fliehkraft ihn aber noch langsam weiter drehen ließ, bevor die Rotation stoppte.

Ein letztes Würgen entrann der Kehle, ein letztes Krächzen. Dann neigte sich der Kopf zur Seite und es trat eine friedvolle Stille ein, die durch die in einer leichten Brise sich bewegenden Zweige und Blätter noch verstärkt wurde. Der Schein des Mondes verlieh dem toten Gesicht, das immer noch schön war, einen besonderen Glanz.

Zwei Augen schauten auf diese Schönheit, Augen, aus dem der Hass und die Wut entwichen waren. Sie hätte nicht sterben müssen. Hätte sie eingewilligt, hätte sie nicht gelacht, würde sie jetzt in ihrem Bett liegen und schlafen und . . .

Ein Rascheln. Nur kurz, aber es war deutlich zu hören gewesen. Gab es Beobachter? Das Dickicht konnte der Mondschein nicht durchdringen. Lauschen. Um sich schauen. Augen versuchten das Dunkel zu durchdringen.

Nichts. Wieder Stille. Selbst das Wispern des Windes war kaum noch wahrzunehmen. Ein Tier?

Noch ein letzter Blick auf das leblose Wesen, ein letzter Gedanke an die Ruhe, die nun wieder in das Dorf einziehen wird, Ruhe, wie sie herrschte, bevor die zwei Frauen sie störten.

Zwei Skulls ließen beim Eintauchten die Wasseroberfläche vibrieren, bevor das Boot langsam dem andern Ufer entgegenschwebte.

- 1 - Mittwoch, 25. August - 2 ½ Wochen vorher

„Wenn Sie es auch nicht begreifen wollen, Herr Janek, der Kunde ist bei uns König. Was ein König möchte, bekommt er.“

Mario Janek saß seiner Chefin gegenüber. Es war sein 27. Geburtstag. Mit seinem kurz geschorenen, blonden Haar sah er mindestens fünf Jahre jünger aus. Seine Oberarmmuskeln waren dermaßen angespannt, dass das T-Shirt zu zerreißen drohte.

Zum wiederholten Mal hatte sie ihn in ihr Büro beordert, ein Büro, dem man den Erfolg der Fitnessstudios der Familie von Gahlen ansah. Die Wände hingen voller Bilder erfolgreicher Sportler, die in den Studios trainiert hatten, einige von ihnen Weltmeister oder Olympiasieger, manche beides

Seit fast anderthalb Jahren arbeitete Janek schon für Frau von Gahlen, die außer in Jena Fitness- und Kosmetikstudios in Weimar und Apolda betrieb und gerade im Begriff war, zu expandieren. Angefangen hatte er in der Filiale in Apolda. Er hatte den Job sofort nach seiner Ausbildung bekommen und sich dort schnell eingearbeitet. Von Anfang an war er beliebt gewesen, ein Grund, der Frau von Gahlen bewogen hatte, ihn nach Jena zu holen. Er hatte sich riesig darauf gefreut, da der Wechsel auch eine Gehaltserhöhung mit sich brachte. Aber hier in Jena war alles anders und er sehnte sich nach Apolda zurück. Hier in Jena bestand der Kundenkreis vorwiegend aus arroganten Anwälten und den großen und kleinen Bossen der Firmen Zeiss und Jenoptik oder einer der vielen Hightechfirmen, die sich in den letzten Jahren in Jena angesiedelt hatten. Aber auch Richter des Oberlandesgerichts, welches sich seit 1993 in der Saalestadt befindet und Professoren der Friedrich-Schiller-Universität absolvierten ihre Fitnessprogramme in diesem Studio. Einer von ihnen war der Grund, warum er in ihr Büro zitiert worden war und nicht, wie er gehofft hatte, sein Geburtstag.

„Aber Frau von Gahlen“, er versuchte seine Wut herunterzuschlucken, „Professor Ahrens wird es niemals schaffen, einhundert Kilogramm zu stemmen. Er schafft gerade einmal 65 und hat sich im letzten halben Jahr nicht mal um fünf Kilogramm gesteigert. Er ist 58 und keine 28 mehr. Er wird es auch in fünf oder zehn Jahren nicht schaffen.“ Sein Ton war schärfer geworden, als beabsichtigt, aber Professor Ahrens ging ihm auf die Nerven. Bei jeder Kleinigkeit beschwerte er sich. Janeks Pech war, dass er einen guten Draht zu seiner Chefin besaß.

„Mäßigen Sie sich bitte im Ton!“, maßregelte Frau von Gahlen ihn. „Denken Sie daran, wen Sie vor sich haben!“

Mario Janek sah schweigend nach unten. Ob die was mit ihm hat?, fragte er sich. Für andere setzte sie sich nicht so ein. Aber andere beschwerten sich auch nicht bei jeder Kleinigkeit. Nur der Professor. Sobald es nicht so lief, wie er es wünschte, rannte er zur Chefin und beklagte sich. Und als sein persönlicher Trainer, bekam Janek alles ab. Ob der zu Haus auch so war?

„Und jetzt sage ich es Ihnen zum letzten Mal“, unterbrach die Chefin seine Gedanken, „die Kunden zahlen gutes Geld und erwarten guten Service.“ Sie hob die Stimme und betonte jedes Wort. „Und den bekommen sie. Solange es ein Kunde nicht einsieht, dass er seine gesteckten Ziele nie erreichen wird, solange haben Sie dafür zu sorgen, dass es so aussieht, als ob er sie erreichen könnte.“

Sie machte eine Pause und schaute ihm in die Augen. Er hielt diesem Blick stand, erwiderte aber nichts. Darum fuhr sie fort: „Sie müssen natürlich aufpassen, dass sich keiner übernimmt oder es gar zu einem Unfall kommt, aber ansonsten haben Sie den Wünschen der Kunden nachzukommen.“ Sie sah auf die Uhr. „Sie können wieder an die Arbeit gehen. Ich muss zu einem wichtigen Termin.“

Bevor Mario Janek sich erhob, ballte er unter dem Tisch die Fäuste. Dieser arrogante Ahrens versaute ihm seinen Geburtstag. Der steckt sicher in der Midlifecrisis, hat bestimmt eine junge Geliebte und versucht sich für sie fit zu halten. Dagegen hatte Mario auch nichts, aber er hasste Leute, die sich überschätzten, die versuchten, ihre Jugend zurückzubekommen und dabei das Risiko übersahen, ihrem Körper großen Schaden zuzufügen. Das wusste Frau von Gahlen doch auch. Warum nahm sie diesen Kerl so in Schutz?

Bevor er das Büro verließ, fügte sie hinzu: „Sie sind ein guter Fitnesslehrer, Herr Janek, aber sollte mir noch eine einzige Beschwerde über Sie zu Ohren kommen, werde ich nicht zögern, Sie zu entlassen.“

Hätte sie jetzt das Gesicht ihres Fitnesslehrers gesehen, hätte sie ihm sofort gekündigt.

- 2 -

Seidenbach ist ein kleiner, ruhiger Ort am Fuße der Leuchtenburg, nahe den Kleinstädten Kahla, Stadtroda und Neustadt/Orla. Die nächste Großstadt ist das zwanzig Kilometer entfernte Jena. Dort hatte Carl Zeiß am 17. November 1846 seine erste Werkstatt für Feinmechanik und Optik eröffnet, woraus später der weltbekannte Zeiss Konzern erwuchs.

In Seidenbach passierte nicht viel Aufregendes, wenn man von Lutz Ahrens absah, der sich hin und wieder voll laufen ließ und herum krakeelte.

Nur einmal im Jahr, am zweiten Septemberwochenende, ging es munterer zu. Dann fand die Kirmes statt und alle Dorfbewohner sowie Besucher aus Nachbarorten feierten gemeinsam im Gasthof 'Zur Leuchtenburg'.

Auf einer Anhöhe, etwas abseits vom Dorfkern, stand ein großes Haus mit hellgelbem Anstrich und einem Spitzdach. Nachdem es bis 1960 als Schule diente, beherbergte es danach für einige Jahre ein Kulturzentrum, bevor es mehrere Firmen als Lagerhaus nutzten. Erst nach der Wende wurde es zu einem Wohnhaus, besser gesagt, zu einer Villa umgebaut. So geschah es mit vielen Gehöften und Häusern dieses und einiger Nachbarorte. Die Immobiliengesellschaft Frank & Partner aus Frankfurt am Main hatte einen Großteil der Gebäude aufgekauft und renoviert. Man muss der Firma zugute halten, dass sie die Häuser, soweit es ging, im Originalzustand beließen. Es wurden hauptsächlich Elektro- und Wasserleitungen ersetzt, kleinere Reparaturen durchgeführt und die Fassaden verschönert. Dann wurden sie für gutes Geld verkauft, viele von ihnen an Leute aus dem Westen, die hier arbeiteten, um den Aufbau Ost voranzutreiben. Die Einwohnerschicht Seidenbachs bestand aus Professoren und Doktoren, aus Firmenbossen und Geschäftsführern, aber auch aus Alteingesessenen, die nach der Wende ihre Häuser behalten und selbst renoviert haben. Alt- und Neubürger verstanden sich verhältnismäßig gut, was nicht in jedem Dorf der Fall war.

Peter Grabow ging ungeduldig in dieser Villa hin und her, und das schon seit drei Stunden. Als Verwalter der Häuser von Frank & Partner wartete er auf eine Interessentin, denn die Villa stand zum Verkauf.

Zur Wendezeit arbeitete er als Elektriker bei der Neustädter Firma, die in all diesen Häusern die Elektrik erneuert hatte. Als dann ein Verwalter gesucht wurde, hatte er sich beworben und war unter sieben Bewerbern auserwählt worden. Dass er die Häuser kannte und in Seidenbach wohnte war sein Vorteil gewesen.

Bis vor vier Monaten gehörte die Villa einem Professor der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität. Als dieser an die Uni Tübingen berufen wurde, hatte er Frank & Partner beauftragt, einen neuen Käufer zu finden. Mit 650.000 Euro war es das teuerste Haus, das Peter Grabow zu verwalten hatte.

Als die potentielle Käuferin ihn gestern anrief, um ihm mitzuteilen, dass sie heute zwischen 10 und 14 Uhr kommen werde, hatte Peter Grabow gefragt, ob sie den Termin nicht konkretisieren könne, da er noch andere Dinge zu tun habe. Daraufhin hatte sie bissig geantwortet: „Nein, das kann ich nicht. Ihr Chef, Dr. Werner Frank, bezeichnete Sie als zuverlässig und versicherte, dass Sie mir nach meinen Wünschen zur Verfügung stünden. Sie möchten sicher nicht, dass ich Ihm sage, er hätte sich in Ihnen getäuscht.“

Eine Antwort hatte sie nicht abgewartet.

Von dem Moment an wusste er: Diese Frau wird die Ruhe im Dorf stören, falls sie das Haus kaufte. Hoffentlich tat sie es nicht. Im Internet hatte er sich über die Dame kundig gemacht. Sie hieß Sylvia von Gahlen. Die Familie war eine große Nummer in der Fitness- und Kosmetikbranche. In ganz Deutschland hatte sie Studios und Sylvia von Gahlen war für die Thüringer Filialen zuständig. Der Hauptsitz der Firma befand sich in Frankfurt am Main. Daher kannte sie bestimmt seinen Chef Dr. Werner Frank, der ihr die Villa angeboten hatte.

Er hörte ein Auto vorfahren und schaute aus dem Fenster im oberen der beiden Stockwerke. Staub wirbelte hoch, als die Bremsen einen schwarzen BMW zum Stehen brachten. Durch die getönten Scheiben konnte Peter nicht erkennen, wie viele Personen im Fahrzeug saßen, aber er hätte schwören können, dass Frau von Gahlen einen Fahrer hatte. Darum staunte er nicht schlecht, als sich die Fahrertür öffnete und eine hochgewachsene schlanke Frau ausstieg. Kurze blonde Haare wurden von ein paar roten Strähnen durchzogen. Ihre schwarze Hose flatterte im Wind, eine hellblaue Jacke hielt sie mit der linken Hand über einer weißen Bluse zusammen. Es war zwar Ende August, doch der heutige Tag hatte nichts Sommerliches an sich. Auch wenn die Sonne gerade zwischen den Wolken hervorschaute, wehte ein frischer Wind. Der Herbst kündigte sich in diesem Jahr früh an.

Mit der rechten Hand nahm sie ihre Sonnenbrille ab und schaute zur Villa herüber. Als sie sich mit elegantem Schritt auf das Haus zubewegte, eilte Peter die Treppe hinunter und öffnete die Tür. Während sie näher kam, betrachtete er sie eingehend und ihm fiel als erstes ein Leberfleck zwischen ihrem linken Nasenflügel und der Oberlippe auf. Ob der echt war? Er hatte davon gehört, dass sich manche Frauen als Schmuck einen Leberfleck anmalten, warum auch immer. Und als Chefin von Kosmetikläden dürfte ihr so etwas nicht schwer fallen.

„Guten Morgen“, grüßte sie. „Ich bin Frau von Gahlen und Sie sind sicher der Hausverwalter.“

Guten Morgen ist gut, dachte Peter. Es war nach eins und er wartete bereits über drei Stunden in dem leeren Haus, in dem es nicht einmal mehr einen Stuhl gab.

„Guten Tag, Frau von Gahlen. Ja, ich bin Peter Grabow, der Hausverwalter. Willkommen in Seidenbach. Darf ich Ihnen das Haus zeigen und Sie herumführen?“ Er ärgerte sich innerlich, ihr nicht trotziger gegenüber aufzutreten, aber das würde dann sein Chef erfahren. Er hatte keine Lust, wegen so einer hochnäsigen Dame seinen Job zu verlieren.

„Erklären Sie mir bitte erst einmal die Aufteilung der Räume“, bat Frau von Gahlen.

„Das Haus besteht aus sechs Räumen, die früher als Klassenzimmer dienten. Auch wenn sie kleiner sind, als die heutigen Klassen, haben sie erhebliche Maße und sind sicher zu groß für Wohnräume...“

„Bitte überlassen Sie es mir, zu entscheiden, was groß ist und was nicht!“, fuhr sie ihn an. „Da werden wir unterschiedlicher Meinung sein. Fahren Sie fort!“

Peter Grabow schluckte seinen Groll hinunter.

„Zwei der Räume befinden sich im Erdgeschoss und vier im Obergeschoss. Hier unten gibt es außerdem die Küche, ein Bad und eine Gästetoilette. Ein zweites Bad befindet sich oben. Zur Talseite gibt es eine Terrasse und oben einen Balkon mit Blick zur Leuchtenburg. Außerdem...“

„Danke“, schnitt sie ihm erneut das Wort ab. „Warten Sie hier. Ich schaue mir das Haus allein an.“ Sie ließ ihn stehen und ging die Treppe nach oben.

Peter Grabow schaute ihr mir offenem Mund nach. Sein erster Eindruck hatte sich wieder einmal bestätigt. Trotz der paar Minuten, die er sie erst kannte, verabscheute er sie bereits, vor allem, weil sie ihn so herablassend behandelte. Wie einen Menschen zweiter Klasse. Aber das war er sicher in ihren Augen auch. In diesem Ort hatte er es mit vielen wohlhabenden Leuten zu tun, aber so war er bis jetzt noch nie behandelt worden. Sicher gab es mit dem einen oder anderen Bewohner hin und wieder Meinungsverschiedenheiten, aber die wurden immer höflich ausgeräumt. Hoffentlich zieht die nicht hier ein.

„Ahhh!“ Ein Schrei aus der Küche riss ihn aus seinen Gedanken. Was war passiert? Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie wieder nach unten gekommen war. Er eilte zu ihr.

„Was soll das denn!?“, keifte sie und deutete mit dem Zeigefinger der linken Hand auf die Küchenmöbel. „Was soll diese Einbauküche hier drin?“

„Die haben wir noch nicht ausgeräumt. Dr. Frank meinte, dass der neue Hauseigentümer sie vielleicht übernehmen wolle, da sie erst ein halbes Jahr alt und in sehr gutem Zustand ist.“

Frau von Gahlen betrachtete ihn mit einem geringschätzigen Blick: „Ich kaufe doch nicht so eine teure Villa mit einer gebrauchten Küche. Ich dachte, Dr. Frank hätte eine bessere Meinung von mir. Wie man sich doch täuschen kann.“

Woher sollte er da schon gewusst haben, dass sich eine Frau von Gahlen für die Villa interessiert, würde er ihr am liebsten an den Kopf knallen. Ein anderer Käufer wäre vielleicht glücklich über die Küche gewesen.

„Bis übermorgen muss die Küche raus sein! Ich werde meine Innenarchitektin beauftragen, das Haus für mich einzurichten. Sie wird Sie morgen anrufen und Ihnen mitteilen, wann sie sich das Haus anschaut und alles ausmisst.“

„Das heißt also, Sie werden das Haus kaufen“, stellte er missmutig fest.

„Ja. Es entspricht genau meinen Vorstellungen und ich möchte so schnell wie möglich einziehen. Oder passt es Ihnen nicht?“ Sie grinste ihn hämisch an.

Nein, das passte ihm ganz und gar nicht. Da er aber in Zukunft öfter mit ihr zu tun haben wird, durfte er es sich nicht mit ihr verderben.

„Doch, ausgezeichnet. Ich dachte nur, Sie wollten sich vorher noch ein weiteres Haus anschauen. Im Nachbarort steht auch eins zum Verkauf.“ Zwar hätte er dann auch mit ihr zu tun, aber dort wohnte er nicht und würde ihr nicht so oft begegnen.

„Warum sollte ich mir das andere Haus ansehen, wenn mir dieses hier bestens gefällt?“ Ihre Gedanken schweiften ab. Elke wird das Haus auch gefallen. Sie musste es ihr unverzüglich mitteilen. Ein Blick auf die Uhr machte sie traurig. Ihre Freundin war jetzt nicht zu erreichen. Sie schrieb ihr eine SMS und bat um einen schnellen Rückruf. Hoffentlich ging ihr Wunsch in Erfüllung und Elke gab ihren Zweitjob auf.

„Das andere Haus ist etwas kleiner. Da fühlt man sich allein vielleicht etwas wohler“, versuchte es Grabow ein letztes Mal.

„Hab ich nicht gesagt, mir die Entscheidung zu überlassen, was groß ist? Übrigens ziehe ich nicht allein ein.“

Grabow schaute sie erstaunt an. Sein Chef hatte gesagt, sie sei alleinstehend. Ihre Zeit war zu sehr damit ausgefüllt, ihre Geschäfte zu leiten, sodass ihr keine Zeit für eine Beziehung blieb. Da hatte er sich wohl geirrt. Grabow glaubte, sein Chef hatte auch mal Interesse an ihr bekundet. Sie war ja auch hübsch, aber…eine Hexe in Engelsgestalt.

„Oh, das wusste ich nicht“, sagte er.

„Das geht Sie auch nichts an.“ Sie schaute ihm in die Augen. „Lassen Sie schnellstens die Küche verschwinden und erwarten Sie den Anruf meiner Architektin. Auf Wiedersehen.“

Sie wandte sich der immer noch offenen Tür zu und ging zu ihrem Wagen. Bevor sie einstieg setzte sie ihre Sonnenbrille wieder auf, obwohl der Himmel nun vollkommen mit Wolken verhangen war

Das kann ja heiter werden, dachte Grabow. Er schaute auf die Uhr. Halb vier. Würde er jetzt noch den Grobmülldienst erreichen? Er musste es versuchen.

- 3 -

Ihre Augen verfolgten eine Fliege, die um die Deckenlampe schwirrte, dann zum Fenster flog und gegen die Scheibe knallte. Danach drehte sie ein Runde durchs Zimmer und ließ sich schließlich auf dem Spiegel der Konsole nieder. Sie schmunzelte. Genauso ein Möbelstück hatten ihre Eltern gehabt. Das war, bevor ihre Mutter starb. Was war mit ihrem Vater? Lebte er noch mit dieser Frau zusammen, wegen der sie gehen musste? Lebte er überhaupt noch?

„Es war wieder schön mit dir, Viola.“

Ihr stockte vor Schreck der Atem. Sie hatte ganz vergessen, dass sie in den Armen eines Mannes lag, und zwar im Bett eines kleinen nostalgischen Hotels am nördlichen Stadtrand von Jena mit dem passenden Namen „Nordrand“. Hier empfing Viola ihre Freier. Das Hotel bekam eine Provision und bewahrte Stillschweigen. Viola empfing nämlich keine gewöhnlichen Freier. Ihre Kunden kamen aus den Chefetagen der gut gehenden Firmen, von der Uni und der Fachhochschule, aber auch aus dem Stadtrat. Ihre Freundin, die nicht damit einverstanden war, wie sie unter anderem ihr Geld verdiente, sagte einmal, sie habe sich zur Edelhure hochgearbeitet. Die Zeiten, als sie sich mit ein paar Euro auf dem Straßenstrich zufrieden gab, sind lange vorbei. Zu ihr kamen die Kunden nicht nur des Sexes wegen. Natürlich kam dieser nicht zu kurz. Aber die Männer suchten vor allem jemanden zum Reden, da es in deren Ehen nichts mehr zu sagen gab. In Viola fanden sie eine charmante Zuhörerin. Sie war attraktiv und gebildet und obwohl, oder gerade, weil sie nur eins zweiundsechzig groß war, standen die Männer bei ihr Schlange. Ihr Busen war nicht üppig und nackt hatte sie ein kindliches Aussehen. Viola wusste, dass das manche ihrer Kunden besonders antörnte. Aber es war ihr egal, was die Männer sich vorstellten, wenn sie mit ihr schliefen. Sollten sie ruhig träumen, es gerade mit einer Minderjährigen zu treiben. Das war auf alle Fälle besser, als es wirklich zu tun.

Die meisten ihrer Kunden waren verheiratet und in der Öffentlichkeit die nettesten Familienväter und Ehemänner, die man sich vorstellen konnte, und natürlich wussten ihre Frauen nichts davon. Bis auf zwei Ausnahmen.

Viola arbeitete vormittags in einem Kosmetiksalon ihrer Freundin. Und nachmittags oder abends, so wie die Kunden Zeit hatten, traf sie sich mit ihnen, einen pro Tag.

Heute war Volker bei ihr, der Versicherungsvertreter. Er kam aus einem Dorf in der Nähe, dessen Namen sie sich nie merken konnte. Und er war einer der Ausnahmen. Seine Frau wusste, dass er zu einer Hure ging. Sie hatte wohl auch ein Verhältnis.

Seine Zeit war gleich um und das war gut. Volker wurde ihr in letzter Zeit zu aufdringlich. Er wollte mehr. Der Beweis folgte sofort.

„Ich möchte dich etwas fragen, Viola.“ Er drückte sie fester an sich und küsste sie auf die Wange.

Sie wusste, dass er nun wieder versuchen würde, sie für ein Wochenende einzuladen. Das hatte er schon öfter getan, sie hatte aber immer abgelehnt.

„Ich fahre im September zu einer Weiterbildung für eine Woche nach Todtmoos in den Schwarzwald. Ich würde dich gern mitnehmen. Dann hätten wir eine Woche ganz für uns.“

Viola ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie mit scharfer Stimme entgegnete: „Verwechsle bitte nichts, ich bin nicht deine Geliebte, sondern eine Hure, die du bezahlst. Wenn du mich für eine Woche buchen willst, kostet dich das 1.500 Euro pro Tag. Kannst du dir das leisten?“

Seine Kinnlade klappte herunter und er sah sie mit ungläubigem Entsetzen an.

Was hatte er gedacht? Sie hatte ihm niemals das Gefühl gegeben, er wäre mehr für sie als ein Freier. Sie konnte keine starken Gefühle für ihn aufbauen. Er war ein Mann.

Sein Gesicht nahm wieder mildere Züge an. „Das heißt, wenn ich das Geld aufbringe, kommst du mit, ja?“

Das wollte sie nicht und damit wäre ihre Freundin auch nicht einverstanden. Sie glaubte jedoch nicht, dass Volker in der Lage war, 10.500 Euro für eine Woche mit ihr auszugeben. Dazu natürlich noch die Spesen.

„Frag mich noch mal, wenn du das Geld hast. Und du weißt, bezahlt wird im Voraus.“

Mit diesen Worten wand sie sich aus seinen Armen, stand auf und warf sich ihren Bademantel über.

Volker erhob sich ebenfalls und zog sich an. Viola schaltete inzwischen ihr Handy ein. Ein Signalton, der Anfang von Beethovens Schicksalssinfonie, zeigte eine SMS an: ‚Bitte ruf mich umgehend an. S.’ Sie schaute zu Volker. „Kannst du dich bitte beeilen? Ich muss einen wichtigen Anruf tätigen

„Ich habe noch keinen neuen Termin“, erwiderte er. „Wie sieht es nächsten Mittwoch aus?“

Viola schaute auf ihren Kalender. „Nächste Woche bin ich vollkommen ausgebucht.“ Sie blätterte weiter. „Donnerstag in zwei Wochen ist was frei. Soll ich dich da eintragen?“

Volker machte ein finsteres Gesicht. „Du weißt doch, dass ich donnerstags lange im Außendienst unterwegs bin.“

Natürlich wusste sie das und deshalb hatte sie auch diesen Termin vorgeschlagen, in der Hoffnung, ihr nächstes Treffen mit Volker hinauszuzögern.

„Tja“, sagte sie und blätterte weiter, „dann wird es erst was in vier Wochen.“ Sie schaute ihn an.

„Was ist in drei Wochen? Ist da auch alles voll?“

„Da mache ich nichts. Du weißt warum.“ Wenn sie ihre Tage hatte, traf sie sich nie mit Freiern, obwohl einigen das sicher nichts ausmachen würde.

Volker strich sich über die Nase. „Okay. Schreib mich für Donnerstag in zwei Wochen ein. Ich werde meine Außendienste verschieben.“

Viola nickte und trug seinen Namen lustlos in ihren Kalender ein.

„Und falls vorher jemand ausfällt“, fügte Volker hinzu, „kannst du mich ja in meinem Büro anrufen. Oder auch zu Haus. Du weißt ja, dass meine Frau nichts dagegen hat.“

„Sicher kann ich das“, antwortete sie und dachte, dass es da genug andere gäbe, die sie anrufen würde, solche, die sie als das sahen, was sie war, eine Hure mit der sie Spaß hatten und die ihnen zuhörte, die sie aber nicht als Geliebte betrachteten.

„Aber nun geh bitte. Ich muss wirklich anrufen.“ Sie nahm das Handy, wählte und hielt es an ihr linkes Ohr. Somit erreichte sie ihren Zweck, um den Abschiedskuss herumzukommen. Volker winkte kurz und verließ das Hotelzimmer.

- 4 -

Georg Ritter wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, bevor er das nächste Glas Bier einschenkte. Er war Inhaber des Gasthofes 'Zur Leuchtenburg' in Seidenbach, und das seit fast 35 Jahren. Vor der Wende hatte er bereits ab 11 Uhr geöffnet. Damals versorgte er vor allem die Bauern der LPG und die Forstarbeiter mit Mittagessen. Nach der Wende wurde es ruhiger. Die LPG war abgewickelt und die Forstarbeiter hatten keine feste Mittagszeit mehr. Sie aßen dort, wo sie gerade beschäftigt waren.

Da sich nur selten Touristen zum Mittagessen in das Dorf verirrten – das taten sie lieber auf der Leuchtenburg – hatte der Gasthof seit 1991 erst ab 17 Uhr geöffnet. Einzige Ausnahme war der Sonntag. Da gab es zusätzlich von 10 bis 13 Uhr einen Frühschoppen, zu dem sich neben seinen Stammkunden auch einige der wenigen Kirchgänger gesellten. Selbst der Pfarrer kam hin und wieder auf ein oder zwei Bier zwischen Gottesdienst und Mittagessen vorbei.

Seit dem Tod seiner Frau vor drei Jahren führte Ritter das Geschäft allein. Und damit hatte er keine großen Probleme. Außer seinen sieben oder acht Stammkunden kam in der Woche kaum einer in seinen Gasthof. Nur mittwochs war es voller. Da trafen sich der Heimatverein und die Skatspieler.

An diesem Mittwoch war der Gastraum besonders gefüllt. Es waren nicht nur die Alteingesessenen da, auch viele der so genannten Neubürger hatten sich, teils allein, teils mit ihren Ehepartnern, eingefunden. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Villa auf der Anhöhe, die seit über einem Vierteljahr leer stand, einen neuen Käufer gefunden hat, besser gesagt, eine Käuferin.

Dass diese Neuigkeit schon ihre Runde gemacht hat, obwohl die Frau erst vor wenigen Stunden zur Hausbesichtigung dagewesen war, lag an Elvira Schneider. Die 67-jährige hatte seit dem tödlichen Unfall ihres Mannes vor 22 Jahren nicht wieder geheiratet. Sie wusste schon immer über alles im Ort gut Bescheid, aber seitdem sie vor sieben Jahren in Rente ging, sieht man sie nur noch im Dorf herumlaufen, auf der Suche nach Neuigkeiten und Klatsch und Tratsch. Ihre Augen standen niemals still.

Am Mittag war ihr der schwarze BMW vor der Villa aufgefallen und sie hatte so lange gewartet, bis er abfuhr. Eine große Frau war eingestiegen und Elvira hatte sofort erkannt, dass sie aus besseren Gesellschaftskreisen stammte. Kurz darauf erblickte sie Peter Grabow, der mit seinem Handy am Ohr herauskam und die Villa verschloss. Sobald er sein Telefonat beendet hatte, war sie auf ihn zugestürzt und hatte ihn mit Fragen über die Frau und ob sie die Villa kaufen wird bombadiert.

Peter Grabow hatte keine Lust gehabt, ihr irgendetwas zu erzählen. Er war mürrisch gewesen, weil ihm die Dame beim Grobmülldienst keinen Termin für die Abholung der Küche hatte nennen können. Er sollte morgen früh um sieben noch mal anrufen.

Doch Elvira war hartnäckig geblieben. Sie hatte sich die Chance nicht nehmen lassen wollen, wieder etwas als Erste zu erfahren, wenn man von Peter Grabow absah. Als er keine andere Möglichkeit sah, sie wieder loszuwerden, hatte er ihr genervt mitgeteilt, wer die Frau war und dass sie das Haus kaufen und demnächst einziehen werde.

Elvira war dann geradewegs zum Dorfladen von Jutta Moldenhauer gelaufen, um diese Neuigkeit bis zum Ladenschluss um 18 Uhr jedem aufzudrängen, auch denen, die sie nicht hören wollten.

Selbstverständlich saß Elvira nun auch im Gasthof, genau wie Peter Grabow mit seiner Frau. Aber die beiden waren mittwochs immer da. Er gehörte zur Skatrunde und sie war Mitglied im Heimatverein. Dieser wollte heute die letzten Vorbereitungen für die Kirmes besprechen, die in zweieinhalb Wochen stattfand, doch im Moment gab es nur ein Thema.

„Erzähl mal Peter, was hat Frau von Gahlen für einen Eindruck auf dich gemacht?“, fragte Werner Moldenhauer. Er war Juttas Mann und arbeitete früher bei der Verkehrspolizei in Gera. Seit einem Jahr war er im Vorruhestand.

„Na ja“, begann der Angesprochene zögernd, „wenn ich ehrlich sein soll, sie hat mich wie den letzten Dreck behandelt. Höflichkeit war in ihrer Erziehung sicher ein Fremdwort. Sie hat nur kommandiert und sich tierisch darüber aufgeregt, dass die Einbauküche noch drin stand.“ Er griff zu seinem Bierglas, nahm einen Schluck und stellte es wieder vor sich auf den Tisch. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schaum von den Lippen. „Ich habe das Gefühl, die passt nicht in unser Dorf. Die sollte lieber in der Stadt bleiben.

„Also ich kenne Frau von Gahlen schon länger und sie war zu mir bis jetzt immer zuvorkommend“, mischte sich Professor Ahrens in das Gespräch ein. Er hatte seine Frau begleitet, deren einzige Ablenkung ihres tristen Hausfrauendaseins die Mitarbeit im Heimatverein war. „Ich gehe in eines ihrer Fitnessstudios. Sie kümmert sich sofort, wenn ich ein Problem habe. Sie hat sogar einem ihrer Mitarbeiter mit Kündigung gedroht, falls er mich nicht so anleitet, wie ich es wünsche.“

Peter Grabow schaute grinsend in die Runde. „Dann sollte ich mich wohl mal in dem Fitnessstudio anmelden. Vielleicht hilft das und ich werde dann auch höflicher von ihr behandelt.“

Diesem Einwurf folgte schallendes Gelächter. Jeder kannte Peter Grabows Abneigung dem Sport gegenüber, es sei denn, er lief im Fernseher.

„Sag mal Peter“, übernahm Bürgermeister Gerd Feuerstein das Wort, den alle, auf Grund seines Nachnamens, Fred nannten, „hat Frau von Gahlen gesagt, was sie mit dem großen Haus vorhat? Will sie hier vielleicht ein neues Studio eröffnen?“ Wie immer trug er seine Helmut-Schmidt-Mütze, die er auch im Gasthaus nie abnahm.

Grabow schüttelte den Kopf. „Soviel ich weiß, will sie darin wohnen. Sie hat eine Innenarchitektin beauftragt, das Haus einzurichten. Die will übermorgen kommen und bis dahin muss die Küche raus.“

„In so einem großen Haus und das ganz allein?“, staunte nun auch Werner Moldenhauer.

„Das habe ich sie auch gefragt. Doch sie hat nur gereizt geantwortet, dass ich es ihr überlassen soll, was sie groß und nicht groß findet. Außerdem zieht sie wohl nicht allein ein.“

„Was?“, kreischte Elvira Schneider aus ihrer Ecke, „das haben Sie mir heute Mittag doch gar nicht erzählt.“

Alle schmunzelten.

„Ich wollte doch nur, dass Sie heute Abend nicht umsonst hierher kommen“, konterte der Hausverwalter.

Das Schmunzeln weitete sich zu einem Lachen aus und Elvira schmollte. Am liebsten wäre sie aufgestanden und gegangen, aber die Angst davor, etwas zu verpassen, war größer. Wer weiß, was Peter Grabow ihr noch alles verschwiegen hat. Also fügte sie sich in ihr Schicksal.

„Hat sie gesagt, wer mit ihr einzieht?“, brachte Professor Ahrens das Gespräch wieder auf Frau von Gahlen. „Soweit mir bekannt, ist sie weder verheiratet noch in einer festen Beziehung.“

„Nein, hat sie nicht. Und ich sah keinen Grund, danach zu fragen. Sie war sowieso der Meinung, dass es mich alles nichts anginge.“

Man sah Peter Grabow an, dass er die herablassende Behandlung durch die neue Besitzerin der Villa noch nicht verwunden hatte.

„Na, das werden wir ja bald rauskriegen.“ Der Bürgermeister schaute in die Runde. „Sobald sie eingezogen ist, werde ich ihr einen Besuch abstatten. Hat sie gesagt, wann das sein wird, Peter?“

„So schnell wie möglich. Sicher muss erst das Haus komplett eingerichtet sein. Ich habe keine Ahnung wie lange das dauern wird.“

Danach drehten sich die Gespräche um andere Themen. Der Heimatverein konnte sich endlich um die Kirmes kümmern, die Skatspieler mischten zum ersten Spiel und Elvira Schneider zahlte und verließ, mit grimmigem Blick auf Peter Grabow, den Gasthof.

- 5 - Donnerstag, 26. August

Am darauffolgenden Abend kam Dr. Mathias Gärtner mit seiner Frau Petra gegen 21 Uhr nach Haus. Er hatte vor fünf Jahren eine Arztpraxis in Seidenbach eröffnet und da es in den umliegenden Dörfern keine weitere Praxis der Allgemeinmedizin gab, war sein Patientenkreis schnell angewachsen.

Seine Frau, die mit ihren 46 zwei Jahre älter war als ihr Mann, arbeitete halbtags in einem Frisörsalon in Stadtroda. Ansonsten kümmerte sie sich um die Abrechnungen der Arztpraxis. Sie hatten einen 17-jährigen Sohn Thomas, der in Jena bei der Firma Jenoptik den Beruf des Feinoptikers erlernte. Dorthin fuhr er täglich mit seinem Moped, wenn die Witterungsbedingungen es zuließen. Er war noch nicht da, als seine Eltern das Haus betraten.

Die Stimmung zwischen den Eheleuten war angespannt. Sie kamen gerade von Viola. Vor einem Dreivierteljahr hatte Petra mitbekommen, dass ihr Mann sich mit einer Prostituierten trifft. Darauf angesprochen, hatte er es damit begründet, Abwechslung zu brauchen und dass er somit auch mehr Spaß am Sex mit ihr, seiner Frau, hätte. Das schien zu stimmen. Petra hatte sich schon gewundert, warum der Sex mit ihm auf einmal abwechslungsreicher geworden war. Das lag an Viola.

Eines Tages hatte Petra ihren Mann gefragt, ob er sie nicht mal zu dieser Prostituierten mitnehmen wolle. Da sie seinen Wunsch kannte, es einmal mit zwei Frauen zu tun, musste sie ihn nicht lange überzeugen, Viola zu fragen. Obwohl sich Petra immer dagegen gesträubt hatte, wollte sie es wenigsten versuchen, ihm den Wunsch zu erfüllen und gleichzeitig Viola kennen lernen. Diese war einverstanden gewesen und schon beim ersten Treffen zu dritt hatte Petra zu ihrer eigenen Überraschung gespürt, dass sie etwas für diese Frau empfand. Sie entdeckte Gefühle, die sie bis dahin nicht kannte. Anfangs hatte ihr das Angst gemacht. Sie hätte nie im Leben geglaubt, etwas für eine Frau empfinden zu können, das über Freundschaft hinausging. Irgendwann gab sie sich diesen Gefühlen hin und es dauerte nicht lange, bis sie ab und zu auch allein zu Viola ging. Davon wusste Mathias allerdings nichts. Mit der Zeit gefiel es ihr bei Viola ohne ihren Mann sogar besser.

„Wir werden nicht mehr zu Viola gehen“, sagte sie, nachdem die beiden stillschweigend gegessen hatten und nun bei einem Glas Rotwein im Wintergarten saßen.

Er schaute sie erstaunt an. „Warum nicht? Was hast du auf einmal gegen sie?“

„Ich habe nichts gegen sie. Ich habe nur dagegen etwas, wie du uns unterschiedlich behandelst. Du kümmerst dich in letzter Zeit nur um sie. Manchmal weiß ich nicht, warum ich überhaupt dabei bin. Nur Zuschauen befriedigt mich nicht. Ich habe keine Lust mehr, das fünfte Rad am Wagen zu sein.“

„Du musst ja nicht mitkommen.“ Er nahm die Weinflasche und schenkte sich nach. Dann schaute er sie an. „Vielleicht sollte ich wieder mal allein zu ihr gehen. Was hältst du davon?“

„Wenn du das tust, besuche ich sie auch allein.“