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Was haben die Insel Rügen, Stralsund, Rostock, Lübeck, Frankfurt am Main, Weymouth an der Südküste Englands und die Provence in Frankreich gemeinsam? In all diesen Orten wohnen Menschen mit einem lang gehüteten Geheimnis, das die meisten von ihnen täglich versuchen zu verdrängen, bis...ja bis einer von ihnen brutal ermordet wird. Hat dieser Tod etwas mit dem Geheimnis zu tun? Und was haben die Zeilen zu bedeuten, die die Polizei bei dem Toten gefunden hat? Sie klingen wie die Strophe eines Gedichts – eines Gedichts, das niemand zu kennen scheint und doch deuten diese Zeilen auf das lang gehütete Geheimnis hin. Als der Autor dieses Gedichts ermittelt wird und er felsenfest beteuert, es nie veröffentlicht, ja nicht einmal jemandem zum Lesen gegeben zu haben, steht Hauptkommissarin Cordula Winter vor einem immer größer werdenden Rätsel. Während sie versucht, dahinter zu kommen, wie die Zeilen zu dem Toten gelangten und ob sie überhaupt etwas mit dem Mord zu tun haben, wird tausend Kilometer entfernt eine weitere brutal zugerichtete Leiche entdeckt. Niemand hätte vermutet, dass diese beiden Morde etwas miteinander zu tun haben, wenn nicht auch bei diesem Fall eine weitere Strophe dieses Gedichts gefunden worden wäre. Da das Gedicht aus vier Strophen besteht, rechnet Hauptkommissarin Winter mit weiteren Morden. Wird sie sie verhindern können? Dann gibt es eine erste brauchbare Spur...
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Andy Glandt
Das Gedicht der Toten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Februar 2006 - Vitt, Insel Rügen
März 2009 - England
April 2009 - Deutschland
23. April 2009 - Stralsund
3. Mai 2009 - Frankfurt
4. Mai 2009 – Vitt, Insel Rügen
Deutschland
20. Mai 2009 - Weymouth, England
Vitt, Insel Rügen
Freitag, 22. Mai 2009 – Vitt, Insel Rügen
Stralsund
Samstag, 23. Mai 2009 – Vitt, Insel Rügen
Sonntag, 24. Mai 2009 - Weymouth, England
Vitt, Insel Rügen
Montag, 25. Mai 2009 – Vitt, Insel Rügen
Dienstag, 26. Mai 2009 - Stralsund
Donnerstag, 28. Mai 2009 - Stralsund
Freitag, 29.5.09 - Rostock
Stralsund
Dienstag, 2. Juni 2009 - Rostock
Sonntag, 7. Juni 2009 - Provence, Frankreich
Rostock
Weymouth, England
Mittwoch, 10. Juni 2009 - Provence, Frankreich
Dienstag, 16. Juni 2009 – Vitt, Insel Rügen
Weymouth, England
Mittwoch, 17. Juni 2009 – Vitt, Insel Rügen
Samstag, 20. Juni 2009 - Weymouth, England
Vitt, Insel Rügen
Donnerstag, 25. Juni 2009 - Weymouth, England
Lübeck
Freitag, 26. Juni 2009 – Vitt, Insel Rügen
Stralsund
Vitt, Insel Rügen
Rostock
Deutschland
Weymouth, England
Vitt, Insel Rügen
Lübeck
Samstag, 27. Juni 2009 – Vitt, Insel Rügen
Stralsund
Weymouth, England
Insel Rügen
Weymouth, England
Sonntag, 28. Juni 2009 – Putgarten, Insel Rügen
Weymouth, England
Insel Rügen
Montag, 29. Juni 2009 – Putgarten, Insel Rügen
Insel Rügen
Deutschland
Insel Rügen
Putgarten, Insel Rügen
Dienstag, 30. Juni 2009 - Insel Rügen
Vitt, Insel Rügen
Insel Rügen
Vitt, Insel Rügen
Weymouth, England
Vitt, Insel Rügen
Insel Rügen
Vitt, Insel Rügen
Anneliese Ehrmanns Ferienhütte – Insel Rügen
Vitt, Insel Rügen
Anneliese Ehrmanns Ferienhütte – Insel Rügen
Mittwoch, 1. Juli 2009 - Weymouth, England
Rostock
Vorankündigung
Impressum
Kapitel 1
Dies ist eine fiktive Geschichte.
Ähnlichkeiten mit lebenden und nicht mehr lebenden Personen
sowie realen Handlungen sind rein zufällig.
Vielen Dank, dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben. Über eine Rezension würde ich mich freuen, egal, ob Ihnen die Geschichte gefallen hat oder nicht. Sie können mir auch eine E-Mail schicken. Diese finden Sie im Impressum.
Februar 2006 - Vitt, Insel Rügen
Mehrere Schaulustige standen vor der kleinen achteckigen Kapelle, ein beliebter Besuchermagnet für Touristen aus aller Welt. Doch am Vormittag dieses ungemütlichen Februartages war sie nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.
Die Tür öffnete sich und die Trauernden setzten sich in Bewegung, allen voran der Pfarrer, der aus Altenkirchen angereist war. Ihm folgten die engsten Familienangehörigen, denen sich etwa 30 Dorfbewohner anschlossen. Alle waren dick eingemummelt. Schmutzig-weiße Schneereste, die den Boden wie gemalte Tupfer bedeckten, zeugten vom zu Ende gehenden Winter. Dunkle Wolken zogen vom Meer herauf. Ein düsterer Tag für ein düsteres Ereignis.
Keiner konnte den plötzlichen Tod dieser Frau verstehen, einer Frau, der das Schicksal hart mitspielte, die sich aber wieder aufrappelte, damals nach dem Unglück. Sie schwor dem Alkohol ab und schaffte es, ohne Mann ihre Kinder zu erziehen. Aus allen ist etwas geworden, aus allen, außer …
Und nun? Akuter Herzinfarkt. Mit 58. Kam schreiend aus der Haustür gerannt und brach zusammen. Obwohl die Nachbarin gleich den Rettungswagen rief, hatte sie es nicht geschafft. In der Klinik war sie verstorben.
Einige Meter entfernt parkte am Straßenrand ein gelber Polo. Er schien niemandem aufzufallen. Trotz Wolken verhangenen Himmels trug die Frau hinter dem Lenkrad eine dunkle Sonnenbrille. Sie sollte selbst Teil des Trauerzuges sein. Jeden kannte sie, aber sie hätte niemandem in die Augen schauen und schon gar nicht ihr Beileid bekunden können. Sie allein war verantwortlich für diese Szene, obwohl sie das nicht beabsichtigt hatte. Ihr wäre niemals in den Sinn gekommen, ihr Päckchen könnte so schreckliche Folgen auslösen. Sie wollte doch nur Gerechtigkeit.
Sie sah die vier Kinder der Verstorbenen, die mit gesenktem Kopf, teilweise weinend, dem Pfarrer folgten. Ralf, der Hamburger Rechtsanwalt, Sylvia, die Modedesignerin, die in den Niederlanden lebt, Sabine, die Unternehmensberaterin aus Stralsund und Torsten, der Tierarzt aus Brandenburg. Wer hätte damals gedacht, dass alle vier einmal studieren würden. Sylvia und Ralf waren der Mutter sogar zeitweilig weggenommen und in ein Heim gegeben worden. Und wäre die Sache damals nicht passiert, hätte sich das Leben der Familie sicher in den gewohnten Bahnen fortgesetzt. Was wäre dann aus den Kindern geworden? Doch der Vorfall hatte der Frau einen Schock versetzt. Plötzlich war sie wie ausgewechselt, so, als ob sie aus einem langen Traum erwacht war.
Der Trauerzug lief den Weg zum Dorf hinunter. Bevor er sich auflöste, spendeten die Trauernden den Angehörigen tröstende Worte, von denen jeder wusste, sie würden den Schmerz der Familie nicht lindern.
Der Schmerz über den Verlust dieser Frau würde auch nach Jahren nicht versiegen, denn noch kannte niemand den wahren Grund.
März 2009 - England
Die Klinge des zweischneidigen Messers blinkte im Schein der Neonröhren. Sie näherte sich bedrohlich den vor Entsetzen starren Augen, Augen eines kleinen Mädchens. Eine hämisch grinsende Fratze begleitete diese Bewegung. Der Arm, in dessen Hand sich die Klinge befand, erhob sich langsam, ja zögernd, so als wolle er die Zeit auskosten, die letzten Sekunden dieses für ihn bedeutungslosen Individuums, um dann mit rasender Aggressivität vorzuschnellen und sich in den kleinen Körper zu bohren.
„Neeeeeeiiiiiiiiin!“
Mit einem Mark erschütternden Schrei fuhr Lisa hoch und saß aufrecht in ihrem Bett. Sie hielt die Hände vors Gesicht. Ihre Haare waren klitschnass, das T-Shirt klebte an ihrem Oberkörper und betonte ihre weibliche Figur.
Normalerweise würde Marc, der durch den Schrei ebenfalls munter wurde, dieser Anblick erregen. Stattdessen schaute er sie bekümmert an. Sie hatte wieder geträumt.
Lisas Hände zitterten. Wie zwei nie versiegende Wasserfälle rannen Tränen über ihre Wangen. Sie griff nach dem Taschentuch hinter ihrem Kopfkissen und schnäuzte sich.
In letzter Zeit häuften sich die Alpträume wieder. Sie sah Dinge, die sie nie real gesehen hat, von denen sie nicht wusste, wie sie sich zugetragen haben, aber die Schreie, die sie damals hörte, damals vor mehr als 25 Jahren, ließen ihre Träume so real erscheinen, als ob sie selbst dabei, selbst eines der Opfer gewesen war.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht mehr. Ich werde wahnsinnig, wenn diese Alpträume nicht bald aufhören.“ Sie wusste, warum sie diese Alpträume bekam. Hätte sie damals nicht geschwiegen, würden die Opfer vielleicht heute noch leben und die Täter säßen hinter Schloss und Riegel. Aber damals, mit sieben, konnte sie damit nicht umgehen.
Nun waren die Träume wieder da, nach so vielen Jahren, in denen sie sie erfolgreich verdrängen konnte. Warum? „Sie werden wieder aufhören, ganz bestimmt“, redete sie sich ein.
„Lisa, könntest du bitte Englisch reden?“ Marc legte seinen Arm um sie und zog sie an sich heran. „Du weißt, meine Deutschkenntnisse sind recht mager.“
Lisa lehnte ihren Kopf an Marcs Schulter. Das tat gut. Es beruhigte sie. Zwölf Jahre waren sie nun verheiratet. Es gab keine Geheimnisse zwischen ihnen, keine, außer diesem einen. Damit wollte sie Marc nicht verängstigen, was sicher falsch war. Aber sie konnte sich ihm nicht anvertrauen, sie konnte sich niemandem anvertrauen.
Seit fast 26 Jahren lebt sie in England. Ihre Mutter war 1983 mit ihr aus der DDR nach London gezogen. Sie hatte in dem kleinen Urlaubsort auf der Insel Rügen, in dem sie wohnten, Gregor, einen englischen Touristen kennen gelernt und sich in ihn verliebt. Sie stellte einen Ausreiseantrag für sich und Lisa und durch Gregors Beziehungen – er arbeitete in einer Regierungsbehörde in London – wurden die beiden schneller als üblich freigekauft. Wie genau das damals ablief, wusste Lisa nicht. Es hatte sie auch nicht sonderlich interessiert.
Einwände ihres Vaters gab es nicht. Er hatte sich schon früh aus dem Staub gemacht. Da war sie gerade zwei Jahre alt geworden. Sie konnte sich kaum an ihn erinnern.
Lisa war es recht gewesen, aus dem kleinen Dorf zu verschwinden. Sie hatte gehofft, durch den räumlichen Abstand die Schreie vergessen zu können, diese kindlichen Schreie, die sie immer wieder in ihren Alpträumen plagten. Nach etwa zwei Jahren war es ihr nach und nach gelungen, alles zu verdrängen. Nur in letzter Zeit häuften sich die Alpträume wieder. Sie wusste nicht warum. Mit einem Mal waren sie wieder da.
Marc, den sie in Dorset auf der Party eines gemeinsamen Freundes kennen lernte, bekam davon zum Glück nur selten etwas mit. Er war Stewart auf einem Kreuzfahrtschiff und oft tage-, manchmal sogar wochenlang unterwegs. Vor drei Tagen erst war er von einer Reise zurückgekehrt und ihm blieben noch zehn Tage bis zur nächsten Fahrt.
Lisa war sich im Klaren, dass sie etwas unternehmen musste, etwas, das ihr Innerstes beruhigte, etwas, das die Alpträume ein und für alle Mal verschwinden ließ. Wenn Marc wieder auf See war, würde sie im Internet recherchieren. Sie musste herausfinden, ob es diese Scheusale noch gab. Trieben sie weiterhin ihr grässliches Unwesen? Sie musste sie finden. Was sie dann machen wollte, wusste sie nicht. Das würde sie dann entscheiden.
Sie schaute in Marcs besorgtes Gesicht. „Ist schon gut.“ Sanft streichelte sie seine Wange und gab ihm einen Kuss. „Es wird sich wieder legen.“
„Warum erzählst du mir nicht von deinen Träumen.“ Er wusste, es hatte keinen Zweck, sie darum zu bitten, aber er versuchte es trotzdem immer wieder. „Oder wenn du mir dein Herz nicht ausschütten kannst, dann geh bitte zu einem Psychologen. Dort bekommst du professionelle Hilfe.“
Sie schaute nachdenklich auf die kleinen roten Segelschiffchen, mit denen Bettbezug und Kopfkissen bedruckt waren. Ein Spleen von Marc. Er träumte davon, selbst mal ein Segelboot zu besitzen. Aber erst, wenn er in Rente ging und Zeit für so ein Hobby hatte.
Sie wandte ihren Kopf und schaute ihn erneut an. „Lass uns nicht mehr davon reden, okay? Du bist nicht allzu lange zu Haus und die Zeit sollten wir besser nutzen, als uns über ein paar dämliche Alpträume den Kopf zu zerbrechen. Denkst du nicht auch?“ Ihr Lächeln war einfach bezaubernd. Wer hätte ihr etwas abschlagen können? Außerdem hatte sie ihren Kopf bereits unter seine Bettdecke gesteckt und wenn sie das tat, hörte bei Marc das Denken auf.
April 2009 - Deutschland
15.4.2009
Liebe Mutti,
endlich ist es soweit und ich kann den ersten Teil des dir gegebenen Versprechens einlösen. Ich habe sie alle gefunden und werde mich nach und nach um sie kümmern. Den Anfang mach ich mit Arnold. Er wohnt in Frankfurt am Main und ist Arzt, ein Urologe. Das Haus, in dem er wohnt, steht in einer der besseren Stadtteile der Mainmetropole. Heute bin ich noch einmal durch seine Straße gegangen. Es war ein warmer, sonniger Nachmittag. In den Vorgärten blühten Schneeglöckchen und Krokusse und sogar einige Osterglocken begannen schon zu sprießen.
Seit einigen Wochen beobachte ich ihn. Er wohnt Parterre links und an seiner Wohnungstür hängt ein Schild mit der Aufschrift: Jeder ist willkommen. Das werde ich bald ausprobieren. Ich habe herausgefunden, dass er Anfang Mai in den Urlaub fährt. Es war nicht allzu schwer an seine Post zu kommen. Die Leute sind so sorglos und ließen mich einfach in den Hausflur, wenn ich vor der Tür stand und sie gerade herauskamen. Oder ich betätigte eine der anderen sieben Klingeln und behauptete, etwas in die Briefkästen stecken zu wollen. Diese hängen im Hausflur zwischen der Haustür und seiner Wohnung. Die meisten sind nicht abgeschlossen, auch seiner nicht. Dort scheint jeder jedem zu trauen.
Anscheinend macht er oft Überstunden, denn er kommt immer erst spät nach Haus. Das kam mir zugute. Sobald die Post da war – sie kam immer zwischen zehn und elf – versuchte ich, in das Haus zu gelangen. Wenn er Briefe bekam, nahm ich sie an mich, ging in die kleine Wohnung, die ich mir in der Nähe gemietet habe und öffnete sie unter Wasserdampf. Nach dem Lesen verschloss ich sie wieder und brachte sie zurück.
Was man da so alles über einen Menschen erfährt. Stell dir vor, im letzten Monat verdiente er 7.847 Euro. Bestimmt auf Grund der vielen Überstunden. Wird ihm bloß nicht mehr viel nützen.
Jedenfalls erfuhr ich, dass er ab dem 4. Mai eine Frankreichrundreise plant. Nicht mit dem Auto, sondern mit dem Zug. Zwei Zugtickets bekam er bereits. Ich weiß nicht, ob noch weitere folgen werden oder ob er nur den Anfang bis nach Lyon gebucht hat und danach entscheidet, wie es weitergeht. Ich werde ihm die Entscheidung abnehmen, denn ich weiß, wie es für ihn weitergeht. So wie es aussieht, fährt er allein. Eine Freundin hat er nicht. Die hätte ihn sicher mal besucht und wäre mir aufgefallen. Er scheint überhaupt keinen Besuch zu bekommen. Jedenfalls habe ich nie einen gesehen.
Wenn mein Plan gelingt, wird er zu dieser Reise nicht mehr kommen. Und mein Plan wird gelingen. Das verspreche ich dir. Einen Tag vor seiner Abreise werde ich ihn besuchen und dann wird sich herausstellen, ob das Schild an seiner Wohnungstür ernst gemeint ist.
Du hörst wieder von mir.
23. April 2009 - Stralsund
„Marion?“ Regina Vollmer ging nach hinten in den Aufenthaltsraum ihrer Apotheke, um ihre Kollegin zu holen, die sich gerade einen Kaffee eingoss und frühstücken wollte.
Marion schaute auf und als sie das Gesicht ihrer Chefin sah, wusste sie Bescheid.
„Nein, nicht schon wieder.“
„Ich hab versucht ihn abzuwimmeln, aber er will nicht gehen, er will dich nur ganz kurz sprechen.“
„Wie immer.“ Marion stöhnte. „Warum hat er erst diese Scheiße gemacht, wenn er jetzt wieder angekrochen kommt?“
„Geh bitte zu ihm“, bat Regina sie. „Ich möchte nicht, dass er wieder Krawall macht, wie beim letzten Mal. Diesmal hole ich die Polizei.“
„Gute Idee“, stimmte Marion zu. „Rufen wir die Polizei. Vielleicht begreift er dann, dass es kein Zurück mehr gibt.“
„Bitte Marion, versuch es in Ruhe mit ihm zu klären. Die Polizei möchte ich nur im Notfall holen, nur dann, wenn er wieder ausrastet. Ihr seid erwachsene Menschen. Könnt ihr euer Problem nicht mal klären? Und zwar nicht hier im Laden?“
„Sag ihm das. Für mich ist alles geklärt. Er hat eine Andere kennen gelernt, ich habe es akzeptiert, auch wenn es mir schlecht ging. Nun will er zurück. Und irgendwann kommt die Nächste. Ne, nicht mit mir. Ich hab mich mit dem Gedanken zwar noch nicht anfreunden können, nun allein zu leben, aber so was soll mir nicht noch einmal passieren.“
„Marion?“ Sie hörten ihn rufen. „Komm bitte kurz zu mir. Ich bin auch gleich wieder weg.“
Widerwillig stand Marion auf und ging in den Verkaufsraum. Am Vormittag war zum Glück nie viel los. Er stand neben einem Regal, in dem unter anderem die Kondome auslagen. War das Absicht?
Sie musste innerlich grinsen, als sie ihn in seinem grauen schlapprigen Lieblingspullover sah, den sie schon immer hässlich fand. Seine neue Flamme schien da wohl anderer Meinung zu sein.
„Was willst du, Uwe? Wann kapierst du endlich, dass es kein Zurück mehr gibt? Es ist vorbei. Geh zu der…“
„Okay, okay“, fiel er ihr ins Wort, „ich sehe ein, du lässt dich nicht umstimmen und ich akzeptiere es. Ich will dich nur fragen, wie wir es mit den Möbeln machen. Wir haben sie gemeinsam gekauft und ich denke, ein paar davon stehen mir zu.“
Schlagartig wurde es Marion schwummrig vor den Augen. Sie musste sich setzen. Was war das? Lag es an der Endgültigkeit? Bis jetzt versuchte er immer, sie zurück zu gewinnen, aber nun wollte er sich mit der Trennung abfinden und einen Teil der gemeinsamen Möbel abholen. Sie hatte sich stark gefühlt, ihn abzuweisen. Nun zweifelte sie, ob es richtig war. Hätte sie ihm nicht doch noch eine Chance geben sollen? Nach all den Jahren, die sie verheiratet waren? Nein, es hatte zu sehr wehgetan, als er ihr von der Anderen erzählte, als er die Wohnung verließ und nicht zurückkam. Aus Wut und Verzweiflung hatte sie damals gleich das Türschloss ausgewechselt, auch wenn das nicht rechtens war. Er besaß dort immer noch Wohnrecht, hatte sich aber darüber nie beklagt. Seitdem kam er immer in die Apotheke, um mit ihr zu reden und sie um eine zweite Chance zu bitten. Aber sie war hart geblieben und das würde sie auch bleiben.
„Geht es dir nicht gut, Marion?“ Uwe schaute sie mit zärtlichem Blick an.
Marion riss sich zusammen und erhob sich. „Doch, alles in Ordnung. Hab bloß heute viel zu tun und nun bringst du mich auch noch um meine Frühstückspause.“
„Entschuldige. Es wird das letzte Mal sein. Wenn wir die Möbel geteilt haben, siehst du mich nicht wieder.“
„Morgen Nachmittag habe ich frei.“ Ihre Stimme klang schärfer als beabsichtigt. Sie versuchte damit ihre Emotionen zu verbergen, was ihr nicht ganz gelang. „Wir könnten uns in einem Café treffen und darüber reden. Ab wann kannst du?“
„Sagen wir 16:30 Uhr? Wo ist es dir recht?“
Marion überlegte. Sie wollte nirgendwohin gehen, wo sie mit ihm war. „In der Wasserstraße gibt es ein kleines Café. Urig und gemütlich. Ich war da neulich mal mit Regina. Treffen wir uns dort halb fünf.“
„Ich kenne das Café. Hast Recht. Ist wirklich gemütlich dort. Also bis morgen halb fünf.“
Er drehte sich um und verließ die Apotheke.
Das Café kennt er also, dachte sie. Mit mir war er dort nie. Sicher mit seiner Neuen.
Sie ging nach hinten, setzte sich auf einen Stuhl und fing an zu weinen.
3. Mai 2009 - Frankfurt
Als Dr. Arnold die Tür öffnete, hatte er schon verloren. Die Faust traf ihn so unvermittelt und hart, dass er zu Boden stürzte. Bevor er noch erkennen konnte, was vor sich ging, wurde ihm ein Tuch vor Mund und Nase gedrückt und trotz Abwehrversuche schwanden ihm nach wenigen Sekunden die Sinne.
Als er langsam wieder zu sich kam, wusste er nicht, ob es Realität war oder er sich in einem schlechten Traum befand. In seinem Kopf pochte es. Er vernahm ein leises Stöhnen und undeutliche Stimmen. Sein Mund war trocken, er konnte ihn kaum öffnen und sein Hals fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Je klarer seine Gedanken wurden, desto mehr wurde ihm bewusst, sich nicht in einem Traum zu befinden.
Er lag nicht, er stand, aber er konnte sich nicht bewegen. Er war gefesselt, gefesselt an seiner eigenen Wohnzimmertür. Warum? Was war passiert? Wage konnte er sich an das Klingeln und den Schlag erinnern. Hatte ihn ein Einbrecher überfallen?
Er entdeckte die Quelle der stöhnenden Geräusche. Sie kamen aus seinem Fernseher. Dieser stand allerdings nicht wie üblich im Wohnzimmerschrank, sondern auf einem Stuhl direkt zwei Meter vor ihm. Er sah auf den Bildschirm. Schemenhaft waren Personen zu erkennen. Eine Frau stöhnte. Daneben schien eine kleinere Person zu liegen. Was sollte das? Warum zeigte ihm der Einbrecher einen Film? Dann entdeckte er die Kamera neben dem Fernseher. Wurde er gefilmt?
Er erschrak. Erst jetzt stellte er fest, dass er nackt war. Seine Arme waren schräg nach oben an je eine Türecke gebunden, seine Beine leicht gespreizt. Er konnte sie nicht bewegen. Schnüre schnitten ihm in Stirn, Oberkörper, Schenkel und Knöchel. Sie fühlten sich an wie Angelsehne. Es konnte sich hier um keinen normalen Einbruch handeln. Aber was wollte man dann von ihm? War überhaupt noch jemand da? Wie viele waren es?
Er hatte Urlaub. Ab morgen wollte er für zwei Wochen mit dem Zug durch Frankreich reisen. Eine Route hatte er grob festgelegt, aber an die würde er sich sicher nicht halten. Wie immer. Nur die ersten zwei Züge von Frankfurt nach Basel und dann weiter nach Lyon hatte er gebucht. Danach würde er sehen, wie es weitergeht. Auto fuhr er ungern, nur, wenn es unbedingt nötig war. Letztes Jahr hatte er eine Zugreise durch Großbritannien unternommen und war vollkommen entspannt zurückgekehrt.
Er lauschte, hörte aber nichts außer den Geräuschen, die aus dem Fernseher drangen. Waren die Einbrecher schon fort? Aber warum war er dann gefesselt und das auch noch nackt?
Um was ging es hier, um ihn? Hatte es jemand auf ihn abgesehen? Aber weshalb? Hatte es mit seinem Beruf als Arzt zu tun? Er war Urologe im Frankfurter Uniklinikum. Er überlegte. Ihm war noch nie ein Operationsfehler unterlaufen. Alle Patienten behandelte er zuvorkommend. Niemals hatte sich jemand über ihn beklagt. Damit konnte es nichts zu tun haben.
In seiner Freizeit spielte er Tennis, obwohl er kein guter Spieler war. Aber auch da fiel ihm niemand ein, der etwas gegen ihn haben könnte.
Es sah aus, als sollte er für irgendetwas bestraft werden, für irgendetwas einen Denkzettel bekommen, aber für was? Und vor allem von wem? Würden der oder die Täter wiederkommen und ihn losbinden? Er erschrak erneut bei dem Gedanken, dass niemand ihn suchen würde. Überall hatte er sich in den Urlaub abgemeldet. Würde jemand ihn hören, wenn er schrie?
Seine Aufmerksamkeit wurde wieder auf den Bildschirm gelenkt. Zwischen den Filmszenen wurden nun kurz Zahlen eingeblendet. Wie lange schon? Die erste Zahl, die er wahrnahm, war eine 8. Kurz darauf folgte eine 3, der eine 1 und eine 9 folgten. Dann noch eine 8, eine 3, eine 1, eine 9; 8, 3, 1, 9. 8319. Immer wieder dieselben Zahlen. Was hatten sie zu bedeuten? 8319. Die Zahl sagte ihm nichts. Vielleicht eine andere Reihenfolge. 3198. Nichts. 9831. Nein, auch mit dieser Zahl brachte er nichts in Verbindung. 1983. Er stutzte. 1983. War damit das Jahr gemeint? Er wurde blass. 1983. Das war das Jahr... Nein, es konnte nicht sein. Alle, die sich hätten rächen können, waren tot. Der Fall war nie aufgeklärt worden. Die Beteiligten hielten dicht, darüber war er sich sicher und die Opfer waren unauffindbar entsorgt worden.
„Na, ist dir was zu den Zahlen eingefallen?“
Erschrocken wandte er seinen Blick nach rechts, woher die Stimme kam. Das war nicht einfach mit festgebundenem Kopf. Was er sah, ließ ihn das Blut in den Adern stocken. Im Türrahmen zu seinem Arbeitszimmer stand eine Frau. Blond, ziemlich groß und... außer Handschuhe und einer Augenmaske trug sie nichts. Obwohl er andere Sorgen haben sollte, fiel sein Blick zuerst auf ihren Busen und dann auf ihren Genitalbereich. Sie war rasiert.
Sie stieß sich vom Türrahmen ab und bewegte sich langsam auf ihn zu. Bei jedem Schritt hüpfte sie ein wenig, sodass ihre Brüste leicht auf und ab wippten. Er konnte seine Augen nicht von ihr abwenden. Sie war schön, hatte eine tadellose Figur. Mit der Maske wirkte sie erotisierend, unnahbar, und genau das war es, was ihn erregte. Aber es steigerte auch seine Angst.
„Wer sind Sie und was wollen Sie?“
„Was ich will? Schau hin!“ Sie deutete mit dem Kopf auf den Fernseher.
Er schaute auf den Bildschirm, auf dem sich die Zahl 1983 eingebrannt hatte.
„Was sagt dir diese Zahl?“ Sie streichelte sein Gesicht. „Komm, sag es mir!“
Die Handschuhe, sie waren aus schwarzem Samt, fühlten sich weich an. Sie küsste ihn auf die Wange, streichelte seinen Oberkörper und leckte kurz mit ihrer Zunge über seine rechte Brustwarze.
Sein Körper reagierte, seine Erregung steigerte sich, aber welcher Mann wäre da kalt geblieben?
„Warum antwortest du mir nicht? Die Zahl sagt dir doch etwas, oder?“
Er nickte. „Was wollen Sie? Wer sind Sie?“
„Ich bin eine, die nicht schlafen kann, die nachts aufwacht, weil sie schlecht träumt. Und weißt du auch warum? Weil du und deine Kumpane 1983 etwas getan haben, was mich fast in den Wahnsinn getrieben hat, und nicht nur mich. Ihr habt euch damals sicher gefühlt in dem Unrechtsstaat DDR. Es machte euch nichts aus, ein weiteres Unrecht zu begehen, nicht wahr?“
Das stimmte. Niemand hatte damals geglaubt, die DDR würde es mal nicht mehr geben, schon gar nicht in naher Zukunft.
Sein Blick glitt wieder zum Fernseher. Ihm wurde schlecht. Er würgte und konnte sich kaum beherrschen sich nicht zu erbrechen. Der Film war nun nicht mehr unscharf. Die Frau, die er gleich am Anfang wahrgenommen hatte, war nackt und … er kannte diese Frau. Schlimmer noch, neben der Frau lag ein kleiner Junge und …
„Ich sehe, du erkennst den Film. Seitdem ich ihn habe, bin ich auf der Suche nach euch. Und nun weiß ich, wo ihr alle wohnt. Mal waren meine Gedanken an euer scheußliches Verbrechen in den letzten Jahren schwächer, mal bestimmten sie meinen Tagesablauf, aber sie waren immer gegenwärtig. Ich will wieder richtig schlafen können und darum muss ich die Ursache dieser Schlaflosigkeit beseitigen. Das siehst du doch ein, oder?“
Er überlegte, wie alt sie sein mochte. Das war schwer zu sagen, ohne ihr Gesicht zu sehen. Mitte 30 vielleicht. Dann war sie 1983 sieben oder acht gewesen. Aber... Nein, es hatte keine Zeugen gegeben. Obwohl. Damals war berichtet worden, dass man im Obergeschoss eine Matratze und Bonbonpapier fand. War diese Frau dort oben gewesen? Sind sie von ihr beobachtet worden? Woher sonst wusste sie, wer dabei war? Ihre Gesichter sind auf keinem der Filme zu erkennen. Darauf hatten sie Acht gegeben.
„Du musst mir nicht antworten. Es ist ja auch egal, was du vorzubringen hast. Dein Urteil ist gesprochen, sowie das deiner Kumpane.“
Warum wollte diese Frau die zwei Kinder rächen? Wollte sie Gerechtigkeit, weil sie die in dem Film gezeigten Szenen abscheulich fand? Das waren sie sicher auch, wie er heute fand, aber damals … Wer hätte damals gedacht, dass sich so schnell alles ändert.
Er musste versuchen, sie dazu zu bringen, ihn loszubinden. In ihren Augen, die ihn von hinter der Maske anschauten, spiegelte sich Entschlossenheit wider, gepaart mit Wahnsinn. Das war gefährlich. Er musste es versuchen, sie zu besänftigen.
„Ich kann Ihnen Geld geben. Ich bin Arzt und verdiene ganz gut. Wie viel wollen Sie? Sagen Sie es...“
Ein Schlag ins Gesicht ließ ihn mitten im Satz innehalten. Einzelne Sterne tauchten vor seinen Augen auf. Die Frau hatte Muskeln und sie wusste sie einzusetzen.
„Warum denken immer alle, mit Geld lassen sich die Unannehmlichkeiten des Lebens aus dem Weg räumen? Was nützt es den Opfern, wenn du mir Geld gibst? Was nützt es mir? Die Alpträume gehen weiter und ich würde mich dann sogar als Mittäterin fühlen. Du bist eine Bestie und irgendwann muss jeder bezahlen. Deine Stunde ist jetzt gekommen und du kannst stolz sein … du bist der Erste.“
Panik kam in ihm hoch. Er sprach zu schnell, überschlug sich beinahe. „Ich habe die Kinder nicht umgebracht, es waren …“
Wieder bekam er einen Schlag ins Gesicht. „Quatsch keinen Mist. Alle vier seid ihr für die Morde verantwortlich und mir ist egal, wer der letzte Auslöser war. Ich bin noch nicht so weit, um zu erfahren, warum und wie ihr sie umgebracht habt. Das lass ich mir vielleicht von einem deiner Mittäter berichten. Nur eins würde mich interessieren, wo habt ihr die Leichen entsorgt, sicher in der Ostsee, oder?“
Er nickte. „Ja, aber …“
„Halt deinen Mund! Das ist jetzt sowieso nicht mehr rückgängig zu machen. Sie sind tot und sie bleiben tot und das Schlimmste ist, sie konnten nicht beerdigt werden. Niemand konnte Abschied von ihnen nehmen.“
Sie streichelte ihn erneut. Ihr Busen drückte sich gegen seinen Oberkörper. „Ein bisschen Freude werde ich dir aber noch bereiten.“ Ihre rechte Hand fuhr langsam seinen Körper hinunter, über Brust und Bauch und streichelte seine Leistengegend. Dann strich sie behutsam über seinen Penis, der langsam seine ruhende Position aufgab. Sie streichelte seinen Hoden, nahm seinen Penis zärtlich in die Hand und massierte ihn. Er erigierte zusehends. Sie schaute ihm in die Augen. Erregung und Angst. Sie konnte nicht sagen was überwog. Sein Glied wurde steifer. „Gefällt es dir?“
Sie ließ ihn kurz los, langte nach oben und riss ein Stück Paketklebeband vom Türrahmen, das sie dort befestigt hatte, nachdem er gefesselt worden war. Sie küsste ihn leicht auf den Mund und klebte das Band über seine Lippen. Die Schreie, die gleich zu erwarten waren, sollten von niemandem gehört werden. Sie schaute ihm wieder in die Augen. Nun überwog die Angst. Genauso muss es den Opfern damals ergangen sein. Schrecken und Angst. Und sie konnten sich nicht wehren, so wie er es jetzt auch nicht konnte.
Sie widmete sich wieder seinem Penis. Er musste steif sein. Ganz steif. Sie streichelte seinen Körper, seinen Hoden, seine Innenschenkel. Er schien dagegen anzukämpfen, aber es half nichts. Sein Penis härtete sich unaufhörlich. Unartikulierte Laute stieß er hinter dem Klebeband hervor. Er riss an den Fesseln, hatte aber keine Chance. Sie waren zu fest. Sie hatte ganze Arbeit geleistet.
Nun war es soweit. Der Penis war hart genug. Sie ergriff ihn mit beiden Händen. Die Länge passte genau hinein.
„Jetzt ist es so weit.“ Es war nur ein Raunen, aber er hatte sie verstanden. Der blanke Horror blickte sie an. Das war gut so und sie genoss es. Er schien zu wissen was ihn erwartete. Er konnte die Schmerzen vorahnen. Er spürte die Qualen schon, bevor sie die Strafe, die sie sich für ihn ausgedacht hatte, ausführte. Sie hätte diesen Moment gern noch ein wenig ausgekostet, konnte es aber nicht riskieren, dass seine Erektion nachließ.
Fest hatte sie seinen Penis im Griff. Ruckartig führte sie eine Bewegung aus, als ob sie einen Stock zerbrach. Ein leises Knacken war zu hören und sie wusste, was passiert war. Sie hatte sich belesen. Mindesten einen Schwellkörper musste sie getroffen haben. Blut spritzte aus der Harnröhre. Also hatte sie diese auch erwischt. Das war gut. Undefinierbare Laute waren hinter dem Klebeband zu hören. Sein ganzer Körper war angespannt, seine Augen glichen herausgezoomten Objektiven und füllten sich mit Tränen. Er riss weiter an seinen Fesseln. Je mehr er sich bewegte, desto mehr Blut troff aus seiner Harnröhre.
Dann ließ er plötzlich den Kopf hängen und sein Körper sackte schlaff in den Fesseln zusammen. Er war ohnmächtig geworden.
Sie trat einen Schritt zurück und schaute auf ihr Werk. Die Erektion war sofort abgeklungen, der Penis verfärbte sich dunkelblau und schwoll an.
Sie lief ins Nebenzimmer und zog sich an. Mit ihrer Handtasche ging sie zum DVD-Recorder, öffnete ihn und entnahm ihm die DVD, die sie in die Tasche tat. Dann schaltete sie die Kamera aus und verstaute diese ebenfalls in ihre Tasche. Gleichzeitig holte sie ein beschriebenes Blatt Papier heraus und legte es auf den Fernseher.
Zum Schluss schaute sie sich noch einmal um, ob sie nichts vergessen hatte und warf einen Blick auf ihr blutendes Opfer. Ob du überleben wirst, hängt davon ab, wie schnell man dich findet, dachte sie. Hoffentlich dauert es etwas, damit deine qualvollen Leiden dich an deine Vergangenheit erinnern.
4. Mai 2009 – Vitt, Insel Rügen
„Bleib noch etwas liegen. Fünf Minuten hast du doch noch.“ Frank hielt Kerstin fest in seinem rechten Arm. Seine linke Hand streichelte sachte über ihre Wange, den Hals hinunter, bis sie auf ihrer Brust zum Ruhen kam. Sie schloss die Augen und genoss die letzten Augenblicke, bevor sie ihn verlassen musste. Er konnte liegen bleiben, doch auf sie warteten 18 Kinder der ersten und zweiten Klasse.
Wie fast immer war Kerstin auch an diesem Montag kurz nach sechs zu ihm gekommen. Ihr Mann, der bei der Bahn arbeitete, fuhr jeden Montag gegen 5:45 Uhr von zu Hause los. Er brachte Ralf, ihren am Down Syndrom erkrankten Sohn, in das Heim nach Bergen, in dem er die Woche über wohnte und arbeitete, und fuhr dann zur Arbeit.
Kerstin war Unterstufenlehrerin in der kleinen Dorfschule, und das nun schon seit fast 30 Jahren. Der Unterricht fing erst um acht an und so nutzte sie die Zeit, ihren Geliebten zu besuchen, für den es zwar noch etwas früh war, der aber eine verkürzte Nacht pro Woche in Kauf nahm, da es sonst kaum Möglichkeiten gab, sich zu treffen. Nur in den Ferien hatten sie schon hin und wieder einen Tagesausflug unternommen.
„Ich wundere mich immer wieder, dass du dich noch mit mir abgibst, nun, nachdem du den Lyrikpreis gewonnen hast.“ Sie legte ihm ihren rechten Zeigefinger auf den Mund. „Sag nichts. Ich weiß, ich bin nicht die Einzige in deinem Harem“, sie grinste, „aber viele Männer gibt es hier nicht und schon gar nicht so attraktive wie dich. Doch genau das wundert mich. Du kannst doch fast jede kriegen, was macht eine 53-jährige für dich so interessant? Ich könnte fast deine Mutter sein.“
„Wie lange geht das jetzt mit uns schon?“ Frank strich ihr eine Strähne aus der Stirn.
„Sechs Jahre? Oder sind es schon sieben?“
„Fast genau sieben. Es fing an, kurz nachdem ich wieder hierher zog, kurz nachdem ich diese Villa“, er machte Anführungsstriche in der Luft, „von meiner Großmutter geerbt hatte. Zur Miete hätte ich mir damals nicht mal so eine Bude wie diese hier leisten können. Im April 2002 bin ich hier eingezogen und am 19. Mai war der Pfingsttanz. Dein Mann war auf Nachtschicht und dein Sohn mit dem Heim auf einem Ausflug. Du warst die erste Frau, die dieses Domizil betrat. Ich konnte damals nicht glauben, dass du schon 46 warst und nun“, er schaute ihr tief in die Augen und gab ihr einen sanften Kuss auf die Lippen, „nun glaube ich nicht, dass du schon 53 bist. Du bist für mich immer noch so anziehend, wie am ersten Tag, trotz der 17 Jahre Unterschied. Und was die andern betrifft, die sind nur ein billiger Ersatz, das weißt du.“ Er küsste sie auf die Wange.“ Wenn du so könntest, wie du wolltest, würden wir jetzt zusammenleben...“
Sie lachte. „Nun fang ja nicht an zu spinnen. Du? Mit mir zusammenleben?“
„Warum nicht? Ich hab ja nicht gesagt, dass ich dich gleich heiraten würde, aber wir müssten uns nicht mehr heimlich treffen.“ Er wartete, ob sie etwas erwidern wollte. Ihre Augen waren geschlossen. Sicher dachte sie darüber nach, wie es wäre, mit ihm zusammenzuleben.
„Und“, fuhr er fort, „ich würde die andern Schnecken links liegen lassen. Keine hat deine Klasse. Aber du kannst nur montags und das auch nicht immer. Ich bin ein Mann in den besten Jahren und da ist mir einmal pro Woche oder nur alle 14 Tage nicht genug. Und übrigens“, er machte eine Pause, um die Bedeutung der folgenden Worte hervorzuheben, „du hast mir sehr geholfen. Du hast mich finanziell unterstützt. Sonst hätte ich mir einen Job suchen müssen und das Schreiben wäre Nebensache geblieben oder ich hätte es ganz aufgegeben. Das vergesse ich dir nie.“
„Du hättest hier keinen Job bekommen“, warf Kerstin ein. Sie öffnete ihre Augen und schaute ihn an. „Du hättest woanders hingehen müssen und das wollte ich nicht. Und außerdem gefallen mir deine Gedichte. Das Schreiben hat sich ja nun auch gelohnt. Du hast endlich den Preis bekommen. Im vierten Anlauf.“
