Das elfte Gebot - Jeffrey Archer - E-Book

Das elfte Gebot E-Book

Jeffrey Archer

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Beschreibung

Ein mit allen Wassern gewaschener CIA-Agent bricht auf eine brisante Mission nach Moskau auf.

Connor Fitzgerald führt ein Doppelleben. In den Augen seiner Familie hat er eine bürgerliche Existenz, in Wirklichkeit ist er Spezialagent der amerikanischen Regierung und die tödlichste Waffe der CIA. Als er glaubt, seine Karriere beenden zu können, schickt ihn sein Arbeitgeber auf eine letzte Mission in das Herz des ehemaligen Todfeindes: nach Moskau. Dort gibt es einen Präsidentschaftskandidaten, der es auf eine militärische Konfrontation mit den USA abgesehen hat. Was Connor nicht weiß: Er selbst ist derjenige, der auf der Abschussliste steht. Eine politische Entscheidung, denn sein letzter Auftrag war ohne Wissen des Präsidenten erfolgt, und außer der CIA-Spitze ist er der einzige Zeuge. Erst als er, von seinem Informanten verraten, in der Todeszelle des KGB sitzt, beginnt er zu ahnen, dass er Opfer einer Intrige geworden ist.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Connor Fitzgerald führt ein Doppelleben. In den Augen seiner Familie hat er eine bürgerliche Existenz, in Wirklichkeit ist er Spezialagent der amerikanischen Regierung und die tödlichste Waffe der CIA. Als er glaubt, seine Karriere beenden zu können, schickt ihn sein Arbeitgeber auf eine letzte Mission in das Herz des ehemaligen Todfeindes: nach Moskau. Dort gibt es einen Präsidentschaftskandidaten, der es auf eine militärische Konfrontation mit den USA abgesehen hat. Was Connor nicht weiß: Er selbst ist derjenige, der auf der Abschussliste steht. Eine politische Entscheidung, denn sein letzter Auftrag war ohne Wissen des Präsidenten erfolgt, und außer der CIA-Spitze ist er der einzige Zeuge. Erst als er, von seinem Informanten verraten, in der Todeszelle des KGB sitzt, beginnt er zu ahnen, dass er Opfer einer Intrige geworden ist.

Der Autor

Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug zunächst eine bewegte Politikerkarriere ein. Mit seinem Debüt »Es ist nicht alles Gold, was glänzt« legte er den Grundstein für eine beispiellose Schriftstellerkarriere, »Kain und Abel« war sein Durchbruch, er wurde weltberühmt. Mittlerweile zählt Jeffrey Archer zu den erfolgreichsten Autoren Englands. Seine historischen Reihen »Die Clifton-Saga« und »Die Warwick-Saga« begeistern eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London, Cambridge und auf Mallorca.

Jeffrey Archer

DASELFTEGEBOT

ROMAN

Aus dem Englischen von Lore Straßl

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe THEELEVENTHCOMMANDMENTerschien erstmals 2005 bei Macmillan.

Erstmals im Deutschen erschienen 2007 im S. Fischer Verlag Frankfurt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Neuausgabe 01/2026

Copyright © 2005 by Jeffrey Archer

Copyright © 2007 der deutschsprachigen Erstausgabe by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © 2026 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT, München, unter Verwendung von Motiven

von Arcangel (Mark Owen), Shutterstock.com (Baturina Yuliya)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-24471-2V001

www.heyne.de

Für Neil und Monique

Inhalt

Erstes BuchDer Mannschaftsspieler

Zweites BuchDer Einzelgänger

Drittes BuchDer Profikiller

Viertes BuchDie Lebenden und die Toten

Erstes BuchDer Mannschaftsspieler

1

Als er dieTür öffnete, schrillte die Alarmglocke.

Ein solcher Fehler durfte einem Amateur unterlaufen, nicht aber Connor Fitzgerald, der in seinen Kreisen als das unübertroffene Ass galt.

Fitzgerald hatte damit gerechnet, dass mehrere Minuten verstreichen würden, bevor die policia auf einen Einbruch im Stadtteil San Victorina reagierte. Das alljährliche Freundschaftsspiel gegen Brasilien fing erst in zwei Stunden an, doch gut die Hälfte der Fernsehgeräte hier in Kolumbien waren gewiss schon eingeschaltet. Wäre Fitzgerald nach Beginn des Spiels in der Pfandleihe eingebrochen, hätte die policia sich bestimmt nicht vor dem Schlusspfiff bequemt, der Alarmmeldung nachzugehen. Es war allgemein bekannt, dass die hiesigen Ganoven sich während des Freundschaftsspiels beinahe zwei Stunden uneingeschränkter krimineller Bewegungsfreiheit erfreuen konnten. Doch Fitzgeralds Vorkehrungen für diese Zeitspanne würden dafür sorgen, dass die policia hinter Schatten herjagte. Und es würden Wochen, wenn nicht Monate vergehen, ehe irgendjemand den wahren Grund für den Einbruch an diesem Samstagnachmittag herausfand.

Der Alarm schrillte immer noch, als Fitzgerald die Hintertür schloss und durch das kleine Lager zum Laden an der Straßenseite eilte. Er beachtete die Reihen von Uhren auf ihren Halterungen ebenso wenig wie die Smaragde in ihren Zellophanhüllen oder den Goldschmuck aller Art und Größe, der hinter einem eleganten und zugleich soliden Schutzgitter ausgestellt war. Sämtliche Artikel waren sorgfältig mit Namen und Datum ausgezeichnet, damit die vielleicht nur zeitweilig in finanzielle Verlegenheit geratenen Besitzer ihre Familienerbstücke binnen sechs Monaten auslösen konnten. Aber das taten nur wenige.

Fitzgerald schob den Vorhang aus Holzperlenschnüren zwischen Lager und Laden rasch zur Seite. Hinter dem Verkaufstisch blieb er stehen und blickte auf einen leicht ramponierten ledernen Aktenkoffer auf einem Tischchen in der Mitte des Schaufensters. Am Verschluss waren die Initialen D.V.R. in abgewetzter Goldprägung zu erkennen. Fitzgerald rührte sich nicht, bis er sicher war, dass niemand hereinschaute.

Er hatte das handgefertigte Meisterwerk erst am heutigen Tag zum Pfandleiher gebracht und diesem versichert, dass er nicht die Absicht habe, jemals nach Bogotá zurückzukehren, um es wieder auszulösen; deshalb dürfe es sofort verkauft werden. Fitzgerald wunderte sich daher nicht, dass der Koffer bereits ins Schaufenster gestellt worden war. Einen zweiten wie ihn gab es zweifellos in ganz Kolumbien nicht.

Er wollte soeben über den Tresen steigen, als ein junger Mann am Schaufenster vorüberschlenderte. Fitzgerald erstarrte, doch der Mann interessierte sich ausschließlich für das kleine Radio, das er sich ans linke Ohr drückte. Fitzgerald beachtete er ebenso wenig, wie er auf eine Schneiderpuppe achten würde. Als der junge Bursche nicht mehr zu sehen war, schwang Fitzgerald sich über den Ladentisch und ging zum Fenster. Er blickte die Straße hinauf und hinunter, ob irgendjemand ihn möglicherweise beobachten konnte, und stellte erleichtert fest, dass niemand zu sehen war. Mit einer raschen Bewegung griff er nach dem Koffer und hob ihn auf. Er sprang zurück über den Tresen; dann drehte er sich um und blickte aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass kein neugieriges Auge den Diebstahl beobachtet hatte.

Fitzgerald schob den Perlenvorhang zur Seite und ging zu der geschlossenen Tür. Er schaute auf die Uhr. Die Alarmglocke schrillte seit nunmehr achtundneunzig Sekunden. Auf der Gasse blieb er kurz stehen und lauschte. Hätte er das Heulen einer Polizeisirene vernommen, wäre er nach links abgebogen und in dem Labyrinth von Straßen hinter der Pfandleihe verschwunden. Doch vom Alarm in dem Laden abgesehen, blieb alles still. So wandte er sich nach rechts und spazierte scheinbar gleichmütig in Richtung Carrera Septima.

Als Connor Fitzgerald den Bürgersteig erreichte, blickte er nach links, dann nach rechts und schlängelte sich durch den mäßigen Verkehr zur gegenüberliegenden Straßenseite, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Er betrat ein fast bis zum letzten Platz gefülltes Restaurant, wo eine Gruppe lautstarker Fußballfans vor einem riesigen Fernseher hockte.

Niemand beachtete ihn. Das ausschließliche Interesse der Anwesenden galt den endlosen Wiederholungen der drei Tore, die Kolumbien im vergangenen Jahr geschossen hatte. Fitzgerald setzte sich an einen Ecktisch. Zwar konnte er den Bildschirm nicht allzu gut sehen, dafür aber die andere Straßenseite. Ein ramponiertes Schild mit der Aufschrift J. Escobar. Monte de Piedad, establecido 1946 schaukelte in der nachmittäglichen Brise über dem Pfandhaus.

Mehrere Minuten vergingen, bevor ein Polizeiwagen mit quietschenden Reifen vor dem Laden hielt. Sobald Fitzgerald gesehen hatte, dass die beiden uniformierten Polizisten das Haus betraten, verließ er seinen Tisch und schritt scheinbar unbekümmert durch die Hintertür auf eine weitere ruhige Samstagnachmittagsstraße. Er hielt das erste fahrgastlose Taxi an und sagte mit breitem südafrikanischem Akzent: »El Belvedere am Plaza de Bolívar, por favor.« Der Fahrer nickte knapp, als wolle er deutlich machen, dass er keine Lust hatte, sich zu unterhalten. Nachdem sein Fahrgast es sich lässig auf der Rückbank des arg mitgenommenen gelben Taxis bequem gemacht hatte, stellte er das Radio lauter.

Fitzgerald warf einen neuerlichen Blick auf die Uhr: siebzehn Minuten nach eins. Er war mit seinem Plan etwa zwei Minuten im Rückstand. Die Rede musste soeben begonnen haben, doch da sie bestimmt gut vierzig Minuten dauern würde, blieb ihm noch immer mehr als genug Zeit, sich dem wahren Grund seines Aufenthalts in Bogotá zu widmen. Er rückte ein paar Zentimeter nach rechts, damit der Fahrer ihn auch deutlich im Innenspiegel sehen konnte.

Sobald die policia ihre Untersuchung begann, würde jeder, der Fitzgerald an diesem Tag gesehen hatte, in etwa die gleiche Beschreibung geben: Weißer, um die fünfzig, gut eins achtzig groß, ungefähr hundert Kilo, unrasiert, dunkles, widerspenstiges Haar, wie ein Ausländer gekleidet und mit fremdem, aber nicht amerikanischem Akzent. Fitzgerald hoffte, dass wenigstens einer der Befragten die nasale südafrikanische Aussprache erkennen würde. Er hatte sich immer schon gut darauf verstanden, Akzente nachzuahmen. An der Highschool hatte er sich oft genug in Schwierigkeiten gebracht, indem er die Lehrer nachäffte.

Im Radio des Taxis meldete sich weiterhin ein Fußballexperte nach dem anderen zu Wort und gab seine mehr oder weniger fundierte Meinung zum heutigen Länderspiel ab. Fitzgerald hörte gar nicht hin, verschloss sich gegen die Sprache, die zu beherrschen er wenig Interesse hatte – auch wenn er erst kürzlich seinem beschränkten Wortschatz die Begriffe falta, fuera und gol hinzugefügt hatte.

Als der kleine Fiat siebzehn Minuten später vor dem El Belvedere hielt, gab Fitzgerald dem Fahrer eine Zehntausendpesonote und war aus dem Wagen, ehe der Mann ihm für ein so großzügiges Trinkgeld danken konnte. Nicht, dass die Taxifahrer von Bogotá die Worte »muchas gracias« allzu häufig in den Mund nähmen.

Fitzgerald rannte die Hoteltreppe hinauf, vorbei am livrierten Portier und durch die Drehtür. Im Foyer eilte er geradewegs zu den Fahrstühlen, die dem Empfangstresen unmittelbar gegenüberlagen. Er brauchte nicht lange zu warten, bis einer der vier Lifts ins Parterre herunterkam. Nachdem die Tür aufgeglitten war, stieg er ein und drückte sogleich auf den Knopf mit der »8« und unmittelbar danach auf den mit der Aufschrift »Schließen«, um niemandem die Gelegenheit zu geben, zu ihm in den Lift zu steigen. Als er im achten Stock zu Zimmer 807 eilte, sanken seine Schuhe in den dichten Teppichboden. Er schob eine Plastikkarte in den Türschlitz und wartete, bis das grüne Licht aufleuchtete, bevor er den Türknauf drehte. Kaum war die Tür offen, hängte er das Schild Favor de no molestar außen an den Knauf; dann schloss er die Tür und verriegelte sie.

Er blickte auf sein Handgelenk: dreizehn Uhr sechsunddreißig. Die Polizisten dürften inzwischen die Pfandleihe verlassen haben. Zweifellos gingen sie wieder einmal von einem falschen Alarm aus. Inzwischen hatten die Beamten Mr. Escobar bestimmt schon in seinem Landhaus angerufen und ihm mitgeteilt, dass offenbar alles in Ordnung war. Aber er möge bitte nachsehen, ob irgendetwas fehle, wenn er am Montag in die Stadt zurückkehre. Falls ja, solle er die policia benachrichtigen. Das Einzige, das Escobar am Montag Vormittag als gestohlen melden konnte, würden mehrere Päckchen ungeschliffene Smaragde sein, welche die policia beim Verlassen des Ladens hatte mitgehen lassen. Wie lange wird es dauern, fragte sich Fitzgerald, bis Escobar bemerkt, dass noch etwas anderes fehlt? Einen Tag? Eine Woche? Einen Monat? Fitzgerald hatte bereits beschlossen, Escobar durch einen kleinen Wink darauf aufmerksam zu machen, damit es schneller ging.

Fitzgerald zog die Jacke aus und hängte sie über den nächsten Stuhl. Mit der Fernbedienung auf dem Nachttisch schaltete er den Fernseher ein; dann setzte er sich auf das Sofa davor. Ricardo Guzmans Gesicht nahm den Bildschirm ein.

Fitzgerald wusste, dass Guzman auf die fünfzig zuging, doch mit seinen eins fünfundachtzig, dem vollen schwarzen Haar und der sportlichen Figur hätte die begeisterte Menge ihm auch die vierzig abgekauft. Schließlich erwarteten nur wenige Kolumbianer, dass ihre Politiker ihnen die Wahrheit sagten, schon gar nicht über ihr Alter.

Ricardo Guzman, Favorit bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl, war der Boss des Cali-Kartells, das achtzig Prozent des New Yorker Kokainhandels beherrschte und jährlich mehr als eine Milliarde Gewinn machte. Darüber hatte Fitzgerald in keiner der drei nationalen Zeitungen Kolumbiens auch nur eine Zeile gefunden – was vermutlich daran lag, dass sie alle von Guzman kontrolliert wurden und nur veröffentlichen durften, was ihm in den Kram passte.

»Als euer Präsident werde ich als Erstes jedes Unternehmen verstaatlichen, von dem Amerikaner die Aktienmehrheit besitzen.«

Die kleine Menge, die sich um die Freitreppe des Kongressgebäudes an der Plaza de Bolívar versammelt hatte, jubelte begeistert. Ricardo Guzmans Berater hatten ihn immer wieder gewarnt, dass es Zeitverschwendung wäre, am Tag des Länderspiels eine Rede zu halten, doch Guzman hatte nicht auf sie gehört, weil er sich sagte, dass Millionen von Fernsehzuschauern auf der Suche nach dem Sender mit der Direktübertragung des Fußballspiels durch die Kanäle zappen und ihn auf den Schirm bekommen würden, und sei es auch nur für einen Augenblick. Diese Leute würden dann überrascht sein, ihren Präsidentschaftskandidaten schon eine Stunde später ins überfüllte Stadion stolzieren zu sehen. Fußball langweilte Guzman, aber er wusste, dass sein Erscheinen, kurz bevor die eigene Mannschaft aufs Spielfeld lief, die Aufmerksamkeit der Menge von Antonio Herrera ablenken würde, dem kolumbianischen Vizepräsidenten und Guzmans Hauptrivalen bei der Wahl. Herrera saß in der Ehrenloge, aber er, Guzman, stand in der Menge hinter einem der Tore. Er wollte, dass die Leute ihn als einen der Ihren betrachteten, als Mann aus dem Volk.

Fitzgerald schätzte, dass die Rede noch etwa sechs Minuten dauern würde. Er hatte sie mindestens schon sechsmal gehört: in überfüllten Foyers, in halb leeren Bars, an einer Straßenecke, sogar in einem Busbahnhof. Er zog den Lederkoffer vom Bett auf seinen Schoß.

»… Antonio Herrera ist nicht der Kandidat der Liberalen«, schimpfte Guzman, »sondern der Amerikaner. Er ist nichts weiter als die Puppe eines Bauchredners, die lediglich die Worte des Mannes im Oval Office wiederholt.« Die Menge jubelte erneut.

Noch fünf Minuten, vermutete Fitzgerald. Er öffnete den vermeintlichen Aktenkoffer und starrte auf die Remington 700, die sich lediglich ein paar Stunden außerhalb seiner Sichtweite befunden hatte.

»Immer gehen die Amerikaner davon aus, dass wir mit allem einverstanden sind, was günstig für sie ist!«, donnerte Guzman. »Was für eine Dreistigkeit! Was für eine Anmaßung! Und das nur wegen ihres allmächtigen Dollars! Zur Hölle mit diesem allmächtigen Dollar!« Die Menge jubelte mit noch mehr Begeisterung, als der Kandidat einen Dollarschein aus seiner Brieftasche zog und die George-Washington-Prägung zerriss.

»Ihr dürft mir eines glauben«, fuhr Guzman fort und verstreute die winzigen Fetzen grünen Papiers wie Konfetti über die Menge.

»Gott ist kein Amerikaner …«, murmelte Fitzgerald.

»Gott ist kein Amerikaner!«, rief Guzman.

Behutsam hob Fitzgerald die McMillan-Fiberglasstütze aus dem Koffer.

»In zwei Wochen werden die Bürger Kolumbiens die Gelegenheit bekommen, ihre Meinung der ganzen Welt kundzutun!«, brüllte Guzman.

»Vier Minuten«, murmelte Fitzgerald, während er zum Bildschirm blickte und das Lächeln des Kandidaten nachäffte. Er nahm den Lauf aus gehärtetem Edelstahl aus seinem Fach und schraubte ihn fest an den Schaft. Er passte wie angegossen.

»Bei zukünftigen Gipfeltreffen wird Kolumbien wieder mit am Konferenztisch sitzen und nicht erst am nächsten Tag durch die Medien informiert werden. In nur einem Jahr, meine geliebten Mitbürger, habe ich die Amerikaner so weit, dass sie uns nicht mehr als eine ihrer Kolonien der Einen Welt behandeln, sondern als Ebenbürtige!«

Die Menge tobte vor Begeisterung. Fitzgerald nahm das Leupold-10-Power-Zielfernrohr aus dem Koffer und schob es in die zwei kleinen Führungen auf dem Lauf.

»Es wird keine hundert Tage dauern, bis ihr Veränderungen in unserem Land erlebt, die Herrera nicht einmal in hundert Jahren für möglich gehalten hätte. Denn wenn ich erst euer Präsident bin …«

Fitzgerald legte den Schaft der Remington 700 an seine Schulter. Sie war wie ein alter Freund. Aber wie könnte es auch anders sein? Jedes Teil war nach seinen exakten Angaben maßgefertigt.

Er deutete mit dem Zielfernrohr auf das Fernsehbild und richtete die kleine Strichreihe aus, bis sie etwa einen Zoll über das Herz des Kandidaten zeigte.

»… Kampf gegen die Inflation …«

Noch drei Minuten.

»… Kampf gegen die Arbeitslosigkeit …«

Fitzgerald atmete aus.

»… und auch erfolgreich gegen die Armut kämpfen!«

Fitzgerald zählte: drei … zwei … eins. Dann drückte er den Abzugshebel. Über dem Lärm der Menge war das Klicken kaum zu hören.

Er senkte das Gewehr, erhob sich vom Sofa und legte den leeren Koffer auf den Fußboden. Es würden noch neunzig Sekunden vergehen, ehe Guzman zu seiner schon zum Ritual gewordenen Schmähung von US-Präsident Lawrence kam.

Fitzgerald nahm das Hohlmantelgeschoss aus dem speziell dafür gefertigten kleinen Lederfach innen im Kofferdeckel. Dann öffnete er den Lauf und schloss ihn wieder, nachdem er die Patrone in die Kammer geschoben hatte.

»Bürger von Kolumbien, es ist eure letzte Chance, die katastrophalen Fehler der Vergangenheit ungeschehen zu machen. Lasst uns die Zukunft in Angriff nehmen«, rief Guzman, und seine Stimme hob sich mit jedem Wort. »Deshalb müssen wir für eines sorgen. Wir dürfen uns …«

»Eine Minute«, murmelte Fitzgerald. Er hätte die letzten sechzig Sekunden von Guzmans Rede im Schlaf aufsagen können. Er wandte sich vom Fernseher ab und schritt bedächtig durch das Zimmer zu dem großen, zweiflügeligen Fenster.

»… diese einzigartige Chance nicht entgehen lassen …«

Fitzgerald zog den feinen Spitzenstore zur Seite und spähte über die Plaza de Bolívar zum Kongressgebäude, wo der Präsidentschaftskandidat von der obersten Stufe der Eingangstreppe hinunter auf die Menge schaute. Nur noch wenige Augenblicke, dann würde sein coup de grâce kommen.

Fitzgerald wartete geduldig. Nur nichts übereilen!

»Viva la Colombia!«, rief Guzman. »Viva la Colombia!«, brüllte der Mob frenetisch, wenngleich viele bezahlte Handlanger und Claqueure darunter waren, die strategisch günstige Positionen in der Menge eingenommen hatten.

»Ich liebe mein Vaterland!«, rief der Kandidat mit gespieltem Enthusiasmus. Noch dreißig Sekunden bis zum Ende der Rede. Fitzgerald öffnete das Fenster. Der Lärm der Menge, die jedes Wort des Kandidaten wiederholte, schlug ihm entgegen.

Guzman senkte die Stimme nun fast zu einem Wispern: »Eines möchte ich noch klarstellen. Es gibt nur einen Grund, weshalb ich euch als Präsident dienen möchte – die Liebe zu meinem Heimatland!«

Zum zweiten Mal hob Fitzgerald den Schaft der Remington 700 langsam an die Schulter. Aller Augen ruhten auf dem Kandidaten, als dieser hinausdonnerte: »Dios guarde a la Colombia!« Der Lärm wurde ohrenbetäubend, als seine Anhänger die Worte wiederholten: »Dios guarde a la Colombia!« Guzmans Hände blieben ein paar Sekunden lang triumphierend erhoben, wie am Ende einer jeden Rede. Und wie immer verhielt er sich für einen Augenblick vollkommen still.

Fitzgerald richtete die winzigen Striche des Zielfernrohrs einen Zoll über das Herz des Kandidaten. Einen Moment hielt er den Atem an, während er die Finger der Linken um den Schaft spannte. »Drei … zwei … eins«, murmelte er, ehe er kurz auf den Abzug drückte.

Guzman lächelte noch, als die Kugel in seine Brust schlug. Eine Sekunde später sackte er zu Boden wie eine Marionette, deren Fäden mit einem einzigen Schnitt durchtrennt worden waren. Blut spritzte über seine Vasallen, die neben ihm standen und nicht begriffen, was da vor sich ging. Fitzgerald sah vom Kandidaten nur noch, wie dieser die Arme ausstreckte, als würde er sich einem unbekannten Feind ergeben.

Connor Fitzgerald senkte das Gewehr und schloss rasch das Fenster. Er hatte seinen Auftrag erledigt.

Nun musste er nur noch darauf achten, dass er auf keinen Fall gegen das elfte Gebot verstieß.

2

»Ob ich seiner Witwe und der Familie mein Beileid bekunden soll?«, überlegte Tom Lawrence laut.

»Nein, Mr. President«, riet ihm der Außenminister ab. »Das sollte besser ein Staatssekretär für inneramerikanische Angelegenheiten übernehmen. Es dürfte nun so gut wie sicher sein, dass Antonio Herrera der nächste Präsident Kolumbiens wird, also ist er derjenige, mit dem Sie offiziell zu tun haben werden.«

»Würden Sie mich bei den Begräbnisfeierlichkeiten vertreten? Oder soll ich den Vizepräsidenten schicken?«

»Ich würde sagen, es genügt, wenn unser Botschafter in Bogotá Sie vertritt. Da die Beerdigung bereits an diesem Wochenende stattfindet, kann man nicht erwarten, dass wir so kurzfristig Zeit haben.«

Der Präsident nickte. Er hatte sich an die unverblümte Art gewöhnt, mit der Larry Harrington alles kommentierte, sogar den Tod. Unwillkürlich fragte er sich, wie Larry reagieren würde, wenn er, das Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten, einem Anschlag zum Opfer fiele.

»Wenn Sie einen Augenblick Zeit hätten, Mr. President. Ich glaube, ich sollte Sie ein bisschen eingehender über unsere derzeitige Politik in Kolumbien informieren. Die Medien werden Sie vermutlich über die möglichen Auswirkungen …«

Der Präsident wollte seinen Außenminister soeben unterbrechen, als an die Tür geklopft wurde und Andy Lloyd ins Zimmer trat.

Es muss elf Uhr sein, dachte Lawrence. Er hatte keine Uhr mehr gebraucht, seit er Lloyd zu seinem Stabschef ernannt hatte.

»Später, Larry«, sagte er zum Außenminister. »Ich werde jetzt eine Pressekonferenz über den Gesetzentwurf zur Beschränkung nuklearer, biologischer, chemischer und konventioneller Waffen geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich allzu viele Journalisten für den Tod des Präsidentschaftskandidaten eines Landes interessieren, von dem der Großteil unserer Bürger nicht einmal weiß, wo genau es liegt. Seien wir doch mal ehrlich.«

Harrington schwieg. Er hielt sich nicht dafür zuständig, den Präsidenten darauf hinzuweisen, dass die meisten Amerikaner selbst jetzt noch keine Ahnung hatten, wo Vietnam auf einer Weltkarte zu finden war. Doch als Andy Lloyd das Zimmer betreten hatte, war Harrington klar, dass höchstens eine Weltkriegserklärung ihm den Vorrang gegeben hätte. Er nickte Lloyd knapp zu und verließ das ovale Zimmer, das weltweit als Oval Office bekannt war.

»Warum habe ich diesen Mann überhaupt ernannt?« Lawrence blickte auf die geschlossene Tür.

»Larry hat Texas bei den Wahlen auf deine Seite gebracht, als unsere Prognosen darauf hindeuteten, dass die Mehrheit der Südstaatenwähler dich für einen Schwächling aus dem Norden hielt, der imstande wäre, sogar einen Homosexuellen zum Häuptling der Stabschefs im Verteidigungsministerium zu ernennen.«

»Würde ich einen Schwulen als den Richtigen für diesen Job betrachten, würde ich’s vielleicht sogar tun.«

Nach dreißigjähriger Freundschaft hatten die beiden keine Geheimnisse voreinander. Das war einer der Gründe, weshalb Tom Lawrence seinem alten Collegefreund den Posten des Stabschefs im Weißen Haus angeboten hatte. Andy drückte die Dinge so aus, wie er sie sah, ohne jegliche Bosheit oder Arglist. Dieser liebenswerte Charakterzug stand jedoch einer politischen Karriere im Weg. Aber Andy strebte ohnehin keine bedeutenden höheren Ämter an und würde deshalb auch nie zum Rivalen werden.

Der Präsident schlug den blauen Ordner mit der Aufschrift SOFORT auf, den Andy ihm bereits früher an diesem Vormittag gebracht hatte. Er vermutete, dass sein Freund die halbe Nacht, wenn nicht länger, damit verbracht hatte, die Unterlagen zusammenzustellen. Er las die Fragen, die nach Andys Meinung bei der mittäglichen Pressekonferenz am ehesten gestellt würden.

Wie viele Steuergelder glauben Sie durch diese Maßnahme zu sparen?

»Ich vermute, dass Barbara Evans wie üblich die erste Frage stellen wird.« Lawrence blickte auf. »Haben wir eine Ahnung, mit welchen Problemen sie mich diesmal konfrontieren wird?«

»Nein.« Andy Lloyd schüttelte den Kopf. »Aber seit du Al Gore in New Hampshire geschlagen hast, ist sie hinter dem Abrüstungs-Gesetzentwurf her, den du damals angekündigt hast. Jetzt, wo du dazu bereit bist, hat sie wohl kaum noch einen Grund, dich weiter mit Fragen zu löchern.«

»Das stimmt schon. Aber glaub mir, die Frau hat ein ganz besonderes Talent, mir auf die Nerven zu fallen.«

Andy nickte, als der Präsident auf die nächste Frage und damit auf das nächste Problem blickte.

Wie viele Amerikaner werden dadurch ihre Jobs verlieren?

Wieder blickte Lawrence auf. »Gibt es jemand Besonderen, dem ich deiner Meinung nach aus dem Weg gehen sollte?«

»Dem Rest der Meute.« Andy grinste. »Ruf Phil Ansanch aufs Podium, wenn du zum Ende kommst.«

»Warum Ansanch?«

»Er hat den Gesetzentwurf in jedem Stadium befürwortet. Außerdem ist er heute unter deinen Dinnergästen.«

Der Präsident lächelte und nickte, während sein Zeigefinger die Liste der zu erwartenden Fragen hinunterglitt. Bei Nummer sieben hielt er inne.

Ist das nicht ein weiteres Beispiel dafür, dass Amerika von seinem geraden Kurs abkommt?

Wieder blickte der Präsident zu seinem Stabschef hoch.

»So, wie gewisse Kongressabgeordnete auf diesen Gesetzentwurf reagiert haben, könnte man wirklich meinen, dass wir immer noch im Wilden Westen leben.«

»Da kann ich dir leider nicht widersprechen. Aber wie du weißt, halten vierzig Prozent der Amerikaner die Russen nach wie vor für unsere größte Bedrohung. Und fast dreißig Prozent rechnen damit, dass es zu ihren Lebzeiten einen Krieg mit Russland gibt.«

Lawrence fluchte und fuhr mit der Hand durch sein dichtes, vorzeitig ergrautes Haar, ehe er sich wieder der Fragenliste zuwandte. Bei Nummer neunzehn hielt er erneut inne.

»Wie lange wird man mich denn noch fragen, warum ich damals meinen Wehrpass verbrannt habe?«

»Ich nehme an, solange du Oberbefehlshaber der Streitkräfte bist.«

Der Präsident murmelte irgendetwas Unverständliches und las die nächste Frage. Wieder blickte er auf. »Viktor Zerimskij? Der wird wohl kaum der nächste russische Präsident werden, oder?«

»Wahrscheinlich nicht. Aber bei der letzten Umfrage ist er immerhin auf dem dritten Platz gelandet. Zwar besteht weiterhin ein ziemlicher Abstand zu Premierminister Tschernopow und General Borodin, aber Zerimskijs Kampfansage an das organisierte Verbrechen wird ihm sicher nützen, vor allem deshalb, weil die meisten Russen überzeugt sind, dass Tschernopow von der russischen Mafia bezahlt wird.«

»Was ist mit dem General?«

»Er verliert immer mehr Boden unter den Füßen, da die russische Armee seit Monaten keinen Sold mehr gesehen hat. Den Pressemeldungen zufolge verkaufen die Soldaten ihre Uniformen auf der Straße an Touristen.«

»Gott sei Dank sind es noch Jahre bis zur übernächsten russischen Präsidentschaftswahl. Denn wenn die Befürchtung bestünde, dass dieser Faschist Zerimskij Russlands nächster Präsident wird, hätte unser Abrüstungsentwurf weder im Repräsentantenhaus noch im Senat die geringste Chance.«

Lloyd nickte, als Lawrence weiterblätterte. Bei der neunundzwanzigsten Frage auf der nächsten Seite hielt er aufs Neue inne.

»Wie viele Kongressabgeordnete haben Waffenfabriken und militärische Einrichtungen in ihren Wahlkreisen?«

»Zweiundsiebzig Senatoren und zweihundertelf Mitglieder des Repräsentantenhauses«, antwortete Lloyd, ohne in seinen noch zugeschlagenen Unterlagen nachschauen zu müssen. »Du musst wenigstens sechzig Prozent von ihnen dazu bringen, dich zu unterstützen, um sicherzugehen, dass die Mehrheit in beiden Häusern gegeben ist. Und immer vorausgesetzt, wir können mit Senator Bedells Unterstützung rechnen.«

»Frank Bedell hat schon eine allgemeine Abrüstung gefordert, als ich noch in Wisconsin zur Highschool ging«, entgegnete der Präsident. »Er hat gar keine Wahl, als uns zu unterstützen.«

»Er mag ja immer noch für das Gesetz sein, aber er ist der Meinung, du gehst damit nicht weit genug. Er hat eben erst gefordert, den Verteidigungshaushalt um die Hälfte zu kürzen.«

»Und wie soll ich das seiner Meinung nach zustande bringen?«

»Indem wir uns aus der NATO zurückziehen und den Europäern die Verantwortung für ihre Verteidigung allein überlassen.«

»Das ist völlig unrealistisch!«, protestierte Lawrence. »Sogar die erzkonservativen Nationalisten würden sich in dem Fall querstellen!«

»Das weißt du, und ich weiß es auch. Und ich vermute, dass selbst der gute Senator es weiß. Nur hält ihn das nicht davon ab, in jedem Fernsehsender zwischen Boston und Los Angeles aufzutreten und zu behaupten, dass eine fünfzigprozentige Reduzierung der Verteidigungsausgaben über Nacht sämtliche finanziellen Probleme der amerikanischen Renten- und Gesundheitsvorsorge lösen würde.«

»Ich wünschte, Bedell würde sich auch ein wenig Sorgen um die Verteidigung unseres Landes machen und seine Zeit nicht mit unlösbaren sozialen Problemen vergeuden«, sagte Lawrence. »Wie soll ich reagieren?«

»Überhäufe ihn mit Lob für seinen unermüdlichen Einsatz für unsere älteren Bürger. Und dann mach ihm klar, dass die Vereinigten Staaten niemals nachlassen werden, Freiheit und Demokratie zu verteidigen, solange du Oberbefehlshaber der Streitkräfte bist. Für dich wird immer vorrangig sein, dass Amerika die mächtigste Nation der Welt bleibt und bla, bla, bla. Auf diese Weise dürfte es uns gelingen, Bedells Stimme zu bekommen. Außerdem die des einen oder anderen Wackelkandidaten.«

Der Präsident warf einen Blick auf die Uhr, ehe er zur dritten Seite blätterte. Bei der einunddreißigsten Frage seufzte er tief.

Wie können Sie darauf hoffen, dass der Gesetzentwurf ratifiziert wird, wo die Demokraten doch weder in dem einen noch im anderen Haus die Mehrheit haben?

»Okay, Andy. Und wie lautet die Antwort darauf?«

»Du erklärst, dass besorgte Amerikaner den von ihnen gewählten Abgeordneten deutlich machen, dass dieses Gesetz längst überfällig ist und dass jeder mit halbwegs gesundem Menschenverstand dafür stimmen muss.«

»Das habe ich schon beim letzten Mal behauptet, Andy. Beim Gesetzentwurf zur Drogenbekämpfung. Erinnerst du dich?«

»O ja, ich erinnere mich sehr gut. Und alle haben ausreichend gesunden Menschenverstand bewiesen.«

Wieder stieß Lawrence einen tiefen Seufzer aus. »Wie schön es doch wäre, ein Land zu regieren, in dem nicht alle zwei Jahre Parlamentswahlen stattfinden. Und in dem es kein Pressekorps gibt, das davon überzeugt ist, alles besser machen zu können als eine demokratisch gewählte Regierung.«

»Sogar die Russen müssen sich an das Phänomen der Presse gewöhnen und versuchen, damit fertigzuwerden«, erinnerte ihn Lloyd.

»Wer hätte gedacht, dass wir das je erleben?« Lawrence las die letzte Frage. »Ich gehe jede Wette ein, dass Tschernopow siegen würde, wenn er den Wählern verspräche, der erste Präsident zu sein, der mehr für die Gesundheitsfürsorge ausgibt als für die Verteidigung.«

»Da magst du recht haben. Aber genauso sicher ist, dass Zerimskij, falls er gewählt wird, Russlands Kernwaffenarsenal neu aufbaut, ehe er auch nur an den Bau neuer Krankenhäuser denkt.«

»Daran besteht kein Zweifel.« Der Präsident nickte. »Aber da keine Gefahr besteht, dass dieser Fanatiker die Wahl gewinnt …«

Andy Lloyd schwieg.

3

Fitzgerald wusste, dass die nächsten zwanzig Minuten über sein Schicksal entscheiden würden.

Er schritt rasch durchs Zimmer und warf einen flüchtigen Blick auf den Fernseher. Die Menge flüchtete in alle Richtungen vom Platz. Aus wilder Begeisterung war wilde Panik geworden. Zwei von Ricardo Guzmans Beratern beugten sich über das, was von seiner Leiche übrig war.

Fitzgerald hob die Patronenhülse auf und steckte sie in ihr Fach im Koffer zurück. Ob der Pfandleiher bemerken würde, dass eine Patrone benutzt worden war?

Auf der anderen Seite des Platzes erhob sich unverwechselbar das Heulen einer Polizeisirene über den Lärm der schreienden Menschenmenge. Diesmal hatte die Polizei viel schneller reagiert.

Fitzgerald zog das Zielfernrohr ab und verstaute es in dem genau angepassten Hartplastikfach des Lederkoffers. Anschließend schraubte er den Lauf ab und steckte auch ihn an seinen Platz. Zum Schluss verstaute er den Schaft der Waffe im Lederkoffer.

Ein letztes Mal schaute Fitzgerald auf den Bildschirm und sah, wie die policia auf den Platz stürmte. Er griff nach dem Lederkoffer, nahm ein Streichholzheftchen aus einem Aschenbecher, der auf dem Fernseher stand, und öffnete die Zimmertür.

Nachdem er sich auf dem leeren Flur umgeschaut hatte, ging er mit schnellen Schritten zum Lastenaufzug. Mehrmals drückte er auf den kleinen weißen Knopf an der Wand neben dem Lift. Das Fenster zur Feuertreppe hatte er bereits geöffnet, ehe er zur Pfandleihe gegangen war, doch ihm war klar, dass ihn wahrscheinlich ein ganzer Polizeitrupp am Fuß der wackligen Metalltreppe erwarten würde, falls er auf seinen Ausweichplan zurückgreifen musste. Für ihn gab es keinen Hubschrauber wie in den Rambo-Filmen, der mit wirbelnden Rotoren wartete und ihm einen glorreichen Abgang verschaffte, während ihm die Kugeln um die Ohren pfiffen und alles und jeden trafen – nur ihn nicht. Dies hier war Realität.

Als die schweren Aufzugtüren langsam auseinanderglitten, sah Fitzgerald sich einem jungen Zimmerkellner in roter Jacke mit hochbeladenem Lunchtablett gegenüber. Offenbar hatte der Junge den Kürzeren gezogen und nicht freibekommen, sodass er das Fußballspiel nicht sehen konnte.

Sein Erstaunen war unverkennbar, als er den Gast vor dem Lastenaufzug stehen sah. »No, Señor, pardone, no puede entrar«, versuchte er zu erklären, als Fitzgerald sich an ihm vorbeischob. Doch der Gast hatte bereits auf den Knopf gedrückt, auf dem Planta Baja stand, und die Türflügel hatten sich geschlossen, bevor der Junge ihm sagen konnte, dass dieser Aufzug in der Küche endete.

Dort angekommen, eilte Fitzgerald geschickt zwischen den Edelstahltischen hindurch, auf denen bereits zahllose Tabletts mit Horsd’œuvre und Sektflaschen darauf warteten, serviert zu werden, falls die kolumbianische Mannschaft siegte. Er hatte die Küche durchquert und war durch die Schwingtüren hindurch und außer Sichtweite, bevor irgendjemand vom weiß bekittelten Personal es richtig mitbekam. Er rannte den spärlich beleuchteten Flur entlang – am Abend zuvor hatte er die meisten Glühbirnen herausgeschraubt – zu einer massiven Tür, die zum Souterrain und in die Garage des Hotels führte.

Fitzgerald zog einen großen Schlüssel aus seiner Jackentasche und schloss die Tür hinter sich zu. Dann eilte er zu einem schwarzen Volkswagen, der in der dunkelsten Ecke geparkt war. Mit einem kleineren Schlüssel aus seiner Hosentasche öffnete er die Tür, rutschte hinters Lenkrad, schob den Lederkoffer unter den Beifahrersitz und drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang sofort an, obwohl der Wagen die letzten drei Tage nicht benutzt worden war. Fitzgerald ließ ihn kurz warmlaufen, bevor er den ersten Gang einlegte.

Ohne Hast lenkte er den VW durch die Reihen geparkter Wagen und fuhr die steile Rampe hinauf zur Straße. Oben hielt er kurz an. Die Polizisten brachen soeben einen geparkten Wagen auf und blickten nicht einmal in seine Richtung. Er bog links ein und verließ langsam die Plaza de Bolívar.

Plötzlich hörte er die Polizeisirenen hinter sich. Er blickte in den Rückspiegel und sah zwei Polizisten auf Motorrädern mit eingeschalteten Scheinwerfern auf sich zukommen. Fitzgerald fuhr an den Straßenrand und ließ diese Begleiter der Ambulanz mit Guzmans Leichnam vorüberjagen.

Erneut bog er links ab und fuhr auf Umwegen zur Pfandleihe, wobei er mehrmals denselben Weg hin und zurück nahm. Vierundzwanzig Minuten später parkte er in einer Gasse hinter einem Lastwagen. Er zog den ramponierten Lederkoffer unter dem Beifahrersitz hervor und stieg aus, ohne abzuschließen, denn in spätestens zwei Minuten wollte er wieder hinter dem Lenkrad sitzen.

Rasch blickte er die Gasse hinauf und hinunter. Niemand war zu sehen.

Wieder betrat Fitzgerald das Haus, wobei er augenblicklich den Alarm auslöste. Diesmal machte er sich jedoch keine Sorgen darüber, dass vielleicht ein Streifenwagen herbeieilen würde – fast die gesamte policia wurde entweder am Stadion eingesetzt, wo das Spiel in einer halben Stunde angepfiffen wurde, oder war zur Plaza de Bolívar geeilt, um jeden im Umkreis von anderthalb Kilometern zur Vernehmung mitzunehmen.

Fitzgerald schloss die Hintertür der Pfandleihe, kaum dass er sie betreten hatte. Zum zweiten Mal an diesem Tag eilte er durch das Büro und blieb hinter dem Ladentisch stehen. Er vergewisserte sich, dass keine Passanten sich in der Nähe des Schaufensters befanden; dann stellte er den Koffer an seinen vorherigen Platz zurück.

Am Montagmorgen kam Escobar in die Pfandleihe zurück. Wie lange würde es dauern, bis er bemerkte, dass jemand eine der sechs Magnumpatronen abgefeuert hatte und nur noch die leere Hülse übrig war? Würde Escobar es überhaupt für nötig erachten, die Polizei davon zu unterrichten?

In nicht ganz neunzig Sekunden saß Fitzgerald wieder hinter dem Lenkrad des Volkswagens. Als er auf die Hauptstraße fuhr und den Wegweisern zum Aeropuerto El Dorada folgte, hörte er immer noch den gellenden Alarm. Niemand zeigte das geringste Interesse an ihm. Schließlich würde das Spiel gleich beginnen. Außerdem, welche Verbindung könnte es zwischen einem Alarm in einer Pfandleihe in der San Victorina und dem Anschlag auf einen Präsidentschaftskandidaten auf der Plaza de Bolívar geben?

Als Fitzgerald die Schnellstraße erreicht hatte, hielt er sich auf der mittleren Spur und blieb unter dem vorgeschriebenen Tempolimit. Mehrere Streifenwagen jagten in Richtung Stadt an ihm vorbei. Selbst wenn man ihn zur Überprüfung angehalten hätte – bei Connor Fitzgerald wäre alles in Ordnung gewesen. Der volle Koffer auf dem Rücksitz enthielt nichts Ungewöhnliches für einen Geschäftsmann, der Kolumbien besuchte, um Bergbaumaschinen zu verkaufen.

An der Ausfahrt zum Flughafen bog Fitzgerald von der Schnellstraße ab und fuhr zum Parkplatz des Hotels San Sebastian. Er griff ins Handschuhfach und holte einen Reisepass mit vielen Stempeleintragungen heraus. Mit dem Streichholzheftchen aus dem El Belvedere setzte er Dirk van Rensberg in Flammen. Erst als seine Finger in Gefahr gerieten, öffnete er die Wagentür, warf die Überreste des Reisepasses auf den Boden und trat die Flammen aus, achtete jedoch darauf, dass das Wappen der Republik Südafrika noch zu erkennen war. Er legte die Streichhölzer auf den Beifahrersitz, nahm seinen Koffer von der Rückbank und schmetterte die Tür zu, ließ die Schlüssel aber im Zündschloss stecken. Dann schritt er zum Hoteleingang und warf die Überreste von Dirk van Rensbergs Reisepass und einen großen, schweren Schlüssel in den Papierkorb am Fuß der Freitreppe.

Hinter einer Gruppe Japaner trat Fitzgerald durch die Drehtür und schloss sich ihnen an, als sie zu einem wartenden Fahrstuhl geführt wurden. Er war der einzige Gast, der im dritten Stock ausstieg. Er begab sich geradewegs zu Zimmer 347, das unter einem anderen Namen gebucht war, und schloss die Tür mit der dazugehörenden Plastikkarte auf. Den Koffer schleuderte er aufs Bett und blickte auf die Uhr. Noch eine Stunde und siebzehn Minuten bis zum Abflug.

Nachdem er die Jacke ausgezogen und über den einzigen Stuhl geworfen hatte, öffnete er den Koffer, nahm ein Reisenecessaire heraus und verschwand damit im Badezimmer. Es dauerte eine Zeitlang, bevor das Wasser warm genug für seine Zwecke war. Während er wartete, schnitt er sich die Nägel und schrubbte die Hände so gründlich wie ein Chirurg vor einer Operation.

Fitzgerald brauchte zwanzig Minuten, bis er jede Spur seines eine Woche alten Bartes entfernt hatte, und eine halbe Tube Shampoo, das er sich unter der heißen Dusche kräftig ins Haar rieb, bis es wieder die Naturwellen und die sandbraune Farbe zurückgewonnen hatte.

Mit dem dünnen Hotelhandtuch trocknete Fitzgerald sich ab, so gut es möglich war. Dann kehrte er ins Schlafzimmer zurück und schlüpfte in frische Shorts. Er zog die dritte Schublade der Kommode auf der anderen Seite des Zimmers heraus und tastete darin herum, bis er das Päckchen fand, das er an die Lade darüber geheftet hatte. Obwohl er mehrere Tage nicht mehr in dem Zimmer gewesen war, stand nicht zu befürchten, dass jemand sein Versteck entdeckt hatte.

Fitzgerald riss den bräunlichen Umschlag auf und überprüfte dessen Inhalt: ein Reisepass, der wiederum auf einen anderen Namen ausgestellt war, fünfhundert Dollar in gebrauchten Scheinen und ein Ticket erster Klasse nach Kapstadt. Attentäter auf der Flucht reisen nicht erster Klasse. Fünf Minuten später verließ er Zimmer 347. Seine alte Kleidung ließ er auf dem Boden verstreut liegen, und das Schild Favor de no molestar hängte er außen an den Türknauf.

Fitzgerald nahm den Gästefahrstuhl ins Erdgeschoss. Er war sicher, dass niemand einem Einundfünfzigjährigen in blauem Jeanshemd, gestreifter Krawatte, Sportjackett und grauer Flanellhose einen zweiten Blick gönnen würde. Er stieg aus dem Fahrstuhl und schlenderte durchs Foyer, ohne am Empfang auszuchecken. Als er vor acht Tagen eingetroffen war, hatte er im Voraus für das Zimmer bezahlt. Die ganze Zeit hatte er die Minibar verschlossen gelassen, hatte den Zimmerservice nicht in Anspruch genommen, hatte nicht einen einzigen Anruf getätigt oder sich einen Film angeschaut. Deshalb gab es keine zusätzlichen Kosten.

Er brauchte nur noch die paar Minuten zu warten, bis der Shuttlebus am Eingang hielt. Seine Uhr verriet ihm, dass bis zum Abflug dreiundvierzig Minuten blieben. Er hatte keine Angst, dass er Flug 63 der Aeoroperu nach Lima versäumen könnte. Heute würde in Kolumbien sowieso keine Maschine rechtzeitig starten.

Als der Bus ihn am Flughafen abgesetzt hatte, schlenderte Fitzgerald gemächlich in Richtung Check-in-Schalter, wo er erfuhr, dass der Flug nach Lima mit einer Stunde Verspätung starten würde, was ihn nicht im Mindesten verwunderte. Mehrere Polizisten in der überfüllten, chaotischen Abflughalle beäugten argwöhnisch jeden Fluggast. Fitzgerald wurde zwar mehrmals angehalten und befragt, und sein Koffer wurde zweimal durchsucht, doch man erlaubte ihm schließlich, sich zu Flugsteig 47 zu begeben.

Er ging noch langsamer, als er sah, wie zwei Fluggäste mit Rucksäcken vom Sicherheitsdienst des Flughafens abgeführt wurden. Müßig fragte er sich, wie viele unschuldige, bartstoppelige Weiße seiner Tat wegen jetzt in Zellen geworfen und nächtelang verhört wurden.

Als Fitzgerald sich der Schlange zur Passkontrolle anschloss, wiederholte er lautlos seinen neuen Namen. Es war immerhin sein dritter an diesem Tag. Der Blauuniformierte am Gate öffnete Fitzgeralds neuseeländischen Pass und studierte sorgfältig das Foto, das unleugbare Ähnlichkeit mit dem leger gekleideten Herrn vor ihm aufwies. Der Beamte reichte den Pass zurück und gestattete Alistair Douglas, dem Ingenieur aus Christchurch, in der Abflughalle Platz zu nehmen. Nach einer weiteren Verzögerung wurde der Flug endlich aufgerufen. Eine Stewardess führte Mr. Douglas zu seinem Platz in der ersten Klasse.

»Darf ich Ihnen ein Glas Sekt bringen, Sir?«

Fitzgerald schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Aber ein Glas Mineralwasser ohne Kohlensäure hätte ich gern«, sagte er und probierte bei dieser Gelegenheit gleich seinen neuseeländischen Akzent aus.

Er schnallte sich an, lehnte sich zurück und tat so, als würde er sich in eine Zeitschrift vertiefen, während der Flieger langsam auf der holprigen Landebahn anrollte. Der langen Reihe von Maschinen wegen, die auf ihre Starterlaubnis warteten, hatte Fitzgerald reichlich Zeit, sein Essen an Bord auszusuchen und sich für den Film zu entscheiden, den er sich anschauen wollte, bevor die 727 auf der Startbahn beschleunigte. Als das Fahrwerk schließlich vom Boden abhob, entspannte sich Fitzgerald zum ersten Mal an diesem Tag.

Sobald die 727 ihre Flughöhe erreicht hatte, entledigte er sich der Zeitschrift, schloss die Augen und dachte darüber nach, was er tun musste, sobald er in Kapstadt eingetroffen war.

»Hier spricht Ihr Kapitän«, erklang eine ernste Stimme. »Ich habe eine Durchsage, die mich ebenso schmerzlich bewegt wie alle meine Landsleute.« Fitzgerald richtete sich abrupt auf. Die einzige Möglichkeit, die er nicht in Betracht gezogen hatte, war eine unplanmäßige Rückkehr nach Bogotá.

»Zu meinem größten Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass es in Kolumbien heute beinahe zu einer nationalen Tragödie gekommen wäre.«

Fitzgerald umklammerte die Armstützen seines Sitzes und konzentrierte sich darauf, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Was meint der Kerl mit »beinahe«, schoss es ihm durch den Kopf.

Der Kapitän zögerte kurz. »Meine Freunde«, verkündete er dann betrübt. »Kolumbien hat einen furchtbaren Tiefschlag erlitten.« Er legte eine Pause ein. »Unsere Nationalmannschaft wurde von Brasilien zwei zu eins geschlagen.«

Als Reaktion auf diese niederschmetternde Nachricht erklang ein enttäuschtes Aufstöhnen, als hätten die kolumbianischen Patrioten an Bord einen Absturz ihrer Maschine in den Bergen dieser Katastrophe auf dem Fußballplatz vorgezogen. Fitzgerald gestattete sich den Hauch eines Lächelns.

Die Flugbegleiterin blieb wieder bei ihm stehen. »Darf ich Ihnen jetzt, da wir unterwegs sind, einen Drink anbieten, Mr. Douglas?«

»Vielen Dank«, erwiderte Fitzgerald. »Ja, ich glaube, ich hätte jetzt gern das Glas Sekt.«

4

Als Tom Lawrence den überfüllten Saal betrat, erhob sich das Pressekorps wie ein Mann.

»Der Präsident der Vereinigten Staaten«, verkündete der Pressesprecher für den Fall, dass mögliche Besucher aus dem All anwesend waren.

Lawrence stieg die eine Stufe aufs Podium und legte Andy Lloyds blauen Ordner auf das Pult. Er bedeutete den versammelten Journalisten mit seiner inzwischen vertrauten Geste, wieder Platz zu nehmen.

»Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können«, begann er scheinbar entspannt, »dass ich dem Kongress die Vorlage für ein Gesetz zukommen lasse, das ich dem amerikanischen Volk im Wahlkampf versprochen habe.«

Wenige der erfahreneren Korrespondenten des Weißen Hauses, die vor dem Rednerpult saßen, notierten sich auch nur ein Wort. Die meisten wussten, dass es erst während der Frage-und-Antwort-Stunde zu einer veröffentlichenswerten Story kommen würde – falls überhaupt – und nicht während einer sorgfältig vorbereiteten Erklärung. Außerdem würden die einleitenden Worte des Präsidenten im Presseordner enthalten sein, der jedem Journalisten beim Verlassen des Saales ausgehändigt wurde. Die alten Hasen verwendeten nur dann Teile des Textes, wenn sie ein paar Worte als Spaltenfüller benötigten.

Was den Präsidenten aber nicht davon abhielt, die Pressevertreter daran zu erinnern, dass ein Abrüstungsgesetz es ihm ermöglichen würde, mehr Steuergelder für ein langfristiges Gesundheitsprogramm zur Verfügung zu stellen, um den Lebensstandard von Senioren im Ruhestand zu verbessern.

»Das ist eine Gesetzesvorlage, die jeder anständige, sozial denkende Bürger willkommen heißt, und ich bin stolz darauf, dass ich der Präsident sein darf, der dem Kongress diese Vorlage unterbreiten wird.« Lawrence blickte auf und lächelte hoffnungsvoll. Wenigstens seine einleitenden Worte waren gut aufgenommen worden.

»Mr. President!«, erklang es von überall im Saal, als Lawrence den blauen Ordner aufschlug und einen Blick auf die einunddreißig voraussichtlichen Fragen warf. Er schaute auf und bedachte ein vertrautes Gesicht in der vordersten Reihe mit einem Lächeln. »Barbara«, er deutete auf die altgediente UPI-Journalistin, der es als Doyen des Pressekorps zustand, die erste Frage zu stellen.

Barbara Evans erhob sich gemächlich von ihrem Sitz. »Danke, Mr. President.« Sie legte eine kurze Pause ein, bevor sie fragte: »Können Sie uns versichern, dass die CIA nichts mit dem Attentat auf den kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten Ricardo Guzman in Bogotá am Sonnabend zu tun hat?«

Allgemeine Spannung knisterte plötzlich im Saal. Lawrence starrte auf die ausführlichen einunddreißig Fragen und Antworten in seinem Ordner und wünschte, er hätte Larry Harringtons Angebot, ihn näher zu informieren, nicht so leichtfertig übergangen.

»Ich bin froh, dass Sie diese Frage gestellt haben, Barbara«, behauptete er, ohne zu stocken. »Ich möchte betonen, so lange ich Präsident bin, wird diese Regierung sich unter keinen Umständen in die internen Belange der Demokratiebestrebungen eines souveränen Staates einmischen. Tatsächlich habe ich erst heute Morgen den Außenminister angewiesen, Mr. Guzmans Witwe mein persönliches Beileid auszusprechen.«

Lawrence war erleichtert, dass Barbara Evans den Namen des Toten erwähnt hatte, denn er hätte sich nicht daran erinnert. »Es interessiert Sie möglicherweise auch, Barbara, dass ich den Vizepräsidenten bereits gebeten habe, mich bei der Beisetzung zu vertreten, die an diesem Wochenende in Bogotá stattfinden soll, wie mir mitgeteilt wurde.«

Pete Dowd von der Abteilung des Secret Service, die für den Schutz des Präsidenten zuständig war, verließ sofort den Saal, um den Vizepräsidenten vorzuwarnen, ehe die Presse sich an ihn wandte.

Barbara Evans wirkte nicht gerade überzeugt, doch bevor sie mit einer zweiten Frage nachhaken konnte, hatte der Präsident sich einem Journalisten in der letzten Reihe zugewandt, von dem er hoffte, er habe kein Interesse an der Präsidentschaftswahl in Kolumbien. Doch kaum hatte dieser seine Frage gestellt, bereute er seine Wahl. »Haben Ihre Abrüstungspläne im Kongress überhaupt die Chance auf eine Mehrheit, wenn der nächste Präsident Russlands Viktor Zerimskij heißt?«

Während der nächsten vierzig Minuten beantwortete Lawrence mehrere Fragen über die Vorlage zur Beschränkung nuklearer, biologischer, chemischer und konventioneller Waffen, aber immer wieder wollten Journalisten zwischendurch mehr über die derzeitige Rolle der CIA in Südamerika wissen und eine klare Stellungnahme über die Haltung Washingtons gegenüber einem möglichen russischen Präsidenten namens Viktor Zerimskij erfahren. Als allzu offensichtlich wurde, dass Lawrence weder in dieser noch in der anderen Sache mehr wusste als die Journalisten selbst, machten sie sich daran, dem Präsidenten damit einzuheizen, und ließen sämtliche anderen Fragen außer Acht, einschließlich der zum Abrüstungsgesetz.

Als Phil Ansanch aus Mitgefühl für Lawrence endlich eine Frage über den entsprechenden Gesetzentwurf stellte, erwiderte der Präsident sie eingehend und beendete die Pressekonferenz übergangslos, indem er auf die durcheinanderrufenden Journalisten hinunterlächelte und sagte: »Vielen Dank, meine Damen und Herren, es war mir wie immer ein Vergnügen.« Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ den Saal in Richtung Oval Office.

Kaum hatte Andy Lloyd ihn eingeholt, brummte Lawrence: »Ich muss sofort mit Larry Harrington sprechen. Sobald du ihn gefunden und ihm Bescheid gegeben hast, ruf bitte Langley an. Richte der Direktorin der CIA aus, dass sie in spätestens einer Stunde in meinem Büro sein soll!«

»Ich frage mich, ob es nicht klüger wäre …«, wandte der Stabschef ein.

»In spätestens einer Stunde, Andy!«, betonte der Präsident, ohne ihm auch nur einen Blick zu gönnen. »Falls ich herausfinde, dass die CIA auf irgendeine Weise an dem Anschlag in Kolumbien beteiligt war, drehe ich Dexter den Hals um!«

»Ich werde den Außenminister ersuchen, sofort zu dir zu kommen«, versicherte Lloyd. Er verschwand in einem angrenzenden Büro und wählte Larry Harringtons Nummer im Außenministerium. Selbst übers Telefon war unverkennbar, dass der Texaner seine Genugtuung darüber nicht verhehlen konnte, wie rasch er doch recht behalten hatte.

Nach dem Telefonat kehrte Lloyd in sein eigenes Büro zurück, schloss die Tür und saß für kurze Zeit still an seinem Schreibtisch. Sobald er sich die Worte gründlich überlegt hatte, wählte er die Nummer eines Telefons, das nur eine einzige Person je abhob.

»Direktorin«, meldete Helen Dexter sich lediglich.

Connor Fitzgerald reichte dem australischen Zollbeamten seinen Reisepass. Es wäre Ironie gewesen, hätte der Beamte etwas daran zu bemängeln gehabt, denn zum ersten Mal seit drei Wochen benutzte Fitzgerald seinen richtigen Namen. Der Beamte tippte Namen und Daten ein und studierte kurz den Computermonitor; dann tippte er auf ein paar weitere Tasten.

Auf dem Monitor erschien nichts Ungewöhnliches, und der Beamte stempelte das Touristenvisum in den Pass und sagte: »Einen angenehmen Aufenthalt in Australien, Mr. Fitzgerald.«

Connor dankte und schritt durch die Gepäckhalle, wo er gegenüber der Konsole Platz nahm und auf das Erscheinen seines Koffers wartete. Er achtete stets darauf, nicht als Erster durch den Zoll zu gehen, selbst wenn er nichts anzugeben hatte.

Als er am Tag zuvor in Kapstadt gelandet war, hatte sein alter Freund und Kollege Carl Koeter ihn am Flughafen abgeholt. Carl hatte die beiden nächsten Stunden damit verbracht, alles mit Fitzgerald zu besprechen; dann erst hatten sie sich zu einem ausgiebigen Lunch zusammengesetzt, bei dem sie sich über Carls Scheidung unterhielten und darüber, was Maggie und Tara wohl im Schilde führten. Wegen der zweiten Flasche 1982er Rustenberg Cabernet Sauvignon wäre es fast so weit gekommen, dass Connor seinen Flug nach Sydney verpasst hätte. Im Duty-free-Shop erstand er für seine Frau und die Tochter noch in aller Eile Mitbringsel, auf denen deutlich die Prägung »Made in South Africa« zu erkennen war. Nichts verriet, dass er über Bogotá, Lima und Buenos Aires nach Kapstadt gekommen war.

Während Fitzgerald in der Gepäckhalle darauf wartete, dass das Förderband sich in Bewegung setzte, dachte er über das Leben nach, das er seit achtundzwanzig Jahren führte.

Connor Fitzgerald war in einer Familie aufgewachsen, in der Recht und Ordnung großgeschrieben wurden.

Oscar, sein Großvater väterlicherseits, ebenfalls nach einem irischen Dichter benannt, war zur Jahrhundertwende von Kilkenny nach Amerika ausgewandert. Von Ellis Island, wo das Schiff angelegt hatte, war er sofort nach Chicago gefahren, um wie sein Vetter zur Polizei zu gehen.

Während der Prohibition hatte Oscar Fitzgerald zu den wenigen Polizisten gehört, die sich nicht vom Mob bestechen ließen. Aus diesem Grund hatte er es auch nicht weiter als bis zum Sergeanten gebracht. Doch Oscar hatte fünf gottesfürchtige Söhne gezeugt, und er hätte sich munter weiter vermehrt, hätte der Gemeindepfarrer ihm nicht gesagt, es sei der Wille des Allmächtigen, dass er und Mary keine Tochter bekommen würden. Oscars Frau war Father O’Reilly dankbar für seine klugen Worte – es war schwierig genug, fünf kräftige Jungs vom Gehalt eines Polizeisergeanten großzuziehen. Wehe, wenn Oscar ihr von seinem kärglichen Entgelt auch nur einen Cent mehr gegeben hätte, als ihr zustand! Mary hätte peinlichst genau wissen wollen, woher er ihn hatte.

Nach Verlassen der Highschool waren drei von Oscars Jungs zur Polizei von Chicago gegangen, wo sie rasch die Beförderung erlangten, die ihr Vater verdient hätte. Der vierte entschloss sich, Priester zu werden, sehr zur Freude Marys. Und der jüngste, Connors Vater, nutzte das Privileg, das er sich als Kriegsveteran erworben hatte, und studierte Strafrecht. Nach der erfolgreich bestandenen Abschlussprüfung wurde er beim FBI aufgenommen. Er heiratete 1949 Katherine O’Keefe, die in seiner nächsten Nachbarschaft in der South Lower Street wohnte. Aus ihrer Ehe ging nur ein Kind hervor, ein Sohn, den sie Connor tauften.

Connor erblickte am 5. Februar 1951 im General Hospital von Chicago das Licht der Welt. Noch ehe er alt genug war, die örtliche katholische Schule zu besuchen, war offensichtlich, dass er ein großartiger Footballspieler werden würde. Connors Vater war begeistert, als sein Sohn es sogar zum Mannschaftskapitän an der Mount Carmel Highschool brachte. Trotzdem duldete seine Mutter nicht, dass Connor seine Hausaufgaben vernachlässigte, auch wenn dies bedeutete, dass er bis spät in die Nacht darüber saß. »Du kannst nicht den Rest deines Lebens Football spielen«, erinnerte sie ihn immer wieder.

Connors Erziehung durch einen Vater, der sich stets erhob, wenn eine Frau das Zimmer betrat, und eine Mutter, die beinahe einer Heiligen das Wasser reichen konnte, führte schließlich dazu, dass Connor trotz seiner sportlichen Leistungen in Anwesenheit des anderen Geschlechts schüchtern blieb. Mehrere Mädchen an der Mount Carmel High machten kein Hehl daraus, was sie für ihn empfanden, doch erst im letzten Schuljahr verlor Connor seine Unschuld an Nancy. Sie hatte ihn eines Nachmittags im Herbst, nach einem weiteren grandiosen Sieg über eine gegnerische Mannschaft, hinter die Tribüne gezerrt und verführt. Beinahe hätte Connor bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal im Leben eine nackte Frau gesehen, wäre es Nancy nicht zu umständlich gewesen, sich auszuziehen.

Etwa einen Monat später fragte ihn Nancy, ob er nicht Lust habe, es mit zwei Mädchen gleichzeitig zu treiben.

»Ich hatte noch keine zwei Mädchen, geschweige denn zur selben Zeit«, entgegnete er. Von da an fand Nancy ihn uninteressant.

Als Connor ein Stipendium für die Universität Notre Dame in Indiana bekam, entzog er sich den zahlreichen Annäherungsversuchen, von denen keiner seiner Mannschaftskameraden verschont blieb. Im Gegensatz zu Connor kritzelten sie mit großer Begeisterung die Namen der Mädchen, die sie vernascht hatten, innen an die Tür ihrer Spinde. Brett Coleman, einer der Placekicker, hatte am Ende des ersten Semesters bereits siebzehn Namen aufzuweisen. Er zeigte Connor die Liste und erklärte, dass es jedes Mal richtiger Sex gewesen sei und nicht nur Petting; hätte er das auch noch mitgerechnet, bräuchte er drei Spindtüren. Am Ende des ersten Jahres war Nancy immer noch der einzige Name an Connors Tür. Eines Abends, nach dem Training, schaute er sich die Spinde seiner Mannschaftskameraden an und fand Nancys Namen an fast jeder Tür, hin und wieder verbunden mit dem eines zweiten Mädchens. Connors Mitspieler hätten sich seiner Zurückhaltung wegen zweifellos über ihn lustig gemacht, wäre er nicht der beste Erstsemesterquarterback gewesen, den Notre Dame seit mehr als einem Jahrzehnt gehabt hatte.

Anfang seines zweiten Studienjahres änderte sich mit einem Schlag alles für Connor.

Als er zur wöchentlichen Versammlung des Irish Dance Club erschien, schlüpfte sie gerade in ihre Schuhe. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, aber das spielte keine Rolle, denn er vermochte den Blick nicht von diesen langen schlanken Beinen zu nehmen. Als Footballstar war er es gewöhnt, von Mädchen angehimmelt zu werden, aber für dieses eine Mädchen, auf das er so gern Eindruck gemacht hätte, schien er Luft zu sein. Und es kam noch schlimmer. Connor musste feststellen, dass der Tanzpartner des Mädchens Declan O’Casey war, der beste Tänzer weit und breit. Beide hielten den Rücken vollkommen gerade, und ihre Füße bewegten sich mit einer Anmut, wie Connor – davon war er überzeugt – sie nie zustande bringen würde.

Der Tanz endete, ohne dass Connor den Namen des Mädchens erfahren hatte. Schlimmer noch, sie und Declan waren gegangen, ehe er eine Möglichkeit gefunden hatte, sich dem Mädchen vorstellen zu lassen. In seiner Verzweiflung beschloss er, den beiden zu den Women’s Dorms, dem Studentinnenwohnheim, zu folgen. Er blieb ungefähr fünfzig Meter hinter ihnen und hielt sich in den Schatten verborgen, genau wie sein Vater es ihn gelehrt hatte. Er verzog das Gesicht, weil die beiden sich an der Hand hielten und vergnügt plauderten. Als sie Le Mans Hall erreichten, hauchte das Mädchen Declan einen Kuss auf die Wange und verschwand im Haus. Warum, fragte sich Connor, habe ich mich nicht eingehender mit Tanzen und dafür weniger mit Football beschäftigt?

Kaum hatte Declan sich in Richtung der Men’s Dorms entfernt, schlenderte Connor auf dem Bürgersteig vor dem Studentinnenheim auf und ab, unter den Fenstern des Schlafsaals, und überlegte, ob es nicht irgendetwas gäbe, was er tun könne. Schließlich hatte er Glück und sah sie flüchtig im Bademantel, als sie die Vorhänge eines der Fenster zuzog. Selbst dann brauchte Connor noch ein paar Minuten, bis er endlich beschloss – wenngleich widerstrebend –, zu seinem Zimmer zurückzukehren. Dort setzte er sich ans Fußende seines Bettes und schrieb einen Brief an seine Mutter. Er berichtete ihr, er habe das Mädchen gesehen, das er heiraten würde, obwohl er noch nicht mit ihr gesprochen hätte, ja, und dass er, wie er zugeben müsse, noch nicht einmal ihren Namen kannte. Als er den Umschlag zuklebte, redete er sich ein, dass Declan O’Casey nichts weiter als ihr Tanzpartner war.

Im Lauf der Woche bemühte er sich, so viel wie nur möglich über das Mädchen zu erfahren, fand aber lediglich heraus, dass sie Maggie Burke hieß, ein Stipendium für St. Mary’s hatte und im ersten Jahr Kunstgeschichte studierte. Connor verfluchte sich selbst, dass er noch nie im Leben eine Kunstgalerie betreten hatte. Und mit dem Malen hatte er nur insoweit zu tun gehabt, als sein Vater ihm mehrmals aufgetragen hatte, den Zaun ihres Gärtchens an der South Lowe Street zu streichen. Zu allem Elend erfuhr er, dass Declan seine Maggie bereits seit ihrem letzten Schuljahr verehrte und nicht bloß der beste Tänzer des Clubs war, sondern auch als brillantester Mathematiker der Uni betrachtet wurde. Schon jetzt, noch ehe das Ergebnis seines Abschlussexamens bekannt war, boten Universitäten ihm Forschungsstipendien an. Connor konnte nur hoffen, dass Declan schnellstens das Angebot einer Uni bekam – so weit wie möglich von South Bend entfernt –, das er nicht ausschlagen konnte.  

Am folgenden Donnerstag war Connor der Erste im Tanzclub, und als Maggie in ihrer cremefarbenen Baumwollbluse und dem kurzen schwarzen Rock aus dem Umkleideraum erschien, sah er sich nur dem einen Problem gegenüber, ob er in ihre wunderschönen grünen Augen oder auf ihre langen Beine blicken sollte. Wieder blieb Declan den ganzen Abend ihr einziger Tanzpartner, und Connor saß stumm auf einer Bank und versuchte so zu tun, als wäre er sich Maggies Anwesenheit gar nicht bewusst. Nach dem letzten Tanz verließen die beiden den Club, und wieder folgte Connor ihnen auf dem Rückweg zur Le Mans Hall. Diesmal fiel ihm auf, dass Maggie Declans Hand nicht hielt.

Nach einem langen Gespräch und einem auf die Wange gehauchten Kuss verschwand Declan in Richtung des Studentenwohnheims. Connor ließ sich auf die Bank gegenüber von Maggies Fenster fallen und starrte hinauf zum Balkon des Studentinnenwohnheims. Er beschloss zu warten, bis Maggie den Vorhang ihres Zimmers zuzog, doch ehe es so weit war, döste er ein.

Als Nächstes erinnerte er sich, dass er geträumt hatte, Maggie stünde in Schlafanzug und Bademantel vor ihm.

Er fuhr hoch, starrte sie ungläubig an und streckte ihr die Hand entgegen. »Hi, ich bin Connor Fitzgerald.«

»Ich weiß«, erwiderte sie und schüttelte ihm die Hand. »Ich bin Maggie Burke.«

»Ich weiß«, erwiderte er.

»Ist noch Platz auf der Bank?«, fragte sie.

Von diesem Moment an blickte Connor nie wieder auf eine andere Frau.

Am folgenden Sonnabend besuchte Maggie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Footballspiel und sah, wie Connor durch die gegnerischen Reihen pflügte – in einem überfüllten Stadion, in dem es für ihn nur eine einzige Zuschauerin gab.

Am nächsten Donnerstag tanzten Maggie und Connor den ganzen Abend, und Declan saß trostlos in einer Ecke. Er wirkte noch trostloser, als die beiden den Club gemeinsam verließen und Händchen haltend davonspazierten. Als sie Le Mans Hall erreichten, küsste Connor Maggie zum ersten Mal; dann fiel er auf ein Knie und machte ihr einen Heiratsantrag. Maggie lachte, wurde dann aber tiefrot und stürmte ins Haus. Auf dem Rückweg zum Studentenwohnheim lachte auch Connor, aber nur, weil er Declan bemerkte, der sich hinter einem Baum versteckte.

Von da an verbrachten Connor und Maggie jeden Augenblick ihrer Freizeit miteinander. Maggie erfuhr alles über Touchdowns, Endzonen und Querpässe. Connor lernte alles über Bellini, Bernini und Luini. In den nächsten drei Jahren fiel Connor jeden Donnerstagabend vor Maggie aufs Knie und wiederholte seinen Heiratsantrag. Jedes Mal, wenn Mannschaftskameraden ihn fragten, wieso er Maggies Namen nicht auf die Spindtür gekritzelt hatte, antwortete er: »Weil ich sie heiraten werde.«

Am Ende von Connors letztem Jahr auf dem College gab Maggie ihm endlich ihr Jawort. Aber sie wollte ihn erst heiraten, wenn sie ihre Prüfungen abgeschlossen hatte.

»Ich habe dir hunderteinundvierzig Anträge gemacht, bis du schließlich zur Vernunft gekommen bist«, sagte er triumphierend.

»Mach dich nicht lächerlich, Connor Fitzgerald«, entgegnete sie. »Ich wusste von dem Augenblick an, als ich mich zu dir auf die Bank setzte, dass ich den Rest meines Lebens mit dir verbringen will.«

Zwei Wochen nachdem Maggie ihr Studium summa cum laude abgeschlossen hatte, wurden sie getraut. Neun Monate später kam Tara auf die Welt.

5

»Erwarten Sie etwa, dass ich das glaube? Die CIA soll nicht mal von einem geplanten Anschlag gewusst haben?«

»So ist es aber, Sir«, entgegnete die Direktorin der CIA gelassen. »In dem Moment, als wir davon erfuhren – was innerhalb von Sekunden nach dem Anschlag der Fall war –, habe ich mich mit dem Beauftragten für nationale Sicherheit in Verbindung gesetzt, der es Ihnen sofort in Camp David gemeldet hat, wie man mir versicherte.«

Der Präsident ging im Zimmer auf und ab. Er war der Ansicht, dass es ihm einerseits mehr Zeit zum Nachdenken verschaffte und andererseits seine Besucher verunsicherte. Nervös waren die meisten ohnehin, wenn sie das Oval Office betraten. Lawrence’s Sekretär hatte ihm einmal erzählt, dass vier von fünf Besuchern erst rasch noch die Toilette aufsuchten. Doch Lawrence bezweifelte, dass die Frau, die nun vor ihm saß, auch nur wusste, wo sich hier die nächste Toilette befand. Wäre im Rose Garden eine Bombe explodiert – Helen Dexter hätte wahrscheinlich allenfalls eine gepflegte Braue in die Höhe gezogen. Ihre Karriere hatte bereits drei Präsidenten überlebt, von denen, wie Gerüchte besagten, jeder zu irgendeinem Zeitpunkt Dexters Rücktritt gefordert hatte.