Das Erbe der Ranch - Charly Kraft - E-Book

Das Erbe der Ranch E-Book

Charly Kraft

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Beschreibung

In "Das Erbe der Ranch" entführt uns Charly Kraft in eine fesselnde Geschichte, die sich im ländlichen Amerika abspielt. Der Roman, angereichert mit kraftvollen Bildern und einem eindringlichen Erzählstil, schildert das Schicksal einer Familie, die mit den Herausforderungen der modernen Agrarwirtschaft konfrontiert wird. Dabei schafft es Kraft, das Spannungsfeld zwischen Tradition und Fortschritt meisterhaft in den Fokus zu rücken und wichtige gesellschaftliche Themen wie nachhaltige Landwirtschaft und Familienwerte in einen literarischen Kontext einzubetten. Charly Kraft, ein versierter Autor mit tiefen Wurzeln in der Landwirtschaft und der ländlichen Lebensweise, bringt eigene Erfahrungen und Emotionen in seine Erzählung ein. Aufgewachsen auf einer Farm, hat Kraft ein tiefes Verständnis für die Probleme und Freuden des ländlichen Lebens, das sich in seinen lebendigen Charakteren und Landschaftsbeschreibungen widerspiegelt. Sein Engagement für die Umwelt und die Landwirtschaft, gepaart mit literarischer Sensibilität, prägt seinen Schreibstil und verleiht der Geschichte Authentizität. "Das Erbe der Ranch" ist nicht nur eine packende Erzählung, sondern auch eine Hommage an die Wurzeln des ländlichen Lebens. Leserinnen und Leser, die sich für Themen wie Nachhaltigkeit, familiäre Bindungen und den Kampf um die eigene Identität interessieren, werden in diesem Buch eine wertvolle Lektüre finden. Krafts geschicktes Handwerk lädt dazu ein, die eigene Wahrnehmung von Heimat und Erbe zu hinterfragen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


Charly Kraft

Das Erbe der Ranch

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Tim Schmitt
EAN 8596547732648
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Das Erbe der Ranch
Unvergessliche Zitate
Notizen

Das Erbe der Ranch

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

»Jetzt schlag einer lang hin und steh kurz wieder auf[1q]!«

Die Hände über den Kopf zusammenschlagend rief es Tom Winter aus.

Er eilte hinter seiner Theke hervor und stand vor einem Mann, der breitbeinig, die Zigarette im Munde, die Hände in den Hosentaschen, in der Tür stand.

»Chick, alter Knabe!« übermütig vor Freude schlug ihm Tom Winter auf die Schulter.

»Nein die Freude, die Freude!« stieß er aus und streckte dem Angekommenen beide Hände entgegen. Dieser nahm nur langsam seine Hände aus den Hosentaschen und gab sie Tom Winter.

»N'Tag!« kam es zwischen zwei Rauchwolken lässig aus seinem Munde.

Tom Winter ergriff die gereichten Hände und schüttelte sie heftig.

»Mensch, daß ich Dich wiederseh'! Das gibt eine Sensation!« Tom Winter konnte sich nicht beruhigen. »Nun komm aber herein! Den besten Whisky aus meinem Stall hole ich für Dich heraus, heute soll er mir nicht zu schade sein!«

Er eilte hinter seine Theke zurück.

Der Mann, der von Winter mit Chick angeredet wurde, trat nun in die Wirtsstube. Er schloß die Tür hinter sich und sah sich um. Hier hatte sich in den letzten Jahren, die er nicht hier gewesen war, nichts verändert. Er setzte sich an den Tisch.

Das Sonnenlicht strahlte voll über ihn hin. Er war eine eigenartig anmutende Persönlichkeit, so groß und stark, daß man den Eindruck hatte, er könne es, ohne sich zu fürchten, mit einem Grizzlybär aufnehmen.

Was aber so eigenartig an ihm erschien, war sein brandrotes Haar, das einer Feuerfackel gleich leuchtete. Dazu besaß er einen für einen Mann zu zarten Teint, und Sommersprossen verzierten seine Nase. Aber nichts davon sah man, wenn man in seine grünen Augen blickte, die das ganze Gesicht beherrschten und klar und mutig, ja beinahe frech in die Welt schauten.

Seine Kleidung bestand aus der hier üblichen Tracht: bunter Bluse, Halstuch, Lederhose und einem breiten Ledergürtel, in dem seine Revolver steckten.

Mit zwei gefüllten Gläsern voll Whisky trat Tom Winter an den Tisch heran.

»Soda darin?«

»Aber, Chick, wie werde ich das tun?« Fast beleidigt kam es von Tom Winters Lippen.

Er erhob das Glas: »Auf Deine Wiederkehr.«

Sie tranken. Fast leer setzten sie die Gläser auf den Tisch zurück. Tom Winter wischte sich mit seinem Handrücken den Mund ab. Erwartungsvoll sah er Chick an, was dieser wohl zu dem guten Tropfen, den er ihm hier vorsetzte, sagen würde; aber der sagte gar nichts!

Tom Winter seufzte auf; das hätte er sich eigentlich denken können. Wer hatte wohl je ein Lob aus Chick Langwools Mund vernommen? Er sah ihm forschend ins Gesicht, spurlos waren die letzten Jahre an diesem vorübergegangen.

»Winter,« Tom Winter fuhr bei der plötzlichen Anrede zusammen, »ich hörte, der alte Jolivet sei gestorben. Stimmt das?«

»Ja, Chick, leider!«

»Was macht nun Jed?«

»Man munkelt so allerlei, Chick. Genaueres weiß keiner. Man wettet, wann er zum erstenmal hier erscheinen wird. Der Tod Jolivets hat ihn tief getroffen; noch vergräbt er sich. Aber paß auf, wenn der einmal einen anderen Weg einschlägt und aus seiner Solidität herausgerissen wird, dann wird es etwas geben! Ich habe einen Blick für so etwas, der Junge ist richtig!«

Winter grunzte beinahe vor Vergnügen bei seiner Behauptung. – In Chicks Gesicht war nichts zu lesen, er sah verschlossen vor sich hin.

»In letzter Zeit ist ja überhaupt nichts mehr los hier,« erzählte Winter weiter; eine wegwerfende Handbewegung begleitete seine Worte. »Du nicht mehr da, Jed Corner und die Boys von der Jolivet-Ranch beteten die Arbeit an, und auch der hoffnungsvolle Sprößling vom Revolverbill ist plötzlich verschwunden. Kein Mensch weiß, wohin er sich gewandt hat. Wir alle setzten auf den Jungen. Wir glaubten, er wäre aus der Schule der Alten wie sein Vater, vor dem doch nichts sicher war.« Bedauern ob dieser Enttäuschung klang aus seinen Worten. »Aber was erzähle ich Dir, Chick? Du warst doch damals selbst noch hier, als der Junge so plötzlich verschwand.«

Bestätigend nickte Chick mit dem Kopf. Er steckte sich an seiner Zigarette eine neue an; er war immer noch der alte Kettenraucher.

»Wie in einem Mormonendorf[1] ist es hier!« stieß Tom Winter verächtlich aus. Etwas Schauerbareres konnte er sich nicht denken.

Auch Chick Langwool schnob verächtlich durch die Nase; dabei vibrierten seine Nüstern, und man sah, daß er eine selten feine, schmale Nase besaß, ja daß er überhaupt ein feingeschnittenes und rassiges Gesicht hatte.

Bewundernd sah ihn Tom Winter an. Er liebte Chick und seine Art, die manchmal fast unverschämt wirkte aber auf keinen ihren Eindruck verfehlte, war sie doch von einem so selbstverständlichen Selbstvertrauen durchdrungen.

»Chick, Ihr besucht wohl Eure Schwester Majorie?« Bei dieser Frage ging eine Wolke über Chicks Gesicht.

»Sie ist hier neben Helen Meßter das hübscheste Mädchen weit und breit,« beteuerte Winter.

»Helen Meßter? – Tom, ist die noch nicht verheiratet, oder ist sie immer noch dieselbe Kratzbürste von früher?«

Tom Winter lachte auf: »Ja, Chick, das ist sie! Niemand von den Burschen kann sich rühmen, von Helen Meßter je ausgezeichnet worden zu sein; allen gibt sie es. Nur Jed Corner bekommt Sammetpfötchen gezeigt.«

»So, Jed?« Sinnend kam es von Chicks Lippen, heftig nickte Tom Winter mit dem Kopf.

»Ja, Jed! – Dabei möchte ich wetten, daß sie nur Freundschaft miteinander verbindet.«

In diesem Augenblick hörte man im Nebenraum poltern. Chick horchte auf. Er sah Tom Winter fragend an. Der machte nur eine wegwerfende Handbewegung.

»Ist nichts Besonderes, Chick! Der Saal wird geschmückt; heute ist große Tanzerei. Hast Du nicht gestaunt, als Du den Ort so verlassen vorgefunden hast? Ein großer Tag ist; alles feiert? Ich glaube fast, daß ich und meine Leute die Einzigen sind, die Du im ganzen Ort anfindest. Alle sind draußen am Silberbach; dort finden die Vorrennen für das Rennen in Denver statt. Ein Ereignis für uns, denn es sollen die Pferde ausgewählt werden, die Chancen in dem großen Rennen haben. Anschließend ist am Abend Ball bei mir.«

»Dann werden die beiden Mädels, Majorie und Helen, wohl auch hierher kommen?«

»Sicher, sicher!« bestätigte Winter. »Das wird sich der alte Meßter nicht entgehen lassen. – Ich glaube, daß er erst einen Kampf zu bestehen hatte, ehe es ihm gelang, Helen davon abzubringen, selbst bei dem Rennen mitzureiten.«

»Das fehlte?« rief Chick aus.

Winter lachte: »Ja, sie ist wie ein Junge – der ganze Stolz Meßters? Wißt, Chick, Eure Schwester hat schon viel abgeschwächt; es war gut, daß sie zu Helen Meßter kam, sonst wäre die sicher in dieser Zeit der Ruhe und Langeweile noch selbst ein Revolvermann geworden; sie schießt wie der Teufel! Ich hörte neulich, wie sie dem Sheriff Landert, der sich hier kaum mehr blicken läßt, sagte: ›Ihr setzt auch bald Speck an, Sheriff. Aber tröstet Euch, es kommen auch wieder andere Zeiten.‹ Über Landerts nicht sehr schlaues Gesicht bei diesen Worten hätte ich laut lachen mögen. – Aber so ist es jetzt hier, Chick,« schloß Winter aufseufzend.

Keinen Augenblick kam er auf den Gedanken, Chick zu fragen, woher dieser käme, oder was er in den Jahren getrieben habe. Er wußte, erzählte Chick das nicht von selbst, würde kein Mensch eine Silbe aus ihm herausbringen.

Winter ging hinter seine Theke und stellte jetzt die ganze Whiskyflasche auf den Tisch, wenn er dabei auch verstohlen aufseufzte, als er sah, wie gleichmütig sich Chick von dem kostbaren Naß eingoß.

»Was wird nun aus der Prachtfarm des alten Jolivet?« wandte er sich an Winter, der sich wieder neben ihm niedergelassen hatte.

»Das wissen wir alle nicht, Chick. Ein Rechtsanwalt aus Denver hat es in die Hand genommen und sucht nun nach dem Erben. – Wenn der hier angetankt kommt, wird Jed wohl seine Tätigkeit als Verwalter aufgeben. Vorläufig meint er wohl, daß es noch seine Pflicht sei, die Ranch weiter zu verwalten, wie es im Sinne des alten Jolivet war.«

»Tut mir leid für Jed!« sagte Chick, ein nachdenklicher Zug trat in sein Gesicht.

»Mir gar nicht!« stieß Tom Winter aus. Auf einen erstaunt fragenden Blick von Chick erklärte er: »Ja, Chick, was sollte das wohl werden, wenn alle Kerls, wie Du und Jed es sind, solide Farmer werden wollten! Dann sterben ja alle alten Westler aus, und es wird hier so langweilig, daß man sich begraben lassen kann. Einige von Euch müssen doch die Mexikaner in Schach halten, die sich überhaupt ziemlich breit machen, können sie doch alle verdammt gut mit dem Revolver umgehen und haben auch Mut. Aber sie müssen ihren Meister in uns Amerikanern finden, dann läßt man sie sich auch gefallen.«

Chick Langwool nickte, ihm schien das verständlich.

»Nun aber seid Ihr wieder hier, Chick und werdet es den Burschen, wenn sie frech werden, schon geben.« Befriedigung klang aus Tom Winters Stimme.

Die Tür vom Saal wurde schüchtern geöffnet, und herein lugte Tom Winters junge Frau Anny. Sie winkte Chick zu; als er aufstand und eine tiefe Verbeugung, wie ein Kavalier, vor der jungen Frau machte, errötete sie und machte verlegen einen Knicks. Wie der Wind war sie wieder aus der Tür.

»Ihr habt doch eine besondere Note für das Weibervolk, Chick,« rief Winter anerkennend aus.

Mit einer Entschuldigung ließ er Chick dann allein sitzen. Er mußte sich um die Vorbereitungen kümmern, die für heute abend getroffen werden sollten.

Chick blieb allein. Er schenkte sich ein. Wieder steckte er sich eine neue Zigarette an und lehnte sich in seinen Stuhl zurück; er sah mit blinzelnden Augen auf die sonnendurchtränkte Straße, die verlassen dalag.

Eigentlich wollte er jetzt zu Majorie gehen. Aber der verdammte Winter hatte einen so ausgezeichneten Whisky vor ihm hingestellt, daß es Majorie sicher verstehen würde, wenn er das Wiedersehen noch etwas hinauszögerte.

Überhaupt, was hieß Wiedersehen? Vier Jahre hatten sie sich nicht gesehen, eine lächerliche Zeit!

Ihm war die Zeit im Fluge vergangen; was hatte er auch alles gesehen und erlebt!

Unter Goldsuchern war er gewesen, San Francisco hatte er kennen gelernt, und dann … aber daran dachte er nicht gern. Zum Donnerwetter, man wollte doch leben!

Übrigens, schlecht waren die Streiche nicht gewesen, und Blut war dabei auch nicht vergossen worden; dafür hatte er immer mit peinlichster Sorgfalt gesorgt. Er wünschte keinen Nachgeschmack nach solchen Sachen, um sich ein gutes Leben zu verschaffen. Schmuggeln – na gut – aber ohne Blutvergießen.

Wenn Chick Blut vergoß, war er entweder betrunken, oder man hatte ihn so gereizt, daß er sich selbst nicht mehr kannte. Das wußte er, so weit kannte er sich genau.

Er sah noch die traurigen Augen von Majorie auf sich gerichtet, als er hier vor Jahren in Streit geriet. Verdammt unvorsichtig war es damals gewesen, daß er, als der weit Überlegenere zum Revolver griff; das würde ihm auch Sheriff Landert nicht vergessen haben und ihm nun höllisch auf die Finger sehen. Ein Glück, daß er noch so weit bei Besinnung war, seinen Gegner nur zu verwunden und nicht restlos niederzuknallen. Und wer war am Ende Schuld daran gewesen? Eigentlich doch nur Majorie mit ihren verdammt traurigen Augen.

Chick trank, und wenn er trank, kam das Glas nur leer von seinen Lippen. Er schenkte sich wieder neu ein. Seine Gedanken eilten in die Vergangenheit.

Vor über sechs Jahren war seine Mutter gestorben; damals war er dreiundzwanzig Jahre und Majorie siebenzehn. Als Vormund für Majorie hatte seine Mutter einen alten Freund ihrer Familie aus ihrer Heimat bestimmt und nicht ihn. Dieses Mißtrauen hatte ihn maßlos gekränkt, fühlte er sich doch dadurch gedemütigt. Zornig war er aus dem verwaisten, elterlichen Hause fortgeritten, ohne den Vormund Majories abzuwarten.

Ein Jahr später packte ihn dann doch die Reue und auch Angst um das Wohlergehen seiner kleinen Schwester. Er war hierher geeilt, um nach ihr zu sehen. Glücklich und zufrieden hatte er sie vorgefunden. Eine große Freundschaft verband sie mit der um zwei Jahre jüngeren Tochter ihres Vormundes, des alten Meßters, der hier eine große Ranch besaß, auf der hart und strebsam gearbeitet wurde.

Er war damals lange Gast bei Meßter gewesen. Schließlich hatte er sich nicht mehr wohl gefühlt als Nichtstuer und von selbst angefangen mitzuarbeiten. Keiner sagte ihm Dank dafür, wie selbstverständlich wurde er in die Arbeitsgemeinschaft aufgenommen und eingereiht. Mit Helen Meßter, diesem halben Jungen, hatte er auf einem frischen, freien Neckton gestanden.

Dann kam der Tag, da ihm auffiel, daß Majorie immer stiller und versonnener wurde und traurige, nachdenkliche Augen bekam. Er drang in sie, ob ihr etwas fehle, aber er bekam keine Antwort. Das hatte ihn kribbelig gemacht, und so kam es zu dem Streit in Winters Gaststube, in dessen Verlauf er zum Revolver gegriffen hatte.

Darauf hatte er die Gegend verlassen. Gras sollte über die Sache wachsen. Heute kam er zu Majorie zurück.

Dreiundzwanzig Jahre war sie inzwischen geworden, und die kleine Helen mußte danach einundzwanzig sein. Zum ersten Male kam es ihm zum Bewußtsein, daß er halberwachsene Mädchen verlassen, um sie als erwachsene Menschenkinder wiederzufinden.

Ob Majorie wohl noch die traurigen Augen hatte? Himmelherrgott, wenn er damals den Mann herausbekommen hätte, der Schuld daran war, daß sie so in die Welt blickte! Daß es sich dabei um einen Mann handeln mußte, war Chick klar. Nachdenklich sah er vor sich hin. Er liebte auf seine Art Majorie heiß und innig. –

Die Tür ging, Tom Winter kam wieder herein. Er schenkte sich den Rest ein, den Chick in der Flasche gelassen hatte, um dann stillschweigend eine neue zu holen. – Winter schmunzelte. – Chick legte ja ordentlich vor, ehe die anderen kamen. Das konnte ja heute abend noch gut werden!

Er ließ sich wieder bei Chick nieder und trank ihm zu.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Helen Meßter trat in Majorie Langwools Zimmer.

»Majorie, wie gefall' ich Dir in meinem neuen Staat?«

Sie drehte sich wie ein Wiesel um ihre eigene Achse. Majorie lachte laut auf.

»Wenn Du nicht still hältst, kann ich Dich nicht bewundern.«

»Pah, bewundern! Ich benehme mich in diesem aufgeputzten Kleid wie ein kleiner Affe! Mir steht nur mein Alltagskleid, die Reithose[2]; darin kann ich mich benehmen.«

»Nein, Helen, das stimmt nicht. Du siehst entzückend aus. Paß auf, Du wirst Dich heute abend gut amüsieren und viel tanzen.«

Majorie trat auf Helen zu, die bei den anerkennenden Worten errötet war. Sie legte ihren Arm um die kleinere Helen und küßte sie. Einen Augenblick blieben sie so vereint stehen. Einen größeren Gegensatz als diese beiden jungen Mädchen gab es nicht.

Helen war klein und kräftig, flink und geschickt in ihren Bewegungen. Sie hatte große, braune Augen, in denen helle Pünktchen tanzten; und jetzt schmiegte sich ihr dunkles Köpfchen im hübschen Kontrast gegen Majories rotblondes, lockiges Haar. Majorie war schlanker und größer als Helen und gemessener in ihren Bewegungen.

»Ob Jed Corner wohl heute abend zu Tom Winter kommt?« fragte Helen plötzlich.

Majorie sah Helen fragend an.

»Nein, Majorie,« sie schüttelte den Kopf »was Du jetzt denkst, ist wirklich nicht. Aber – ich erhoffe mir noch irgendetwas Außergewöhnliches von ihm.«

Majorie ließ Helen los.

»Du bist und bleibst eine kleine Wilde, Helen. Es ist gut, daß Du kein Junge geworden bist.

Im übrigen glaube ich nicht, daß er kommen wird. Er hält die Trauer um den alten Jolivet, als ob dieser sein Vater gewesen wäre.«

Helen ließ sich in einem Stuhl nieder und sah Majorie zu, wie sie ihren Anzug vervollständigte. Sie bewunderte dabei Majories geschickte Hände.

»Majorie,« unterbrach sie das Schweigen, »verstehst Du eigentlich, daß Jolivet Jed nicht zu seinem Erben gemacht hat? Ich wette, daß Jed früher ein Revolvermann war! Jolivet hat ihn gewiß aus seinem früheren Leben gerissen und ihm das Arbeiten erst beigebracht. Meiner Meinung wäre es die Pflicht des Alten gewesen, für Jed zu sorgen. Und dann, er liebte Jed doch wie seinen eigenen Sohn. Majorie, glaubst Du nicht auch, daß Jed berechtigte Hoffnungen hatte, sich als zukünftigen Herrn von der Jolivetfarm zu halten?«

Es dauerte eine Zeit, bis Majorie antwortete: »Helen, was die Pflicht oder Nichtpflicht von Mr. Jolivet war, können wir wohl beide nicht beurteilen. Vielleicht war es eine Enttäuschung für Jed. Er spricht nicht darüber, und es wird auch niemand von ihm etwas erfahren.«

»Du, Majorie, seitdem ich das weiß, grolle ich eigentlich dem Alten nach,« stieß Helen aus. Ihr Temperament gebot ihr, nach ihrem Gefühl Stellung zu nehmen, ohne nach Gründen zu fragen.

Majorie schüttelte den Kopf: »Das ist nicht recht, Helen. Mr. Jolivet tat doch schon sehr viel für Jed, indem er sich seiner annahm und ihn zur regelmäßigen Arbeit anhielt, um aus ihm ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu machen. Was wäre er sonst? Ein Revolvermann, ein Desperado oder Held der Straße, wie …«

Majorie warf verächtlich die Lippen auf. – Helen sprang auf.

»Du,« rief sie aus »was Du mit dem ›wie‹ sagen wolltest, weiß ich ganz genau. Das ist nicht recht von Dir!«

Einen Augenblick sah Majorie Helen betroffen an, deren Worte so leidenschaftlich herausgekommen waren. Dann lachte sie leise auf.

»Helen, wir wollen uns doch nicht streiten! Ich habe doch Chick lieb – aber gerade darum« setzte sie ernst werdend hinzu »möchte ich stolz auf ihn sein und später einmal eine Stütze an ihm haben.«

»Was den Stolz betrifft, Majorie, das kannst Du heute schon. Und Stütze – na, das wird Dir hoffentlich Dein zukünftiger Mann sein, dazu brauchst Du doch nicht Chick!« Majorie schüttelte den Kopf.

»Ach, was, unverheiratet, Majorie, das gibt es ja gar nicht. Wenn ich das sagen wollte! Wer nimmt mich denn, so einen halben Jungen?«

Gerade wollte Majorie antworten, als sie beide erschrocken zusammenfuhren. Ein Stein war an Majories Fenster geworfen worden. Beide sahen sich einen Augenblick erstaunt an, um dann an das Fenster zu eilen. Majorie stieß es auf, und beide beugten sich heraus.

Unten aus dem Dunkel hörten sie eine Stimme.

»Pst? – Miß Majorie?«

»Ja?« antwortete Majorie.

»Hier ist Harry Elster. Ich habe Euch etwas mitzuteilen.«

Einen Augenblick herrschte Stille, dann entgegnete Majorie: »Wartet, ich komme gleich.«

Sie trat ins Zimmer und sah Helen an, deren Blick fragend auf ihr ruhte.

Plötzlich kicherte Helen auf: »Ein Verehrer, Majorie, der sich alle Tänze bei Dir sichern will.«

Ein Lächeln huschte über Majories Gesicht: »Glaube ich nicht, Helen. Komm mit, wir wollen hören, was er will.«

Beide huschten aus dem Zimmer; einen Augenblick blieben sie auf dem Treppenabsatz stehen, sie horchten und hörten Helens Vater noch in seiner Stube rumoren. Dann glitten sie die Treppe hinunter und standen gleich darauf im Garten, der um das Ranchhaus angelegt war.

Ein Mann trat ihnen aus dem Dunkel entgegen, in dem sie Harry Elster erkannten.

»Miß Majorie?« Er sprach immer noch flüsternd.

»Was wollt Ihr, Elster?«

Er trat zu den beiden Mädchen.

»Ja,« er zögerte, dann sprach er geheimnisvoll weiter, »ich glaube, daß Ihr wissen müßt, was ich Euch erzählen will. – Chick ist wieder da!«

Majorie trat einen Schritt zurück, Helen unterdrückte nur mit Mühe einen kleinen, erstaunten Ausruf.

»Wo ist er?« stieß Majorie hervor.

»Bei Tom Winter, Miß Majorie. Aber – und darum bin ich hier – total betrunken!«

Im gleichen Augenblick wandte sich Majorie ab. – Schweigen herrschte, Helen unterbrach es.

»Wir danken Euch, Elster, daß Ihr Majorie Bescheid sagtet. Es bleibt unter uns, nicht wahr?«

Elster nickte, er sah Helen nicht an, sein besorgter Blick ruhte auf Majorie.

Helen hakte Majorie ein und schritt wieder auf das Haus zu. Oben in ihrem Zimmer angelangt, drehte sich Majorie plötzlich Helen zu: »Da hast Du Deinen ›Stolz‹, Helen!« stieß sie aus.

»Ach was,« erwiderte diese schnell »nimm es doch nicht so tragisch! Das Unglück ist ihm vor Wiedersehensfreude passiert.«

»So, vor Wiedersehensfreude?« Majories Stimme klang höhnisch. »Mit wem denn? Mit Tom Winter vielleicht?«

Hilflos zuckte Helen mit den Achseln; sie kannte Majorie zu gut, um zu wissen, daß diese niemals dafür Verständnis haben würde.

Nach einem Augenblick sprach sie Majorie wieder an; dabei tat sie, als ob sie alles vergessen hätte.

»Nun komm Majorie, es wird Zeit; Vater wird auch fertig sein.«

Ein erstaunter Blick Majories traf sie.

»Du glaubst doch nicht, daß ich jetzt noch dahingehen werde!« Majories Stimme klang so ruhig und entschlossen, daß Helen wußte: sprach Majorie so, war ihr Vorhaben nicht zu ändern.

So entgegnete sie einfach: »Es ist gut, Majorie! Ich werde Dich bei Vater entschuldigen.«

Sie trat auf sie zu und küßte sie.

Mit einem sinnenden Zug in ihrem kleinen, pikanten Gesicht trat sie aus dem Zimmer, um mit ihrem Vater den Ball in Winters Gaststube zu besuchen.

Majorie ließ sich auf ihr Bett niedersinken; mit gefalteten Händen blieb sie so sitzen. Ihre Augen hafteten am Boden, und langsam fielen Tränen aus ihren grauen Augensternen.

Drittes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Die Pferde wieherten auf. Ein starker Ruck, und der Wagen stand[2q].

Man sah den Fahrer vom Bock[3] herunterspringen und am Geschirr des Handpferdes herumhantieren; dabei hielt er die Laterne des Wagens in der Hand.

Er fluchte leise. Da sprach eine dunkle Männerstimme durch die Nacht: »Ist etwas passiert? Kann ich Euch helfen?«

Wieder ein unterdrückter Fluch; dann hörte man deutlich: »Der Strang ist gerissen!« Was er dann noch sagte, verlor sich in einem unverständlichen Brummen.

Der Mann, der gefragt hatte, sprang jetzt vom Wagen und trat zu dem Fahrer. Ohne noch etwas zu sagen, packte er mit an; und er tat das so sicher und fachkundig, daß sich John Niles die Hilfe gefallen ließ, ohne abzuwehren, was zuerst seine Absicht gewesen war.

Ruth Harries schauerte zusammen, ihre Augen sahen zu dem dunklen Himmel hinauf, hier und da tauchten schon einige vereinzelte Sterne auf. Nicht lange würde es dauern, und der Mond würde ihnen sein Licht auf dieser Fahrt spenden[3q].

»Wären wir doch nur in Denver geblieben und nicht noch heute nach diesem lausigen Nest gereist. Wir hatten es dort doch so gut.«

Der einzige, der Percival Archey auf seine unwirschen Worte Antwort gab, war Desmond Grane. Er tat es mit leichtem, spöttischem Ton, wie er oft sprach.

»Die Dummheit ist gemacht, und ein Umkehren hat nun auch keinen Zweck mehr.«

»Aber die Damen erkälten sich. – Ruth, ich sah Dich eben zusammenschauern. Ist Dir kalt?«

Ruth gab ihm keine Antwort, sie wandte sich an die neben ihr sitzende Corinne.

»Friert Dich, Corinne?«

»Ach nein!« Das kam aber so kläglich heraus, daß Ruth unwillkürlich lächeln mußte.

Jetzt sprach Eveline, die neben Corinne saß. Die drei jungen Damen saßen zusammen auf dem Vorderplatz des Wagens; ihnen gegenüber hatten sich ihre drei Begleiter niedergelassen, von denen der eine jetzt dem Führer half:

»Ich finde die Nachtfahrt schauderhaft! Ich kann nur Percy zustimmen[4q]. Mußte das sein, Ruth?«

Ruth nickte heftig mit dem Kopf; in der Dunkelheit konnte dies aber niemand sehen.

»Es mußte sein!« sagte sie ruhig. Dann sprach sie weiter, und man hörte ihrer Stimme die Erregung an. »Glaubt Ihr, ich ließe mir das gefallen? Ich komme hierher, lasse mich wirklich in diese Wildnis verfrachten, schicke ein Telegramm[4], und niemand holt uns ab! Das muß ja eine feine Wirtschaft auf der Ranch sein!«

»Die Wirtschaft zu säubern, hättest Du ja schließlich auch morgen noch Zeit genug gehabt, Ruth! Dann hätte uns auch der Rechtsanwalt Dr. Brittan gleich begleitet und Dich als Herrin auf Deiner neuen Besitzung eingeführt.« Percys Stimme hörte man die Empörung über diese nächtliche Expedition deutlich an.

Ehe noch Ruth Percy antworten konnte, fragte Desmond: »Kanntest Du eigentlich Deinen Onkel Jolivet, Ruth?«

»Nein! Als ich Kind war, besuchte er uns einmal, aber ich erinnere mich seiner nicht mehr. Er war ein Vetter meiner verstorbenen Mutter, und ich glaube, er hat sie sehr verehrt.«

»Na, so einen Erbonkel lob ich mir, Ruth?« meinte Eveline.

Ruth antwortete nicht – dafür aber Corinne: »Das hatte Ruth gerade nötig! Ich glaube, unser Prinzeßchen weiß sowieso nicht, wohin sie mit all ihrem Geld soll.«

Nun war es Desmond, der aufseufzte: »Ja, wo Geld ist, kommt Geld zu!«

Dieser Stoßseufzer trug ihm ein Lachen von Corinne ein. Desmond, der Sohn eines schwerreichen New Yorker Kaufmanns, hatte es nötig, darüber zu seufzen.

Jetzt beugte er sich vor: »Ruth, war es eigentlich nötig, Lew Forest mitzunehmen?« fragte er leise.

»Ja,« entgegnete Ruth »sein Onkel Anthony Carper wünschte es.«

»Ach, der will sich wohl einen Kuppelpelz verdienen?«

Wieder war es Percy, der hochfuhr.

»Percy, Du bist heute gerade nicht sehr geistreich.«