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Zehn Schriftsteller werden für eine Klausur mit dem berühmten Autor Roderick Wells ausgewählt. Der legendäre und geheimnisvolle Gastgeber verspricht seinen Schülern, sie über das Schreiben und ihr ungenutztes Potenzial zu unterrichten. Vor allem aber sollen sie die Finsternis in ihren Herzen erkennen. Die Schriftsteller glauben, dass sich ihnen eine Chance auf Reichtum und literarischen Ruhm bietet. Doch in Wirklichkeit begeben sie sich in die irre Fantasie eines geistesgestörten Genies, in einen tödlichen Wettbewerb, in dem sie um ihren Verstand und ihr Leben kämpfen … Booklist: »In seinem neuesten Horror-Juwel ließ sich Janz vom frühen Stephen King beeinflussen, um die Geschichte eines abgelegenen Schriftsteller-Refugiums in etwas Einzigartiges und zum Nachdenken Anregendes zu verwandeln.« Booklist Online: »Ein Leckerbissen für Horrorfans, ja, aber der Roman wird auch ein breiteres Publikum ansprechen, da er es schafft, sowohl zu erschrecken als auch die Freude an Literatur zu ergründen.« Brian Keene: »Einer der besten neuen Horror-Autoren.«
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2023
Aus dem Amerikanischen von Bernd Sambale
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe The Dark Game
erschien 2019 im Verlag Flame Tree Press.
Copyright © 2019 by Jonathan Janz
Copyright © dieser Ausgabe 2023 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Titelbild: Festa Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-076-2
www.Festa-Verlag.de
Erster Teil
MAGIE
1
Lucy fummelte am schweißnassen Stoff ihrer Augenbinde herum. »Was dagegen, wenn ich das abnehme?«
Keine Antwort von ihrem Fahrer. Um sie her ruckelte die Limo wie ein schlecht gewartetes Kirmeskarussell.
Entspann dich, sagte Lucy zu sich selbst. Es wäreblöd von dir gewesen, dir diese Gelegenheit entgehen zu lassen.
Sie faltete die Hände im Schoß, während die Limo immer heftiger ruckelte. Sie stellte sich dort draußen eine karge Landschaft vor, die Bäume verkümmert, der Boden verbrannt. Wie ihre Zukunft, wenn das hier nicht klappte.
Sie ballte die Hände zu Fäusten.
Ihr fiel auf, dass sie den Fahrer gar nicht gebeten hatte, sich auszuweisen. Niemand wusste, dass sie hier war, und sie durfte kein Handy haben. Sie kaute an einem Daumennagel, während ihr einhundert Horrorfilme durch den Kopf schossen. Warum musste es eigentlich immer eine Frau sein, die in Stücke gehackt wurde?
Die Limo rumpelte über eine rauere Oberfläche. Äste peitschten mit erschreckender Gewalt gegen das Dach, sodass die Antenne sirrte. Lucys Magen schlug einen Salto, als die Limo durch ein Schlagloch fuhr und dermaßen schlingerte, dass ihr beinahe übel wurde.
Mit zitterndem Daumen drückte sie auf den Knopf ihres Fensters, aber offenbar hatte der Fahrer die Kindersicherung aktiviert.
»Gönnen Sie mir wenigstens etwas Luft«, sagte sie durch die Zähne.
Eine endlose Pause. Dann fuhr ihr Fenster herab und eine schwüle Brise drang herein. Ihr Herzschlag hatte gerade angefangen, sich zu verlangsamen, da stach ihr irgendetwas in die Schulter – ein Ast wie ein Finger, vermutete sie. Sie sog Luft durch die Zähne, und vor ihrem inneren Auge flackerte eine grässliche Szene auf: Der Wald, der auf sie eindrang, begierig darauf, Blut zu vergießen, und die Bäume grapschten nach ihr wie eine Horde watschelnder Ghoule.
Mit trockenem Mund bat sie den Fahrer, das Fenster wieder zu schließen.
»Kein Problem«, antwortete er. »Und Sie können auch die Augenbinde abnehmen, wenn Sie wollen.«
Sie schob die Finger unter den Stoff und schob ihn nach und nach aufwärts. Ein letztes Mal zerrte sie daran, und dann löste sich die Binde. Lucy warf sie beiseite. Das trübe Mainachmittagslicht blendete sie nach der Dunkelheit hinter der Augenbinde.
Als ihre Augen sich daran gewöhnt hatten, stellte Lucy fest, dass sie durch einen düsteren Wald fuhren: Die gewundenen Stämme und die knorrigen Äste erinnerten sie an die Gebrüder Grimm. Als sie sich näherten, flatterte eine Amsel kreischend von ihrem Zweig auf, nahm Kurs auf die Windschutzscheibe und schoss über das Dach der Limo hinweg. Mit rasendem Herzen blickte Lucy ihr durch das Rückfenster nach, konnte jedoch nichts ausmachen außer Schatten und uralten Bäumen. Sie rechnete schon halb damit, einen Blick auf eine Hexe zu erhaschen, die sie aus dem Unterholz heimtückisch ansah.
Nach einer Weile verbreiterte sich der Korridor aus Bäumen und sie gelangten auf eine grasbewachsene Lichtung. Auf der gegenüberliegenden Seite erspähte sie eine einsame Gestalt, die an einem Baum lehnte. Als sie näher kamen, sah sie das hellrote Muskelshirt, die kakifarbenen Cargoshorts und die verblassten Birkenstocksandalen aus Leder. Der Mann war vielleicht dreißig und sehr gut aussehend mit seiner glatten, gebräunten Haut und dem lockigen braunen Haar, das ihm nicht ganz bis zu den Schultern reichte.
Die Limo hielt an. Lucy stieß ihre Tür auf, sog die zedernduftgeschwängerte Luft tief in die Lunge, stieg aus und streckte sich genüsslich. Der Fahrer öffnete den Kofferraum, hievte ihren Koffer heraus und kehrte zur Fahrertür zurück, ohne Blickkontakt herzustellen. Einen Moment später beschrieb der Wagen eine sanfte Kurve und verschwand dann in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Lucy blickte sich in dem wundersamen Wald um. Kein Anzeichen eines Hauses, und ein Weg war auch nirgends zu sehen. War die ganze Veranstaltung nur ein Streich? Diese Sorge quälte sie schon, seit sie die Einladung erhalten hatte. Ihr erster Gedanke war gewesen, dass sie sicher einen Fehler gemacht hatte: Sie war zu erfolgreich, um an einem derartigen Wettbewerb teilzunehmen. Dann war ihre alte Furcht zurückgekehrt, ihr früher Erfolg könnte nur ein Glücksfall gewesen sein und die anderen Teilnehmer, zweifellos jünger und talentierter, würden sie lebendig verspeisen.
Aber mit 33 konnte sie doch noch nicht weg vom Fenster sein. Oder doch?
Der Fremde kam auf sie zu. An den Schläfen, wo seine Augenbinde gesessen hatte, hatte er rötliche Abdrücke. Er hob die Arme und streckte sich, offensichtlich um seine schlanken und wohlgeformten Bizepse zur Schau zu stellen. Er seufzte, dann blieb er vor ihr stehen, seine nackten Zehen nur eine Fußlänge von ihren entfernt.
»Tommy Marston«, sagte er und hielt ihr die Hand hin.
Sie schüttelte sie. »Lucy Still.«
Er musterte sie aus verengten Augen. »Sie sehen wie eine Jugendbuch-Autorin aus. Hab ich recht?«
Sie erwog, ihm von ihrem frühen Erfolg zu erzählen, damit die Arroganz in seiner Miene Ehrfurcht wich. Sie hätte mit dem Vorschuss prahlen können, den sie mit 19 Jahren bekommen hatte, den mit Lobeshymnen versehenen Besprechungen in vielen der wichtigsten Literaturzeitungen, ihrem sofortigen literarischen Ruhm.
Doch dann würde er ihr die berüchtigte Frage stellen: Was haben Sie in letzter Zeit geschrieben?
»Sie ist 40 Minuten zu spät«, rief jemand mit einer tiefen Stimme.
Tommy blickte dem Mann finster entgegen, der nun zwischen den Bäumen hervortrat. »Woher wollen Sie das wissen?«
Der Mann machte eine vage Handbewegung.
»Ich dachte, wir dürfen keine technischen Geräte mitbringen«, sagte Tommy.
»So stand das nicht im Vertrag«, antwortete der Mann. »Diese Uhr ist jedenfalls analog.« Er war größer als Tommy, und sein weißes T-Shirt und seine dunkelblauen Jeans strafften sich über prallen Muskeln. Er ließ Lucy an einen College-Footballspieler denken, der es irgendwie geschafft hatte, aus dem Team geschmissen zu werden, nachdem er zu oft verhaftet worden war. Er hatte einen Bürstenhaarschnitt von der Farbe schwachen Kaffees und frostige blaue Augen. Sein Mund schien zu einem permanenten Grinsen erstarrt.
Er nickte Lucy zu. »Bryan Clayton. Und Sie?«
Sie sagte es ihm.
Bryan musterte sie einen Augenblick, dann deutete er auf den Wald. »Das ist majestätisch dadrin. Pappeln, Weiden, Tamarack-Lärchen, Walnuss. Sogar ein Wäldchen mit Fraser-Tannen. Extrem selten in Indiana.«
Tommy runzelte die Stirn. »Woher wissen Sie, wo wir sind?«
»Angeborener Orientierungssinn.«
Tommy sah Lucy an. »Angeborener Bullshit.«
»Wir sind südwestlich von Chicago«, sagte Bryan. »Also müssten wir in Indiana sein, stimmt’s?« Er griff in seine Gesäßtasche und zog ein gefaltetes Blatt Papier hervor. »Mein Fahrer hat mir gesagt, ich soll dieser Wegbeschreibung folgen, sobald Sie angekommen sind.« Er bedachte Lucy mit einem nachsichtigen Blick. »Das heißt, falls die Prinzessin so weit wäre.«
Arschloch, dachte sie.
»Zeit, sich die Hände schmutzig zu machen«, sagte Bryan und schulterte seinen jägergrünen Rucksack. »Ich werde Wells schon zeigen, dass ich zum Siegen hier bin.«
Tommy warf Lucy einen Blick zu. »Das sind wir auch.«
Bryan beäugte ihn. »Sie beide sind in einer Woche weg.«
»Wenigstens mach ich hier nicht einen auf übertrieben männlich.«
Bryans Grinsen verblasste. »Ich schreibe tatsachenbasierte Survivalstorys.«
Tommy zog einen Mundwinkel hoch. »Bei Ihrer Persönlichkeit wissen Sie bestimmt ’ne Menge übers Alleinsein.«
Einen Moment lang berührten sich fast ihre Nasenspitzen, und dann wirbelte Tommy plötzlich durch die Luft und landete im Gras.
Bryan saß rittlings auf ihm, hatte ihm den Arm auf den Rücken gedreht und schob nun langsam das Handgelenk aufwärts. Lucy glaubte, der Arm würde bald sein Gelenk sprengen.
»Okay, okay!«, schrie Tommy.
Bryans dicke Arme spannten sich an, während er Tommys Handgelenk immer höher schob, jetzt schon fast bis zu den Schulterblättern. Er beugte sich hinab und brachte sein kantiges Kinn bis auf wenige Zentimeter an Tommys rotes Gesicht heran, das seitwärts ins Gras gedrückt wurde. »Immer noch ’ne große Klappe?«
Ein hohes Wimmern drang aus Tommys Kehle.
»Gehen Sie runter von ihm«, sagte Lucy.
Tommy stöhnte. Sie erwartete jeden Moment, ein ekelerregendes Knacken zu hören.
»So, wie war das mit übertrieben?«
»Runter, hab ich gesagt«, sagte Lucy und trat auf die beiden zu.
Bryans Kopf zuckte herum, und in seinem Blick lag etwas Wildes. Dann breitete sich langsam ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. Er ließ Tommy los und setzte sich auf die Fersen, einen beinahe euphorischen Ausdruck der Befriedigung auf dem Gesicht.
Tommy ächzte, den Arm schlaff im Gras.
Bryan stand auf. »Wenn Sie das nächste Mal rumstänkern, passen Sie auf, dass Sie keinen Hochschulringer beleidigen.«
»Sack«, murrte Tommy und erhob sich. Sein überdehnter Arm hing ihm schlaff an der Seite herab. Lucy glaubte nicht, dass er gebrochen war, aber er würde tagelang wehtun.
»Können wir jetzt zu Wells’ Haus gehen?«, fragte sie.
»Klar«, sagte Bryan. Er ging auf den Wald zu, blieb dann jedoch noch einmal stehen und sah sich zu ihr um. »Ich hoffe, Sie merken sich, was passiert, wenn man mir blöd kommt.«
2
Rick Forrester blickte zu einem Gewirr aus Efeu, Ranken und schmalen grünen Ästen auf.
WellsWald stand auf einem Schild. Ein magischer Ort.
Sein Fahrer hatte ihm gesagt, er solle hier auf den nächsten Schriftsteller warten, aber nun, da er sich allein in diesem urwüchsigen Wald befand, nahm er immer wieder einen disharmonischen Ton wahr, nicht mit den Ohren, dafür war er zu leise, aber er spürte ihn in den Knochen.
Er zuckte zusammen, schlug sich in den Nacken und begutachtete seine Handfläche. Der tote Moskito ähnelte einem Mascarafleck, durchzogen mit roter Theaterschminke.
Vielleicht war es keine so brillante Idee gewesen hierherzukommen.
Eine weiße Limousine kam die Straße heraufgerollt und hielt neben ihm an.
Das Fenster fuhr nach unten, und der Fahrer, ein junger Kerl mit einem kurz geschorenen roten Bart, steckte den Kopf heraus. »Ich nehme an, Sie sind einer der Autoren?«
»Wodurch hab ich mich verraten? Mit meinem tiefgründigen Blick?«
Der Fahrer stand auf und öffnete die Tür für eine junge Frau mit punkigem blondem Haar und ein paar Dutzend Armreifen. Nette Figur, aber Ricks Blick wurde eher von der Kleidung angezogen: dem rüschigen violett-weißen Oberteil und dem beigefarbenen Rock voller bunter Buttons. Auf einem stand MARK DARCYS LIEBESSKLAVIN, auf einem anderen ›Pass auf, sonst bring ich dich in meinem Roman um‹. Sie setzte sich eine Schildpattbrille auf und blickte sich argwöhnisch im Wald um. »Das hier ist Roderick Wells’ Anwesen?«
»Sie sind doch Elaine Kovalchyk, oder nicht?«, fragte der Fahrer.
Sie knurrte. »Sonst wär ich wohl kaum in Ihren Wagen gestiegen.«
Der Fahrer hievte einen gewaltigen Koffer aus dem Kofferraum. »Dann lasse ich Sie hier.«
»Moment, was genau heißt ›hier‹?« Sie warf einen Blick in Ricks Richtung.
Er machte eine nickende Kopfbewegung zu dem rankenbewachsenen Torbogen hin. Elaine schob ihre Brille auf die Nasenspitze hinunter und starrte das Schild an. »Von was für Magie reden wir hier?«
Der Fahrer machte eine Kehrtwende und fuhr davon.
Ihre Armreife klingelten, als sie ihren Koffer auf Rick zurollte. »Sie sind aber kein Serienmörder, oder?«
»Hab ich vor Jahren aufgegeben.«
Der Anflug eines Lächelns. »Da Sie zu meinem Beschützer bestimmt sind, sollte ich wohl Ihre Identität erfahren.«
»Rick Forrester.«
»Wo hab ich Ihre Sachen gesehen?«, fragte sie.
»Lesen Sie manchmal Grausige ungeklärte Mordfälle?«
Ihre pinkfarbenen Lippen verzogen sich zu einem schelmischen Lächeln. »Sind Sie immer so ausweichend?«
»Ich bin unveröffentlicht.«
Sie schnippte sich das Haar aus der Stirn. »Meine Profs an der NYU sagen, ich sei die geborene Dialogschreiberin.«
»Geschrieben ist es bestimmt besser.«
Sie blickte ihn von oben bis unten an. »Unveröffentlicht, hm?«
»Ich schätze, die Welt ist noch nicht bereit für mein Werk.«
»Eine Schande. Sie würden sich gut machen auf einem Autorenfoto.« Sie nickte zum Torbogen. »Wollen wir?«
Er ließ sie mit ihrem kühlschrankgroßen Koffer passieren und folgte ihr.
»Sie zieren sich ja enorm, Mr. Forrester. Ein Mann in Ihrem Alter wird doch wenigstens ein paar Schreiberfolge vorzuweisen haben.«
»Ich kann mir ja welche ausdenken.«
Sie hielt an und blickte ihn über ihre Brille hinweg an. »Was für Probleme haben Sie sonst noch?«
Er ging an ihr vorbei. »Abgesehen davon, dass ich gerade verhört werde?«
»Wie alt sind Sie?«
»35.«
»Verheiratet?«
Er rückte seinen Rucksack zurecht. »Im Augenblick nicht.«
»Dann waren Sie es aber.«
Rick machte sich nicht die Mühe, es ihr zu erklären.
Er blickte zu den Bäumen auf, aber sie waren so dicht, dass er nur kleinste Splitter heidekrautfarbenen Himmels ausmachen konnte. Heute hatte es noch keinen Regen gegeben, aber die Wolken drohten weiterhin welchen an.
»Soll ich Ihnen von mir erzählen?«, fragte sie.
»Ich bezweifle, dass ich Sie davon abhalten könnte.«
»Ich bin 27. Single bis jetzt. Ich war in der Goose Neck Review und im Maryland Quarterly.«
»Sind das Jagdmagazine?«
»Es sind zwei der angesehensten literarischen Publikationen in Amerika.«
»Na so was.«
»Sie sehen ganz gut aus für Ihr Alter.«
Er verzog das Gesicht. »Jetzt komme ich mir vor wie ein gruseliger alter Mann.«
»Acht Jahre sind nicht viel«, sagte sie. »Zu schade, dass ich nicht hier bin, um jemanden aufzugabeln.«
Wenn Sie wüssten, was ich im Schlepptau habe, dachte er, wäre ich der Letzte, mit dem Sie ausgehen wollten.
Sie ging vorwärts, redete jedoch weiter. »Ich werde meinen Eltern beweisen, dass sie sich irren. Schön, für meine Ausbildung sind sie aufgekommen, insofern haben sie mir geholfen. Aber sie haben immer angenommen, das mit dem Schreiben sei nur so eine Phase. An Feiertagen fragten sie mich immer, und hielten sich wohl noch für subtil dabei, ob ich schon mal darüber nachgedacht hätte, mir ein weniger blauäugiges Ziel zu setzen.«
»Aber sie haben Ihnen das College finanziert.«
Sie funkelte ihn über die Schulter hinweg an. »Sie tolerieren meinen Lebenswandel.« Er ließ das so stehen und hoffte, sie würde nicht näher auf ihren Lebenswandel eingehen, was immer das auch bedeuten mochte.
Sie blieb stehen. »Wenn ich diesen Wettbewerb gewinne, werden sie nicht mehr so tun, als wäre das nur ’ne Blödelei.«
»Sie haben ihnen nicht erzählt, dass Sie herkommen?«
Sie lächelte ihn verschlagen an. »Sie sind ja raffiniert, Rick.« Sie boxte ihm sacht gegen die Schulter. »Suchen wohl nach was, weswegen ich disqualifiziert werden könnte?«
Er öffnete den Mund, um zu antworten, besann sich jedoch eines Besseren und schlängelte sich wortlos an ihr vorbei.
»Sie sind wohl einer Meinung mit meinen Eltern?«, rief sie ihm nach.
»Ich kenne Ihre Eltern nicht.«
»Wahrscheinlich sind Sie genau wie sie. Politisch konservativ.«
Das war er zwar nicht, aber er würde sich eher selbst mit einer brennenden Wunderkerze katheterisieren, als über Politik zu diskutieren.
Zu seiner Erleichterung hörte sie für ein paar Minuten auf zu reden. Der Pfad führte sie zwischen blaugrünen Fichtenwäldchen und hoch aufragenden Pinien hindurch. Etwa zu der Zeit, als Elaine sich über heftigen Durst und Schmerzen in den Füßen zu beschweren begann, lichtete sich der Wald ein wenig, und etwas aus Glas funkelte ihnen matt entgegen.
»Oh, Gott sei Dank«, stöhnte Elaine.
Sie kamen auf eine ausgedehnte, ansteigende Wiese voller Fuchsschwanz und Wildblumen. Rick hielt an und blickte zu dem Herrenhaus auf, das oben auf dem Gipfel stand. Er hätte nicht erklären können, warum, aber er hatte erwartet, dass Roderick Wells in einem modernen Haus lebte, schnittig und mit schimmernden Fenstern. Das Haus, das dort über ihm aufragte, war jedoch viel älter und größer, als er es sich vorgestellt hatte. Rick hätte so etwas zwar nie laut ausgesprochen, aus Furcht, sich töricht anzuhören, aber … dieses Gemäuer wirkte unheilvoll. Es war zweistöckig, und die vielen hervorragenden Mansardenfenster und Giebel schienen ihn geradezu herauszufordern, den Hügel zu erklimmen und sich allem zu stellen, was es für ihn bereithalten mochte. Die beherrschende Fassade war aus Backstein, aber an manchen Stellen war die Farbe abgeplatzt. Das Herrenhaus hatte Reparaturen dringend nötig. Die überdachte Veranda neigte sich nach links, die verblassten, elfenbeinfarbenen Säulen waren fleckig und blätterten ab. Die Scheibe eines der Fenster im Erdgeschoss war voller Spinnweben; ein paar Läden hingen schräg. Dem Schieferdach fehlten mehrere Ziegel, aber der starken Neigung wegen konnte Rick sich nicht vorstellen, dass irgendjemand sie je ersetzen würde. Auf der Hinterseite des Hauses ragte ein Turm empor.
Rick blickte an ihm hinauf und hatte das Gefühl, als striche ihm eine eisige Brise über die Haut.
»Das ist es also?«, fragte Elaine.
Er versuchte zu lächeln. »Was haben Sie?«
Sie zitterte und kratzte sich am Unterarm. »Ich weiß nicht. Es ist nur so …«
»Imposant?«
»… spukhausig. Ich hab nicht erwartet, dass es so abgeschieden ist. Falls was schiefgeht, wie soll es irgendjemand mitkriegen?«
Was soll denn passieren?, hätte er beinahe gefragt. Doch aus irgendeinem Grund wäre es ihm im Angesicht dieses hoch aufragenden schauerlichen Bauwerks so vorgekommen, als forderte er das Schicksal heraus. Er begann den langen Aufstieg.
»Rick?«
Er blickte sich um und sah, dass sie sich nicht vom Fleck bewegt hatte. »Soll ich den Koffer für Sie tragen?«
Sie lächelte und zog auf eine Weise die Schultern hoch, die er liebenswert fand. Wenn sie etwas weniger Energie aufs Konkurrieren verwenden würde, wäre sie mit knapper Not zu ertragen.
Er packte den Griff ihres Koffers, und dann begannen sie ihren Marsch durch das kniehohe Gras. Er erhaschte einen kurzen Blick auf ein purpurnes Schmetterlingstattoo zwischen ihren Brüsten, kommentierte es aber nicht. Stattdessen blickte er zu den brodelnden, schlammgrauen Wolken hoch. Die Luft roch nach Regen.
»Danke«, sagte sie. »Sie sind ein Gentleman.«
»Aber nicht talentiert genug für die Goose Egg Review.«
Sie schubste ihn leicht. »Goose Neck.«
Während sie die Steigung hinaufstapften, nahm er das Herrenhaus in Augenschein: Es musste etwas mehr als 6000 Quadratmeter groß sein.
Sie fragte: »Warum haben Sie sich scheiden lassen?«
»Ich hab nie gesagt, dass ich verheiratet war.«
»Dann seien Sie halt rätselhaft.« Eine Pause. »Warum sind Sie Single?«
Weil alle, die ich liebe, sterben? Weil mich etwas verfolgt und ich auch hier bin, um ihm zu entkommen?
»Sieht mir nicht nach einem magischen Ort aus«, murmelte Elaine.
Für ihn schon, aber nach der falschen Sorte.
Wells’ Herrenhaus sah ihm ganz nach jeder Geistergeschichte aus, die er je gelesen hatte.
3
Zur Abenddämmerung klopfte es an Lucys Tür. Sie öffnete und sah eine Frau mit scharlachrotem Haar, einer winzigen Stupsnase und limonenfarbenen Augen. Sie war jünger als die Autoren, denen Lucy begegnet war, und ihr grünes Trägerhemd und ihre zerrissenen kurzen Jeans waren sehr eng anliegend.
»Anna Holloway«, sagte die junge Frau. »Ich liebe Ihre Arbeit.«
Lucy stieg die Röte in die Wangen.
»Das Mädchen, das starb hat mich zum Lesen gebracht«, sagte Anna.
Lucy blickte zu ihrem Zimmer zurück. »Hören Sie, Anna, ich hab noch nicht ausgepackt und …«
»Die ganzen unanständigen Stellen hab ich unterstrichen«, sagte Anna. »Mom war stinksauer, als sie mich damit erwischt hat. Sie hat die Bibliothekarin angerufen und ihr den Arsch aufgerissen.«
Unwillkürlich musste Lucy lächeln.
»Aber ich mochte nicht bloß den Sex, es war die Schreibe. Die Stimme.« Anna ergriff Lucys Hände und drückte sie. »Sie sind so gut.«
Die Gegenwartsform blieb Lucy nicht verborgen.
»Und als ich gehört hab, dass Sie kommen, konnte ich es nicht glauben. Das wird, als hätte ich zwei Lehrer statt einem.«
Lucy suchte das Gesicht der jungen Frau nach irgendwelchen Anzeichen für Ironie ab, doch wenn Anna schauspielerte, dann absolut fließend.
Lucy rang sich ein Lächeln ab. »Schön zu wissen, dass ich noch einen Fan hab.«
Anna gestikulierte den Flur hinunter. »Wir sollen uns auf der Veranda versammeln.«
»Hat Wells Ihnen das gesagt?«
Anna schüttelte den Kopf. »Das Hausmädchen – diese Miniaturfrau, Miss Lafitte – hat mir gesagt, ich soll alle zusammentrommeln.«
Lucy nickte. »Okay, dann sagen Sie doch den anderen Bescheid, während ich …«
»Sie sind die Letzte.« Anna zuckte verlegen mit den Schultern. »Ich wollte Sie allein kennenlernen, ehe die anderen Sie vereinnahmen.«
»Womit denn? Um mich zu fragen, was schiefgegangen ist?«
Anna wurde ernst. »Ihre Kritiker können sich ficken.«
Lucy lachte.
»Meine Alten dachten, sie läutern mich, indem sie mich auf eine katholische Schule schicken«, erklärte Anna. »Stattdessen wurde ich verdorben.«
»Ich wurde zu Hause unterrichtet«, sagte Lucy.
»Ich weiß. So haben Sie mit dem Schreiben angefangen. All die Zeit für sich allein.«
Lucy runzelte die Stirn. Irgendetwas in Annas Tonfall …
»Kommen Sie schon«, sagte Anna. »Sie können später auspacken.«
Lucy fummelte am Türgriff herum. Was das Make-up anging, hatte sie schon ihr Möglichstes getan – was nicht viel war –, und sie hatte sich die Zähne geputzt, um den muffigen Geschmack von der Reise loszuwerden. Es gab keinen Grund, es weiter hinauszuschieben. Und wenn Wells sie erwartete …
Sie schloss die Tür und folgte Anna die Treppe hinab. Sie traten auf die Veranda hinaus, und nach einem flüchtigen Blick in die Runde stellte Lucy fest, dass immer noch zwei fehlten, um die Zehn vollzumachen. Tommy lehnte an einer Säule und sprach mit Elaine Kovalchyk. Sie kam Lucy ein wenig wie eine Klugscheißerin vor, eine, die zu angestrengt versuchte, provokant zu sein. Bryan Clayton hockte auf der unteren Verandastufe und sah sich die Wiese an. Eine Weile blickte er hinaus, dann kritzelte er etwas in sein Notizbuch. Zweifellos katalogisierte er irgendein Detail, mit dem er künftigen Lesern auf den Geist gehen wollte. Eine schwarze Frau stand abseits der anderen. Sie war knapp 1,80 groß und attraktiv. Ihr Haar hatte sie sich zu einem einfachen Knoten hochgebunden, sie trug einen auffälligen magentafarbenen Lippenstift, und ihr ärmelloses vielfarbiges Kleid hing ganz bis zu ihren Sandalen hinunter.
Der Mann, der am nächsten an der Tür stand, drehte sich um und sah Lucy an. Er blickte mürrisch drein, hatte einen Zottelbart und große kummervolle Augen. Er wirkte auf sie wie ein Flüchtling aus irgendeinem kriegsgeschundenen Land.
Endlich jemand, der älter war als sie.
Eine Packung Zigaretten ragte aus der Tasche seines blassgrünen Hemdes. Er wollte sich gerade eine anstecken, da bemerkte er, dass Lucy ihn beobachtete. »Rauchen Sie?«
Sie schüttelte den Kopf. Sein Lächeln war freundlich, wenn auch ein wenig nikotinfleckig. Er hielt schützend eine Hand über die Zigarette, um sie anzuzünden.
Lucy stellte sich vor. Er kniff die Augen zusammen, dann schloss er beide Hände um ihre Hand.
»Ich bin Marek«, sagte er mit russischem Akzent.
»Marek«, wiederholte sie und versuchte, das r so zu rollen, wie er es gemacht hatte.
Sein Lächeln wurde breiter. »Das ist gut. Sie sprechen es besser aus als meine Freunde.«
Er zog an seiner Zigarette und blies Rauch aus dem Mundwinkel. »Ich bin 41, falls Sie sich fragen. Die Leute halten mich immer für einen älteren Herrn.« Er klopfte auf die Zigaretten in seiner Tasche. »Muss an denen liegen.«
Sie wandten sich um, als noch ein Mann aus dem Haus trat: dicklich, schwarzes Haar mit Seitenscheitel und hängende Schultern. Sein kurzärmeliges Anzughemd war schweißnass unter den Achseln und klebte an seinen blassen, haarlosen Armen. Seine beigefarbene Bundfaltenhose sah teuer aus. Kammgarn vielleicht. Er musterte die Gruppe durch die Gläser seiner Drahtgestellbrille.
»Wer sind Sie?«, fragte Tommy.
»Evan Laydon«, sagte der Neuankömmling. Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. »Ist das eine Sauna hier draußen.«
»Sie sollten sich in Form bringen«, rief Bryan über die Schulter.
Evan blickte Lucy an. »Haben Sie schon den hier residierenden Überlebenskünstler kennengelernt?«
»Klassischer Kandidat für Herzerkrankungen«, sagte Bryan.
»Ich wusste nicht, dass ich hier auch meinen persönlichen Trainer haben würde«, murmelte Evan. Sein Blick schweifte zu irgendetwas hinter Lucy.
Sie wandte sich um, und ihr Magen machte einen Satz. Der Mann lächelte sie an. »Rick Forrester.«
Er hatte hellbraune Augen und ein hübsches Lächeln. Er erinnerte sie ein wenig an den jungen Harrison Ford, von dem sie schon seit ihrer Jugend träumte.
»Wie lange sollen wir noch hier draußen braten?«, fragte Evan. Er nahm sein Hemd zwischen die Finger und fächelte sich damit Luft zu.
Lucy ging zu der großen schwarzen Frau hinüber und stellte sich vor.
»Sherilyn Jackson«, sagte die Frau, die dem Akzent nach aus dem tiefen Süden zu stammen schien. »Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich hier bin. Roderick Wells’ Anwesen. Wo Corrina Bowens Karriere ihren Anfang genommen hat.«
»Ich liebe ihr Werk«, sagte Anna. »Sie ist ein Nationalheiligtum.«
Sherilyn legte sich eine Hand auf die Brust und setzte eine träumerische Miene auf. »Ich hab sie bei einer Signierstunde in Mobile kennengelernt. Sie war sogar noch bezaubernder als ihre Geschichten.«
Lucy äußerte sich nicht dazu. Sie fand Gefallen an Bowens Arbeit, aber offenkundig nicht so sehr wie Sherilyn oder Anna.
Nachdem Corrina Bowen vor fünfzig Jahren einen Wettbewerb wie diesen gewonnen hatte, war sie rasch zu Ruhm gelangt. Seitdem hatte sie nicht viele Romane geschrieben, aber die wenigen, die sie verfasst hatte, wurden als Klassiker der Southern-Gothic-Literatur bejubelt. Vor Jahren hatte Variety sie als William Faulkners Erbin bezeichnet.
Anna sah Lucy an. »Glauben Sie, der Sieger dieses Wettbewerbs wird auch so berühmt wie Bowen?« Sie blickte an dem Haus hinauf. »Gott, was würde ich dafür geben, so zu leben.«
Evan wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich frag mich, was aus den anderen neun aus dem Wettbewerb geworden ist«, sagte er. »Hat irgendjemand je von denen gehört?«
»Wen kümmert’s?«, fragte Anna. »Sie sind in Vergessenheit geraten wie die meisten Autoren.«
Lucy schwieg weiterhin. Exakt diese Frage plagte sie auch schon die ganze Zeit.
»Ich hab Miss Bowen mal einen Fanbrief geschrieben«, sagte Rick.
Sherilyn hob die Augenbrauen. »Hat sie geantwortet?«
Er nickte. »Einen derart eloquenten Formbrief hab ich seither nie wieder gelesen.«
Sie lachten alle.
»Bin ich als Einzige nervös?«, wisperte Anna.
»Das sind wir alle«, sagte Sherilyn. »Niemand weiß, was für ein Mensch Roderick Wells ist.«
»Klar wissen wir das«, sagte Evan. »Er ist einer von der alten Schule. Wie Hemingway, nur ohne den Stierkampf.«
»Aber mit dem gleichen Sexismus«, rief Elaine, die sich gerade mit Tommy näherte.
Evan machte eine wegwerfende Handbewegung. »Unsinn. Er ist der Grund, dass ich Autor geworden bin.«
»Ach, tatsächlich?«, fragte Tommy und beäugte ihn. »Was haben Sie geschrieben?«
Evan hob das Kinn. »Ich war drei Semester lang Redakteur beim Literaturmagazin der Columbia.«
»Das heißt nicht, dass Sie schreiben können«, sagte Elaine.
Evan lachte ungläubig.
Bryan kam die Stufen herauf und rief Evan zu: »Ihre Möpse wabbeln.«
Evan sah verletzt aus.
Rick wandte sich Bryan zu. »Gibt’s einen Grund dafür, dass Sie so fies sind?«
Bryan erwiderte Ricks Blick. »Es sind eher Leute wie Sie, die den meisten Schaden anrichten. Ich wette, Evan umgibt sich selbst mit Gönnern.«
»Sie sind hier der mit den Problemen«, sagte Lucy.
»Ach ja?«, fragte Bryan. »Und was ist mein Problem, Schätzchen?«
»Sie sind ein Idiot.«
Mehrere lachten. Rick grinste sie an. Bryan öffnete den Mund, um zu antworten, aber da unterbrach ihn eine weibliche Stimme: »Ich sehe, Sie liegen sich bereits in den Haaren.«
Sie drehten sich um und sahen eine Frau in einem dekolletierten dunkelbraunen Abendkleid. Sie hatte langes schwarzes Haar und sah aus, als wäre sie ein Partygast und gerade auf die Veranda getreten, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass sie ein langstieliges Glas mit einem klaren Drink in der Hand hielt.
»Sind Sie die Zehnte?«, fragte Tommy.
»Mein Ehemann ist der Künstler in der Familie.«
Anna blickte sie verwundert an: »Sie sind Mrs. Wells?«
»Amanda«, sagte sie.
Sie nannten alle ihre Namen.
Marek blickte sich um. »Ich dachte, es würden zehn hier sein.«
»Der Letzte wird später eintreffen«, sagte Mrs. Wells.
»Panne mit dem Auto?«, fragte Tommy.
»Das bezweifle ich«, sagte Mrs. Wells.
Sherilyn fragte: »Wollen Sie sagen, Ihr Ehemann lässt ihn absichtlich verzögert ankommen?«
Mrs. Wells wählte ihre Worte sorgfältig und sagte: »Eins müssen Sie über Roderick wissen: Es gibt einen Grund für alles, was er tut.« Sie fasste sie der Reihe nach ins Auge. »Werden Sie die Regeln unserer Vereinbarung einhalten oder würden Sie es vorziehen, die Heimreise anzutreten?«
Bryan trat vor. »Ich denke, ich spreche hier für alle, wenn ich sage, dass wir ausgesprochen dankbar für diese Chance sind.«
»Das sollten Sie auch«, antwortete eine Stimme.
Lucy drehte sich um und sah, dass jemand sie alle durch die Tür betrachtete, eigentlich nur ein Schatten, im Dunkel des Eingangs verborgen. Lucy hatte der Tür am nächsten gestanden, und nun rückten auch die anderen Autoren näher, um Roderick Wells besser sehen zu können. Lucy blinzelte ins Halbdunkel, sah jedoch nichts außer einem Augenpaar, das ihnen unverwandt entgegenblickte, und die Andeutung eines unbarmherzigen Lächelns.
Ihr fiel auf, dass sie die Luft anhielt. Der Mann im Schatten wirkte zwar ein wenig gezeichnet vom Alter, aber sie spürte, dass eine Macht von ihm ausging, eine undefinierbare Vibration. Den Mienen der anderen entnahm sie, dass sie es ebenfalls spürten.
Evan war der Erste, der sprach. »Es ist uns eine Ehre, Sie kennenzulernen, Mr. Wells.«
Wells ignorierte dies. »Ehe wir fortfahren«, sagte er mit einer kultivierten, aber etwas angestrengt klingenden Stimme, »Sie müssen sich mir unterordnen. Sie müssen sich darauf vorbereiten, extremen Bedingungen standzuhalten, sowohl körperlich als auch emotional.«
Sherilyn grinste halb. »Niemand hat etwas von einer körperlichen Komponente gesagt.«
»Meine Liebe«, sagte Mr. Wells, »diese Erfahrung wird Ihnen alles abverlangen. Ich lege mein Blut, meine Tränen … ja selbst meine Seele ins Schreiben. Nicht weniger verlange ich von meinen Schülern.«
Stille breitete sich aus, als sie seine Worte sacken ließen.
Er fuhr fort: »Die nächsten sechs Wochen werden Sie über keine Elektronik verfügen, abgesehen von einem Laptop mit Textverarbeitungsmöglichkeiten. Es bekommt auch jeder einen Drucker. Ich habe eine umfangreiche Bibliothek angesammelt, die Ihren Recherchebedürfnissen mehr als genügen sollte. Natürlich werden wir Ihnen auch Kost und Unterkunft bieten, alles, was Sie benötigen. Verlassen Sie jedoch den Besitz, so werden Sie von diesem Anwesen verbannt und dürfen niemals zurückkehren.«
»Mr. Wells«, sagte Bryan, wobei seine Stimme auf uncharakteristische Weise bebte, »im Vertrag wurde auf einen Preis Bezug genommen – für den Besten der Show sozusagen –, aber die Details waren unklar.«
»Sind Sie deswegen hier, Mr. Clayton? Wegen irgendwelcher Preise?«
Bryan öffnete den Mund und hob beschwichtigend die Hand, doch Mr. Wells überging ihn. »Der Sieger erhält drei Millionen Dollar.«
Marek stieß ein leises Pfeifen aus. Tommy murmelte: »Sauber.«
Mr. Wells beäugte sie aus seinem Schattennest. »Das Geld ist bloß ein Sicherheitsnetz, sollte der Roman sich als nicht lukrativ erweisen.
Und dies bringt mich nun«, fuhr er mit lauterer Stimme fort, »zu dem Veröffentlichungsvertrag: zwei oder drei Bücher bei einem der wichtigsten New Yorker Häuser.«
»Ich wusste es!«, sagte Elaine. Anna drückte Lucys Arm.
Wells fuhr fort: »Ich habe die Zusicherungen mehrerer Lektoren, dass die mit diesem Retreat einhergehende Publicity einen beträchtlichen Vorschuss rechtfertigt, mit dem Potenzial einer Beteiligung an Filmeinnahmen, Auslandsrechten und so weiter. Sie werden also über dies alles verfügen: mein Engagement, sofortigen Ruhm, Zugang zu den besten Lektoren und Vermarktern der Branche. Sie wissen alle noch, wie es mit Corrina Bowen angefangen hat?«
Der Name evozierte vereinzelte begeisterte Kommentare.
Mr. Wells’ Stimme spülte über sie hinweg: »Zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert öffne ich zehn aufstrebenden Autoren mein Haus. Sie werden die Ausbildung Ihres Lebens erhalten. Und einem glücklichen Autor eröffnet sich die Chance, unsterblich zu werden.« Er warf Lucy einen Blick zu. »Die nächste Corrina Bowen.« Sein Blick wanderte zu Bryan weiter. »Oder der nächste Roderick Wells.«
Bryan grinste so selbstzufrieden, dass sich Lucy der Magen umdrehte.
»Wenn Sie wieder abreisen«, fuhr Mr. Wells fort, »werden Sie niemandem erzählen, was sich hier abgespielt hat. Ich will, dass meine Geheimnisse weiterhin mir gehören, und ich wünsche nicht zu sehen, wie der Markt mit Enthüllungsmemoiren geflutet wird.«
»Das würde doch niemand tun, Mr. Wells«, sagte Evan.
»Da haben Sie recht«, antwortete er, und seine Stimme bekam einen rauen, kehligen Unterton. »Es sei denn, er möchte meinem Zorn ins Auge sehen.«
Damit wandte sich Mr. Wells um und zog sich mit zaghaften Schritten ins Haus zurück. Sie alle blickten ihm sprachlos hinterher.
Nach einer Weile klatschte Mrs. Wells in die Hände. »Wenn Sie sich sicher sind, dass Sie trotz der Risiken den Sommer bei uns verbringen möchten, dann lassen Sie uns aus der Hitze verschwinden.«
Lucy meldete sich zu Wort. »Risiken?«
Mrs. Wells musterte sie mit milder Verwunderung. »Ja, Liebes. Gibt es nicht immer Risiken?« Ihr Lächeln erreichte nicht ihre Augen.
Ohne ein weiteres Wort ging sie ins Haus.
Die anderen folgten ihr, doch Rick blieb auf der Veranda zurück. Lucy musterte sein Gesicht und fragte: »Was?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich frag mich nur gerade: Was zur Hölle ist denn nun aus den anderen neun Autoren des ersten Wettbewerbs geworden?«
4
Als Lucys Karriere noch voll in Schwung gewesen war, war sie in Dutzende öffentlicher Bibliotheken eingeladen worden, um dort zu lesen. Zwar hatte es in vielen davon mehr Bücher gegeben als in Wells’ Privatsammlung, aber keine von ihnen hatte Wells’ Bibliothek an Eleganz übertroffen. Der rechteckige Raum wurde von Wandleuchtern und Tischlampen erhellt. Eingebaute Bücherregale ragten bis zu der hohen Decke auf, es gab gemütliche Ledersessel mit dazu passenden Polsterhockern und prächtige orientalische Teppiche. Doch trotz der opulenten Einrichtung hing ein Schleier der Trostlosigkeit über dem Zimmer, und es gab subtile Anzeichen des Verfalls. Die Tische und Lampen waren staubig, die Farben der Buchrücken verblasst. Ein Fenster an der Ostwand wurde durch einen blitzförmigen Riss verunstaltet.
Lucy lenkte ihren Blick auf ihre unmittelbare Umgebung. Zehn Stühle aus poliertem Mahagoni standen in einem Halbkreis, einer von ihnen leer. Ihnen gegenüber stand ein weinfarbener Ohrensessel, der sicher für Wells reserviert war. Die Autoren waren in der Nähe eines Kamins platziert worden, der so breit war, dass ein mittelgroßer Wagen hineingepasst hätte. Unter dem beißenden Geruch brennenden Holzes nahm Lucy den angenehmen Muff alter Bücher wahr. Sie sog den Duft tief in die Nase, und ihre Anspannung legte sich.
Sie wollte gerade Sherilyn fragen, ob sie dem zehnten Autor schon begegnet war, da kam ein Mann in den Raum gerannt, sein kahl werdender Kopf mit Schweißperlen übersät.
»Ich schwöre, ich war rechtzeitig hier«, sagte er, auf die Lehne des leeren Stuhls gestützt. Er gestikulierte und rang nach Atem. »Mein Fahrer hat behauptet, er habe mich nicht hingehalten, aber … ich wusste genau, dass er im Kreis fährt. Wir sind an demselben … verdammten … Farmhaus …«
»Leise«, murrte Bryan. »Wells richtet gleich sein Wort an die Gruppe.« Lucy warf einen Blick zu Rick hinüber: Er sah aus, als hätte er auf etwas Saures gebissen. Ihr fiel wieder ein, was Mrs. Wells gesagt hatte. Eins müssen Sie über Roderick wissen: Es gibt einen Grund für alles, was er tut.
Lucy erhob sich und stellte sich dem Neuankömmling vor, dessen Name Will Church war. Rick, Sherilyn und Marek schüttelten ihm ebenfalls die Hand. Will blickte auf sein durchnässtes Chicago-Cubs-T-Shirt hinunter. »Ich bin völlig durchgeschwitzt. Kann man sich hier irgendwo frisch machen?«
»Das bezweifle ich«, sagte Sherilyn nicht unfreundlich.
Lucy kehrte zu ihrem Platz zurück und betrachtete Will aus dem Augenwinkel. Sein Ziegenbart war von einem dunkleren Braun als sein lockiges Haar; sein T-Shirt spannte sich über einem kleinen Bierbauch. Er setzte sich hin, schlug ein Bein über das andere, entschied sich dann dagegen und setzte sich aufrechter hin.
Nun, da sie alle auf ihren Stühlen saßen, senkte sich Schweigen über die Gruppe. Im flackernden Licht des Feuers warf Lucy immer wieder heimliche Blicke zu den anderen hinüber und rief sich ins Gedächtnis, dass auch sie dazugehörte. Das Problem war nur, dass sie alle so verdammt zusammen aussahen. Sicher, äußerlich waren sie ein bunter Haufen, ihre Gesichter strahlten Selbstvertrauen aus. Die Branche hatte ihnen nicht so übel mitgespielt wie ihr.
Wenn Sie verlieren, gibt’s ja immer noch die Pillen, erinnerte sie sich an die Stimme ihres Agenten. Manchmal ist es leichter, einfach aufzugeben. Nicht wahr, Lucy Goosy?
Ihre Bauchmuskeln verspannten sich, als sie die spöttische Stimme hörte. Sie gehörte Fred Morehouse, dem Gründer der Literaturagentur Morehouse. Dem Mann, der im Schlaf siebenstellige Summen aushandelte. Der einen emotional zerstörte, wenn er eine seiner Anwandlungen hatte.
Das war nicht die Branche, sagte Fred Morehouse. Das waren Sie selbst. Die Branche hat Ihnen Ihre Chance gegeben, und Sie haben es vermasselt. Sie haben uns alle enttäuscht, junge Dame.
Sie schloss die Augen und zog in ihren Schuhen die Zehen ein.
Konzentrier dich, ermahnte sie sich. Konzentrier dich.
Wie angewiesen hatte sie ihr aktuelles Projekt mitgebracht. Sie hatte sogar vor dem Spiegel geprobt, als wäre das hier eine Realityshow, die im Fernsehen übertragen wurde.
Frage: Warum schreiben Sie?
Antwort: Weil im echten Leben alle lügen. Nur in Geschichten sagen Menschen die Wahrheit.
Frage: Wieso glauben Sie, dass Sie diesen Wettbewerb gewinnen können?
Antwort: Weil ich einmal ein großartiges Buch geschrieben habe und weiß, dass ich es noch einmal tun kann.
Sie mutmaßte, irgendwann würde die gefürchtete Frage kommen. Wells hatte schließlich seine Hausaufgaben gemacht.
Frage: Wenn Ihr Buch so wundervoll war, warum ist Ihnen dann Ihre Karriere um die Ohren geflogen?
Antwort: Weil ich zu früh Erfolg erfahren, einen zu großen Vorschuss erhalten hab. Dann hab ich festgestellt, dass ich nicht so fähig war, wie ich gedacht hatte, und bin unter dem Druck zusammengebrochen.
Ja, dachte Lucy. Schmerzvoll, roh, demütigend. Aber wahr. Und Wahrheit war alles.
Roderick Wells betrat den Raum, und ihre Gedanken zerstreuten sich.
Nun, da sie ihn in besserem Licht sah, erinnerte er sie an einen Hollywood-Filmstar alter Zeiten. Er war groß, sein silbernes Haar zurückgegelt und leicht gewellt, ganz wie bei den Darstellern in jenen Filmklassikern aus den 30ern und 40ern. Er trug eine dunkelgraue Hose und ein blassblaues Hemd mit offenem Kragen. Offenkundig war er einmal außergewöhnlich gut aussehend gewesen, aber um die Augen herum und an den losen Falten seines Halses sah man ihm sein Alter an. Seine Stirn war tief gefurcht. Auf den Wangen hatte er Leberflecke und am Kinn weiße Barthaare, die dem Rasierer irgendwie entgangen sein mussten. Auch sein Haar, stellte sie bei näherer Beobachtung fest, brauchte einen Schnitt. Um die Ohren stand es in verirrten Büscheln ab. Seine Augen waren ein wenig blutunterlaufen und traten wegen der bleichen Tränensäcke deutlich hervor.
Wells machte es sich in seinem Ohrensessel bequem und ließ ihre prüfenden Blicke auf sich wirken. »Bestürzt Sie mein Erscheinungsbild?«
»Sie sind genau so, wie ich Sie mir vorgestellt hab«, sagte Anna.
Wells sah erfreut aus. »Wirklich?«
»Mir geht’s nicht so«, sagte Tommy. »Ich hab jemand viel Älteren erwartet.«
Wells lachte leise. »Sonst noch irgendwelche Überraschungen?«, fragte er.
»Ihr Haus ist so losgelöst von allem, dass es mir vorkommt, als wären wir auf einem anderen Planeten«, sagte Sherilyn.
»Nur indem ich mich aus der Gesellschaft entfernte«, sagte Wells, »konnte ich meinen Wahnsinn quarantänisieren.«
Sie lachten, und ein Gutteil der Anspannung verflog.
»Ah«, sagte Wells. »Schön, Ihre echten Gesichter zu sehen.«
Wieder lachten sie, diesmal jedoch nicht ganz so herzlich. Lucy ertappte ein paar ihrer Kollegen dabei, wie sie einander verstohlene Blicke zuwarfen.
»Nun, da Sie sich davon überzeugen konnten, dass ich in der Tat existiere, hätte ich gern, dass Sie mir Ihre unfertigen Projekte bringen.« Er klopfte auf einen Beistelltisch. »Legen Sie sie direkt hierhin.«
Allesamt kamen sie der Aufforderung nach. Anna zuerst, dann folgten Tommy und Elaine. Marek legte seins oben auf den Stapel, und Will, Sherilyn und Evan taten es ihm gleich. Lucy ging als Nächste, gefolgt von Rick.
Als sie zu ihrem Stuhl zurückkehrte, bemerkte sie, dass Bryan gewartet hatte, sein ordentlich gebundenes Manuskript an sich gedrückt. Nun legte er es oben auf Ricks, das Kinn bestimmt vorgereckt.
Wells stand auf. »Das ist ein effizienter Anfang, und wie wir alle wissen, ist die Eröffnung bei einer großartigen Geschichte von entscheidender Bedeutung.«
Gemurmelte Zustimmung aus der Gruppe. Irgendetwas bereitete Lucy Unbehagen, ein namenloses, ungutes Gefühl. Sie schob es von sich und ermahnte sich, dass sie sich konzentrieren musste. Es konnte ja sein, dass Wells ihren Roman als ersten auswählte.
»Aus diesem Grund«, sagte Wells und beugte sich vor, um sich die Manuskripte zu nehmen, »mögen Sie alle aus den Flammen dieses Opfers neu auferstehen.«
Und damit schleuderte Wells die Manuskripte ins lodernde Feuer.
5
Tommy sprang auf. Mehrere von ihnen sogen erschrocken die Luft ein, und Elaine sagte etwas, das Lucy nicht verstand. Es folgte eine bedeutungsvolle, ungläubige Stille. Obwohl Lucy vier, fünf Meter entfernt stand, spürte sie noch die Hitzewoge, als die dicken Stapel sich entzündeten. Lose Bogen rollten sich auf und wurden schwarz, und verkohlte Fetzen mit glutroten Rändern kamen aus dem Kamin geschwebt. Wells betrachtete die Gruppe mit gelassener Miene.
»Was zum Teufel soll das denn?«, fragte Tommy mit heiserer Stimme.
»Mr. Wells«, sagte Elaine, »ich bin sicher, alle haben eine Sicherheitskopie ihres Werks gemacht. Einen Ausdruck zu zerstören stellt wohl kaum einen Neubeginn sicher.«
Zum ersten Mal bröckelte Mareks freundliche Fassade. »Aber das sind die einzigen Ausdrucke, die wir hier haben.«
Lucy presste grimmig die Lippen aufeinander.
Wells erwiderte ruhig ihren Blick. »Sie missbilligen das wohl, Miss Still?«
»Das war grausam«, hörte Lucy sich selbst sagen.
»Mag sein«, räumte er ein. »Aber es war notwendig.«
»Aber Sir«, schaltete Evan sich ein, »das war doch im besten Fall eine symbolische Geste. Selbst wenn die anderen keine Kopien gemacht hätten – was ich mir nur schwerlich vorstellen kann …«
Tommy blickte ihn wild an.
Evan fuhr unbehaglich fort: »… wissen wir sicher alle noch, was wir in unseren Romanen geschrieben haben.«
Tommy murmelte unterdrückt etwas.
Wells verschränkte die Finger. »Haben Sie einen Kommentar, Mr. Marston?«
Tommy blickte ihn finster an und leckte sich über die Lippen.
»Nichts?«, fragte Wells.
Tommy stand stumm da und schien unter Wells’ vernichtendem Blick zu schrumpfen.
»Dann setzen Sie sich.«
Tommy tat es und sah aus, als wäre ihm schlecht.
Wells inspizierte die Gruppe. »Ich habe Ihnen allen den größten Gefallen getan, den man einem neuen Autor nur tun kann.«
Er bekam mit, wie Elaine auf ihrem Stuhl herumrutschte. »Und ehe Sie behaupten, irgendetwas anderes als Anfänger zu sein, erinnern Sie sich, dass ich Ihr Werk gelesen habe und über Ihre Grenzen im Bilde bin.«
Elaine verschränkte die Arme, und ihre Armreife schlugen gegeneinander.
Wells setzte sich und seufzte zufrieden. »Ein effektiver Lehrer geht bis zum Äußersten, um seinen Schülern zu helfen. Ehe ich Sie zu besseren Schreibern machen kann, muss ich Sie zu stärkeren Personen machen.« Er musterte sie, während er sprach, und als seine dunklen Augen jemanden aus der Gruppe länger als die anderen fixierten, beugte sich Lucy rasch vor, um zu sehen, wen.
Rick. Merkwürdigerweise, gemessen an ihrer früheren Reaktion auf ihn, hatte sie ihn während der Manuskriptverbrennung völlig vergessen. Er sah wie jemand aus, der für irgendein ungesühntes Verbrechen bestraft wurde: gepeinigt und auf finstere Weise erfreut zugleich. Das Resultat war ein gleichermaßen grauenhafter und uralter Gesichtsausdruck, als wäre Rick ein älterer Mann, der sich als ein jüngerer verkleidet hatte.
Wells sagte: »Trauern Sie nicht Ihrem Roman nach, Mr. Forrester. Sie stehen kurz davor, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.«
Er starrte Rick an.
Und dann trat Entsetzen auf Ricks Gesicht.
6
Rick ertrank in Wells’ Augen; diese obsidianfarbenen Teiche zogen ihn in ihre eisigen Tiefen.
Jaaaa, gurrte Wells mit einer Stimme, die sicher nur Rick allein hörte. Ja, Mr. Forrester, Sie sehen, was ich bin, nicht wahr?
Rick versuchte wegzusehen, aber es gelang ihm nicht. Wells hatte ihn im Griff, und er wusste es. Wusste, wie machtlos Rick gegenüber seinem mentalen Angriff war.
Sehen Sie mich an, Rick. Sehen Sie … mir ins … Gesicht.
Wells veränderte sich.
Seine Wangenknochen wölbten sich vor und sein Kinn verlängerte sich. Die Zähne liefen spitz zu wie die eines Tiers, und die Lippen dehnten sich zum Grinsen eines Jokers. Doch die Augen … diese kohleschwarzen Augen … Sie nagelten Rick am Stuhl fest, kreuzigten ihn und schwelgten in seiner Qual.
Rick wurde klar, warum niemand jemals ein neueres Bild von Roderick Wells fand oder warum er nirgendwo erschien, um einen Preis entgegenzunehmen. Denn wenn irgendjemand diesen Mann zu lange ansähe, dann
(er ist kein Mann)
würde es ihn in den Wahnsinn treiben, man wäre für immer verloren in diesen trüben schwarzen Tümpeln, diesen Brunnen – es traf ihn wie ein Schlag, wie bezeichnend sein Name war –, und versank man einmal in diesen stygischen Wassern, so wäre man verloren, unwiederbringlich. Gott, sahen die anderen denn nicht, was gerade vor sich ging?
Er ist ein Dämon, dachte Rick. Eine Bestie.
Wells’ Augen begannen zu leuchten. Ich bin so viel mehr als das, Mr. Forrester. Ich bin Ihr ewiges Schicksal. Und nun ertrinken Sie in meinen Augen. Ersticken Sie in meiner Umarmung.
Rick rang um seine Beherrschung, versuchte angestrengt, die Arme zu bewegen, die Füße, ein Wimmern herauszubringen, um Himmels willen. Aber er konnte es nicht, konnte nur in ohnmächtigem Grauen zusehen, wie in den schwarzen Augen wild das Höllenfeuer zu züngeln begann. Das Grinsen wurde breiter, und die Zähne wirkten wie tropfende Spieße. Wells’ Gesicht wurde zu einer irrsinnigen Totenmaske, und beim Sprechen bewegten sich seine Lippen nicht.
Ich weiß, was Sie heimsucht, höhnte Wells. Ich kann es herbeirufen, damit es Sie holt.
Ricks Sichtfeld wurde grau, sein Atem flach. Doch Bewusstlosigkeit wäre ihm nun eine Oase. Gerade als er glaubte, Wells würde sich auf ihn stürzen und ihm die Kehle herausreißen, gab ihn der Dämon frei. Als wäre keine Zeit vergangen, wandte sich Wells ein weiteres Mal an die Gruppe. Rick sank auf seinem Platz in sich zusammen, entkräftet.
»Um zu werden, wonach es Sie am meisten verlangt«, sagte Wells, »müssen Sie sich dieser Erfahrung ganz und gar hingeben. Sie müssen sich vollends für mich öffnen. Ich muss Ihr uneingeschränktes Vertrauen haben.« Er wies auf den Kamin; die Hitze, die daraus hervorwallte, schimmerte wie eine Wüstenstraße zur Mittagszeit. »Das da ist Ihre Vergangenheit. Ich bin Ihre Zukunft.«
Ricks Puls begann sich zu verlangsamen. In kleinen Schritten verflog der Schrecken dieser psychischen Attacke – wie hätte er sich sonst erklären können, was geschehen war? Mit dem Arm wischte er sich den Schweiß von der Stirn, holte tief Luft und konzentrierte sich auf Wells.
»Was ich mit Ihren Bagatellen gemacht habe, mag Ihnen wie ein Akt der Bosheit erscheinen, als nähme sich ein Mann, der alle wichtigen Schriftstellerpreise gewonnen hat, die Freiheit heraus, andere zu schikanieren.«
Ricks Herzfrequenz war nun wieder normal, das Grauen hatte seinen Griff gelockert. Er ließ den Blick über die Gruppe schweifen und kam zu dem Schluss, dass die anderen den dämonischen Wells nicht gesehen hatten. Es schien kaum möglich. Mein Gott, war er etwa eingenickt und hatte das Ganze geträumt?
»Aber Preise machen mich nicht zu einem Schriftsteller«, sagte Wells.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Mr. Wells«, sagte Elaine. »Kritiker verfechten nur, was andere Kritiker preisen.«
Wells neigte den Kopf. »Fahren Sie fort.«
»Neigt man sein Haupt vor der richtigen Person, dann werden einem Privilegien zugestanden.« Sie warf Lucy einen Blick zu. »Wie große Vorschüsse und überschwängliche Besprechungen.«
Tommy nickte, sein Schrecken, sein Werk zu Asche verbrannt zu sehen, hatte sich offenbar gelegt. »Genau richtig. Darum verdienen auch manche der besten Schreiber nie einen Penny.«
Wells lächelte.
»Was?«, fragte Elaine.
»Wissen Sie was, Miss Kovalchyk?«
»Sie finden, ich habe unrecht?«
»Sie und Mr. Marston wiederholen das Mantra des erfolglosen Schreibers.«
Tommy runzelte die Stirn. »Sie haben doch selbst gesagt, Preise bedeuten nichts.«
»Das habe ich nicht gesagt.«
Elaine strich sich eine Locke ihres blonden Haars von der Schläfe weg. »Ich erkenne den Unterschied nicht.«
»Eindeutig. Würden Sie ihn erkennen, dann wäre Ihre Illusion zerschmettert und Sie müssten der bitteren Wahrheit ins Gesicht blicken.«
»Und was wäre die?«
»Dass Sie beschissen schreiben.«
Elaine starrte ihn mit offenem Mund an. Sie blickte von Gesicht zu Gesicht, auf der Suche nach einem Verbündeten. Dann wandte sie sich wieder Wells zu, das Kinn vor Zorn eingezogen. »Wenn mein Schreiben so unerträglich ist, wie habe ich dann meinen Abschluss mit Auszeichnung geschafft? Zum Henker, warum haben Sie mich erwählt?«
»Sie haben Potenzial, Miss Kovalchyk, aber Ihre Stimme hat den Beigeschmack Tausender Toxine.«
Elaine stand auf. »Das muss ich mir nicht anhören.«
»Niemand zwingt Sie«, sagte Anna.
Rick wandte sich Anna zu und stellte fest, dass der Feuerschein ihr Haar halloweenorange getönt hatte. Ihr Blick war vollkommen blutleer.
Elaine stemmte die Hände in die Hüften. »Und was zur Hölle wissen Sie? Sie sind ja nicht mal alt genug, um Alk zu kaufen.«
»Ich bin 23.«
»Sehen Sie? Sie sind noch ein Kind.«
Wells lächelte. »Miss Kovalchyk kocht vor Wut, weil wir von ihrem mentalen Skript abgewichen sind.«
Elaine fuhr zu ihm herum: »Mein mentales Skript?«
»Sie haben sich vorgestellt, wie Sie uns Ihr Werk vorlesen.«
»Woher wollen Sie …?«
»Sie haben sich vorgestellt, wie Sie Ihre Kollegen überwältigen, ganz wie Sie in Ihren albernen Kursen alle überwältigt haben …«
»Albern?«
»Und wie Ihre blasierten Professoren haben Sie gemutmaßt, ich würde wissend nicken in Anerkennung Ihrer Begabung und ins Feuer blicken, während Sie mich mit Ihrer vollendeten Prosa verzücken.«
»Sie wissen gar nichts über mich«, sagte sie, aber sie klang unsicher.
»Ich weiß alles über Sie, meine Liebe. Ich kenne Ihre solipsistischen Tendenzen und Ihre abstoßende Überheblichkeit.«
Elaine traten Tränen in die Augen. »Sagen Sie mir, was mit mir außerdem nicht stimmt. Hier, vor allen anderen.«
»Vor allen anderen«, wiederholte Wells in nachdenklichem Tonfall. »Ja, das sind die Schlüsselworte, nicht wahr? Was wir vor anderen tun und sagen, hält uns davon ab zu werden, was wir werden könnten. Unsere sozialen Masken verschmelzen mit unserem Fleisch und verändern, zum Schlechteren, unser wahres Selbst. Nehmen Sie nur einmal Will«, sagte er und drehte sich in seinem Sessel, um sich Will Church zuzuwenden.
Wills Augen weiteten sich. Der arme Kerl sah wie ein Zuschauer aus, der eingedöst und plötzlich mitten auf der Bühne wieder aufgewacht war, dem riskanten Trick eines Magiers ausgeliefert.
»Mr. Church hat seinen Fahrer verdächtigt, seine Ankunft zu sabotieren.«
Will zögerte, dann sagte er: »Der Gedanke ist mir tatsächlich gekommen.«
»Sie hatten recht.«
»Ich wusste es!«
»Man hat Sie hingehalten, weil Ihnen das Selbstvertrauen fehlt, Mr. Church. Auch verdächtigen Sie sich selbst der Faulheit. Das kommt daher, dass Sie faul sind. Immerzu sind Sie unpünktlich und bringen sich aufgrund dieser unglückseligen Gewohnheit Mal für Mal in Situationen, bei denen ein anderer Ihrer Charakterfehler zutage tritt – Ihre lähmenden Selbstzweifel.«
Will sah aus, als würde ihm schlecht.
»Es wurde so eingerichtet, dass Sie als Letzter ankommen, nachdem die anderen sich schon flüchtig bekannt gemacht haben. Vor diesem Szenario hat Ihnen gegraut, Sie haben nachts wach gelegen und sich deswegen Sorgen gemacht.« Wells stützte die Wange auf seine Faust. »Sagen Sie mir, Mr. Church: Wie hat sich das angefühlt?«
»Furchtbar. Als wäre man das neue Kind an der Schule.«
»Und wie fühlen Sie sich jetzt?«
»Ich bin nicht sicher, was ich dazu sagen soll.«
Wells’ Miene verhärtete sich. »Es geht nicht darum, was Sie sagen sollen. Ich will, dass Sie etwas tun.«
»Und was?«
»Hören Sie auf, so feige zu sein.«
Will zuckte zusammen.
Nun wandte sich Wells Elaine zu. »Will hat Schwächen, aber er ist mehr, als er zu sein glaubt. Sie hingegen sind erheblich weniger. Wie Tommy sind Sie auf die letzte Zuflucht des verkümmerten Künstlers verfallen: auf den Glauben, dass alle, die Erfolg haben, mithilfe einer schlauen List dorthin gelangt sind.«
Rick hörte sich selbst fragen: »Was sollte es bezwecken, Will bloßzustellen?«
Wells lächelte. »Ich gebe Mr. Church nur, was er braucht: eine verbale Ohrfeige und eine Dosis Selbstvertrauen. Außerdem verhelfe ich Miss Kovalchyk und Mr. Marston zu dem, was sie benötigen: eine gehörige Demütigung.«
Tommy drehte sein mürrisches Gesicht zum Feuer. Elaine saß mit hochgezogenen Schultern auf ihrem Stuhl, die Arme verschränkt.
»Und wie sollen wir jetzt unsere Romane fertigkriegen?«, fragte Bryan. »Meine Dateien sind in Minnesota. Ich kann unmöglich weitermachen, ohne zurückzublättern.«
»Sie sollen eine neue Geschichte erfinden.«
»Eine Kurzgeschichte?«, wagte sich Marek vor.
»Einen neuen Roman.«
Evan lächelte. »Bei allem gebotenen Respekt, Sir: Wir sind bloß sechs Wochen hier.«
»Und Sie«, sagte Wells mit einem reptilienhaften Grinsen, »haben wohl vergessen, mit wem Sie sprechen.«
Evans Augen weiteten sich. »Es tut mir leid, Mr. Wells«, sagte er kleinlaut.
»Sie werden auf eine Inspiration lauschen«, sagte Wells, die Stimme ein wenig heiser. Lucy vermutete, dass es ihn anstrengte, so viel sprechen zu müssen. »Damit meine ich nicht, dass Sie nun Ihr mentales Notizbuch nach abgestandenen Ideen durchblättern sollen. Sie werden Ihrem Unterbewusstsein zuhören, und wenn Sie seine Stimme hören, werden Sie schreiben.«
»Was schreiben?«, fragte Bryan, die Augenbrauen zusammengezogen. »Der Stapel Papier, den Sie soeben eingeäschert haben, repräsentiert die letzten vier Jahre meines Lebens.«
»Dann haben Sie vier Jahre verschwendet.«
Bryan blickte die anderen flehentlich an, doch niemand sprang ihm bei.
Wells sah Marek an. »Sie, Mr. Sokolov, werden uns als Erster etwas vorlesen. Morgen Abend.«
Mareks Mund zuckte. »Wenn Sie wünschen.«
Wells’ Grinsen flackerte nicht. »Das wünsche ich.«
Marek schien auf seinem Stuhl in sich zusammenzusinken.
Wells musterte sie alle. »Mit dem, was Sie schreiben, sollen Sie sich selbst treu bleiben. Doch eine Gemeinsamkeit werden die Romane haben.«
»Und die wäre?«, fragte Sherilyn.
»Horror«, sagte Wells. »Alles beginnt mit Horror.«
Sherilyns Augenbrauen hoben sich. »Horror? Sie meinen Vampire, Werwölfe und Starlets mit großen Brüsten, die terrorisiert werden?«
»Was ist dagegen einzuwenden?«, fragte Tommy grinsend.
Evan saß geziert da. »Ich bin ein Bühnenautor, kein reißerischer Angstmacher wie Stephen King.«
»Ich würde töten, um wie Stephen King zu schreiben«, sagte Rick.
Evan warf die Hände in die Luft. »Ich hab im Leben noch keinen Horrorroman gelesen. Wie können Sie da erwarten, dass ich einen schreibe?«
»Ich erwarte nur eins von Ihnen«, sagte Wells, »nämlich dass Sie aufhören zu quengeln.«
Evan erstarrte.
Wells erhob sich. »Suchen Sie nach Inspiration. Wenn Sie Ihre früheren Werke ausschlachten, schicke ich Sie nach Hause. Wir sehen uns morgen Abend um sechs. Ich erwarte 5000 Wörter.«
Elaines Mund klaffte auf. »Wie bitte?«
»Ich bin nicht Ihre Mutter, Miss Kovalchyk, und nicht hier, um Ihre Hand zu halten. Wenn Sie nicht die Härte oder den Willen besitzen, etwas zu produzieren, dann können Sie gern in das Meer des Versagens zurückkehren, in dem Sie bisher herumgepaddelt sind. Und merken Sie sich«, fügte er hinzu, und seine blutunterlaufenen Augen weiteten sich, »nur einer von Ihnen kann gewinnen.«
Elaine verstummte und spielte an ihren Armreifen herum.
Wells beäugte sie alle grimmig. »Machen Sie sich an die Arbeit. Wenn Sie scheitern und nichts hervorbringen«, fuhr er fort, »wird das ernste Konsequenzen haben.« Er ging auf die Tür zu.
»Was denn?«, fragte Sherilyn. »Verköstigen Sie uns dann nur noch mit Wasser und Brot?«
Wells blieb an der Türschwelle der Bibliothek stehen, und ein dunkler Schatten fiel auf sein Gesicht. »Ich halte nichts von halben Sachen, Miss Jackson. Es wäre weise von Ihnen, mich nicht auf die Probe zu stellen.«
7
Rick lag im Bett und blickte zur Zimmerdecke hinauf. Er hatte bei fordernden Lehrern studiert und für harte Trainer gespielt. Wenn sie einigermaßen aufgeweckt waren – ein paar waren dümmer als Spüllappen gewesen –, machte es ihm nichts aus, angetrieben zu werden. Er konnte scharfe Kritik aushalten oder, im Fall seines High-School-Footballtrainers, ein vierstündiges Training, in kompletter Schutzkleidung, bei 38 Grad.
Doch Wells …
Er rollte sich auf die Seite und hörte der tickenden Standuhr zu. Im Licht der Sterne konnte er das antike Elfenbeinziffernblatt ausmachen, die Formen eines Mondes und einer Sonne. Lagen sie alle wach wie er?
Das bezweifle ich, dachte er. Nicht jeder hat einen Grund, sich vor der Dunkelheit zu fürchten.
Rick mahlte mit den Zähnen und kämpfte gegen den Gedanken an, doch nun war er einmal da und wollte nicht wieder verschwinden.
Genau wie Raymond Eddy.
Nein! Er warf sich auf die andere Seite. Denk nicht an ihn. Wenn du nicht weißt, wo du bist, dann kann er es auch nicht wissen.
Doch Raymond hatte ihn überall sonst gefunden. Warum sollte es diesmal anders ein?
Weil ich es nicht mehr ertragen kann, so zu leben, ständig voller Furcht.
Eine bösartige Stimme meldete sich zu Wort: Es ist das Leben, das du verdienst.
Missmutig schob er sich am Kopfende seines Bettes hoch. Er zwang seine Brust, sich nicht mehr krampfhaft zu heben und zu senken, und sein Herz, nicht zu flattern wie ein verirrter Feuerwerkskörper.
Raymond war ihm nicht hierher gefolgt. Er war sicher.
Aber bist du auch sicher vor Wells?, flüsterte die Stimme.
»Hölle«, murmelte Rick.
Ihm fiel wieder ein, wie sich in der Bibliothek Wells’ Gesichtszüge verwandelt hatten, wie der Mann vor seinen Augen zu einem bösen Dämon geworden war. Nur hatte es von den anderen niemand gesehen. Und sie hatten auch nicht Wells’ Stimme gehört, als er mit Rick gesprochen hatte.
Dafür gab es nur eine Erklärung: Es war nicht passiert.
Vielleicht war er ja wahnsinnig. Wenn er als Einziger gesehen hatte, wie Wells sich in ein Monster verwandelte, konnten dann nicht die anderen schrecklichen Dinge auch nur Visionen gewesen sein?
Verdammt. Vielleicht brauchte er gar keinen Schreiblehrer, sondern ein Psychologenteam. Könnte er doch …
In der Ferne erklang ein vertrautes Jaulen. Während er auf das Geräusch lauschte, wurde es deutlicher.
Er warf die Decke ab, stieg aus dem Bett und tappte zum Fenster hinüber. Er brauchte einen Moment, um im Dunkeln den Fenstergriff zu bedienen, doch sobald ihm wieder eingefallen war, dass er ihn erst entriegeln musste, schwang die hohe Scheibe umstandslos nach außen.
Wieder kam das Geräusch, diesmal nachdrücklicher. Es erinnerte ihn an seinen Großvater, der eine Farm besessen hatte. Grandpas Land war weitgehend gerodet gewesen, meilenweit hatten Reisfelder vorgeherrscht, doch hier und da hatten verstreut Bäume gestanden, und die hatte sein Grandpa während der eisigen Winter in Iowa geschlagen, um sie in den Holzofen zu werfen.
Rick lehnte sich hinaus, und die Mitternachtsluft strich über seine nackten Schultern. Es war noch Mai, aber die Nacht war schwül, eher wie im Juli. Er blickte auf die Wiese hinunter, den Hügel, der sanft zum Wald hin abfiel. Und dann wurde ihm klar, um was für ein Geräusch es sich handelte.
Jemand bediente da draußen eine Kettensäge. Mitten in der Nacht.
Die Vision traf Rick wie ein eiskalter Windstoß: ein gigantischer Mann in einer Uniform und ein jüngerer, die auf der Wiese standen. Der Riese – eine Polizeiuniform war das, und dazu trug er einen Cowboyhut – ließ wieder und wieder seine Kettensäge aufheulen, wobei das bestialische Dröhnen immer höher wurde. Der jüngere Mann – auch ein Cop, aber in Zivil – stand wie gelähmt da, sein jugendliches, gut aussehendes Gesicht im Angesicht des reinsten Schreckens eingefroren.
Die Wiese war ohne jedes Leben, doch Rick sah das alles mit verstörender Klarheit in seinem Geist: Wie der große Bulle seine Kettensäge herabsenkte und etwas über den Auslöser klebte, damit die Maschine auch weiterlief, wenn er sie losließ. Und wie er sie losließ: Er wuchtete die dröhnende Säge hoch in die Luft, wobei die Stahlzähne unaufhörlich weiterrotierten. Er lachte bellend, während der Jüngere sich zusammenkauerte, nicht in der Lage, der Kettensäge, die in den Himmel aufstieg, mit dem Blick zu folgen. Es war eine Form des russischen Roulettes, begriff Rick. Ging die Kettensäge auf einen der Männer nieder, bliebe von diesem nichts als blutroter Schleim übrig, aber dem großen Bullen machte das nichts aus, er schien den Todeskampf, den die surrenden Zähne bringen würden, geradezu herbeizusehnen. Der jüngere Cop wirbelte herum und rannte davon. Rick erhaschte einen Blick auf die Kettensäge, die fiel, fiel, beinahe anmutig stürzte die qualmende Waffe herab, und der junge Mann kreischte, und die surrende Waffe funkelte silbrig, während sie herabfuhr …
Rick holte scharf Luft.
Er stand da, die Finger in den Fenstersims gegraben, und hörte noch die fallende Kettensäge und das Kreischen des jungen Mannes.
Das Gelächter des psychotischen Cops.
John Anderson, dachte er. John Anderson ist der Name dieses Gestörten.
Rick hastete zum Schreibtisch hinüber, schaltete die Lampe ein und begann, die Szene niederzuschreiben.
8
Liebe Justine,
wie ich vermutet hatte, bin ich hier die Jüngste. Ich hatte angenommen, dass Lucy und ich die einzigen Autoren mit Agenten sein würden, aber es hat sich herausgestellt, dass Evan und Elaine auch welche haben.
Lucy sieht ganz anders aus als damals auf der Umschlaginnenseite von Das Mädchen, das starb. Sogar noch weniger als das Mädchen auf dem Autorenfoto für Das Mädchen, das weinte. Nebenbei bemerkt, hast du in deinem Leben je einen erbärmlicheren Titel gehört? Ich weiß, es war eine Fortsetzung, aber Jesus Christus. Ich hatte schon Angst, die machen weiter mit Das Mädchen, das scheiße war. Das Mädchen, das fistete. Das Mädchen, das von Anfang an kein Talent hatte, aber einen anständigen Roman zustande brachte, ehe sie sich als totaler Reinfall entlarvte.
Wie auch immer.
Auf dem Bild in Das Mädchen, das starb hatte Lucy diese Schüchternheit, die Hoffnung, dass es sie ganz groß rausbringt. Die Naivität. Das Foto ist amüsant, auf schicksalsträchtige Weise. Das Lamm vor dem Schlachter. Der Käfer vor der Windschutzscheibe.
Die Kehle vor der Klinge.
