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Der Schriftsteller David Caine ist ein bekannter Skeptiker des Übernatürlichen. Deshalb lädt ihn ein Freund ein, einen Monat im »unheimlichsten Spukhaus von Virginia« zu verbringen. David glaubt, dass so wie sonst auch nichts passieren wird. Aber dieses alte Gebäude wird tatsächlich von Gestalten aus seiner blutigen Vergangenheit heimgesucht. Und dann ist da das Mädchen Anna, die sich wegen David vor vielen Jahren das Leben nahm. Sie scheint ihm ins Haus gefolgt zu sein … Brian Keene: »Janz ist einer der besten Horror-Autoren der letzten zehn Jahre.«
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Seitenzahl: 534
Veröffentlichungsjahr: 2020
Aus dem Amerikanischen von Klaus Schmitz
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe The Siren and the Spectre
erschien 2018 im Verlag Flame Tree Press.
Copyright © 2018 by Jonathan Janz
Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: Matt Seff Barnes
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-803-2
www.Festa-Verlag.de
Für Peach, mein jüngstes Kind. Danke, dass du mir jeden Tag Freude und Lachen schenkst.
Danksagung
Einen herzlichen Dank an Don D’Auria, weil er an mich geglaubt hat; an Brian Keene als meinen Mentor und für seine Unterstützung; an Tod, Tim und Kimberley, weil sie so fabelhafte Vorableser sind; an Joe Lansdale, Tim Waggoner, Paul Tremblay und Jeff Strand dafür, dass sie so hilfsbereit waren; und an Stephen King, weil er mich zum Lesen und Schreiben inspiriert hat. Der allermeiste Dank gebührt meiner großartigen Frau und meinen drei außergewöhnlichen Kindern dafür, dass sie der beste Teil meines Lebens sind.
»Wenn ich wüsste, wie ich für unsere Sicherheit sorgen soll, glaubst du nicht, ich würde genau das jetzt machen? Ich habe mal gedacht, ich wüsste, was uns Sicherheit gibt, aber jetzt weiß ich das nicht mehr. Mal sehen sie ein Kreuz und dann weichen sie davor zurück, und beim nächsten Mal lachen sie einfach nur, und du kommst dir dann vor wie ein Narr. So etwas bei einem Geist ist die reine Gemeinheit. Und ich sage euch, sie lachen jetzt gerade, sie lachen sich wirklich schlapp.«
Michael McDowell
Die Elementare
»Im gegenseitigen Vertrauen auf eure Herzen habt ihr immer noch gehofft, dass nicht alle Tugend nur ein Traum ist. Nun sind euch die Augen geöffnet worden. Das Böse ist die Natur des Menschen.«
Nathaniel Hawthorne
›Der junge Nachbar Brown‹
Teil 1
Der letzte Spuk
1
David Caine fuhr auf Alexander House zu, sein Camry holperte über eine Fahrspur, die nur wenig mehr war als zwei Spurrillen nebeneinander. Die Spur war zwar geschottert, aber nur gerade so viel, damit der Weg nicht von einem ordentlichen Regen ausgeschwemmt wurde. Als er einen Blick auf sein Handy warf, überraschte es ihn nicht besonders, dass die Karte der Gegend hier verschwunden war. Er hatte den Kontakt mit dem Satelliten verloren. David blinkte, als er nach rechts abbog.
Diese Fahrspur war sogar noch primitiver, dichter Wald erhob sich zu beiden Seiten. Vor sich erspähte David Anzeichen eines breiten Flusses, so schwarz wie Zeichentusche.
Der Rappahannock.
Nostalgische Bilder griffen gierig nach ihm. Er ließ sich in seinem Sitz zurücksinken, zwang sich, durch den dicken Klumpen in seiner Kehle zu atmen. Sein College-Kumpel Chris Gardiner erschien in einigen dieser Bilder; andere bestanden aus nichts weiter als dem Wasser, den Bäumen, den trägen Nächten, die an den Tabakfeldern vorbeizogen. Aber eine Gestalt, ein Gesicht tauchte öfter auf als alles andere. Das war auch der Grund für seine zugeschnürte Kehle, die Quelle seiner pulsierenden Brust und seines verschwitzten Haaransatzes.
Anna Spalding.
Der Camry hüpfte über ein Schlagloch. Aus seinen Gedanken gerissen entdeckte David einen älteren Mann, der ihn durch eine Fliegengittertür musterte, das Haus selbst um ihn herum mit weißem Aluminium verkleidet, die Fensterläden hingegen rot. Der Camry huschte daran vorbei, die Bäume auf der einen Seite nun weniger dicht gedrängt stehend, und obwohl David dadurch eine bessere Sicht auf den Fluss hatte, schwebte das zerfurchte Gesicht des Mannes vor seinem inneren Auge.
David rutschte auf dem Sitz herum, und er bemerkte, wie der Wald zur Rechten der Fahrspur einen ungebrochenen Wall bildete. Als ob die Bäume selbst nicht abweisend genug waren, waren die unteren Bereiche von Kettenfarn und Dornenbüschen überwuchert, ein Paradies für Giftefeu und anderes niederträchtiges Pflanzenleben. Nein, entschied David, dieser Wald lud nicht zur Erforschung ein. Er war eher eine Barriere, die Außenseiter fernhielt.
Zur Linken dünnte der Wald rasch aus, der Rappahannock war durch das wuchernde Weidelgras und die Wildblumen sichtbar. Dann entdeckte er in einigen Hundert Metern Entfernung die weiße Schindelkonstruktion mit dem rostbraunen Dach.
Trotz seines Eifers bremste David den Camry zu einem Kriechen herab und inspizierte das Haus. Er hatte das Alexander House auf unzähligen Bildern studiert, nun jedoch wurde ihm klar, dass er das Haus nie wirklich gesehen hatte. Die Leute sagten doch immerzu über berühmte Sehenswürdigkeiten: »Man muss dort gewesen sein, um es zu glauben.« Und selbst wenn ihn diese Plattheit die Augen verdrehen ließ, hatte er doch ihren Wahrheitsgehalt am eigenen Leib erfahren. Der Eiffelturm, das Empire State Building, Yellowstone und der Grand Canyon.
Auf seine eigene Art und Weise übertraf das Alexander House sie alle.
Natürlich nicht hinsichtlich seiner Größe. Mit zwei Etagen, darüber ein spitz zulaufendes Dach, dürfte das Haus knapp unter 280 Quadratmetern liegen. Von den Bildern im Web erinnerte er sich, dass es zwei mit Gauben versehene Außenwände an dem Haus gab, eine zum Zufahrtsweg hin und die andere Richtung Süden, dem Fluss zugewandt.
David bog gerade in die Einfahrt unter dem Laubdach der Eichen, als Chris Gardiner auf die Veranda trat. Einen Augenblick lang saß David einfach nur da, sein Fuß auf der Bremse, seine Hand unfähig, den Schaltknüppel zu bedienen. Auf dem Gesicht seines alten Freundes lag ein Ausdruck, der ihn feindselig, beinahe fremdartig erscheinen ließ. Während eines Zeitraums, der nicht länger als ein paar Sekunden gedauert haben konnte, war David überzeugt, dass sein alter Freund sich nichts sehnlicher wünschte, als dass David einen langsamen, qualvollen Tod starb.
Dann lächelte Chris und David fühlte sich wieder imstande, aus seiner Lähmung zu erwachen.
Dennoch konnte er nicht übersehen, wie sehr seine Hand zitterte, als er den Schaltknüppel in die Parkposition bewegte und den Motor abschaltete.
David stieg aus und blickte auf das älteste Geisterhaus in Amerika.
2
»Sicher, dass du es vermieten willst?«, fragte David, als er näher herantrat. »Das ist, als ob du deine eigene Insel besitzt.«
Chris blickte sich um, als würde er das Anwesen zum allerersten Mal betrachten. »Es ist noch nicht fertig. Den Hausmeister dazu zu bringen, sich hier rauszubewegen, ist die reinste Hölle. Man möchte meinen, bei 20 Mäusen die Stunde wäre er etwas motivierter.«
David stieg die Stufen zur Veranda hinauf – acht Stück an der Zahl und steil obendrein. Er nahm an, man musste ein Haus hoch bauen, wenn der Standort nur einige Fuß über dem Wasserspiegel des Flusses lag. Chris wartete auf ihn, ohne ihm bislang einen Handschlag anzubieten. Auch war da keine Spur von seiner Frau.
David schaffte es nach oben und lächelte. David war knapp unter 1,95, ein ganzes Stück größer als Chris, der von Nahem ein wenig vom Leben zusammengestaucht erschien. Chris zuckte zusammen, als fielen ihm schlagartig seine Manieren ein, und er begann, seine Hand auszustrecken, aber David murmelte nur »Komm schon, Mann« und nahm ihn in eine bärenartige Umarmung. Chris’ steife Haltung lockerte sich nicht, und als David sich von ihm löste und Chris die Schultern drückte, bemerkte er, wie eine leichte Röte in die Wangen seines Freundes stieg.
»Möchtest du reinkommen?«, fragte Chris.
David machte eine Show daraus, sich umzublicken. »Ich dachte daran, die erste Nacht draußen zu campen. Du weißt schon, um mich mit der einheimischen Fauna etwas vertraut zu machen.«
Chris starrte ihn einen Augenblick lang an, dann löste sich sein gerötetes Gesicht zu einem Grinsen. »Du bist ein Idiot.«
David schlug mit einer Hand auf Chris’ Schulter und schob ihn in Richtung Haustür. »Ich möchte deine Frau endlich kennenlernen. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich bei deiner Hochzeit nicht bei dir vorne stehen konnte.«
Chris öffnete die Tür, ein Anflug von Panik huschte über sein Gesicht. »Es war eine kleine Zeremonie, David. Es gab sogar Familienmitglieder, die nicht eingeladen waren.«
Chris führte ihn durch einen langen Flur, der das Haus teilte. Die Holzschalung von draußen setzte sich durch die gesamte Diele fort, das Holz in einem verblassten Aquamarinton gestrichen. Die Wände waren über und über verziert mit Angelruten, Krabbeneimern, Angelkästen, Plastikbehältern mit farbenprächtigen Ködern, orangefarbenen Schwimmwesten und Blechschildern zu maritimen Themen. Auf einem stand: ERZIEHUNG IST WICHTIG, ABER ANGELN IST WICHTIGER. Auf einem weiteren: WAS AUF DEM FLUSS PASSIERT, BLEIBT AUF DEM FLUSS.
Chris folgte seinem Blick. »Ich weiß, die sind kitschig, aber der Agent meint, das würde helfen, dem Ganzen eine regionale Note … Atmosphäre … was auch immer zu verleihen.«
»Hat deine Frau das ausgesucht?«, fragte David.
»Ich war das«, sagte Chris. »Wenn’s nach Katherine ginge, dann würde es hier wie zu Halloween aussehen.«
David warf ihm einen Blick zu. »Jetzt erzähl mir nicht, dass sie einer von diesen Geisterfanatikern ist.«
Chris errötete noch eine Spur mehr, sodass sein Gesicht David nun an eine übergroße Rübe erinnerte.
»Direkt hier durch«, murmelte Chris und führte David auf die Veranda, mit Fliegengittern ringsum und einem atemberaubenden Blick auf den Fluss ausgestattet. Sie traten auf einen groben grünen Teppich für draußen und David sah Chris’ Ehefrau.
Sie war dem Grundstück hinter dem Haus zugewandt, ihr Blick ging auf die Wasserfläche jenseits davon hinaus. Das Haus war ohne Zweifel mit dieser Aussicht im Hinterkopf erbaut worden. Zur Rechten, wo der Fluss eine Biegung machte, war er nur so breit wie ein Footballfeld. Aber direkt geradeaus, wo Katherine hinblickte, war das ferne Ufer nur vage erkennbar. Dort drüben standen Häuser, aber es waren einfach nur weiße Kleckse, verirrte Pinselstriche auf einer ländlichen Szenerie.
»David Caine«, sagte Chris, »das ist meine Frau, Katherine Mayr.«
David nickte. Die Hälfte der verheirateten weiblichen Professoren an der Purdue behielten ihre Mädchennamen, wenn auch die meisten von ihnen Doppelnamen bevorzugten. Dass Katherine nicht Chris’ Namen angenommen hatte, bedeutete überhaupt nichts. Weniger als nichts. Dennoch, aus Gründen, die er nicht erklären konnte, überraschte ihn das.
Ihr Händedruck war warm genug, um einen Gedanken an Fieber heraufzubeschwören. Sie strahlte ihn an und zeigte dabei weiße, an einen Hai gemahnende Zähne. Ihr kastanienbraunes Haar war zu einer Reihe wolkenähnlicher Lockenwirbel geschwungen, die ihr attraktives Gesicht einrahmten, was ihn ziemlich stark an die abendlichen Seifenopern-Stars der 80er-Jahre erinnerte, Frauen wie Linda Evans und Joan Collins, und diese blonde Dame aus Falcon Crest, Susan Irgendwas. Er konnte sich nicht an den Namen erinnern, vielleicht weil er die Serie gehasst und nur so getan hatte, als ob er sie mochte, weil ihn seine Mutter länger als bis zu seiner üblichen Zubettgehzeit aufbleiben ließ, um sie mit ihm zu schauen. Alles nur, um das Schlafengehen zu vermeiden. Alles, um zu vermeiden, allein mit der Nacht zu sein.
Sie beäugte ihn von oben bis unten. »Du hast mir nie erzählt, dass dein Freund so groß ist, Schatz.« Ihre Miene veränderte sich, wurde zu etwas Hungrigem. Sie ließ seine Hand nicht los. »Sie spüren etwas, nicht wahr?«
Davids Lächeln wurde gezwungen. »Ich bin mir nicht sich…«
»Die Energie«, sagte sie, als sich ihre blassblauen Augen in die seinen bohrten. Herr im Himmel, dachte er. Mit diesen Augen mochte sie auch eine Stelle als Hypnotiseurin finden. Sie nickte so, als ob sie gerade eine Vereinbarung getroffen hätten. »Ich spürte sie schon beim ersten Mal, als ich eintrat. Chris hatte schon Muskelzittern, bevor wir überhaupt auf dem Grundstück waren. Stimmt’s, Schatz?«
Chris öffnete den Mund, sagte aber nichts, und David wurde nachdrücklich an den jüngeren Mann erinnert, der Chris auf der William & Mary gewesen war. Nie besonders schlagfertig, jede Bemerkung, die auf ihn abzielte, ein Curveball, den er nicht treffen konnte.
David versuchte sich aus Katherines Griff zu befreien, aber sie klammerte sich noch einen Augenblick länger an ihn, sein Gesicht auf eine Weise erforschend, die ihn an einen Wissenschaftler erinnerte, der ein seltenes Tierexemplar untersuchte. »Sie werden es doch tun, oder?«
David hob seine Augenbrauen, warf einen raschen Blick auf Chris, der wiederum den Fußboden studierte.
Katherine schloss die Augen, die von ihrer vorgeschobenen Stirn beschattet wurden. »Oh, bitte sag mir, dass du Mr. Caine bei eurem Telefonat unser Anliegen mitgeteilt hast.«
»Ich …«, begann Chris.
»Ihr Mann hat mich gebeten, einen Monat hier zu wohnen«, sagte David. »Ich werde beweisen, dass es hier keine Geister gibt, damit Sie mit diesem Anwesen etwas Geld verdienen können.«
Katherines Lächeln war verschwunden, an seinen Platz war ein anderer Ausdruck getreten, nicht der Geringschätzung, sondern des Mitleids. Sie verschränkte ihre Finger vor dem goldfarbenen geflochtenen Gürtel, der um ihr schwarzes Kleid geschnallt war. Ihre blassblauen Augen brannten auf ihm.
»Mr. Caine«, sagte sie, trat näher, bis sie den Atem des anderen riechen konnten. »Sie kennen die Geschichte von John Weir.«
Er rang mit sich, das Aufwallen von Verärgerung zu unterdrücken, das ihr Tonfall bei ihm hervorrief. Sie hatte den Namen so betont, als ob Weir ein Freak aus einer Jahrmarktsvorstellung gewesen war und nicht etwa der respektabelste Mythenentlarver des 20. Jahrhunderts.
»Sie wissen, dass ich ihn kenne, Mrs. Mayr. Sie haben schließlich meine Bücher gelesen.«
Sie lächelte erfreut. Er konnte ihre Zunge sehen. »Einige von ihnen, ja. Sie sind recht begabt, Mr. Caine.«
Er blickte zu Chris, aber sein Freund beschäftigte sich damit, einen weißen Metalltisch mit einem Tuch in der Farbe von Ochsenblut abzustauben.
»Da Sie meine Werke gelesen haben, Mrs. Mayr …«
»Katherine, bitte.«
»Sie wissen, dass ich mit Mr. Weirs Philosophie übereinstimme.«
»Ihre pessimistische Weltanschauung ist mir bewusst.«
David kratzte sich das Genick. »Nun, wissen Sie, Mrs. – Katherine … so mancher würde jetzt argumentieren, dass es pessimistischer wäre zu glauben, wir seien an jeder Ecke von Ghoulen und Dämonen umgeben, die danach trachten, über uns herzufallen. Ich würde sagen, Weirs Weltbild ist das rosigere von beiden.«
»Warum ist er dann hier gestorben?«
David starrte sie an. Er wollte glauben, dass seine Gereiztheit auf die langwierige Anfahrt zurückzuführen war, aber tief in seinem Inneren wusste er, es lag daran, dass John Weir in seinem Beisein so verächtlich herabgesetzt wurde.
Chris überraschte ihn, indem er das Wort ergriff. »Es gibt keinerlei Beweis, dass Weir im Haus gestorben ist, Liebling.«
Katherines antwortendes Lachen war leicht und locker, aber es zerrte darum nur umso mehr an Davids Nervenkostüm. »Du hast recht, mein Lieber! Überhaupt keine Beweise. Nur sein gesamter kostbarer Besitz, der im Haus vorgefunden wurde, und dass sein letzter bekannter Aufenthaltsort von der Hälfte der Einwohner der nächstgelegenen Stadt bestätigt wurde.«
David verlangte es danach, ihr das schadenfrohe Lächeln vom Gesicht zu wischen, aber er hielt sich zurück. Denk an Chris, hielt er sich vor. Er ist derjenige, der mit dieser Frau nach Hause fahren muss. Er verschränkte die Arme. »Vielleicht möchten Sie Ihre Erwartungen klar darlegen.«
Katherine beugte sich zu ihm vor. »›Meine Erwartungen darlegen?‹ Sie mögen mich wirklich nicht besonders, oder, Mr. Caine?«
»Hey, ich habe nichts davon gesagt …«
»Fordert Sie nie jemand dort auf Ihrem College heraus?«
»Purdue ist eine respektable Universität, Liebling«, sagte Chris.
Katherine spreizte ihre Hände. »Ich zweifle nicht Ihre Qualifikationen an, David. Darf ich Sie David nennen? Ich hinterfrage nur Ihre Vorstellungskraft.«
»Nun, zum Teufel«, sagte David, der alles in sein Lächeln legte, was er aufbringen konnte, »warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Und ich dachte schon, Sie wollen mich beleidigen.«
Katherine gab ein Schnalzen von sich. »Jetzt geht es schon wieder los, ich kann einfach meine Zunge nicht im Zaum halten.« Sie seufzte und sammelte sich. »Sie sind der renommierteste Autor auf Ihrem Gebiet.«
»Es gibt nicht besonders viele Autoren auf meinem Gebiet, Mrs. Mayr.«
Sie machte ein schmerzerfülltes Gesicht. »Bitte, Katherine.« Sie knabberte an einem Daumennagel und sah ihn auf eine Weise an, die glatte zehn Jahre von ihrem Alter nahm. »Darf ich Sie David nennen?«
»Es ist Ihr Haus.«
Sie stieß den Atem aus. »Gut. Dann sind wir wieder Freunde.«
David blickte zu Chris hinüber, aber sein Freund starrte auf den Boden.
»Was mein Mann Ihnen am Telefon erzählt hat, ist die reine Wahrheit«, fuhr Katherine fort.
»Ich glaube, wir interpretieren dieses Wort unterschiedlich.«
»Und ich weiß, dass Sie clever genug sind, um den wahren Grund zu erahnen, warum wir Sie eingeladen haben.«
»Sie wollen, dass ich ein Buch über diesen Ort schreibe.«
Ihr Lächeln flackerte auf.
»Offensichtlich«, ergänzte David, »möchten Sie auch, dass ich ein lukratives Geisterjagd-Gewerbe aufreiße.«
»Oh, es tut mir leid, falls ich diesen Eindruck erweckt haben sollte. Ich gebe nicht vor, die Wahrheit über Alexander House zu kennen. Tatsache ist doch, dass niemand die Wahrheit kennt.«
»Gewisse Rückschlüsse kann man durchaus ziehen«, sagte David.
Ihre Augen funkelten. »Aber sie zu beweisen ist eine gänzlich andere Angelegenheit.«
David schoss Chris einen Blick zu. Keine Hilfe von dort.
Katherine trat zu Chris, massierte ihm die Schulter. »Mein Mann und ich sehen es als eine Art Wette an.«
»Du siehst alles auf diese Weise«, murmelte Chris.
Ihre blassblauen Augen richteten ihre Aufmerksamkeit auf David. »Ich bitte Sie nicht darum, diesem Haus das Etikett ›verwunschen‹ zu verleihen. Ich erhoffe mir nur einen unparteiischen Beobachter.«
»Der ein Buch darüber schreiben wird.«
Sie breitete die Arme aus. »Wer würde das denn nicht wollen? Sie sind auf der ganzen Welt bekannt als die Autorität für alles Übernatürliche.«
»Ich kann Ihnen kein Buch versprechen, Katherine. Sie sollten sich da keine Hoffnungen machen.«
Sie hob einen Zeigefinger. »Denken Sie daran, David. Kein Pessimismus.«
Er sah zu Chris, entdeckte die Andeutung eines Lächelns auf dem Gesicht seines Freundes. Unerwartet begannen sie beide gleichzeitig zu glucksen. Verwirrt blickte Katherine von einem Mann zum anderen.
»Ich werde mein Bestes tun, offen für alles zu sein«, sagte David.
»Das ist alles, worum ich Sie bitte«, antwortete sie. Sie beäugte ihn einige Sekunden lang, dann nickte sie. »Das könnte einfacher sein, als Sie vielleicht meinen.«
3
Nachdem sich Chris und Katherine verabschiedet hatten, trat David wieder ins Haus, stieß den Atem aus und wartete darauf, dass ihn der Zauber von Alexander House überströmte. In der sonnenlosen Diele stehend roch David das langsam dahinströmende Wasser, die Vegetation rund um das Anwesen, das immer noch kraftvolle Aroma der handgesägten Eichenbalken über sich und die Wände selbst, die einen Hauch von Moder ausströmten. So viel Geschichte hier, so viel zu untersuchen.
Warum haben die Menschen so ein Bedürfnis nach etwas Übernatürlichem?
Weil, gemahnte er sich, sie Schwierigkeiten mit dem haben, was sich direkt vor ihnen befindet. Er wandte sich grübelnd um. Es ging immer nur um Flucht, daher dieses blinde Vertrauen in die Technologie. Ablenkung ist eine Oase. Die echte Welt ist ein Dickicht voller anderer Menschen, voller Konflikte und Emotionen.
Die Küche war gerade groß genug, um einen Esstisch aufnehmen zu können. Das Licht, das durch das einzige Fenster sickerte, war von den riesenhaften Bäumen getrübt, sodass der Raum zu dieser abendlichen Stunde tief in bläuliche Schatten getaucht war. David erwog, das Licht einzuschalten, entschied aber, dass es nicht notwendig war, noch nicht. Auch wenn der Gedanke, dass ein Haus eine Persönlichkeit aufweisen mochte, seinen Glaubenssätzen direkt widersprach, dachte er dennoch gerne, dass ein Haus einen Charakter besaß. Der Charakter eines Heims, das hatte er schon vor langer Zeit entschieden, war am besten in natürlichem Licht erkennbar, nicht im grellen Schein einer Glühbirne.
Die Küche war schäbig, altmodisch. Er ging weiter ins Esszimmer.
David konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
Auch wenn die Küche mehrere Male modernisiert worden war, erinnerte ihn das Esszimmer daran, wie alt Alexander House eigentlich war. Der mit Astlöchern gesprenkelte Kieferntisch, auch wenn er sicherlich nicht zur ursprünglichen Einrichtung des Hauses gehörte, passte zu der ausladenden, aus Ziegeln gemauerten Feuerstelle, den freiliegenden Stützbalken in der Farbe von Milchschokolade. Auf jeder Oberfläche befanden sich handgeschnitzte Enten. Stockenten, Büffelkopfenten. Ein Pärchen, das wie ein Zuchtexperiment zwischen einer Kanadagans und einem Pelikan aussah. David schlenderte hinüber, nahm eine der größeren Schnitzarbeiten vom Kaminsims und erblickte sich dabei in dem fleckigen Rechteck eines Spiegels. Obwohl er erst 44 war, sah er in dem kränklich gelben Licht zehn Jahre älter aus. Andeutungen von Krähenfüßen umgaben seine Augen, noch tiefere Falten lagen auf seiner Stirn.
Beunruhigt wandte er sich von dem Spiegel ab, suchte sich einen Weg in den hinteren Teil des Esszimmers und zurück in die Diele. Er hielt am Fuß der Treppe inne, spielte kurz mit dem Gedanken, die Räume dort oben zu erkunden.
Nein, entschied er. Zuerst das Erdgeschoss.
David öffnete eine sechsfach getäfelte Mahagonitür zu einem Raum, in dem es dunkler war als im Arsch eines Grizzlys. Guter Gott. Die gemaserte Vertäfelung war so rußig, dass es unmöglich war, die Holzart zu bestimmen, aber was immer es auch war, sie umgab das gesamte … was? Wohnzimmer? Arbeitszimmer? Es gab einen breiten Sessel und ein Sofa hier drinnen. Beides kostbares Leder. An den nach Norden und Osten weisenden Wänden befanden sich Fenster, aber die schweren Außenläden hielten alles Licht bis auf die schwächlichste Andeutung ab. In einer Ecke fand er eine Tür. Er trat ein und entdeckte ein Badezimmer. Er hatte schon begonnen sich zu sorgen, dass es im Erdgeschoss kein Bad gab. Aber hier waren eine Toilette, ein Waschbecken und eine Duschkabine, so schmal wie ein aufrecht stehender Sarg. David trat zurück ins Arbeitszimmer und durch eine Türöffnung.
Und konnte endlich wieder atmen.
Das Hauptschlafzimmer war hell und luftig, talgfarbene Wände, Musselin-Vorhänge, das breite Doppelbett mit einem Quilt in Blau und Elfenbein bedeckt. Das Zimmer maß vielleicht fünf mal sechseinhalb Meter, groß genug für eine Sitzecke, aber der restliche Raum stand frei und ließ das Zimmer dadurch größer scheinen, als es tatsächlich war.
David durchstreifte das Schlafzimmer und bemerkte Fenstertüren im Osten. Er trat zur südlichsten der Türen und stellte erfreut fest, dass sie zur geschützten Veranda hinausführte.
David streckte die Hand aus, fasste nach dem alten Messingknauf.
Warum gehst du der oberen Etage aus dem Weg?
David erstarrte.
Wo in allen heiligen Höllen war das denn hergekommen? Er ging überhaupt nichts aus dem Weg. Seltsam, wie es einem Menschen die Gedanken verdrehen konnte, wenn er alleine war, wie es ihn in finstere Tunnel hinabstürzen konnte.
Er blickte auf sein iPhone. 19:42 Uhr, und er hatte einen Bärenhunger. Es war ziemlich blöd gewesen, das Abendessen zu übergehen. Wenn er so war – wie hatte Anna es immer genannt? Hängrig? –, dann war seine Urteilskraft benebelt. Jeder Mensch brauchte Nahrung, nahm er an, aber David mehr als ein Durchschnittsmensch. War er satt, dann war er so geduldig wie jeder andere Mensch. Hungrig stellte er die Nettigkeit eines tollwütigen Vielfraßes zur Schau.
Vielleicht, so dachte er, als er in die Diele zurückkehrte, hatten Chris und Katherine den Kühlschrank mit ein paar Sachen aufgefüllt. Sie wussten, dass er eine lange Anreise hatte.
Er öffnete den alten Frigidaire.
Eine halb leere Ketchupflasche und eine Butterdose, randvoll mit Backsoda.
Na, Scheiße. Er nahm an, er würde in die Stadt fahren müssen.
Warum gehst du der oberen Etage aus dem Weg?
Er warf die Kühlschranktür wieder zu. Gottverdammt, er ging überhaupt nichts aus dem Weg. Er wollte nur vermeiden, dass sein Leib anfing, sich selbst zu verzehren.
Schwach vernahm er Annas spöttische Stimme: Du bist hängrig, David. Besorg dir was zu essen.
Das brachte ein Lächeln auf sein Gesicht. Er stellte sie sich vor, mit ihrer Baseballmütze verkehrt herum auf dem Kopf, ein schlabberiges Flanellhemd, an ihrer Brust weit genug aufgeknöpft, dass er die Andeutung ihres BHs sehen konnte, wenn sie sich bewegte. Schwer zu sagen, welche Farbe ihre Shorts hatten – das Flanellhemd hing so weit runter, dass sie von der Taille abwärts nackt aussah. Ihre neonpinken Flipflops.
Sie verteidigte ihr Outfit immer verbissen, erklärte sich selbst zur Fashionista, aber David wusste die ganze Zeit, dass jeder andere in Annas Aufmachung lächerlich ausgesehen hätte. Doch bei ihr wirkte es irgendwie jedes Mal.
Anna, entschied er, hätte diesen Ort geliebt. Als glühender Fan von Horrorromanen und unheimlichen Filmen glaubte sie an all die Dinge, an die er nicht glaubte. Wo er herablassend war, da war sie hoffnungsvoll. Wo er skeptisch war, da war sie vertrauensselig. Gott, was für eine wunderbare Person sie gewesen war.
Seine Brust schnürte sich wieder zusammen.
»Was ist mit dir geschehen?«, fragte er laut.
Um der antwortenden Stille zu entgehen, trat er wieder in die Diele. Zur Rechten befand sich der lange Aufstieg nach oben. Zur Linken die Vordertür und der Camry und, falls er nicht auf der gewundenen Straße in die Stadt vor Hunger starb, Essen. Es war vollkommen gleich, wo. Er würde bei McDonald’s essen. Einen Burrito von der Tankstelle. Wenn ein Mann so hungrig war, dann ging es ums Überleben. Zum Teufel, er würde die Rinde von einem Baum reißen und die Säfte schlürfen, falls er musste.
Er war auf halbem Weg zum Camry, als die Frage ihn abermals kitzelte, dieses Mal mit einer unmissverständlichen Note des Spottes darin: Warum gehst du der oberen Etage aus dem Weg?
David wandte sich um, dem Haus entgegen.
Sieben Mansarden ragten dort heraus, jeweils drei aus den ersten beiden Etagen, eine vom Speicher. Während die Schatten um ihn herum allmählich länger wurden und die Nacht unausweichlich näher schlich, war es hier an diesem alten Ort nicht allzu schwer, sich vorzustellen, wie ein Autor wie Hawthorne inspiriert wurde, einen Roman wie Das Haus mit den sieben Giebeln oder eine Geschichte wie ›Der junge Nachbar Brown‹ zu verfassen, die David in diesem Frühjahrssemester abgehandelt hatte.
David fragte sich, was hätte Hawthorne wohl von Alexander House und den sich darum rankenden barocken Legenden gedacht? Hätte er ihnen Glauben geschenkt? Oder war er in Wirklichkeit, wie David mutmaßte, ein Atheist, der seinen Unglauben mit Allegorien verschleierte und …
»Schon irgendwelchen Geistern begegnet?«, rief eine Stimme.
David keuchte auf und fuhr herum. Ein Mann, beinahe ebenso groß wie David, kam auf der Fahrspur heranspaziert, ein längliches silbernes Instrument in der einen Hand. Der Mann schien irgendwo zwischen 60 und 70 Jahre alt, sah recht athletisch aus, weißer Bartwuchs einen Mund umrahmend, der schalkhaft grinste. Er trug einen schlecht sitzenden weißen Kittel mit blutigen Streifen quer über dem Bauch.
Als er Davids Blick sah, sagte der Mann: »Schätze, wir Junggesellen werden auch immer schlampiger, hm?« Er streckte eine Hand aus. »Mein Name ist Ralph Hooper.«
David schüttelte seine Hand. »Bei so einem Namen sollten Sie Baseballspieler sein.«
»Das war ich«, sagte Ralph. »Hab einen anständigen rechten Feldspieler abgegeben.«
David studierte die breiten Schultern des Mannes. »Möchte wetten, dass Sie auch ein bisschen schlagen konnten.«
»Das konnte ich wohl«, gestand Ralph. »Hatte immer ein paar Schwünge, die danebengingen bei meinem Spiel, aber wenn ich einen erwischt habe …«
»Dann ist er richtig geflogen, möchte ich wetten«, sagte David, während sein Blick zum Alexander House zurückkehrte.
»Es ist ein launisches Mädchen, nicht?«, fragte Ralph.
David sah ihn wieder an. »Wie kommen Sie darauf?«
Ralph zuckte die Achseln. »Häuser haben Persönlichkeiten, oder nicht? Einige sind mürrisch, andere sind fröhlich. Das hier …«, er nickte, »… ist weniger vorhersehbar. Es gibt Tage, da fühlen Sie sich vielleicht, als ob es Ihr bester Freund ist, als ob es Ihnen zulächelt und wünschte, es könnte Ihnen die ganze Welt schenken. Aber dann wird es wieder grüblerisch. Rätselhaft.«
»Klingt so, als hätten Sie ein Faible für alte Häuser.«
Ralph entfuhr ein stürmisches Lachen. »Teufel auch, ich hör mich vermutlich wie ein Beknackter an, oder? Ich nehm’ an, ich verbringe einfach zu viel Zeit allein. Und wenn man das Haus jeden Tag ansieht, dann muss man wirklich anfangen, etwas darauf zu übertragen.«
David grinste. »Sie sind der Mann, den ich durch das Fliegengitter gesehen habe.«
»Wir sind Nachbarn«, sagte Ralph. »Ich meine, wenn Sie vorhaben, länger zu bleiben.« Seine buschigen Augenbrauen hoben sich ein winziges Stück.
»Einen Monat«, räumte David ein.
Ralph schenkte ihm ein unverbindliches Nicken. »Ich nehme an, die haben Ihnen keine Vorräte besorgt, oder?«
»Mhm.«
»Möchten Sie etwas essen?«
David musterte den blutverschmierten Kittel.
Ralph kicherte. »Ich versprech’ Ihnen, die Burger sind nicht roh. Hab sie vom Bauernmarkt in der Stadt. Freilandhaltung.«
David lief das Wasser im Mund zusammen. »Ich sollte vermutlich auch noch Gemüse besorgen.«
»Das sollten Sie vermutlich«, sagte Ralph. »Dann wiederum sollten Sie vielleicht keinen Wert auf Förmlichkeiten legen und sich Burger und Freibier nicht entgehen lassen.«
»Sie haben Bier?«
»Yup.«
»Welche Marke?«
»Nur die billigen. Budweiser. MGD. Coors.«
»Perfekt.«
»Echt?«, sagte Ralph. »Ich hab Sie für ’nen Snob gehalten.«
»Schon okay«, sagte David, als er neben ihm losmarschierte. »Mit diesem blutigen Kittel hab ich Sie für einen Serienkiller gehalten.«
Ralph lachte, und in geselliger Stille gingen sie die staubige Zufahrt hinunter. Erst als sich die Nacht herabgesenkt und eine geisterhafte Mondsichel sich über dem Rappahannock materialisiert hatte, erinnerte sich David daran, dass er sich noch immer nicht in die zweite Etage des Alexander House vorgewagt hatte.
4
David verschlang drei dicke Burger, ohne sich darum zu scheren, dass seine Lippen vor Saft und Bier glänzten, ohne irgendetwas wirklich wahrzunehmen außer dem befriedigenden Völlegefühl in seinem Bauch. Er und Ralph saßen zurückgelehnt auf Schaukelstühlen aus Zedernholz, die vergitterte Veranda war viel kleiner als die von Alexander House und mit einem weitaus geringeren Panorama als Aussicht. Angesichts des sich von beiden Seiten anschmiegenden Waldes und eines Stegs, der vor ihnen ins Wasser führte, fühlte sich David irgendwie eingekuschelt, auf angenehme Weise anonym. Ralph hatte bereits ein halbes Sixpack getrunken, David zwei Dosen.
»Das Bud ist beinahe alle«, sagte Ralph und riss eine weitere Dose auf. »Fangen wir mit dem Coors an.«
»Ich lieber nicht. Zu viel davon, und ich werd morgen ganz benebelt sein.«
»Noch zu arbeiten, hm?«
David studierte das Profil des Mannes. Eine recht große Nase. Leicht hervorstehende Stirn. Aber anstatt Ralph dämlich aussehen zu lassen, vermittelten seine groben Züge eine weise Männlichkeit.
»Ich begleiche eine Wettschuld für einen alten Freund«, sagte David und stellte fest, dass er die gesamte Situation erklärte.
Als er damit fertig war, sagte Ralph: »Also möchte seine Frau, dass Sie ein Buch schreiben, wodurch das Haus noch berühmter wird.«
»Das ist es so in etwa.«
»Aber Ihr Kumpel will das nicht.«
»Chris war nie besonders fantasievoll gewesen.«
»Sie genauso wenig, wie’s klingt.«
David starrte Ralph an, dessen Miene ebenso freundlich wie zuvor geblieben war.
»Ich schätze, das kommt auf Ihre Definition von fantasievoll an.«
»Sie kommen immer zu denselben Schlussfolgerungen.«
David setzte sich auf seinem Schaukelstuhl auf. »Sie haben meine Bücher gelesen?«
»Ein paar.«
»Lassen Sie mich raten – Sie haben sie gehasst.«
»Überhaupt nicht.« Ralph nippte an seinem Bud. »Sie sind ein verdammt guter Schreiber.«
»Danke schön«, antwortete David, unerklärlicherweise gerührt. In die Stille hinein sagte er: »Aber …«
Ralph runzelte die Stirn. »Teufel, ich weiß es nicht. Wer bin ich schon, dass ich mir ein Urteil anmaße?«
»Sie sind genauso qualifiziert wie sonst jemand. Und nun sagen Sie mir, was Sie stört.«
»Es ist, als ob man einen Film von Beginn an sieht, und er ist verdammt gut. Mitreißende Handlung, scharf gezeichnete Charaktere. Er gräbt wirklich seine Zähne in dein Fleisch. Du kannst einfach nicht anders, du bist mit dabei für die Achterbahnfahrt.«
»Und dann …«, sagte David, obwohl er wusste, was jetzt kam.
»Es war alles nur ein Traum«, sagte Ralph. »Oder die Polizei stürmt herein und rettet den Tag. So oder so, das Publikum wird betrogen. Es ist eine Antiklimax.«
»Ich kann die Wahrheit nicht ignorieren, Ralph. Ich wäre das Gespött der akademischen Gemeinde.«
»Ah, die akademische Gemeinde«, sagte Ralph pseudoaffektiert. »Sind die wirklich so verklemmte Ärsche, wie sie sich anhören?«
»Noch schlimmer«, sagte David. »Sie haben noch nie Menschen gesehen, die sich selbst so wichtig nehmen.«
»Haben Sie je etwas Zeit mit einem Haufen Stadträte auf dem Land verbracht?«
»Hatte nie das Vergnügen.«
»Seien Sie dankbar. Die haben das Temperament eines Bullenhais.«
»Hm.« David blickte hinaus auf den Fluss. »Sie glauben also an das Übernatürliche.«
Aus dem Augenwinkel sah er Ralph, der sich in seinem Schaukelstuhl zurechtrückte, und es war das erste Mal, dass er eine Art von Zwiespalt an seinem Gastgeber feststellen konnte. Gut, dachte er.
Lass die Maske rutschen, damit wir sehen können, was darunter steckt.
»Ich brauche noch ein Bier«, sagte Ralph. »Sie auch?«
David schüttelte den Kopf.
Als Ralph mit einem Sixpack Coors zurückkam, sagte David: »Sie wollten mir von Ihrem Glauben an Geister erzählen.«
Ralph warf seinen Kopf zurück und lachte. »Sie drehen einem ja die Worte im Mund herum, wissen Sie das? Kein Wunder, dass Sie immer noch Single sind.«
»Ich würde mich niemandem wünschen.«
Ralph knackte den Verschluss einer neuen Dose. »Ich habe nie gesagt, dass ich an irgendwelche unheimlichen Dinge in der Nacht glaube.«
»Sie sind enttäuscht, wenn ich eine Geistergeschichte entzaubere.«
»Das ist zu stark ausgedrückt.« Er schüttelte den Kopf. »Okay, vielleicht passt ›enttäuscht‹ zwar schon, aber nicht auf die Weise, die Sie annehmen.«
»Und das bedeutet?«
»Die Enttäuschung eines Lesers, nicht eines Gläubigen. Du willst eine Bestätigung, dass der Ritt es wert war. Du willst, dass es eine Belohnung gibt.«
»Also soll ich mir eine ausdenken?« Er war sich der Schärfe in seiner Stimme bewusst, aber er unternahm keine Anstrengung, sie abzumildern. Ralphs Kritik war ihm nur allzu vertraut. Warum gierten die Menschen nach Unehrlichkeit?
Ralph starrte in seine Bierdose. Nach einer Weile sagte er: »Ich weiß nicht, was ich glaube.«
David wartete schweigend ab.
»Ich trete den Dingen mit einem offenen Geist entgegen«, sagte Ralph.
Was bedeutet, dass meiner verschlossen ist, dachte David. Teufel. Es war, als säßen seine Kritiker hier bei ihm und tränken mit ihm Bier.
»Haben Sie nie irgendetwas gesehen, wodurch Sie die Dinge infrage gestellt haben?«, bohrte Ralph nach.
David sank in seinem Stuhl zurück. Die Armstützen aus Zedernholz fühlten sich gut unter seinen Armen an. »Ich habe einige Zeit an neun – jetzt sind’s zehn – angeblich verwunschenen Orten verbracht. Bücher über jeden einzelnen davon geschrieben. Zu keiner Zeit verspürte ich die Gegenwart von irgendetwas Unnatürlichem.«
»Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«
Als David darauf nur die Stirn runzeln konnte, fuhr Ralph fort: »Ich habe Sie nicht gefragt, ob Sie je etwas Unnatürliches gespürt haben. Ich habe gefragt, ob Sie je etwas infrage gestellt haben.«
David blickte hinaus zum Kiefernwald. »Ich habe eine sehr empfängliche Natur. Hatte ich schon immer. Ich spüre alle möglichen Dinge. Gefühle, sensorische Details, Erinnerungen. Wenn ich eines habe, dann eine hyperaktive Vorstellungskraft.«
»Was ich mich frage«, sagte Ralph, »ist, warum Sie sich auf den ganzen dämlichen Geisterjäger-Bullshit verlassen. Thermale Kameras, Stimmrekorder …«
David lächelte und nickte. »… Infrarotlichter, Laserrasterpunkte. Ich weiß, das ist alles nur ein Haufen Taschenspielertricks. Ich gebe Ghostbusters daran die Schuld.«
»Trotzdem, Bill Murray ist scheißelustig.«
»Das ist er.«
Ralphs Augen verengten sich. »Aber er ist ein Cubs-Fan.«
»Gott sei Dank«, sagte David. »Ich nehme an, du magst die Yankees.«
»Bei allen Höllenglocken, Mann, für was für eine Art Mensch hältst du mich? Ich hasse das Imperium des Bösen.«
»Ein Fan der Red Sox?«
»Durch und durch.«
»Ich nehme an, hier draußen gibt’s kein Kabelfernsehen?«
Ralph schüttelte bedauernd den Kopf. »In einer klaren Nacht bekommst du vielleicht ein verschneites Netz ohne Ton rein.«
»Verdammt. Gerade jetzt, wo die Cubs auf dem ersten Platz liegen.«
Ralph streckte den Arm aus und tätschelte ein altes Radio auf dem Sims der Veranda, das David noch gar nicht aufgefallen war. »Ich hör mir die Sox auf diesem Ding an. Falls dir langweilig wird.«
»Mir wird nie langweilig«, sagte David, »aber ich werd trotzdem vorbeikommen.«
Einige Minuten später brachten sie ihre leeren Dosen und fettigen Pappteller nach drinnen. Als David sich seinen Weg durch die Dunkelheit im Vorgarten suchte, rief Ralph ihm nach.
»Ja?«, fragte David.
In der halb offenen Eingangstür stehend schien Ralph mit sich selbst zu ringen. »Versprich mir eines.«
David zuckte mit den Achseln. »Wenn ich kann.«
»Wenn irgendetwas passiert, dann ignorier es nicht.«
David starrte ihn an, aber Ralphs Gesicht war in der Dunkelheit unkenntlich. Als es offenkundig wurde, dass Ralph eine Art Antwort erwartete, sagte David: »Ich bin morgen Abend mit Burgergrillen dran.«
»Höllenfeuer, mein Junge. Glaubst du etwa, ich würde dir so weit trauen, für mich zu kochen?«
Lächelnd wandte sich David ab. Ralph sagte noch irgendetwas anderes, aber was immer er auch murmelte, David konnte es nicht verstehen.
Erst als er auf halbem Weg nach Hause war, kristallisierten sich die Worte heraus.
Er war sich ziemlich sicher, dass Ralph für ihn gebetet hatte.
5
Um kurz nach elf in dieser Nacht duschte er, putzte sich die Zähne und trank zwei große Gläser Wasser mit ein paar Tylenol, um das Gespenst eines Katers zu vertreiben. Er wollte am Morgen fit sein. Er würde bis Mittag schreiben und den Rest des Tages damit verbringen, eingehend das Buch zu studieren, das er am allerwenigsten mochte – Der letzte Spuk: Das merkwürdige Verschwinden von John Weir. Reißerisch aufgemacht, unreif und dermaßen mit Fantasiegespinsten vollgestopft, dass Davids Kopf davon zu schmerzen begann, war der Roman – denn es war ein solcher; David weigerte sich, es als etwas anderes anzusehen – im Jahr 1932 veröffentlicht und sofort zum Bestseller avanciert. Unglücklicherweise hatte das Buch seither nur ein noch größeres Publikum gefunden und wurde noch immer als Sachbuch geführt.
Und doch war es von vorn bis hinten reiner Schwachsinn. Der Autor, Dr. Isaiah Hartenstein – möglicherweise der dubioseste Gebrauch des Wortes ›Doktor‹, dem David je begegnet war –, hatte sich als Vortragsreisender zum Thema des Paranormalen mehr schlecht als recht durchgeschlagen, als Der letzte Spuk einschlug. Und obwohl Hartensteins nachfolgende Werke niemals dem Erfolg seines ersten Buches gleichkamen, blieb er eine Berühmtheit bis zu seinem Tode einige Jahrzehnte später.
Nackt schlenderte David in das Hauptschlafzimmer und warf einen finsteren Blick auf den Stapel Bücher, den er hier hereingeschleppt und auf der Birkenkommode abgestellt hatte. Einige von ihnen hatten dieses Haus zum Thema. Am liebsten fand er die Geschichte eines solchen Ortes auf die Schnelle heraus, seine Geschichte studierend, während er innerhalb seiner Mauern lebte.
Mit einem angewiderten Murmeln wählte er Der letzte Spuk aus und studierte den Umschlag. Auf ihm prangte, unverzeihlich, eine Fotografie von John Weir. David packte das Buch fester, die nüchterne Wahrheit hallte in seinen Gedanken wider: Hartenstein – ein Scharlatan wie er im Buche stand – hatte seine Karriere darauf gegründet, den Ruf eines wahrhaft brillanten Mannes zu zerstören.
David ließ das Buch zurück auf die Kommode klatschen und begrub es hastig unter einem Trio deutlich überlegener Bücher. Um ehrlich zu sein, David hatte nur die ersten 40 Seiten von Hartensteins üblem Verriss gelesen, und das lag schon eine ganze Dekade zurück. Er nahm an, nun war er verpflichtet, den ganzen Rest zu lesen.
Die letzten Tropfen Duschwasser waren vollends getrocknet, wodurch es David einen Hauch zu warm war. Es war noch nicht schwül genug, um die Klimaanlage anzuwerfen, aber vielleicht würde eine Brise Nachtluft schon ausreichen. Er trat zum südlichen Fenster hin und bekam es mit Gewalt einige Zentimeter weit auf.
Da. Ein angenehmer Luftstrom säuselte über seinen Bauch, sorgte für genau den richtigen Kontrapunkt zu der muffigen Hitze. Er ging zu seiner Reisetasche, fischte lockere Boxershorts heraus, zog sie an und wählte dann eine seiner liebsten Kurzgeschichtensammlungen von der Kommode: M. R. James’ Ghost Stories of an Antiquary. Mit dem Buch in der Hand machte er es sich im Bett bequem und begann eine seiner Lieblingsgeschichten zu lesen, »Die Sammlung des Domherrn Alberic«.
Warum gehst du der oberen Etage aus dem Weg?
»Leck mich am Arsch«, knurrte er.
Er schleuderte das Buch zur Seite. Er schlug das Bettlaken auf, schwang sich aus dem Bett, durchquerte die unmögliche Schwärze des Arbeitszimmers, trat in die Diele hinaus.
Hier war es deutlich kühler. In dieser zentralen Lage sollte es im Flur wärmer sein als in den Räumen mit Fenstern, insbesondere bei verschlossener Tür. Dennoch war es hier merklich kälter als im Schlafzimmer, in dem die frische Nachtluft zirkulierte.
Geh nach oben.
Ja, dachte er und griff nach dem Geländer. Er musste nach oben gehen.
Er war bis zur dritten Stufe hochgestiegen, als ein anderer Gedanke sich in seinem Kopf bemerkbar machte: Warum musst du nach oben gehen? Weil du dir irgendetwas beweisen musst?
Er runzelte in der Dunkelheit die Stirn. Ich muss überhaupt keine verdammte …
Warum dann nach oben gehen? Es geht auf Mitternacht zu, du musst morgen anfangen, ein Buch zu schreiben. Du brauchst Schlaf. Die einzige Motivation, das Obergeschoss zu durchsuchen, ist doch, um dir selbst zu beweisen, dass du keine Angst hast. Stehst du nicht ein bisschen über solch absurden Zurschaustellungen? In deinem Alter?
David zögerte, wandte sich halb um.
Ein knarrendes Geräusch von oben.
Federweiche Fingerspitzen strichen über sein Rückgrat.
Diese verschrobene, pragmatische Stimme meldete sich wieder zu Wort, dieses Mal lauter. Sicher, David. Hab Angst. Weil es ja total unnormal für ein altes Haus ist, einfach zu knarren. Aber geh ruhig nach oben. Untersuche das unheimliche Geräusch und beweis dir selbst, dass es in der zweiten Etage keine Ghouls gibt. Und wenn du schon dabei bist, warum wirfst du dir nicht etwas Salz über die Schulter und singst ein paar Beschwörungen? Du verschissenes Kleinkind.
Er rollte angesichts seiner Ängstlichkeit mit den Augen. Er war für so etwas empfänglich – da hatte er Ralph durchaus die Wahrheit gesagt. Was er dabei aber nicht erwähnt hatte – vielleicht weil er es nicht gerne zugab –, war, dass er außerdem zu seltenen Gelegenheiten ein wenig schreckhaft war. Er stieg die Stufen hinunter, ging durchs Arbeitszimmer und betrat wieder das Schlafzimmer. Er nahm M. R. James gerade wieder zur Hand, als er ein Geräusch durch das offene Fenster vernahm.
David starrte aus dem Spalt des gekippten Fensters und erkannte, was er da hörte.
Die Stimme einer Frau. Singend.
Du hast deinen verdammten Verstand verloren.
Aber das hatte er nicht. Es war leise, es stieg an und fiel wieder ab, als es in der Abendbrise herantrieb. Aber es war unmissverständlich eine singende Frau.
Ein Radio auf der Veranda? Hatte Chris oder dessen Frau es angelassen?
Es gibt kein Radio da draußen, und das weißt du auch.
Die Stimme schwoll an, nahm ab. Er konnte beinahe die Worte verstehen. Der Tonfall war traurig, elegisch. Ihm wurde bewusst, dass er eine Gänsehaut bekommen hatte.
David konzentrierte sich auf die Stimme, trat ans Fenster, packte den hölzernen Rahmen und konnte es mit etwas körperlicher Anstrengung ein paar Zentimeter weiter aufstemmen. Das verdammte Ding benötigte Öl.
Genau wie das, was da oben rumknarrt?
»Hör auf«, murmelte David.
Er beugte sich vor und spähte in die Nacht hinaus. Einen Augenblick lang konnte er die Stimme nicht mehr hören, als die kühle Brise zunahm. Als sie jedoch wieder nachließ, nahm er das Nocturne erneut wahr. Es besaß etwas Zerbrechliches, etwas Verlorenes. Er verdrehte seine Augen, um jenseits der Veranda irgendetwas zu erkennen, jenseits der spärlichen, aber gigantischen Hickorys und Ulmen im Garten hinter dem Haus, wo sich der Rappahannock wie ein unergründlicher Bergsee ausbreitete. In weiter Ferne, am anderen Ufer, entdeckte er leuchtende Nadelstiche, private Sicherheitsleuchten, funkelnd wie erdgebundene Sterne. Erneut wurde ihm bewusst, wie gewaltig breit der Fluss doch war, wie sehr er abgeschnitten war von den Menschen am gegenüberliegenden Ufer.
Die Stimme kam erneut zu ihm, beharrlich jetzt. Das Lied hatte etwas vage Keltisches an sich, etwas Trällerndes und Heidnisches. Er stellte sich präromanische Hügel vor, ein lodernder Scheiterhaufen. Tränenüberströmte Gesichter. Flammen und ein Menschenopfer.
Oder, so dachte er ironisch, irgendjemand ließ eine Stereoanlage auf einem fernen Steg plärren. Er wusste, dass der Schall über Wasser mit unheimlicher Kraft weitergetragen wurde.
Ein Windstoß raste heran, der große Hickorybaum erschauderte. Eine Astschaukel, die er zuvor nicht wahrgenommen hatte, schwang im Wind umher, wie von einem unsichtbaren Kind besetzt.
David schluckte, seine Schultern kribbelten. Die Stimme … sie war im Garten. Er packte den Fensterrahmen, mühte sich, ihn höher zu schieben, aber er war verklemmt, Jahre von Schmutz und Fehlgebrauch weigerten sich störrisch, ihren Griff zu lockern. Er trat in die Ecke des Schlafzimmers, betätigte den Verschluss und den Riegel am Boden und trat hinaus auf den falschen Rasen der Veranda.
Hier fühlte er sich unerklärlich entblößt. Trotz der fehlenden Nachbarn – Ralph wohnte 200 Meter entfernt und wurde von einem dichten Hain abgeschirmt – spürte David Augen, die auf ihm ruhten, und ja, die Stimme war immer noch vernehmbar und überhaupt nicht weit entfernt. Mit einem Herzen, das wie ein hektisches Metronom vor sich hin tickerte, schlüpfte er hinaus, das taunasse Gras eisig an seinen Zehen. Die Stimme hallte hier draußen zwischen den knotigen Bäumen und wogenden Schatten viel kräftiger. Er konnte einige Konsonanten heraushören, aber die Sprache des Liedes war genauso wenig zu erkennen wie der Sänger.
Es gibt keinen Sänger. Irgendjemand hat die Anlage jenseits des Flusses voll aufgedreht, wahrscheinlich ein einsamer Don Juan, der versucht, die Verteidigungswälle einer Frau zu überwinden.
Aber das war keine verführerische Musik. Das war nicht Marvin Gaye oder verschwitzter Jazz. Es war ein trauerndes Klagelied von jenseits der Zeit, ein Totengesang über Mythen und Verlust und ein grausames Schicksal.
Sich seines rasenden Pulses bewusst, stinksauer angesichts seiner einfältigen physiologischen Reaktion trotz der Tatsache, dass es rein gar nichts gab, vor dem man sich zu fürchten hatte, stapfte David durch das nasse Gras und blieb stehen, als er etwa sieben Meter vom felsigen Ufer entfernt war.
Sein Herz hämmerte wilder. Die Klarheit der Stimme war bemerkenswert. Sie konnte nicht von jenseits des Flusses herübertönen. Der schmerzende Verlust, die ungezwungene Sinnlichkeit … sie kam von …
Er schwenkte seinen Kopf nach Südwesten, zur Spitze der Halbinsel hin. Sein Magen verkrampfte sich. Hatte er dort eine Andeutung von Haut gesehen? Ein Unterarm, der in die Dunkelheit zurückwich? Bleiche Fingerspitzen, die ihn heranwinkten?
Seine Füße weigerten sich, seinen Befehlen zu gehorchen, seine Knie waren krampfhaft starr. Mit trockenem Mund blickte er in die Dunkelheit des Flusses und redete sich ein, er habe nicht den Schein einer Hüfte gesehen, das milchfarbene Schwenken eines Halses, der das Mondlicht einfing.
Von einer rätselhaften Schwere angelockt, folgte David dem zurückweichenden Objekt, das einfach nicht echt sein konnte, ein Gespenst, das über die Wasseroberfläche gleitend dahinschwand.
Als er das Ufer des Flusses erreichte, reckte er sich vor, um zu sehen, was am Rand des Wassers geschwebt hatte.
Er sah nichts. Natürlich sah er nichts. Aber er vernahm die melancholische Melodie, während sie auf der nächtlichen Brise schwang. Zu seiner Rechten lag die Flussbiegung, der dichte Wald am näheren Ufer eng gedrängt. Zu seiner Linken weitete sich der Rappahannock zu ozeanischer Breite, das ferne Ufer eine kaum bewusste Erinnerung. Aber direkt vor sich machte er nun eine wilde, uralte Böschung aus, begraben unter Totholz und bizarren Buckeln, die nur entwurzelte Bäume sein konnten. Weiter landeinwärts, von der tief eingeschnittenen Bucht geborgen, entdeckte er eine Insel. Es war diese Insel, zu der diese Gestalt …
Es gab keine Gestalt!
… hinübergetrieben war. Dort war der Ort, an dem diese Frau lebte.
Hör zu, David. Wenn du wirklich glaubst, dass gerade eine Frau über das Wasser von dieser Insel hierher und dann wieder zurückgeschwebt ist, dann solltest du dich wirklich auf den Weg zur Notaufnahme für einen toxikologischen Test machen. Vielleicht hat Ralph deine Burger mit psychedelischen Pilzen gewürzt.
David blickte zu der fernen Insel hin. Was war mit dem Lied?, fragte er sich.
Dieses Rätsel hast du bereits gelöst. Es war eine Stereoanlage. Irgendjemandes Vorstellung von einem entspannenden Spätabend-Mix.
David brummte vor sich hin. Entspannend? Wenn das Lied so gottverdammt entspannend war, warum fühlte er sich, als wäre er gerade dem Tod entronnen?
Bett, befahl ihm die praktisch veranlagte Stimme. Jetzt.
Er trat einige Schritte zurück, seine Augen nicht von der Insel nehmend. Die Bäume dort waren sogar größer und älter als die in seinem Garten. Er wandte sich um und hielt auf die Veranda zu. Er hörte die Stimme nicht mehr. Aber er schritt ein wenig schneller aus, bis sich die Tür mit einem Klicken hinter ihm schloss.
6
Aus der Einleitung zu Der letzte Spuk: Das merkwürdige Verschwinden von John Weir:
… und es scheint, als hätte Weirs eigene Arroganz für seinen Fall gesorgt. Die Respektlosigkeit, auf die sich seine Reputation im Kreise gleich gesinnter Akademiker gründete (und nebenbei bemerkt die Leben derjenigen ruinierte, deren authentische Erfahrungen mit dem Übernatürlichen von dem verächtlichen Mr. Weir als Schwindel etikettiert wurden), ist die Charaktereigenschaft, die ihn bei seinem letzten Fall verdammte. Das Alexander House zog Weir, wie so viele der angeblichen ›Schwindel‹, die er entmystifizierte, an wie ein Stück Aas die Schmeißfliege. Ein halbes Dutzend ernsthafter Forscher hatte bereits die Gegenwart paranormaler Entitäten in dem Anwesen auf der isolierten Halbinsel festgestellt; die Bewohner aus mehr als zwei Jahrhunderten waren in Todesangst aus dem Haus geflohen.
Das vergegenwärtigt uns auch eine von Weirs ungeheuerlichsten Sünden: seinen Leichtsinn. Weir hielt sich selbst für einen Erleuchteten, eine Stimme der Vernunft in einer Wildnis von Aberglauben und Furcht. Es ist jedoch genau diese Eigenschaft – Weirs absichtliches Missachten deutlicher Beweise –, die ihn motivierte, die Einladung von Geoffrey Mansfield anzunehmen, dem Besitzer von Alexander House von 1916 bis 1940, mit der Absicht, das Haus von jeglicher psychischer Manifestation freizusprechen. Hätte Weir Erfolg gehabt, wie viele zukünftige Bewohner hätten von ihren Erfahrungen im Alexander House bestenfalls seelische Schäden davongetragen? Oder schlimmer noch, wie viele zukünftige Leben hätte Weirs Unbesonnenheit gefordert, auf dieselbe Art und Weise, wie Weir selbst letztendlich dem Haus zum Opfer fiel?
Mit einem gemurmelten Fluch schloss David knallend das Buch auf dem Tisch der geschützten Veranda. Er stocherte in dem Caesar Salad, den er sich im Lebensmittelladen besorgt hatte, aber auch wenn mit dem Essen nachweislich alles in Ordnung war, mangelte es ihm an Appetit, wie er festgestellt hatte.
Das morgendliche Schreiben war nicht so gut gelaufen. Das Bier und das lange Aufbleiben sowie – auch wenn er abgeneigt war, das zuzugeben – der Vorfall mit der geheimnisvollen Stimme hatten sich zusammengetan, um ihm den Verstand zu benebeln. Er hatte nur 800 Wörter geschafft, bevor er das Projekt drangab und in die Stadt fuhr. Während sich Lancaster zwar als größer erwiesen hatte als in seiner ursprünglichen Vorstellung, lag die Stadt dennoch 20 Minuten Fahrt vom Haus entfernt, und dieser Ausflug fraß sich in seinen Tag.
Nun war es nach eins und drückend heiß. Was er brauchte, war Bewegung.
Er ging nach drinnen, zog seine roten Sportshorts und seine abgewetzten Laufschuhe an. Er holte seine einstellbaren Hanteln aus dem Kofferraum des Camry und trug sie in den Garten. Vier Durchgänge Langhanteldrücken im Stehen, vier Mal Schulterheben mit der Curl-Hantel. Er trabte nach drinnen, ein dünner Schweißfilm ließ seine Unterarme in der düsteren Küche glänzen, als er sich ein großes Glas Wasser eingoss. Er leerte es ohne Absetzen, füllte noch eines und nahm es mit nach draußen. Die Hanteln meidend wählte er den tief hängenden Ast einer Ulme aus, der sein Gewicht tragen würde, und machte daran drei Durchgänge Pull-ups.
So. Er fühlte sich nicht länger wie ein Kadaver. Er dehnte sich behutsam und lief in einem gemächlichen Trab los. Als er sich von Alexander House fortbewegte, entdeckte er einen schmalen Steg, der in eine winzige Bucht hinausragte. Das Holz war grau und verwittert, sah aber vertrauenswürdig genug aus, sein Gewicht zu tragen. Noch aufregender war, dass mehrere Blecheimer an die Pfosten des Stegs gebunden waren.
Er grinste. Er hatte seit seinen frühen Zwanzigern nicht mehr nach Krabben gefischt, und er beschloss, sich am Nachmittag mit diesem Hobby wieder vertraut zu machen. Teufel auch, wenn er Glück hatte und etwas fing, dann konnte er Ralph zu Crab Bake einladen. Das, entschied er, als er an dem Steg vorbeischnaufte, würde wunderbar zu der Kiste Budweiser passen, die er gekauft hatte.
Während er sich fortbewegte und seine Muskeln sich lösten, entdeckte er eine weitere Überraschung: ein Paar gelber Kajaks, halb verborgen im hohen Gras. Noch besser.
Er rannte am Ufer entlang, der Fußpfad wich freier Grasfläche. Trotzdem war das Gelände noch eben genug, um ohne Furcht vor einem verrenkten Knöchel weiterzulaufen. Zu seiner Linken wälzte sich das braune Wasser des Rappahannock gemütlich dahin.
Ungebeten flüsterte eine Stimme: Anna liebte den Fluss.
Davids Lächeln löste sich in Wohlgefallen auf.
Der Park, den ihr immer besucht habt, liegt in der Nähe, fuhr die Stimme fort. Du weißt, dass du grob in dieser Gegend bist.
Vielleicht schon, stimmte David zu, hastiger schnaufend. Aber das ist Schnee von vorgestern.
So wie Annas Tod?
»Ach, zum Teufel«, sagte David. Er legte seine Hände oben auf sein verschwitztes Haar, brachte seine Atmung unter Kontrolle.
Du kannst nicht so tun, als wäre es nicht geschehen, beharrte die Stimme.
Er setzte sich wieder in Bewegung. Vielleicht, dachte er verdrossen, konnte er seinem Gewissen davonlaufen. Aber er hatte nur wenige Schritte joggend zurückgelegt, als er sah, wie sich etwas im Wald vor ihm regte, nur einige Meter vom Flussufer entfernt.
Es ist die Sirene.
»Sei still«, knurrte er.
Eine kleine Gestalt trat auf den Grasstreifen. »Warum sagen Sie, ich soll still sein?«
Der Junge war vielleicht sieben, mit struppigem schwarzem Haar und dunklen, gekränkten Augen.
David blieb stehen. »Ich habe nicht mit dir gesprochen.«
»Wir sind die Einzigen hier draußen«, entgegnete der Junge.
David öffnete den Mund, um zu antworten, entschied sich aber dagegen. Der Junge hatte nicht ganz unrecht.
»Sind Sie aus der Stadt?«, fragte der Junge.
David nickte zu den Wäldern hin. »Ich wohne in dem Haus da drüben.«
Die Augen des Jungen verengten sich. »Bullshit.«
David blinzelte ihn an, unterdrückte ein schockiertes Lachen. Der Junge trug ein hellblaues Captain-America-Tanktop und grüne Shorts mit einem verblichenen Teenage Mutant Ninja Turtles-Logo auf dem einen Bein.
»Warum warst du im Wald?«, fragte David.
»Mom und Dad haben sich wieder gestritten.«
Das liegt daran, dass Menschen einfach nicht für die Ehe gemacht sind.
David blickte an dem struppigen Kopf des Jungen vorbei, konnte aber kein Haus sehen. »Werden sie sich keine Sorgen um dich machen?«
»Sorgen … meine Fresse«, sagte der Junge.
David warf ihm noch einen Blick zu und korrigierte das Alter des Jungen um ein Jahr nach oben. Für sieben Jahre war er der Welt zu überdrüssig. Acht vielleicht, aber klein für sein Alter. Schlechte Ernährung. David verspürte ein Zittern der Beunruhigung.
»Komm schon«, sagte David. »Ich geh mit dir nach Hause.«
Auf dem Gesicht des Jungen machte sich ein anzügliches Grinsen breit. »Mom wird Sie ganz bestimmt mögen.«
7
Der Shelby-Besitz war wie eine Vinylplatte, die mit der falschen Geschwindigkeit lief. Das Flache war einfach zu flach, alles Spitze stach regelrecht ins Auge. Es gab nichts an dem Anwesen, das unverhohlen falsch gewesen wäre, nichts, das David aus 50 Metern Entfernung sehen konnte, aber je näher er und der Junge sich heranwagten, desto stärker hallte die Falschheit in ihm wider. Der Junge – Mike Shelby jr., hatte er ihm anvertraut – beobachtete David auf seine Reaktion hin. Als ob der Junge verstünde, dass irgendetwas mit diesem Haus nicht stimmte, aber jemand Älteren brauchte, der es für ihn artikulierte.
David hatte gerade beschlossen, sich zu verabschieden, als der Junge in derselben launisch gedehnten Weise fragte: »Woll’n Sie nicht reinkommen?«
David nahm den Anblick des großen Flussanwesens auf, das irgendwie obszön wirkte, wie es hier zwischen den einheimischen Pflanzen und dem Wasser aufragte. Zwei Etagen, Ziegelbauweise, wahrscheinlich eine halbe Million wert. Es war, als hätte ein Bauunternehmer das Haus hier hinplumpsen lassen, um es einem Umweltschützer heimzuzahlen, mit dem er in Fehde lebte. Die Wiese war büschelig und mit Unkraut übersät, wodurch es ziemlich schwer zu sagen war, wo die Landschaft endete und das Grundstück begann.
Der Junge sagte: »Kommen Sie, Mum wird Sie sich anschauen wollen.«
David beäugte das Haus vorsichtig. »Du hast gesagt, sie würden sich streiten.«
Der Knabe blickte David herausfordernd an. »Ich dachte, deswegen wollten Sie mich nach Hause bringen. Werden Sie etwa jetzt zum Schisser?«
David blickte auf den Jungen hinunter.
»Ich möchte Ihnen meine Autos zeigen«, sagte Mike jr.
»Was denn für Autos?«
Der Junge stemmte seine Hände in die Hüften. »Sind Sie irgendwie behindert oder so?«
»Das ist ein fieser Ausdruck.«
»Mum sagt das immer.«
»Das sollte sie nicht.«
Mike jr. zuckte die Achseln. »Sagen Sie’s ihr doch selbst.«
David seufzte. Er würde einen Monat hier verbringen. Selbst an einem so abgelegenen Ort würde er Mr. und Mrs. Shelby schließlich begegnen. Warum sollte er es nicht hinter sich bringen?
Sie durchquerten den Garten, in dem unzählige ausgebleichte Spielzeuge herumlagen wie die Leichen von Soldaten einer lange vergangenen Schlacht, hinauf auf die Veranda, die kreuz und quer mit leuchtender Straßenkreide bemalt war. Hellrosa Sonnen waren unter grünen und blauen Ungeheuern mit Schusswaffen kaum zu erkennen. Die Kreideumrisse von Mordopfern mit X als Augen lagen Pistolen schwingenden Werwölfen zu Füßen. David wurde an die Itchy und Scratchy-Cartoons erinnert und fragte sich, welche Art Erziehung die Shelbys wohl praktizierten.
David erwartete, erhobene Stimmen zu hören, als Mike jr. die Tür öffnete, aber stattdessen vernahm er laute Musik, nicht aus einer Stereoanlage – zu blechern –, sondern aus dem Fernseher. Und darunter …
Das muss doch ein Witz sein, dachte David.
Er folgte Mike jr. durch einen weiß gefliesten Flur voller nicht zueinanderpassender Schuhe und Sandalen, und als sie um eine Ecke kamen, wurden die Laute deutlicher.
Die Laute von Menschen, die heftigem Sex frönten.
Mit vor Säure brodelndem Magen folgte David Mike jr. am Aufgang einer Treppe vorbei. Auf der Rückseite des Hauses machte er eine Wand aus, die nur aus Fensterfläche bestand, der Rappahannock dahinter. Rechts befand sich eine geräumige Küche, strotzend vor Granit und rostfreiem Stahl. Linker Hand breitete sich das Wohnzimmer aus. Daraus drangen die Musik und das Gestöhne.
David tat sich schwer damit, das zu verarbeiten, was er hier sah.
Auf einem riesigen Rückprojektionsfernseher, die Sorte, die während der Präsidentschaft des jüngeren Bush in Mode gewesen war, fickte ein übermäßig gebräunter Typ mit einem blauen Irokesen eine blonde Frau mit baumelnden Titten in den Arsch.
Mike jr. nickte zu einer Ledercouch aus mehreren Einzelelementen hin, auf der eine Frau in ihren späten Dreißigern saß und auf den Porno starrte. Sie klammerte sich an ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit. Von ihr aus auf der anderen Seite des Zimmers lag ein Mädchen auf dem Boden, anscheinend ohne die Sexshow wahrzunehmen, und beschäftigte sich mit einem Mein kleines Pony-Malbuch.
»Wer ist denn unser Besucher?«, rief eine Stimme.
David wandte sich um und erblickte einen unscheinbaren Mann von vielleicht 40 Jahren. Er besaß eine Drahtgestellbrille, einen zurückweichenden Haaransatz und einen gnomenhaften Bauch. Seine Kleidung war konservativ, seine teuren Schuhe hatten eine Politur dringend nötig.
Über das Grunzen des Mannes mit dem Irokesen hinweg erklärte Mike jr.: »Das hier ist unser Nachbar.«
»Ah«, sagte der Mann. »Wird eine nette Abwechslung sein, jemanden nebenan zu haben.«
Auf dem gewaltigen Fernseher rollte sich die Frau auf den Rücken und trug ihrem Irokese tragenden Liebhaber auf, sie noch härter zu vögeln.
David kämpfte gegen eine Welle der Übelkeit an. Der Mann und der Junge sahen ihn weiterhin unbekümmert an. Die Frau auf dem Sofa fuhr ebenso unbekümmert fort, den Porno zu studieren.
Der Mann hob ein Glas. »Drink?«
»Ich …«, begann David, erkannte dann aber, dass er lauter sprechen musste, um über das Gegrunze hinweg gehört zu werden. »Ich muss mich wieder auf den Weg machen.«
Der Mann schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. »Wo sind bloß meine Manieren? Ich bin Michael Shelby. Wie ich sehe, haben Sie meinen Jungen getroffen.«
»Sie haben nette Arme«, sagte die Frau auf der Couch.
David drehte sich um, musterte sie und erinnerte sich mit einem innerlichen Zusammenzucken daran, dass sein Oberkörper ebenso unbekleidet war wie der von dem Typen mit dem Mohawk.
»Und harte Bauchmuskeln dazu«, sagte sie, als ihr Blick an Davids Torso hinabwanderte. Ihr elfenbeinfarbenes Kleid hing locker um ihre Brust – kein BH, soweit David sehen konnte – und war beinahe bis zu ihrem Schritt hinaufgezogen, Schenkel offenbarend, die kräftig und glänzend waren.
David wandte sich ab, sagte zu ihrem Ehemann: »Ich war gerade beim Laufen. Ich werde besser …«
Michael Shelby lächelte. »Wir haben hier andere Vorstellungen, Mister …«
»Caine«, half David ihm aus.
»Mr. Caine. Wir sind … ah … offener. Honey findet, das ist zu unser aller Bestem.«
»Honey?«
»Meine liebenswerte Ehefrau«, sagte Shelby und gestikulierte mit seinem Drink zur Couch. Ein Tropfen klarer Flüssigkeit spritzte auf Davids Turnschuhe. David wurde mit einem Mal klar, wie lallend Shelby gesprochen hatte.
Es ist erst früher Nachmittag, dachte er.
»Verheiratet, Mr. Caine?«, fragte Shelby gedehnt.
»Noch nie«, murmelte David. Er sah zu dem kleinen Mädchen mit dem Malbuch. Sie wirkte kränklich auf ihn. Ihre dunkle Ponyfrisur war an der Stirn unregelmäßig geschnitten. In ihren Mundwinkeln befanden sich rötliche Kool-Aid-Flecken. Er fragte sich, ob sie schon zu Mittag gegessen hatte. Oder eher gefrühstückt.
»Was ist jetzt mit dem Drink?«, fragte Shelby, eine Hand auf Davids Trizeps legend.
»Wie ich schon sagte …«, begann David, dann stockte er, als er das Rinnsal aus Blut bemerkte, das sich einen gewundenen Weg Shelbys Kinn hinab bahnte.
Davids Blick folgend wischte sich Shelby das Blut mit dem Handrücken ab, sah es sich an und grinste David ein wenig belämmert an. »Honey wird gern mal etwas handgreiflich.«
David warf dem kleinen Jungen, der die Männer hingebungsvoll beobachtete, einen Blick zu. »Mike jr. sagte, Sie und Ihre Frau hätten sich gestritten.«
Shelby lächelte.
