Das Geheimnis zweier Herzen - Anne Gracie - E-Book

Das Geheimnis zweier Herzen E-Book

Anne Gracie

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben ins Chaos stürzt …
Die fesselnde Regency Romance-Reihe für Fans von Olivia Drake geht weiter

England, 1818: Faith Merridew lässt ihr ganzes Leben für jenen Mann hinter sich, den sie für die Liebe ihres Lebens hält. Doch statt sie zu heiraten, zerstört er ihre Träume auf einen Schlag. In einem Moment größter Not begegnet ihr Nicholas Blacklock, ein Kriegsveteran, und bietet ihr einen Ausweg an, um ihren Ruf zu retten – eine Zweck-Ehe. Der verbitterte Soldat verbirgt jedoch ein tödliches Geheimnis. Aus genau diesem Grund versucht Nick seine Zukünftige auf Distanz zu halten. Doch obwohl er mit einem einzigen Wort ganze Legionen kommandierte, werden seine Anweisungen von seiner Braut starrköpfig ignoriert. Und als die beiden sich näher kennenlernen, bringt Faith in ihm Dinge hervor, die er lange für tot hielt: Sanftmut, Freude und … Liebe. Kann sie sein Schicksal, das er für in Stein gemeißelt hielt, ändern?

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits 2019 erschienenen Romans Wilder Retter meines Herzens

Weitere Titel dieser Reihe
Spiel zweier Herzen (ISBN: 9783968171623)
Das verlorene Herz der Lady (ISBN: 9783968170343)
Der verbotene Kuss des Lords (ISBN: 9783968171630)

Erste Leser:innenstimmen
„Genau richtig für verregnete Sonntage im Winter oder für Sonnenstunden am Strand.“
„Ein ungewöhnlicher und interessanter Historical-Roman!“
„Romantiker werden sicherlich ihre wahre Freude an dem neuen Regency Roman der Autorin haben!“
„für Fans von Julia Quinn und Patricia Cabot“
„Ich liebe den Schreibstil der Autorin, einfach wundervoll!“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 592

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses E-Book

England, 1818: Faith Merridew lässt ihr ganzes Leben für jenen Mann hinter sich, den sie für die Liebe ihres Lebens hält. Doch statt sie zu heiraten, zerstört er ihre Träume auf einen Schlag. In einem Moment größter Not begegnet ihr Nicholas Blacklock, ein Kriegsveteran, und bietet ihr einen Ausweg an, um ihren Ruf zu retten – eine Zweck-Ehe. Der verbitterte Soldat verbirgt jedoch ein tödliches Geheimnis. Aus genau diesem Grund versucht Nick seine Zukünftige auf Distanz zu halten. Doch obwohl er mit einem einzigen Wort ganze Legionen kommandierte, werden seine Anweisungen von seiner Braut starrköpfig ignoriert. Und als die beiden sich näher kennenlernen, bringt Faith in ihm Dinge hervor, die er lange für tot hielt: Sanftmut, Freude und … Liebe. Kann sie sein Schicksal, das er für in Stein gemeißelt hielt, ändern?

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits 2019 erschienenen Romans Wilder Retter meines Herzens

Impressum

Erstausgabe 2006 Überarbeitete Neuausgabe September 2021

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-932-2

Copyright © 2006 by The Berkley Publishing Group, a member of Penguin Group (USA) Inc. Titel des englischen Originals: The Perfect Stranger

Alle Rechte vorbehalten einschließlich der Wiedergabe im Teil oder Ganzen. © für die deutsche Übersetzung erschienen im CORA-Verlag in der Reihe Historical Gold, 2011, by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg.

Übersetzt von Andrea Härtel.

Dies ist eine digitale Neuausgabe des bereits 2019 bei dp Verlag erschienenen Titels Wilder Retter meines Herzens (ISBN: 978-3-96087-767-7)

Copyright © 2014, MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2014 bei MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH erschienenen Titels Wilder Retter meines Herzens (ISBN: 978-3-95649-015-6).

Übersetzt von: Andrea Härtel Covergestaltung: Miss Ly Design shutterstock.com: © kudanya periodimages.com: © Mary Chronis, VJ Dunraven Productions Korrektorat: Susanne Meier

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erste:r informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

YouTube

Das Geheimnis zweier Herzen

1. Kapitel

Lang und beschwerlich ist der Weg, der aus der Hölle zum Licht führt.

-John Milton-

In der Nähe von Calais, Frankreich, September 1818

Stimmen. Da waren Stimmen in der Dunkelheit, irgendwo in den Dünen. Männerstimmen.

Faith Merridew setzte sich auf. Ein Licht tanzte oberhalb von ihr über den Sand. Es bewegte sich langsam und stockend auf ihr Versteck zu.

„Où es-tu, ma jolie poulette? Wo bist du, mein hübsches Schätzchen?“ Der Mann, wer immer er auch sein mochte, klang betrunken.

Sie hörte, wie eine andere Person im Dunkeln stolperte und in einen der niedrigen Sträucher stürzte, die auf den Dünen wuchsen. Er fluchte. „Bist du sicher, dass sie dort ist?“, fragte er auf Französisch.

„Oui. Ich habe sie hineingehen und nicht wieder herauskommen sehen. Sie wartet in ihrem gemütlichen Nest auf uns.“ Der Sprecher lachte heiser auf, zwei andere Männer stimmten in sein Gelächter ein. Drei Männer also, wenn nicht noch mehr.

Faith wollte nicht abwarten, bis sie darüber Gewissheit hatte. Sie packte ihren handgewebten Wollumhang und ihr Retikül, duckte sich und fing an zu laufen, so schnell sie konnte.

Hinter ihr lag die Stadt und vor ihr – wer wusste das schon? Sie hatte jedoch nicht vor, in die Stadt zurückzukehren, schon gar nicht bei Nacht. Die Stadt bot ihr auch keine Zuflucht, das hatte sie bereits auf unangenehme Weise zu spüren bekommen. Die Stadt war voll von Männern wie diesen hier. Männer, die sie überhaupt erst dazu gebracht hatten, sich in den Dünen zu verstecken.

Es gab keine Alternative. Sie lief auf den Strand zu.

„Là-bas! Da unten!“ Sie hatten sie entdeckt und nahmen die Verfolgung auf.

Es gab keinen Grund mehr, sich möglichst lautlos zu verhalten. Sie fing an zu rennen, quer durch die struppigen Büsche und das Dünengras. Ihr Rock blieb an kleinen Ästen und spitzen Dornen hängen. Faith zerrte ihn frei, raffte ihn hoch und rannte weiter. Die Dornen zerkratzten ihre Beine, doch sie merkte es nicht. Hinter ihr trampelten die Männer durch das Gestrüpp, der Abstand zwischen ihnen und Faith verringerte sich.

In diesem Moment stolperte sie über eine Wurzel und stürzte. Ein greller Schmerz durchzuckte ihr Gesicht. Einen Moment lang versuchte sie vergeblich zu atmen, doch dann strömte die Luft wieder in ihre Lungen, und Faith richtete sich mühsam auf.

Sie lauschte in die Richtung, wo sie ihre Verfolger vermutete, und in dem Moment hörte sie etwas anderes. Musik. Leise, aber ganz in der Nähe.

Wo Musik war, waren auch Menschen. Menschen, die ihr vielleicht helfen würden. Oder auch nicht. Vielleicht waren sie ja wie die Männer in der Stadt oder wie die, die sie jetzt verfolgten.

Ihr blieb keine andere Wahl. Sie konnte sich nicht einfach wie ein Hase von der Meute jagen lassen. Sie musste es riskieren. Sie würde weiterrennen, geradewegs auf die Musik zu, und beten, dass sie dort Rettung fand.

In der Musik hatte sie schon einmal Zuflucht gesucht. Und letztlich war sie ihr Untergang gewesen.

Um noch schneller laufen zu können, rannte sie jetzt über den offenen Strand auf das Meer zu, dorthin, wo der Sand am festesten war. Bei jedem Schritt schmerzte ihr Knöchel unerträglich. Sie hörte Schreie hinter sich, als ihre Verfolger sie entdeckten. Faith rannte, rannte um ihr Leben, immer weiter in die Richtung, aus der die Musik ertönte.

Ihre schweren Stiefel behinderten sie. Im dornigen Gestrüpp hatten sie ihre Füße geschützt – ihre eigenen dünnen Schuhe hätten das nie vermocht –, aber jetzt sog der Sand förmlich an ihnen. Faith hatte keine Zeit, stehen zu bleiben und die Stiefel auszuziehen. Ihr Atem ging keuchend, sie verspürte Stiche in der Seite, aber sie achtete nicht darauf.

Sie umrundete eine kleine Landzunge. Ein Feuer flackerte am Fuß der Dünen. Schwer atmend rannte sie darauf zu. Ein Lagerfeuer mit einem Kessel darüber. Fischer?

Eine einsame Gestalt saß am Feuer und spielte leise auf der Gitarre – eine spanisch anmutende Weise, die wie perlendes Wasser oder Wein in die Nacht hinausströmte. Ein Mann. Ein Zigeuner? Ein riesiger Hund erhob sich aus dem Schatten. Faith erstarrte. In der vergangenen Woche waren bereits zweimal Hunde auf sie gehetzt worden. Dieser hier war so groß, dass er ihr sicher mühelos die Kehle durchbeißen konnte.

„Là-bas!“ Ihre Verfolger stürmten um die Landzunge herum. Nichts, nicht einmal ein Höllenhund, konnte schlimmer sein als das, was diese Männer vorhatten. Das schiere Entsetzen trieb sie weiter voran.

„Aidez-moi!“, keuchte sie, als sie auf den Mann zu stolperte. „Aidez-moi, je vous implore! Helfen Sie mir, ich flehe Sie an!“

Die Musik verstummte. Aus dem leisen Knurren des Hundes wurde wütendes Gebell.

„Aus, Wulf!“ Das tiefe Bellen hörte augenblicklich auf, obwohl der Hund weiter knurrte.

„Aidez-moi!“, wiederholte sie mit letzter Kraft, kaum lauter als ein Flüstern.

Doch der Mann hatte sie gehört. Er streckte die Hand nach ihr aus. Ein Rettungsanker! „Viens ici, petite“, war alles, was er sagte. „Komm her, Kleine.“

Seine Stimme klang tief, ruhig und sicher, und sie schien irgendetwas tief in Faiths Innern anzusprechen. Und so, trotz der Tatsache, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte, trotz des knurrenden Ungeheuers an seiner Seite, nahm sie ihre letzte Kraft zusammen und schwankte auf ihn zu. Er war so groß und stark, und sie fand, dass seine Stimme fest und zuversichtlich klang. Er konnte kaum grausamer sein als die, die hinter ihr her waren, und außerdem war sie mit ihren Kräften am Ende.

Wieder verfing sich ihre Stiefelspitze im Gestrüpp. Sie knickte mit ihrem verletzten Knöchel um und prallte gegen den Mann. Er hielt sie zwar fest an seine Brust gedrückt, aber durch die Wucht des Aufpralls verlor er das Gleichgewicht und fiel rücklings in den Sand.

Einen Moment lang lag sie erschöpft und nach Luft ringend auf seiner breiten, festen Brust. Der Mann rührte sich nicht, als hätte ihm der Sturz ebenfalls den Atem verschlagen. Er hatte die Arme um sie geschlungen, und sie spürte seine harten, kräftigen Muskeln. Er roch frisch und sauber, nach Salz, Rauch und Seife.

Der Hund bellte wieder, doch jetzt wurde seine Aufmerksamkeit in die Dunkelheit gelenkt. Ihre Verfolger mussten fast hier sein.

Während Faith sich mühsam aufrichtete, suchte sie nach den richtigen französischen Worten, um ihm alles erklären und ihn um Hilfe bitten zu können. Aber nicht ein einziges Wort wollte ihr einfallen. Sie kniete sich neben ihn in den Sand und versuchte angestrengt, sich zu konzentrieren.

Seine Gesichtszüge lagen im Schatten. „Mademoiselle?“, fragte er beinahe schroff.

Sie öffnete hilflos den Mund – und schloss ihn wieder. „Es tut mir leid, es tut mir so leid“, flüsterte sie auf Englisch. „Mir fallen die Worte einfach nicht ein. O Gott!“

„Sie sind Engländerin!“, entfuhr es ihm, und er stand abrupt auf. Er kam ihr unglaublich groß vor.

Faith nickte. „Ja. Ja, das bin ich. Und Sie …?“ Seine Worte durchdrangen endlich den Nebel in ihrem Gehirn. Er war ebenfalls Engländer.

„Gott sei Dank. Gott sei Dank!“, hauchte sie, obwohl ihr schleierhaft war, warum sie sich bei ihm sicherer fühlen sollte, nur weil er sauber und noch dazu Engländer war. Und doch war es irgendwie so.

Der Hund fing erneut wütend zu bellen an, und Faith riss sich zusammen. „Diese Männer werden jeden Moment hier sein …“

Er wandte den Blick nicht von ihr ab, bückte sich und streckte die Hand nach ihr aus. „Können Sie aufstehen?“ Ganz am Rande nahm sie wahr, dass er ohne jeglichen Akzent sprach, genau wie ein Gentleman.

Sie nickte, obwohl sie am ganzen Leib zitterte, und er half ihr mit festem Griff, auf die Beine zu kommen. Ängstlich starrte sie in die Dunkelheit. Der Hund knurrte und fletschte die Zähne. Er spürte eindeutig ihre Verfolger, obwohl die sehr leise geworden waren. „Genug, Wulf!“ Der Hund gehorchte, und Stille breitete sich aus.

Vor dem schimmernden Hintergrund des Meeres zeichneten sich undeutlich drei Gestalten ab.

„Sie sind hinter mir her.“

„Das habe ich bereits vermutet. Aber warum? Haben Sie ihnen etwas gestohlen?“

„Nein!“, widersprach sie empört. „Sie wollen … Sie glauben … Sie denken, ich wäre …“

Er betrachtete sie mit einem kühlen, abschätzenden Blick. „Ich verstehe“, erwiderte er knapp.

Er dachte das Gleiche wie die Männer, das hörte sie seinem Tonfall an. Sie senkte den Kopf, zu gedemütigt, um sprechen zu können.

„Setzen Sie sich dorthin, ans Feuer. Ich kümmere mich um sie.“

„Aber es sind drei Männer! Vielleicht sogar noch mehr!“

Er lächelte beinahe grausam und entblößte dabei schimmernde Zähne. „Gut.“

Gut? Faith wünschte, sie hätte seine Gesichtszüge deutlicher sehen können. Was meinte er bloß damit – gut?

Aus der Dunkelheit ertönte eine raue Männerstimme auf Französisch. „He, Sie da! Die Frau gehört uns.“

„Oui, geben Sie sie uns zurück, dann machen wir auch keine Schwierigkeiten“, fügte ein anderer hinzu.

Der große Mann antwortete ebenfalls auf Französisch. „Die Frau gehört mir.“ Der Hund knurrte, als wollte er diese Worte noch unterstreichen.

Die Frau gehört mir. Das unerbittliche Feststellen einer Tatsache. Faith erschauerte. Musste sie jetzt vor vier Männern fliehen, anstatt vor drei? Sie sah zu ihm auf, eine große, gesichtslose Silhouette vor dem Feuer. Ihr Zorn regte sich. Sie gehörte keinem Mann. Seit sie Felix verlassen hatte, dachten alle möglichen Männer anscheinend, sie könnten sich einfach bedienen. War das wirklich erst zehn Tage her? Ihr erschien es eher wie ein nicht enden wollender Albtraum, der von Mal zu Mal schlimmer wurde.

Der erste Mann fluchte. „Das Flittchen gehört uns, wir haben es zuerst gefunden.“ Er spuckte aus. „Sie können die Frau haben, wenn wir mit ihr fertig sind.“

Sie hatten vor, sie sich zu teilen? Großer Gott! Faith fing wieder an zu zittern. Sie sah sich nach einer Waffe um, einem Messer vielleicht oder einem dicken Stock, aber sie konnte nichts Nützliches entdecken. Die dicksten Äste waren ins Feuer geworfen worden. Sie würde fliehen müssen. Wieder einmal. Ihr Seitenstechen hatte aufgehört und ihr Atem ging – fast – wieder regelmäßig. Das Gesicht tat ihr weh und der Knöchel schmerzte, aber alles in allem war sie besser imstande zu rennen als noch vor kurzer Zeit. Sie beugte sich unauffällig nach vorn und begann, ihre schweren Stiefel aufzuschnüren. Im Sand würde sie barfuß schneller sein.

Der Hüne bückte sich und packte ihr Handgelenk. „Lassen Sie das“, forderte er sie sanft auf und zog sie wieder zu sich hoch. „Sie werden nicht weglaufen müssen. Sie haben mein Wort, dass Sie in Sicherheit sind.“

Lauter und mit einem drohenden Unterton rief er den Männern zu: „Dieses Mädchen gehört zu mir, und ich werde es mit niemandem teilen. Es bleibt bei mir.“ Er wandte sich leise an Faith. „Sehen Sie die Satteltaschen dort drüben auf der Decke neben der Gitarre? In ihnen befinden sich zwei Pistolen. Holen Sie sie mir, seien Sie ein braves Mädchen. Ich will diese Schurken nicht aus den Augen lassen.“

Seien Sie ein braves Mädchen? Das klang nicht gerade so, als wollte er ihr Gewalt antun.

„Wir haben sie zuerst entdeckt!“, rief einer der Männer wütend.

„Sie wollen sie haben? Dann kommen Sie und holen sie sich. Aber vorher werden Sie mich umbringen müssen.“ Zu Faiths Erstaunen lächelte er erneut. Doch an diesem Lächeln war nichts Freundliches oder Belustigtes. Es war eher wie eine zähnefletschende Vorfreude auf einen Kampf.

Hämisches Gelächter ertönte. „Pah, wir sind drei gegen einen, Engländer! Wir werden Sie an die Fische verfüttern!“

Wieder lächelte Faiths Engländer dieses schreckliche Lächeln, als wollte er sagen: Wir werden ja sehen.

Faith fand die Pistolen, eilte zu ihm zurück und drückte sie ihm in die Hände. Die Männer im Schatten murmelten etwas, als diskutierten sie miteinander. Oder schmiedeten einen Plan.

Er prüfte die Pistolen ohne Eile. Faith starrte ihn an und bewunderte seine Ruhe. Einer gegen drei! Er war groß und breitschultrig, aber nicht so stämmig wie die drei anderen. Wahrscheinlich waren sie die Sorte von Rohlingen, die bis an die Zähne mit Messern bewaffnet waren, und obwohl der Engländer zwei Pistolen hatte, konnte er damit bestenfalls auch nur zwei der Angreifer unschädlich machen. Diese schrecklich ungleich verteilten Chancen schienen ihn nicht im Geringsten zu beunruhigen.

Plötzlich empfand sie so etwas wie Selbstverachtung. Dieser Mann, ein Fremder, dessen Namen sie nicht einmal kannte, setzte sein Leben für sie aufs Spiel. Sie sollte sich nicht hinter ihm verschanzen und es ihm und seinem Hund überlassen, sie vor den Angreifern zu beschützen. In der letzten Woche hatte sie den Vorsatz gefasst, endlich zu lernen, auf sich selbst aufzupassen und nicht mehr von anderen abhängig zu sein – um nichts auf der Welt! Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, ihren Vorsatz zu beherzigen.

Sie lief zum Feuer, wählte einen dicken langen Ast aus, der an einem Ende noch brannte, und zog ihn aus den Flammen. Sie bemühte sich, ihr Zittern unter Kontrolle zu bringen und trat neben ihren unbekannten Helden.

„Ich werde ebenfalls kämpfen“, rief sie und schüttelte den brennenden Ast in die Richtung der nur schemenhaft zu erkennenden Franzosen.

Ihr Beschützer lachte schallend auf, dieses Mal mit echter Belustigung. „Recht so!“ Er hob die Stimme. „Ein Mann, ein Mädchen und ein Hund! Drei gegen drei! Also kommt schon, ihr Schurken, und zeigt, aus welchem Holz ihr geschnitzt seid!“

Faith schwenkte den Ast und hoffte, dabei Furcht einflößend zu wirken. Der Feuerschein des brennenden Endes fiel auf die Züge ihres Beschützers, und zum ersten Mal konnte sie sein Gesicht sehen. Der Eindruck von Stärke drängte sich auf. Eine kühne Nase. Dunkles Haar, dicht und zerzaust, das einen Haarschnitt gebrauchen konnte. Hohe Wangenknochen. Ein energisches, unrasiertes Kinn mit dunklen Bartstoppeln. Seine Augen glänzten im Flammenlicht, fast, als freute er sich auf einen Kampf. Was natürlich absurd war.

Er hob erst eine Pistole an, dann die andere. Silberne Zwillingsläufe blinkten auf. Er schwenkte sie mit einer erfahrenen Gelassenheit, die sogar Faith auffiel. Die drei Männer im Dunkeln waren auf einmal ganz still.

„Nicht mehr ganz so mutig, was, ihr Helden?“ Seine Miene wurde grimmig. „Dann verkriecht euch wieder in die Gosse, aus der ihr gekommen seid, oder ihr lernt englisches Metall kennen!“

Faith wartete, den Atem anhaltend, ab. Natürlich bluffte er nur. Auf die Entfernung und im Dunkeln konnte er unmöglich treffen. Wenn jemand eine offene Zielscheibe darbot, dann er, vor dem Hintergrund der lodernden Flammen.

Das Schweigen zog sich in die Länge. „Also gut, Monsieur, Sie haben gewonnen“, rief schließlich einer. Schwere Schritte zermalmten das Gestrüpp und entfernten sich. Faith atmete erleichtert auf.

„Bewegen Sie sich nicht“, flüsterte der hochgewachsene Mann an ihrer Seite. Er stand genauso angespannt da wie sein Hund, den Kopf konzentriert zur Seite geneigt.

Faith erstarrte.

„Werfen Sie den Ast weg und kauern Sie sich tief auf den Boden“, befahl er ihr leise. „Ich will Sie aus der Schusslinie haben.“

Sie schleuderte den Ast in den Sand und duckte sich ganz tief, während sie angestrengt in die Dunkelheit starrte. Die Ohren des Hundes zuckten. Der Engländer schloss die Augen und lauschte in die Nacht hinaus. Faith hörte nichts.

Umso heftiger schrak sie zusammen, als er plötzlich über ihren Kopf hinweg ins Dunkel feuerte. Ein Schmerzensschrei ertönte, gefolgt von wüsten Verwünschungen.

„Guter Schuss, aber kannst du auch an drei Fronten kämpfen?“, höhnte einer der Männer.

„Es ist mir ein Vergnügen“, erwiderte er und schoss in die Richtung, aus der die Stimme ertönt war. Ein neuerlicher Schwall von Flüchen.

„Zum Teufel, Engländer, wie kann man so genau zielen? Es ist stockfinster!“

„Der Teufel ist in der Tat auf meiner Seite, und ich kann im Dunkeln sehen“, gab er ruhig zurück. Er warf eine der Pistolen auf die Decke und wandte sich an Faith. „Holen Sie mir auch einen brennenden Ast.“

Sie beeilte sich, ihm zu gehorchen, und als sie ihm den Ast reichte, sah sie im Feuerschein eine bösartig wirkende Klinge aufblitzen. Die Franzosen waren also nicht die Einzigen, die Messer bei sich hatten. Er hob den Ast hoch und schwenkte ihn so mühelos über seinem Kopf, als wäre es nur ein Grashalm. Funken sprühten, aber er achtete nicht darauf. „Kommt her, ihr Feiglinge, zeigt euch!“ Er tat einen Schritt nach vorn. Faith bückte sich nach ihrem eigenen Ast, um ihm zu folgen. „Sie bleiben hier“, forderte er sie auf. „Sie würden mir nur im Weg sein.“

Er ging weiter und schwenkte den Ast, schneller und immer schneller. Seine grimmige Entschlossenheit war faszinierend – ein mythischer Krieger, umgeben von Flammen und mit einem Hund an seiner Seite, der direkt der Hölle entsprungen zu sein schien.

Der Engländer sah über alle Maßen furchterregend aus. Und über alle Maßen prachtvoll.

Plötzlich schleuderte er den Ast auf eine schemenhafte Gestalt, und schon stürzten sich die beiden anderen auf ihn. Den einen wehrte er mit einem Tritt ab, den anderen mit einem Fausthieb ins Gesicht. Faith konnte kaum erkennen, was sich abspielte; da waren nur Schatten und schreckliche Geräusche – Fausthiebe, brechende Knochen und das Keuchen der kämpfenden Männer.

Es war unglaublich, aber ihr Engländer schien zu gewinnen. Dem größten der Männer verpasste er zwei furchtbare Schläge, hob ihn dann scheinbar mühelos auf und schleuderte ihn ins Gestrüpp. Der Rohling schrie auf, als er in einem Dornbusch landete.

Während ihr Beschützer mit dem anderen Mann kämpfte, schlich sich der dritte von hinten an ihn ran. Ein Messer blinkte auf. Faith gab einen Warnschrei von sich. Der Engländer packte seinen Gegner, fuhr mit ihm zusammen herum und stieß ihn in das gezückte Messer des anderen Angreifers. Ein weiterer Aufschrei und neuerliche Flüche.

Und dann herrschte plötzlich Stille. „Behalte sie doch, Engländer“, stöhnte einer der Männer. „Ich hoffe, sie steckt dich mit den Pocken an!“ Die drei Angreifer verschwanden schwankend in der Dunkelheit.

Mann, Frau und Hund warteten, bis keinerlei Rückzugsgeräusche mehr zu vernehmen waren. Der Hund hörte auf zu knurren, seine gesträubten Nackenhaare legten sich, und schon bald waren nur noch das Knistern des Feuers und das entfernte Rauschen der Brandung zu hören.

„Sie sind fort“, stellte der Mann knapp fest.

„S…sind Sie sicher?“

„Ja. Beowulf wäre nicht so entspannt, wenn noch irgendjemand in der Nähe wäre, nicht wahr, Wulf?“ Der Hund sah erst zu ihm auf, dann zu Faith. Er knurrte leise und fletschte die beeindruckenden Zähne. Faith erschauerte. Das furchterregende Geschöpf war riesig, fast so groß wie ein kleines Pferd, und struppig. Beowulf? Er sah eher aus wie eines der legendären Ungeheuer, die der angelsächsische Held gleichen Namens bekämpft hatte.

„Keine Angst. Er mag Frauen nicht, aber er wird Ihnen nichts zuleide tun. Und? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, vielen Dank. Doch was ist mit Ihnen, sind Sie verletzt?“

„Ich? Natürlich nicht.“ Er sagte das, als wäre allein der Gedanke völlig absurd.

Als ihr klar wurde, dass sie in Sicherheit war, begann sie plötzlich wieder am ganzen Leib zu zittern. „D…danke, dass Sie mich g…gerettet haben.“ Vollkommen unzulängliche Worte angesichts dessen, was er für sie getan hatte.

„Nicholas Blacklock, zu Ihren Diensten.“ Er streckte die Hand aus, und Faith legte ihre in seine. Auch ihre Hand zitterte wie Espenlaub.

Als er es merkte, runzelte er die Stirn und drückte ihre Hand fester. „Es ist vorbei, Ihnen kann nichts mehr passieren.“ Bei ihm klang das fast wie ein Befehl.

„Ja.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ich weiß.“

Er begutachtete ihr Gesicht, und seine Miene verfinsterte sich. „Kommen Sie mit ans Feuer, Ihr Gesicht muss behandelt werden. Können Sie laufen?“

„Ja, natürlich.“ Sie machte Anstalten, aufs Feuer zuzugehen, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund schienen ihre Beine sie nicht zu tragen. Ein Schreckenslaut entfuhr ihr, als sie stolperte und beinahe hingefallen wäre.

Er fluchte leise, und ehe Faith sich versah, hatte er sie auf die Arme gehoben und trug sie ans Feuer.

Nick nahm ein Aufflackern in ihrem Blick wahr – Angst? Überraschung? Sie erstarrte in seinen Armen, als bereitete sie sich zur Flucht vor. Er umfasste sie fester. „Kleine Närrin!“, grollte er. „Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie verletzt sind? Ihrem Gesicht kann ich das ansehen, aber nicht Ihren Beinen!“

Sie warf ihm einen unsicheren Blick zu, entspannte sich aber ein wenig. Die Arme ließ sie hängen, als wüsste sie nicht, was sie mit ihnen tun sollte. Doch dann legte sie einen Arm um seinen Nacken – und sah Nick dabei argwöhnisch an. Als er keinen Einwand erhob, wurde sie mutiger und hielt sich mit der anderen Hand krampfhaft an seiner Hemdbrust fest, aus Furcht, er könnte sie fallen lassen. Sie ist es nicht gewohnt, von einem Mann getragen zu werden, dachte er.

Und das überraschte ihn. Ihr grünes Kleid war tief genug ausgeschnitten, um zierliche, aber durch und durch weibliche Rundungen erkennen zu lassen. Es war aus Seide oder irgendeinem anderen edlen Stoff, auch wenn es fleckig und an einigen Stellen eingerissen war. Ihr Umhang hingegen war dick, kratzig und schwer; handgesponnene Wolle, vermutete er. Eine völlig unpassende Zusammenstellung.

Wie sie sich so an seine Brust schmiegte, konnte er nicht umhin, ihren Duft einzuatmen. Sein Körper reagierte genau wie beim ersten Mal, als sie ihn hintenüber in den Sand geworfen hatte. Erregt. Spontan und heftig. Unwillkürlich blähten sich seine Nasenflügel auf, als er ihren Duft wie ein witterndes Tier einsog.

Ein Glück, dass es so dunkel war; er hatte keine Macht über seinen Körper. Nick zwang sich, sich auf dieses Rätsel zu konzentrieren. Sie duftete frisch, weiblich. Nicht ein Hauch von Parfum, nur ihr ganz eigener Duft, der ihn so erregte. Sie sah aus wie ein zerlumptes Straßenmädchen, ihre Kleidung war schmutzig und zerrissen, und doch roch sie frischer als eine ganze Reihe von feinen Damen, die ihm in den Sinn kamen. Zu viele Leute, die er kannte, überschütteten sich mit Parfum, anstatt sich zu waschen. Dennoch war es diesem verwahrlosten kleinen Geschöpf gelungen, sich selbst in dieser Ausnahmesituation sauber zu halten.

Törichte Frau! Was zum Teufel hatte sie überhaupt in diesen französischen Dünen zu suchen? Ein missratenes Stelldichein? Das bezweifelte er. Trotz ihrer grotesken Kleidung kam sie ihm nicht wie ein Straßenmädchen vor. Aber was war sie dann?

Sie klang, als wäre sie von vornehmer Abstammung. Ihre Sprache war frei von jedwedem Dialekt, selbst in Augenblicken größten Entsetzens. Nicks Erfahrung nach fielen alle affektierten Angewohnheiten von den Menschen ab, sobald sie Todesangst verspürten. Also war ihre gewählte Ausdrucksweise etwas ganz Natürliches für sie.

Allerdings gingen wohlerzogene englische junge Damen nirgendwo ohne Begleitung hin, und sie trieben sich schon gar nicht nach Anbruch der Nacht allein in französischen Dünen herum.

Mit dem Fuß schob er die Gitarre zur Seite, die er bei ihrem ersten Hilferuf fallen gelassen hatte, und setzte die Unbekannte auf die Decke am Lagerfeuer.

Eine Weile beobachtete er sie, während sie mit zitternden Händen versuchte, ihre Kleidung zu ordnen, ihr Haar nach hinten zu streichen und wieder einigermaßen Haltung anzunehmen. Sie war zierlich und sah ziemlich ramponiert aus. Ihre Nase schälte sich, ihre Haut war fleckig und voller Kratzer, und ihr ganzes Gesicht wirkte irgendwie schief. Durch eine erhebliche Schwellung, wie er bei genauerem Hinsehen feststellte. Ihr Haar war zu einem straffen Knoten zusammengefasst, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten.

Sie wog nicht viel. Sie ist auch nicht gerade eine Augenweide, dachte er, und wieder wunderte er sich über die Reaktion seines Körpers. Das einzig wirklich Schöne an ihr waren diese großen Augen mit den langen, dunklen Wimpern. Klar wie Quellwasser und jeden einzelnen ihrer Gedanken widerspiegelnd. Es waren Augen, in denen sich ein Mann verlieren konnte – wenn er das denn wollte. Nick hatte nicht vor, sich in den Augen irgendeiner Frau zu verlieren.

Und dann war da noch ihr Mund. Ihren Mund konnte er kaum ansehen. So weich, so verführerisch, so verletzlich … Er hatte noch nie einen Mund gesehen, der mehr zum Küssen einlud. Aber auch das hatte er natürlich nicht vor.

„D…danke. Es tut mir leid, ich wollte nicht …“ Ihre Stimme brach, und Nick bereitete sich im Stillen auf einen hysterischen Anfall vor.

Sie überraschte ihn damit, dass sie tief durchatmete und sich zusammennahm. Mit bebender Stimme sagte sie: „Es tut mir sehr leid, dass ich Sie in meine Schwierigkeiten mit hineingezogen habe, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie mir beigestanden haben. Sie waren so mutig und haben so viel aufs Spiel gesetzt für …“

„Unsinn“, unterbrach er sie schroff. „Ich bin … war Soldat. Ich habe nichts gegen einen Kampf, und diese drei waren wohl kaum eine ernsthafte Bedrohung.“ Ihre Unterlippe zitterte. Nick fasste in seine Manteltasche und zog eine kleine Flasche heraus. „Hier, trinken Sie. Das wird Ihre Nerven beruhigen.“

„Aber ich …“

„Selbst abgehärtete Soldaten fangen manchmal nach einer Schlacht zu zittern an.“ Er drückte ihr die flache silberne Flasche in die Hand. „Widersprechen Sie nicht, trinken Sie.“

Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Er verdrehte ungeduldig die Augen. „Ich habe nicht vor, Sie betrunken zu machen, Mädchen! Tun Sie einfach, was ich Ihnen gesagt habe, und trinken Sie einen Schluck oder zwei. Es wird Ihnen guttun. Es beruhigt die Nerven und wärmt Sie auf.“

„Mir ist nicht kalt“, widersprach sie, nahm die Flasche aber trotzdem an.

Er kauerte sich vor sie und griff nach ihrem Rocksaum.

„Aufhören! Was machen Sie da?“, rief sie und versuchte, seine Hand wegzuschieben.

Er hielt ihre Hände fest und sah sie streng an. „Seien Sie nicht albern! Wie, zum Teufel, soll ich mir Ihren Knöchel ansehen, wenn ich den Rock nicht etwas anhebe?“

Sie bedachte ihn mit einem aufgebrachten Blick. „Warum wollen Sie sich meinen Knöchel ansehen?“

„Weil er verletzt ist natürlich!“

Sie sah zweifelnd auf ihren Knöchel. „Er schmerzt tatsächlich, ziemlich stark sogar“, gab sie zu und klang dabei fast überrascht.

Er kam zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich zu große Angst gehabt hatte, um den Schmerz spüren zu können. Das war nicht ungewöhnlich. Die Leute bemerkten ihre Verletzungen erst, wenn der Kampf vorbei war. Er ließ ihre Hände los und griff nach der Flasche, die sie vor Schreck hatte fallen lassen. „Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen trinken! Das hilft auch gegen die Schmerzen.“

Die Flasche war aus Silber, zerkratzt, zerbeult und noch warm, weil er sie an seinem Körper getragen hatte. Faith schraubte den Verschluss auf und führte das Gefäß an die Lippen. Flüssiges Feuer rann durch ihre Kehle, und sie fing prompt zu würgen und zu husten an, bis es sich in ihrem leeren Magen ausbreitete.

„W…was war das?“, keuchte sie, sobald sie wieder Luft bekam. „Das habe ich noch nie getr…“

„Brandy. Nicht gerade ein Getränk für eine Dame, aber Sie brauchten das nach dem Schock, den Sie erlitten haben.“

Sie wischte sich über ihre tränenden Augen. „Sie meinen, Sie ersetzen einen Schock durch einen anderen.“ Ihre Stimme klang heiser vom Husten, aber Nick entging ihr tapferer Versuch, einen Scherz zu machen, dennoch nicht.

„Sie werden das schon überstehen“, erwiderte er sanft.

Die ruhigen, fast anerkennend klingenden Worte taten ihr gut. Irgendetwas war an der Art, wie er sprach – etwas Bezwingendes. Er hatte gesagt, er wäre Soldat gewesen. Ein Offizier, vermutete sie. Er strahlte sie aus, diese natürliche Gewohnheit, Befehle zu erteilen.

Jetzt, nachdem das erste Brennen des Brandys verflogen war, breitete sich eine wohlige Wärme in ihr aus. Sie konnte spüren, wie sich ihre Nerven beruhigten.

„Ich danke Ihnen.“ Als sie ihm die Flasche zurückgab, sah sie seine aufgeschrammten Fingerknöchel, Folgen des vorangegangenen Kampfes. „Ihre Hände …“, begann sie.

Er zuckte mit den Achseln. „Das ist nichts.“ Er setzte die Flasche an die Lippen – genau dort, wo ihre eigenen Lippen die Flasche noch vor wenigen Augenblicken berührt hatten – und nahm einen kräftigen Schluck, ohne auch nur ein einziges Mal zu husten. „Wie heißen Sie?“

Faith zögerte.

„Ich habe Ihnen meinen Namen bereits genannt, Nicholas Blacklock“, erinnerte er sie.

„Faith Merrid … Merrit“, korrigierte sie sich rasch. Es war nicht gut, ihren wirklichen Namen zu nennen. Schlimm genug, dass sie Schande über sich selbst gebracht hatte, aber den guten Ruf ihrer Schwestern wollte sie nicht auch noch schädigen.

„Sehr erfreut, Miss … Merrit.“ Die bewusste Pause verriet ihr, dass er ihre Korrektur bemerkt hatte, aber er sagte nichts weiter dazu. „So, und nun lassen Sie mich Ihren Knöchel untersuchen.“

Faith zuckte zusammen, als er seine sehnigen Hände unter ihren Rock schob und die zarte Haut ihrer Kniekehlen berührte. „Was …?“

„Ich wollte Ihr Strumpfband lösen und Ihnen den Strumpf ausziehen.“ Er sagte das ganz gelassen, obwohl er sofort gespürt haben musste, dass sie gar keine Strümpfe trug.

Faith ließ den Kopf hängen. Keine anständige Frau würde ohne Strümpfe herumlaufen. „Meine Strümpfe waren voller Löcher. Ich habe sie benutzt, um die Stiefel auszupolstern.“

„Ich verstehe.“ Er hob ihren Rock an und legte ihn über ihre Knie. Tödlich verlegen versuchte Faith, den Rock wieder hinunterzuziehen, doch Blacklock hielt sie mit einem einzigen Blick davon ab. Wie schaffte er das bloß?

Der Feuerschein fiel auf ihre Beine, und um Blacklocks Lippen trat ein angespannter Zug, als er anfing, ihr die Stiefel aufzubinden. Sie wusste sofort, was er dachte. Keine Dame würde so grobes Schuhwerk tragen.

„Meine eigenen Schuhe waren viel zu dünn und leicht. Ich habe sie gegen die Stiefel eingetauscht“, murmelte sie. Er antwortete nicht.

Behutsam legte er eine Hand unter ihre Wade und zog ihr vorsichtig erst den einen, dann den anderen Stiefel aus. Faith hörte, wie er geräuschvoll den Atem einsog. Langsam löste er die Strümpfe, die sie sich um die Füße gewickelt hatte, und hielt sofort inne, als sie zusammenzuckte.

Er richtete sich auf und sah sie aufgebracht an. „Wie um alles in der Welt sind Sie in diesen Zustand geraten?“ Er sprach vollkommen ruhig, dennoch spürte sie den Zorn tief in seinem Innern.

Sie wandte den Blick ab. „Schlechte Menschenkenntnis.“

„Wer kümmert sich um Sie?“

„Niemand.“

Er brummte etwas Unverständliches vor sich hin, zog seine eigenen Stiefel aus und legte seinen Mantel ab. Als sie sich gerade nervös fragte, was er wohl als Nächstes ausziehen würde, bückte er sich und hob sie wieder auf seine Arme.

„Was …?“ Sie klammerte sich an ihn.

„Ich bringe Sie hinunter zum Meer.“ Er klang wütend. „Das Salzwasser wird höllisch brennen, aber es wird Ihre Füße und Beine besser säubern als alles andere.“

„Ich weiß, dass sie schmutzig sind, aber das ist kein Grund, so verärgert zu sein. Ich habe Sie schließlich nicht darum gebeten, mir die Schuhe auszuziehen.“

„Schmutzig! Nur wenn man Ihre Füße in Wasser einweicht, bekommt man diese verdammten Lumpen ab. Sie kleben vor lauter Blut an Ihrer Haut fest!“

„Ach.“

„Und Ihre Beine sind übersät von Kratzern und Schnitten.“

„Ich habe beim Laufen meinen Rock gerafft. Der Stoff blieb ständig an den Dornen hängen. So ist es wahrscheinlich passiert.“

„Aber ja!“, stieß er empört hervor. „Gott bewahre, dass ein schäbiger alter Rock an ein paar Dornen hängen bleibt! Da ist es doch viel vernünftiger, sich die Haut in Fetzen reißen zu lassen!“

„Das war nicht der Grund“, antwortete sie, mit aller Würde, die sie aufzubringen vermochte. „Mein Rock behinderte mich, ich konnte nicht schnell genug rennen.“

Er schnaubte. „Und was ist mit den Stiefeln? Ihre Füße sind voller Blasen!“

„Ich hatte einen langen Weg vor mir“, begann sie, verstummte dann aber. Das ging ihn nichts an. Er hatte keinen Grund, böse auf sie zu sein. Das waren ihre Füße, ihre Beine und ihre Stiefel. Wenn ihm ihr Zustand nicht gefiel, sollte er ihn einfach ignorieren. Sie musste niemandem Rechenschaft ablegen. Niemandem außer ihrer Familie.

Er legte den Rest des Weges zum Meer schweigend zurück. Am Wasser angekommen, blieb er jedoch nicht stehen, sondern watete hinein, bis es ihm bis zu den Knien reichte.

„Machen Sie sich auf etwas gefasst. Es wird schrecklich wehtun.“ Seine Stimme klang zornig und sanft zugleich.

Faith schnappte nach Luft, als ihre Haut an den Beinen und Füßen, die mit Hunderten von Kratzern, Schnittwunden und Blasen übersät war, mit dem Salzwasser in Berührung kam. Am liebsten hätte sie geschrien, doch sie biss die Zähne zusammen und zwang sich, den Schmerz zu ertragen.

Alle Merridew-Mädchen konnten Schmerzen ertragen, ohne zu weinen. Ein Vermächtnis von Großvater und seiner Erziehung.

Ohne ein Wort zu sagen, stand Blacklock neben ihr. Erst nach einer geraumen Weile fiel ihr auf, dass er sie stützte und dass sie sich mit aller Kraft an ihm festklammerte. Allmählich ließen die schlimmsten Schmerzen nach. Sie schlug die Augen auf und sah, dass er sie mit grimmiger Miene betrachtete.

„Besser?“

Sie brachte noch immer kein Wort heraus und nickte nur.

„Braves Mädchen. Ich trage Sie jetzt zu dem Felsen dort drüben und werde versuchen, diese Lumpen von Ihren Füßen zu lösen.“ Er setzte sie behutsam auf den flachen Gesteinsbrocken. „Lassen Sie die Knöchel im Wasser. Ich weiß, es ist kalt, aber dadurch geht die Schwellung zurück.“

Er hob den ersten Fuß aus dem Meer und entfernte den zerrissenen Strumpf mit einem für so kräftige Hände erstaunlichen Zartgefühl, danach wiederholte er dies bei ihrem zweiten Bein. Faith beobachtete sein Tun. Ihre Füße waren tatsächlich in einem schrecklichen Zustand, überall waren Blasen aufgegangen und bluteten. Kein Wunder, dass das Salz so gebrannt hatte. Vorher war ihr gar nicht bewusst gewesen, dass sie dermaßen wund waren.

Endlich war er mit seiner Arbeit fertig und richtete sich auf. „Lassen Sie die Füße im Wasser, solange Sie es aushalten. Aufwärmen können Sie sich später am Feuer. Ich weiß, dass es wehtut, aber Meerwasser heilt.“ Er betrachtete sie eine Weile stumm. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Bleiben Sie hier.“ Er machte sich auf den Rückweg zum Strand, und Faith blieb zusammengesunken auf ihrem Felsen sitzen wie eine kleine Meerjungfrau, die sich schmutzig fühlte.

2. Kapitel

Und mit ihm wichen die Schatten der Nacht.

-John Milton-

„Besser?“ Nicholas Blacklock kehrte zu Faiths Felsen zurück.

„Ja, vielen Dank. Sie hatten recht, das Meerwasser hilft wirklich.“

„Ich schätze, Ihnen ist inzwischen ziemlich kalt. Ich habe das Feuer neu angefacht.“ Er hob sie hoch und trug sie zum Strand. Faith klammerte sich stumm an ihn, sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Bis zu diesem Abend war sie noch nie von einem Mann getragen worden. Es fühlte sich sehr … gut an.

Als sie sich dem Feuer näherten, stieg Faith ein wundervoller Geruch in die Nase. Eintopf! Ihr Magen fing prompt laut zu knurren an, und sie warf Blacklock einen verlegenen Blick zu.

„Meine Freunde werden bald zurück sein.“

„Ihre Freunde?“

„Kein Grund zur Beunruhigung.“ Er deutete ihren Gesichtsausdruck richtig. „Nur Stevens, mein Reitknecht, und Mac, mein alter Unteroffizier.“ Er setzte sie sanft auf die Decke, die er vorher ausgeschüttelt und frisch ausgebreitet hatte. „Sie werden mit uns essen.“

„Aber …“

Er bedachte sie erneut mit diesem für ihn typischen Blick. „Sie werden mit uns essen“, wiederholte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

Faith war so hungrig, dass sie gar nicht in der Stimmung war, Einwände zu erheben. „Vielen Dank, sehr gern.“

„Gut. Und nun kümmern wir uns um Ihren Knöchel.“ Ohne Umschweife schlug er ihren Rocksaum hoch und nahm ihren verletzten Knöchel in die Hand. Faith war es weniger peinlich als beim letzten Mal, dennoch war es ein seltsames Gefühl, dass er sich über ihren nackten Fuß beugte, so nah an ihrem Körper.

„Sehr schön, das kalte Salzwasser hat gewirkt. Die Schwellung ist etwas zurückgegangen. Jetzt noch ein wenig Salbe …“ Er hob den Kopf und sah sie mit leicht spöttischer Miene an. „Nun ja, es ist Pferdesalbe, aber die ist genauso gut für Menschen geeignet.“ Er tauchte die Finger in den Tiegel und verteilte die Salbe behutsam auf ihrem Knöchel. Sie fühlte sich kalt an und hatte einen leicht stechenden Geruch, bei dem Faiths Augen zu tränen begannen. Aber während er die Salbe sanft in ihre Haut einmassierte, breitete sich ein Gefühl der Wärme in ihr aus. Faith sah wie gebannt auf seine Hände.

Sie waren groß, voller Schwielen und hätten eigentlich unbeholfen wirken müssen. Aber selbst die zarteste ihrer Schwestern hätte ihren Fuß nicht sanfter behandeln können. Faith betrachtete die aufgeschürften Handrücken und dachte daran, wie brutal sie mit den Angreifern umgegangen waren. Felix’ Hände waren lang und schlank, doch vom täglichen Geigenspiel ebenfalls voller Schwielen gewesen. Nie aber hatten sie Faith mit solcher Zartheit berührt. Sie verdrängte den Gedanken.

Es hatte keinen Zweck, über die Vergangenheit zu jammern, sie war an allem selbst schuld. Was für einen schrecklichen Fehler sie begangen hatte, und das nur wegen dieses Traums. Der Traum … selbst jetzt noch hinterließ er einen bitteren Nachgeschmack in ihrem Mund.

Vor Jahren, als Faith und ihre Schwestern noch unter der grausamen Vormundschaft ihres Großvaters gelitten hatten, passierte es eines Nachts, dass sie und ihre Zwillingsschwester unabhängig voneinander einen unvergesslichen Traum träumten. Sie waren ungefähr zur selben Zeit aufgewacht und hatten sich erzählt, was sie hatte wach werden lassen. Sie hatten nahezu identisch geträumt, mit nur wenigen Abweichungen. In diesem Moment wurde ihnen klar, dass ihre verstorbene Mutter ihnen diesen Traum geschickt hatte, um sie daran zu erinnern, dass alles gut werden würde. Ihr Versprechen auf dem Sterbebett hatte gelautet, dass alle ihre vier Mädchen die große Liebe finden würden – Liebe, Lachen, Sonnenschein und Glück.

Hope hatte von einem Mann geträumt, der tanzte – und das geradewegs in ihr Herz hinein. Faith von jemandem, der musizierte.

Irgendwann waren sie vor ihrem Großvater geflüchtet und nach London gekommen. Hope hatte ihren Traummann gefunden, ihren wunderbaren Sebastian, und ihn vor knapp drei Monaten geheiratet. In der Woche ihrer Vermählung hatte Faith Felix Geige spielen hören. Vom ersten herrlichen Akkord an hatte sie gewusst – geglaubt –, dass er derjenige aus ihrem Traum sein musste. Doch aus dem Traum war ein Albtraum geworden …

Wieder knurrte ihr Magen – und holte sie dadurch in die Gegenwart zurück. Blacklock musste es gehört haben, so nah wie er vor ihr kauerte, aber er ließ sich nichts anmerken.

Faith hob schnuppernd den Kopf. „Ich glaube, der Eintopf fängt an, etwas anzubrennen. Sollten Sie nicht lieber einmal umrühren?“

Er erledigte die letzten Handgriffe an ihrem Verband und betrachtete dann seine von der Salbe fettigen Hände. „Wie wäre es, wenn Sie das übernehmen, und ich wasche mir inzwischen dieses Zeug von den Händen? Belasten Sie mal Ihren Knöchel, um zu sehen, ob der Verband hilft.“

Sie stand auf und merkte augenblicklich, dass ihr Fuß längst nicht mehr so schmerzte. Während Blacklock zum Meer ging, um sich die Hände zu reinigen, kümmerte sie sich um den Eintopf. Heißer, duftender Dampf hüllte sie ein. Ihr wurde bei dem köstlichen Geruch, der ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, fast schwindelig. Wann hatte sie das letzte Mal eine ordentliche Mahlzeit zu sich genommen? Vor Tagen, dachte sie. Am vergangenen Abend hatte sie nur ein kleines trockenes Stück Brot und etwas Käse gegessen. Während sie mit einem Holzlöffel den Eintopf umrührte, sog sie beglückt den Duft ein. Das war beinahe genauso gut wie essen. Beinahe.

Blacklock kam zurück und rieb sich die Hände an der Hose trocken. „Ist er angebrannt?“

„Nein, aber er fing schon an, etwas anzusetzen. Er ist ziemlich dickflüssig. Haben Sie irgendetwas, womit ich ihn ein wenig verdünnen kann?“

„Nehmen Sie den Wein in der Flasche dort.“

Faith goss einen großzügigen Schuss Rotwein in den Eintopf und rührte um. Würziger Dampf stieg auf, und als sie den Deckel wieder auf den Kessel legte, meldete sich ihr Magen erneut.

„Nach dem Essen werden wir reden.“

Faith schluckte. „Reden?“

„Ja, darüber, wie Sie in diesen Schlamassel geraten sind und wie wir Sie am besten wieder nach Hause zu Ihren Lieben bringen.“

Nach Hause zu Ihren Lieben. Faith schrak zusammen. Sie wandte hastig den Blick ab und, weil ihre Knie nachzugeben drohten, setzte sie sich wieder auf die Decke.

Eine Weile schwiegen sie beide, dann sagte er ruhig: „Trinken Sie noch einen Schluck.“ Blacklock hielt ihr die silberne Flasche hin. Sie sagte nichts – sie konnte einfach nichts sagen. Da sie den Brandy ignorierte, steckte er das Gefäß wieder in seine Tasche, griff nach seiner Gitarre und fing leise an zu spielen. Dabei sah er nicht auf das Instrument, sondern blickte in die Flammen.

Faith erstarrte kurz, zwang sich dann aber, sich zu entspannen. Musik hatte keine Macht mehr über sie. Sie war nicht länger die Stimme der Liebe, sondern schlichtweg nur noch – Musik. Ein schönes Geräusch wie das Rauschen der Brandung oder der Wind, der leise raschelnd durch das Dünengras strich.

Sie ließ sich von den Tönen, dem Flüstern der Wellen und dem Wind einhüllen; sie waren Balsam für ihre aufgewühlte Seele.

„Wenn der Eintopf angebrannt ist, nur weil du unbedingt mit dieser Frau reden musstest …“

Faith zuckte zusammen, als zwei Männer ans Feuer traten. Derjenige, der gesprochen hatte, war klein, runzelig und etwa fünfzig. Den anderen schätzte sie trotz des älter machenden roten Vollbarts auf noch nicht einmal dreißig. Er war riesig! Und sie hatte schon Blacklock für groß gehalten.

Der eher klein geratene Mann warf Faith einen neugierigen Blick zu. Er wünschte ihr einen guten Abend, doch so flüchtig, dass es klar war, was für ihn Vorrang hatte. Er nahm den Deckel vom Kessel, rührte einmal kurz um und sah anschließend schmunzelnd auf. Sein Gesicht war voller Narben, zudem lächelte er etwas schief. Aber seine Augen funkelten lebhaft, und Faith mochte ihn auf Anhieb.

„Danke, Miss, dass Sie meinen Eintopf gerettet haben.“

Faith war überrascht. „Woher wissen Sie, dass ich das war?“

Er schnaubte. „Mr Nicholas etwa? Der soll daran gedacht haben, den Eintopf umzurühren?“

„Ich habe ihr immerhin gesagt, sie solle noch Wein hinzufügen“, gab Blacklock leicht gekränkt zurück. „Miss Merrit, darf ich vorstellen? Dieser kulinarisch Ungläubige hier ist Wilfred Stevens und der bärtige Riese Mr Dougal McTavish, genannt Mac.“

Faith begrüßte die beiden Männer. Mr Stevens lächelte sie warm an, während er ihr die Hand gab, doch Mr McTavish stand nur wie angewurzelt da und ignorierte ihre ausgestreckte Hand. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, und Faith wand sich innerlich angesichts seiner ausdruckslosen Augen, die durch die buschigen roten Brauen aber auch etwas Düsteres und Bedrohliches ausstrahlten.

Sie wusste, was er dachte. Offensichtlich sah er in ihr nichts anderes als das, was die drei Männer in ihr gesehen hatten, die sie vorhin in der Dunkelheit verfolgt hatten – nur dass er sie sicherlich nicht einmal mit einer Zange anfassen würde. Sie hob das Kinn und hielt seinem Blick trotzig stand.

„Mac? Das ist Miss Merrit“, wiederholte Blacklock. Wieder dieser Tonfall.

„Sehr erfreut“, grollte der Riese widerstrebend, ehe er Nicholas Blacklock mit zusammengekniffenen Augen betrachtete. „Du siehst so aus, als hättest du einen Kampf hinter dir.“

Nicholas Blacklock berichtete von den drei Angreifern, nur dass er sie als unwillkommene Gäste bezeichnete. Er verlor auch kein Wort über seine eigenen Heldentaten, sondern erzählte nur, wie Faith den Schurken mit einem brennenden Ast entgegengetreten war und sie in die Flucht geschlagen hatte. Der rothaarige Hüne ließ sich jedoch nicht so leicht täuschen und bedachte Faith mit einem weiteren vernichtenden Blick. „Nun ja, verdorbenes Fleisch zieht immer Schmeißfliegen an.“

„Das reicht“, fuhr Blacklock ihn an.

„Also gut, ich gehe dann mal und sehe nach, ob die unwillkommenen Gäste wirklich verschwunden sind.“ Er stapfte wieder in die Dunkelheit.

Faith war über die Feindseligkeit dieses Mannes erschrocken .

„Beachten Sie ihn nicht weiter, Miss“, sagte Stevens und machte sich an dem Kessel zu schaffen. „Mac hat nicht viel mit Damen im Sinn, mit keinem weiblichen Wesen, genauer gesagt. Er hat vor ein paar Jahren eine bittere Enttäuschung erlebt, und seitdem benimmt er sich wie ein Bär mit Kopfschmerzen. Aber er bellt nur und beißt nicht.“

„Er sollte besser weder bellen noch beißen, wenn ich in Hörweite bin“, meinte Nicholas Blacklock mit einem sanften, dennoch drohenden Unterton, als der Koloss ans Feuer zurückkehrte.

Mac sah ihn erschrocken an und setzte sich hastig. „Darf ich Ihnen etwas Wein einschenken, Miss?“ Seine Stimme klang widerwillig, aber durchaus höflich.

Wie macht Blacklock das bloß?, fragte sie sich staunend, als sie den Becher mit Wein annahm. Er hob niemals die Stimme, sprach immer ruhig und sanft, und doch ertappte sie sich dabei, dass sie – und nun auch dieser Riese – stets sofort gehorchte, ohne darüber nachzudenken. Trinken Sie das. Rühren Sie um. Setzen Sie sich auf diesen Felsen. Bleiben Sie zum Essen. Sei höflich zu dieser Frau. Lag es an seiner sehr tiefen Stimme? Eine wirklich tiefe Männerstimme hatte durchaus etwas Bezwingendes, wie sie ehrlich feststellen musste.

Stevens reichte ihr eine Schale mit Eintopf und einen Kanten Brot. „Hier, Miss, essen Sie, solange es noch heiß ist.“

„Vielen Dank, Mr Stevens.“ Sie wartete, bis alle ihre Mahlzeit vor sich hatten, dann schloss sie die Augen, um ein Tischgebet zu sprechen. Doch lautes Schmatzen kam ihr zuvor.

„Miss Merrit, würden Sie bitte das Tischgebet für uns sprechen!“ Blacklock, der Mann an ihrer Seite, betonte dies mit allem Nachdruck.

Sämtliche Kaugeräusche erstarben. Stevens hielt mitten in seinen Bewegungen inne, den Löffel wollte er gerade zu seinem Mund führen. „Verzeihung, Miss“, murmelte er noch kauend. Danach senkte er den Löffel wieder und wartete auf das, was er fast vergessen, aber einmal gelernt hatte.

Mit glühenden Wangen sprach Faith rasch das Tischgebet, ehe sie sich ganz auf ihren Eintopf konzentrierte. Das Fleisch war zart und wohlschmeckend, vermischt mit Kartoffelstücken und gewürzt mit Wein und Kräutern.

„Es ist köstlich, Mr Stevens“, sagte sie. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen besseren Eintopf gegessen zu haben.“

Stevens strahlte über das ganze runzlige Gesicht. „Nehmen Sie ruhig noch mehr, es ist genug da, Miss!“

„Vielleicht hätte Miss Merrit gern eine Tasse Tee, Stevens?“, schlug Blacklock vor, als sie mit dem Essen fertig waren.

Tee! Faith wusste nicht, wann sie das letzte Mal eine anständige Tasse Tee getrunken hatte. Die Franzosen bereiteten ihn anders zu, und Felix verabscheute Tee. Er trank nur Wein oder Kaffee.

„Ist das so, Miss?“, fragte Stevens.

„Das wäre wundervoll, d…danke.“ Ihre Stimme brach, weil sie plötzlich von ihren Gefühlen überwältigt wurde. Faith biss sich angestrengt auf die Lippen und kämpfte gegen ihre Tränen an. Nun hatte sie schon so viel durchgemacht, ohne auch nur eine einzige Träne zu vergießen, da war es gerade zu lächerlich, wegen etwas so Banalem wie einer Tasse Tee die Fassung zu verlieren. Vor allem jetzt, nachdem sie soeben ein köstliches Essen genossen hatte und sich zum ersten Mal seit Wochen warm und sicher fühlte.

Sie würde wie eine Mimose wirken, wenn sie jetzt in Tränen ausbrach, und eine Mimose war sie nun wirklich nicht! Sie zog ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich energisch.

Nicholas Blacklock beobachtete sie stirnrunzelnd. So einer Frau war er noch nie begegnet. Jung, aus gutem Haus und zierlich gebaut, war sie nur um Haaresbreite einem Gewaltakt entgangen. Und hinterher hatte sie eisern darum gekämpft, ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie hatte den Schmerz ertragen, als Salzwasser in ihre Wunden drang, ohne auch nur einmal zu klagen. Sie hatte auch nicht gejammert, als er ihren verstauchten Knöchel bandagiert hatte. Doch jetzt kämpfte sie mit den Tränen, nur weil man ihr eine Tasse Tee angeboten hatte.

Sie hatte Klasse, durch und durch.

In den letzten Jahren hatte er nicht viel Umgang mit vornehmen jungen Damen gehabt – trotz der Bemühungen seiner Mutter. Aber während des Krieges, in Spanien, da hatte er ein paar von ihnen kennengelernt. Miss Faith Merrit übertraf sie jedoch noch bei Weitem.

Irgendetwas oder irgendjemand hatte sie in eine verzweifelte Lage gebracht – und das waren nicht einfach nur drei betrunkene Fischer gewesen. Nicholas Blacklock war fest entschlossen, herauszufinden, was ihr widerfahren war. Und das wieder ins Lot zu bringen, ehe er weiterzog.

Er wartete, bis sie ihre Tasse Tee getrunken hatte, dann bedeutete er seinen Gefährten mit einer stummen Geste, dass er mit ihr allein zu sein wünschte.

„So, Miss Merrit, ich denke, es wird Zeit, dass wir uns unterhalten.“

Es war, als hätte er sie geschlagen. „Entschuldigung, es ist schon spät, ich hätte längst aufbrechen sollen.“ Hastig stand sie auf. „Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, dass Sie mich vor diesen Männern gerettet haben. Und könnten Sie Mr Stevens bitte nochmals meinen Dank für dieses wunderbare Essen ausrichten?“

„Ich werde Sie begleiten.“ Nick erhob sich ebenfalls.

„Nein, nein, vielen Dank“, stammelte sie nach kurzem Zögern. „Meine … Unterkunft ist hier ganz in der Nähe, und ich fühle mich jetzt ziemlich sicher. Diese Männer sind längst fort, dessen bin ich mir gewiss.“

„Sie sind stolzer, als es Ihnen guttut, glaube ich“, sagte er sanft.

Lange Zeit schwiegen sie beide, schließlich flüsterte Faith: „Sie wissen Bescheid, nicht wahr?“

Er antwortete nicht, und das war auch gar nicht nötig.

„Sind Sie ebenfalls mittellos? Müssen Sie deshalb wie ich am Strand schlafen?“

Er schloss flüchtig die Augen. Gütiger Gott, sie schlief am Strand! Er schüttelte den Kopf. „Nein, das war meine Entscheidung. Ich habe mich in letzter Zeit ziemlich … eingeengt gefühlt, und da das Wetter so schön ist, wollte ich gern unter dem Sternenhimmel schlafen.“ Er schmunzelte ironisch. „Meine Männer sind weniger begeistert von dieser Entscheidung, wie ich vielleicht hinzufügen darf.“

„Ach, Sie sind also nicht dazu gezwungen?“

Er verzog das Gesicht. „Auf eine gewisse Weise schon. Ich führe es zurück auf ein Übermaß an Zivilisation in letzter Zeit. Als ich noch bei der Armee war, war das Schlafen unter freiem Himmel Routine. Vermutlich wollte ich jetzt …“ Er verstummte.

Ja, was wollte er? Seine Jugend zurückholen? Er galt doch noch als jung. Oder versuchte er, einer Zukunft zu entgehen, die unerbittlich auf ihn zukommen würde? Indem er eine Freiheit vorschob, die er gar nicht hatte? Er wusste nur, er musste das tun, was er gerade tat. Wäre er in England geblieben, hätte er mit ansehen müssen, wie er die Hoffnungen seiner Mutter ein weiteres Mal enttäuschte. Das hätte ihn umgebracht. Er lachte verbittert auf. Wieso sollte es ihn umbringen? Was für ein Scherz.

„Also werden Sie mich nicht mit meinem fadenscheinigen Stolz und den Sanddünen, die ich mir ausgesucht habe, allein lassen?“, fragte sie leise.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Und keineswegs ist Ihr Stolz fadenscheinig, Miss Merrit.“ Er schlug einen, wie er hoffte, leichteren Tonfall an. „Und was die Dünen betrifft, so denke ich, dass meine sicherer und bequemer sind.“

Sie zögerte immer noch.

Er wünschte, er hätte ihren Gesichtsausdruck deuten können, aber es gelang ihm nicht. Sachlich fügte er hinzu: „Ich habe nicht vor, Sie ohne Schutz zurückzulassen. Also können Sie genauso gut nachgeben.“ Plötzlich verzerrten sich seine Züge.

Faith runzelte die Stirn. „Was haben Sie?“

„Nichts. Nur Kopfschmerzen.“ Tiefe Falten hatten sich auf seiner Stirn gebildet, und er sprach, als koste ihn jedes Wort größte Anstrengung.

„Sie sind krank“, beharrte sie.

Er wollte den Kopf schütteln, hielt aber mitten in der Bewegung inne. „Ich bekomme öfter … Kopfschmerzen. Verzeihen Sie mir meine Unhöflichkeit, aber …“ Er schwankte auf ein paar zusammengerollte Decken am Feuer zu und trat gegen eine, um sie auszubreiten. „Sie bleiben bei uns. Meine Männer … kümmern sich um Sie.“ Vorsichtig legte er sich auf die Decke und schloss die Augen. Er sah schrecklich aus.

Faith sah sich panisch um und rief um Hilfe.

McTavish erschien.

„Was ist mit ihm, Mr McTavish?“

Er beachtete sie gar nicht, sondern nahm nur eine weitere Decke und legte sie fürsorglich über Blacklock, als wäre er ein krankes Kind. Stevens kam hinzu, warf nur einen Blick auf seinen Herrn und legte Feuerholz nach.

Blacklock schlug in diesem Moment die Augen auf und packte das Handgelenk des riesigen Schotten. „Das Mädchen … bleibt bei uns“, stieß er mühsam hervor, die Lider fielen ihm wieder zu.

„Keine Sorge, ich kümmere mich darum.“ McTavish wandte sich an Faith. „Bleiben Sie hier, ich hole Ihnen eine Decke zum Schlafen.“ Er warf ihr einen strengen Blick zu, als wollte er sie warnen, sich ja keinen Schritt zu entfernen.

Nicht, dass sie das jetzt noch vorgehabt hätte. Blacklock sah wirklich krank aus. Sein Gesicht war totenblass, selbst im Feuerschein, und er hatte die Stirn vor Schmerzen in tiefe Falten gelegt. Sie kniete sich neben ihn. Hatte er sich während des Kampfes am Kopf verletzt? War sie vielleicht schuld daran, dass er jetzt so dalag?

Sein dichtes dunkles Haar stand ihm wirr vom Kopf ab; behutsam strich sie es ihm aus dem Gesicht. Seine Stirn fühlte sich feucht an. Nun, da die durchdringenden, scharf beobachtenden Augen geschlossen waren, wirkte er jünger, als sie zuerst angenommen hatte. Noch keine dreißig, dachte sie.

Waren die Falten auf seiner Stirn inzwischen weniger tief? Sie wusste nicht, ob das nicht vielleicht nur frommes Wunschdenken war. Sie richtete sich auf und merkte, dass McTavish sie misstrauisch beobachtete. Er warf ein Bündel grauer Decken auf den Boden, beinahe so wie einen Fehdehandschuh.

„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, im Sand unter den Sternen zu schlafen, Miss“, meinte Stevens und schichtete weiter kunstvoll Holz ins Feuer.

Faith lächelte ihn etwas kläglich an, brachte es aber nicht über sich, ihm zu erklären, wie tief sie gesunken war. „Was hat Mr Blacklock?“

Stevens wollte gerade antworten, aber McTavish kam ihm zuvor. „Halt den Mund, Schwätzer! Wenn er will, dass sie Bescheid weiß, dann kann er es ihr morgen früh selbst erzählen.“

„Morgen wird es ihm also wieder gut gehen?“

Der große Schotte sah sie unwirsch an. „Das wird es, ja.“

„Diese Kopfschmerzen gehen vorbei.“ Stevens hob das Deckenbündel auf, das McTavish hatte fallen lassen, und schüttelte es aus.

Faith zögerte. Das war ziemlich dicht neben Mr Blacklock, auch wenn der in diesem Augenblick wohl nichts davon wahrnahm.

Stevens fuhr fort. „Sie bleiben lieber nah beim Feuer. Ich sehe, dass Sie von Mücken gestochen worden sind. Der Rauch wird sie fernhalten.“

Faith hob die Hände und berührte ihr Gesicht, das voller Mückenstiche von der vergangenen Nacht war.

„Mac schläft dahinten.“ Er zeigte auf McTavish, der sich gerade weitab vom Feuer in seine Decke wickelte. „Ihn stechen die Mücken nicht. Außerdem schnarcht er fürchterlich. Ich selbst bin gleich dort drüben, auf der anderen Seite des Feuers.“

„Was ist denn mit Mr Blacklock? Sollte nicht jemand auf ihn aufpassen?“

„Nein. Wulf wird auf uns alle aufpassen. Er wird uns beim ersten Anzeichen von Ärger wecken.“

Faith dachte daran, wie der große Hund angesichts der Männer geknurrt und gebellt hatte, und fühlte sich sofort wohler.

„Gehen Sie jetzt auch schlafen, Miss. Sie sehen so aus, als könnten Sie’s vertragen. Mr Nicholas schläft sicher ebenfalls bald ein, wie immer, wenn die Schmerzen nachlassen.“

„Vielen Dank, Mr Stevens.“

Er zögerte. „Nur Stevens, wenn Sie nichts dagegen haben, Miss. Ich bin Mr Nicholas’ Reitknecht, wissen Sie. Ich habe ihn aufwachsen sehen.“

Faith nickte. „Also schön, wenn es Ihnen so lieber ist.“

„Ja, das ist es. Wenn Sie nun alles haben, was Sie brauchen, ziehe ich mich zurück. Gute Nacht, Miss.“

Faith wünschte beiden Männern ebenfalls eine gute Nacht, danach setzte sie sich auf den Boden. Sie wischte den Sand von ihren Füßen und wickelte sich zum Schlafen in ihre Decke, anschließend warf sie einen letzten Blick auf Nicholas Blacklock.

Er atmete jetzt gleichmäßiger. Vielleicht ließen seine Kopfschmerzen ja bereits nach, wie Stevens prophezeit hatte. Sein markantes Profil zeichnete sich vor dem flackernden Schein des Feuers ab. Im Schlaf wirkte es weicher, nicht mehr so grimmig und ernst.

Beowulf warf seinem bärtigen Herrn einen sehnsüchtigen Blick zu, drehte sich dreimal im Kreis und ließ sich dann seufzend neben Mr Blacklock in den Sand fallen.

„Braver Hund“, lobte Faith ihn.

Das Tier öffnete ein Auge, knurrte leise und fletschte die gelblichen Zähne, wie um sie daran zu erinnern, ja nicht näher zu kommen.

„Wie der Herr, so sein Hund“, flüsterte sie ihm zu, und durch diesen kleinen Akt des Aufbegehrens fühlte sie sich gleich besser. Sie rutschte ein wenig im Sand hin und her, um ihn ihrer Figur anzupassen, danach legte sie sich hin, starrte in die Flammen und dachte an ihre Schwestern.

Wo waren sie jetzt? Wie es ihnen wohl gehen mochte? Wahrscheinlich machen sie sich Sorgen, dachte sie wehmütig. Inzwischen mussten sie ihren Brief erhalten haben, in dem stand, dass sie Felix verlassen hatte. Bestimmt erwarteten sie schon seit Tagen ihre Rückkehr.

Sie schloss die Augen und versuchte, ihrer Zwillingsschwester gute Gedanken zu übermitteln. Manchmal gelang es ihnen, ihre jeweiligen Gefühle zu spüren. Faith konzentrierte sich darauf, obwohl sie nicht wusste, ob es klappen würde. Aber sie musste es tun, sie konnte nicht anders.

Das war das Schlimmste in den vergangenen Wochen gewesen, dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Sie hatte keine Ahnung gehabt, was sie tun sollte. Ihr Leben lang hatte sie es zugelassen, dass andere sich um sie kümmerten – ältere Geschwister, ihre viel mutigere Zwillingsschwester, ihr Großonkel und zu guter Letzt Felix.

Felix. Was für eine naive, vertrauensselige Närrin sie doch war!

Eingehüllte in ihre Decke sah sie hinauf zum Nachthimmel. Ein Stern erschien ihr heller als die anderen, funkelte strahlender. Ich werde wie dieser Stern sein, beschloss sie. Irgendwie würde sie es lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Nie wieder wollte sie von einem anderen Menschen so restlos abhängig sein.

Das Feuer knisterte leise, die Flammen züngelten in der Dunkelheit. Ein Stück weiter entfernt hörte sie das sanfte Rauschen der Wellen, ein beruhigendes, tröstliches Geräusch. Schon bald war Faith ebenfalls eingeschlafen.

Mitten in der Nacht wurde sie von einem Geräusch geweckt. Vorsichtig hob sie den Kopf und blickte um sich, aber es war nichts zu sehen. Beowulf hatte sich jedoch aufgerichtet und betrachtete Blacklock mit gespitzten Ohren. Das riesige Tier winselte leise, dann stupste es seinen Herrn mit der Pfote an.

Faith rückte näher heran. Der Hund begann zu knurren, aber sie achtete nicht darauf. Blacklock warf unruhig den Kopf hin und her. Sein Gesichtsausdruck wirkte angespannt, doch nicht mehr so schmerzverzerrt wie noch vor wenigen Stunden. Ein Albtraum vielleicht? Damit kannte Faith sich aus, ebenso ihre Zwillingsschwester. Sie hatten beide oft Albträume.

Sie befühlte seine Stirn, die nicht mehr feucht war. Sanft strich sie mit ihren Fingern darüber. „Ruhig, es ist alles gut“, flüsterte sie. Er riss die Augen auf und starrte sie an, ohne sie wirklich zu sehen. „Ganz ruhig“, wiederholte sie leise. „Es ist nur ein Traum, es ist nichts passiert.“ Er warf hektische Blicke um sich, als suche er etwas. „Es ist alles in Ordnung. Schlafen Sie weiter.“

Abrupt hob er den Arm und packte ihr Handgelenk. Einen Moment lang fixierte er Faith, dann schloss er erneut die Augen. Sein Griff um ihr Handgelenk verstärkte sich, und er seufzte einmal tief, ehe er sich entspannte und ihre Finger gegen seine Brust presste.