Das geheimnisvolle Kind - Charlotte Lindermayr - E-Book

Das geheimnisvolle Kind E-Book

Charlotte Lindermayr

4,9

Beschreibung

Eine Fabrikantenfamilie aus Norwich. Arthur und Stacy Patel haben vier Kinder, aber nur drei leben in der Familie, denn Sohn Stuart wurde als kleiner Junge zur Adoption freigegeben. Als der Vater stirbt, kommt es zum Eklat. John Graham ist seit vielen Jahren Direktor einer Schule in Liverpool. Von sich selbst überzeugt, bevormundet er vor allem seinen Sohn und seine Frau. Als sie auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, beginnt Scotland-Yard zu ermitteln. Mit der Wahrheit konfrontiert wird das jahrelange Schweigen der Familien beendet und die scheinbar heile Welt gerät ins Wanken.

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(Ich trage still an meiner Last)

Liverpool1988

Ein Sonntag im Mai.

Schon den ganzen Vormittag regnete es in Strömen.

Am Morgen hatte Molly ihre blaue Latzhose und ihr Lieblingsshirt angezogen und sich von ihrer Mum die strohblonden, etwas widerspenstigen Haare zu kleinen Zöpfen flechten lassen.

So saß sie nun schon eine Weile in ihrem Versteck im Keller des kleinen Reihenhauses hinter einem bunten Stoffvorhang und überlegte, wie sie diesen tristen Tag hinter sich bringen sollte.

Sie schaltete ihre Taschenlampe ein und betrachtete die Stofftiere, die nebeneinander vor ihr aufgereiht saßen.

Da es jetzt ganz still war, konnte sie hören, wie nebenan die Waschmaschine vollgestopft und im großen Kessel hin und wieder die brodelnden Betttücher umrührt wurden.

Vor einer Woche hatte sie ihren zehnten Geburtstag gefeiert und ihre beiden Schulfreundinnen Abygail und Daisy waren am Nachmittag gekommen. Später hatten sie sich zusammen in der Eisdiele vergnügt, was ihre Mutter nicht oft erlaubte.

Ihren Vater hatte Molly nie kennengelernt, doch hin und wieder überlegte sie, wie er wohl sein mochte und ob er gut aussah, denn auch ein Foto hatte sie noch nie gesehen.

Insgeheim beneidete sie ihre Freundinnen. Sie waren Zwillinge und lebten mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder in einem schönen Haus mit Garten, wo ein kleines Gehege stand, in dem drei Kaninchen umher hüpften.

Von all dem konnte Molly zwar nur träumen, aber ihre Mum liebte sie über alles.

Wenn sie sich mal beim Spielen ein Knie verletzt hatte, wurde sie von ihr getröstet und abends bekam sie fast immer eine `Gute Nacht-Geschichte` vorgelesen. Später wurde dann die Tür nur angelehnt, weil sie allein im Dunkeln nicht einschlafen mochte.

Ihre Mutter Liz Bennett war 32 Jahre alt und arbeitete tagsüber in der Kantine der Stadtverwaltung.

Sie war allseits beliebt und fast jeder im Rathaus kannte auch Molly.

Nach der Schule ging sie manchmal zu ihr in die Küche und bekam dann ein leckeres Mittagessen. Dies war eigentlich nicht erlaubt, aber man sah darüber hinweg.

Molly betrachtete jetzt ihren kleinen Plüschbären Alex und flüsterte: »Na, was meinst Du? Wird es heute den ganzen Tag regnen, oder können wir wenigstens am Nachmittag raus gehen«?

Alex sah sie mit seinen kleinen schwarzen glänzenden Knopfaugen ungerührt an.

Molly hob fragend die Schultern, schob den Vorhang beiseite und sagte laut: »Du weißt es also auch nicht«.

Sie stand jetzt auf und ging die Treppe nach oben.

Als sie in die Küche kam und zum Fenster lief, sah sie, dass sich die Sonne durch die Wolken geschoben hatte und nun vorsichtig ihre Strahlen in den kleinen dunklen Innenhof ausbreiteten.

Schnell zog sie sich ihre braune Fließjacke über, holte ihre Gummistiefel aus der Kammer unter der Treppe hervor und lief hinaus.

Überall standen große Pfützen im Hof. Molly tappte langsam hinein und merkte, dass ihre Ringelsocken nass wurden. Schnell sprang sie wieder hinaus und überlegte, was sie jetzt tun könnte.

Plötzlich hörte sie am Gartenzaun eine Fahrradklingel. Es war Mick Graham, der Sohn des Schuldirektors.

Er war schon neunzehn und machte bald seinen High-School-Abschluss. Oft jobbte er am Wochenende in der Stadtbücherei und brachte ihr manchmal etwas zum Lesen mit.

Er grinste breit, als sie auf ihn zugelaufen kam und rief: »Hallo Mick, wie geht es Dir«?

Lächelnd hielt er ihr ein Buch von Astrid Lindgren entgegen. »Ich habe Dir etwas mitgebracht. Hier, das kannst Du haben«.

Molly strahlte: »Danke Mick«. Dann verstaute sie schnell das Buch unter ihrer Jacke, denn es hatte wieder einmal zu nieseln begonnen.

Mick schaute auf seine Armbanduhr. »Ok Molly, ich muss weiter und grüß Deine Mum von mir. Schönes Wochenende Euch beiden«. Er trat in die Pedalen und bog kurz darauf um die nächste Straßenecke.

Molly sah ihm nach. Mick war ziemlich groß und ein bisschen schlaksig. Deshalb trug er meistens etwas zu weite Stoffhosen, die an den schmalen Hüften durch einen Gürtel zusammen gehalten wurden. Er hatte kurze schwarze Haare und tiefblaue Augen.

Sie fand diesen Mick, seit sie ihn kannte, sehr nett.

Er hatte immer ein freundliches Wort für sie übrig und ihr auch schon mal eine Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt gekauft, nachdem sie festgestellt hatte, dass ihr geringes Taschengeld nicht für die kleine Nascherei reichte.

Als sein Vater Vincent irgendwann mitbekam, dass sich sein Sohn hin und wieder um ein zehnjähriges Mädchen kümmerte, stellte er ihn zur Rede und fragte ihn, was dies solle. Er hatte in seiner Stellung schließlich einen Ruf zu verlieren und könne es nicht dulden, dass das jemand mitbekam.

Aber Mick war das egal. Dieses kleine freundliche Mädchen hatte es ihm irgendwie angetan. Auch wusste er, dass Molly keinen Vater hatte und dass tat ihm besonders leid.

Sein eigener war zwar oft streng, aber ein Leben ohne ihn konnte er sich auch nicht vorstellen.

Doch bald würde er ohnehin nach London gehen, so hoffte er wenigstens. Die Einschreibungen an der Uni liefen bereits und im Herbst wäre es dann soweit.

Er wollte Archäologie studieren und später an Ausgrabungen teilnehmen.

Molly war wieder ins Haus gegangen. Die beiden Katzen Momo und Lucy blinzelten ihr verschlafen von der Ofenbank entgegen.

»Molly, wo bist Du? rief Liz. »Warst Du nicht eben noch unten«?

Sie antwortete: »Ja, aber jetzt bin ich hier. Wann essen wir eigentlich«?

Schwitzend kam Liz die Treppe nach oben. »Das dauert noch ein bisschen, ich hatte bis eben noch mit der Wäsche zu tun«.

Molly setzte sich auf die Bank. »Schau mal, was ich gerade bekommen habe«. Stolz hielt sie ihr das Buch entgegen.

»Hast Du das auch von diesem Mick«? fragte Liz. Molly nickte. »Ja, ist er nicht nett zu mir«?

Ihre Mutter wiegte den Kopf. »Also ich weiß nicht Molly. Dieser junge Mann ist neun Jahre älter als Du und eigentlich schon erwachsen.

In diesem Alter hat man normalerweise andere Interessen als kleine Mädchen wie Dich«.

Molly zog schmollend die Lippen zusammen. »Na und? Er ist einfach nur nett. Was ist denn daran falsch«?

»Ich habe Dir schon mehrmals gesagt, dass ich das nicht möchte«, seufzte Liz. »In einigen Jahren wirst Du das besser verstehen, glaube mir«.

**

Mick war inzwischen mit quietschender Fahrradbremse zu Hause angekommen und hatte gleich in den Briefkasten gesehen.

`Wieder nichts`. dachte er enttäuscht, als er den verrosteten Deckel öffnete.

Er wollte auf keinen Fall den ganzen Sommer zu Hause verbringen und weg aus dem überbehüteten Elternhaus.

Sein Vater Vincent hoffte zwar immer noch, dass Mick wie er selbst, Lehrer wurde, aber das ließ er sich nicht einreden.

Abends saß er oft an seinem Schreibtisch und las alte Bücher. Er recherchierte über Sir Arthur Evans und die Minoer von Knossos auf Kreta, auch wenn seine Theorien und die Umbauten der Ausgrabungen bis heute sehr umstritten waren.

Und er hoffte, später auch einmal spektakuläre Funde zu machen und wollte so schnell wie möglich noch einmal diese schöne Insel bereisen.

Im letzten Jahr hatte er dort während einer Studienreise Stella kennengelernt und sich sofort in sie verliebt.

Wenn er an ihre schlanke grazile Figur, ihr feingeschnittenes Gesicht und ihre dunklen langen Haare dachte, wurde ihm fast schwindelig.

Während der Touristensaison leitete sie Führungen, ansonsten lebte sie in den Tag hinein. Hatte sie frei, schlief sie lange und jobbte dann abends hin und wieder in der Inselhauptstadt Heraklion in einigen Tavernen.

Irgendwie beeindruckte dass Mick, obwohl er wusste, dass so ein Leben auf Dauer für ihn nichts war.

Auf jeden Fall wirkte sie immer entspannt. Aber das mochte auch am Wetter liegen, denn in seiner Heimat war es eben oft nass und nebelig.

Auf Kreta hingegen konnte man von Mai bis Oktober baden, die frische salzhaltige Luft des Mittelmeeres einatmen und dieses mediterrane Klima genießen.

Mick beneidete Stella, denn niemand drängte sie, irgendetwas zu tun, was sie selbst nicht wollte. Jedenfalls im Moment nicht.

Er hatte ihr nun schon drei Briefe geschrieben, aber bisher keine Antwort erhalten. Das bedrückte ihn, aber er hoffte trotzdem, dass sie ihn nicht vergessen hatte.

Er begrüßte kurz seine Mutter Margarethe mit einem Kuss auf die Wange und sie sagte, dass es später etwas zu essen geben würde.

Darüber war er keineswegs böse und verließ sofort wieder das Haus, denn er wusste, dass sein Vater bald kommen und ihm wieder eine wohlwollende Predigt über das notwendige Lernpensum vor den Abschlussprüfungen halten würde. Darauf hatte er jetzt absolut keine Lust.

Er nahm sein Fahrrad und machte sich auf den Weg zu seinem Freund Fred Bailey. Dessen Vater Steve besaß etwas außerhalb der Stadt ein kleines Gestüt mit acht Pferden. Fred hatte an den Wochenende selten Zeit, denn er musste oft im Stall mithelfen.

Als er Mick schon von weitem erkannte, steckte er die Gabel in den Misthaufen und setzte sich auf eine kleine Holzbank. Mick rief ihm zu: »Servus Fred«.

Dann stellte er sein Fahrrad ab und fragte: »Hast Du eine Limonade für mich«?

Fred nickte, ging ins Haus und kam mit zwei Gläsern und einem Krug zurück. »Was treibt Dich um diese Zeit hierher«?

Mick sah ihn an. »Ach, mein Vater hätte mir wieder eine seiner Gardinenpredigten über die Effizienz des Lernens gehalten und deshalb habe ich mich verdrückt. Aber ich wollte Dich eigentlich fragen, ob wir heute Abend mal ins Kino gehen wollen. Da läuft ein Western. Hast Du Lust«?

Fred überlegte: »Ja, meinetwegen, warum auch nicht. Aber morgen früh muss ich zeitig raus, weil mein `Alter` mit mir zum `Fliegenruten-Fischen` will«.

Mick schob sein Base-Cup nach hinten, trank hastig sein Glas leer und stellte es wieder auf den Tisch. »Ok, dann bis später. Wir treffen uns um acht am Kino«. Kurz darauf war er wieder auf dem Heimweg.

Als er in die Straße einbog, sah er schon von weitem am Wohnhaus einen Krankenwagen mit Blaulicht, der direkt vor der Garage parkte.

Erschrocken fuhr er immer schneller und erkannte gerade noch, dass seine Mutter auf der Trage lag.

Sein Vater stand mit aschfahlem Gesicht, versteinerter Miene und hängenden Armen daneben und brachte keinen Ton heraus. Mick rief ihm aufgeregt zu: »Dad, was ist denn passiert«?

Mit wässrigen Augen sah er ihn an und antwortete mit zittriger Stimme: »Als ich nach Hause kam, lag sie in der Küche. Der Arzt vermutet einen Schlaganfall«.

Mick fragte: »Wird sie durchkommen«? Der Arzt hob die Schultern. »Das können wir jetzt leider noch nicht sagen, aber es sieht nicht gut aus.

Kommen Sie in zwei Stunden mit Ihrem Vater ins Hospital. Dann wissen wir mehr«. Die Türen klappten zu, die Sirene wurde angeschaltet und sie fuhren los.

Reglos sahen sie dem Krankenwagen nach.

Inzwischen hatten sich einige neugierige Nachbarn neben sie gestellt.

Plötzlich sagte Vincent in scharfem Ton: »Hier gibt es nichts zu sehen. Verlassen Sie bitte alle sofort mein Grundstück«.

Dann drehte er sich abrupt um, packte Mick fast etwas zu grob am Arm und verschwand im Haus.

Die Tür fiel krachend ins Schloss.

**

Am späten Nachmittag waren die Grahams auf dem Weg ins Hospital.

Schweigend fuhren sie durch die Stadt und kamen schließlich am Besucher-Parkplatz zum Stehen.

Vincent nickte seinem Sohn aufmunternd zu und sagte leise: »Wir können nur hoffen, dass alles gut wird«.

Im Foyer des Krankenhauses kam ihnen der Notarzt entgegen, der Margarethe versorgt hatte.

Als er die Männer sah, erschrak er und lief schnell auf sie zu. Vincent sah ihn etwas ängstlich an. »Was ist los? Wie geht es meiner Frau«?

Der Arzt nahm ihn beiseite, führte ihn zu einem Wartebereich und bat ihn, sich zu setzen. Leise begann er:

»Mr. Graham, ich komme gerade nach einem weiteren Einsatz aus der Notaufnahme und habe soeben erfahren, dass ihre Frau verstorben ist. Man konnte ihr nicht mehr helfen«. Mick wurde kreidebleich und lehnte sich fassungslos zurück.

`Meine Mum soll tot sein? Das glaube ich nicht`. Jetzt sah er zu seinem Vater, der starr gerade ausblickte. Er nahm ihn um die Schulter und flüsterte: »Dad, was machen wir denn jetzt«?

Vincent stand wortlos auf und lief wie im Trance zum Ausgang. An der Tür drehte er sich noch einmal zu dem Notarzt um. »Bitte geben Sie Bescheid, dass ich morgen wiederkomme. Im Moment kann ich nicht denken«.

Dann ging er hinaus und lies sich auf eine Besucherbank fallen. Er stützte den Kopf auf die Arme und begann zu schluchzen.

Mick stand vor ihm und wusste nicht, was er machen sollte. `Wenn ich doch nur irgendetwas tun könnte. Wäre ich bloß zu Hause geblieben, dann hätte ich Mum vielleicht noch helfen können«. dachte er vorwurfsvoll. `Aber nein, ich musste ja unbedingt zu Fred fahren`.

Er setzte sich neben seinen Vater. »Komm Dad, wir fahren wieder heim«. Langsam gingen sie zurück zum Auto.

Als Mick die Haustür aufschloss, hörte er bereits das Telefon läuten. Er ging hin und hob ab.

Am anderen Ende war ein anderer Arzt aus dem Hospital, der seinen Vater verlangte.

Mick sah hinüber zu seinem Dad, der gebückt auf dem Rand des Fernsehsessels kauerte und sagte leise: »Es tut mir leid, Sie können ihn im Moment nicht sprechen, aber ich bin der Sohn. Kann ich ihm vielleicht etwas ausrichten«?

»Na gut«, antwortete der Arzt. »Sagen Sie ihm bitte, dass seine Frau und somit Ihre Mutter auf dem Weg in die Gerichtsmedizin ist, da die Todesursache bisher nicht vollständig geklärt werden konnte«.

Mick erschrak. »Wie meinen Sie denn das«?

»Das ist reine Routine«, versuchte ihn der Arzt zu beschwichtigen. »Ihre Familie, aber auch wir müssen schließlich wissen, was wirklich passiert ist. Im Übrigen war Scotland-Yard auch bereits hier. Sie werden sich auch heute noch bei Ihnen melden und dann einen Bericht erstellen. So ist das nun mal«.

Mick schluckte resigniert: »Na gut, ich sage es meinem Vater«. Er legte auf und drehte sich um.

Langsam ging er zu ihm und kniete sich vor ihn hin.

»Dad, Mum ist jetzt in der Gerichtsmedizin, weil man angeblich die Todesursache nicht kennt. Und Scotland-Yard wird auch gleich zu uns kommen«.

In diesem Moment klingelte es auch schon an der Tür. Er lief hin und öffnete.

Vor ihm standen zwei Polizisten, die sich als Detective-Chief-Inspector Henry Parker und Detective-Sergeant Emma Reynolds vorstellten. Sie betraten das Haus und gingen zu Vincent, der noch immer zusammen gesunken dasaß.

DCI Parker zog sich einen Stuhl heran. »Mr. Graham, es tut uns sehr leid, aber wir müssen dennoch kurz mit Ihnen sprechen«.

Vincent sah langsam zu ihm auf. »Was wollen Sie denn wissen«? Henry Parker begann: »Wir müssen wissen, wann genau Sie nach Hause gekommen sind und wo Sie vorher waren«. Vincent flüsterte: » Ich bin Direktor der Grundschule II hier in Liverpool. Ich habe heute Morgen wie jeden Tag um 7.00 Uhr das Haus verlassen und bin zur Arbeit gefahren. Gegen 14.00 Uhr war ich wieder da und habe Margarethe reglos in der Küche gefunden, den Notarzt angerufen und den Rest wissen Sie ja«.

Parker fragte weiter: »Wieso am Sonntag? Was tun Sie da in der Schule? Die dürfte doch geschlossen gewesen sein«.

Vincent lehnte sich matt zurück. »Ja natürlich, ist sie auch. Aber ich hatte eine Menge Papierkram auf dem Schreibtisch, den ich am Vormittag erledigen konnte, ohne lästige Anrufe zu bekommen.

Aber wieso fragen Sie mich das? Soweit ich vom Notarzt weiß, hatte meine Frau einen Schlaganfall. Warum ermittelt jetzt Scotland-Yard«?

Henry Parker rieb sich seinen Dreitagebart. »Naja, wir haben einen Anruf aus dem Hospital bekommen, dass es durchaus möglich ist, dass Ihre Frau irgendetwas Giftiges geschluckt hat. Die Symptome glichen einem Schlaganfall, aber das wird gerade geklärt. Und deshalb sind wir jetzt auch hier«.

Vincent sah ihn erschrocken an. »Was? Margarethe wurde vergiftet? Wollen Sie das ernsthaft behaupten«?

Henry Parker antwortete: »Mr. Graham, das ist wie gesagt noch nicht sicher. Aber haben Sie bitte Verständnis dafür, dass wir bei einem solchen Verdacht sofort das Umfeld Ihrer Frau abklopfen müssen«.

Detective-Sergeant Emma Reynolds sah nun zu Mick.

»Und Sie? Was haben Sie heute in der fraglichen Zeit gemacht«?

Mick hatte sich an ein Sideboard gelehnt und starrte die Polizistin einen Moment ungläubig an.

Schließlich sagte er: »Ich war heute von neun bis zwölf in der Bücherei. Einmal im Monat ist dort auch sonntags geöffnet.

Danach bin ich mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Normalerweise esse ich dann gemeinsam mit meinem Dad etwas. Aber sie sagte, dass er noch in der Schule ist und später heimkommt. Also bin ich zu meinem Schulfreund Fred Bailey gefahren. Sie wohnen etwas außerhalb der Stadt und haben ein kleines Gestüt.

Als ich wieder heimkam, sah ich auf der Straße den Krankenwagen stehen«.

Reynolds sagte nun: »Geben Sie uns bitte die genaue Adresse Ihres Freundes«.

DCI Parker winkte ab: »Schon ok, die habe ich bereits. Meine Tochter nimmt dort Reitstunden«.

Nun wandte er sich wieder an Vincent: »Das war erst einmal alles. Wir hoffen natürlich auch für Sie, dass sich dieser Verdacht nicht bestätigt. Aber hier ist meine Visitenkarte Mr. Graham. Sollte Ihnen etwas Wichtiges einfallen, können Sie mich oder meine Kollegin jederzeit erreichen«.

Kurz darauf gingen sie zu ihrem Dienstwagen und ließen Vincent und Mick ratlos zurück.

**

Molly war am nächsten Tag auf dem Weg in die Schule. Ein bisschen plagte sie das schlechte Gewissen, denn obwohl sie wusste, dass eine Schulaufgabe in Mathematik bevorstand, hatte sie nicht geübt.

Und ihr war klar, dass ihre Klassenlehrerin, die ihr so manche Schusseligkeit nachsah, nicht da war.

Sie hatte vor kurzem ein Kind bekommen und ihre Vertretung war jetzt der Direktor, Vincent Graham persönlich.

Schon von weitem sah sie am Haupteingang Abygail und Daisy stehen, die auf sie zu warten schienen. Schnell lief sie zu den beiden hin.

Daisy rief aufgeregt: »Molly, wir haben eine Freistunde, weil Mathe ausfällt«. Ihr fiel ein Stein von Herzen und fragte überrascht: »Wieso denn das«?

Jetzt antwortete Abygail: »Wir haben gerade von Miss Wilkinson erfahren, dass Mr. Graham einen Trauerfall in der Familie hat und deshalb die ganze Woche nicht kommen wird. Das heißt für uns, eine ganze Woche keine Mathematik. Ist das nicht toll«?

Molly sah erschrocken in ihr lächelndes Gesicht mit der großen Zahnlücke. »Was hast Du denn«? fragte Daisy erstaunt. »Freust Du Dich denn gar nicht«?

Molly schluckte einen Moment. »Was für einen Trauerfall? Etwa sein Sohn Mick«?

Daisy hob die Schultern: »Keine Ahnung. Das wissen wir nicht. Vielleicht hat ja Mr. Graham eine alte Mutter.

Jetzt sollen wir erst einmal in den Aufenthaltsraum kommen. Dort wird uns der Ersatzstundenplan gezeigt«.

Langsam schoben sie sich nun mit den anderen lärmenden Kindern durch die Flure.

Als Miss Wilkinson schließlich den Raum betrat, setzten sich auf die umlaufenden Holzbänke und verstummten, als sie ihre Miene sahen.

»Guten Morgen«, begann sie leise. »Wir haben soeben erfahren, dass die Frau von unserem Direktor, Mrs. Graham verstorben ist. Er wird deshalb diese Woche nicht kommen. Für Euch fällt somit Mathematik aus, aber die Stunden werden bald nachgeholt«. Die Kinder schwiegen.

»So, ich lasse jetzt den neuen Stundenplan austeilen«. Kurz darauf ging sie zur Tür und drehte sich noch einmal um. »Ich muss jetzt in meinen Unterricht. Bitte verhaltet Euch ruhig und geht in der nächsten Pause in Eure Klassenzimmer«. Leise schloss sie wieder die Tür.

Molly dachte an Mick. `Wie es ihm wohl gehen mochte`? Gleich nach der Schule würde sie mit dem Fahrrad zum Marktplatz fahren und in der Bücherei nachsehen. Vielleicht war er dort.

Der Vormittag verging und als die Pausenklingel ertönte, lief sie so schnell sie konnte nach Hause. Dann fütterte sie hastig die Katzen und war kurz darauf auf dem Weg zum Marktplatz.

Plötzlich sah sie Mick, der mit gesenktem Kopf an einem kleinen Imbiss stand und eine Cola trank.

Ein etwa gleichaltriger Jugendlicher hatte den Arm um seine Schulter gelegt und redete beschwichtigend auf ihn ein. Molly bremste und blieb vor ihm stehen.

Mick sah sie an: »Hallo Molly, was machst Du denn hier«?

Sie schluckte verlegen: »Ich wollte Dich in der Bücherei besuchen, weil ich gehört habe, was passiert ist. Und es tut mir sehr leid für Dich«. Mick sah seinen Freund Fred an: »Das ist Molly Bennett, ich bringe ihr manchmal ein Buch mit, weißt Du«.

An sie gewandt sagte er nun: »Ich danke Dir, aber dort bin ich die ganze Woche nicht. Am besten, Du fährst jetzt erst mal nach Hause. Irgendwann schaue ich wieder bei Euch vorbei«.

Molly lächelte unsicher, drehte ihr Fahrrad um und fuhr schnell wieder heim. Ihre Mutter sollte nicht wissen, dass sie allein in der Innenstadt unterwegs war.

**

Liz Bennett kam am späten Nachmittag erschöpft nach Hause. Eine Kollegin war wieder nicht zur Arbeit gekommen und die Putzfirma hatte sich auch verspätet. So blieb mal wieder alles an ihr selbst hängen.

Als sie die Haustür aufschloss sah sie, dass Molly in der Küche saß und weinte.

»Was ist denn los? rief Liz erschrocken. »Hast Du Dir wehgetan«? Molly schüttelte wortlos den Kopf und schluchzte erneut. Liz drängte weiter: »Nun sag doch was los ist. Hat Dich jemand geärgert«?

Molly sah sie aus ihren nussbraunen Augen traurig an. »Nein Mum, aber Micks Mum ist gestorben. Er ist jetzt allein mit seinem Dad. So wie bei uns, nur anders herum«.

Liz ließ sich auf einen Stuhl fallen und starrte sie ungläubig an. »Das ist ja furchtbar«. Sie stand auf und nahm ihre Tochter in den Arm.

Nach einer Weile fragte sie: »Hast Du Hunger«? Molly schüttelte erneut den Kopf.

Liz sagte leise: »Ich muss noch mal schnell weg. Ich bin bald wieder zurück, dann essen wir Spaghetti«.

Schnell verließ sie das Haus und stand kurz darauf vor der Tür von Vincent Graham. Zögernd drückte sie auf den Klingelknopf.

Erst rührte sich nichts und sie wollte fast schon wieder gehen, als doch Schritte näherkamen. Die Tür wurde geöffnet und Vincent sah sie entgeistert an. Er war blass und hatte tiefe Augenringe. »Hallo Vincent«, sagte Liz.

Als er sich gefasst hatte, antwortete er: »Was tust Du denn hier«? Er sah sich um, die Straße war menschenleer.

Kurzerhand zog er sie in den Flur und fragte, als die Tür zu war: »Weiß jemand, dass Du hier bist«?

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Molly hat mir vorhin erzählt, was passiert ist. Ich wollte Dich auch nur fragen, wie es Dir geht«.

Resigniert antwortete er: »Wie soll es mir schon gehen, natürlich schlecht. Und außerdem ermittelt auch noch Scotland-Yard, weil die Möglichkeit besteht, dass es kein Schlaganfall gewesen war und Margarethe stattdessen irgendetwas geschluckt haben könnte«.

Sie sah ihn erschrocken an. »Was hat sie denn genommen«? Vincent hob die Schultern. »Keine Ahnung, aber ich bitte Dich, jetzt keinesfalls noch einmal zu mir nach Hause zu kommen. Du weißt, dass ich neugierige Nachbarn habe. Und wenn Dich jemand sieht, wirst Du womöglich in die Sache mit hineingezogen«.

Liz sah ihn traurig an. »Vincent, ich finde dieses ewige Versteckspiel schrecklich und irgendwann muss ich es Molly sagen. Sie wird älter und ich möchte nicht, dass sie oder Dein Sohn es später selbst herausfinden, dass Du auch ihr Vater bist. Das verzeihen uns die Kinder nie«.

Ohne seine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Haustür und lief davon.

**

Detective-Sergeant Emma Reynolds saß am Morgen seit über einer Stunde am Schreibtisch und sah immer wieder auf die Uhr. `Komisch`, dachte sie. `Sonst ist Parker immer vor mir da`.

Sie rührte sich in ihren Kaffee drei Stück Zucker hinein und goss einen großen Schwall Milch darüber.

Gut, dass das gerade niemand sah. Schließlich kämpfte sie, seit sie ein Kind war, mit ihrem Übergewicht und die Hose ihrer Uniform saß bereits sehr eng.

Am Abend zuvor war sie allein gewesen. Ihr Freund Riley, mit dem sie seit einem reichlichen Jahr zusammen wohnte, war mit einer Montagecrew in Leicester unterwegs und wollte heute wieder nach Hause kommen.

So hatte sie vor dem Fernseher eine große Pizza gegessen und zu allem Überfluss auch noch Cola getrunken. Mit vollem Magen und einem Koffeinschub lag sie später im Bett und konnte nicht einschlafen.

Umso gewissenhafter hatte sie sich am Morgen geschminkt und ihre langen dunkelbraunen Haare hochgesteckt.

Jetzt beugte sie sich wieder über einen Unfallbericht vom Vortag.

Eigentlich gehörte dies nicht zu ihren Aufgaben, aber gleich drei Kollegen waren krank geworden und die Urlaubszeit hatte inzwischen auch begonnen. Sie musste aushelfen.

Zwei Jugendliche hatten mit ihren Mopeds einen Fahrradfahrer absichtlich von der Straße abgedrängt und er war gestürzt.

Sie wollte noch die Zeugenliste durchsehen, denn irgendwie musste man schließlich solchen Rowdys das Handwerk legen.

Das Telefon riss sie aus ihren Gedanken.

Am anderen Ende war DCI Parker. »Guten Morgen Emma. Ich bin wegen der Sache Margarethe Graham in der Gerichtsmedizin, kommen Sie bitte sofort hierher«.

Dann legte er wieder auf.

Emma schob sofort ihren Stuhl zurück, zog sich die Jacke über und verließ das Büro. Als sie mit dem Dienstwagen den Innenhof der Police-Station verließ, seufzte sie, denn wegen einer Baustelle hatte sich vor und hinter der Ausfahrt ein dicker Stau gebildet.

Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als das Blaulicht einzuschalten, wenn sie schnell bei Parker sein wollte. Schließlich wurde ihr Platz gemacht und sie konnte nach der Kreuzung zügig weiterfahren.

An der Gerichtsmedizin sah sie das Auto von ihrem Kollegen quer vor dem Haupteingang stehen.

`Typisch Parker`, dachte sie. `Er meint wirklich, dass er sich alles erlauben kann, aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Er muss nur mal den Richtigen erwischen`.

Sie betrat das Gebäude und lief einen langen schmalen Flur entlang.

An einer großen doppelflügeligen Tür angekommen, sah sie durch die Glasscheiben und erkannte ihren Chef, der zusammen mit einem Arzt an einem Tisch mit Unterlagen stand und ihm zuhörte.

Sie klopfte kurz an und drückte die Tür auf. Die Männer drehten sich zu ihr um. DCI Parker sagte sofort: »Ach, da sind Sie ja«.

Dann wandte er sich an den Arzt: »Dr. Hughes, das ist Detective-Sergeant Reynolds. Wir bearbeiten zusammen den Fall Graham. Vielleicht könnten sie noch einmal kurz zusammenfassen, was Sie in der Sache herausgefunden haben«. Der Arzt setzte seine Lesebrille ab und begann:

»Wir haben gerade die Obduktion abgeschlossen und mehrere Bluttests durchgeführt.

Margarethe Graham hat über einen geschätzten Zeitraum von zehn Wochen ein Pflanzengift zu sich genommen. Sie muss schon seit Tagen müde und schlapp gewesen sein, was man aber auch mit einer Grippe oder Heuschnupfen verwechseln könnte. Daran litt sie sowieso sicher schon seit einigen Jahren. Aber dieses Pflanzengift wird sie sich bestimmt nicht selbst ins Essen gerührt haben. Nur wieso haben ihr Sohn und ihr Ehemann davon nichts gegessen? Also auf die Erklärung bin ich sehr gespannt. Naja und wegen der wochenlangen Einnahme kam es dann gestern zu einer Gehirnblutung.

Sie muss ungefähr eine Stunde allein in der Küche gelegen haben und das war definitiv zu lange.

Hätte man diese bedauernswerte Frau eher gefunden, würde sie vielleicht noch leben. Aber sie wäre jetzt ein Pflegefall, soviel kann ich mit Sicherheit sagen«.

Henry Parker sah seine Kollegin ernst an. »So Emma, jetzt ist es ein Fall für Scotland-Yard. Wir fahren sofort zu Vincent Graham und werden ihm das Ergebnis von Dr. Hughes präsentieren. Mal sehen, was er dazu sagt«.

Er grübelte kurz: »Sein Sohn, dieser Mick geht noch zur Schule, oder«? Emma nickte. »Ja. Ich schlage vor, dass wir den Jungen gleich mitverhören«.

DCI Parker wiegte den Kopf. »Nein. Das werden wir nicht tun, sondern wir werden getrennt mit den beiden sprechen«. Kurz darauf verließen sie das Gebäude.

Draußen zündete sich Henry eine Zigarette an und blies nachdenklich den Rauch in die noch kalte Morgenluft.

Kopfschüttelnd sagte er: »Die arme Frau. Mein Gott, wer macht denn sowas«?

Er sah sie wieder grübelnd an. »Emma, Sie fahren ins Büro und versuchen, möglichst viel über die Lebensumstände von Mrs. Graham herauszufinden.

Das müsste uns doch bei den Ermittlungen helfen. Vielleicht gibt es jemanden, den wir jetzt noch nicht auf dem Schirm haben, außer dem Ehemann und den Sohn.

Ich fahre gleich zu den Grahams und die Spurensicherung muss her. Wir werden sofort eine Hausdurchsuchung machen«.

Hastig trat er seine Zigarette aus, ging zurück und telefonierte in einem der Büros.

Als er wieder herauskam, sagte er: »Alles klar, das Team kommt in einer halben Stunde. Wir treffen uns dann wieder im Büro«.

Er setzte sich in seinen Ford, schob mit einer Hand das Blaulicht aufs Dach und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Er wollte unbedingt vor den Kollegen am Wohnhaus sein.

**

Liz Bennett hatte schlecht geschlafen. Erschöpft saß sie nun im Morgenmantel in ihrer gemütlichen Küche und trank Kaffee.

Lange hatte sie überlegt, wie es zu dem Drama um Vincent Grahams Frau hatte kommen können.

Aber sie dachte auch über sich selbst nach und erinnerte sie sich, als sie Vincent kennengelernt hatte.

Sie war eine junge Frau mit gerade einmal 21 Jahren. Nie würde sie vergessen, als er eines Tages an einem Nachmittag mit dem Bürgermeister in der Kantine, vor ihr gestanden war, nachdem sie gerade zwei Schulklassen mit Kuchen und Kakao versorgt hatte.

Vincent hatte sie mit seinen grauen Augen so intensiv angesehen, dass ihr schwindelig geworden war.

Kurz darauf trafen sie sich regelmäßig heimlich etwas außerhalb der Stadt in einem kleinen Gasthof. Hin und wieder verreisten sie auch an den Wochenenden, wenn Schulausflüge anstanden.

Vincent log seiner Frau vor, dass er die Landheime inspizieren müsse. In Wirklichkeit war er aber mit ihr in einer Pension in Brighton am Meer oder in London.

Doch dann wurde sie schwanger.

Anfangs wollte er sie dazu überreden, dass Kind abzutreiben, aber darüber ließ Liz absolut nicht mit sich reden.

Jedoch wurde ihr auch klar, dass er, wie anfangs oft behauptet, nicht wirklich die Absicht hatte, sich von seiner Frau zu trennen.

Oft lag sie abends im Bett und weinte um ihn, nachdem er sich wochenlang nicht mehr gemeldet hatte.

Als dann schließlich ihre kleine Molly zur Welt kam, war sie zuerst überglücklich, aber als sie mit dem Baby in die ausgekühlte Wohnung nach Hause kam, fühlte sie sich alleingelassen und einsam.

Niemand fragte, wie es ihr ging. Niemand half ihr, wenn sie nächtelang am Kinderbett saß und Molly wieder einmal hohes Fieber hatte. Und niemand fragte, wie sie finanziell zurechtkam.

Von Vincent nahm sie trotz allem nie Geld an, da hatte Liz ihren Stolz.

Doch Molly war ihr Sonnenschein und der Grund, warum es sich lohnte zu kämpfen.

Irgendwann stand Vincent an einem späten Abend mit einem Blumenstrauß vor der Tür.

Er entschuldigte sich bei ihr und sie ließ ihn herein. Stolz hielt er dann seine kleine schlafende Tochter im Arm und versprach ihr, sich bald von Margarethe zu trennen und für sie und das Baby da zu sein.

Alles begann wieder von vorn. Heimliche Telefonate, heimliche Treffen, aber dabei blieb es.

Und jetzt war plötzlich wieder alles anders.

Margarethe war gestorben.

Liz nippte an ihrer Kaffeetasse und grübelte. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Vincent etwas damit zu tun haben sollte.

**

DCI Henry Parker hatte gerade seinen Dienstwagen in der Garageneinfahrt der Grahams abgestellt, als Mick aus dem Haus kam. Erstaunt sah er den Kommissar an.

»Guten Morgen Sir, kann ich Ihnen helfen? Mein Vater ist, soweit ich weiß, noch gar nicht aufgestanden«.

Parker antwortete: »Dann wird es besser sein, dass Sie ihn schnell wecken, denn wir werden jetzt eine Hausdurchsuchung bei Ihnen machen«.

Mick erschrak: »Wieso denn das? Muss das sein, es ist doch sowieso schon alles schlimm genug«.

Der Inspector überlegte: `An seiner Stimme hört man, dass er keine Ahnung hat, worum es wirklich geht, oder er wäre ein exzellenter Schauspieler`.

Laut sagte er: »Ja, es muss leider sein und Sie können hier jetzt ebenfalls nicht weg, denn wir brauchen auch noch einmal Ihre Aussage«.

Mick schluckte: »Meine? Ich habe Ihnen doch schon alles gesagt«.

»Bitte regen Sie sich nicht unnötig auf«, sagte er beschwichtigend. »Wir machen schließlich auch nur unsere Arbeit«.

Inzwischen waren zwei weitere Dienstfahrzeuge von Scotland-Yard eingetroffen. Sechs Beamte mit Koffern stiegen aus und gingen zu Haustür.

Mick eilte hinzu. »Warten Sie bitte. Ich hole erst meinen Vater«. Dann schloss er auf und lief schnell die Treppe nach oben.

Die Polizisten verteilten sich im Haus und in der Garage. Vincent Graham war inzwischen nach unten gekommen und lief auf DCI Parker zu, der gerade in der Küche den Gewürzschrank inspizierte.

Schwer atmend fragte er: »Mr. Parker, was soll denn das? Sie zeigen mir jetzt einen Durchsuchungsbeschluss. Anderenfalls verlassen Sie auf der Stelle mein Haus«.

Der Inspector hielt ihm ein Dokument entgegen und sagte ruhig: »Mr. Graham, wir müssen dies tun. Bitte lassen Sie uns ins Wohnzimmer gehen und reden. Dann erkläre ich Ihnen alles«.

Vincent schüttelte den Kopf: »Ich verstehe nicht, was Sie jetzt hier suchen. Glauben Sie mir, ich habe bestimmt nichts zu verheimlichen«. Er ließ sich in einen Sessel fallen und sah den Kommissar immer noch ungläubig an.

Im Esszimmer konnte man hören, wie Schränke geöffnet und Schubladen aufgezogen wurden.

Henry Parker begann: »Mr. Graham, ich war heute Morgen in der Gerichtsmedizin bei Dr. Hughes und kenne nun die Todesursache Ihrer Frau. Sie muss über einen längeren Zeitraum ein Gift zu sich genommen haben.

Es kam zu einer Gehirnblutung, woran sie gestorben ist, aber auch weil sie etwa eine Stunde nicht versorgt werden konnte«.

Vincent wurde blass. »Wollen Sie etwa behaupten, dass sie noch leben könnte, wenn ich oder mein Sohn Mick dagewesen wäre«?

Der Inspector holte einen Moment Luft. »Das habe ich Dr. Hughes auch gefragt. Er sagte zwar ja, aber sie wäre jetzt höchstwahrscheinlich ein schwerer Pflegefall«.

Vincent sah ihn immer noch ungläubig an: »Wie soll sie das Gift denn genommen haben«?

Henry Parker antwortete mit ernster Miene: »Vielleicht haben Sie oder Ihr Sohn eine plausible Erklärung dafür«. Vincent sprang wütend auf, ballte die Fäuste in den Hosentaschen und lief im Wohnzimmer aufgeregt hin und her.

Plötzlich blieb er stehen und drehte sich zu dem Kommissar um. »Ist das eine Anschuldigung? Ich rufe jetzt sofort meinen Anwalt an und bis dahin werden wir beide nichts mehr aussagen«.

Henry Parker stand auf. »Wie Sie wollen Mr. Graham. Rufen Sie ihn bitte an und wir reden dann auf dem Revier weiter. Bis jetzt war es eigentlich nur eine Befragung und vielleicht hätte es auch eine logische Erklärung gegeben. Die Hausdurchsuchung wird von uns selbstverständlich weiter durchgeführt. Das muss Ihnen klar sein«.

Vincent lief zum Telefon und wählte eine Nummer. Plötzlich klopfte ein Beamter an die Tür und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. »Sir, bitte kommen Sie in die Garage. Wir haben da etwas gefunden«.

Der Inspector lief sofort hinter ihm her. Vincent lies den Hörer wieder los und eilte den Polizisten nach.

Als er schließlich sah, dass zwei Beamte über einem kleinen Kanister gebeugt, Fotos machten, fragte er aufgeregt: »Was haben Sie da gefunden«?

Henry Parker hielt ihn zurück und sagte schroff:

»Mr. Graham, bleiben Sie zurück, bis das Beweisstück gesichert ist. Aber Sie können mir gleich die Frage beantworten, ob Ihnen der Kanister bekannt ist«.

»Ja natürlich«, antwortete Vincent gereizt. »Aber das, was auf dem Etikett drauf steht, ist da schon seit vielen Jahren nicht mehr drin. Ich benutze den Kanister für das Rasenmäher-Benzin«.

Vincent Parker sah ihn frostig an. »Wir werden das in Kürze feststellen. Sie und Ihr Sohn fahren jetzt mit uns zur Police-Station«. Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging ins Haus zurück.

Er suchte Mick, der eingeschüchtert neben einem Polizisten im Esszimmer wartete. »Kommen Sie bitte mit«. Dann ging er zu seinem Dienstwagen, nachdem Vincent und Mick Graham auf der Rückbank eines anderen Polizeiautos saßen.

**

Detective-Sergeant Emma Reynolds saß nun schon zwei Stunden an ihrem Schreibtisch und recherchierte über die Familie Graham, insbesondere über das Leben von Margarethe.

Alles was sie bisher herausgefunden hatte war, dass sie eigentlich aus Norwich stammte, früher den Nachnamen Patel trug und nun seit 17 Jahren mit Vincent Graham verheiratet war.

Sie arbeitete zweimal in der Woche in einem kleinen Supermarkt und wie ihr der Leiter Jeff Saunders am Telefon versicherte, war sie immer zurückhaltend, höflich und vor allen Dingen eine zuverlässige Mitarbeiterin.

Oft sprang sie kurzfristig ein, wenn eine seiner jungen Angestellten anrief und ihm sagte, `Ihr Kind sei krank`.

Margarethe Graham kam.

»Und sie war gerne unter Menschen«, plauderte Jeff Saunders weiter.

Aber er erzählte Emma auch, dass ihrem Mann dieser Job `ein Dorn im Auge` war.

»Der feine Direktor wollte seine Frau lieber zu Hause behalten, wissen Sie«, flüsterte er nun mit gesenkter Stimme.

»Warum reden Sie denn plötzlich so leise«? fragte Emma etwas irritiert. »Ist das ein Geheimnis oder kann Ihnen jemand zuhören«?

Jeff Saunders räusperte sich: »Nein, das nicht. Aber ich habe Zwillinge und einen Sohn auf seiner Schule. Ich möchte doch nicht, dass meine Kinder später irgendetwas ausbaden, wenn herauskommt, dass ich über ihn etwas gesagt habe«.

»Was sollte denn das sein«? fragte sie skeptisch weiter.

»Ich glaube, Sie reden sich selbst etwas ein«.

Saunders antwortete darauf hörbar genervt: »Naja, wie auch immer. Mehr kann ich Ihnen über Margarethe Graham sowieso nicht sagen und ich bin sehr betroffen, dass sie nie mehr kommen wird«.

Emma Reynolds beendete das Gespräch und lehnte sich zurück. `Naja, das war jetzt auch nichts wirklich Neues`.

Dann sah sie sich noch einmal die Daten aus dem Einwohnermeldeamt an, die ihr zugefaxt worden waren:

`Margarethe und Vincent Graham hatten 1971 geheiratet, aber der Sohn ist schon neunzehn. Das bedeutet, dass er unehelich zur Welt kam. Zu dieser Zeit war das nicht gerade üblich, muss aber eigentlich auch nichts heißen`.

Während sie noch grübelte, ging die Tür des Büros auf und DCI Parker kam herein. Achtlos warf er seine Jacke achtlos an die Seite. »Wir haben Vincent und Mick Parker mitgebracht und werden sie jetzt getrennt verhören«, sagte er hastig. »Sie bestehen allerdings auf ihren Rechtsanwalt und das ist kein geringerer als Daniel Baker. Wir müssen uns also mal wieder auf eine Wortklauberei einstellen, die es in sich haben wird«.

Henry ließ sich jetzt auf seinen Stuhl fallen und rieb sich die Augen. »Das fehlt mir gerade noch«, murmelte er.

Er sah Emma an. »Wir haben übrigens in der Garage einen grünen Kanister mit einem Etikett gefunden. Was wirklich darin war oder ist, wird gerade im Labor geklärt. Haben Sie auch etwas Interessantes herausgefunden«?

Sie nahm das Fax, ging um den Schreibtisch herum und erklärte ihm, was sie in der kurzen Zeit recherchieren konnte. Henry Parker grübelte. Laut sagte er: »Familie Patel aus Norwich, irgendetwas sagt mir das«.

In diesem Moment klopfte es und ein Polizist öffnete auch schon die Tür. »Sir, der Anwalt der Grahams ist bereits da und macht vorn bei Constable Miller einen riesen Aufstand. Er will eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen. Bitte kommen Sie schnell«.

Der Kommissar verdrehte die Augen: »Auch das noch, aber ich habe nichts anderes von ihm erwartet«.

Schnell stand er auf und verließ das Büro. Das Telefon klingelte, Emma hob ab.

Am anderen Ende war Riley und sagte gutgelaunt: »Guten Morgen mein Schatz. Bin gerade nach Hause gekommen und wollte Dich fragen, ob ich Dich heute Nachmittag von der Arbeit abholen kann.

Bei dem schönen Wetter könnten wir doch ein Eis essen gehen. Na, was meinst Du«?

»Ja, warum nicht«, sagte sie. »Ich muss aber schauen, wann ich hier wegkomme. Wir haben nämlich einen neuen Fall. Weißt Du was? Am besten, Du legst Dich erstmal aufs Ohr und nach der Mittagspause rufe ich Dich an, ok«?

Schnell legte sie wieder auf, denn Henry Parker eilte gerade wieder ins Büro.

Und Emma wusste, dass er es nicht mochte, wenn man privat telefonierte, zumindest wenn es nicht unbedingt notwendig war.

»Haben Sie schon etwas vom Labor gehört«? rief er. Emma lief rot an: »Nein Sir, noch nichts«.