Das Gelübde einer Sterbenden - Emile Zola - E-Book

Das Gelübde einer Sterbenden E-Book

Émile Zola

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Beschreibung

Dieses eBook: "Das Gelübde einer Sterbenden" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Émile Zola (1840-1902) war ein französischer Schriftsteller und Journalist. Zola gilt als einer der großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts und als Leitfigur und Begründer der gesamteuropäischen literarischen Strömung des Naturalismus. Das erzählerische Werk Zolas ist, ähnlich wie das der Goncourts, eine Fundgrube für Sozialhistoriker. Aus dem Buch: "Der Frühling nach der schrecklichen Februarrevolution 1848 brachte, neben lauen Lüften, empfindliche Kälte. Ein kühler Wind bewegte auch an jenem Abend die Gardinen. In dem Zimmer breitete Wehmut ihre düstere Schwingen aus. Die Möbel hoben sich undeutlich von den hellen Wanddraperien ab; das blaue Muster des Teppichs nahm allmählich eine matte Färbung an. Die Nacht war schon in die Ecken und in den oberen Teil des Zimmers eingedrungen. Nur ein langer, weißer Streifen, der von dem einen Fenster ausging, warf ein fahles Licht auf das Bett, in dem Frau von Rionne in Todesängsten röchelte. So von der Dämmerung und der ersten Frühlingsmilde durchwogt, schien das Zimmer gleichsam Mitleid mit der Leidenden kund zu geben."

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Emile Zola

Das Gelübde einer Sterbenden

e-artnow, 2014
ISBN 978-80-268-1699-7

Inhaltsverzeichnis

I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII
XIV

Gegen Ende des Jahres 1831 war unter der Rubrik »Vermischtes« in dem »Semaphore,« einer Marseiller Zeitung folgender Bericht zu lesen:

»Gestern Abend hat eine Feuersbrunst mehrere Häuser im Dorfe Saint-Henri zerstört. Den Widerschein der Flammen, die sich im Meere abspiegelten, konnte man von unsrer Stadt aus sehen und diejenigen Personen, die sich auf den Felsen von Endoume befanden, hatten das schreckliche und großartige Schauspiel deutlich vor Augen.

Einzelheiten fehlen noch. Im Publikum erzählt man sich mehrere mutige Rettungsthaten. Wir begnügen uns für heute eine grausige Episode des Schauerdramas zu berichten.

Ein Haus geriet von unten so schnell in Brand, daß man den Bewohnern keine Hülfe mehr bringen konnte. Das Geschrei der Unglücklichen war entsetzlich mit anzuhören.

Plötzlich erschien an einem der Fenster eine junge Frau, die ein Kind in den Armen hielt. Man konnte von unten sehen, wie ihr Kleid zu brennen anfing. Das Gesicht von Schrecken entstellt, die Haare wirr aufgelöst, starrte sie, wie vom Wahnsinn ergriffen, vor sich hin. Als dann die Flammen an ihren Kleidern höher emporleckten, schloß sie die Augen, drückte das Kind fester an ihre Brust und sprang zum Fenster hinaus.

Als man hinzukam, um sie aufzuheben, lag die Mutter mit zerschmettertem Schädel da, das Kind aber lebte noch und streckte weinend die Händchen aus, um sich der furchtbaren Umarmung der Toten zu entziehen. Es heißt, das Kind, das keinen Verwandten mehr auf der Welt habe, sei von einem jungen Mädchen adoptirt worden, deren Name uns nicht bekannt ist und die dem Adel des Landes angehört. Eine so edle That ist über alles Lob erhaben.

I.

Inhaltsverzeichnis

Das Zimmer war nur schwach durch das matte Licht der Abenddämmrung erhellt. Die halb geöffneten Gardinen ließen die hohen Wipfel der Bäume sehen, die in den letzten Strahlen der Sonne rot erglänzten. Unten, auf dem Boulevard des Invalides, spielten Kinder und ihre hellen Lachsalven stiegen, lieblich abgedämpft, herauf.

Der Frühling nach der schrecklichen Februarrevolution 1848 brachte, neben lauen Lüften, empfindliche Kälte. Ein kühler Wind bewegte auch an jenem Abend die Gardinen. In dem Zimmer breitete Wehmut ihre düstere Schwingen aus. Die Möbel hoben sich undeutlich von den hellen Wanddraperien ab; das blaue Muster des Teppichs nahm allmählich eine matte Färbung an. Die Nacht war schon in die Ecken und in den oberen Teil des Zimmers eingedrungen. Nur ein langer, weißer Streifen, der von dem einen Fenster ausging, warf ein fahles Licht auf das Bett, in dem Frau von Rionne in Todesängsten röchelte. So von der Dämmerung und der ersten Frühlingsmilde durchwogt, schien das Zimmer gleichsam Mitleid mit der Leidenden kund zu geben. Das Schattendunkel nahm hier Durchsichtigkeit an; die Stille atmete unsägliche Melancholie; die Geräusche der Außenwelt verwandelten sich hier in Beileidsgemurmel und es war, als hörte man ferne Klagelaute. Blanca von Rionne saß, den Kopf in Kissen gelehnt, halb aufrecht und sah mit weit offnen Augen in das Halbdunkel hinein. Der matte Lichtstreifen erhellte ihr abgemagertes Gesicht; ihre entblößten Arme lagen auf dem Bettuch; ihre unruhigen Hände zupften an der Decke, ohne daß sie sich dessen bewußt war. Und lautlos, die Lippen halb geöffnet, von lang anhaltenden Schauern geschüttelt, hing sie Todesgedanken nach, während sie den Kopf langsam rundum bewegte.

Sie zählte kaum dreißig Jahre. Von schmächtigem Körperbau, erschien sie noch schwächlicher infolge der Krankheit, aber das ausdrucksvolle Gesicht deutete auf einen außergewöhnlichen Verstand, eine seltene Herzensgüte und Liebesfähigkeit, eine große Seelenstärke, die sogar dem Tode Trotz zu bieten vermochte.

Gleichwohl war ihr hin und wieder anzumerken, daß sie die Liebe zum Leben nicht vollständig niederzuzwingen vermochte. Ihre Lippen erzitterten dann, ihre Hände krampfen sich heftiger in das Bettuch, die Angst verzerrte ihr Gesicht und ihren Augen entrollten schwere Thränen, die das Fieber schnell auf ihren Wangen trocknete. Es schien dann, als wolle sie vermöge ihrer Willenskraft den Tod zurücktreiben.

Sie neigte sich dann auch vor und betrachtete ein sechsjähriges, kleines Mädchen, das auf dem Teppich saß und mit den Quasten der Bettdecke spielte. Die Kleine blickte bisweilen, von plötzlicher Furcht gepackt, empor und machte eine betrübte Miene; in dem Augenblick aber, wo sie losweinen wollte, sah sie die Mutter ihr freundlich sanft zulächeln, worauf sie sich wieder ihrem Spiel zu wandte und sich leise mit der sogenannten Puppe unterhielt, die sie sich aus einem Lakenzipfel zurecht gemacht hatte.

Und doch konnte man sich nichts Traurigeres vorstellen, als dieses Lächeln der Mutter. Sie wollte ihre Jeanne bei sich behalten, bis zum letzten Augenblicke und suchte den Schmerz zu verbergen, um das Kind nicht zu erschrecken. Sie sah ihrem Spiel zu, horchte auf ihr Gepapel, vergaß über der Betrachtung des blonden Köpfchens, daß sie im Sterben lag und das liebe Wesen verlassen mußte. Dann aber besann sie sich wieder, daß ihr Körper schon zu erkalten anfing, und nun packte das Entsetzen sie wieder an der Kehle, denn das Einzige, was ihr den Tod so schrecklich machte, war ja der Gedanke, daß sie ihr Kind allein in der Welt zurückließ.

Die Krankheit war von vornherein erbarmungslos aufgetreten. Eines Abends, kurz nach dem Schlafengehen, hatte das Uebel sie befallen und sie in noch nicht vierzehn Tagen an den Rand des Grabes gebracht, ohne daß sie auch nur ein Mal von dem Krankenlager aufstehen, ohne daß sie Vorkehrungen für Jeanne’s Zukunft treffen konnte. Sie sagte sich, daß sie ihr Kind hülflos zurückließ, daß es keinen andern Führer auf seinem Lebenswege haben werde, als seinen Vater, und was für einen erbärmlichen Führer dieser abgeben würde, war ein Gedanke, der sie mit Bangigkeit erfüllte.

Plötzlich war ihr zu Mute, als wollte ihr das Bewußtsein entschwinden, was sie für einen Vorboten des herannahenden Todes hielt. Fassungslos vor Angst lehnte sie den Kopf wieder auf das Kissen zurück und rief:

»Jeanne, geh und sage Deinem Vater, er möchte zu mir kommen.«

Nachher, als das Kind herausgegangen war, bewegte sie wieder den Kopf. Mit weit geöffneten Augen, die Lippen fest aufeinander gepreßt, machte sie eine verzweifelte Anstrengung, um noch eine Weile das Leben festzuhalten und nicht früher von hinnen zu gehen, bis ihr Mutterherz beruhigt sei.

Man hörte jetzt nicht mehr das Lachen der Kinder auf dem Boulevard, und die Bäume hoben sich in düsteren Massen von dem blaßgrauen Himmel ab. Die Geräusche der Stadt stiegen undeutlicher herauf. Die Stille nahm zu, man vernahm nur die langsamen Atemzüge der Sterbenden, und ein unterdrücktes Schluchzen, das von einer Fensternische herkam. Dort weinte, durch die Gardine verborgen, ein achtzehnjähriger, junger Mann, Daniel Raimbault, der so eben in das Zimmer gekommen war und sich nicht bis an das Bett vorgewagt hatte. Da die Krankenwärterin sich auf einige Zeit entfernt hatte, war er unbeachtet in seinem Winkel stehen geblieben.

Daniel war ein von der Natur vernachlässigtes Wesen, das man höchstens auf fünfzehn Jahre geschätzt hätte. Nicht gerade verkrüppelt, aber seine mageren Gliedmaßen waren auf ganz vertrackte Weise in die Gelenke eingefügt. Seine blonden, beinah gelben Haare hingen in Strähnen herab und umrahmten ein langes Gesicht mit großem Munde und hervorstehenden Backenknochen. Indessen nahmen seine breite und hohe Stirn und seine sanft blickenden Augen zu seinen Gunsten ein. Aber die jungen Mädchen lachten über ihn, wenn er auf der Straße vorbeiging, namentlich wegen seiner ungeschickten, über die Maßen verlegenen Körperhaltung.

Frau von Rionne war die gute Fee seines Lebens gewesen. Sie hatte ihn heimlich mit Wohlthaten überhäuft und als er endlich vor sie hintreten durfte, um ihr zu danken, hatte er sie auf dem Sterbebett gefunden.

Er stand also hinter der Gardine und brach jetzt, unfähig seinen Kummer länger in den Schranken zu halten, in ein lautes Geschluchz aus. Bianca hörte diese Klagelaute und richtete sich halb auf, um nach dem Fenster hinzusehen.

»Wer ist da?« fragte sie. »Wer weint hier in meinem Zimmer?«

Da trat Daniel vor und kniete an ihrem Bett nieder. Blanca erkannte ihn.

»Ach, Sie sind’s, Daniel. Stehen Sie auf, lieber Freund, und weinen Sie nicht so.« Daniel vergaß seine Furchtsamkeit und Blödigkeit. Der Ueberschwang seiner Gefühle verlieh ihm Worte.

»O gnädige Frau,« rief er in herzzerreißendem Jammer und mit flehentlich ausgestreckten Händen, »lassen Sie mich auf den Knieen liegen und weinen. Ich war heruntergekommen, um Sie zu sprechen. Da hat mich der Kummer überwältigt, so daß ich meine Thränen nicht zurückhalten konnte. Ich war ungestört in dem Winkel und ich fühle mich gedrungen, Ihnen zu sagen, wie gut Sie sind und wie sehr ich Sie liebe. Seit über zehn Jahren habe ich geahnt, wem ich alles verdanke, seit über zehn Jahren schweige ich und droht mir das Herz zu zerspringen, von all der dankbaren Liebe, die ich für Ihre Güte empfinde. Also lassen Sie mich weinen. Wie oft habe ich an die selige Stunde gedacht, wo ich so vor Ihnen knieen dürfte! Es war ein Traum, der mich für die Bitternisse meiner Kindheit tröstete. Ich gefiel mich darin, mir die Zusammenkunft mit Ihnen bis in die geringsten Einzelheiten auszumalen. Ich stellte mir Sie schön und glücklich vor; dachte mir aus, wie Sie blicken, welche Bewegungen Sie machen würden. Und nun liegen Sie so da! Ich wußte nicht, daß man zweimal eine Waise werden kann!«

Seine Stimme brach sich in seiner Kehle. Blanca betrachtete ihn bei dem letzten Tageschimmer und fühlte sich etwas getröstet und gestärkt Angesichts einer solchen Verehrung und solchen Kummers. So war sie doch in ihrer Todesstunde für ihr gutes Werk belohnt.

Daniel fuhr fort:

»Ich verdanke Ihnen Alles und habe nichts, als meine Tränen, als Beweis meiner Ergebenheit. Ich betrachtete mich als Ihr Werk und wollte, daß dieses Werk ein gutes und schönes sein solle. Mein ganzes Leben, sagte ich mir, müßte der Dankbarkeit geweiht sein und Sie sollten dermaleinst noch stolz auf mich sein. Und nun habe ich nur wenige Minuten, um Ihnen zu sagen, was ich empfinde. Ich fürchte, Sie halten mich für undankbar, denn ich bin mir wohl bewußt, daß ich nicht beredt bin und nicht auszudrücken verstehe, was mein Herz bewegt. Aber ich habe immer einsam gelebt und verstehe nicht, die Worte zu setzen. Was soll blos aus mir werden, wenn Gott nicht Erbarmen hat mit Ihnen und mit mir?«

Frau von Rionne rührten diese in abgebrochnen Sätzen gestammelten Worte bis ins Innerste. Sie ergriff Daniels Hand und sagte:

»Ich weiß, lieber Freund, daß Sie kein undankbarer Mensch sind. Ich behielt Sie im Auge und habe erfahren, wie erkenntlich Sie sich für alles zeigten. Sie brauchen also nicht nach Worten zu suchen, um mir zu danken; Ihre Thränen sind Balsam genug für meine Schmerzen.«

Daniel hörte auf zu weinen und es trat eine kurze Pause ein.

»Als ich Sie nach Paris kommen ließ,« hob dann die Sterbende wieder an, »war ich noch bei voller Gesundheit und gedachte, Sie Ihre Studien fortsetzen zu lassen. Aber da überraschte mich die Krankheit und Sie kamen, ehe ich Ihre Zukunft sicher stellen konnte. Es thut mir leid, daß ich meine Aufgabe nicht vollendet habe.«

»Sie haben wie eine Heilige gehandelt,« fiel ihr Daniel ins Wort. »Sie schulden mir nichts, während ich Ihnen mein Leben und alles, was mir das Leben angenehm gemacht hat, verdanke. Die Wohlthat ist ohnehin schon eine zu große. Sehen Sie mich doch an, was für ein Kümmerling ich bin. Wie oft habe ich mich Ihretwegen meiner körperlichen Erbärmlichkeit und meiner Unbeholfenheit geschämt! So manches Mal — verzeihen Sie mir den bösen Gedanken — habe ich geglaubt, mein Gesicht würde Ihnen mißfallen und mich gescheut, mich vor Ihnen sehen zu lassen, weil ich fürchtete, meine Häßlichkeit könnte Ihre Güte gegen mich vemindern. Statt dessen haben Sie mich aber wie einen Sohn aufgenommen. Sie haben, trotz Ihrer Schönheit, einem mißgestalteten Kinde die Hand gereicht, das noch keiner hat lieben mögen. Je mehr ich verspottet und verschmäht wurde, desto mehr verehrte ich Sie, denn ich begriff, welche unendliche Herzensgüte Sie besitzen mußten, um bis zu mir herabzusteigen. Deshalb wünschte ich, als ich herkam, ich wäre ein hübscher Mensch.«

Blanca lächelte über seine jugendliche Begeisterung, seine schmeichlerische Demut.

»Sie sind ein Kind,« sagte sie.

Sie versank eine Weile in Nachdenken. Dann suchte sie in der Dunkelheit Daniels Gesicht deutlicher zu erkennen und dachte, während das Blut wärmer durch ihre Adern rollte, an ihre Jugend.

»Sie empfinden tiefer als Andre,« fuhr sie fort, »und deshalb wird das Leben rauh mit Ihnen umgehen.

Ich kann in dieser meiner letzten Stunde nur zu Ihnen sagen: Bewahren Sie mein Andenken als einen Talisman. Ist es mir nicht vergönnt gewesen, Sie zu versorgen, so habe ich Sie doch glücklicher Weise in Stand gesetzt, Ihr Brod zu verdienen, den richtigen Weg zu gehen und dieser Gedanke tröstet mich einigermaßen, daß ich Sie so allein in der Welt zurücklassen muß. Denken Sie zuweilen an mich, lieben Sie mich, machen Sie, daß ich in jener Welt mit Ihnen zufrieden sein kann, so wie Sie hier mich geliebt und zufrieden gestellt haben.«

Sie sagte dies so sanft, mit solcher Innigkeit, daß Daniel wieder die Thränen aus den Augen stürzten.

»Nein,« rief er, gehen Sie nicht so von mir, stellen Sie mir eine Aufgabe. Mein Leben wird inhaltslos werden, wenn Sie plötzlich daraus verschwinden. Ich habe seit über zehn Jahren keinen andern Gedanken gehabt, als den Wunsch, Ihnen zu gefallen, Ihnen in Allem zu gehorchen; was ich bin, dazu habe ich mich nur im Hinblick auf Sie gemacht; Sie waren das Ziel, das mir immer und überall vorschwebte. Wenn ich nicht mehr für Sie arbeite, werde ich schlaff und feige werden. Wozu dann noch leben, wofür kämpfen? Sorgen Sie also dafür, daß ich mich aufopfern kann! Geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen.«

Während Daniel sprach, erhellte gleichsam ein plötzlicher Gedanke Frau von Rionne’s Antlitz. Sie setzte sich aufrecht, noch stark genug, um gegen ihre Schmerzen anzukämpfen.

»Sie haben Recht,« fiel sie rasch ein, »ich habe eine Mission für Sie. Gott selber hat Sie an mein Sterbebett hergeführt. Der Himmel hat mir den Gedanken eingegeben, Ihnen eine helfende Hand zu reichen, damit Sie einst mir zu Hülfe kommen sollten. Stehen Sie auf, lieber Freund, denn jetzt bin ich die Bittende, jetzt ist die Reihe an Ihnen, mir Trost und Schutz zu gewähren.«

Als Daniel sich von den Knieen erhoben und auf einem Stuhl Platz genommen hatte, fuhr Sie fort:

»Hören Sie mich an, ich habe wenig Zeit. Ich muß Ihnen Alles sagen. Ich habe gebetet, daß ein guter Engel zu mir kommen möchte, und ich will glauben, daß Sie dieser Engel sind, den mir Gott sendet. Ich habe Vertrauen zu Ihnen, denn ich habe Sie ja weinen sehen.«

Und nun schüttete sie plötzlich ihr ganzes Herz aus, ohne danach zu fragen, daß Daniel noch ein halbes Kind war. Ihre arme, leidbedrückte Seele sehnte sich nach einer Erleichterung, und so offenbarte sie jetzt auf dem Sterbebett, was sie ihr Leben lang in sich verschlossen hatte. Die glühende und demütige Verehrung, die der junge Mann ihr entgegenbrachte, hatten ihren stoischen Sinn erweicht. Sie freute sich nur, daß sie endlich beichten, daß sie einem teilnahmsvollen Herzen alle die seit so langer Zeit angesammelten Bitternisse, ehe sie die Erde verließ, erzählen konnte. Nicht, daß sie klagen wollte, sie wollte nur eine Last von ihrem Herzen wälzen.

»Ich habe ein einsames und thränenreiches Leben gehabt,« sagte sie. »Dies muß ich Ihnen sagen, damit Sie meine Aengste begreifen. Sie kennen mich nur als eine Glückliche; ich war in Ihren Vorstellungen eine Göttin, die aller Paradieseswonnen teilhaftig sein müßte. Ach, ich bin nur ein armes Weib, das lange Jahre hindurch schweren Kummer zu tragen hatte. Ich erinnere mich weinend der Freuden meiner Jugend. Eine wie schöne Kindheit habe ich in meiner Provence verlebt! Dann war ich auch stolz, wollte den Kampf ums Dasein tapfer bestehen, bin öfter mit blutendem Herzen aus diesem Kampf hervorgegangen.

Daniel horchte hoch auf; aber er erfaßte nur halb den Sinn ihrer Worte und dachte, das Delirium habe schon begonnen.

»Ich heiratete einen Mann,« fuhr sie fort, »den ich nicht auf die Dauer lieben konnte und der mich bald der Einsamkeit meiner Mädchenzeit wiedergab. Ich mußte also meinem Herzen Schweigen gebieten. Mein Mann nahm die Gewohnheiten seines Junggesellenlebens wieder auf. Ich kam nur bisweilen bei Tische mit ihm zusammen und wußte, daß sein ganzer Lebenswandel eine fortwährende Beleidigung meiner Frauenwürde war. Ich lebte mit meiner Tochter von der Welt abgeschieden in meinen Zimmern, wie in einem Kloster, und gelobte, daß ich hinfort mein Leben darin zubringen wollte. Manchmal indessen empörte sich mein ganzes Sein und es kostete mir viele geheime Seelenqualen, um heiter und glücklich zu scheinen.«

»Wie?« dachte Daniel, »geht es so in der Welt zu? Meine gute Heilige hat leiden müssen! Die ich mir als ein höheres, seliges Wesen vorstellte, weinte Thränen des Elends, während ich sie auf den Knieen anbetete! Giebt es denn hier auf Erden nur Schmerz und Jammer? Der Himmel verschont ja nicht einmal die Edlen, die seiner würdig sind. In was für einer schrecklichen Welt leben wir denn? Wenn sich meine Gedanken zu ihr emporschwangen, meinte ich, ihre Güte schütze sie gegen alles Leid. Sie war für mich eine heitere Lichtgestalt, eine Heilige mit einer Glorie um das Haupt und einem friedlichen Lächeln um die Lippen. Und nun höre ich, daß sie Thränen vergossen, daß ihr Herz geblutet hat, so wie meins, daß sie so unglücklich und vereinsamt in der Welt da steht wie ich!«

Sein Innerstes fühlte sich tief verletzt. Er schwieg erschrocken über die Leiden, die er ahnte. War es doch der erste Fortschritt, den er in der Wissenschaft des Lebens machte, und so bäumte sich seine Unerfahrenheit auf gegen die Ungerechtigkeit des Unglücks. Er wäre nicht so erbebt, wenn es sich um ein weniger teures Haupt gehandelt hätte; aber die grausame Wirklichkeit offenbarte sich ihm, indem sie das einzige Wesen, das er liebte, mißhandelte. Zudem beschlich ihn auch ein banges Gefühl bei dem Gedanken, daß er von nun an selber thätigen Anteil an den Kämpfen des Lebens nehmen müsse. Gleichwohl trieb ihn sein Drang nach Selbstverleugnung energisch an, die letzte Beichte seiner Wohlthäterin aufmerksam anzuhören. Handelte es sich doch um die letzte Willensmeinung einer Sterbenden, die ihm seine Pflicht für sein ganzes Leben vorschrieb.

Frau von Rionne erriet aus seinem Stillschweigen, was in ihm vorging, und bedauerte, daß sie den Frieden dieses kindlichen Gemüts zerstören mußte. Ihrer edlen Eitelkeit wäre es lieber gewesen, wenn sein Gedächtnis von ihr nur ein ungetrübtes, übermenschlich hehres und schönes Bild behalten hätte.

»Ich erzähle Ihnen eine traurige Geschichte,« fuhr sie in ihrem sanftesten Tone fort, »und weiß nicht einmal, ob Sie mich richtig verstehen. Aber Sie müssen mir verzeihen, denn mein Mund thut sich von selbst auf. Ich beichte Ihnen wie einem Priester, und ein Priester hat kein Alter, er ist nur eine Seele, die eine andre anhört. Sie sind jetzt noch ein Kind und meine Worte flößen Ihnen Schrecken ein. Aber als Mann werden Sie sich einst ihrer erinnern und dann werden Sie inne werden, was einer Frau für Leiden widerfahren können, und was ich von Ihrer Aufopferungsfähigkeit erwarte.«

»Sie halten mich wohl für feige,« fiel ihr jetzt Daniel in die Rede, »Ich bin nur unwissend. Das Leben schreckt mich, weil ich es nicht kenne und es mir vollständig düster erscheint. Aber wenn Sie es verlangen, stürze ich mich kühn hinein. Reden Sie: Was soll mein Auftrag sein?«

Blanca neigte sich näher zu ihm hin und sprach mit leiserer Stimme, als fürchte sie, ein Andrer könnte sie hören: »Sie haben mein Töchterchen gesehen, meine arme Jeanne, die eben dort spielte. Sie ist kürzlich sechs Jahr alt geworden und ich gehe von hier, ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, ob sie den Keim des Glücks oder des Unglücks in sich trägt. Diese Ungewißheit verdoppelt meine Leiden und macht mir den Tod furchtbar. Denn indem ich das Kind allein zurücklasse, quält mich der Gedanke, daß es ihr vielleicht gehen wird wie mir: aber wer weiß, ob sie den Schlägen des Schicksals denselben Mut entgegensetzen wird, wie ich!«

Die Sterbende machte hier eine Bewegung, als wollte Sie eine lästige Vision verscheuchen. »Ehedem,« hob sie wieder an, »lebte ich der süßen Hoffnung, daß ich immer um sie sein, daß ich an dem Glück ihrer Zukunft arbeiten und ihr Herz unterweisen würde. Dann, als ich den Tod herannahen fühlte, sah ich mich nach Jemand um, der an meiner statt diese Rolle bei ihr übernehmen sollte, aber ich habe Niemanden gefunden. Meine Eltern sind tot und wie hätte ich zu einer Freundin kommen sollen, bei dem einsiedlerischen Leben, das ich geführt habe? Mein Mann hat nur noch eine Schwester und die lebt in einem Taumel von Vergnügen, so daß Jeanne nichts Gutes bei ihr lernen würde. Was aber meinen Mann selber betrifft, so denke ich nur mit Schrecken daran, was aus meiner Tochter werden würde, wenn sie ihm in die Hände fiele. Gerade gegen ihn will ich das Kind verteidigen.«

Sie hielt von neuem inne, ehe sie den Schluß zog.

»Nun werden Sie also gemerkt haben, worin Ihre Aufgabe bestehen soll. Wachen Sie über meine Tochter, seien Sie sozusagen ihr Schutzengel.«

Daniel kniete zitternd vor Erregung nieder. Er konnte nicht sprechen und statt aller Antwort, statt aller Danksagungen, küßte er Frau von Rionne die Hand.

»Ich stelle Ihnen da eine sehr schwierige Aufgabe,« sagte sie noch, »und der Tod läßt mir nicht die Zeit zu überlegen, wie Sie ihr gerecht werden können. Ich mag auch nicht über die Schwierigkeit und Seltsamkeit Ihrer Rolle nachdenken. Hat aber der Himmel Sie hierher geführt und mir die Last vom Herzen genommen, so wird er auch in Zukunft gnädig sein. Er wird Ihnen eingeben, was Sie zu thun haben, er wird Ihnen die Mittel und Wege kund thun, daß Sie mir Wort halten können. Gedenken Sie nur meiner letzten Bitte und halten Sie sich brav. Ich habe Vertrauen zu Ihrer Treue.«

Jetzt fand Daniel endlich die Sprache wieder.

»Herzlichsten, herzlichsten Dank!« sagte er. »Nun werde ich wirklich leben. Wie gut Sie sind, daß Sie an mich gedacht, daß Sie mir Vertrauen geschenkt haben! So sind Sie bis zu allerletzt meine Wohlthäterin geblieben.«

Blanca unterbrach ihn mit einer Handbewegung: »Lassen Sie mich ausreden. Der Stolz hat mich verhindert mein Vermögen gegen den Leichtsinn meines Mannes zu verteidigen. Ich habe ihm geringschätzig alles überlassen, was er verlangte. Gegenwärtig weiß ich nicht, wie es mit uns steht. Meine Tochter wird aber wahrscheinlich kein Vermögen haben und dieser Gedanke hat beinah etwas Angenehmes für mich. Schade nur, daß ich Ihnen kein Geld hinterlassen kann.«

»Bedauern Sie das nicht,« rief Daniel. »Ich werde arbeiten und der Himmel wird weiter sorgen.«

Die Kräfte der Sterbenden nahmen ab. Ihr Kopf glitt an dem Kissen herab und das Sprechen wurde ihr schwerer.

»So, nun ist Alles gut,« sagte sie. »Ich habe mein Herz entlastet und kann ruhig sterben. Wachen Sie also über Jeanne und seien Sie ihr ein Freund. Sie werden sie gegen die Welt beschützen müssen. Folgen Sie ihr so nahe wie möglich auf Schritt und Tritt, halten Sie alle Gefahren von ihr fern; wecken Sie alle Tugenden ihres Herzens. Vor allen Dingen aber sorgen Sie dafür, daß sie eines ihrer würdigen Mannes Frau wird, dann werden Sie Ihre Aufgabe gelöst haben. Wenn man einen schlechten Menschen heiratet, so weiß ich, wie einsam man da steht und wieviel Energie dazu gehört, um nicht auf Abwege zu geraten. Was auch geschehen mag, verlassen Sie sie nicht. Denken Sie immer daran, daß Ihre gute Heilige auf ihrem Sterbebett Sie inständigst gebeten hat, Ihrer Mission treu zu bleiben. Schwören Sie mir das?«

»Ich schwöre es,« stammelte Daniel, dessen Stimme die Thränen erstickten.

Blanca schloß die Augen wie ein müdes Kind. Dann schlug sie sie langsam wieder auf. »Was ist dies alles schrecklich, lieber Freund,” murmelte sie. »Ich weiß nicht, was das Schicksal Ihnen vorbehält, aber mir ahnt, daß Sie auf große Hindernisse stoßen werden. Indessen der Himmel wird sorgen, wie Sie richtig gesagt haben. Küssen Sie mich.« Daniel beugte sich, fassungslos vor Schmerz, nieder und drückte seine bebenden Lippen auf Frau von Rionnes blasse Stirn. Sie hielt die Augen geschlossen und lächelte bei diesem Kuß der Treue und Liebe.

Mittlerweile war die Nacht vollständig hereingebrochen und die Sterne glänzten am wolkenlosen Himmel. Da ließen sich Schritte vernehmen und die Kammerfrau kam mit einer Lampe herein. Sie trat an die Sterbende heran.

»Ihr Herr Gemahl ist da, gnädige Frau.«

Und während Daniel sich wieder in seine Fensternische zurückzog, trat heftig erschrocken Herr von Rionne in das Zimmer.

II.

Inhaltsverzeichnis

Blanca war in Südfrankreich, in der Umgegend von Marseille geboren. Als sie dreiundzwanzig Jahre zählte, hatte sie Herrn von Rionne geheiratet. Sie war eine edle Seele, die schon früh das Elend des Daseins vorausahnte und hatte sich vorgenommen, nie einen Fingerbreit vom Wege der Pflicht abzuweichen, nie ihrer Würde das Geringste zu vergeben. Ihre Tugend und Willenskraft, dachte sie, würden eine ausreichende Schutzwehr für sie sein. Deshalb bemühte sie sich nicht einmal, als sie ihrem Vater zu Gefallen heiratete, von Rionne’s Charakter näher kennen zu lernen. Sollte sie in der Ehe nicht glücklich sein, so dachte sie in ihrem naiven Stolze, würde sie zu dulden verstehen.

Das Schicksal nahm sie beim Wort und stellte ihre Standhaftigkeit auf eine harte Probe, aus der sie mit Ehren hervorging. Von Rionne war ein Mann von liebenswürdigen, feinen Manieren und von eleganter Erscheinung, der auch in moralischer Hinsicht nicht zu dürftig veranlagt war und ein guter Mensch hätte sein können, der es aber vorzog, seinem schlechteren Ich zu gehorchen. Er war dem Laster gegenüber kläglich haltlos und feige, daneben aber voll edler Absichten, und voller Mitgefühl mit allen Leiden seiner Nebenmenschen. Er that das Böse mit klarem Bewußtsein, ohne sich im geringsten zu schämen, und er konnte auch das Gute thun, wenn er wollte. Nur schade, daß es ihm keinen Spaß machte.