Das Gemälde von Pfalzel - Anna-Lena Hees - E-Book

Das Gemälde von Pfalzel E-Book

Anna-Lena Hees

0,0

Beschreibung

Eine Serie von Einbrüchen versetzt den idyllischen Trierer Stadtteil Pfalzel in Angst und Schrecken. Der Täter hat es auf ein besonderes Gemälde abgesehen, das der berühmte Maler Alexander Brock geschaffen hat. In diesem Bildnis ist ein Verbrechen aus vergangener Zeit kodiert. Um mehr darüber zu erfahren, kämpft der 27-jährige Markus Eber mit allen Mitteln darum, das Werk in seine Hände zu bekommen. Schließlich setzt er sich im Rahmen seiner Recherchen ins belgische Antwerpen ab. Zur gleichen Zeit ermitteln Ottfried Braun und sein Team in ihrem neuen Fall und kämpfen mühevoll darum, den Täter zu finden. Ob Markus es dennoch schafft, das Verbrechen aufzudecken?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Gemälde von Pfalzel
Über die Autorin
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Anmerkungen
Informationen

Anna-Lena Hees

Das Gemälde von Pfalzel

Tatort Pfalzel 3

Krimi

XOXO Verlag

Über die Autorin

Anna-Lena Hees wurde 1994 in Bernkastel-Kues geboren und studiert derzeit Germanistik und Anglistik an der Universität Trier - das Ganze mit dem Ziel, einmal als Lektorin, Redakteurin oder Texterin zu arbeiten. Die Autorin begann bereits im Alter von sieben Jahren, ihre eigenen Geschichten zu schreiben. Später verfasste sie nebenbei Gedichte, von denen einige bereits in bedeutenden Anthologien veröffentlicht wurden.

Im Jahr 2008 nahm die Autorin beim Literaturwettbewerb der Oppenheimer Festspiele teil und belegte mit dem deutsch-englischen Freiheitsgedicht »I wish I was a bird« den ersten Platz in ihrer Altersgruppe. 2012 verfasste sie ihren ersten Roman »Wer bin ich wirklich?«.

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-125-2

E-Book-ISBN: 978-3-96752-625-7

Copyright (2020) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 656127976

von www.shutterstock.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149, 28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Zwei Figuren, neben der einen eine Sense, begleitet von weiteren, kaum erkennbaren Gestalten auf der Wallmauer stehend – all das war auf dem Gemälde zu sehen, welches Dieter Baumann gerade in der neuen Bildergalerie im kurfürstlichen Amtshaus in Pfalzel an die Wand hängte. Am Neujahrstag wollte er die Ausstellung eröffnen. Insbesondere war diese dem berühmten Pfalzeler Maler Alexander Brock gewidmet, dessen Karriere erst bei einem Aufenthalt im belgischen Antwerpen richtig begann und von dem das Bild stammte. Brock war ein Künstler des Expressionismus, der aber auch die nachfolgenden Kunstepochen erlebt hatte. Während seiner Zeit in Antwerpen wurde er von dem renommierten Maler René Caspar in der bildenden Kunst unterrichtet und gefördert. Die Liebe zur Malerei entdeckte er früh. Mit gerade einmal 12 Jahren brachte er erstaunliche Werke zustande. Nur über Umwege kam er an René Caspar, dem er eines der Bilder schickte. So kam es, dass er im zarten Alter von 14 Jahren in die Welt reiste und sich in Antwerpen niederließ. Hier malte er es: jenes Bild, das in einiger Zeit im Amtshaus zu bestaunen sein sollte.

Dieter schaute das Bildnis noch einmal genau an. Welche Botschaft tatsächlich dahinter steckte, konnte er nicht ahnen. Er hatte bloß erfahren, dass darin ein Verbrechen aus vergangener Zeit kodiert war, von dem niemand etwas wusste. Die zwei Figuren standen neben dem Pavillon und starrten in Richtung Mosel. Ihre Gesichter konnte man weniger erkennen. Dennoch war zu sehen, dass es sich bei einer der Gestalten um eine junge Frau im weißen Gewand handelte. Ihr Kleid war mit roten Flecken besprenkelt und ließ annähernd vermuten, um welch grausiges Verbrechen es sich hierbei handelte. Die Tatsache, dass beide Figuren in einer Beziehung zueinanderstanden und die Sense ins Auge des Betrachters stach, unterstrich das pure Entsetzen, dass diesem Kunstwerk zu Grunde lag. Dieter erschauderte, und dennoch gelang es ihm nicht, seinen Blick von dem Gemälde abzuwenden.

Kapitel 1

Neblig und kalt war es an diesem Tag kurz vor Weihnachten, an dem Markus mit seinem Onkel Klaus durch den Quinter Forstwald marschierte.

Klaus war ein etwa 60-jähriger, kräftiger Mann mit weißem Bart und genauso weißem Haar. Er war Jäger und hatte heute seinen Neffen mit zur Jagd genommen. Ein paar Wildschweine wollten sie gemeinsam erlegen. Es waren zu viele unterwegs. Manchmal kamen sie in die umliegenden Dörfer und richteten Unheil an. Es war also an der Zeit, die Zahl dieser Tiere etwas zu reduzieren.

Markus war noch nie mitgekommen, wenn sein Onkel jagen ging. Endlich gab es diese Chance, die er gerne wahrgenommen hatte. Ein paar Grundtechniken zu lernen, würde ihm ganz sicher nicht schaden.

So stapften die Männer durch den Wald, dick eingepackt in Wintermantel, Mütze, Schal und Handschuhe. Das Jagdgewehr hatte Klaus unter seinen Arm geklemmt. An seiner anderen Seite hakte sich Markus ein. Der junge Mann war von schlanker Statur und hatte einen runden Kopf mit dunklem Haar. In seinem runden Gesicht saßen zwei ebenfalls dunkle Augen in tiefen Augenhöhlen. Er trug einen Stoppelbart, an dem er gerne kratzte. Seine Bäckchen waren an diesem Tag rot von der Kälte. Markus war zudem nicht sonderlich schnell, daher war es anstrengend für ihn, mit seinem Onkel Schritt halten zu können. Doch jetzt ging es, indem er sich einfach ziehen ließ.

»Mensch, Markus!« Klaus schüttelte den Kopf. »Dass du einfach nicht schneller gehen kannst. Immer musst du gezogen werden.«

»Ach, Onkel Klaus! Dafür kann ich doch nichts.« Markus seufzte. Viel zu schnell kam er aus der Puste und musste sich ausruhen. Doch es war nicht nur das, was ihn an diesem Tag störte. Die Mütze rutschte ihm ständig ins Gesicht, und er musste sie mit der anderen Hand immer wieder hochziehen.

Klaus musterte seinen Neffen kritisch. Er wünschte sich insgeheim, ihn doch nicht mitgenommen zu haben. Markus konnte doch machen, was er wollte. Immerhin war er mit seinen 27 Jahren ein erwachsener Mann, sollte man den Eindruck haben. Doch der Schein trog. Er brauchte viel Aufmerksamkeit, da er seit Geburt an Autist war; ja, ein Mensch, der in diesem Alter anders war als die meisten und mit einigen Problemen zu kämpfen hatte. Er war sehr schüchtern, dabei konnte er sich manchen Menschen, denen er vertraute, auch vollständig öffnen. Trotzdem durfte man ihn keine Minute aus den Augen lassen, da er hin und wieder zu Handlungen fähig war, die er nicht kontrollieren konnte. Er gewann vertrauenswürdige Menschen in seiner Umgebung schnell lieb und bekam von dem ein oder anderen nicht genug. Da überschritt er schnell Grenzen, die er als solche nicht betrachtete. Oft drang er in das Privatleben dieser Menschen ein, ohne es wirklich zu wissen.

Zum Glück gab es Onkel Klaus, der nicht einmal im Traum daran dachte, Markus im Stich zu lassen. Er war zu gerne für seinen Neffen da, egal, in welcher Situation der sich gerade befand.

Um ihn ein wenig von seinen Problemen abzulenken, wollte Klaus ihm etwas erzählen. Er hatte von einem Gemälde gehört, von dem er Markus gerne berichten würde, da er wusste, dass sein Neffe sich sehr für historische Malereien interessierte. Zunächst kramte er in seinem Gedächtnis nach den richtigen Worten.

»Du, Markus, soll ich dir etwas erzählen?«

»Was denn?«

»Beantworte mir dafür diese Frage: wo hast du mich schon öfter mal besucht?« Klaus betrachtete Markus eine Weile.

»In Pfalzel! Warum fragst du?«

»Darum geht es!«, setzte Klaus an und nickte. Dann begann er mit dem eigentlichen Teil der Geschichte. So berichtete er ihm von einem wertvollen Gemälde, von dem er in der Zeitung gelesen hatte. »Diese Stimmung auf dem Bild … sie ist so bedrückend. Aber andererseits passt dieses Werk in diese Zeit. Es soll eine Situation in der Neujahrsnacht zeigen. Man weiß bis heute nicht, welche es ist. Es wird aber gemunkelt, dass sich hinter dem Gemälde ein Verbrechen aus vergangener Zeit verbirgt.«

»Ehrlich? Wo findet man das Bild denn? Kann man das anschauen? Wer hat es gemalt?« Markus war sehr interessiert an der Berichterstattung seines Onkels. Das Bild interessierte ihn ebenfalls. Er wollte es unbedingt selbst sehen.

»Lies die Zeitung, mein Lieber. Es stammt von einem Maler namens Alexander Brock. Vielleicht sagt dir der Name etwas. Das Bild selbst findet man in Pfalzel. Ich weiß allerdings auch nicht, wo genau«, gab Klaus zurück. Er ahnte noch nicht, dass Markus‘ Fragerei einen ganz anderen Hintergrund hatte.

Kapitel 2

Die Geschichte über das Bild, von dem sein Onkel Klaus erzählt hatte, ging Markus nicht mehr aus dem Kopf. Das Gemälde solle zwei Figuren auf der Wallmauer des Trierer Stadtteils Pfalzel zeigen, der gleichzeitig den Beginn eines neuen Jahres erlebte. Klaus hatte Recht behalten. Nach dem Tag im Wald hatte Markus keine ruhige Minute mehr gefunden. Zu groß war das Verlangen, etwas über dieses Gemälde herauszufinden. Im Zeitungsartikel fand er schließlich ein Foto des Ortsvorstehers, der das Bild stolz präsentierte. Markus versuchte, mehr darauf erkennen zu können. Nur schemenhaft waren die Gestalten wahrzunehmen. Das Zeitungsfoto war zu klein, um mehr auf dem Werk Alexander Brocks sehen zu können. Markus war ein wenig enttäuscht darüber. Dennoch stand für ihn fest, dass er versuchen wollte, an das Bild zu kommen. Vielleicht war das auch schon vor der Eröffnung der Ausstellung möglich. Markus verspürte auf einmal den riesigen Wunsch, mehr über die versteckte Nachricht auf dem Bild herauszufinden. Er wollte nichts unversucht lassen. Er hielt es für möglich, das Verbrechen aus der damaligen Zeit selbst aufzuklären, obwohl er es sich auf der anderen Seite nicht vorstellen konnte. Die Tatsache, dass dieses Verbrechen nun genau hundert Jahre zurücklag, verstärkte sein Interesse an dem Gemälde. Der Gedanke daran verfolgte ihn schließlich bis in seine Träume. So sah er im Schlaf Bilder von nächtlichen Streifzügen durch Pfalzel, immer auf der Suche nach diesem einmaligen Kunstwerk. Die Idee, zu später Stunde durch die malerischen Straßen zu ziehen, fand er ziemlich verlockend. Markus konnte von Glück reden, dass sein Onkel in Pfalzel wohnte. So würde er sich unter dem Vorwand, die Zeit mit ihm verbringen zu wollen, in Pfalzel einquartieren. Zwar wohnte er mitten im Zentrum von Trier und hatte es nicht sehr weit bis Pfalzel, doch er fand, dass es seine Suche nach dem Bild erleichterte, wenn er ein paar Tage vor Ort blieb. Da er ohnehin gerade Urlaub hatte, war es für ihn kein Problem, einige Tage von zuhause fort zu sein. Bereits jetzt freute er sich auf den Aufenthalt in Pfalzel. Was er aber tatsächlich vorhatte, verriet er niemandem. Er nahm sich vor, rechtzeitig von seinen Streifzügen zurück zu sein, sodass Klaus nichts von seiner Abwesenheit mitbekam. Ebenso plante Markus, die Suche nach dem Gemälde kurz nach Weihnachten zu starten.

An jenem Tag, an dem er diesen Entschluss fasste, notierte er seine Ideen auf einem Zettel und steckte ihn in die Hosentasche. Er würde Onkel Klaus an Heiligabend fragen und am zweiten Weihnachtsfeiertag ins Pfalzeler Quartier ziehen.

Der Heilige Abend wurde im engsten Familienkreis gefeiert. Klaus war natürlich auch dabei. So gesellte sich Markus in einem günstigen Moment zu seinem Verwandten und schaute ihm tief in die Augen. »Es war schön, als wir zusammen jagen gingen. Wir könnten doch mehr Zeit miteinander verbringen. Findest du nicht?«

Klaus tat, als müsste er zunächst darüber nachdenken. Schließlich nickte er. »Was hast du dir denn genau darunter vorgestellt?«, fragte er.

»Nun, ich habe gedacht, die Zeit bis zum Jahreswechsel bei dir zu verbringen. In Pfalzel. Es würde mir sehr gefallen. Erlaubst du das?« Markus schaute seinen Onkel flehend an. Zu seiner großen Freude nickte Klaus schließlich erneut. »Warum nicht? Ich wohne ja immerhin alleine, da würde ich mich über Gesellschaft freuen.«

»Prima!« Markus strahlte. Sein Plan schien aufzugehen. Der Suche nach dem Bild und den damit verbundenen nächtlichen Streifzügen durch den historischen Ort stand nun nichts mehr im Wege.

»Wann möchtest du kommen?«, wollte Klaus wissen. Er blickte seinen Neffen herausfordernd an.

»Also«, begann Markus, »ich dachte da an den zweiten Weihnachtsfeiertag. Vielleicht auch einen Tag später. Ich entscheide spontan. Ist das in Ordnung?«

»Ja, klar. Warum denn nicht? Es ist abgemacht!« Klaus lächelte. Er wusste nicht, wie ihm geschah, als Markus ihn stürmisch umarmte. »Danke!«, sagte der 27-Jährige. »Du bist der Beste!«

»Ja, gerne«, murmelte Klaus leise. Er drückte seinen Neffen einige Minuten lang an sich. Markus spürte die Glücksgefühle durch seinen Körper strömen. Innerlich war er bereits ganz nervös, und er stellte sich die verrücktesten Fragen, bezogen auf dieses geheimnisvolle Gemälde. Er konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, als er an sein Vorhaben dachte. Als sein Onkel ihn jedoch fragend ansah, winkte er ab. Was er vorhatte, war riskant. Deswegen wollte er seine Pläne geheim halten. Koste es, was es wolle. Das nahm er sich fest vor.

Schließlich stand der zweite Weihnachtsfeiertag vor der Tür, und Markus packte seine Tasche. Für die nächsten Tage ging es endlich zu Klaus nach Pfalzel. Markus konnte es kaum erwarten, dort anzukommen. Obwohl er mit dem Auto in der Regel knappe 15 Minuten bis Pfalzel brauchte, kam es ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er in dem eher weniger bekannten Trierer Stadtteil ankam. Während er sich dem Trierer Stadtbezirk, der den Eindruck einer einsamen Insel erweckte, näherte, schossen ihm wieder die Gedanken an das Gemälde durch den Kopf. Er spürte, wie aufgeregt er war. Immerzu fragte er sich, ob es ihm tatsächlich gelang, die Nachricht in dem Bildnis entschlüsseln zu können. Ein paar Minuten später kam er im historischen Ortskern Pfalzels an. Klaus wohnte in einem anschaulichen Anwesen in der Golostraße, nahe des in der Münzstraße gelegenen Eingangs der Wallmauer. Hierüber betrat der alteingesessene Pfalzeler gerne die Befestigungsanlage und spazierte bis zum Pavillon, in dem vor einiger Zeit ein grausamer Mord geschehen war. Klaus wusste davon. Er war damals ziemlich betroffen gewesen, angesichts dieser drei Vorfälle, die sich auf Pfalzels imposantestem Bauwerk ereignet hatten. Es war schon über drei Jahre her, doch ihm kam es vor, als sei es erst gestern geschehen. In der letzten Zeit war es ruhig geblieben. Klaus hoffte inständig, dass es so schnell nicht zu weiteren Verbrechen kam, aber er wusste nicht, dass sein Gefühl ihn trügen sollte. Sein Neffe war auf dem Weg zu ihm und führte Böses im Schilde, worüber sich Markus selbst nicht einmal im Klaren war. Er parkte sein Auto an der Wallmauer. Von dort ging er zu Fuß weiter. Zur Golostraße war er wenige Minuten unterwegs. Schließlich betätigte er den Klingelknopf. Kurz darauf öffnete Klaus die Tür und begrüßte seinen Neffen mit einer überschwänglichen Umarmung.

»Hallo, wie schön, dass du da bist!«, rief der Jäger erfreut. »Hast du einen guten Parkplatz gefunden?«

»Ja, direkt an der Wallmauer, unten an der Mosel. Immer wieder schön hier!« Markus strahlte übers ganze Gesicht. »Danke nochmal, dass ich ein paar Tage bei dir verbringen darf. Zuhause fällt mir manchmal doch die Decke auf den Kopf.« Er seufzte.

Klaus lachte. »Ach, das ist doch kein Problem, mein lieber Neffe! Wir beiden werden eine schöne Zeit miteinander haben. Sag mir einfach, worauf du Lust hast, und wir machen es.«

»Danke«, sagte Markus lächelnd und ließ sich von seinem Onkel in die Stube ziehen. Am Fuß der Treppe stellte er seine Reisetasche ab und marschierte ins Wohnzimmer, wo er es sich sofort auf dem Sofa gemütlich machte. Der Raum war nicht sehr groß; eine Couch, ein Fernseher sowie ein kleiner Tisch passten trotzdem hinein. Über dem Sofa hing die Trophäe eines Hirsches, den Klaus selbst vor einigen Jahren erlegt hatte. Markus schaute sich um. Er war eine Weile nicht hier gewesen, doch die Umgebung kam ihm vertrauter vor denn je. Während er auf dem weichen Polster saß, überlegte er insgeheim schon, wo er das Gemälde platzieren könnte, falls er es in der kommenden Nacht bereits fand. Allerdings hatte er noch keine Idee. Daher beschloss er, sehr spontan zu handeln. Irgendwo konnte er das Kunstwerk gewiss unterbringen. Daran zweifelte er nicht. Schon jetzt spürte er, wie sein Herz kräftig pochte. Sicher die Aufregung, vermutete Markus. Er wusste schließlich nicht, welches Abenteuer ihm da bevorstand.

»An was denkst du gerade?« Klaus musterte seinen Neffen von oben bis unten.

»Ach, nichts. Das heißt, doch ... das Bild! Ich fühle mich ihm so nah!« Markus schaute seinen Onkel vielsagend an. Er hoffte, dass Klaus nicht gerade eins und eins zusammenzählte und verstand, weshalb sein Neffe wirklich da war. Leider durchschaute er ihn sofort. »Bist du deswegen hier?«, fragte er lachend.

»Nein, nein«, log Markus daher schnell. »Ich bin gekommen, um mit dir die restlichen Tage des Jahres zu verbringen.«

»Na, dann ... Ich dachte ja schon ...« Klaus erhob sich und ging hinüber zu dem Fenster, durch das er auf die Straße blicken konnte. Er genoss diese Aussicht. Jede noch so schmale Gasse dieses Ortes war etwas Besonderes. Immer wieder kam es ihm bei seinen Spaziergängen so vor, als befände er sich in einem anderen Land. Jede Straße war anders; insbesondere die Altbauten erweckten diesen Anschein. Für Klaus war es daher immer wieder eine Wonne, durch die schmalen Gassen Pfalzels zu gehen. Eine Weile dachte er daran, dann wurde er von seinem Neffen abrupt aus den Gedanken gerissen.

»Klaus? Warum bist du so still?«

»Ich? Ähm ...« Klaus legte den Zeigefinger an die Nase und tat, als müsste er überlegen, was er sagen wollte. »Es ist alles in Ordnung! Sag, möchtest du deine Tasche nicht ins Gästezimmer bringen und dann mit mir eine Runde durch den Ort drehen? In Pfalzel gibt es doch immer sehr viel zu sehen!«

»Von mir aus gern.« Markus schmunzelte. Nun stand er selbst vom Sofa auf und marschierte aus dem Wohnzimmer, geradewegs auf seine Reisetasche zu. Er schnappte sie und trug sie hinauf ins Gästezimmer, das er bereits wie seine linke Westentasche kannte. Hier hatte er schon sehr oft geschlafen, wenn er zu Besuch bei Klaus war. Seit er das letzte Mal ein wenig Zeit in Pfalzel verbracht hatte, waren viele Monate vergangen. Markus stellte fest, dass es jetzt tatsächlich wieder soweit war, die Tage mit seinem Onkel zu verbringen.

Nachdem er seine Habseligkeiten aus der Reisetasche gepackt hatte, legte er sich rücklings aufs Bett. Für einen Moment schloss er die Augen und ließ sich erneut von Glücksgefühlen durchströmen. Es tat ihm gerade verdammt gut, wieder bei seinem Onkel in Pfalzel zu sein.

Kapitel 3

Der erste Nachmittag verging sehr schnell. Markus und Klaus waren durch den Ort gewandert und hatten sich historische Bauwerke angeschaut. Insbesondere Stiftskirche und Wallmauer besuchten sie bei ihrem Spaziergang. Nach ein paar Stunden ging es wieder nach Hause, und es wurde lecker gekocht. Beide Männer kreierten ein winterliches Menü, bestehend aus Kartoffelpüree, Rotkohl und Gulasch. Es schmeckte fantastisch. Nun lag Markus im Bett und grübelte darüber, wie er in dieser Nacht vorgehen sollte. Nach einer weiteren, sorgfältigen Recherche über das Gemälde wusste Markus jetzt nicht nur, dass er es auf jeden Fall in Pfalzel fand; es gab dazu noch einen Anhaltspunkt darauf, wo er mit seiner Suche beginnen sollte. Klaus hatte das Bildnis zuvor kurz erwähnt und anschließend von einem Ehepaar berichtet, das er sehr gut kannte. Markus war zunächst nicht in der Lage, die zwei völlig unterschiedlichen Themen in einen Zusammenhang zu bringen, doch dann zählte er eins und eins zusammen. Da das Interesse an der verschlüsselten Nachricht gestiegen war und er es nach wie vor schaffen wollte, das Bild zu weiteren Forschungen in die Hände zu kriegen, war er davon überzeugt, es bei den Eheleuten Hansen zu finden. Berta und Ben wohnten in der Pfalzeler Straße, die nicht weit entfernt lag. Außerdem konnte man in Pfalzel überall zu Fuß unterwegs sein, da der Ort nicht sehr groß war. Zwischen 3.000 und 4.000 Einwohner lebten hier; die Zahlen variierten von Jahr zu Jahr. Den Statistiken zufolge umfasste der Trierer Stadtteil 237,2 Hektar. Markus dachte gerade an vorangegangene Recherchen, die er vor einigen Jahren bezüglich seines Interesses an Pfalzel getätigt hatte. Augenblicklich merkte er, wie froh er darüber war, in einem kleinen Ort wie Pfalzel seine Taten durchzuführen, da er längere Fußmärsche nicht leiden konnte. Da dachte er ungern an die gemeinsame Jagd mit Klaus zurück, die noch nicht so lange her war. Jetzt sollte Markus aber langsam einen Plan schmieden. Er überlegte, wann die Zeit reif sein würde, um das Haus zu verlassen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es jetzt noch viel zu früh war. Es war gerade mal 22 Uhr. Ihm schien es am besten, so lange abzuwarten, bis in Pfalzel die letzten Lichter hinter den Fenstern erloschen waren. Er schloss für einige Minuten die Augen, um etwas Kraft für die bevorstehende Aktion zu tanken. Nach einer Weile begann er zu zittern. Er atmete sehr flach. Die Ungewissheit, wie der Einbruch verlaufen würde, schien ihm die Luft abzuschnüren. Seine Gedanken zeigten ihm plötzlich Bilder, die er nicht sehen wollte. Sie schienen ihm zu prophezeien, dass er es nicht schaffen sollte, hinter die Geschichte im Bild zu kommen. Unruhig wälzte er sich hin und her. Schließlich schreckte er auf. Er hoffte, dass seine Vorstellungen nicht zur Realität wurden.

Es ging auf Mitternacht zu, als Markus aufstand und nach einem Sack suchte, der groß genug war, um das Gemälde darin verstauen zu können. Leider war es nicht einfach, auf die Schnelle irgendetwas zu finden. So griff er schließlich zu einem Rucksack, der an der Garderobe hing. Schnell schlüpfte er in Schuhe und Jacke, dann verließ er das Haus. Er lief die finstere Golostraße entlang, bis er sich in der Residenzstraße, direkt neben dem Amtshaus, befand. Dann bog er rechts ab und machte sich auf den Weg zur Pfalzeler Straße, die er nach wenigen Metern erreichte. Suchend schaute er sich nach dem Haus um, in dem Berta und Ben Hansen wohnten, und lief weiter geradeaus. Sein Herz pochte immer heftiger, je näher er diesem Anwesen kam. Im Nu stand er davor und zögerte einen Moment. Im oberen Stockwerk brannte noch Licht. Markus fluchte. Um sich die Zeit zu vertreiben, lief er die Straße rauf und runter. Schließlich wurde im Haus der Lichtschalter betätigt. Alles war dunkel. Nach einigen Minuten kehrte Markus zurück und versuchte, mit seinen klammen Fingern die Tür zu öffnen. Vergeblich! »Scheiße!«, fluchte er und überlegte, was er weiterhin machen könnte. Schließlich fiel sein Blick auf ein Fenster, das ihm am nächsten war. Er setzte ein breites Grinsen auf. Das war die Idee, ging ihm durch den Kopf, als er daran dachte, die Scheibe mit einem geeigneten Gegenstand einzuschlagen. Markus setzte den Rucksack ab und schaute hinein. Als wäre es Glück oder Zufall, fand er darin einen Hammer, mit dem er gegen das Glas schlug. Das plötzlich einsetzende Klirren der zu Boden fallenden Scherben war so laut, dass Markus sich für einen Moment die Ohren zuhalten musste und erstarrte. Er betrachtete das entstandene Loch, dann stieg er durch die eingeschlagene Scheibe in die Stube. Schließlich stand er mitten in einer kleinen Waschküche, in der sowohl eine Waschmaschine als auch ein Trockner standen. Die Tür zum Hausflur stand einen Spalt offen. Vorsichtig sprang Markus über den Scherbenhaufen, verließ die Kammer und schaute sich überall um. Wo sollte er mit der Suche beginnen? Flink huschte er durch alle Räume, schaute in jeden Schrank und durchwühlte die Schubladen. Auch im Keller suchte er nach dem Gemälde. Verdammt, Klaus hatte doch gesagt, dass es hier war. Oder lag ein Missverständnis vor, und das Bild befand sich gar nicht bei Berta und Ben? Dann war er hier falsch. Markus fluchte und stampfte wütend mit dem Fuß auf. »Scheiße, scheiße, scheiße! Wo ist das Bild? Ich war doch so sicher!« Kopfschüttelnd stapfte er die Treppen wieder hinauf. Ob er sich lieber noch mal in der Schlafetage umsehen sollte? Er war gerade auf dem Weg, da hörte er, wie jemand eine Tür ins Schloss warf. Kurz darauf wurde der Lichtschalter betätigt, und Schritte näherten sich der Treppe. Markus beeilte sich, das Haus zu verlassen. Bevor er die Haustür erreichte, fiel ihm ein Zettel auf der Kommode im Flur auf. Er nahm ihn und las zwei Namen. Dabei schaute er sich hektisch um. Noch war er nicht entdeckt worden. Gut, dachte er, trotzdem musste er sich beeilen. Den Zettel steckte er ein und floh über die Haustür auf die Straße. Jetzt nichts wie weg! So schnell er konnte, raste er durch die Straßen Pfalzels, bis er an Klaus’ Wohnung zum Stehen kam. Hier konnte er sich ausruhen. Er schnaufte und lehnte sich gegen die Hauswand. Kurz darauf nahm er den Zettel aus der Jackentasche und studierte die Namen noch einmal. »Julia Berg, Hannah Berg. Eltzstraße.« War das nun die richtige Spur, die ihn zu dem Gemälde führen sollte? Markus konnte sich nicht erklären, wie er darauf kam, doch das Verlangen nach dem Bild ließ den 27-Jährigen in der Notiz den Hinweis sehen, den er brauchte. Eine Weile grübelte er. Nachdenklich steckte er das Papier dann wieder in die Tasche und schloss die Tür auf. Markus streifte Schuhe und Jacke ab, dann ging er hinauf ins Gästezimmer. Als er endlich im Bett lag, dachte er darüber nach, was auf dem Papierfetzen stand. Er beschloss, in der kommenden Nacht den Einbruch bei Julia und Hannah Berg zu wagen. Dann schlief er vor Erschöpfung ein.

Kapitel 4

Schweißgebadet wachte Markus am nächsten Morgen auf. Er hatte wild geträumt. Bilder, die das in dem Gemälde verschlüsselte Verbrechen zeigten, waren durch seinen Kopf gegeistert. Ein junges Mädchen wurde mitten auf der Wallmauer erstochen. Der Täter hatte sich der Jungfrau von hinten genähert, sie in den Schwitzkasten genommen und dann brutal zugestochen. Markus war den Tränen nahe, als er aus dem Schlaf erwachte. Er spürte einen stechenden Schmerz in der Schläfe. Seine Augenlider waren schwer. Er hatte Mühe, sie überhaupt offen zu halten. Einige Minuten döste er vor sich hin, dann schlug er die Decke zurück, sprang aus dem Bett und eilte hinüber ins Badezimmer. Nun musste er dringend den nächtlichen Schweiß abduschen, den der Traum ihm beschert hatte. So ließ er wenig später das Wasser auf seine nackte Haut prasseln und schloss noch einmal die Augen. Die heiße Dusche tat ihm gut. Es fühlte sich an, als würde er in eine kuschelige Decke gehüllt werden. Über mehrere Minuten stand er da und lauschte dem Plätschern des Wassers. Dann wurde er von einem Klopfen aus den Gedanken gerissen.

»Markus, bist du da drin? Ich muss auch mal!«, rief sein Onkel, dessen Stimme für den Autisten in weiter Ferne lag. Vermutlich deswegen, weil er gedanklich immer noch ein wenig abwesend war. Er schüttelte sich und drehte den Wasserhahn zu. Er verließ die Dusche, trocknete er sich eilig ab und schlüpfte in die bereitgelegte Unterwäsche, dann öffnete er die Tür. Klaus stand im Flur und verschränkte die Arme. »Du hast aber lange geduscht«, stellte er fest.

»Findest du? Ach, ich ... mir ist in der Nacht warm geworden. Ich habe geschwitzt wie sonst was. Da wollte ich mich einfach ein bisschen frisch machen. Das ist in Ordnung, oder?« Hoch erhobenen Hauptes stolzierte Markus an seinem Onkel vorbei ins Gästezimmer. Schwungvoll warf er sich dann aufs Bett und dachte an den Traum. Ob es sich tatsächlich um jenes Verbrechen handelte? Markus grübelte eine Weile darüber. Nach ein paar Minuten stand er wieder auf und zog sich an. Mit den Händen in der Hosentasche machte er sich auf den Weg in die Küche. Klaus hatte den Tisch bereits gedeckt. Frische Brötchen und eine leckere Schinkenplatte warteten nun auf ihn. Markus lief das Wasser im Mund zusammen, als er die Vielfalt der Wurstsorten erblickte. Es gab auch Käse, Marmelade und verschiedene Joghurts. Markus griff beherzt zu einer Stulle und belegte sie mit reichlich Schinken. Dazu rührte er sich einen Tee an und ließ sich das Morgenmahl schmecken. Kurz darauf erschien sein Onkel und setzte sich zu ihm.

»Na, lange im Bad gewesen«, scherzte Markus.

»Ach, was, nicht so lange wie du. Ich war eben noch im Keller«, winkte Klaus ab. Danach setzte er ein herzliches Lächeln auf. »Weißt du was«, begann er, »wir fahren heute mal in die Stadt und kaufen ein paar Böller für Silvester. Was hältst du davon?«

»Keine schlechte Idee«, gab Markus kauend zurück. Nachdem er das erste Brötchen verschlungen hatte, griff er gleich nach dem nächsten; diesmal mit viel Marmelade.

Klaus beobachtete ihn eine Weile. Sein Neffe liebte es, zunächst herzhaft zu frühstücken und dann eine süße Speise zu sich zu nehmen. Das war schon seit Jahren so.

»Was guckst du mich so an?«, wollte Markus schließlich wissen.

»Nichts. Ich bewundere lediglich deinen Appetit. Man meint, du hättest seit Jahren nichts zu essen bekommen«, gab Klaus lächelnd zurück.

»Ach, so. Ja, es gibt Menschen, die im Gegensatz zu uns nichts haben und sogar auf offener Straße schlafen müssen. Wenn sie Glück haben, leben sie in notdürftigen Steinhütten. Frisches Wasser sowie Essbares sind allerdings Fehlanzeige. Außerdem ... man sollte gegen eine ordentliche Stärkung am Morgen nichts einzuwenden haben, finde ich. So lange man die Möglichkeit dazu hat ... und wer weiß, was heute sonst so ansteht, außer, dass wir in die Stadt fahren.« Markus nahm noch einen weiteren Bissen von seinem Marmeladenbrötchen und kaute ihn genüsslich. Ein reichhaltiges Frühstück war etwas Tolles. Das konnte ihm niemand ausreden.

Klaus nickte ein paar Mal, bevor er sich einen Kaffee brühte. Das war nun genau das richtige Getränk!

Während die Männer zu Ende aßen, schwiegen sie beharrlich. Keiner wagte, etwas zu sagen. Markus tauchte in seine Gedankenwelt ab. Wieder einmal ging es um jenes Gemälde und den damit verbundenen Traum, an dem er nach wie vor nagte.

In der Pfalzeler Straße waren Berta und Ben Hansen bereits früh erwacht. Beim Runtergehen nahmen sie beide wahr, dass etwas nicht stimmte. »Es muss jemand im Haus gewesen sein«, stellte Ben fest, als er im Wohnzimmer die durchwühlten Schränke und Schubladen bemerkte.

»Waaas? Du meinst, dass ein Einbrecher hier drin war? Himmelherrgott nochmal! Das gab es bei uns noch nie«, entfuhr es seiner ziemlich aufgebrachten Ehefrau.

»Es scheint so. Ich meine, auch etwas gehört zu haben, aber sicher war ich mir nicht. Als ich kurz runterging, um mich zu vergewissern, war niemand zu sehen.« Ben zuckte wehmütig mit den Schultern.

»Ja, warum sagst du mir denn nichts? Ist dir das Chaos denn nicht aufgefallen?«

»Nein, es war ja dunkel, und ich bin auch nur kurz die Treppe runtergegangen.«

»Du hast dich also nicht umgeschaut? Das kann doch nicht sein, Ben.«

»Ich kann es nicht ändern, Berta. Was gedenkst du, jetzt zu tun?«

»Was wohl? Wir müssen die Polizei benachrichtigen! Die müssen sich kümmern!« Berta schüttelte verständnislos mit dem Kopf. Ben wollte etwas erwidern, doch ehe er sich versah, hatte Berta bereits den Raum verlassen. Sie marschierte zum Haustelefon und wählte eilig die Rufnummer der Trierer Polizei. Aufgewühlt berichtete sie dann von der Vermutung, dass sich eine fremde Person nachts in ihrem Haus aufgehalt hatte, da sämtliche Schubladen und Schränke durchwühlt worden waren. Der Beamte am Telefon versicherte ihr, dass sich unverzüglich ein Streifenwagen auf den Weg machen würde. Sie sollte ruhig bleiben und sich nicht allzu sehr aufregen. Doch das war leichter gesagt als getan. Angesichts der Tatsache, dass sich jemand im Haus befunden hatte, begann sie auf einmal, sich in den eigenen vier Wänden unwohl zu fühlen. Immer wieder schaute sie sich ängstlich um, während sie den Worten des Polizeibeamten lauschte. Nachdem das Telefonat beendet war, und kurz bevor sie zu ihrem Mann zurückkehrte, bemerkte sie, dass der Zettel fehlte. Es standen die Namen der Geschwister Berg darauf. Er sollte Berta als Erinnerung dienen, die beiden zusammen mit ihrer Mitbewohnerin zum Silvesteressen einzuladen. Da sie mit ihren knapp 50 Jahren nicht mehr die Jüngste war, vergaß sie vieles, das eigentlich wichtig war und im Gedächtnis bleiben sollte. Nun musste sie sich hin und wieder Notizen machen, um wirklich nichts zu vergessen. Dass der Zettel jetzt aber fort war, ließ sie nicht daran zweifeln, dass der Einbrecher ihn mitgenommen hatte. Seufzend strich sie eine Strähne ihres prachtvollen, blonden Haars aus dem Gesicht und eilte zu ihrem Mann, der sich in der Küche einen Kaffee brühte. »Ich verstehe einfach nicht, dass du so ruhig bleiben kannst, Ben!«, rief sie, als sie ihn dabei erblickte. »Wir hatten einen Einbrecher im Haus, verstehst du! Und ... warum zieht es hier eigentlich so komisch?« Berta begann, leicht zu frösteln. Daraufhin machte sie auf dem Absatz kehrt und entdeckte den Grund für den eigenartigen Luftzug. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, als sie die auf dem Boden liegenden Scherben sah. Ben kam sofort herbeigeeilt. Nun wurde ihm bewusst, wie ernst die Lage tatsächlich war. Er fasste sich ans Herz, dann nahm er seine aufgelöste Frau in den Arm. »Es war wirklich jemand hier!«, murmelte er dabei leise. Innerlich wurde er plötzlich sehr unruhig. Hatte der Dieb etwas mitgenommen? Bevor er anfangen konnte, nach Antworten zu suchen, klingelte es an der Haustür. Ben und Berta eilten dorthin und öffneten den Besuchern. Zwei Beamte der Schutzpolizei waren es, die vor der Tür standen und dem Ehepaar ihre Ausweise entgegenhielten.

»Sie haben uns gerufen?«, fragte Bruno Schmidt.